Ach Sprache

Werner Söllner

(* 10. November 1951 in Horia, Rumänien; † 19. Juli 2019 in Frankfurt am Main)

Was bleibt

Das Haus der Welt ist schlecht gebaut,
ich sitze krumm und schief darin.
Ach Sprache, meine stumme Braut,
sag mir, wo ich zuhause bin.

Hier steht ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch,
da ist noch Brot und dort ist Wein.
Was bleibt? Versteinertes Gemisch
aus Sätzen vom Lebendigsein.

Der Sinn der Wörter ist die Haut,
die langsam auseinanderfällt.
Ach Sprache, meine stumme Braut –
das Aug weint, was die Silbe hält.

Aus: Werner Söllner, Der Schlaf des Trommlers. Gedichte. Zürich: Ammann, 1992 (2. Aufl.), S. 78

Hommes à femme

Karin Kiwus

(* 9. November 1942 in Berlin)

Hommes à femme

Wenn eine kleine unscheinbare Frau
lange kluge und ein wenig
lispelnde Reden hält
über Don Juan und Casanova
dann stehen so Männer auf
und zischen Herrgottnochmal
was soll das überhaupt
die ist doch viel zu fipsig dafür

Aus: Karin Kiwus, 39 Gedichte. Stuttgart: Reclam, 1984, S. 12

 

Hoch oben, wo die Bläue leuchtet

Iwan Bunin

(10. Oktober jul./ 22. Oktober 1870 greg. in Woronesch; † 8. November 1953 in Paris)

Hoch oben …

Hoch oben auf dem eingeschneiten Gipfel
Steht mein Sonett, mit Stahl perfekt graviert.
Die Zeit vergeht. Mag sein, daß meines Griffels
Spur, aufbewahrt vom Schnee, einst lesbar wird.

In jener Höhe, wo die Bläue leuchtet,
Das kalte Licht in seiner Heiterkeit,
Ist nur die Sonne da, um zu bezeugen,
Wie ich die Verse meißelte auf Eis.

Daß nur ein Dichter auch zu schätzen weiß,
Was ich geschrieben habe, ist mir Freude.
Erfolg hienieden zählt für seinesgleichen nicht!

Hoch oben, wo die Bläue leuchtet,
Gravierte ich zu Mittag mein Gedicht
Für den, der diese Höhe auch nicht scheute.

1901

Иван Бунин

На высоте …

На высоте, на снеговой вершине.
Я вырезал стальным клинком сонет
Проходят дни. Быть может, и доныне
Снега хранят мой одинокий след.

На высоте, где небеса так сини.
Где радостно сияет зимний свет.
Глядело только солнце, как стилет
Чертил мой стих на изумрудной льдине.

И весело мне думать, что поэт
Меня поймет. Пусть никогда в долине
Его толпы не радует привет!

На высоте, где небеса так сини.
Я вырезал в полдневный час сонет
Лишь для того, кто на вершине.

Aus: Felix Philipp Ingold, „Als Gruß zu lesen“. Ruwwische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, 269

Auch die Andalusier

Zwei – wiewohl einander widersprechende – Kurzgedichte andalusischer Dichter über das Thema:

Ibn Zarqun

(11. Jahrhundert)

Allah wird mir sicherlich verzeihn,
Denn ein Dichter wird der Lüge nicht verklagt,
Ist sein Vers nur klangvoll, bunt und rein,
Ist es gleich, ob er die Wahrheit sagt.

Aus: Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer Lyrik von Janheinz Jahn. Freiburg/Br.: Klemm, 1955, S. 134

Al-Mutamid

(1040-1095)

Du suchst dir Verse, Freund, als Wüstenfracht?
Du kannst sie dir nicht keltern und nicht braten!
Sie sind ein Zehrpfennig aus Wind gemacht
Und nähren allenfalls die Literaten.

Aus: Ebd. S. 139

* notabene: allenfalls!

Eine Geschichte der Juden

Jerome Rothenberg

(* 11. Dezember 1931 in New York City)

A Book of Histories
Ein Buch der Geschichten

eine geschichte der juden ist erstens eine geschichte der vorbestellungen zweitens eine geschichte davon als letzter den stall zu betreten & sich zu erleichtern drittens eine geschichte schlechtsitzender knöpfe & viertens überhaupt keine geschichte sondern ein dokument nicht erwähnenswerter vorfälle + auf so ziemlich dieselbe weise die ich ihn bat darüber zu schreiben nachlässig zunächst aber mit wachsender reue war ich in derselben lage wie diese ungebildeten stämme hatte ich keine mittel es in erinnerung zu behalten + neunzehneinunddreissig ist nichts anderes + ich bedaure die belastung mit der es unsere mittel strapazierte uns selbst an einen ort versetzt zu finden wo es unsere mittel strapazierte + aber da ich als erster entwischte war ich fortan bekannt als henry der erste was tatsächlich auch mein name sein sollte + andere wurden ähnlich benannt nach vorfällen aber die abfolge ihrer mittel war weniger als hilfreich + bald hielten sie sich nicht mehr an den plan + nicht bald genug + bald hörten sie auf zu gewinnen schneiden weben lernen punkten oder sich an den plan zu halten + ich lernte jedes davon in ungefähr derselben abfolge + er lernte in ungefähr derselben weise was ich lernte & ebenso in ungefähr derselben abfolge + das machte uns praktisch zu brüdern machte uns aber nichts + das machte uns ungefähr zu denen die praktisch brüder waren denen es nichts machte + es machte ungefähr nichts dass es brüdern nichts machte + ich sagte ihm er solle erstens eine passende geschichte der juden erfinden zweitens sich an die abfolge halten drittens stets erfinderisch sein & viertens es überhaupt nicht sein + er war nur in einem der zuvorgenannten punkte nachlässig aber kurze zeit später wurde das ding abgeblasen

Aus: Jerome Rothenberg, Poland/1931 / Polen/1931. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Norbert Lange, roughbook 049. Berlin, Encinitas und Schupfart: Mai 2019, S. 187

Hollands Blume

Eins der bekanntesten Gedichte der Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz (deren 400. Geburtstag im nächsten Jahr groß begangen wird) heißt „Ein Gesang wieder den Neidt“. Es ist eine Verteidigung der Poesie gegen ihre Verächter. 4 seiner 23 Strophen verteidigen das Recht des weiblichen Geschlechts auf Partizipation an der Kunst und Poesie. In der ersten als trotzige Behauptung, in der 2. wird daran erinnert, „daß selbst die Musen Mägde sein“. Die beiden anderen Frauenstrophen gelten konkreten weiblichen Poeten. Namentlich genannt werden zwei antike Autorinnen, Cleobulina und Sappho – diese hat quasi die europäische Poesie vor 28 Jahrhunderten mit erfunden, jene ist „nur“ für ihre Rätsel bekannt, die bei Aristoteles und Plutarch zitiert wurden. Zuerst aber ist von einer Gegenwartsdichterin die Rede, die nur indirekt genannt wird:

Ganz Holland weiß dir für zusagen
Von seiner Bluhmen Tag und Nacht ;
Herrn Catzen magstu weiter fragen /
Durch den sie mir bekant gemacht.

Nein, es geht nicht um holländische Tulpen (die waren da noch gar nicht eingeführt). Es geht um eine holländische Dichterin (die Niederlande waren da noch nicht abgefallen): Anna Maria von Schürmann, auch van Schu(u)rman wurde am 5. November 1607 in Köln geboren, sie starb am 4. Mai 1678 in Wieuwerd, Westfriesland und war eine niederländische Universalgelehrte, genannt »der Stern Utrechts« und eben auch „Hollands Blume“. (Schau an, sie haben sich mit ihr geschmückt). Sie war durchaus nicht unangefochten als eine der ersten Studentinnen Europas, eine Pionierin. Sie nahm in Utrecht versteckt in einem Holzverschlag an Vorlesungen teil, aber sie lernte. Sie sprach und schrieb Niederländisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Syrisch/Aramäisch und Äthiopisch, brillierte in vielen Künsten und Wissenschaften und schrieb neben Gedichten gelehrte Bücher. Sibylla Schwarz las von ihr bei dem damals hochberühmten holländischen Dichter Jacob Cats (sie schreibt ihn Catz).

Mehr bei FemBio.

In der Lyrikzeitung heute zwei Ehrengedichte auf Anna Maria Schurman aus einem ihrer Bücher. Das erste ist ein Epigramm unter einem Bildnis der Autorin.

(Die letzte Zeile ist offenbar so zu verstehen, dass das Werk dieser Frau die Männer beschämt und ihnen Hohn spricht – vgl. auch das zweite Gedicht.)

Hier siehstu Jun(g)fern Schürmans bild
  Dern Lob die gantze Welt erfüllt.
Sie ist der Tugend schönste Bluhm
Aller Jungfraun Pracht und ruhm.
  Aller Frauwen Ehren Krohn.
  Aller Männer spott und Hohn.


Eine größere Ansicht siehe hier pid_87531-2

Das zweite Ehrengedicht stammt von Jaob Cats. Man beachte den Doppelpunkt nach „gantz und gar“ in der Gedichtmitte, der hier einen Perspektivwechsel anzeigt: „Sie“ nach dem Doppelpunkt ist nicht die unwürdige Jugend, sondern sie, die Jungfrau, die die Männer beschämt und belehrt.

JACOB CATS
über
Jungfr. Annen von Schürmans
Vortreffliches Werck / worinnen das alte und
wolbedenckliche Frag-stücke
Ob die Zeit des menschlichen Lebens
veränderlich / oder fest gesetzt sey?
verhandelt / und
Durch den Hochgelahrten Herrn Johann von
Beverwyck der Medicin Doctorn,
Allken gelahrten Leuten zum Probierstein
vorgestellet wird.

OB GOTT durch seinen Schluß dem Menschen zu sei’m Leben
Ein gewisse Zeit und Ziel gesetzet gnau und eben/
Ob/ oder/ man durch Witz den ungewissen Tag
Abkürzen oder ihn verlängern kan und mag:
Ist frey ein harter Streit ? der nun so lang getrieben /
Davon auch mit der Zeit viel Bücher sind geschrieben/
Viel Federn gar verstümpfft / viel Geister hievon matt/
Und gleichwol dieser Zanck annoch kein Ende hat.
In dem nun dieses Werck die klügste Geister treiben/
So ist ein Jungfrau her / gantz treflich auch zuschreiben
Von dieser Heimligkeit ; weil jetzt der Jugend Schahr
Auff schlüpffrig’r Tugendbahn laufft irrig gantz und gar:
Sie steigt biß in die Lufft mit ungemeinen Flügeln/
Durchstreicht Athen und Rom / beschaut dern hohe Hügeln/
Und alles was ein Mensch in alten Schrifften fand:
Doch ist das heilig Buch ihr bester Grund und Pfand/
Und hieruff geht sie fest; Wer wils ihr wiederstreiten ?
Die Tochter unser Zeit / die Fam’* steht ihr zur Seiten ;
Drumb schrey ich überlaut ; O aller Jungfrau’n Krohn!
Und aller Frauen Ehr ! der Männer Spott und Hohn.

  • Fama

Aus: Der HochEdlen/ Hochgelahrten/ Tugend-vollenkommen/ Jungfrauen/ Annen Marien von Schürmann/ Märck-Stein/ Von der Zeit und Ziel unsers Lebens / Erstlich in Lateinischer Sprache gar zierlich beschrieben/ und Aus derselben nachmahls zu jedermännigliches Nachricht in Niederländischer und Hochteutscher Sprache übergesetzet, 1679 (Digitalisat)

Nachtrag: Der erste Band (von zweien) der ersten Werkausgabe von Sibylla Schwarz seit 1650 ist derzeit in der Drucklegung und sollte rechtzeitig zum Weihnachtsfest beim Verlag Reinecke & Voß oder in der Buchhandlung Ihres Vertrauens zu haben sein.

Sibylla Schwarz
(1621-1638)
Werke, Briefe, Dokumente
Kritische Ausgabe
Band 1: Briefe, Sonette, Lyrische Stücke, Kirchenlieder,
Ode, Epigramme und Kurzgedichte, Fretowdichtung.
Mit den Worterklärungen für beide Bände
Herausgegeben von Michael Gratz
Reinecke & Voß, Leipzig, ca. 270 Seiten

Romantiker-Bildnisse

Robert Jentzsch

(4. November 1890 Königsberg – 21. März 1918 gefallen in Nordfrankreich)

Aus: Romantiker-Bildnisse
Herrn John Höxter gewidmet

4.
Ich aber las, wo keine Nacht mehr leuchtet,
Der schwarzen Blumen Schimmer und Verderb.
Ich fuhr auf breiten Winden, meer-gefeuchtet,
Auf zu den Sternen, einsam, fern und herb.

Griff der Gewitterwolken Feuerschwere,
Hielt schon den Raub. Da stürzt‘ ich in die Not..
Gelähmt in öden Tagen ohne Ehre
Wart ich auf schales Alter, blöden Tod.

6.
Ich höre mehr Geräusche, als mir frommt,
Und meine Sinne buhlen mit zu vielem.
Denn jedes Bild und jeder Ton, der kommt,
Begehrt – derb oder zart – auf mir zu spielen.

Der mich beherrschte einen Augenblick,
Läßt gleich mich wieder tausend Diadochen,
Ich beiße mich ihm ein, umklammre ihn..
Und gleite ab, ein Tier, winselnd, zerbrochen.

8.
Ein Tier, das manchmal brüllt und manchmal lacht,
Das durch die Straßen wackelt, wie der blinde
Zufall es wälzt,.. bist du mir. Weiter nichts.
Nun sage, lieber Freund, was uns verbinde..

Nacht peitscht mit Wolken tot der Sterne Licht,
Ihr Hochmeer reibt der Rand der Häuser krumm..
Ich – wenn ihr Sturm wie Orgelbrausen wächst –
Bin Höhle, welche dumpf ihm wiederdröhnt.

Aus: Robert Jentzsch, Versensporn 29, Jena: Poesie schmeckt gut 2017, S. 10f

Am Rand

Georg Trakl

(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)

Am Rand eines alten Wassers
Am Rand eines alten Brunnens 1. Fassung

Dunkle Deutung des Wassers: Stirne im Mund der Nacht
Seufzend in schwarzen Kissen des Menschen rosiger Schatten,
Röte des Herbstes, das Rauschen des Ahorns im alten Park,
Kammerkonzerte, die auf verfallenen Treppen verklingen.

Am Rand eines alten Brunnens
2. Fassung

Dunkle Deutung des Wassers: Zerbrochene Stirne im Munde der Nacht
Seufzend in schwarzem Kissen des Knaben bläulicher Schatten,
Das Rauschen des Ahorns, Schritte im alten Park,
Kammerkonzerte, die auf einer Wendeltreppe verklingen,
Vielleicht ein Mond, der leise die Stufen hinaufsteigt.
Die sanften Stimmen der Nonnen in der verfallenen Kirche,
Ein blaues Tabernakel, das sich langsam auftut,
Sterne, die auf deine knöchernen Hände fallen,
Vielleicht ein Gang durch verlassene Zimmer,
Der blaue Ton der Flöte im Haselgebüsch – sehr leise.

Aus: Georg Trakl, Das dichterische Werk. München: dtv 1987 (72.-79. Tsd.), S. 175f

Lied des Entsprungenen

Johannes Urzidil

(* 3. Februar 1896 in Prag; † 2. November 1970 in Rom)

LIED DES ENTSPRUNGENEN
(Aus der symphonischen Dichtung „Die Straße“)

Ein Irrer, langhaarig, schiefen Mundes, eine Geige in der Hand

Will mich Hand des Wärters halten,
werd’ ich mich zusammenfalten
wie Papierchen, sanft umfassen,
durch die Gitter wehen lassen.
Wie das Kätzchen giebelschleichend,
auf den Mauersimsen streichend,
bin ich auf dem First geritten
an der Ulme abgeglitten.
Hab’ mir auf dem Fiedelbogen
weiße Zwirne aufgezogen.
Will mir keiner Saiten schenken,
muß ich mir die Saiten denken.

(Macht einige Striche durch die Luft)

Herrlich klingt auf meinem Cello
Arie von Paesiello.
Wärtershand ist hinterm Hügel,
faßt sie mich, so droht sie Prügel.
Ehmals war doch alles helle,
war nicht Riegel, war nicht Zelle,
nun ist alles mir zersplittert,
bin gefesselt, bin vergittert.
Leib ist dunkel eingewunden,
aufgeschwollen, unentbunden.

Bin ich nicht als Lamentoso,
Pizzikato, Furioso,
halb gespielt und halb gesungen
einer Partitur entsprungen?

Ehmals war ich ein Andante,
das auf einer Flöte brannte.
Herrgott sprach zu mir sein Werde
und ich ballte mich zur Erde.
Nun seit fünfzighundert Jahren muß ich um die Sonne fahren,
bis ich mich zu Nichts zertöne, irgendwo zu Ende stöhne.

(Schlägt sich ins Gebüsch.)

Aus: Johannes Urzidil, Sturz der Verdammten. Gedichte. Leipzig: Kurt Wolff. In: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu hrsg. v. Heinz Schöffler. Band 2. Frankfurt/Main: Scheffler, 1970, S. 41f  [791f]

Jamsids Spiegelkelch

Şafak Sarıçiçeks Gedichtband hat von der ersten Zeile („Wolkenscheiben des Flusses treiben ins Land des Hafis“), ja eigentlich vom Titel an eine ausgesprochen west-östliche Ausrichtung. Kommen 200 Jahre nach Goethe Dichter, die Osten und Westen auf neue Weise zusammenführen? Man kann es so lesen. Eine frühe Kritik monierte zu viele „östliche Kostbarkeiten“ und mythische Namen, „verschiedenste und zu viele Urkulturen“. Meines Erachtens ein Mißverständnis, aber durchaus symptomatisch und nicht ohne Parallelen zur Rezeption von Goethes lyrischer Ost-Erweiterung. Lange kaum verstanden und noch weniger gekauft – 100 Jahre nach Erscheinen war die Erstausgabe des Diwan noch nicht vergriffen –, heute mitunter spiegelverkehrt von manchem Westler orientalistisch verklärt, während sein Verfasser von manchem Moslem und mancher Muslima zum Moslem erklärt wird, als wäre das alles, was sie suchen. Sitzt immer noch jeder auf seinem Pott?
Schon Goethe sah ja das Problem. Selbst Freunde begegneten den Proben aus seiner west-östlichen Produktion ratlos, und er ging soweit, den 150 Gedichtseiten zu „besserem Verständnis“ beinah doppelt soviel Seiten mit Erklärungen hinzuzufügen, mit dem bereits erwähnten traurigen Fakt der Unverkäuflichkeit. Aber wenden wir uns dem Buch des deutschen Dichters von heute zu.

Ich gestehe, ich hatte vor diesem kein Buch des Autors gelesen (Jamsids Spiegelkelch ist schon sein viertes). Ich war neugierig und wollte mich wieder an Lyrikkritik versuchen nach zu langer Abstinenz. Also warum nicht ganz was Neues?

Wenn etwas neu ist, hat man noch keinen Bezugsrahmen. Es rauscht vieles an uns vorbei, und warum nicht? Es gibt ja keinen Zwang, alles und jeden zu verstehen, gar noch „richtig“.

Es rauscht an uns vorbei oder zieht uns in den Bann. So ging es mir bald (in gewissem Sinn von der ersten Zeile an, weil ich mich viel mit Hafis beschäftigt habe). Man weiß nicht, worum es geht, es fehlt der Bezug. Aber stimmt das? Habe ich noch nie ein vorher unbekanntes Gedicht von unbekanntem Autor gelesen? Ist es nicht so, dass mich der Sog, in den das Buch mich fast von Anfang an und dann bei jedem Wiederlesen zog, an frühere, frühe Soge erinnert? Wie war das vor… tatsächlich, vor fünfeinhalb Jahrzehnten, als der Schüler meines Namens plötzlich anfing, Gedichte zu lesen, jedesmal ein neuer Autor, ein neuer Kontinent, rätselhaft beglückend, irritierend, konvulsivisch… Die Schönheit wird konvulsivisch sein, oder sie wird nicht sein. – Die Schule versuchte eine andere Leseart zu implantieren, apollinisch könnte ich sie nennen. Du musst verstehen, verstehen, richtig verstehen, vor allem richtig! Aber dann findest du bei Goethe: Du musst verstehn, aus eins mach zehn, und zwei lass gehn, und drei mach gleich, so bist du reich! (Ihr müsst nicht nachschlagen, ich zitiere aus dem Gedächtnis, stimmt so.) So, genau so ist es, Reichtum und Schönheit entstehen nur beim konvulsivischen Lesen, das andere, das Geradeauslesen bringt höchstens gute Noten. Was für beglückende Erinnerungen, wie es mich hineinriß in den Strudel, den Maelstrom, eine neue Welt bei jedem neuen Autor, neuen Buch. Süße Zeit, wo ich zum ersten Mal Heine las, süße Musik, liebliches Geläute, aber fragt mich nur nicht wie. Novalis und Eichendorff im Weißenfelser Stadtpark neben des einen Grab. Goethe, Brecht, Hölderlin, Bobrowski… (Letzteres war noch Gegenwartsliteratur, die Weißenfelser Stadtbibliothek in Novalis‘ Sterbehaus hatte dankenswerterweise zwei Gedichtbände von Bobrowski). Das waren ungefähr in der Reihenfolge die ersten. Viele kamen dazu, ich lese viele Arten von Gedichten, Hauptsache Sog, Hauptsache Musik (neue). Ich muss es zugeben, Hafis hat mich hineingelockt, ich habe erst mal nichts verstanden, aber war fasziniert:

Lager

Wolkenscheiben des Flusses treiben ins Land des Hafis.
Schatten des Abhangs knetet Kamele, knetet und knetet.
Ellenbogen und Rücken der Gebirgsgötter. Älteste Sprachen:
Dunst ihrer Abendpfeife. Dunst wabert wolkig. Verklebt Zwischenräume.

Wir sind vier Turbane. Sind der Wüstenumhang. Blicken
auf feuchtes Silber hinab. Mit ihm zu treiben zum Monarchen
Kaukasus. Als versunkene Blicke im Strömen oder
im Saufen der Kamelhöcker.

Vorhang aller Felshänge. Kleines Feuerlager. Zum
Mohnschlaf der Steinhalden ziehend: Der Turban.
Der Wüstenumhang. Abendschwingen eines Greifs.
Ihre Majestät entlässt Triumph und Schall.

(Jamsids Spiegelkelch S. 5)

Ich sehe zuerst Bilder (in diesem Gedicht; woanders im Buch sind es auch Klänge, die hineinlocken, oder noch anderes, man könnte es Tanz des Intellekts nennen). Wolkenscheiben des Flusses, ja. Sie „treiben“ am Himmel, auf dem Fluß, ja. Der Fluß heißt nicht Rhein, sondern vielleicht Aras, der fließt von der nordöstlichen Türkei nach Osten und bildet die Grenze zwischen Iran und seinen Nachbarländern Armenien und Aserbaidshan. Dort ist jetzt Krieg, aber die Wolken treiben frei. Sie treiben ins Land des Hafis. Das Verb „treiben“ evoziert eine Karawane, die auch sogleich auftaucht, Kamele, die Schatten des Abhangs streifen und „kneten“ die Kamele, es könnte der Abhang des Ararat sein, der tatsächlich nach Norden Schatten auf den Fluss wirft, Gebirgsgötter, älteste Sprachen: Babel im Süden, der Kaukasus im Norden sind etwa gleich weit entfernt, hier ist kein Krieg, eine mythische Gegend, geeignet, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten. Hafis was here, Goethe auf seiner Spur, und auch Hölderlin trieb es dem Kaukasos zu. Die Introduktion, ein Festkonzert in erhabener Gegend. West-östlich geht es hier zu. – Es bleibt nicht so feierlich-friedlich, aber das Einleitungsgedicht mutete mich so an.

Şafak Sarıçiçek, Jamsids Spiegelkelch. Gedichte. Dortmund: edition offenes feld, 2019

Liebe Leserinnen und Leser der Lyrikzeitung, das Obenstehende war die Einleitung meiner Kritik des Gedichtbands von Şafak Sarıçiçek. Sie wird ganz in einigen Wochen in der ersten Ausgabe eines neuen Formats der Lyrikzeitung erscheinen. L&Poe Journal soll es heißen, ein Magazin mit den drei Abschnitten: Neue Texte / Umschau & Kritik / TaBu. Vor allem aber freue ich mich auf die Gelegenheit, künftig zu tun, was in mehr als anderthalb Jahrzehnten Lyrikzeitung & Poetry News keinen Raum hatte. Die tägliche Kärrnerarbeit der Zeitungsnachrichten hinderte mich am Vertiefen in Essay und Kritik. Lesen Sie in der Lyrikzeitung weiterhin jeden Tag ein Gedicht und zwei oder drei Mal im Jahr neue Texte, Kritiken und Essays, letzteres von mir und Freunden.

Ferdinand Kriwet

Für alle, die in der Nähe wohnen, Sonntag, 1.11., vorerst letzte Gelegenheit vor dem Lockdown:

„Auch wende ich mich entschieden gegen die Institutionalisierung des Buches als der einzig rechtmäßigen Heimstatt von Poesie“ (Ferdinand Kriwet, 1965). Das Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde folgt diesem Diktum und gibt in der ersten Einzelausstellung nach Ferdinand Kriwets Tod im Dezember 2018 einen Überblick über sein literarisches Werk, das die klassischen Gattungen von Literatur, Kunst, Theater, Film und Musik sprengt. Sie zeigt bis zum 14.3.2021 zum einen alle Publikationen des 1942 in Düsseldorf geborenen Autors, von seinem im Alter von 19 Jahren bei DuMont in Köln veröffentlichten „ROTOR“ bis zum letzten Buch „RUM WIE NUM“, posthum im Verlag Tino Graß erschienen. Zum anderen eröffnen großformatige Textarbeiten und „Hörtexte“ im Außenbereich des Kulturguts, audiovisuelle Arbeiten sowie eine Auswahl weiterer Werke einen Einblick in die Vielfalt von Kriwets Schaffen.

Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 1. November 2020, um 16 Uhr im Torhaussaal des Kulturguts mit einer Präsentation des Kriwet-Films „Campaign. Wahlkampf in den USA“ und einer Lesung des Schauspielers Andreas Ladwig aus dem Lesebuch „Ferdinand Kriwet“, das zur Ausstellung in der Reihe „Nylands Kleine Westfälische Bibliothek“ erscheint. Zur Einführung in Kriwets Werk spricht Bettina Brach, Inhaberin des Nachlasses und Kuratorin aus Bremen.

Ferdinand Kriwet: Rundscheibe IV. Aufgerollte Reise, 1961/1970 © Ferdinand Kriwet/Courtesy Galerie BQ

 

Ferdinand Kriwet: Poem Print, 1968 © Ferdinand Kriwet/ Courtesy Galerie BQ

Der Seefahrer

Heute zwei Gedichte mit fast dem gleichen Titel und von zwei Autoren, die heute Geburtstag haben. Georg Heym wurde am 30. Oktober 1887 geboren, Ezra Pound genau zwei Jahre früher. Pounds Gedicht heißt The Seafarer / Der Seefahrer, das von Heym: Die Seefahrer. Pounds Gedicht ist die sehr musikalische Übersetzung eines altenglischen Gedichts aus einer Handschrift des 10. Jahrhunderts, die älteste Darstellung eines Seefahrers, der allein mit dem Meer kämpft, in der englischen Literatur.

Ezra Pound: The Seafarer (Anfang)

From thc Anglo-Saxon

May I for my own self song’s truth reckon,
Journey’s jargon, how I in harsh days
Hardship endured oft.
Bitter breast-cares have I abided,
Known on my keel many a care’s hold,
And dire sea-surge, and there I oft spent
Narrow nightwatch nigh the ship’s head
While she tossed close to cliffs. Coldly afflicted,
My feet were by frost benumbed.
Chili its chains are; chafing sighs
Hew my heart round and hunger begot
Mere-weary mood. Lest man know not
That he on dry land loveliest liveth,
List how I, care-wretched, on ice-cold sea,
Weathered the winter, wretched outcast
Deprived of my kinsmen;
Hung with hard ice-flakes, where hail-scur flew,
There I heard naught save the harsh sea
And ice-cold wave, at whiles the swan cries,
Did for my games the gannet’s clamour,
Sea-fowls’ loudness was for me laughter,
The mews‘ singing all my mead-drink.
Storms, on the stone-cliffs beaten, fell on the stern
In icy feathers; full oft the eagle screamed
With spray on his pinion. (…)

(Hier gibt es den altenglischen Originaltext mit Übersetzung)

Ezra Pound: Der Seefahrer

Aus dem Angelsächsischen

Mög ich in meines Liedes Redlichkeit
Von Reisen radebrechen; wie ich in harter Zeit
Fährnis erfuhr oft.
Bittere Herz-Bang hab ich verbüßt,
Kannte auf meinem Kiel manch Kummers Klaue
Und baumhohe Brandung; oft verbracht ich
Voll Not die Nachtwach am Bug des Nachens,
Dieweil er kämpft an Klippen. Kälte fraß
Da meine Füße, starr vor Frost.
Klamm seine Ketten; stechendes Keuchen
Hetzte mein Herz und Hunger erzeugte
Meermüdigkeit. Daß kein Mann verkenne,
Wie er auf Festland lieblichstens lebt,
Lauschet wie ich, kummer-gepeitscht auf eiskalter See
Widerstand einst dem Winter – erbärmlicher Auswurf
Bar meiner Sippschaft.
Harter Eis-Schorf haftete an mir, Hagel flog.
Hörte dort nichts als harsches Meer
Und eiskalten Seegang; zuweilen ein Schwan-Schrei!
Diente zur Lust mir Seeraben-Lärm,
Vogel-Laut war mein Gelächter,
Möwenlied mein Met-Trunk.
Von Steinklippen prallten Stürme gegens Heck,
Eisig gefiedert; vielmals kreischte der Adler
Mit Gischt auf dem Fittich. (…)

Deutsch von Eva Hesse. Aus: Ezra Pound, Personae / Masken. Gedichte. München: dtv, 1992 (zuerst 1959 Zürich: Arche), S. 93

Die Seefahrer

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

Die Seefahrer

Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen,
Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,
Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen
Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.

Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen,
Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,
Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen
Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.

Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.
Unsere Hände brannten wie Kerzen an.
Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.

Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus.
Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen
In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.

Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.

Aus: Georg Heym, Gedichte. Leipzig: Reclam, 1967 (2. Aufl.), S. 66

Wilna

In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 wurden zahlreiche weißrussische und jiddische Dichter in Stalins Sowjetunion erschossen, darunter Mosche Kulbak. Hier zwei Strophen aus dem Gedicht „Wilna“.

Mosche Kulbak : Wilna

Auf deinen Mauern geht wer eingehüllt im Talles*,
Des Nachts über der Stadt hält ihn die Trauer wach.
Er lauscht: Die Adern alter Betstuben und Höfe
Pulsieren, rasseln wie ein staubbedecktes Herz.
Du bist ein Psalmenlied, geformt aus Lehm und Eisen,
Gebet wird jeder Stein, und Hymne – jede Wand,
Wenn Mondlicht in die Kabbala der Gassen rinnt
Und deine nackte, garstig-kalte Pracht beglänzt.
Dein Frohsinn trauert, ist die Freude tiefer Bässe
Von Klezmern, deine Feste sind Begräbnisfeiern,
Trost schenkt dir nur die leuchtend klare Armut,
Die auf dem Stadtrand ruht, wie stiller Sommernebel.
Du bist ein dunkles Amulett, in Litauen gefaßt,
Mit altersgrauer Schrift, von Moos bedeckt und Flechten:
Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente,
Die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden,
Wenn ein Wasserträger auf der alten Synagoge
Frostklamm sein Bärtchen streicht und Sterne zählt.

Des Nachts über der Stadt, hält mich die Trauer wach:
Kein Ton. Die Häuser liegen starr wie Lumpenballen.
Irgendwo oben tropft und flackert eine Kerze.
Wie eine Spinne hockt, im Dachstuhl eingenistet.
Ein Kabbalist und spinnt des Lebens grauen Faden:
– Sag, gibt es einen in der weiten kalten Leere,
Der unser Ohr verlorne Schreie hören läßt?
Vor ihm steht Raziel**, bleigrau, in der Finsternis
Mit pergamentnen, alten, abgewetzten Schwingen,
Die Augen, Gruben voller Sand und Spinngewebe:
– Es gibt ihn nicht. Da ist nur Trauer und sonst nichts!
Die Kerze tropft. Der grüne Jude lauscht versteinert
Und saugt das Dunkel aus des Engels Augenhöhlen.
Der ganze Dachstuhl atmet tief, mit Lungen
Des herben Wesens bei den Hügeln schlummernd.
Ach, Stadt, bist du nur Traumbild eines Kabbalisten,
Das grau durchs All schwebt, wie ein Spinnennetz im Herbst?

* Gebetsmantel
**mystischer Engel, übergab dem Menschen ein Buch über Himmelslehre

Aus dem Jiddischen von Andrej Jendrusch, in: „Wilna, das litauische Jerusalem“. 9. Tage der jiddischen Kultur vom 21. bis 26. Januar 1995 in Berlin, S. 9

 

Originaltext aus: Ale verk fun Mosheh Kulbak. Amherst, Mass.: National Yiddish Book Center, Band 2. Nachdruck der Ausgabe Wilna 1929, S. 179f.

Ballade vom Beichtgeheimnis

Geboren heute vor 240 Jahren, am 28. Oktober 1780: Ernst Gebhard Salomon Anschütz, deutscher Komponist und Dichter. Der Name sagt uns nicht viel, aber jeder kennt ein paar Text(teil)e und Melodien von ihm: Fuchs du hast die Gans gestohlen; O Tannenbaum; Es klappert die Mühle am rauschenden Bach; Wenn ich ein Vöglein wär. Er schrieb auch das Libretto des Singspiels „Johann von Nepomuk“ von Carl Loewe. Hier daraus ein Balladenduett, keine hohe Lyrik, nur ein frommes, Schauer- und Rührstück, wie es im Buche steht.

Böhmenkönig Wenzel:
„Ha, Priester, zitt’re! nicht verhöhnen
Läßt sich des Königs Machtgebot!
Sprich, willst du meinen Zorn versöhnen,
Der deinen Trotze furchtbar droht?

Dein Fürst befiehlt, du mußt gehorchen,
Es ist des Untertanen Pflicht,
Sonst schwör‘ ich dir, du siehst schon morgen
Des Tages erste Sonne nicht.

Die finstern Zweifel, die mich quälen,
Ich löse sie mit mächt’ger Hand;
Umsonst versuchst du zu verhehlen,
Was beichtend dir mein Weib bekannt.

Drum nenne frei die Last der Sünden,
Die schwer Johanna’s Busen drückt,
Daß mir die Hölenqualen schwinden
Wenn ihre Schuld ich klar durchblickt.“

Johann von Nepomuk:
„Herr, nimmer löst der Beichte Siegel
Ein Staubgeborner frevelnd auf,
Denn ewig birgt ihr eh’rner Riegel
Und hemmt des freien Wortes Lauf.

Zum Dienst der Kirche auserkoren,
Wie Gott und Welt mir Zeuge war,
Hab‘ ich Verschwiegenheit geschworen
Am glanzerfüllten Hochaltar.

Drum wolle nicht den Diener richten,
Der solch Bekenntnis dir versagt
Und in Erfüllung ernster Pflichten
Der Erdengüter Größtes wagt.

Bedenke, daß der Weltgebieter
Ein Richter herrscht im Königshaus;
Er winkt, und Thronen stürzen nieder,
Und Völker tilgt sein Donner aus.

Doch hast du Ändrung nicht beschlossen,
Wohl, so versöhne dich mein Blut!
Viel reineres ward einst vergossen
Zum Heil der Welt für höh’res Gut.“

Wenzel:
„Wohlan denn, Haß und Rache kochen
In meiner Brust, ich schwör es laut:
Dein Urteil hast du selbst gesprochen,
Dem leeren Wort zu viel vertraut.“

Drauf rief er seiner Knechte Scharen,
Ein Kerker schließt den Priester ein,
Der seinen Eid getreu zu wahren,
Trägt heldenkühn die schwere Pein;

Heiß betend unter süßen Schauern,
Erfleht er Gnade nur von Gott,
Nicht Rettung aus den düstern Mauern,
Trotz seiner Feinde bitterm Spott.

So kommt die Nacht auf dunkeln Schwingen,
In Andacht kniet der Fromme dort,
Die Angel knarrt, und näher dringen
Die Henker ihm, bereit zum Mord.

Die Hände, die vor wenig Stunden
Der Messe Opfer dargebracht,
Sie werden schmachvoll ihm gebunden
Durch Wenzels zügellose Macht.

Und zu des Moldaustromes Brücke
Schleppt ihn die Menge stürmisch hin,
Denn es befahl des Wütrichs Tücke,
Er finde seinen Tod darin.

Die Sterne deckt ein Nebelschleier,
In tiefer Stille ruht die Flur,
Des Gottgeweihten Leichenfeier
Begeht die trauernde Natur.

Wild brausend wälzen sich die Fluten,
Ans Ufer spritzt der Wellen Schaum,
Die drängend nicht im Kampfe ruhten,
Als wär zu eng des Bettes Raum.

Allein die Priestermörder stählen
Wie Erz die Brust. Ins feuchte Grab,
Gehorchend ihres Herrn Befehlen,
Wirft ihn die Rotte kalt hinab.

Urplötzlich schweigt das grause Toben
Des Flutenmeers, das ihn errafft.
Von Wellensanft emporgehoben
Schwebt er dahin voll Wunderkraft,
Und aus den schwarzen Wogen steigen,
Umglänzt vom reinsten Strahlensgold,
Fünf Sterne, wie im ew’gen Reigen
Jehovah dort sie tönend rollt.

Da sinken zitternd Wenzels Schergen,
Das Wunder schauend, niederwärts,
Am Boden ihre Schuld zu bergen,
Gefoltert von der Reue Schmerz.

Und singend aus der Wasserhöhle
Schwingt sich der Geist des Heil’gen los,
Und Engel tragen sanft die Seele
Hinauf in Gottes Vatersschoß!