Mit dir

Rumi

(*30. September 1207, Balch, Afghanistan, † 17. Dezember 1273, Konya, Türkei)

Mit dir möcht‘ Worte ohne Zungen sprechen ich,
Möcht‘, was zu Ohren nie gedrungen, sprechen ich,
Nur dein Ohr soll vernehmen, was ich sag, soviel
Auch mag inmitt‘ von Alt und Jungen sprechen ich.

Handschrift Istanbul Esad, Blatt 320 b1

Deutsch von Annemarie Schimmel. Aus: Maulana Dschellaladdin Rumi: Aus dem Diwan. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 36

Ach, wenn es der letzte ist!

Miguel de Unamuno

(* 29. September 1864 in Bilbao; † 31. Dezember 1936 in Salamanca)

Wir trennten uns in einem Kuß,
ach, wenn es der letzte ist!
Das Herz will uns zerspringen
in diesem tiefen Schmerz!
Küsse, die lachend kommen,
gehn unter Tränen davon,
mit ihnen geht das Leben,
das niemals mehr wiederkehrt.
Du sagst mir: das Leben kehrt wieder;
doch dieses nicht, das da geht:
wir trennten uns in einem Kuß,
ach, wenn es der letzte ist!

Deutsch von Karlheinz Barck, aus: Metamorphose der Nelke. Moderne spanische Lyrik spanisch und deutsch. Hrsg. Carlos Rincón. Leipzig: Reclam, 1968, S. 43/45

Nos partimos en un beso;
¡ay si el último será!
el corazón se nos parte
¡con las penas que nos da!
Besos que vienen riendo
luego llorando se van,
y en ellos se va la vida
y nunca más volverá.
Vuelve la vida –me dices–;
pero no la que se va:
nos partimos en un beso;
¡ay si el último será!

Landschaftsbeschreibung

Schnee am Fluß

Liú Zhōng-Yúan (773-819)

Die Vögel fliegen nicht mehr in den Bergen.
Auf den Wegen gehen keine Menschen.
In einem Boot sitzt einsam ein Alter im Strohmantel.
Im kalten Schnee des Flusses angelt er allein.

–––––––––––––––––
Interpretiert: Kleine Landschaftsbeschreibung.

Aus: Ausgewählte Tang-Gedichte.  Lai, Li-Show. Taiwan, o.J.  S. 32

Gegen alle organisierten Lügen

Yan Jun

Aus: GEGEN ALLE ORGANISIERTEN LÜGEN

gestern nacht träumte ich von sojasoße. gestern nacht begann ich zu wachsen. gestern nacht ging die wüste weit fort, wie ein seufzen. ich habe die wolken gehört, unterm dachstuhl, während der letzte von den jungen, die weggehen mussten, als man ihre häuser abriss, seine zigarette aufrauchte. weil gestern nacht keine frau weinen wollte, wurde shanghai eine stadt aus holzpferden. weil kein nebel über die brücken kommen wollte, wurde guangzhou ein tablettenhimmel. und in xining gingen die lichter aus, während jemand sein messer versteckte und über eine straße rannte, die mit schaföl bespritzt war. gestern nacht verließ der gott von beijing die stadt.

(…)

zum flohmarkt, unsterbliche und unvergängliche!

gestern warst du ein intellektueller, heute bist du ein dieb, morgen wirst du im schlaf sprechen und ein philosoph sein, geht es darum? geht es darum, dass handys nicht durchkommen, aber flugzeuge problemlos einen zerbrechlichen himmel zerkratzen dürfen? geh raus mit dem rinderteufel, schau dir einen gott an, ein jahr sollte reichen um schweigen zu lernen, um beobachten zu lernen, um zu lernen, wie man in lehmstahlhöhlen wohnt und weint.

(…)

Aus dem Chinesischen von Lea Schneider. In: Yan Jun: internationaler tag der reparatur. hochroth Berlin 2016, S. 7

Lest langsam

Vojtech Mihálik

(* 30. März 1926, Dolná Streda, Slowakei, † 3. November 2001, Bratislava)

Anleitung zum Lesen von Gedichten

Noch ehe ihr euch entschließt, Gedichte zu lesen,
bringt Erinnrungen, Phrenologie und Erdkunde in euch zum Schweigen.
Schneidet euch die Nägel.
Schiebt zwischen Umschlag und Einband – vorläufig nur –
das Gemurr eurer kleinen Boshaftigkeiten,
verlorene Rechnungen, Lose und Schnürsenkel.

Lest langsam,
Wort um Wort, aber lest nicht wörtlich.
Es ist mir peinlich, erklären zu müssen,
daß Magda S., Blondine aus Poprad mit einer Fliege auf der Nase,
eigentlich brünett und aus Kiripolec, einen Elefanten auf der Nase trägt.
Und daß sie möglicherweise
identisch ist mit einem Traumgesicht.

Um des Familienfriedens willen
meßt ihren Schädel nicht nach dem Liede.
Lest wehrlos und skeptisch –
nur wenn ihr nichts glaubt, glaubt ihr alles.
Zum Schutz nur ist die empfohlene Maniküre:
Schält ihr die Realien aus dem Papier,
kriecht euch das eingefrostete Gedicht nicht unter die Nägel.
Und in einem bestimmten Augenblick,
einem unbestimmbaren, traurigen, bläulichen,
summt es,
und auffliegt der Elefant von der Nase der Magda S.,
eigentlich der schwarzen Eva aus Levoča.
Mit der Musik fließen Erinnern, Phrenologie und Erdkunde, in eins.
Die Bosheit stirbt, geboren wird Zorn
oder Vergebung.

Das ist der Beweis,
daß ihr richtig gelesen habt
und entgangen seid den Konflikten in Familie und Gesellschaft.

1965

Nachgedichtet von Günther Deicke
Aus: Miroslav Válek, Milan Rúfus, Vojtech Mihálik, Gedichte. Hrsg. Manfred Jähnichen. Berlin: Volk und Welt, 1978, S. 127f

An ein Mädchen

AN EIN MÄDCHEN

BERGDAMA, SW-AFRIKA (Namibia)

Tu doch so schämig nicht,
Du liebes Schwarzgesicht!
Hör auf zu weinen!
Bin ja ein fremder Mann!
Kein Mädchen sieht mich an!
Als schöner Jüngling kann
Ich nicht erscheinen.
Drum denkt auch niemand dran,
Daß du dem fremden Mann
Was hast zulieb getan.
Es kümmert keinen!
Ich geh ja bald davon,
In diesem Jahre schon!
Brauchst nicht zu meinen,
Daß ich für immer dich
Will binden fest an mich!
Ich hab ja keinen
Bestimmten Wohnort mehr,
Geh heimatlos umher.
Brauchst später ja nicht mehr
Mir nachzuweinen!

Aua: Dichtungen der Naturvölker. Religiöse, magische und profane Lyrik. Gesammelt, gesichtet und in deutscher Sprache hrsg. von Eckart v. Sydow. Wien: Phädon, 1935, S. 140. Seine Quelle: H. Vedder: Die Bergdama. Hamburg 1923, II, 48.

Kreuzbraves Lied

Günter Kunert (1929-2019)

Junges Paar an der Ecke

Plätze finden, fröhlich sich zu paaren,
Das ist schwer für solche ohne Raum.
Leichter seinen Samen aufzusparen
Für die Nacht und für den kargen Traum.

Traum von warmen Kammern und von Betten,
Nicht nur drin zu schlafen und allein.
Über den Beton schaun wir nach Stätten
Für die Liebe, und wir finden Stein.

Unruh in uns, streifen wir durch Straßen,
Fern der Wildnis und ihr noch nicht fremd.
In den Städten, groß und ohne Maßen,
Wärmt uns meistens nur das eigne Hemd.

Aus: Günter Kunert: Das kreuzbrave Liederbuch. Berlin: Aufbau, 1961, S. 9

Einband vom Autor

Wie ich ein Fisch wurde

Günter Kunert (* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)

Wolf Biermann singt Günter Kunert „Wie ich ein Fisch wurde“

Biermanns Vertonung ist für mich interessant, weil er (eigentlich bei allen Titeln auf der Platte „Hälfte des Lebens“) radikal das Metrum singt – geradezu skandiert. Hier peitschende, vorwiegend sechshebige Trochäen: „Meine | Arme | dehnten | sich zu | breiten | Flossen“.

 

4 Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen, Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt: Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen Die Veränderung, die seine Welt erfährt. 5 Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln. Wer am alten hängt, der wird nicht alt. So entschloß ich mich, sofort zu handeln, Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt. 6 Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen, Grüne Schuppen wuchsen auf mir voller Hast; Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen, War dem neuen Element ich angepaßt. 7 Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten, Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind, Aber fürchte jetzt die Trockenheiten, Und daß einst das Wasser wiederum verrinnt. 8 Denn aufs neue wieder Mensch zu werden, Wenn man’s lange Zeit nicht mehr gewesen ist, Das ist schwer für unsereins auf Erden, Weil das Menschsein sich zu leicht vergißt.

Aus: günter kunert: der ungebetene gast. Berlin und Weimar: Aufbau, 1965, Seite 12f (dort korrekt mit acht durchnummerierten Strophen).

Das Buch erschien 1966 in zweiter Auflage, obwohl Kunert immer heftig angegriffen wurde. 1963 brachte eine Bezirkszeitung der SED eine ganze Seite mit Beiträgen von Literaturwissenschaftlern und „einfachen Bürgern“ gegen drei Gedichte von Kunert. Damals waren Gedichte noch wichtig!

Knospen

Jehuda Amichai

(hebräisch יהודה עמיחי)

(* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)

Knospen

Ich stieg auf das Dach des weißen Hauses
Um zu sehen, was war
Und mich zu erinnern an die, die hier starben.
Zwischen den Eukalyptusbäumen und den Orangenhainen
Und den gelben Dünen.

Die meisten Menschen leben weiter
Nach ihrer ersten Liebe
Und die meisten Menschen überleben
Ihren ersten Krieg.

Ich habe zum Gedenken einen Hut aufgesetzt
Und in meinen Kopf wurde alles eingeschlossen.
Ich nahm den Hut zum Gedenken ab
Und meine Gedanken flogen in alle Winde
Wie Samen, die nicht aufgenommen werden.

Dann stieg ich hinunter vom Dach
Und setzte mich in das Haus, und um die Mittagszeit
Hörte ich die Geschichte vom Mut und vom Tod
Der Miri Ben-Ari, ihr Name
Ist klar wie eine Vogelstimme, und die Geschichte ihres Todes
Ist wie der Flug eines Vogels.

Aus dem Hebräischen von Alisa Stadler

Aus: Jehuda Amichai: Auch eine Faust war einmal eine offene Hand. Gedichte. München, Zürich: Piper, 1994, S. 16

An die Verächter der Wissenschaft

Antioch Kantemir

(russisch Антиох Дмитриевич Кантемир; * 10. September jul./ 21. September 1708 greg. in Konstantinopel; † 31. März jul./ 11. April 1744 greg. in Paris)

Erste Satire:
An die Verächter der Wissenschaft

An meinen· Verstand

Unreife Frucht flüchtiger Studien: mein Verstand,
Gib endlich Ruh, zwing nicht zu schreiben meine Hand!
Auch dem, der nicht schreibt, kann der Tag im Flug verrinnen,
Auch wer nichts selber schafft, kann dennoch Ruhm gewinnen,
Zum Ruhm will das Jahrhundert leichtre Wege zeigen,
Die mutge Füße ohne Straucheln aufwärts steigen,
Die größte Mühsal nimmt noch immer der in Kauf,
Der euren Pfad wählt, Musen. Mancher gab schon auf,
Weil ihn die Kraft verließ. Du erbst nur Schweiß und Leiden,
Poet, dich wird man wie den Aussatzkranken meiden.
Gelächter und Verachtung werden deine Gäste:
Wer über Büchern sitzt, erwirbt wohl nie Paläste.
Kein Park mit Marmorbildern wird sein eigen werden,
Und um kein Schaf vermehrt er die ererbten Herden.

Zwar unser junger Herrscher läßt die Musen hoffen.
Die Ungebildeten – sie meiden ihn betroffen.
Apollos Ruhm weiß er zu schirmen und zu wahren,
Apolls Gefolge selbst kann bei ihm Schutz erfahren.
Und seine Sorge ist’s, des Parnaß Volk zu mehren.
Ein Ärgernis nur bleibt, und keiner kann ihm wehren:
Wie viele loben überschwenglich das am Zaren,
Wogegen sie bei andern tadelnd sich verwahren!

Schisma und Häresie sind des Studierens Preis,
Der lügt am meisten, wer das meiste weiß,
Wer über Büchern hockt, wird sich vom Glauben wenden –
So seufzt die heil’ge Seele, Kriton. In den Händen
Den Rosenkranz, fleht er, man möge doch erkennen,
Daß uns von unserm Heil die Wissenschaften trennen:
Die Kinder, die so still und folgsam an uns hingen,
Gehorsam nach der Väter Art zur Messe gingen,
Mit Angst und Zittern hörten, ohne zu verstehen,
Wolln nun zum Leid der Kirche eigne Wege gehen,
Lesen die Bibel selbst, stelln Fragen, wollen denken
Und unsern Geistlichen nicht länger Glauben schenken.
Zur Fastenzeit trinkt keiner Kwaß. Nicht Stock, nicht Bitten
Bringt sie zum Pökelfleisch. Verloddert sind die Sitten.
Sie weihen keine Kerzen, halten keine Fasten.
Am liebsten wollten sie der Kirche Macht antasten.
Und raunen: Wer der Welt entsagt und ihrem Leben,
Soll sich mit Reichtum nicht und Landbesitz umgeben.

Silvan hat eine andere Gefahr erkannt:
Studiererei, sagt er, bringt Hunger übers Land.
Als wir noch nicht Latein erlernten, ja, in jenen Jahren
Lebten wir besser. Als wir ungebildet waren,
Hatten wir gute Ernten, litten keine Not.
Die fremde Sprache brachte uns um unser Brot.
Soll sich ein Edler seiner schlechten Sprache schämen,
Ob falschen Satzbaus sich, ob der Grammatik grämen?
Ach was! Für einen Mann von Stand reicht Ja und Nein.
Logik und Stil laßt niedrer Leute Bettel sein.
Will man der Seele Kraft, will man ihr Maß ergründen,
Des Weltalls Plan, der Dinge Grund und Ursach finden,
Muß man als Narr und neunmal tumber Trottel leben,
So dumm ist’s grad, wie Erbsen an die Wand zu kleben.
Mehrt es mein Geld, mein Leben nur um einen Tag,
Erfahr ich, was mir Vogt und Pächter stehlen, sag?
Kann es, wie man den Teich mit Wasser füllt, mich lehren,
Kann es die Fässer in der Kelterei vermehren?
Auch die sind töricht, die voll Unrast Feuer zünden,
Um, ruß’gen Augs, der Erze Wesen zu ergründen.
Auch wenn mich nicht ihr närrisch Wesen plackt und kleidet,
Weiß ich, wie man das Gold vom Kupfer unterscheidet.
Arznei- und Krankheitskunde – nichts als Gaukelwesen!
Schmerzt dich der Kopf? Der Arzt will es am Puls ablesen
Er simpelt, daß das Blut der Übel Ursach wär.
(…)

Daß man zu viel Papier verdrucke und verschreibe
Und daß am Ende nicht ein Blättchen übrigbleibe
Zum Lockenwickeln, so klagt Medor. Doch mitnichten
Würd für Senecas Werk auf Puder er verzichten.
Vergil sei nichts, der Schuster Jegor alles wert.
Nicht Cicero – Rex, unser Schneider sei geehrt.

Tagtäglich stürmen solche Reden auf mich ein,
Drum duck dich, mein Verstand, und lerne still zu sein.
Ist schon die Arbeit nutzlos und umsonst die Plage,
Begehrst du doch, mein Herz, daß sie dir Ruhm eintrage.
Doch handelst du zumeist statt Lob nur Tadel ein.
Weit schlimmer ist’s, als mangelte dem Trinker Wein,
Als wenn dem Popen man das Osterfest mißgönnte,
Der Kaufmann nicht sein Bier mit Hopfen würzen könnte.

Wohl weiß ich, mein Verstand, du kannst mir leicht beweisen,
Daß lasterhafte Menschen nie die Tugend preisen,
Geizhälse, Stutzer, Frömmler und dergleichen mehr,
Sie schmälen jede Art von Bildung seit jeher.
Wen schert’s, wen kümmert es, was solch ein Kläffer bellt?
Dein Rat, Verstand ist gut, wie aber ist die Welt?
Bosheit kann heut’gentags der Klugen Schicksal schmieden.
Und um nicht abzuschweifen, habe ich vermieden,
Zu sagen – und in Wahrheit auch, weil ich’s nicht wagte,
Wie boshaft man auch andre Wissenschaften plagte.
Reicht dies? Die Wächter vor dem Paradies
Und jene, denen Themis ihre Waage ließ,
Kaum einer liebt die Wissenschaft, die wahre Zier.

(…)

Willst du ein Richter sein, leg die Perücke an!
Sprich schuldig den, der für sein Recht nicht zahlen kann!
Ein hartes Herz verachtet stets der Armen Träne.
Liest man das Protokoll, so schlafe nur und gähne!
Jedoch, wenn einer auf des Staats Gesetz verweist,
Vor dir das Völkerrecht und das Naturrecht preist,
Erkläre, daß er lügt, und spuck ihm ins Gesicht,
Wenn er so Unerhörtes fordert vom Gericht –
Daß Sekretäre Aktenberge wälzen müssen:
Der Richter unterschreibt – mehr braucht er nicht zu wissen.

Vorbei die Zeit, da wir die Weisheit thronen sahn,
Sie ebnete zum Höheren uns allein die Bahn.
Durch sie nur könnten wir den Lorbeerkranz erlangen.
Der goldene Äon – wie lang ist er vergangen!
Dünkel und Reichtum hat die Wahrheit stolz bezwungen,
Unwissen hat bei uns der Bildung Rang errungen,
Stolziert im Höflingskleid, prunkt unter Bischofskronen,
Spricht Recht am Richtertisch, befiehlt den Bataillonen.

Nichts ist der Wissenschaft vom alten Glanz geblieben,
Aus allen Häusern hat man sie mit Schimpf vertrieben,
Wie einer, der leicht seekrank wird, die Seefahrt meidet,
Flieht man die Wissenschaft, jedem ist sie verleidet.
Nutzlos ist jede Bildung, schallt es ringsumher:
Sie füllt die Köpfe, und sie macht die Taschen leer.

(…)

Schweig still, Verstand, wenn du die Narren prahlen hörst,
Und gräm dich nicht, wenn du auch niemals Dank erfährst.
Denn frei von Angst, scheint es auch schwer, ist dessen Leben,
Der in dies Los sich schweigend hat ergeben.
Und jeder, dem der Weisheit Gabe ward zuteil,
Soll ihrer sich erfreun, doch halt er sie nicht feil.
Denn will er sie für andre Menschen nutzbar machen,
So erntet er kein Lob. Man wird ihn bös verlachen.

1729

Nachdichtung: Uwe Grüning

Aus: Chorus an die verkehrte Welt. Russische Dichtung des 18. Jahrhunderts. Leipzig: Reclam, 1983, S. 29ff

Der Spiegel

Der Spiegel

Tschö Tschi Won

(857-915)

Die Fuchsfee kann sich verwandeln
in ein wunderschönes Weib,
und mancher üble Geist erscheint
in einem Gelehrtenleib.

Das sind zwar keine Menschen,
doch gleichen sie ihnen genau,
der böse Geist im Gelehrtenleib
und die Fuchsfee als schöne Frau.

Das Schwerste ist nicht das Verwandeln;
das lernt man schon mit den Jahren.
Viel schwerer ist es, in dieser Welt
ein menschliches Herz zu bewahren.

Und willst du unterscheiden,
was Wahrheit ist und was Schein,
dann mach aus deinem Herzen
einen Spiegel und halt ihn rein.

Aus: Lob des Steinquells. Koreanische Lyrik. Aus dem Sino-koreanischen übertragen, nachgedichtet und herausgegeben von Ernst Schwarz. Weimar: Gustav Kiepenheuer, o.J. (1973), S. 36

Krieg

Oskar Kanehl

(* 5. Oktober 1888 in Berlin; † 28. Mai 1929 ebenda)

Krieg

Was jubelt ihr und schwenkt die bunten Tücher?
Und brüllt den Krieg?
Werdet vor heiligem Gottgeist schamrot!
Hunger und Seuche und Tod
feiern den Sieg.

Was schießt ihr plötzlich auf euren Menschenbruder,
den ihr geliebt?
Fallt sengend über sein Gut und Habe her?
Staaten- und Völkerrecht. Wißt ihr nicht mehr,
daß es Menschenrecht gibt?

Leichenfeld. Kunst und Wissenschaft sind ein Gelächter.
Krähenmusik
Gott ist verjagt. Stumm ist sein Buch der Bücher.
Was jubelt ihr und schwenkt die bunten Tücher?
Und brüllt den Krieg?

Aus: Oskar Kanehl, Die Schande. Gedichte eines dienstpflichtigen Soldaten aus der Mordsaison 1914-1918. Die Aktions-Lyrik [Bd. 7] . Hg. von Franz Pfemfert. Berlin-Wilmersdorf: Verlag Die Aktion, 1922

Soeben erschienen: Oskar Kanehl. Versensporn 37. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019. 4€

Dichterhandwerk

EINGANG DES PILATUS (der Sage von Pilatus)
(Straßburger Handschrift)
12. Jahrhundert

Aus: Wilhelm Wackernagel Deutsches Lesebuch. Erster Theil. Altdeutsches Lesebuch. 1859. Unveränd. Nachdruck Essen: Magnus, o.J.

Man sagt von der deutschen Zunge*
Sie sei nicht bezwungen
Sei hart zu fügen.
Wer sie oft schlüge
Dem würde sie schmeidig
Wie Stahl zart und schneidig
Der vom Hammergestoß
Auf dem Amboß
Biegsam springe.
Daß mir’s gelinge
Will ich ausspannen meinen Sinn
Zu einer Rede zu der ich bin
Hingezogen bis jetzt nur schlaff.
Halt ich die Gedanken straff
Bis sie ausgetragen
So weiß ich wohl daß Wagen
Viel mehr wie Mäßigung mache
Bei einer solchen Sache.
Ich greife in den Untergrund
Und stärke meinen Fund
Mit dem Allerersten Sinn
Der drunten und drin
Tief verwurzelt ist.
Hab ich Stetigkeit und Frist
So hol ich aus ihm dem Einen
Mit den Grundsteinen
Die Fülle manchen Sinnes herbei
Daß mir Sinn und Geist die zwei
Wacker bleiben beide
Bis ich vom Werke scheide.**

Aus: Älteste deutsche Dichtungen, übersetzt und herausgegeben von Karl Wolfskehl und Friedrich von der Leyen. Leipzig: Insel, 1920, S. 131ff

 

 

 

 

  • Zunge ist natürlich Sprache. Der Dichter des Pilatus beginnt mit poetologischen Überlegungen. Der Anfang in einer Prosaübersetzung von Max Wilhelm Götzinger 1844: „Man klage über die Widerspenstigkeit der deutschen Zunge, die sich schwer bevogten (beherrschen) lasse. Wenn man sie aber nur recht tüchtig bearbeite, so werde sie schon gelinder, gleich dem Stahle unter den Schlägen auf dem Amboße.“ Sprachs und machte sich ans Werk.

Verklärung

Tudor Arghezi

(* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda)

Verklärung

Obwohl ich ihr sagte, daß ich’s nicht will,
gab mir die Nacht im Schlaf ganz still
die Urne des Dunkels, ich trank sie leer.
Nun komme, was wolle, bald wissen wir mehr.

Wie konnte ich ahnen, daß dem Getränk,
dem dünnblauen milchigen, Gift beigemengt?
Bin ich nur berauscht – oder bin ich gestorben?
Nun laßt mich schlafen – bin kindisch geworden.

Wer da auch anklopft, ich bin nicht zu Haus.
Fragt wer nach mir, denkt euch Antworten aus.
Wem kann ich denn so in das Angesicht sehn,
vor wem mit der jetzigen Seele bestehn?

Deutsch von Heinz Kahlau, aus: Tudor Arghezi: Ketzerbeichte. Berlin: Volk und Welt, 1968, S. 73

an allen enden

Hans Arp

(* 16. September 1886 in Straßburg; † 7. Juni 1966 in Basel)

Aus: Die Wolkenpumpe


an allen enden
stehen jetzt dadaisten auf aber es sind
im grunde nur vermummte defregger
sie ahmen den zungenschlag und das zungenzucken
der wolkenpumpe nach
ein fürchterliches mene tekel zeppelin wird ihnen
bereitet werden
und die dadaistische hauskapelle wird
ihnen was blasen
man wird sie den raupen zum fraß hinwerfen
und ihnen bärte an falsche stellen pflanzen
an sternenlassos werden sie baumeln
DIE ORIGINALDADAISTEN SIND NUR DIE
SPIEGELGASSEDADAISTEN
man hüte sich vor nachahmungen
man verlange in den buchgeschäften nur spiegelgassedadaisten
oder wenigstens werke die mit aquadadatinta
vom dadaistischen rasputin und spiritus rector
tzar tristan genetzt worden sind

(1920)

Aus: Hans Arp, Opus Null. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. Richard Pietraß. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 10