Wird sich nicht ändern

„It Will Not Change“

It will not change now
After so many years;
Life has not broken it
With parting or tears;
Death will not alter it,
It will live on
In all my songs for you
When I am gone.

Prosaübersetzung:

Es wird sich nun nicht ändern
nach so vielen Jahren;
Das Leben hat es nicht zerbrochen
durch Abschied oder Tränen;
Der Tod wird es nicht ändern,
Es wird weiterleben
in all meinen Liedern für dich
wenn ich nicht mehr da bin.

Sara Teasdale (8. August 1884 St. Louis – 29. Januar 1933 New York City)

Aus dem Band „Flame and Shadow“ (1920)

Die amerikanische Dichterin Sara Trevor Teasdale scheint durch alle oder fast alle Raster der deutschen Rezeption gefallen zu sein. Vielleicht waren ihre Gedichte zu „einfach“?

1907 erschien ihr erster Gedichtband. Sie gehörte zur Redaktion der in Chicago erscheinenden Zeitschrift „Poetry“. 1918 erhielt sie den Vorläufer des Pulitzerpreises für den Gedichtband „Love Songs“. Einen deutschen Wikieintrag gibts, aber der konzentriert sich auf ihr privates Schicksal (unglückliche Ehe, Selbstmord). In keiner meiner relativ vielen Anthologien amerikanischer Lyrik kann ich sie finden, nicht einmal in den auf Autorinnen spezialisierten.

Röschen

Joachim Ringelnatz

(7. August 1883 Wurzen – 17. November 1934 Berlin)

Ein Liebesnachts-Wörtchen

Ja – – ja! – -ja!! – – ja!!! – –
Du hast so süße Höschen.
Nun sind wir allein. Und es ist Nacht.
Ach hätte ich Dir doch ein Röschen
Mitgebracht.

Aus: Joachim Ringelnatz: Gedichte dreier Jahre. Berlin: Ernst Rowohlt, 1932, S. 39

Hört weg!

Christa Reinig

(6. August 1926 Berlin – 30. September 2008 München)

HÖRT WEG!

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen
für die stromer und wüsten matrosen
für die sträflinge und heimatlosen
für die zigeuner und träumer und liebestollen

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben
nicht mehr nach hause finden

Emily Brontë

Heute ohne gegebenen Anlaß ein Gedicht meiner Lieblings-Brontë. Emily Brontë wurde am 30. Juli 1818 in Thornton, Yorkshire geboren, sie starb jung am 19. Dezember 1848 in Haworth, Yorkshire. Wuthering Heights, Sturmhöhe, ist ein großartiger Roman. Hier ein kleines Gedicht von ihr.

Was it with the fields of green,
Blowing flower and budding tree,
With the summer heaven serene,
That thou didst visit me?

No; ’twas not the flowery plain;
No; ’twas not the fragrant air:
Summer skies will come again,
But thou wilt not be there.

War es mit den grünen Feldern,
Blühenden Blumen und Knospenden Bäumen,
Mit dem heiteren Sommerhimmel,
Daß du mich besuchtest?

Nein; es war nicht die blumige Wiese;
Nein; es war nicht die duftende Luft:
Sommerhimmel kommen wieder,
Doch du wirst nicht dort sein.

Aus: Emily Brontë: Gedichte/Poems 2. Deutsch von Elsbeth Ort. München: Popa, 1988, S. 26f

Ein deutscher Dichter gallisch-alemannischen Geblüts

René Schickele (1883-1940)

Sonnenuntergang

Ich stieg vom Keller
Bis unters Dach,
Immer heller
war das Gemach,
Die Stadt, sonst verdrossen,
Hob Kuppeln aus Gold,
Es glühten die Gossen
Wie Adern von Gold.

Die Felder brandeten,
Meer in Meer,
Vögel landeten,
Von Feuer schwer,
Auf Korallenwipfeln.
Schauer von Licht
Liefen ernsten Gipfeln
Übers Gesicht …

Den Turm besteigend
Sah ich die Welt
Der Nacht sich neigend
Von Lust erhellt,
Mit einem Lächeln,
das schimmernd stund,
Ein Flammenfächeln,
Um ihren Mund,

Wie Frauen der Wonnen,
Sie liegen enthüllt,
Noch lange versonnen
Gedenken erfüllt.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 120

Ich füge die von ihm selbst verfaßte Biografie aus dem Anhang der Anthologie hinzu, weil sie ewig aktuell bleibt in ihrer Verachtung der um ihre Identität bemühten Knechtsseelen:

R E N É S C H I C K E L E. Geboren am 4. August 1883. Gymnasium: Zabern und Straßburg. Universitäten: Straßburg, München, Paris. Reisen durch ganz Europa westlich der Elbe, Griechenland, Palästina, Ägypten, Indien. Wo ich gerade bin, ist es immer am schönsten. Jetzt in einem Schweizer Fischerdorf am Bodensee.

Ich bin ein deutscher Dichter, gallisch-alemannischen Geblüts, das in den Formen der deutschen Sprache austreibt, ein Fall wie Gottfried von Straßburg auch — dreifache Verbeugung vor dem unerreichbaren Ahnen! — den doch auch keiner zu „annektieren“ und zu „desannektieren“ gedenkt.
Gestern deutscher, heute französischer Staatsangehöriger: ich pfeife darauf. Es gibt Menschen (und dazu gehören die meisten meiner Landsleute), die sich sogar ihre Henker aussuchen wollen. Soweit geht mein ästhetisches Gewissen nicht. Was kümmerts mich, wohin die Eroberer ihren Fußball schieben! Für mich gehören Grenzverschiebungen wie alle andern nationalen
Transaktionen zum Börsenspiel. Ich hin nicht daran beteiligt, sie gehn mich nichts an. Weil ich es mit solchen Ketzereien ernst genommen habe von jeher und gar erst im Krieg, stehe ich in schlechtem Ruf beim livrierten Gesindel diesseits wie jenseits des Rheins. Die Psychologen darunter enthüllen mich jahraus jahrein als einen „unsichern Kantonisten“, obwohl ich nie abgeleugnet habe. Gott erhalte mir meine Unsicherheit!

Immerhin gehöre ich zur deutschen Literatur, die ich — wie sich allmählich zeigt: mit Recht — für eine größere Realität ansehe, als die gepanzerten, pulvergeladenen, geschliffenen und schaumlügenden Äußerungen der deutschen Öffentlichkeit. Keiner meiner Kameraden wird mich durch meine Schuld verlieren. Und begänne der Krieg von neuem, und welche Militarismen einander auch ablösen mögen. Ich weiß: Der Mensch, bisher das traurigste der Tiere, hat seine Lage erkannt, und nichts wird ihn hindern, für seine Befreiung einen Ruck zu tun, wie die Geschichte noch keinen vermerkt hat.

Aus: Ebd. S. 296f

Merlin

Weil das Volk seine Reden alle wieder erfuhr, und jener Mann ihn auf die Probe zu stellen gedachte, beschloß Merlin, nun nicht mehr so offen zu sprechen, sondern alle seine Sprüche und Worte wurden nun dunkler und man verstand sie erst, nachdem sie eingetroffen.

Aus: Sammlung romantischer Dichtungen des Mittelalters. Aus gedruckten und handschriftlichen Quellen. Herausgegeben von Friedrich Schlegel. Junius, Leipzig 1804. Band 1: Geschichte des Zauberers Merlin. (Histoire de la vie, miracles, enchentements et prophecies de Merlin. Erstausgabe: 3 Bände, Paris 1498), S. 140

Das Buch ist ein Werk von Dorothea Schlegel. Es erschien wie ihr einziger Roman  ohne Namensnennung der Autorin/Übersetzerin als von ihrem Ehemann Friedrich Schlegel herausgeben. Brendel Mendelssohn alias Dorothea (von) Schlegel, geborene Mendelssohn, geschiedene Veit, war die Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786). Nach der Scheidung nannte sie sich Dorothea und lebte im Kreis der Jenaer Frühromantiker mit Friedrich Schlegel zusammen, den sie 1804 in Paris heiratete. Sie wurde am  24. Oktober 1764 in Berlin geboren und starb am  3. August 1839 in Frankfurt am Main.

Seite aus dem Buch (Googlescan als visuelle Poesie)

Hier gibt es Bücher von Dorothea Schlegel zum Herunterladen.

Dänholmer Dichterstreit

Dänholm ist eine kleine Insel zwischen Stralsund und der großen Insel Rügen. Vor 15 Jahren beobachtete ich dort in einer trostlosen Bushaltstelle einen Dichterwettstreit zwischen rechten (Nazis) und linken („Zecken“) Jugendlichen in Gestalt zweier als Graffiti an die Wände geschriebenen Vierzeiler. Dieses Stück politischer Volksdichtung sei das heutige Sommergedicht.

A

Zecken sind schwul
Zecken haben ne Fratze
schneidt‘ euch die Haare,
werdet zur Glatze

B

Hitler ist tot
Nazis sind krank
färbt euch die Haare
werdet zum Punk

Finde fünf Unterschiede!

In meiner Anthologie, in der ich ein paar Jahre vor Gründung der Lyrikzeitung Gedichte veröffentlichte, gab es die Rubriken:

(Die Namen sind Farben der damaligen Apple-Farbpalette). Heute: Zement.

Finde heraus, warum Text Nummer 1 nach Heinrich Heine klingt (Auszug aus dem Gedicht Himmelfahrt), Text Nummer 2 aber nach einer aus NPD- oder anderen völkischen Kreisen kommenden Hetzschrift! Eine Übung zur Medien- und Textkritik.

1

Man hört Pantoffelgeschlappe jetzund,
Auch klirrt es wie ein Schlüsselbund,
Und aus einem Gitterfenster am Tor
Sankt Peters Antlitz schaut hervor.

Er spricht: »Es kommen die Vagabunde,
Zigeuner, Polacken und Lumpenhunde,
Die Tagediebe, die Hottentotten –
Sie kommen einzeln und in Rotten,
Und wollen in den Himmel hinein
Und Engel werden und selig sein.
Holla! Holla! Für Galgengesichter
Von eurer Art, für solches Gelichter
Sind nicht erbaut die himmlischen Hallen –
Ihr seid dem leidigen Satan verfallen.
Fort, fort von hier! und trollt euch schnelle
Zum schwarzen Pfuhle der ewigen Hölle.«

So brummt der Alte, doch kann er nicht
Im Polterton verharren, er spricht
Gutmütig am Ende die tröstenden Worte:
»Du arme Seele, zu jener Sorte
Halunken scheinst du nicht zu gehören –
Nu! Nu! Ich will deinen Wunsch gewähren,
Weil heute mein Geburtstag just
Und mich erweicht barmherzige Lust –
(…)

2

Von diesem Text gibt es keine autorisierte Fassung. Hier drei von mehreren im Netz kursierenden, jeweils mit „Anmoderation“:

Heinrich Heine sagte mal—
Türken,Inder,Hottentotten sind sympathische alle drei,
wenn sie leben,lieben,lachen fern von hier in der Türkei.
Doch wenn sie in hellen Scharen,wie die Maden in dem Speck,
in Europa nisten wollen—ist die Sympathie schnell weg

politikforen.net 10.12.2014

Heinrich Heine dichtete 1840: „Türken, Inder, Hottentotten, sind sympathisch alle drei, wenn sie leben, lieben, lachen fern von hier in der Türkei. Doch wenn sie in hellen Scharen, wie die Maden in dem Speck, in Europa nisten wollen, ist die Sympathie schnell weg!“

Quelle: Plenarprotokoll 4/130, Sächsischer Landtag, 4. Wahlperiode Freitag, 23. Januar 2009 (NPD-Abgeordneter Jürgen Gansel)

Islamische Massenimmigration: Ahnte Heinrich Heine, was auf Europa zukommen wird? Heinrich Heine 1840:

Türken, Inder, Hottentotten
sind sympathisch alle drei,
wenn sie leben, lieben, lachen
fern von hier in der Türkei.

Doch wenn sie in hellen Scharen,
wie die Maden in dem Speck,
in Europa nisten wollen,
ist die Sympathie schnell weg.

Michael Mannheimer Blog 20.10. 2013

 

Batzal

Gleich noch einmal Ernst Jandl, etwas zum Thema „Die Lyrik als Ausdruck“:

HOHES UND NIEDRIGES

aus aian orphischn oaschloch
druckts es maunchmoe a batzal
nemtsas glei auf de zungen
olle lyrik gheat gsungen

Die ersten drei Verse sind durch eine Zäsur vom vierten Vers geschieden. Erst mit diesem stellt sich die Mehrdeutigkeit des Gebrauchs von batzal heraus: daß sich dieses Wort hier nicht ausschließlich auf ein Stück weichen Exkrements bezieht, sondern auch auf Lyrisches. Vielleicht sind also das batzal und die lyrik von Anfang an identisch, oder im Zuge der Handlung verwandelt sich das batzal ins Gedicht oder das Gedicht ins batzal.

Was – wenn denn irgendetwas Bestimmtes – geschehen müßte, damit die angesprochenen Besitzer eines orphischn oaschlochs, also wohl die Lyriker selbst, die Identität oder die Verwandlung des batzals oder des Gedichtes hervorrufen können, bleibt ungesagt, dafür wird es getan: Die Aufforderung selbst ist – weil sie ein, nein, weil sie dieses Gedicht ist – das, was geschehen muß, um das batzal zum Gedicht oder das Gedicht zum batzal zu machen oder das eine in das andere zu verwandeln.

Aus Johann Georg Lughofer (Hrsg.): Ernst Jandl, Praesens Verlag, 2011 (Mehr)

Batzal, überhaupt ein polylinguales Wort

  • Österr. Häufchen: a Batzal Schlåg, Senf, Zwifä, Vogel-, …
  • Hebr. בָּצָל batzal Zwiebel
  • am. Slang Generally a guy with blonde hair in a fraternity. Also tends to be from the midwest, and go to a Big 10 university. You can just look at him and know what he is…a batzal

Ernst Jandls Sommerlied

Erster August ist Jandltag.

sommerlied

wir sind die menschen auf den wiesen
bald sind wir menschen unter den wiesen
und werden wiesen, und werden wald
das wird ein heiterer landaufenthalt

Aus: Ernst Jandl: dingfest. gedichte. mit einem nachwort von hans mayer. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand Verlag, 1973, Seite 53. (Von diesem Band der Sammlung Luchterhand erschienen bis 1983 6 Auflagen, sagt die Österreichische Nationalbibliothek. Es muß aber auch 1990 noch nachgedruckt worden sein – mein Exemplar trägt das Copyright 1983 und 1990. Erwerben konnte ich es 1991 in einer Buchhandlung in Essen, die das gesamte literarische Programm von Luchterhand verhökerte, ich glaube 3 Mark pro Stück, wenn man mindestens 10 abnahm, 2 Mark 50. Ich kaufte ja alleine mehr als 10 Bände von Jandl, ich hatte Nachholbedarf.

Die Dichter des 19. Jahrhunderts

Petöfi ist ein Asteroid mit der Nummer 4483. Sonst ein Dichter mit dem Vornamen Sándor (1. Januar 1823 Kiskőrös [Taufdatum] – 31. Juli 1849 Weißkirch bei Schäßburg, heute Rumänien)

Vorbemerkung d. Hrsg.: Sollten einige Thema und Sprache zu wenig zeitgemäß finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem Sommertage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder.

Die Dichter des 19. Jahrhunderts

Deutsch von Martin Remané

Kein Sänger sollte in die Saiten
ohne Besinnen greifen heut,
denn hohe Pflichten zu erfüllen
hat der Poet in dieser Zeit!
Wer nur von seiner eignen Freude,
vom eignen Schmerz sich fühlt bewegt,
ist nicht vonnöten und tut besser,
wenn er die Laute niederlegt.

Wir irren heute in der Wüste
wie einst das Volk von Israel,
doch Moses, der der Feuersäule
Jehovas folgte, ging nicht fehl.
Uns hat der Schöpfer heut den Dichter
als Fackel für den Weg gesandt,
als Führer, der das Volk geleite
ins heilige, Gelobte Land.

So führt das Volk voran, ihr Dichter,
durch Feuer, Flut und Wüstensand!
Fluch dem, der sinken läßt die Fahne
und wegwirft gar mit feiger Hand!
Fluch allen, die sich ferne halten
aus Trägheit und Bequemlichkeit,
im sichren Schatten ruhn, indessen
das Volk nur Mühe kennt und Leid.

Falsche Propheten gibt’s, die sagen:
„Legt doch die Waffen aus der Hand!
Was ihr ersehnt, ist längst errungen!
Ihr lebt schon im Gelobten Land!“
Doch Lüge ist’s! Seht die Millionen,
die tot sich rackern rings im Feld
und mühsam nur ihr Leben fristen,
von Durst und Hunger stets gequält!

Erst dann, wenn jeder gleichberechtigt
Platz nehmen darf am Tisch der Welt,
erst dann, wenn jeder gleichermaßen
sein Teil vom Überfluß erhält,
wenn durch die Fenster aller Hütten
das Licht der Bildung Einzug fand,
erst dann ist’s Zeit für uns zu rasten,
erreicht ist das Gelobte Land.

Solange darf’s nicht Ruhe geben,
kein Ende unseres Gerichts!
Lohnt unsre Opfer, unsre Mühe
die Welt dereinst uns auch durch nichts,
der Tod wird unsre Augen küssen,
selig sinkt unser Leib hinab
und schläft mit ruhigem Gewissen
im wohlverdienten, stillen Grab.

In lauen Sommernächten

Heute ein Sommergedicht von Georg Weerth (17. Februar 1822 Detmold – 30. Juli 1856 Havanna, Kuba).

Weerth beteiligt sich an revolutionären Umtrieben in Paris und in Deutschland. Nach dem Scheitern der Revolution rächte sich das Establishment und sperrte ihn unter einem Vorwand für fünf Jahre ein.

In lauen Sommernächten,
Wo alles wundersam,
Da war es, daß wir zechten
Bis daß der Morgen kam.
Ein Wetterleuchten zuckte
Bisweilen übern Rhein;
Das stille Mondlicht blickte
In unsre Becher hinein.

Es sang mit süßem Schalle
Im tiefen Stromestal
Die schöne Nachtigalle
Von ihrer Liebesqual.
Und um die Berge flogen
Die Nebel wunderbar:
Als käme angezogen
Eine luftige Geisterschar.

Die Lindenzweige rauschten
Um unsern Tisch herum:
Wir horchten und wir lauschten
Und wurden still und stumm.
Wohl halb im Traume blickten
Wir in den grünen Rhein;
Und bückten uns und nickten
Und schlummerten endlich ein.

Der Juli

Von Erich Kästner (23. Februar 1899 Dresden – 29. Juli 1974 München) das siebte seiner dreizehn Monatsgedichte, eindeutig ein Sommergedicht.

Der Juli

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die künftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.

Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.

Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.

Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluß
des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.

Der Meister vom Stuhle

Eine Goetheparodie von Clemens Brentano, der heute vor 175 Jahren, am 28. Juli 1842, starb.

Es saß der Meister vom Stuhle,
Gar frech im eignen Kot,
Wer wagt sich zu dem Pfuhle,
Es tun ihm Prügel not,

Wer schmeißt mich über und über,
Wer bläst das Licht mir aus,
Wer giebt mir Nasenstüber,
Wer schickt mich recht nach Haus.

Und kömmt er einst zum Sterben,
So stirbt sein ganzes Reich,
Die Frösche all verderben,
Krepiert er in dem Teich.

Er saß einst an der Saale,
Nun sitzt er auf dem Sand,
Und hat bei seinem Mahle
Die Esel all zur Hand.

Da sitzt er, keiner frecher,
Und platzet fast vor Wut,
Und reicht den giftigen Becher
Sich selbst und seiner Brut.

Wir sehn ihn platzen, sinken
Und stinken in eigner Schmer,
Laßt ihn nur aus sich stinken,
Dann stinkt es nimmer mehr.

Das ist natürlich eine Goetheparodie – „Es war ein König in Thule“. Persifliert als „Meister vom Stuhle“ wird aber nicht der Geheimrat, sondern ein politischer Gegner, ein Professor namens Theodor Heinrich Schmalz, der sich während der napoleonischen Besetzung im „Demagogenstreit“ als Denunziant antinapoleonischer Umtriebe hervortat. Das Gedicht wurde erstmals 1968 veröffentlicht – weit über 100 Jahre nach dem Tod des Dichters, ein Literaturskandal, der noch größer wird, wenn man mitbedenkt, daß nicht nur einzelne Texte, sondern ein beträchtliches Konvolut von Texten des berühmten Romantikers damals noch nicht oder nur in verstümmelter Form veröffentlicht war – was ohne Zutun und Nichttun der Germanistik nicht möglich gewesen wäre. (Schmalz kam 1809 aus Halle – daher im Gedicht die Saale – nach Berlin – „nun sitzt er auf dem Sand“, – wo er nämlich Rektor der Berliner Universität wurde.)

Hilaire Belloc

Der am 27. Juli 1870 in Paris geborene britische Schriftsteller Hilaire Belloc befaßte sich mit ernsten Dingen wie Politik (vier Jahre war er Abgeordneter im britischen Parlament),  Kapitalismus (hinter dem er eine jüdische Verschwörung vermutete), Bolschewismus (jüdische Verschwörung), Krieg (er verlor in beiden Weltkriegen je einen Sohn), Katholizismus (den unterstützte er) usw. und veröffentlichte über 100 Bücher. Überlebt hat er hauptsächlich mit humoristischen kleinen Gedichten wie diesem unübersetzbaren*:

When I am dead, I hope it may be said:
His sins were scarlet, but his books were read.

*) Google übersetzt buchstaben-, aber nicht sinngetreu so:

Wenn ich tot bin, hoffe ich, dass es gesagt werden kann:
Seine Sünden waren scharlachrot, aber seine Bücher wurden gelesen.