Partikel

Berit Glanz

Eine Secession ist eine Abspaltung,
ist eine Trennung, ist eine Loslösung.
Wo einmal ein Ganzes war, sind nun Gegenüber

Warum sich in einer Gruppe auflösen,
wenn am Schluss die Teilung steht?

Die Zurückgewiesenen ziehen weiter
Aus der Secession wird eine Neue Secession
Aus Bildern mit Punkten
werden Bilder mit Kanten

Das Plakat der ersten Ausstellung
zeigt eine Amazone,
im Angriff auf die Alten

Moderne Wesen sind nicht Eindruck
sondern Ausdruck

Figuren tanzen durch Farben,
stark und flächig
und Alfred Partikel
wird Teil des Ganzen

Aus: Berit Glanz, Partikel. Gedichte. Leipzig: Reinecke & Voß, 2020, S. 18

Zum Aghet-Gedenktag

Am 24. April 1915 begann der Aghet, der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Es hatte in den Jahrzehnten zuvor Massaker mit vielen Zehntausend Todesopfern gegeben, aber an diesem Tag begann der Versuch, das armenische Volk planmäßig und systematisch zu vernichten. Es begann mit Razzien und Deportationen von armenischen Intellektuellen – fast alle prominenten armenischen Schriftsteller fielen dem Völkermord zum Opfer, viele wurden schon in der ersten Nacht verhaftet, gefoltert, deportiert, so auch Siamanto, ermordet wurde er im August 1915.

Das Gedicht, das ich aus diesem Anlass ausgewählt habe, überschreitet die Grenze des Erträglichen – aber das sind Krieg und Völkermord, die das tun. Siamanto hatte als Schüler die Massaker von 1896/97 erlebt und war ins Ausland geflohen. Nach der jungtürkischen Revolution von 1908 kehrte er in die Heimat zurück, aber schon 1909 gab es wieder Massaker, er schrieb darüber Gedichte, die das Geschehen aus Sicht einer Deutschen schildern. Der österreichisch-ungarische Konsul in Mersina telegrafierte am 27. April an seine Regierung: „Adana in Asche gelegt, fast alle Armenier massakriert.“

Siamanto

(Atom Jartschanjan, armenisch Ատոմ Եարճանեան, * 15. August 1878 in Eğin, Osmanisches Reich; † August 1915)

Der Tanz

Blauäugig, die Deutsche, kämpfte mit all ihren Tränen.
Da, wo ein Aschenkreis lag, wo ganz Armenien noch starb.
Sprach die Augen-Zeugin unseres Horrors, sie sprach:

Unaussprechlich ist diese Geschichte, doch sprech ich zu euch.
Ich sah, was geschah, erbarmungslos wie nur menschliche Augen,
Von meinem Höllenloch aus, dem Fenster im sicheren Haus.
Wie die Hölle knirschte mit meinen Zähnen und erbarmungslos stierte
Nach Eden hinein, das schon verkohlt war und fast nur noch Asche.
Die Toten türmten sich baumhoch, doch noch gab’s ein Rauschen
Wie Quelle, Bach und Fluß, die Rebellion,
Das Meeresrauschen eures Bluts, Armenier,
Mein Ohr ist noch voll davon, es schreit nach Vergeltung.

Unaussprechlich – bitte wendet euch nicht schaudernd ab…
Ein Mensch soll doch begreifen was ein Mensch dem Menschen antut.
Zwei Tage war die Sonne auf dem Weg zum Totenacker:
Was Menschen Menschen unaussprechlich antun können,
So laßt das doch von Herz zu Herzen weltweit gehen…
Die Morgenbrise blies der Tod an jenem Sonntag,
Am nutzlos aus den Leichenfeldern aufsteigenden Sonntag –-
Als ich nachtsüber übers Bett meiner Patientin
Gebeugt auch Tränen fallen ließ, wenn’s dämmerte,
Auf die so jung vom Dolch so sehr Getroffene …
Plötzlich gellte, von fern noch, ins Fenster die Schwärze, der Mob,
Zwanzig junge Frauen im Griff und mit knallenden Peitschen,
Hielt er mit seiner Beute geil grölend dort drüben im Garten.

Da ließ ich auf seiner Pritsche das halbtote Mädchen
Und schllich mich auf meinen Höllenbalkon,
Während der Garten sich schwärzer und schwärzer färbte vom Mob.
„Tanzt!“, bellte ein Barbar, „tanzt jetzt! Hört
Unsere Trommeln und tanzt, Totenbräute!“
Und sie peitschten die menschlichen Kreisel, die Frauen
Armeniens, die schnellen Tod nur herbeiwünschen konnten.

Zwanzig junge Frauen, Hand in Hand, verbluteten
Nun ihre Tränen im Reigentanz dort.
O wie beneidete ich da doch die Erstochene,
Als ich hörte und auch verstand die lärmverschleierten Schreie –
Die Schönste unter den Schönen verfluchte den Erdkreis.
Die Lilienseele dieser Taube, ach, stiege sie auf zu den Sternen.
Alles nur eitel, wie meine Fäuste dann drohten dem Pöbel.
„Ihr müßt tanzen, tanzen!!“, tobte dagegen der Mob,
„Bis zum Tod müßt ihr tanzen, Unverschleierte, tanzt jetzt,
Ihr schönen Huren, Titten raus, lächeln, hört doch bloß auf
mit eurem Jammern und Schleichen! Hopp-hopp! Seid schamlos
Wie Sklavinnen, los, macht euch nackich, ausziehen jetzt!
Geil sollt ihr tanzen, affengeil bis in den Tod!
Los, macht uns an mit euren Ärschen und eurem Sterben!“

Zwanzig schöne junge Frauen gingen bald zu Boden.
„Aufstehn!“ Nackte Säbel züngelten wie Schlangen …
Dann kam der Kerl mit dem Benzinkanister …
Gerechtigkeit der Welt? Ich spuck ihr in die Fresse …
Und schlampig parfümierte man die Zwanzig ein …
„Tanzt weiter!“, kreischte der Mob, „im schönsten arabischen Duft!“
Dann stießen sie die Fackeln in die nackten Leiber.
Und die Leiber tanzten, rollten kohlschwarz in den Tod …

Entsetzen, feuerhell! Ich schloß die Fenster wie beim Sturm
Und ging zu der Vereinsamten, zu meiner Toten, fragte:
Wo ist der Dolch, der meine Augen aussticht, sag’s mir, sag’s.

Deutsch von Wilhelm Bartsch, aus: Siamanto: Blutige Briefe einer Freundin. Oschersleben: Ziethen Verlag, 2015, S. 10f   ISBN 978-3-86289-112-2

Auch enthalten in: Eine Handvoll Asche. Texte armenischer Autoren, Opfer des Genozids 1915. Ziethen, 2015, S. 46f (Scan aus dieser Ausgabe, Originaltext aus der erstgenannten). 

Ich brannte, weinte, sang

Gaspara Stampa

(* um 1523 in Padua; † 23. April 1554[1] in Venedig)

Gaspara Stampa war eine italienische Dichterin und Kurtisane, sagt Wikipedia (deutsch). Die meisten anderen Fassungen des Onlinelexikons sagen bloß „Dichterin“. Die englische: „was an Italian poet. She is considered to have been the greatest woman poet of the Italian Renaissance, and she is regarded by many as the greatest Italian woman poet of any age.“

Die großartige und groß angelegte Anthologie der italienischen Renaissance, die Tobias Roth vor kurzem vorgelegt hat, sagt dazu, in ihren Gedichten gebe es vier männliche Gegenüber: „Vier! Unerhört! Entsprechend firmiert sie bis heute zuweilen als Kurtisane, wofür allerdings ansonsten (…) nichts aktenkundig ist.“ Und warnt: „der detektivische Versuch, Liebesgedichte in Erlebnisse rückzuübersetzen, geht in die Irre (…) Auch wo in einer Dichtung viel von Gefühl, Feuer und Liebe die Rede ist, kommen Verstand und Kalkül ins Spiel.“

Hier eins ihrer 311 Gedichte in der Übersetzung Roths und im Original.

Ich brannte, weinte, sang (Rime xxvi)

Ich brannte, weinte, sang; weine, brenne, singe;
werde weinen, brennen, singen für immer
(bis Tod, Fortuna oder Zeit zertrümmern
in Auge, Herz, Geist mir Glut, Weh und Stimme)

die Schönheit, den Wert, die zusammenklingen
durch Amor, Natur und Bildung im Innern
meines heiligen Lichtes, wo sie schimmern,
sich in Liebreiz, Klugheit, Ehre verbinden.

Denn wenn die Sonne kommt und wenn sie geht,
sommers, winters, Tag und Nacht jede Stunde,
wenn Licht, wenn Schatten schwindet oder entsteht,

sehe ich mit dem äußeren Auge und dem inneren
in dem, was er tut, gelegt
für Glanz und Süße und Anmut den Grund.

Aus: Welt der Renaissance. Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, S. 600

Originalausgabe von 1554: Rime Di Madonna Gaspara Stampa. In Venetia : per Plinio Pietrasanta, M. D. LIIII. [1554] (Universitätsbibliothek Basel, https://doi.org/10.3931/e-rara-5318 )

Das Jahr 1945

Das neuste Heft der immer noch famosen Lyrikheftreihe Poesiealbum – Gedichte von Christa Reinig auf 32 Seiten, ausgewählt von Matthias Biskupek, Grafik Angela Hampel. 5€

Das Jahr 1945
gesehen im Jahre 1945

Wir sind dabei, den Leibgurt zu zerkauen,
und keiner mehr, der noch Vergangenes schmähte,
die Freiheit ist ein Trug, den wir durchschauen,
nichts als der Knechtschaft aufgeplatzte Nähte

und alle, die der Hunger niedermähte,
die wollten Knechte sein und gut verdauen,
und manche schlüpfen durch die Stacheldrähte
und dürfen draußen neue Waffen bauen

da hört man Räuber aus der Bibel lesen
und Mörder über Menschenrechte schreien
und Vollgefressene sind höhre Wesen –

das können wir der Freiheit nicht verzeihen,
für uns bleibt alles, wie es stets gewesen,
und wieder wird uns wer erneut befreien.

Aus: Poesiealbum 360: Christa Reinig. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 2021, S. 3

Weil jetzt ein Gedicht

Dieter Roth

(* 21. April 1930 in Hannover; † 5. Juni 1998 in Basel)

Aus: Zwischen den Zeilen. Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. #4, August 1994, S. 98

Für Günter Bruno Fuchs

Jenny Schon

Für den Dichter und Graphiker
Günter Bruno Fuchs
(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 Berlin)

1969 zum Beispiel

…geöffnet fliegt Otto Lilienthal uns
entgegen auf einem Holzschnitt von dir
im Berlin-Jahrbuch der
Neuen Rabenpresse
von V.O. Stomps
Du montierst kunstvoll
alle Schrifttypen
um das Jahr 1969
zu schmücken

Was war nicht alles geschehn
kurz vorher Schüsse auf
Benno Ohnesorg von einem Polizisten
auf Rudi Dutschke von einem
Rechtsradikalen
zehntausende Studenten machen
sich nun an das Werk den
Muff von 100 Jahren aus den
Talaren zu entstauben

Reinhard Lettau erinnert
an die Ruhe in Berlin
die wäre
wenn Rentner Polizisten Taxichauffeure
ihresgleichen
denunzieren verprügeln erschießen…
Für Nicolaus Born ist
die Geduld am Ende
Du lässt zum Beispiel
Allen Ellender
Sergeant in der
Montgomery Kaserne
in Kladow sagen
er liebe Berlin so sehr
dass er froh ist
dass es zwei gibt
Gerald Bisinger betrauert
Johannes Bobroswki
der im andern Teil der Stadt
vor gut drei Jahren starb
Der Himmel ist
kein Lokal
von Peter Hille
kommt gleich danach
Robert Wolfgang Schnell
übt sich in der Anpflanzung
von Zitronenkraut
Auch Günter Grass äußert sich
als Bürger von West-Berlin
der behelfsmäßigen
Hauptstadt
wie unsere
Ausweise meinen
oder umgekehrt

Gerhard Rühm
Lothar Klünner
Yaak Karsunke
große Vergessene heute
Mit Johannes R. Becher
sitzen wir auf dem Klosett
und Günter Eich erinnert
an die Grippewelle von 1918
Das Weib ist Sonntag
Der Mann Alltag
steht auf der Seite
von Kurt Neuburger
Christa Reinig
1964 aus der DDR geflohen
Aldona Gustas
in Litauen geboren
die einzigen Dichterinnenstimmen
in diesem Jahr
die Siebzigerjahre Frauenbewegung
startet zum Sprung…

Mit deinem
wundervollen
Jahrbuch
verlassen wir
ein großes Jahrzehnt
so long
Günter Bruno Fuchs
ich habe es mit
Freude in meiner
Buchhandlung verkauft…

Aus: Jenny Schon, Lautes Schweigen, Gedichte, Geest Verlag, 2018

Was war er denn? Er ist gewesen.

Günter Bruno Fuchs

(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)

Fibel

1

Was war er denn? Er ist gewesen.

2

Was tat er denn? In einer Fibel lesen.

3

Was las er da? Ich weiß nicht mehr.

4

Besinn dich doch! Ist schon zu lange her.

5

Die Fibel wurde eingescharrt wie er.

Aus: Günter Bruno Fuchs, Gedichte und kleine Prosa (Werke in drei Bänden, Bd. 2). München Wien: Hanser, 1992, S. 97

Gedancken bey Antretung des funffzigsten Jahres

Christian Hofmann von Hofmannswaldau

(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)

Gedancken bey Antretung des funffzigsten Jahres.

1.
MEin Auge hat den alten Glantz verlohren /
  Ich bin nicht mehr / was ich vor diesem war /
Es klinget mir fast stündlich in den Ohren:
  Vergiß der Welt / und denck auf deine Baar /
Und ich empfinde nun aus meines Lebens Jahren /
Das funfftzig schwächer sind als fünff und zwantzig waren.

2.
Du hast / mein Gott / mich in des Vaters Lenden /
  Als rohen Zeug / genädig angeschaut /
Und nachmahls auch in den verdeckten Wänden /
  Ohn alles Licht / durch Allmacht aufgebaut /
Du hast als Steuermann und Leitstern mich geführet /
Wo man der Wellen Sturm / und Berge Schrecken spüret.

3.
Du hast den Dorn in Rosen mir verkehret /
  Und Kieselstein zu Cristallin gebracht /
Dein Seegen hat den Unwerth mir verzehret /
  Und Schlackenwerck zu gleichem Ertzt gemacht.
Du hast als Nulle mich den Zahlen zu gesellet /
Der Welt Gepränge gilt nach dem es Gott gefället.

4.
Ich bin zuschlecht / vor dieses Danck zusagen /
  Es ist zu schlecht was ich dir bringen kan.
Nim diesen doch / den du hast jung getragen
  Als Adlern itzt auch in dem Alter an.
Ach! stütze Leib und Geist / und laß bey grauen Haaren /
Nicht grüne Sündenlust sich meinem Hertzen paaren.

5.
Las mich mein Ampt mit Freudigkeit verwalten /
  Las Trauersucht nicht stören meine Ruh /
Las meinen Leib nicht wie das Eys erkalten
  Und lege mir noch etwas Kräffte zu.
Hielff das mich Siechthum nicht zu Last und Eckel mache /
Der Morgen mich bewein / der Abend mich verlache.

6.
Las mich die Lust des Feindes nicht berücken /
  Die Wermuth offt mit Zucker überlegt /
Verwirr ihn selbst im Garne seiner Tücken /
  Das der Betrug nach seinem Meister schlägt.
Las mich bey guter Sach ohn alles Schrecken stehen /
Und unverdienten Haß zu meiner Lust vergehen.

7.
Verjüng in mir des schwachen Geistes Gaben /
  Der ohne dich ohn alle Regung liegt /
Las mit der Zeit mich diesen Nachklang haben:
  Das Eigennutz mich niemahls eingewiegt /
Daß mir des Nechsten Gutt hat keinen Neid erwecket /
Sein Ach mich nicht erreicht / sein Weinen nicht beflecket.

8.
Hielff / das mein Geist zum Himmel sich geselle /
  Und ohne Seyd und Schmüncke heilig sey;
Bistu doch / Herr / der gute reine Quelle;
  So mache mich von bösen Flecken frey.
Wie leichtlich läst sich doch des Menschen Auge blenden!
Du weist / wie schwach es ist / es kombt aus deinen Händen.

9.
Denn führe mich zu der erwehlten Menge /
  Und in das Licht durch eine kurtze Nacht:
Ich suche nicht ein grosses Leichgepränge /
  Aus Eytelkeit / und stoltzer Pracht erdacht.
Ich wil kein ander Wort um meinen Leichstein haben /
Als diß: Der Kern ist weg / die Schalen sind vergraben.

Aus: Hofmannswaldau, Gedichte. Auswahl Manfred Windfuhr. Stuttgart: Reclam, 1983, S.132ff

Fakten und Meinungen zum Autor

Liebesgedichte der Ketschua

(5) Was ist bloß dieses Sichliebhaben
bei Frau und bei Mann,
wenn ein Herz in dem anderen nistet
und jedes in dem anderen Wurzeln schlägt?

(5) Imallachus kay munákuy
warmipipis, qharipipis,
sonqo pura thapachasqa,
sadi’a jina sapinchasqa.

(7) Ist denn Dein Herz
wie ein Mahlstein so hart?
Wo ich Dich so lieb habe,
sagst Du einfach: „nein“?

(9) Schwarzauge, Bogenbraue, komme,
seien wir beide ein Paar!
Und wenn Deine Mutter nicht will,
laß sie doch, zieh mit mir!

(29) Als der neue Mond erschien,
gab ich Dir mein junges Herz;
der Mond hat noch nicht abgenommen,
und schon sagt Dir mein Schmerz nichts mehr.

(45) Goldener Kolibri, lehre mich,
wie man die Süßigkeit trinkt,
und ich will Dich lehren,
wo man die schönste Blume sucht.

Aus: VOLKSDICHTUNG DER KETSCHUA. In den Tälern von Cochabamba gesammelt von Jesús Lara. Ketschua und Deutsch. Herausgegeben von Ludwig Flachskampf und Hermann Trimborn. Berlin: Reimer, 1959

Lieber zu zweit verhungern

Sarah Kirsch

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein)

LIEBER ZU ZWEIT VERHUNGERN ALS EINZELN
In goldenen Wagen spazierenfahren:
Gefahren Gefahren überall für unsere
Treuen unbescholtenen Seelen
Mein Freund bis hierher und nicht weiter
Einer
Sey
Des andern Stab
Und unüberhörbare Stimme
Schlag mir auf mein Sitzfleisch wirf mich
Auf ein Fahrrad und jag mich nach Zeuthen

Aus: Sarah Kirsch, Rückenwind. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1976, S. 15

Urworte

Nikolaj Gumiljow

(Николай Степанович Гумилёв, Nikolaj Stepanovič Gumilëv; * 3. April jul./ 15. April 1886 greg. in Kronstadt; hingerichtet 24. August 1921 bei Petrograd, 1986 rehabilitiert)

Naturgemäß

Mir tut’s nicht leid, daß nun der Schleier,
Der die Natur verbarg, gefallen ist,
Daß niemand mehr im Wald, am Weiher
Najade oder Faun vermißt.

Kein Wüstensand raunt noch in Worten,
Wie letztlich nur ein Mensch sie spricht,
Und daß die Menschheit müd geworden,
Das gilt auch spät am Abend nicht.

Was sich naturgemäß verwandelt,
So langsam, mit der Gravitation als Lot –
Das sind Urworte, die beständig handeln
Vom Menschenleben nach dem Tod.

Nur du, als Dichter, kannst beherrschen
Die Sprache jener Drachenzeit,
Da Sphingen unter harschen Schergen
Sie brauchten aller Welt zum Leid.

Was einst ein Gott war. sei nun Sache
Und diese werde zum Prophetenwort,
Damit der Erdball endlich seine Achse
Erzittern spürt – der Ort deiner Geburt.

1921

Aus: Felix Philipp Ingold, „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 201

Николай Гумилев

Естество

Я не печалюсь, что с природы
Покров, ее скрывавший, снят,
Что древний лес, седые воды
Не кроют фавнов и наяд.

Не человеческою речью
Гудят пустынные ветра.
И не усталость человечью
Нам возвещают вечера.

Нет, в этих медленных, инертных
Преображеньях естества –
Залог бессмертия для смертных,
Первоначальные слова.

Поэт, лишь ты единый в силе
Постичь ужасный тот язык,
Которым сфинксы говорили
В кругу драконовых владык.

Стань ныне вещью, богом бывши,
И слово вещи возгласи,
Чтоб шар земной, тебя родивший,
Вдруг дрогнул на своей оси.

Gott nimmt einen Tag frei

Tim Turnbull

Deutsch von Ulf Stolterfoht. Aus der Nummer 001 der Reihe roughbooks: Tim Turnbull, Es lebt! Gedichte, übersetzt von Norbert Hummelt, Birgit Kempker, Norbert Lange, Ulf Stolterfoht, Jans Thill, Jan Wagner. roughbook 001, 2009, S. 146f

Autobiographisches Sonett

António Duarte Gomes Leal

(* 6. Juni 1848 in Lissabon, Portugal; † 29. Januar 1921 in Lissabon)

Autobiographisches Sonett

In früheren Epochen, längst vergangen,
gab’s eine heilige Mutter, manierlich von Ideen,
‘nen rechtschaffenen, silberbärtigen Vater,
gab’s Häuser, Gärten, Brunnen, Rosenbeete.

In den Kollegien, Aulen, Saalgestühlen
zertrümmert’ ich kein Pult, zerbrach ich keine Bänke.
Ich hatte gute Zensuren, führte Bücher.
Später liebte ich Patrizierhexen.

Ich war ein Freund von Eça und Ramalho,
João de Deus, auch vom exzentrischen Fialho,
und bin dann wider Willen ins Ausland ausgewandert.

Ich weinte, seufzte! Wie Dante in der Fremde!
Und als ich wiederkam, aus vorgebrachten Gründen –
bin ich dreimal ins Kittchen eingefahren.

Original erschienen in: ABC – Revista portuguesa, 22. Juli 1920; im Original wird das damalige Zentralgefängnis in Lissabon, der Limoeiro (Cadeia do Limoeiro), genannt.

Aus dem Portugiesischen von Cornelius van Alsum. Mit freundlicher Genehmigung übernommen von der Webseite der Literaturzeitschrift kalmenzone.

Soneto Autobiográfico

Outrora, outrora, em épocas passadas,
Tive uma santa Mãe de ideias maneiras,
Um reto Pai de barbas prateadas,
Tive prédios, jardins, fontes, roseiras.

Nos colégios, nas aulas, nas bancadas,
Não quebrei bancos, não parti carteiras;
Fiz bons exames, contas, tabuadas,
Mais tarde amei patrícias feiticeiras.

Fui amigo do Eça e do Ramalho,
João de Deus, mais do excêntrico Fialho,
E tive que emigrar para o estrangeiro.

Chorei, gemi! Qual Dante nas estradas!
E ao regressar, por causas avanças,
– fui por três vezes parar ao Limoeiro.

Über den Autor:

„schrieb schwungvolle, aber extrem demokrat. Gedichte“ (Brockhaus 1911). – „Neuerdings hat er mildere versöhnliche Klänge angestimmt“ (Meyers 1907) – „wird auch der portugiesische Baudelaire genannt“ (Wikipedia)

Das Flutgelall

Es steht nicht im Meyer und auch nicht im Grimm – und es existiert doch. Für das Wort „Flutgelall“ fand ich zwei Belege. Beide stehen unter dem Titel „Pegnesisches Schäfergedicht“ – eine Kollektivdichtung des „Pegnesischen Blumenordens“, das war eine der vielen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts (offenbar die einzige dieser Sprachgesellschaften, die noch heute besteht). Ihre Mitglieder nennt man auch Pegnitzschäfer, nach dem Fluß Pegnitz, der durch Nürnberg fließt. Es war eine besonders spiel- und experimentierfreudige Gruppe. Wie in den damaligen Dichtergruppen üblich, erhielten die Mitglieder Ordensnamen – die Pegnitzschäfer bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In den folgenden zwei Strophen singen Montano (Johann Helwig) und Strephon (Georg Philipp Harsdörffer) zum Lob ihrer Ordensbrüder Klajus (Johann Klaj) und Floridan (Sigmund von Birken).

Montano.

In der Luft
Singt die holde Nachtigall/
Daß der helle Gegenhall
Wiederrufft:
Aber diß/ was Klajus singt/
Bässer klingt.

Strephon.

Wie der Bach
Schlürfelt mit dem Flutgelall/
Vnd spielt mit dem Lispelschall
Nach und nach:
Also singt der Schäfersmann
Floridan.

Quelle: Georg Philipp Harsdörffer/ Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. Tübingen 1966, S. 95-96. (Hier bei zeno.org)

Das zweite, eigentlich das erste, das ich fand, als ich nach Gedichten eines heutigen Geburtstagskinds suchte, er heißt Lerian, eigentlich Christoph Arnold (* 12. April 1627 in Hersbruck; † 30. Juni 1685 in Nürnberg).

Aus dem Pegnesischen Schäfergedicht

Lerian:

Es wallt das Flutgelall, die schnellen Wellen schwellen.
Die helle Wellenzell ballt den Kristallenwall,
Der Wollenhüter billt, die Lämmerhälse schellen:
Doch schallt vor allem wohl der helle Gegenhall.

Strephon:

Des Baches Wasserstraß rauscht mit dem Sausselgießen:
Es schläfert das Geschlürff die lassen Hirten ein.
Des Flusses Lispelschuß schleußt unsrer Augen Schein
Und will durch nassen Kies das Schäferspiel versüßen.

Montano:

Der Stumme stummt und mummt, in dem sich stämmt die Stimme
Der Dumme munkt und muckt mit halbem Zahngebrümme:
Bei jenem mummt der Mund, dem ist der Mut ein Mäm.
Doch Mämme, Stumm und Dumm stummt keines in dem M.

Klajus:

Der kekke Lachengekk koaxet, krekkt und quakkt.
Des Krippels Krükkenstokk krokkt, grakkelt, humpt und zakkt.
Des Gukkuks Gukke trotzt den Frosch und auch die Krükke.
Was knikkt und knakkt noch mehr? kurtz hier mein Reimgeflikke.

Floridan:

Wann Schäfer-Trifften trifft das Ruffen frecher Treffen,
Der Waffen puff und paff, pfeifft unsre Pfeiffe? Nein.
Das Hoffen äffet offt, offt trifft es trefflich ein,
Drum hoffet, Hoffen wird nicht mehr den Frieden äffen.

Christoph Arnold (Lerian), Georg Philipp Harsdörffer (Strephon), Johann Helwig (Montano), Johann Klaj (Klajus), Sigmund von Birken (Floridan)

Aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 176f

Zehnzeiler

Margarete von Navarra

(geb. Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; auch: Marguerite de Valois-Angoulême; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos-en-Bigorre)

„Mutter der Renaissance“, „die erste moderne Frau“

ZEHNZEILER

Ich fühlte tief im Herzen schon seit Jahren
Zu Euch der Liebe mächtiges Begehren,
(So schicklich doch und nur mit allen Ehren)
Wie nie ein Herz es durfte so erfahren.
Doch jetzt ist solcher Trost mir widerfahren:
Obwohl ich meiner Neigung sicher bin,
Zeigt Eure klar mir Euern reinen Sinn,
Daß das Gefühl, worauf mein Herze schwört,
Mich drängen will zu solchem Zweifel hin:
Ob diese Liebe Euch, ob mir gehört.

Deutsch von Max Rieple, aus: Lilie und Lorbeer. Französische Dichtung des 15. bis 18. Jahrhunderts. Übertragungen von Max Rieple. Freinburg: Klemm, o.J., S. S. 15

DIXAIN

J’ay longuement senty dedens mon coeur
L’amour qu’à vous j’ay porté si très forte,
Si très honneste et tant pleyne d’honneur,
Qu’oncques nul coeur n’en sentist de la sorte
Mais maintenant qui tant me reconforte,
Bien que je sens mon affection vifve,
La vostre y est si grande et si naïfve
Que le sentir, qui conferme ma foy,
Me fait avoir l’eslection craintifve
Si ceste amour est à vous ou à moy.