Chronik – November 2017

(Wird laufend ergänzt)

Viele Preise wurden vergeben, in Deutschland wird weiter über Gomringer, naja: geredet, Gedichte von Charles Bukowski aus dem Nachlaß wurden so verfälscht, daß man von Zensur reden muß, und Ende November wurde bei einem amerikanischen Rundfunksender über Nacht und so gut wie unbemerkt ein Archiv mit tausenden Gedichten und Kalenderdaten gelöscht.

  • 2. November. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron antwortet mit einem 21zeiligen Gedicht auf das Gedicht einer 13jährigen Engländerin über den Eiffelturm, das sie an den Elyséepalast geschickt hatte. Mehr
  • 2.-12. November. „Radikale Jüdische Kulturtage“ im Berliner Maxim-Gorki-Theater. Organisator Max Czollek erzählt in der Jüdischen Allgemeinen, wie es sich für Juden in Deutschland anfühlt, immer auf Antisemitismus, Schoa und Israel reduziert zu werden.
  • 3. November. Anlässlich des 130. Geburtsjahrs von Georg Trakl ging der mit 8.000 Euro dotierte Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2017 an den in Südtirol geborenen deutschsprachigen Schriftsteller Oswald Egger. Mehr
  • 6. November. Der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann wurde in Berlin vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) mit der „Goldenen Victoria” für sein Lebenswerk geehrt. Damit werde „sein außergewöhnlicher Weg als Musiker und seine Auflehnung gegen politisches Unrecht“ gewürdigt. / BZ
  • 6. November. Charles Bukowski hat tausende Gedichte geschrieben. Viele wurden in Nachlaßbänden publiziert. Wie jetzt bekannt wurde, nicht nur umfänglich redigiert, was man ahnte, sondern von den Herausgebern übel umgeschrieben und verfälscht. Daß Hinweise auf Trinken, Drogen, Sex und Wahnsinn getilgt wurden, hatte schon Michael Philipps in seinem Blog erwähnt. Ein Gedicht von 1992 heißt im Original “stone tiger, frozen sea” (Steintiger, gefrorene See),  in der „Nachlaßpublikation“ lautet der Titel:  “like a dolphin” (Wie ein Delphin) – im ganzen Gedicht blieben nur zwei Zeilen unverändert stehen. / Mehr
  • 7. November. Kunst und die Macht der Worte. Debatte anlässlich des Gedichts „avenidas“ von Eugen Gomringer an der ASH-Fassade / Podiumsdiskussion
    An dem Gedicht „avenidas“ auf der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin hat sich eine bundesweite Debatte über Kunstfreiheit, Demokratien und asymmetrische Geschlechterverhältnisse entfacht. Die Hochschule lud gemeinsam mit dem Haus für Poesie zu der Podiumsdiskussion ein.
    Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer:
    – Barbara Köhler, Autorin, Alice Salomon Poetik Preisträgerin 2017
    – Dr. Andrea Roedig, Publizistin, Herausgeberin „Wespennest“
    – Prof. Dr. Bettina Völter, Prorektorin für Forschung und
    Kooperationen an der Alice Salomon Hochschule Berlin
    – Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses für Poesie
    Moderation: Claudia Kramatschek, Literaturkritikerin, Berlin
  • 8. November. Verleihung der von der Stadt Innsbruck gestifteten Hilde-Zach-Literaturstipendien an Ann-Kathrin Ast und Martin Fritz. „Die 1986 in Speyer geborene und in Innsbruck lebende Ast schreibt Lyrik, Prosa und Szenisches – und veröffentlichte zahlreiche Texte in Anthologien, etwa in der Reihe „Lyrik von Jetzt“. (…) Ast erhält das mit 7000 Euro dotierte Hauptstipendium. Das Förderstipendium in Höhe von 3000 Euro geht an den Innsbrucker Autor Martin Fritz. Fritz wurde bereits mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Großen Literaturstipendium des Landes Tirol. 2013 veröffentlichte er den Lyrikband „intrinsische süßigkeiten“.“ (Tiroler Tageszeitung)
  • 8. November. Der Comedy-Schriftsteller Torsten Sträter wird mit dem Deutschen Kabarettpreis in der Sparte Kleinkunst ausgezeichnet. In der Sparte Chanson/Lied/Musik wird der Musik-Kabarettist Marco Tschirpke ausgezeichnet. Dessen Lyrik widme sich „intelligent und immer charmant“ den Sonderlichkeiten des Lebens, urteilten die Juroren. Der Förderpreis der Stadt Mainz geht … nach Österreich, an die Poetry-Slammerin Lisa Eckhart. Mehr
  • 9. November. Gewinner des 6. Nordhessischen Autorenpreises: Marko Scholz (1. Preis für Omnia, Gedicht), Thomas Beckmann (2. Preis für Schlammzeit, Kurzgeschichte), Malte Abraham (3. Preis für Alles in Ocker, Kurzgeschichte) und Martin Piekar (Sonderpreis Lyrik für Antiterror Podcast).. „Dass alle Preisträger männlichen Geschlechts sind, hat die Jury und uns erstaunt – da aber der komplette Lese- und Auswahlprozess ohne Kenntnis der AutorInnen stattfand, ist es nun, wie es ist.“ Mehr
  • 10. November Verleihung des Andreas-Gryphius-Preises in Düsseldorf an die Eislinger Schriftstellerin Tina Stroheker (Stuttgarter Nachrichen)
  • 15. November. Vom 15. November an können alle Mitglieder der [Alice Schmidt] Hochschule zwei Wochen lang online über Vorschläge abstimmen, wie die Fassade [auf der bisher ein Gomringergedicht steht] neu gestaltet werden könnte. Die Vorschläge sind das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs, an dem die Studierenden teilnehmen konnten. Die zwei Vorschläge mit den meisten Stimmen werden dem Akademischen Rat vorgelegt – zudem ein Vorschlag der Hochschulleitung. Welche Konzepte zur Wahl stehen, ist noch nicht bekannt. Im Januar entscheidet der Rat dann, welcher Vorschlag Grundlage für eine Neugestaltung wird. Mehr
  • 17.November Übergabe des vom Deutschen Literaturfonds vergebenen, mit 20 000 Euro dotierten Kranichsteiner Literaturpreises an Nico Bleutge. In der Begründung der Jury, der Maike Albath, Wilfried F. Schoeller und Christine Wahl angehören, heißt es: Nico Bleutge erhält den Kranichsteiner Literaturpreis 2017 für sein bisher vier Bände umfassendes lyrisches Werk  unter besonderem Augenmerk auf die neueste Sammlung nachts leuchten die schiffe. Bleutge versteht sich auf eine poetische Erkundung vornehmlich von Licht und Wasser, auf die Verwandlung poetischer Romantik ins Gebrauchsformat von Industriezonen, Stückverkehr und Transportmonstern. Das Wetterleuchten auf globalen Wegen mischt sich mit Seelenechos aus der Kindheit, das Zitatgemurmel fremder Stimmen mit eindrücklichen eigenen Bildern. Nico Bleutge arbeitet an einer poetischen Übung im Lauschen und Memorieren, an einer modernen Erfahrungsseelenkunde, die sich auch der Technik und dem Gestaltwandel der sprachlichen Bilder öffnet.Für den Kranichsteiner Literaturförderpreis nominierte die diesjährige Jury Theresia Enzensberger, Maren Kames und Simon Strauß. Alle drei Kandidaten werden sich am 17. November um 11:30 Uhr in einer öffentlichen Lesung in der Justus­-Liebig-Schule in Darmstadt um den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Fachjury bewerben. Mit ihren jeweils noch unveröffentlichten Textauszügen stellen sie sich gleichzeitig dem Urteil ei­ner Schülerjury. Diese vergibt, unabhängig von der Entscheidung der Fachjury, einen Preis in Höhe von 1.000 Euro.Die Jury hat weiterhin zwei Aufenthaltsstipendien des Deutschen Literaturfonds vergeben:Das 10-wöchige Aufenthaltsstipendium im Deutschen Haus der New York University erhält in diesem Jahr der in Eberstalzell (Österreich) lebende Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker.Das ebenfalls 10-wöchige London-Stipendium an der Queen Mary University sprach die Jury Karl-Heinz-Ott zu, der in Wittnau lebt.Alle Preise werden am 17. November um 19 Uhr in einer öffentlichen Veranstaltung im Theater Moller Haus in Darm­stadt überreicht.
  • 24. November: Die deutsche Lyrikerin und Übersetzerin Dagmara Kraus erhält den Basler Lyrikpreis 2018. Die mit 10.000 Franken dotierte Auszeichnung wird jährlich an Dichterinnen und Dichter verliehen, «deren Werk sich durch Innovationskraft und durch den Mut zu konsequentem und eigenwilligem Arbeiten mit Sprache auszeichnet», schrieb das Literaturhaus Basel am Freitag in einem Communiqué. Die Preisverleihung findet im Rahmen des 15. Internationalen Lyrikfestivals Basel am Samstag, 27. Januar, statt.
  • 25. November: Der Lyrikpreis Mondseeland geht an Daniela Seel. Aus der Begründung der Jury: „Daniela Seels Gedichte zeichnen sich durch eine bildreiche Sprache aus, die die Beziehung des Ich zur Welt und zur eigenen Existenz einem radikalen Zweifel unterzieht. Aus diesem Zweifel, dem rebellischen Kern von Seels Gedichten, geht eine neue, eigene Wirklichkeit hervor, die sich durch die Musikalität, die Intensität und die märchenhaften Züge ihrer Sprache mitteilt.“ Der Preis ist mit 7500,- Euro dotiert. Die Jury-Sitzung fand am 25. November 2017 statt, die Preisverleihung erfolgt voraussichtlich Anfang Januar. Jury: Ilma Rakusa (Zürich), Hans Höller (Salzburg), Steffen Popp (Berlin) und Anton Thuswaldner (Salzburg).
  • 28. November: Verleihung des mit 12.000 Euro dotierten Klopstockpreises (Landesliteraturpreis Sachsen-Anhalt) in Quedlinburg an Thomas Melle. Der Klopstock-Förderpreis (3.000 Euro) geht an Marco Organo für seinen Debütband „Dorfschönheit“. / Hier und hier.
  • 29. November. Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger des Jahres 2010, hat beschlossen, sich gänzlich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. So stand es, fast unbemerkt, am Rande eines «Zeit»-Gesprächs mit dem Hanser-Verleger Jo Lendle. Er wolle dorthin zurückkehren, wo er vor Jahrzehnten begonnen habe: zum reinen «Selbstgespräch». Ein Schreiben nur noch für die Schublade. / Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung
  • 29. November: Der amerikanische Radiosender NPR beendet die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Garrison Keillor, nachdem ihm eine frühere Mitarbeiterin „unangemessenes Verhalten“ vorgeworfen hatte. Keillor moderierte seit 1974 u.a. die Sendung “A Prairie Home Companion”. Beendet und mit sofortiger Wirkung aus den Archiven gelöscht wurde auch die 1993 gestartete tägliche Sendung „The Writers Almanac“ mit kalendarischen Notizen und einem Gedicht, die u.a. von der Poetry Foundation gesponsort wurde und auch als Podcast weite Verbreitung fand. Bereits 2005 war die Sendung kurzzeitig aus dem Programm genommen worden mit der Begründung, einige der vorgetragenen Gedichte seien „unanständigen“ (indecent) Inhalts. Nach zahlreichen Protesten hatte man sie wieder aufgenommen.

Unsterbliche Aphrodite

Aus Dirk Uwe Hansen: Sappho. Scherben – Skizzen

Frg. 1 Voigt

Unsterbliche Aphrodite auf dem bunten Thron
Tochter des Zeus, listenreiche, ich bitte dich:
nicht mit Sorgen und Kummer bedränge
Herrin, mein Herz.
Sondern komm her, wenn du schon einmal von anderswo
mein Rufen gehört hast von fern,
deines Vaters Haus verlassen,
das goldene, und kamst;
den Wagen hattest du angespannt, schöne Spatzen
zogen dich über die schwarze Erde,
flatterten heftig mit den Flügeln, vom Himmel herab
durch die Mitte des Äthers
kamen sie schnell. Du, Selige,
lächeltest mit unsterblichem Antlitz und
fragtest, was ich schon wieder habe, warum ich
schon wieder rufe,
und was ich mir am meisten wünsche, dass es geschehe,
mit rasendem Herzen: „Welche soll ich überreden?
... in Freundschaft mit dir? Welche,
Sappho, tut dir etwas Böses?
Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, wird sie bald lieben,
auch wenn sie nicht will.“
Komm auch jetzt zu mir, aus der schweren
Sorge erlöse mich, was auch immer mein Herz wünscht,
dass es mir geschehe, vollende es, du selbst
sei meine Kampfgenossin.
Alle Farben der Welt hast du,
gerissene Tochter des Zeus,
Aphrodite, auf deinem Thron,
hast du auch früher schon
vor dem Haus deines Vaters dem goldenen
Wagen die Sperlinge vorge
spannt und schwirrten im hohen Bogen,
schnell kopfüber hinab zu mir.
Und du mit deinem
Göttergesicht:
was ich schon wieder
wollte, wolltest du
wissen: „Wer ist es diesmal? Welche
soll ich dir schenken?“
Das wärs,
was ich mir wünsche:
Komm! Bleib!
an meiner Seite.

Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen.  Potsdam: udo degener verlag, 2012

Chronik – Oktober 2017

Im Oktober Preise, Preise und Festivals, nichts Neues in der Sache Gomringer-ASH (oder doch?), ein Skandal um Herta Müller in Belgrad, viel Jan Wagner und 25 Jahre Zeitschrift „Das Gedicht“, Hán Nôm in Vietnam, Leonard Cohen… und nicht zu vergessen: Gedichte in den Wahlurnen (in Island!).

(Wird noch eine Zeitlang laufend ergänzt)

  • 1. Oktober: Das Heine-Haus vergibt den mit 5000 Euro dotierten „PoesieDebütpreis Düsseldorf“ an die 33-jährige Maren Kames. Über ihren ersten Gedichtband „Halb Taube halb Pfau“ schreibt die Jury: „Mit ihrem Debüt erweist sich Maren Kames als neue poetische Stimme eigener Prägung, die Präzision und Lust am Sprachspiel zu verbinden weiß.“ Mehr
  • 2. Oktober: Neue Mainzer Stadtschreiberin gewählt: Anna Katharina Hahn ist die 34. Trägerin des Literaturpreises von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz. 2012 erhielt sie den Wolfgang-Koeppen-Preis der Stadt Greifswald. mehr
  • Julian Randall erhält den  Cave Canem Poetry Prize 2017, mit dem „hervorragende Manuskripte von schwarzen Dichtern afrikanischer Abstammung“ ausgezeichnet werden. Sein prämiertes Manuskript “Refuse” handelt von seiner Identität und der Unsichtbarkeit, mit der er aufgewachsen ist. / The DM online
  • 3. Oktober: Der kabylische Dichter Lounis Aït Menguellet wird Doktor h.c. an der Universität Mouloud-Mammeri in Tizi Ouzou (Algerien) / Les temps d’Algerie
  • lit.COLOGNE SPEZIAL 2017 vom 3. bis 15. Oktober https://www.litcologne.de 
  • 10th IPLF — International Istanbul Poetry and Literature Festival 3. – 7. Oktober
  • 5. Oktober:  Der Literaturnobelpreis 2017 geht an Kazuo Ishiguro. Der britische Schriftsteller japanischer Herkunft habe Romane von großer emotionaler Kraft geschrieben, begründete die Schwedische Akademie ihre Wahl.
  • 8. Oktober. Die letzten Gedichte, an denen Leonard Cohen noch wenige Tage vor seinem Tod gearbeitet hat, sollen im Oktober kommenden Jahres veröffentlicht werden. Der Band „The Flame“ werde neben den bislang unveröffentlichten Gedichten auch einige Prosatexte, Illustrationen und die Liedtexte seiner letzten drei Musikalben vereinen, erklärte Cohens früherer Manager Robert Kory am Freitag. swissinfoGulf Times
  • Frankfurter Buchmesse 2017 – 11.-15.Oktober. Lesefest: Open BooksLyrikbuchhandlung in der Galerie Bernhard Knaus Fine Art, Niddastraße 84. – Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verlieh der Deutsche Literaurfonds am 12. Oktober Christiane Körner den  Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzungen.
  • Vom 13. bis 22. Oktober Göttinger Literaturherbst
  • 14. Oktober 13th Annual Belfast Poetry Festival
  • Am 15. Oktober lief die Einsendungsfrist für Vorschläge zur Umgestaltung der Südfassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf ab. Damit war der Akademische Senat der ASH einem Vorschlag des AStA gefolgt, der vorsieht, „das Gedicht [von Eugen Gomringer] zu entfernen und durch ein basisdemokratisches Auswahlverfahren neuzugestalten“. Über Ergebnisse des Verfahrens wurde nichts bekannt.
  • 19.-22. Oktober das mobile lateinamerikanische Poesiefestival Latinale
  • 19. bis 21. Oktober Elfte österreichische Poetry-Slam-Meisterschaften in Wien
  • Der Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster 2018 geht an die Münchner Schriftstellerin Sandra Hoffmann. Sie wird für ihren aktuellen Prosaband „Paula“ ausgezeichnet, in dem sie eine autobiografisch geprägte Familiengeschichte erzählt. Mehr
  • 22.-29. Oktober: 62. Internationale Belgrader Buchmesse. Internationaler Ehrengast ist die deutsche Schriftstellerin Herta Müller. Zum Abschluß gab es einen Eklat, als sie gefragt wurde, ob sie heute noch zur Unterstützung des NATO-Einsatzes gegen Serbien in den 90er Jahren stehe. Sie bejahte, weil sie „glaube, es war so viel passiert, und man hatte dem Kosovo und Bosnien so viel Leid angetan, und es war dieser schlimme Nationalismus, an dem auch, glaube ich, die orthodoxe Kirche sehr stark mitgemischt hat.“  Es gab Buhrufe, Zuschauer verließen den Saal. In den nächsten Tagen überschwemmt eine Welle der Empörung das Land. „«Ich hätte sie sofort zurückgeschickt, mit all ihren Büchern», sagt der Schriftsteller Dragisa Pavlovic. (…) Der international bekannte serbische Regisseur und Musiker Emir Kusturica schlug in die gleiche Kerbe. «Sie hätte besser zu einer Militärparade oder zur Automobilmesse als zur Buchmesse eingeladen werden sollen», denn «Alfred Nobel hätte sich im Grabe umgedreht». Und: «Wenn es Gerechtigkeit gäbe, hätte der Nobelpreis 2009 nicht ihr, sondern dem grössten lebenden österreichischen Schriftsteller Peter Handke überreicht werden müssen.» Handke hatte seit Mitte der 90er Jahre mit seinen proserbischen Äusserungen die Politik- und Literaturszene bewegt.“ (NZZ)
  • Jan Wagner nimmt im Wintersemester 2017/2018 die „Poetikdozentur: junge Autoren“ der Hochschule RheinMain und der Landeshauptstadt Wiesbaden wahr. Die Vorlesungen finden bis zum 7. Februar statt. Mehr
  • Die Zukunft der Poesie. Internationales Lyrik-Colloquium in Benediktbeuern 24. Oktober 2017. Autoren, Kulturjournalisten und Literaturvermittler diskutieren, in welche Richtung sich die Lyrik als Königsgattung der Literatur entwickelt. Thema sind auch die Möglichkeiten der Vermittlung von Lyrik. Das Colloquium leiten Dr. Norbert Göttler, Heimatpfleger des Bezirks Oberbayern, und Anton G. Leitner, Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“.
  • 25. Oktober. Demonstration für Menschenrechte von 20 Poeten, die ab 16 Uhr auf dem Münchner Marienplatz aus ihren Werken vorlesen. (Eine Veranstaltung im Rahmen des 25. Jubiläums der Zeitschrift „Das Gedicht“) Mehr
  • 25. Oktober. Der 92jährige Dichter Eugen Gomringer nimmt im Gspräch mit dem Deutschlandfunk Stellung zu der Forderung Hellersdorfer Studierender, sein Gedicht Avenidas von der Giebelwand der Hochschule zu entfernen. „Heute kommt es mir vor wie der Vorgang einer Säuberung, weil die eine ganze Lyrikreihe eigentlich wegsäubern wollen oder ein Stück Kunst und Lyrik wegsäubern wollen – auch ein Stück Freiheit nehmen natürlich.“ Mehr
  • 25. Oktober. Beim Nationalen Festival der Amazigh-(Berber-)Poesie, das vom 20.-24. Oktober im algerischen Illizi stattfand und bei dem etwa 30 Dichter verschiedener Mundarten der Berbersprache teilnahmen, gewann die Lyrikerin El-Adjla Boughedad den ersten Preis. Die nächsten Plätze belegten Saâdia Benamara (Oran), Jimmy Amazighi (Batna), Abdallah Kaïri (Tamanrasset) und Salah Tirichine (Ghardaia). Mehr
  • 26.-29. Oktober Premiere des Lyrikfestivals Silbentanz in Bad Ischl
  • 7th edition of 100 Thousand Poets for Change in Mumbai (founded in 2011 by American poet Michael Rothenberg and Mumbai-based poet Menka Shivdasani). The 2017 programme included Cappuccino Readings, hosted by Anjali Purohit (October 26); Smeetha Bhoumik’s Woman Empowered (October 27). and Vibha Rani’s AVITOKO Room Theatre (October 28). On Sunday morning (11 a.m. onwards), an event for children by Rati Dady Wadia will feature poems by schoolchildren in Mumbai, representing various schools and organisations such as Writers’ Bug, Fun ki Pathshala and Young Writers’ Nook. This year, a second book of poetry by children in Mumbai will be launched. The first, The Music of the Spheres, featuring poems written specifically for 100TPC Mumbai, was released in 2015, spearheaded by Ms. Wadia. More
  • Das erste Helgoländer Lesefestival bietet vom 26. bis 28. Oktober Literatur an ungewöhnlichen Orten. Zehn Autoren werden erwartet. Sie präsentieren Werke, die einen Bezug zu Deutschlands einziger Hochseeinsel haben. / Hamburger Abendblatt
  • 27.Oktober. In Hanoi findet eine feierliche Veranstaltung zum 25. Jahrestag der Gründung des „Clubs der Poesie auf Chinesisch, Vietnamesisch und Französisch“ (Club de poésie en chinois, vietnamien et français) statt. Gegründet wurde er 1992 als Hán Nôm-Club (Hán Nôm ist die vietnamesische Bezeichnung für die beiden  Sprachen und Schriften des alten Vietnam, Chinesisch und Vietnamesisch). Ursprüngliches Ziel des Vereins war es, das gewaltige literarische Erbe in den beiden traditionellen Schriften zu bewahren – das Land hatte in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf eine lateinische Schrift mit diakritischen Zeichen umgestellt. Mehr
  • 28. Oktober. Auf der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wurde Jan Wagner mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis gilt als die höchste deutsche Literaturauszeichnung. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet einen Lyriker aus – so heißt es in der Begründung der Jury – dessen poetische Sprachkunst unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt  in neugierigen und sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen mit einer wachen Aufmerksamkeit für die Phänomene der Lebens – wie der Zeitgeschichte schärft. Die Laudatio hielt der Schriftsteller und Übersetzer Aris Fioretos. – / DLF
  • Auf der Tagung der Darmstädter Akademie wurde Ernst Osterkamp als Nachfolger von Heinrich Detering neuer Akademiepräsident. – Jens Bisky erhielt den mit 20.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay als „eine der verlässlichsten Stimmen in den Debatten der Gegenwart“, denn: „Seine stilistische Brillanz und weltläufige Aufmerksamkeit werden moderiert von Besonnenheit.“ Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger bekam den mit 20.000 Euro dotierten Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/28739248 ©2017
  • 28. Oktober. Vorgezogene Parlamentswahl in Island. „Viele Wähler haben bei der Parlamentswahl in Island kleine politische Gedichte mit in die Wahlurnen gesteckt. Sie habe am Samstag handgeschriebene Zettel mit Vierzeilern in den Kisten gefunden, sagte die Leiterin des nordwestlichen Wahlbezirks dem isländischen Rundfunk RUV. Anonyme Poesie in der Wahlkabine hat auf der Insel im Nordatlantik demnach bereits Tradition. Die Gedichte seien unterschiedlich gut gewesen, meinte die Wahlleiterin.“ Mehr
  • Der neue Meister im deutschsprachigen Poetry Slam heißt Alex Burkhard. Der Bühnendichter aus München setzte sich am 29.10. im Finale gegen Fabian Navarro und Yannick Sellmann in der ausverkauften Staatsoper in Hannover durch. 110 Poetinnen und Poeten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich hatten sich für die Meisterschaften in Hannover qualifiziert. / Abendzeitung

Pleiadengedicht

Heute Dirk Uwe Hansens Doppelfassung des „Pleiadengedichts“. Obwohl es nicht einmal sicher ist, ob es wirklich von Sappho stammt, ist es heute eins ihrer bekanntesten Gedichte. Überliefert ist es ohne Nennung eines Autornamens in einem antiken Metrikhandbuch. In einer Anthologie aus dem 15. Jahrhundert wird es erstmals Sappho zugeschrieben. – Ist es ein Überbleibsel eines längeren Gedichts oder vielleicht doch ein – uns modern anmutendes – Kurzgedicht?

Frg. 168b Voigt

Untergegangen ist der Mond
 und die Pleiaden. Mitte der
 Nacht, vorüber geht die Stunde
 ich aber schlafe allein.
Unter der Mond gegangen
 gegangen Pleiaden aus
 aus die Stunde geblieben
 geblieben wieder allein

Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen.  Potsdam: udo degener verlag, 2012

Nekrolog – Oktober 2017

Gestorben im Oktober

  • Am 1. Oktober František (Jorge) Listopad, tschechisch-portugiesischer Schriftsteller (95)
  • Am 1. Oktober Pierluigi Cappello, italienischer Lyriker (50)
  • Am 1. Oktober Philippe Rahmy, 52, Schweizer Schriftsteller (Schweizer Literaturpreis 2017)
  • Am 2. Oktober Gaspar Jesús Azcorra Alejos (75), mexikanischer Schriftsteller
  • Am 4. Oktober Jerry J. Ross, 84, amerikanischer Liedermacher und Producer
  • Am 7. Oktober Wjatscheslaw Iwanow (Вячеслав Иванов, Viatcheslav Vsevolodovitch Ivanov), russisch-sowjetischer Linguist, Lyriker und Philosoph (88)
  • Am 7. Oktober Gao Mang (高莽, 91), chinesischer Schriftsteller, Übersetzer aus dem Russischen (Puschkin, Lermontow, Bunin, Majakowski, Achmatowa) und Englischen (Kerouac)
  • Am 10. Oktober Pentti Holappa, finnischer Schriftsteller (90)
  • Am 10. Oktober Kassim Ahmad, 84, malaysischer Schriftsteller und Politiker
  • Am 12. Oktober Stanislaw Kusnezow (Кузнецов, Станислав Александрович, 62), russisch-sowjetischer Lyriker
  • Am 13. Oktober Henn-Kaarel Hellat, estnischer Kritiker und Schriftsteller (85)
  • Am 14. Oktober Richard Wilbur, 96, amerikanischer Lyriker, Pulitzer Prize winner 1957, 1989, Poet laureate 1987/88 Boston Globe | Welt
  • Am 14. Oktober Rainer Klis, deutscher Schriftsteller (62)
  • Am 14. Divino Anticristo (64), eigtl. José Onofre Pizarro Caravantes (* Santiago de Chile, 12. Mai 1953), auch Isabelísima oder König von Mazedonien , chilenischer Schriftsteller, Obdachloser mehr (span.)
  • Am 15. Hervé Prudon, französischer Schriftsteller und Journalist (66)
  • Am 15. Oktober Eduard Skobelew (Эдуард Марцінавіч Скобелеў) (81), weißrussischer Schriftsteller
  • Am 17. Oktober Mahomed Atabajew (79), russisch-sowjetischer dagestanischer Schriftsteller
  • Am 17. Oktober Boris Berger (52, * Lwów, ging nach Moskau, später nach Deutschland, wo er starb), ukrainischer, russländischer und deutscher Künstler, Lyriker und Publizist
  • Am 18. Oktober Ross Chambers, australisch-amerikanische Literaturtheoretikerin (84)
  • Am 18. Arsenio González (86), spanischer Lyriker, Dramatiker und Schauspieler
  • Am 19. Oktober Jacques Flamand (82), frankokanadische Schriftsteller
  • Am 20. Oktober Thomas Vogel, deutscher Schriftsteller und Journalist (70)
  • Am 20.Oktober Fay Chiang, 65, amerikanische Lyrikerin und visuelle Künstlerin
  • Am 21. Oktober Marcus Accioly, brasilianischer Dichter (74)
  • Am 23. Oktober Lupo Hernández Rueda (87), dominikanischer Anwalt und Lyriker
  • Am 24. Oktober Harry Almela (64), venezolanischer Schriftsteller
  • Am 24. Oktober Walentina Telegina (72), russisch-sowjetische Lyrikerin
  • Am 25. Oktober Silvia Bovenschen, deutsche Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Essayistin (71)
  • Am 25. Oktober Saúl Schkolnik (88), chilenischer Schriftsteller, Architekt und Philosoph
  • Am 26. Oktober Juan José Ayuso (77), dominikanische Schriftsteller
  • Am 27. Oktober Milan Nápravník, tschechischer Schriftsteller und Künstler (86)
  • Am 28. Oktober Josaphat-Robert Large, haitianischer Dichter (74, Prix littéraire des Caraïbes 2003)
  • Am 29. Oktober Xose Manuel Carballo (73), spanischer Schriftsteller
  • Am 30. Oktober Alfred Heizmann, deutscher Lehrer, badischer Mundartdichter und Fasnachtsredner (68)

Scherben und Skizzen

2012 veröffentlichte der Philologe und Dichter Dirk Uwe Hansen ein Bändchen mit ausgewählten Fragmenten der Sappho in zweifacher Gestalt, als die Scherben der Fragmente (Scherben ist bei einem der Fragmente sogar wortwörtlich wahr: der Text von Fragment 2 Voigt überdauerte eingeritzt in eine Tonscherbe) und als Nachdichtung, Vervollständigung von heute aus. Er schreibt in einer Vorbemerkung: „Mit spitzem Stift als behutsame und maßstabsgerechte Umrisszeichnung, die sich in das verlorene Ganze wieder einsetzen ließe, auf der einen Seite, als Pinselzeichnung, die den flüchtigen Eindruck der einzelnen ins Licht gehaltenen Stücke festhalten will, auf der anderen.“ Mit Erlaubnis des Autors rücke hier in den nächsten Tagen einige dieser Doppelversionen ein.

Heute: aus den drei Fragmenten 51, 52 und 54 Voigt ist, scheints, ein heutiges Gedicht geworden.

Frg. 51 Voigt
 Ich weiß nicht, was ich tu. Zweifach sind meine Überlegungen.
Frg. 52 Voigt
 Ich glaube nicht den Himmel zu berühren.
Frg. 54 Voigt
 Den, der vom Himmel kam und einen purpurnen Mantel anzog.
Was weiß denn ich wo
 hin und welche ich bin
 so schnell

so weit der Himmel / ist
 nicht zu berühren und

wenn einer kommt von dort
 der hüllt sich in Purpur.

Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen.  Potsdam: udo degener verlag, 2012

Nicht Honig

H.D. (Hilda Doolittle)

Fragment 113

“Weder Honig noch Biene für mich.”
— SAPPHO

Nicht Honig,
nicht die Beute der Biene
aus Blüten von Wiese oder Sand
oder Busch am Berg;
aus Winterblüten oder Trieben,
geboren aus später Glut:
nicht Honig, nicht den süßen
Farbfleck auf Lippen und Zähnen:
nicht Honig, nicht das tiefe
Eintauchen weichen Bauches
und das Haften der goldrandigen
pollen-bestaubten Beinchen;

blendet Entzücken auch meine Augen,
und kräuselt Hunger auch
meinen Mund dunkel und träge:
nicht Honig, nicht der Süden,
nicht der lange Stengel
roter Zwillingslilien,
noch leichtes Gezweig vom Obstbaum
eingefangen in biegsamem leichtem Gezweig;
nicht Honig, nicht der Süden;

ah, Blüte der purpurnen Lilie,
Blüte der weißen,
oder der Iris, ausdörrend das Gras —
denn ein Fleckchen des Sonnenfeuers
sammelt solche Glut und Kraft,
daß selbst Schattenriß Licht ist,
das durch die Blütenblätter
der gelben Iris fällt;

nicht Iris — altes Sehnen — altes Leiden –
altes Vergessen — alte Pein —
nicht dies, noch überhaupt Blüte,
sondern wenn du dich wieder umwendest,
die Stärke von Arm und Kehle suchst,
berührst wie der Gott;
vergiß den Leierton;
wissend, daß du nirgends am Leibe
ein Beben der Saite
spüren wirst,
sondern Glut, leidenschaftlichere,
des Gebeins und der weißen Schale
und feurig gehärteten Stahls.

H.D., aus: Sappho Fragments (1921). In: H.D.: Denken und Schauen. Fragmente der Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt u. hrsg. v. Günter Plessow. roughbook 016, Solothurn, Badenweiler u. Berlin, 2016, S. 113/115

 

Die kluge Sappho

Sie ist die kluge Sappho.

Platon, Dichter und Philosoph in der gewaltigsten Periode athenischer Kultur, der Perspektive besitzt und auch einen seltenen Vergleichsstandard, wenn er einige Jahrhunderte zurück auf Mytelene schaut, spricht von dieser Frau als einer unter den Klugen.

H.D., aus: The Island. Fragments of Sappho (1920). . In: H.D.: Denken und Schauen. Fragmente der Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt u. hrsg. v. Günter Plessow. roughbook 016, Solothurn, Badenweiler u. Berlin, 2016, S. 71

Anm. des Übersetzers: The Wise Sappho: Was ist gemeint, die kluge oder die weise Sappho? Das Deutsche hat hier zwei Worte für zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen, im Englischen ist es ein Wort, in dem zwei Bedeutungsfärbungen zusammenfallen. Beide lassen sich auf Sappho anwenden. Platon, hätte er englisch gesprochen und wise gesagt, hätte vermutlich weise gemeint. Der Übersetzer hat sich gleichwohl für klug entschieden, weil es H.D vornehmlich um eine Gefühlsklugheit zu tun ist, die sie an Sappho hervorhebt.

Sauerstoffzufuhr für die Sprache

Verzauberung

Nie wird sich die griechische Sprache von der Sauerstoffzufuhr
erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte
zuteil wurde.
Nie sich erholen vom unerhörten A-Laut, mit dem sich die Nacht anmahnt
in einem der Fragmente, nie
von dem Augenblick,
als Aphrodites Epitheton poikilóthronos
ein einziges Mal aufblinkt
wie eine Goldbrosche im unsterblichen Blau einer Mitternacht.
Weshalb hat es kein griechischer Dichter gewagt,
dieses Wort
ein zweites oder
ein drittes Mal zu gebrauchen?
Auch die schwedische Sprache wird sich nicht erholen –
von dem Gedankengang, den Sappho
als erste
in einem Gedicht formuliert hat: «Ich bin mir dessen bewusst.»
Wörtlich steht da: «Das weiß ich zusammen mit mir.»
Syneídésis, Gewissen, conscientia!
Wenn ich sage «ich liebe dich»
musst du darauf vertrauen, was du hörst.
(Zu meinen innersten Gedanken
habe nur ich Zugang.)
Glaube mir meine Worte!
Nur ich kann ja exakt wissen, was ich denke! —
Ludwig Wittgenstein
hätte diese Art
des Konjugierens auf Griechisch
— «ich teile diese Erfahrung mit dir» — kritisiert.
Wie sollte jemand eine Erfahrung
mit sich selbst teilen können?
Wird da unser Gedanke von der Sprache verzaubert?
Es ist Mitternacht. Der Mond untergegangen —
und auch die Plejaden bringen kein Licht
ins Dunkel dieses Gedichts.
Noch immer stehen wir im Zauber der sapphischen Sprache.

Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler

Aus: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011, S.43/45

Dieses Gedicht spielt u.a. auf Fr. 1, 26 und 168B Voigt an.

Sapphos Premieren

Neun Bände auf Buchrollen soll es in der Bibliothek von Alexandria gegeben haben. Die sind seit Jahrhunderten nicht mehr: 1. Version: Der große Brand bei Cäsars Belagerung, 700 Jahre später die arabische Eroberung. 2. Version: Den christlich-orthodoxen Eiferern und andern Fundamentalisten war diese offene Frauenstimme ein vorab sittlicher Gräuel. Was wir heute von Sapphos Werken kennen, ist (bruch)stückweise gefunden  und glücklicherweise manchmal erkannt und nicht immer weggeworfen worden. Es gibt bis heute ein einziges Gedicht, dessen Text nicht beschädigt ist. Auf Papyros-Verpackungen, -abdichtungen‚ -mitteilungen – um nicht zu sagen Einkaufszetteln —- hat man Abschriften gefunden, die letzten vor ein paar Jahren.

(…) Da Sappho als Dichterin mindestens zwei Premieren in die Welt setzte, die heute Selbstverständlichkeiten sind, wurden sie und ihre Werke in fast allen Epochen «gebraucht».

  1. Als möglichweise erster Dichter hat Sappho ihre als Lieder komponierten Texte verschriftlicht (um das unschöne Wort einmal richtig zu verwenden). (…)
  2. benutzt Sappho das «Ich» nicht als ferne Beschreibung oder als Wegschiebung, sondern sie sagte Ich und meinte Ich. Das eigene Individuum bekam also einen Namen.

  3. Es war 700 v. Chr. auch im relativ kulturell hoch stehenden Griechenland fast unerhört, dass eine Frau sich durch ihre Sprache, ihre Texte selbständig machte und sich bis jetzt etwa 2700 Jahre behauptete. Ohne schützende, fördernde Hand eines Despoten — im Gegenteil: der Chef von Lesbos hat sie ein paarJahre nach Sizilien in die Verbannung geschickt, und sie danach wieder zurückkehren lassen.

Beat Brechbühl, in: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011

Morgen: Nie wird sich die griechische Spache von der Sauerstoffzufuhr erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte zuteil wurde.

Für Amateur-Leser

Wenn es noch einen Amateur-Leser auf der Welt gibt – oder irgendjemanden, der einfach nur liest, um zu lesen –, so bitte ich ihn oder sie mit unaussprechlicher Zuneigung und Dankbarkeit, sich in die Widmung dieses Buches mit meiner Frau und meinen zwei Kindern zu teilen.

Jerome D. Salinger, Widmung zu Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt. Erzählungen.

Hebt hoch das Türschloss,*
Hymenaion,
hebt es hoch, ihr Handwerker;
Hymenaion.
Der Bräutigam kommt, dem Ares ähnlich,
"Hymenaion,"
als ein großer Mann viel größer.
"Hymenaion,"

Sappho, Fr. 111 Voigt

Anm. bei Bagordo: „Es handelt sich um den Refrain eines Hochzeitsliedes (…), bei dem die Körpergröße des Bräutigams auch die sexuelle Begabung desselben suggerieren könnte (als Beispiel für die bei Hochzeitsliedern häufig vorkommende rituelle Obszönität).“

*) In den meisten Übersetzungen steht „hebt das Dach hoch“ oder „den Türbalken hoch“

Anne Carson:

up with the roof!
        Hymenaios–
        lift it, carpenters!
                Hymenaios–
the bridegroom is coming in
        equal to Ares,
        Hymenaios–
                much bigger than a big man!
                Hymenaios!

Delikat

Sappho Fr. 102 Voigt

Süße Mutter, ich vermag nicht das Gewebe zu spinnen,
   von der Begierde bezwungen für einen Jungen der delikaten Aphrodite wegen

(Bagordo)

sweet mother I cannot work the loom
I am broken with longing for a boy by slender Aphrodite

(Anne Carson)

Carson kommentiert: slender: not an attribute of Aphrodite generally in literature or art, so some editors emend the text and transfer the adjective to the boy

Bagordo: Eine Imitation dieses Distichons, dessen Motiv an eine nicht näher definierbare volkstümliche Tadition erinnert, findet sich bei Horaz (…*). Das Fragment, dessen einziges exegetische Schwierigkeit in der Definition des Attributs βραδίναν für Aphrodite besteht („schlank, wendig“, „zart, delikat“ oder gar „schelmisch“?), ist von Sapphos erotischer Sprache geprägt.

*) Dir nimmt fort den Wollkorb Kythereas Knabe mit den Flügeln, dir das Gewebe und der eifrigen Minerva Werk nimmt fort, Neobule, de Glanz des lipareischen Hebros…“ Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch/Deutsch. Hrsg. Bernhard Kytzler. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 109. Seine Anmerkungen: Amor, der Sohn der Venus, die nach ihrem Kultort Kythere benannt ist. – Von der Insel Lipari stammend; zugleich Wortspiel mit griechisch liparos = glänzend

Honoraraussicht ist es nicht

Achtung Achtung, wir unterbrechen unsere Sapphoserie für eine wichtige Duchsage:

Gottfried Benn

Satzbau

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.

„Die wenigen, die was davon erkannt“ − (Goethe) −
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.

Mögen ihn die Winde forttragen

Wer das Wesen einer Sache verstehen will, möge die ältesten Exemplare aufsuchen, die er finden kann, meint Ezra Pound. Sappho ist eine gute Adresse, nahe an der Erfindung der Poesie. Sappho ist eine Macherin, oft eine Erstmalsmacherin.

Sie liebt Windmetaphern oder -gleichnisse. Das Bild von den hin und her tragenden Winden kommt schon in der Odyssee vor. Sappho verfährt lyrisch. In Fr. 37 ist es die neuartige, kühne Verknüpfung von Konkretem und Abstrakten:

                                         für mein Jammern

                ***
Wer aber mich rüffelt, mögen ihn die Winde forttragen
   und die Kümmernisse

In Fr. 47 ist es der Eros. Die Wirkung auf den liebenden Menschen (vgl. das „Liebessymptomgedicht“ hierunter) wird hier mit dem Wind verglichen, der Wind mit der Erschütterung durch den Eros verbunden:

                 ...und Eros erschütterte mir
das Herz, wie Wind, der auf dem Berg gegen die Eichen stößt

In weiteren Fragmenten kommt der Sturm und der „von oben wehende Wind“ vor.

(Zitiert in der Übersetzung von Andreas Bagordo)

Anne Carson übersetzt:

37

           in my dripping (pain)

the blamer may winds and terrors
           carry him off

47

                               Eros shook my
mind like a mountain wind falling on oak trees

dünn-/stimmig

Ich bleibe noch etwas bei Sappho.

„Übersetzungen Sapphos waren bis vor einigen Jahren auf absurde Weise unangemessen… Heute gibt es eine ausreichende Anzahl wörtlicher Übersetzungen durch moderne Dichter, die es dem Leser ermöglichen, Sappho zu erfassen und zu bestimmen, wie man weit entfernte Sterne durch Triangulierung ausgehend von irdischeren Gegenständen bestimmt. Dann wird deutlich, daß wir uns nicht täuschen. Es gibt keinen Dichter, der ihr gleicht. Wo immer genügend Worte übriggeblieben sind, um einen zusammenhängenden Kontext zu bilden, ergeben sie einen einzigartigen Glanz, ein unvergleichliches Leuchten. Darstellende Unmittelbarkeit des Bildes (Presentational immediacy of the image), überwältigende Dringlichkeit persönlichen Betroffenseins (overwhelming urgency of personal involvement) – bei keinem anderen Dichter entwickeln diese zwei Hauptfaktoren lyrischen Sprechens soviel Kraft.“ – Kenneth Rexroth, Classics Revisited

“Translations of Sappho, until recent years, have been fantastically inappropriate. . . . Today a sufficient number of literal translations by modern poets may enable the reader of English to envelop Sappho and measure her as we do distant stars by triangulation from more mundane objects. It then becomes apparent that we are not deluding ourselves. There has been no other poet like this. Wherever enough words remain to form a coherent context, they give one another a unique luster, an effulgence found nowhere else. Presentational immediacy of the image, overwhelming urgency of personal involvement — in no other poet are these two prime factors of lyric poetry raised to so great a power.”

Kenneth Rexroth, Classics Revisited

Ich beginne einen Rundgang durch vor allem kürzere Fragmente der griechischen Dichterin. Heute Voigt 24 (ich benutze die Zählung von E.-M. Voigt, die sowohl Bagordo als Carson verwenden).

Bagordo

24 Voigt

… ihr werdet euch erinnern …
denn auch wir in der Jug[end
haben dasselbe getan:

denn viele und schöne (Dinge)
…….., Stadt/Bürger…

24b


gefal(len)

24c


… wir leben …



… Kühnheit…
…Mensc(h…

…ganz(e)

24d




… dünn-
stimm(ig) …

Carson

]
 ]you will remember
 ]for we in our youth
        did these things

yes many and beautiful things
]
]
        ]

24C
]]we live
]
the opposite
]
daring
]
]
]

24D

#]
]
]
]
]
]in an thin voice
]

Beide Ausgaben geben keinen Kommentar zu diesem Fragment. Die Ausgabe Lobel/Page gibt als Quelle einen Papyrus aus Oxyrhynchos an: P. Oxy. X (1914) 1231, fr. 13

Quellen

  • Sappho: Gedichte. Griechisch-deutsch. Hrsg. u. übers. von Andreas Bagordo. München: Artemis& Winkler, 2009
  • If not, Winter. Fragments of Sappho. Translated by Anne Carson. New York: Vintage Books, 2002

Links

Oxyrhynchus-Fragment mit Texten von Sappho und Alkäus (leider nicht von diesem Fragment)