Fontis

René Char

(* 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; † 19. Februar 1988 in Paris)

EINGESUNKENES ERDREICH

Zum Vaterland hat die Beere
Die Finger der Winzerin.
Sie aber, wen hat sie,
Am Ende des schmalen Pfades den grausamen Weinberg entlang?

Den Rosenkranz der Traube;
Am Abend die göttliche Frucht, die im Untergehn

Den letzten Lichtfunken blutet.

Übertragen von Johannes Hübner und Lothar Klünner

Aus: Poesiealbum 74: René Char. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 28

FONTIS

Le raisin a pour patrie
Les doigts de la vendangeuse.
Mais elle, qui a-t-elle,
Passé l’étroit sentier de la vigne cruelle?

Le rosaire de la grappe;
Au soir le très haut fruit couchant qui saigne

La dernière étincelle.

Ich zitiere nach der Ausgabe, in der ich als Student zum ersten Mal Texte von René Char las – das Poesiealbum, damals noch von Bernd Jentzsch herausgegeben, war nicht nur ein Ort zum Debütieren für junge Dichter, das auch, aber eben auch die erste Adresse für moderne Weltliteratur für DDR-Leser mit zahlreichen DDR-Erstveröffentlichungen, zum unschlagbaren Preis („EVP“) von 90 Ostpfennig am Zeitungskiosk erhältlich (wenn man Glück hatte, die hohe Auflage war oft schnell ausverkauft). – Mit Originaltext in René Char, Draußen die Nacht wird regiert. Poesien. Französisch und Deutsch. Mit einem Nachwort von Albert Camus. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 192.

Der äthiopische Totentanz

Theodor Däubler

(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)

Aus: Das Nordlicht / Der äthiopische Totentanz

(…)

Eine Lotosblume ragte
Nun verduftend in die Nacht:
Als die Glut der Liebe tagte,
Ist die Blume hold erwacht:
Und vor solcher Pracht verzagte
Mein Begehr, der brunstentfacht
Jede tolle Frage wagte,
Um zu wissen, was, vollbracht,
Jede Antwort kühl versagte:
Klar hab ich da nachgedacht!

Denn der Blüte blasse Blätter
Wiegten sich gar wollustbleich,
Blutdurchglüht und leicht violetter
Schmiegten sie sich weiblichweich,
Immer fleischlicher und fetter,
Endlich weißen Leibern gleich,
Eins ans andre, als erkletter
Jede Wallung aus dem Teich,
Fiebernd, wie ein fernes Wetter,
Leiblich schon und wollustreich,

Ein erzuckendes Empfinden,
Das als Buhlin sich ergibt:
Und ich ahnte, hier verbinden
Bündel, was sich rings verschiebt!
Wenn wir selbst in Lust uns winden,
Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,
Sucht das Weib vom Weib zu finden,
Was im Rausch dem Mann entsiebt,
Und der Mann will sich entrinden,
Der den Mann im Weibe liebt!

Welturanisch, unerklärlich
Liebt sich selbst das tiefste Ding:
Ewig still und unversehrlich
Schließt sich der Uräus-Ring!
Die Geschlechter sind begehrlich,
Doch das Übel ist gering,
Für sich selber nur gefährlich,
Weil sich drin der Schmerz verfing,
Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,
Daß die Liebe sich entschwing!

In den letzten Brunstgewittern,
Die ganz kraftlos sind und satt,
Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,
Fast affektlos schon und matt;
Ohne Fernen zu durchwittern,
Ist die Liebe satt und platt,
Kaum geschlechtlich mehr, erzittern
Leib an Leib verlegen, glatt;
Und hier zucken und verwittern
Weib an Weib als Lotosblatt. —

(…)

Nachtschnellzug

Walter Rheiner

(* 18. März 1895 in Köln; † 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg)

Nachtschnellzug

Dunkel der Nacht, das ruhig schien und fest,
zieht sich zusammen, kreist um eine Stelle
in immer engrem Strudel, wildrer Schnelle,
einschlürfend wie ein Maelstrom. Doch es läßt,

endlich aufschießend wie verirrte Welle,
zwei Lichter blühen aus dem schwarzumrasten
Zentrum des Wirbels. Und aus dem verglasten,
entfachten Horizont bricht das Gebelle

der angstgestreckten Wagenkörper vor,
die aus zerborstner Tiefe in die Helle
einbrausen: ins geduckte Hallentor

des aufgeschreckten Bahnhofs, der erzittert,
im Tanz der Räder schwillt, aufspringt und gelle
berauschte Schreie brüllt und dröhnend splittert.

Aus: Walter Rheiner, Kokain. Lyrik Prosa Briefe. Mit Illustrationen von Conrad Felixmüller. Hrsg. Thomas Rietzschel. Leipzig: Reclam, 1985, S. 31

Zuspruch

Richard Pietraß

Zuspruch

Schmerz, verschmerze, Blut, erblühe. Fenster, verjag
Die Gespenster. Mut, gib dir Mühe.

Herz, nur zu. Niere, denk dran. Lippen, steht Schmiere
Vorm Hippenmann. Leib schwill. Brust, bleib still.

Nacht, wache. Tag, sag, ist das seiner Fäuste Schlag?

Gelind! Geschwind! Kind, mach Wind!

Aus: Richard Pietraß, Freiheitsmuseum. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1982, S. 59

Mitspracherecht

Linda Hogan

(…)

Da ist der Mund eines Mannes,
seine Zunge,
verschwistert dem Gras und dem Licht
und den vierbeinigen Geschöpfen.
Er spricht von einem neuen Morgen.
Er gibt den kleinen Tieren eine Stimme.
Er gibt den Adlern das Mitspracherecht.
Er spricht für die Fische.
Das Licht der Schöpfung erstrahlt.

Licht.
Helleuchtend.
Die Welt beginnt neu.

Ich will diesen Zauber nicht brechen.
Ich will, daß diese Worte ihre Kraft bewahren.
Ich will diesen Zauber nicht brechen.

Linda Hogan, von Chickasaw- und weißer Abstammung, wurde 1947 in Denver geboren. Sie ist in
Oklahoma aufgewachsen, dem Land, in das die Chickasaw aus ihren ursprünglichen Stammesgebieten im Südosten zwangsübersiedelt worden waren. Nach Abschluß des Studiums an der Universität von Colorado führte ihre Lehrtätigkeit (u. a. über indianische Literatur) die Autorin in viele Staaten der USA. Linda Hogan veröffentlichte Lyrik und Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien.
Bisher sind drei Gedichtbände von ihr erschienen. Sie ist im „American Indian Movement“ und in der Anti-Atom-Bewegung engagiert.

Aus: Auch das Gras hat ein Lied. Indianertexte der Gegenwart. Ausgewählt und übertragen von Käthe Recheis und Georg Bydlinski. Wien, Freiburg, Basel: Herder, 1988, S. 10

Nachtrag zum Lotusgedicht

Das Gedicht des Tages kommt heute um 12 Stunden versetzt. Inzwischen als Platzhalter ein Nachtrag zum gestrigen Lotusgedicht des Bischofs Henjo aus dem gestern zitierten Buch von Julius Kurth

Er ist nur halb zu sehen

Der Mond ist aufgegangen Die gold’nen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar Der Wald steht schwarz und schweiget Und aus den Wiesen steiget Der …

Er ist nur halb zu sehen

Bischof Henjo

Julius Kurth

Einer der berühmten sechs großen Dichter, der Sojo (Bischof) Henjo, hat folgendes köstliche Lied ersonnen:
Hachisu-ba no
nigori ni shimanu
kokoro mote,
nanikawa tsuyu wo
tama to asamuku?

Das heißt wörtlich: „Wenn das Herz des Lotusblattes nicht mit Schmutz besudelt ist, warum lügt es dann seinen Tau als Edelsteine?“ Das gibt K. Florenz „Dichtergrüße“ p. 59 wieder:
„Daß vom Schmutz und allem Makel frei
Stets das Herz des Lotusblattes sei,
Hab ich tausendmal gehört. —
. Doch wie läßt sich das damit vereinen,
Daß es seinen Tau gleich Edelsteinen
Glitzern läßt, und also uns betört?

Fraglos sehr hübsch und dem Verständnis des deutschen Lesers durch Erweiterungen nahe gebracht! Was aber dies Gedicht so äußerst reizvoll macht, geht aus der Übersetzung nicht hervor: Das glatte, fast lederartige Blatt des Lotus hat die Eigentümlichkeit, daß der Tau nicht feuchtend zerrinnt, sondern wirkliche Perlenkugeln bildet. Es müßte also eine noch weitere Umschreibung gewählt werden — und damit würde die Pointe der Kürze totgemacht! — oder es genügt eine Wiedergabe im Silbenumfange des Originals mit einer kurzen Fußnote. Wenn diese Note dem Leser die Eigentümlichkeit des Lotusblattes bekanntmacht, so versteht er das Gedichtchen ohne besondere umdichtende Erweiterung.
Nun ist ja „Herz“ als „Seele“ und „Inneres“ des Blattes doppelsinnig, ebenso „Schmutz“ als äußerlich und innerlich. Darum gilt es, bei wortgetreuer Übersetzung auch im Deutschen mit einem Worte den Doppelsinn zu umgreifen, und bei der ungeheuren Bildungsfähigkeit unserer Muttersprache ist das meist möglich.
Ich habe folgende Übersetzung vorgeschlagen:
Es trübt kein Fleckchen
Das Herz des Lotusblattes —
Warum doch lügt es,
Daß Edelsteine seien
Die Kugeln seines Taues?
Die Übersetzung ist fast wörtlich und gibt mit der genauen Silbenzahl zugleich die Pointe und den Doppelsinn des Originales. Allerdings müssen japanische Gedichte noch mehr gesehen, als gehört werden.

Aus: Japanische Lyrik aus vierzehn Jahrhunderten. Nach den Originalen übertragen von Dr. Julius Kurth. 3. Aufl. München und Leipzig: Piper, o.J., S. II-IV

Henjo (815—890) ist einer der 6 „göttlichen“ Dichter (unter denen übrigens eine Frau ist, Ono
no Komachi).

Andere Fassungen, die ich gefunden habe:

Manfred Hausmann

Nichts ist so rein
wie die Seele der Lotosblume.
Warum will sie uns glauben machen,
die Tautropfen auf ihren Blättern
seien Perlen?

Aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte. Japanische Gedichte. Übertragen von Manfred Hausmann. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1960, S. 38.

Paul Lüth

WEIDEN IM FRÜHLING
VON SADJO HENJO

In hartem Grün hängen
Kostbare Fäden von blinkenden Ästen herunter.
Weiße Tropfen von Tau drängen
Wie Perlen sich dran: – Frühlingswunder . . .

(Ich bin nicht ganz sicher, ob es das gleiche Gedicht ist, es ist aber möglich… Man war halt so frei…).

Aus: Frühling, Schwerter, Frauen. Umdichtungen japanischer Lyrik … von Paul Lüth Berlin: Paul Neff Verlag, 1942, S. 92.

Hans Bethge

DAS LOTUSBLATT

HENJO

Ganz ohne Makel, weiß und leuchtend, blüht
Das Lotusblatt. Es scheint ganz ohne Trug —
Und dennoch lügt es: denn das eitle will
Uns glauben machen, daß im edeln Schmucke
Von Diamanten es erstrahle, — und
Es sind doch Tropfen Taus nur, die es zieren!

Aus: Hans Bethge, Japanischer Frühling. Leipzig: Insel, 1911, S. 39

Nach all den zum Teil wortreichen Umdichtungen noch einmal die nackte Prosa, die mir am stärksten im Uhr klingt.

Wenn das Herz des Lotusblattes nicht mit Schmutz besudelt ist, warum lügt es dann seinen Tau als Edelsteine?

(Warum gibt man bei japanischen oder chinesischen Gedichten den Nachdichtungen nicht immer die Prosafassung bei?)

rolls joyce, hol es wieder

Heute haben so viele Dichter Geburtstag, Ulf, Fabjan, Hendrik, ich grüße euch mit einem Gedicht von Gerard Manley Hopkins, der zwar nicht an einem 8. Juni geboren ist, aber an den man trotzdem jeden Tag denken kann, so auch heute. L&Poe hatte das Gedicht schon mal, aber: wiederhol es, hol es wieder! Heute in erweiterter Form.

Gerard Manley Hopkins

(* 28. Juli 1844 Stratford, † 8. Juni 1889 Dublin)

Repeat that, repeat. 4 Fassungen

Repeat that, repeat,
Cuckoo, bird, and open ear wells, heart springs, delight-
   fully sweet,
With a bailad, with a ballad, a rebound
Off trundled timber and scoops of the hillside ground
   hollow hollow hollow ground :
The whole landscape flushes on a sudden at a sound.

Dorothea Grünzweig

Sing’s wieder, wieder
Kuckuck, Vogel, öffne Ohrborn, Herzquell, süße Lieder,
Rückprall Hall von Zockelholz dem reizenden Gesang,
Gesang, von Kellen in dem Grund vom Hang, hohler
                      hohler hohler Hang:
Errötet alle Landschaft jählings bei dem Klang

Aus: Gerard Manley Hopkins, Geliebtes Kind der Sprache. Gedichte, übertragen und kommentiert von Dorothea Grünzweig. Hörby: Edition Rugerup, 2009, S. 87

Felix Philipp Ingold

Wiederhol es, hol es wieder,
Hol's der Kuckuck, Vogel, mach, dass Ohren knospen, Herzen
   blühn - sing Gurrelieder,
Stimm Sang um Sang an, Hall und Widerhall
Von Holz, das rollt, Gerät, das gräbt am Berg, im Tal,
   der Erdgrund hohl und hohl der Hall:
Ein großer Klang ist plötzlich da, ist überall.

Aus: Zwischen den Zeilen 7-8, März 1996

Oskar Pastior

rolls joyce uns, rolls joyce,
curcubita! und hopkins uns orwell, herz(!)schrittmacher,
   wie's in leyden geschieht
wiesen zwischen-wissen, wiesen ballast-pallas, auf
ruck-zuck-balz und windbruchmaterial im schnalzer (nativ)
   aus halden halden halden,
holunder hollander zylinder –
und das halbe flachsland rauscht auf einmal flaschenpost

(Ebd.)

In dem Heft von Zwischen den Zeilen gibts noch mehr:

Ein Gedicht von Gerard Manley Hopkins
in Übersetzungen von Felix Philipp Ingold, Oskar Pastior,
Joachim Sartorius, Raoul Schrott und Schuldt
mit einem kommentierenden Versuch von Hans-Jost Frey

(Fragen Sie Ihre Bibliothek, ob sie, diese Zeitschrift werden Sie ja wohl haben, oder?)

 

Eine Strophe aus dem Turm

Hölderlinjahr. Vor 250 Jahren und rund 3 Monaten wurde Friedrich Hölderlin geboren. Heute vor 177 Jahren starb er in Tübingen, wo er fast die Hälfte des Lebens als amtlich anerkannter Geisteskranker gelebt hatte.

Ich bringe zum Anlaß eine Strophe aus der zweiten (er hatte ja schon ein paar Jahrzehnte vorher in Tübingen studiert, wo er eine Stube mit Hegel und Schelling teilte) Tübinger Zeit, die man poetisch die „Turmzeit“ nennt, weil er in einem Turm überm Neckar ein relativ freundliches Asyl gefunden hatte. Ich teile die isolierte Strophe in 4 Textfassungen mit, jeweils mit Herausgeberkommentar. Die Textfassung dieser 4 Zeilen unterscheidet sich zwar nur in wenigen, mancheR vielleicht unwesentlich erscheinenden Details, die Angaben zur Entstehungszeit dafür umso mehr, wie auch immer: ein wenig Skepsis gegenüber dem Text, den man zufällig in irgendeiner Ausgabe vor sich hat, ist immer angebracht, nicht nur bei Hölderlin.

(Noch eine persönliche Anmerkung: wegen Corona ist die hiesige Universitätsbibliothek noch geschlossen, ich persönlich denke zwar, dass die Universität mit besserem Konzept hätte Wege finden können und sollen, die nicht gerade oft überlaufene Bibliothek auch schon vor der Wiederaufnahme des Lehrbetriebs mit wenig Aufwand zu öffnen. In meiner Privatbibliothek habe ich viele Hölderlinbände, aber für alle relevanten Bände war das Budget um einige tausend Mark und Euro zu klein. So habe ich von der ziemlich teuren Frankfurter Ausgabe nur die mir wichtigsten 3 letzten Bände hier stehen. Die 17 anderen stehen in der Unibibliothek, also leider noch nicht zugänglich. Eigentlich habe ich eine Aktie an deren Bestand – in der wilden Gründerjahren nach 1990, als manchmal Gelder flossen, war es mir gelungen, die bisher in 2 Jahrzehnten erschienen Bände für die Germanistik zu bestellen, die Bibliothekarin freute sich über meine Bücherlisten, lang ists her. Smiley.).

Stuttgarter Ausgabe, Hrsg. Friedrich Beißner 1944ff:

s p ä t e s t e   g e d i c h t e

NICHT ALLE TAGE. . .

Nicht alle Tage nennet die schönsten der,
  Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo
    Ihn Freunde liebten wo die Menschen
      Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.

Bd. 2,1, S. 280

Kommentar:


Aus: A.a.O. Bd. 2,2 S. 907

Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 9. Luchterhand 1984, S. 59:

Nicht alle Tage…

Ernst Zimmer teilte die Strophe am 22. Dezember 1822 einem Ungenannten, vermutlich dem Grafen Schack mit und schrieb dazu: Daß Höld: zuweilen seinen Zustandt fühlt ist keinem Zweifel unterworfen Er machte vor ein paar Jahren folgenden vers auf Ihn selbst (vgl. LX: 68 ff.). Nach der ungefähren Zeitangabe dürfte diese letzte bekannt gewordene alkäische Strophe um 1830 oder Ende der zwanziger Jahre entstanden sein.

Emendation bei: 2 zurücksehnt

Emendierter Text

Nicht alle Tage nennt die schönsten der,
  Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo
    Ihn Freunde liebten wo die Menschen
      Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.

Hölderlin, Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente (Bremer Ausgabe). Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 12, 1806-1843, München: Luchterhand 2004, S. 25:

1809
Nicht alle Tage nennt…

Ernst Zimmer teilt die alkäische Strophe am 22. Dezember 1834 mit und setzt hinzu, er machte vor ein paar Jahren folgenden Vers auf ihn selbst. Wahrscheinlich scheute er sich, dem Adressaten, vmtl. Adolf Friedrich von Schack, die so lange zurückliegende, in der Nähe der ihm gewidmeten Ode einzuordnende alkäische Strophe mitzuteilen.

Nicht alle Tage nennet die schönsten der,
  Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo
    Ihn Freunde liebten wo die Menschen
      Uber dem Jüngling mit Gunst verweilten.

Hölderlin, Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. D.E. Sattler. Frankfurt/Main, Basel: Stroemfeld/ Roter Stern, 2008, S. :

 

Von Gedichten

Anne Helene Guddal

Wirtschaft gehört nicht in Gedichte
sagen die Reichen
Gedichte können wir uns nicht leisten
sagen die Armen
Keiner liest Gedichte
sagen die, die Gedichte lesen

Aus: die horen 275. Das Gras hinter dem letzten Haus. Neue Literatur aus Norwegen. Zusammengestellt von Uwe Englert. 3. Quartal 2019, S. 252

Die norwegische Autorin ist Jahrgang 1982, sie stammt aus Nordnorwegen. Wer ihr Gedicht aus dem Norwegischen übersetzt hat, konnte ich dem gewohnt tollen horen-Heft leider nicht entnehmen.

Mörike erinnert an Hölderlin (2)

Zum Geburtstag des großen Dichters Eduard Mörike bringe ich hier, auf zwei Tage verteilt, eine „Erinnerung an Friedrich Hölderlin“, die 1863 erstmals veröffentlicht wurde.

Eduard Mörike

Erinnerung an Friedrich Hölderlin (II)

Das zweite hiemit vorzulegende Stück, ungefähr aus der Zeit jenes Porträts, ist an den wackren Tischler Zimmer zu Tübingen gerichtet, in dessen Hause Hölderlin so viele Jahre im Zustande des Irrsinns verbrachte.
Der Dichter suchte diesen Versen, dem Manne zu gefallen, dem sie gewidmet sind, ein möglichst individuelles Gepräge dadurch zu geben, daß einerseits auf dessen landwirtschaftlichen Besitz, die liebevolle Pflege seines Weinbergs, andererseits auf seine Handwerksgeschicklichkeit angespielt wird, und es macht einen komisch-rührenden Eindruck, zu sehen, wie er, der bekanntlich in der altgriechischen Welt lebte und webte, auch diese Aufgabe mit Herbeiziehung des Dädalus, jenes hochberühmten mythischen Künstlers, dem unter anderem die Erfindung der Säge und des Bohrers zugeschrieben wird, in seiner gewohnten, feierlich idealischen Weise behandelt.

An Zimmern

Von einem Menschen sag' ich, wenn der ist gut
Und weise, was bedarf er? Ist irgendeins,
  Das einer Seele gnüget? ist ein Haben, [ist]
    Eine gereifteste Reb' auf Erden

Gewachsen, die ihn nähre? – Der Sinn ist deß'
Also. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel
  Die Kunst. O Theurer, dir sag' ich die Wahrheit:
    Dädalus' Geist und des Walds ist deiner.

Aus: Freya. Illustrirte Blätter für die gebildete Welt, Jahrgang 3, Stuttgart 1863, S. 337f.

Textfassung der Frankfurter Hölderlinausgabe (in der Fassung der chronologisch-integralen Edition in Band 20, Frankfurt, Basel: Stroemfeld, 2008, S. 431). Der Herausgeber  interpretiert Mörikes Datierung „etwa 1825“, was etwa die Zeit des Porträts ist, als das Jahr, in dem alle bei Hölderlins Quartiergeber befindlichen Manuskripte abgeholt wurden. Aus inhaltlichen und stilistischen Gründen vermutet Sattler eine frühe Entstehungszeit, etwa 1808/09.

An Zimmern

Von einem Menschen sag ich, wenn der ist gut
  Und weise, was bedarf er? Ist irgend  eins
    Das einer Seele gnüget? ist ein Haben, ist
      Eine gereifteste Reb' auf Erden

Gewachsen, die ihn nähre? Der Sinn ist deß
  Also. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel
    Die Kunst. O Theurer, dir sag ich die Wahrheit.
      Dedalus Geist und des Walds ist deiner.

Mörike erinnert an Hölderlin

Zum Geburtstag des großen Dichters Eduard Mörike bringe ich hier, auf zwei Tage verteilt, eine „Erinnerung an Friedrich Hölderlin“, die 1863 erstmals veröffentlicht wurde.

Eduard Mörike

Erinnerung an Friedrich Hölderlin (I)


Das gegenwärtige kleine Profilbild des Dichters Friedrich Hölderlin wurde ums Jahr 1825 von dem Maler G. Schreiner, welchen ich noch als Tübinger Student bei ihm einführte, skizziert. Es ist in hohem Grade ähnlich ausgefallen, besonders auch ist die Haltung, worin sich das Bemühen zeigt, einem subtilen Gedanken den gehörigen Ausdruck zu geben, sehr gut getroffen.
Ich begleite diese bildliche Mitteilung mit zwei interessanten Gedichten Hölderlins, wovon das erstere: »An eine Verlobte«, offenbar aus seiner besten Zeit herrührt und deshalb in einer künftigen neuen Ausgabe der Schriften nicht fehlen darf. Ich verdanke dasselbe der Güte einer vor etwa fünfzehn Jahren zu Nürtingen verstorbenen Schwester des Dichters. Es ist, ohne Überschrift, von einer klaren weiblichen Hand für irgend jemanden kopiert, augenscheinlich von der Braut selbst; denn bei der schmeichelhaftesten Stelle: »Zwar – bist du schön« steht ein Sternchen mit der Bemerkung unten am Rande: »Dies selbst schreiben zu müssen!« –
Diese Abschrift kam später, vielleicht auf Verlangen des Dichters, dem etwa kein Konzept davon geblieben, an Hölderlin zurück, wie verschiedene Aufzeichnungen von seiner Hand auf demselben Blatte, besonders Verse aus der ersten Periode seiner Geisteskrankheit, beweisen. Die Herausgeber der ersten Sammlung der Gedichte legten das Stück als zweifelhaften Ursprungs beiseite, vermutlich durch Verstöße gegen das Versmaß beirrt, die jedoch nur auf Rechnung der Schreiberin kommen. Namentlich hat sie, weniger vertraut mit den antiken Metren, in der dritten Strophe statt eines zweisilbigen Wortes ein viersilbiges gesetzt, um einen ihr persönlich wichtigen Umstand nicht unberührt zu lassen. Sie schrieb statt »an des Jünglings (oder des Liebsten) Blicke«, wie es wohl geheißen haben mag: »an des Neugefundenen«. Möglicherweise hatte sie den ersten Entwurf des Verfassers vor sich, wo etwa der Ausdruck jenes Nebenbegriffs wirklich auf diese Weise versucht und wieder fallen gelassen war, so daß sie ohne Unbescheidenheit nach ihrem Sinne wählen zu können glaubte. Die andern Fehler sind zufällig und der Art, daß in Wörtern wie »Wiedersehen, Wiedersehn« ein Vokal bald zu wenig, bald zu viel steht. Über Person und Verhältnisse der Braut, die ein geistvolles, der Dichtkunst nicht fremdes Mädchen gewesen zu sein scheint, wird sich etwas Näheres schwerlich ermitteln lassen.

An eine Verlobte

Des Wiedersehens Tränen, des Wiedersehns
  Umfangen, und dein Auge bei seinem Gruß, –
    Weissagend möcht' ich dies und all der
      Zaubrischen Liebe Geschick dir singen.

Zwar jetzt auch, junger Genius! bist du schön,
  Auch einsam, und es freuet sich in sich selbst,
    Es blüht von eignem Geist und liebem
      Herzensgesange die Musentochter.

Doch anders ist's in seliger Gegenwart,
  Wenn an des Jünglings Blicke dein Geist sich kennt,
    Wenn friedlich du vor seinem Anschaun
      Wieder in goldener Wolke wandelst.

Indessen denk', ihm leuchte das Sonnenlicht,
  Ihn tröst' und mahne, wenn er im Felde schläft,
    Der Liebe Stern, und heitre Tage
      Spare zum Ende das Herz sich immer.

Und wenn er da ist und die geflügelten,
  Die Liebesstunden, schneller und schneller sind,
    Dann sich dein Brauttag neigt und trunkner
      Schon die beglückenden Sterne leuchten:

Nein! ihr Geliebten! nein, ich beneid' euch nicht!
  Unschädlich, wie vom Lichte die Blume lebt,
    So leben, gern vom schönen Bilde
      Träumend und selig und arm, die Dichter.

Die (alkäische) Ode ist nur als Abschrift einer Abschrift überliefert. Eduard Mörike lag eine Abschrift von Marie Rätzer (die es vermutlich für Susette Gontard, Hölderlins Geliebte, abgeschrieben hatte) vor, und er verfasste zwei Abschriften. Das Gedicht entstand wahrscheinlich 1796.

Mörikes Text erschien in Freya. Illustrirte Blätter für die gebildete Welt, Jahrgang 3, Stuttgart 1863, S. 337f.

USA 1966

Allen Ginsberg

(* 3. Juni 1926 in Paterson, New Jersey; † 5. April 1997 in New York)

Uptown

Leuchtend gelbe Budweiser Reklame über der Bar,
„Ich hab alles gesehn“ – der Barmann gab mir das Wechselgeld auf 10 Dollars heraus.
Freundlich sah ich ihn an, starrende Augen hinter dem ersten Bartwuchs –
mit Montana Musikern die in Manhattan herumlungern,
auch sie mit erstem krausen Haar – wir saßen an der antiken Theke und erzählten, Madame Grady’s literarischer Salon von seltsamem Wert in New York –
„Wenns nach mir ging, würd ich dir das Haar abschneiden
und dich nach Viet Nam schicken“ – „Meinen Segen dann“
erwiderte ich einem hageren Mann der mit dem Hut auf dem Kopf zur Bartür eilte
auf der nassen dunklen Amsterdam Avenue Jahrzehnte später —
„Und wenn ich das nicht könnte, würde ich dir die Kehle durchschneiden“ knurrte er beim Gehen,
und „Meinen Segen, Sir“ fügte ich hinzu als er im Regen seinem Schicksal entgegenging, feiner Ire.

April 1966

Übertragen von Heiner Bastian

Aus: Allen Ginsberg, Poesiealbum 127. Berlin: Neues Leben 1978, S. 18

Allen Ginsberg reads „Uptown“ at the University of Cincinnati’s Elliston Poetry Room on April 23, 1975

 

Mondmenschin

Bess Brenck-Kalischer

(* 21. November 1878 in Rostock; † 2. Juni 1933 in Berlin)

Aber jene Leute,
Die von der Liebe
Als einer Quelle tiefen Genießens sprachen.
Sie waren sicher vom Mond,
Vom lieben weißen Mond.
Und mich trug ein hohes Verlangen,
Auch ein Mondmensch zu sein.

Aus: Bess Brenck-Kalischer, Versensporn 3. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2011, S. 21