Glühende Nacht

Jens Peter Jacobsen

(* 7. April 1847 in Thisted; † 30. April 1885 ebenda)

Aus: Arabeske. Zu einer Handzeichnung von Michelangelo

– Aber der Seufzer, glühende Nacht?
der Seufzer, der anschwillt und stirbt,
stirbt, um neu zu erstehn,
der Seufzer, du glühende Nacht!

Sieh, die seidne Welle der Gardine teilt sich,
eine Frau, hoch und herrlich,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab.
— Heiliges Leid in deinem Blick,
Leid, das Hülfe nicht kennt,
hoffnungsloses
brennendes, zweifelndes Leid.
– Nächte und Tage schwirren über die Erde.
Jahreszeiten wechseln wie Farben auf Wangen,
Geschlecht auf Geschlecht in langen dunklen Wogen
rollt über die Erde,
rollt und vergeht,
indes die Zeit langsam stirbt.
Wozu das Leben?
Wozu der Tod?
Wozu leben, wenn wir doch sterben sollen?
Wozu kämpfen, wissend, daß das Schwert
dennoch uns entwunden wird einmal?
Dieser Scheiterhauf von Qual, wozu?
Tausend Stunden Lebens langsam leidend,
langsam ausgehn in des Todes Leiden.

Ist dies dein Gedanke, hohe Frau?

Ruhig stumm steht sie auf dem Balkone,
hat kein Wort, kein Seufzen, keine Klage,
hebt sıch dunkel von der dunklen Luft ab
wıe ein Schwert durchs Herz der Nacht.

Deutsch von Rainer Maria Rilke

– Men Sukket, glødende Nat?
Sukket, der svulmer og dør,
Dør for at fødes paany,
Sukket, du glødende Nat!

Se, Gardinets Silkevover skilles,
Og en Kvinde høj og herlig
Tegner mørk sig mod den mørke Luft.
– Hellige Sorg i dit Blik,
Sorg, der ej kan hjælpes,
Haabløs Sorg,
Brændende, tvivlende Sorg.
— Nætter og Dage summer over Jorden,
Aarstider skifte som Farver paa Kind,
Slægter paa Slægt i lange, mørke Bølger
Rulle over Jord,
Rulle og forgaa,
Medens langsomt Tiden dør.
Hvorfor Livet?
Hvorfor Døden?
Hvorfor leve, naar vi dog skal dø?
Hvorfor kæmpe, naar vi veed, at Sværdet
Dog skal vristes af vor Haand en Gang?
Hvortil disse Baal af Kval og Smerte:
Tusind Timers Liv i langsom Liden,
Langsom Løben ud i Dødens Liden

Er det din tanke, høje Kvinde?

Tavs og rolig staar hun paa Balkonen,
Har ej Ord, ej Suk, ej Klage,
Tegner mørk sig mod den mørke Luft
Som et Sværd igjennem Nattens Hjærte.

Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen u. Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A. Reitzels Boghandel, 1978, S. 573/575

Stefan Georges Übersetzung hier

Die Sprache der Natur

Meta Heußer-Schweizer

Die Sprache der Natur

Seid mir gegrüßt, ihr grünen Schatten,
Du wildes, ernstes Felsenthal,
Ihr Alpen und ihr Blumenmatten,
Verklärt vom Abendsonnenstrahl.
Es forscht mein Herz mit Kindesfragen
In deiner Bilderschrift Natur:
In Hymnen aufgelöste Klagen –
Sein Echo – tönen Hain und Flur.

Als, reich an Blumen und an Träumen,
Hell vor mir lag der Kindheit Bahn,
Da wurde unter meinen Bäumen
Ein Gotteshaus mir aufgethan.
Zu frühe schloß sich seine Pforte,
Das Lebens wurde schaal und leer;
Mein Ohr vernahm die Gottesworte
Am Busen der Natur nicht mehr.

Da war ich mir der tiefen Wunden
Des armen Herzens nur bewußt;
Auf Erden war kein Heil gefunden,
Kein Frieden in der eignen Brust;
Es schien des Morgenlichtes Helle
Mir trüb‘ in den getrübten Blick,
Und die bewegte Silberwelle
Gab meine Klagen nur zurück.

Doch als in wunderbarar Klarheit
Der Freund vor meine Seele trat,
Der uns verklärt‘ in Lieb‘ und Wahrheit
Des ewigen Erbarmens Rath;
Als er die treue Hand mir reichte,
Die einst für uns geblutet hat,
Durch Kampf und Tod den Weg mir zeigte
Zur Heimat in die Gottesstadt. –

Und nun den Frieden wieder brachte,
Den Sturm beschwor in süßer Ruh‘:
Da ward es Licht um mich, da lachte
Mir Erd‘ und Himmel wieder zu.
Nun scheint die Welt mir rings verkläret,
Sie ist ja meines Gottes Welt!
Der Vater liebe Stimme höret
Des Kindes Herz in Wald und Feld.

Die Morgenröthe lächelt wieder,
Die Botin frohen Auferstehns;
Es gehn die Sterne auf und nieder
Zum Bilde süßen Wiedersehns;
Es spricht nach der Gewitterstunde
Des hohen Bogens Farbenpracht
Von Gottes ew’gem Friedensbunde,
Den mit uns Armen Er gemacht.

Du Lieb‘ und Huld, die nimmer endet,
Und unser keines je vergißt!
Dir sei mein Leben zugewendet,
Bis sich mein Auge brechend schließt,
Dann weht dein Hauch um meinen Hügel,
Und schmückt ihn mit der Hoffnung Grün;
Die Liebe trägt als Engelsflügel
In ihre Heimat still mich hin.

Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Zürich: Verlag von Friedrich Schultheß, 1860, S. 370-372

Katze von Geblüt

Elsa Asenijeff

(* 3. Januar 1867 in Wien, Österreich-Ungarn; † 5. April 1941 in Bräunsdorf)

WEIB VON GESCHLECHT – KATZE VON GEBLÜT

Weib von Geschlecht –
Katze von Geblüt,
Trag ich erbliches Recht
Zu schnurren und zu spielen.
Heimlich an weisser Brust
Hängt ein verborgner Opal.
Rühr ich mich unbewusst –
Schlägt er mir die Brust –
Niemand weiss davon,
Es ist nur mir zum Spiel.
Oft wein ich schon –
Er bringt mich just zum Lachen!
Weib von Geschlecht –
Katze von Geblüt,
Trag ich erbliches Recht
Zu schnurren und zu spielen . . .
Schönster, hüte dich . . .!

Aus: Elsa Asenijeff: Die neue Scheherazade. Ein Roman in Gefühlen / Gedichte. München: Georg Müller, 1913

Ich bin das Recht

Johann Michael Moscherosch

(* 5. 3. 1601 Willstätt bei Kehl, † 4. 4. 1669 Worms)

Denn die Großen will niemand erzürnen, sondern es will jeder bei ihnen ein Gut oder Lehen verdienen, und es bleibt bei ihnen Gewalt für Recht.

Ich bin ein Herr
trotz der sich sperr.
Recht hin Recht her
Ein jeder thu was ich begehr.
wer das nicht thut
Den kost es Ehr vnd Gut.
Ich bin das Recht
trotz der mir widerfecht.

Aus: Visiones De Don Quevedo. Wunderliche und Warhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt [Moscherosch, Johann Michael] Zum dritten mahl ubersehen und verbessert. Straßburg/ Erstlich Gedruckt bey Johan-Philip Mülben/ Anno 1643, S. 64

Psalm

Peter Huchel

(* 3. April 1903 in Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen i. Br.)

Psalm

Daß aus dem Samen des Menschen
Kein Mensch
Und aus dem Samen des Ölbaums
Kein Ölbaum
Werde,
Es ist zu messen
Mit der Elle des Todes.

Die da wohnen
Unter der Erde
In einer Kugel aus Zement,
Ihre Stärke gleicht
Dem Halm
Im peitschenden Schnee.

Die Öde wird Geschichte.
Termiten schreiben sie
Mit ihren Zangen
In den Sand.

Und nicht erforscht wird werden
Ein Geschlecht,
Eifrig bemüht,
Sich zu vernichten.

Aus: Peter Huchel, Gesammelte Werke Bd. I. Die Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 157

Reflexionen

Hans Leybold

(* 2. April 1892 in Frankfurt am Main; † 8. September 1914 in Garnison Itzehoe)

Reflexionen

Die blaue Blase steigt zum Himmelszelt,
der weiße Hund in China bellt.

Hoch schwögt der Schmock in dem Metaphernglanz.
Ein Film ist länger als ein Lämmerschwanz.

Berauscht der Bürger sich am Phrasenstrahl,
der Reichstag ist kein Affenkraal.

Die blaue Blase steigt zum Himmelszelt,
sie steigt, sie steigt und fällt und fällt.

Aus: Hans Leybold: Gedichte, Prosa, Glossen. Eine Auswahl. Hrsg. Karl Riha u. Franz-Josef Weber.  Siegen: Universität-Gesamthochschule Siegen, 1985 (Vergessene Autoren der Moderne), S. 11

An seine Poesie

Philander von der Linde

(d.i. Johann Burkhard Mencke, * 8. April 1674 in Leipzig; † 1. April 1732 ebenda)

An seine Poesie

ICh habe manchesmahl bekümmert nachgedacht,
Was mich zum erstenmahl ans Reimen hat gebracht,
Und wie sich allgemach mehr Geist und Krafft gefunden,
Wie ich drauff offtermahls den Kern der besten Zeit
Der eitlen Poesie mit grosser Lust geweiht,
Und manchem, welcher mir kaum recht bekandt gewesen,
Ein Blat voll Müh und Schweiß begierig fürgelesen.
Doch wenn ich wiederum die Reime für mir nahm,
So ward ich nach und nach mir gleichsam selber gram,
Und hab offt in dem Zorn, was ich mit Müh geschrieben,
In einem Augenblick zerrissen und zerrieben.
Derhalben hab ich es auf einmahl fest gestellt:
Schreib, edle Poesie, schreib was mir wohlgefällt,
Und bleib nicht wie bisher, an Staub und Erde kleben,
Wo nicht, so sey dir hier dein Scheide Brief gegeben.

Aus: Philanders von der Linde Schertzhaffte Gedichte, Darinnen So wol einige Satyren, als auch Hochzeit- und Schertz-Gedichte, Nebst einer Ausführlichen Vertheidigung Satyrischer Schrifften enthalten. Leipzig: bey Joh. Friedrich Gleditsch und Sohn, 1713, S. 181

Nie

Toni Schwabe

(* 31.3. 1877, † 1951)

Nie traf ich einen….

Nie traf ich einen, der stärker als ich
Mir der Liebe Zügel entrissen hat.
Wen ich schwächer fühlte, dem weigert ich mich,
So daß mich nie einer besessen hat.

Ich küßte nur solche, die Liebe sehnten
Und die, wie ich, den Stärkeren wollten
Und machte, daß sie sich an mich lehnten
Und nicht mehr Liebe entbehren sollten.

Mich – mich allein konnte keiner erlösen –
Und ob ich auch alles von Liebe wüßte:
Ueber mir ist noch keiner gewesen,
Keiner, dem ich mich ergeben müßte.

Aus: Toni Schwabe: Komm, kühle Nacht! Verse. München: Georg Müller, 1908, S. 53

Brief

Erika Mitterer

(* 30. März 1906 in Wien; † 14. Oktober 2001 in Wien)

Vierter Brief

O bilde mich wie einen Klumpen Ton,
vergiß, daß ich schon je Gestalt besaß,
ball mich zusammen, daß kein Merkmal von
dem Gestern spricht, das gerne ich vergaß.

Ich will dich schauen, wie die Blumen frühe
die Welt besehn: erstaunt und doch verwandt;
Und dennoch Feuer sein! Denn sieh: ich glühe,
und glühe rot dich an, geliebtes Land.

Doch willst Du, daß ich sei, so wisse: ganz
bin ich nur eins, und dies in seltnen Stunden:
die Sich-Verlierende, die sich im Glanz
von fremden Sonnenstrahlen erfunden.

Die Sich-Verschweigende, die gern erkannte,
die Selige, die sich zu früh ergab;
die beinah Wankende, der die verwandte
trostreiche Stimme Berg zugleich und Stab.

Aus: Aldona Gustas (Hrsg.): Erotische Gedichte von Frauen. München: dtv, 1985, S. 158

Klementine

Yvan Goll

(auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; * 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)

Aus: Die Aktion 6 (1916) Sp. 194

Die jüdischen Mädchen

Berta Lask

(* 17. November 1878 in Wadowice, Galizien; † 28. März 1967 in Berlin)

Aus:

Lorelei

Heute ein altbekanntes romantisches Gedicht, ein Lied (in leicht verfremdeter Gestalt).

Heinrich Heine

1  Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,  9  x/xx/xx/x
2  Daß ich so traurig bin.                6  x/x/x/
3  Ein Märchen aus alten Zeiten,          8  x/xx/x/x
4  Das kommt mir nicht aus dem Sinn.      7  x/x/xx/

5  Die Luft ist kühl und es dunkelt,      8  x/x/xx/x
6  Und ruhig fließt der Rhein;            6  x/x/x/
7  Der Gipfel des Berges funkelt          8  x/xx/x/x
8  Im Abendsonnenschein.                  6  x/x/x/

9  Die schönste Jungfrau sitzet           7  x/x/x/x
10 Dort oben wunderbar;                  6  x/x/x/
11 Ihr goldnes Geschmeide blitzet,       8  x/xx/x/x
12 Sie kämmt ihr goldenes Haar.          7  x/x/xx/

13 Sie kämmt es mit goldnem Kamme,       8  x/xx/x/x
14 Und singt ein Lied dabei,             6  x/x/x/
15 Das hat eine wundersame,              8  x/xx/x/x
16 Gewaltige Melodei.                    7  x/xx/x/

17 Den Schiffer im kleinen Schiffe       8  x/xx/x/x
18 Ergreift es mit wildem Weh;           7  x/xx/x/
19 Er schaut nicht die Felsenriffe,      8  x/xx/x/x
20 Er schaut nur hinauf in die Höh’.     8  x/xx/xx/

21 Ich glaube, die Wellen verschlingen   9  x/xx/xx/x
22 Am Ende Schiffer und Kahn;            7  x/x/xx/
23 Und das hat mit ihrem Singen          8  x/xx/x/x
24 Die Lorelei gethan.                   6  x/x/x/

Fett = Starke (betonte) Silben. Die Zahl vor der Zeile leicht erkennbar die Versnummerierung, die Zahl dahinter die Anzahl der Silben, gefolgt vom metrischen Schema, wobei x eine unbetonte Silbe (Senkung) und / eine betonte (Hebung) bedeutet.

Sollte Sie die verfremdete Form gestört haben, können Sie sich hier schadlos halten:

Wenn nicht, können Sie die obigen Links natürlich ebenfalls klicken und anschließend einen gelehrten Kommentar lesen.

Erste Nacht im Weißen Haus

Gregory Corso

(* 26. März 1930 in Greenwich Village, New York City; † 17. Januar 2001 in Robbinsdale, Minnesota)

Erste Nacht im Weißen Haus

Der Sonnenuntergang am Potomac war wunderbar
und der neue Präsident
nach einem langen festlichen Tag
schlummert ein auf Lincolns Bett

Er träumt Dohlen
Und wie leis er sich nähert
und seine Hand
was er ihnen auch geben will
— sie fliegen auf

Deutsch von Anselm Hollo, aus: Schon mal gelebt?: Amerikanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans J. Heise und Annemarie Zornack. Kiel: Neuer Malik, 1991, S. 119

Sonett

Daniel Schiebeler

(* 25. März 1741 in Hamburg; † 19. August 1771 ebenda)

Das Sonnett

Du foderst ein Sonnett von mir;
Du weißt, wie schwer ich dieses finde,
Darum, du lose Rosalinde,
Versprichst du einen Kuß dafür.

Was ist, um einen Kuß von dir,
Das sich Myrtill nicht unterstünde?
Jch glaube fast, ich überwinde;
Sieh, zwey Quadrains stehn ja schon hier.

Auf Einmal hört es auf zu fliessen!
Nun werd‘ ich doch verzagen müssen!
Doch nein, hier ist schon Ein Terzett.

Nun beb‘ ich doch ─ wie werd‘ ich schließen?
Komm, Rosalinde, laß dich küssen! –
Hier, Schönste, hast du dein Sonnett!

Ferlinghetti 100

Lawrence Ferlinghetti wurde heute vor 100 Jahren geboren

Deutsch von Erika Gütermann. Aus:

Kiel 1991