Deutsche Verhältnisse

Peter Huckauf

Aus: Peter Huckauf: Tykocin. Gedichte. Berlin: Verlag Neue Freiheit, 2000 (unpag.)

Einverstanden

Rose Ausländer

Rose Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf; geborene Rosalie Beatrice Scherzer) war eine aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Sie lebte in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland. (Wiki)  – Die Aufzählung der Länder ist unvollständig. 1940 fiel ihre Heimatstadt in Folge des Hitler-Stalin-Pakts an die Sowjetunion (Das NKWD verhaftete sie als „US-Spionin“). Das mit Hitler verbündete Rumänien „befreite“ die Stadt – und steckte die Juden ins Ghetto, wo sie Paul Celan kennenlernte. Heute gehört die Stadt zur Ukraine.

Einverstanden

Ich bin
mit allem einverstanden
sagt eine Minute

die nächste sagt
NEIN

die nächste
JA

Ach diese zanksüchtige
Zeit

Aus: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen. Gedichte. Mit einem Porträt von Jürgen Serke. Frankfurt/Man: S. Fischer, 1981, S. 79

(nach Elfriede Czurda)

Kathrin Schmidt

Aus: Kathrin Schmidt: waschplatz der kühlen dinge. gedichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018, S. 82

Zwei Fragmente

Solon

(* um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) (dt. Wiki)

(c. 638 – c. 558 BC) (engl. Wiki) – (vers 640 av. J.-C. et mort sur l’île de Chypre vers 558) (frz.) – (между 640 и 635 до н. э., Афины — около 559 до н. э., Афины) (russ.) – (c. 638 a. C.–558 a. C.) (span.) – (περ. 639 – 559 π.Χ.) (griech.) – (ok. 635 – ok. 560 p.n.e.) (poln.)

1

Trag ich auch silbernes Haar, lern ich doch immer noch gern.

2

                                ... Gar vieles lügen die Dichter

Aus: Solon: Dichtungen. Sämtliche Fragmente. Im Versmaß des Urtextes übertragen von Eberhard Preime. München: Heimeran, 1945, S. 47

(2., verbess. Aufl.; 1. 1939. Die Neuauflage 1945 wurde nach dem Heldentode des Herausgebers unter Berücksichtigung seiner eigenen Notizen bearbeitet)

Ach Österreich

Meine Anthologie ist keine Jungmädchen-, keine Jungherrenbibliothek von Lieblingsgedichten. Heute ein Blick auf die österreichische Autorin Gertrud Fussenegger, die am 8. Mai 1912 im damals österreichischen Pilsen geboren wurde. Gleich zweimal, 1933 und erneut 1938 beim „Anschluß“ ihrer Heimat trat sie in die NSDAP ein. Sie jubelte dem Führer zu und notiert auch widerliche antisemitische Betrachtungen. Ihrer Karriere nach 1945 tat das keinen Abbruch. Sie sammelt Auszeichnungen und zweimal, 1977 bis 1979 und 1984 bis 1985 war sie Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Ihre „Auseinandersetzung“ mit dem Nazireich war von Verstocktheit, Selbstmitleid und Verdrängung geprägt. Auch dieses 1986 in Österreich erschienene Gedicht ist davon gezeichnet. Ich rücke es zusammen mit einer kritischen Analyse Günter Kunerts ein. Ach Heine, ruft Kunert aus und ich ergänze: ach Österreich!


Aus: Günter Kunert: Lesarten. Gedichte der „Zeit“. München: Piper, 1987

Tagtraum

Zum Geburtstag von Volker Braun ein Gedicht aus dem Band Langsamer knirschender Morgen, der 1987 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig erschien. Wie jedes Buch Brauns hatte es lang, jahrelang bei der Zensur gelegen. So erschien die Lizenzausgabe im Westen bei Suhrkamp früher als das Original. Im August schlägt der „Bücherminister“ Höpcke vor, zehn Exemplare des Buchs zu drucken, „damit er hier zuerst erschienen ist“. „Erschienen“ im Neusprech! Es erschien dann doch später, im November 87. Das Gedicht „Tagtraum“ fehlt in der Westausgabe. Die regelrechte Ode enthält zahlreiche Anspielungen u.a. auf Brecht und Hölderlin.

Poetopie

plötzlich stürzt du vom Rad – unsanft empfängt dich dein Heimatplanet

Hansjürgen Bulkowski

IV. kaffeesatz (donnerstag)

Nora Zapf

Aus: Nora Zapf, rost und kaffeesatz. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2018, S.6

Das deutsche Publikum

Karl Marx

Heute vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. In seiner Jugend schrieb er Gedichte wie diese Knittelverse.

In seinem Sessel

In seinem Sessel, behaglich dumm,
Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
Braust der Sturm herüber, hinüber,
Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
Zwischen die Blitze schlängelnd hin,
Das rührt es nicht in seinem Sinn.

Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget,
Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
Dann hebt´s sich und macht ein Geschrei,
Und schreibt ein Buch: „der Lärm ist vorbei.“

Fängt an darüber zu phantasieren,
Will dem Ding auf den Grundstoff spüren,
Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art,
Der Himmel spaße auch ganz apart,
Müsse das All systematischer treiben,
Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben,
Gebärd´t sich nun gar, wie ein Kind,
Sucht nach Dingen, die vermodert sind,
Hätt´indessen die Gegenwart sollen erfassen,
Und Erd´und Himmel laufen lassen,
Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang,
Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.

Die andere Hälfte

Brigitte Struzyk

Die andere Hälfte

Die Äpfel und Birnen sind abgenommen
wenn alles abgenommen wird
bewahre der Himmel
die Blüten im Winter
Zum Grunde gehen
kann dauern bedauern
die Blüten die Frucht
die Früchte aus Wachs
die Nachgebildeten

Ja gegen den Wind
wird dem Wachs entwachsen
eine neue noch dürftige Ernte
Wildwuchs

Aus: Brigitte Struzyk, Der wild gewordene Tag. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 124

Wind winde Weiden wenn Weöres weint

Brigitte Struzyk

Am anderen Abend

Bind Besenbinder brauchbare Besen
Bald badet die Bachmann
Hitziger Hajnal halt ihr das Handtuch
Finde für Fühmanns Fächer Folianten
Wind winde Weiden wenn Weöres weint
Am anderen Abend atmet Anna auf
Grün glänzen die Grenzen im Garten von Vas
Die Donau drängt doch dort draußen
Die Träume die Tränen die Trennung nach Haus

Aus: Brigitte Struzyk, Der wild gewordene Tag. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 124

Bachmann, Fühmann: deutschsprachige Autoren
Hajnal, Weöres: ungarische Autoren
Vas: [ˈvɒʃ] (deutsch Eisenburg), ein Komitat (Verwaltungsbezirk) im Westen Ungarns

Mittelmänner

Rae Armantrout

(* 13. April 1947 in Vallejo, Kalifornien)

Aus: Rae Armantrout: narrativ. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling & Matthias Göritz. Wiesbaden: luxbooks, 2009 (luxbooks.americana), S. 228f

Anständiges Sonett

Ulla Hahn

(* 30. April 1945 in Brachthausen, heute Kirchhundem im Sauerland)

Anständiges Sonett

Schreib doch mal
ein anständiges Sonett
St. H.

Komm beiss dich fest ich halte nichts
vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo’s gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

der Augen mir Ringe um
und lass mich springen unter
der Hand in deine. Zeig mir wie’s drunter
geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder
zu mir zu dir dann auch
‚ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder‘.

Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch
mir ein und allemal. Die Lider
halt mir offen. Die Lippen auch.

Liebende

Alejandra Pizarnik

(eigentlich Flora Pizarnik; * 29. April 1936 in Buenos Aires; † 25. September 1972 ebenda)

Liebende

Eine Blume
       nicht weit von der Nacht
       mein stummer Körper
       öffnet sich
 dem zarten Drängen des Taus

Aus: Lyrik aus Lateinamerika. Hrsg. u. ins Deutsche übertr. v. Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1988, S. 244

Ein modernes Weib

Maria Janitschek

(geborene Tölk, * 22. Juli 1859 in Mödling bei Wien; † 28. April 1927 in München)

Ein modernes Weib

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Thaten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.

Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends
Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: „Herein“, und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen stolzerstarrten Augen,
In diese großen schmerzversengten Augen …
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfaßte ihn … Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: „Du hast mich schwer beleidigt,
Es war nur Gott dabei … vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen.
Höre nun!
Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen
Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter,
Er wär′ denn blind und taub und stumm, deshalb
(Ein Schildern des Vergangenen glich′ aufs Haar
Der neuen That, hieß′ selber mich entehren),
Deshalb gibt′s eins nur: hier sind Waffen, wähle!“
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel. – –
Lange standen
Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug′ gerichtet
Fest auf die Waffen.
Plötzlich brach er aus
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär′? Sie hätte schreien mögen

Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich,
Und sagte mild: „Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre,
Du würdest ohne lange Ueberlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern,
Nichts Lächerliches fändest du dabei.
Nun denk′: nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch,
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Verlang′ ich mehr, als du verlangen würdest
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag′ selbst,
Ist das nicht billig?“

Lächelnd sah er ihr
Ins zornerglühte Antlitz. „Liebes Kind,
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind,
Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe
Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt
Dir nur das eine noch: vergesse, was du
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe,
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben …“
Jetzt lachte sie.
„Entweder Selbstentehrung
Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach,
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann
In unserer hellen Zeit zu geben wagt
Der Frau, die er beleidigt.“
„Eine andere
Wär′ gegen den Brauch.“
„So wisse, daß das Weib
Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert,“
Sprach sie mit großem Aug′, und schoß ihn nieder.