Gute Nacht

Adam Mickiewicz

(* 24. Dezember 1798 in Zaosie bei Nowogródek, heute Weißrussland; † 26. November 1855 in Konstantinopel, Osmanisches Reich)

Diese Polen! Verkaufen ihre klassischen Gedichte als Popsongs! Auch an mich, es ist schon ein paar Jahrzehnte her, in den Siebzigern, da kaufte ich alles von Czesław Niemen in Świnoujście / Swinemünde und Szczecin / Stettin, als es visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und Polen gab, oder in den Häusern der Polnischen Kultur in Berlin und Leipzig, die es auch dann noch gab, als die DDR die kleine Reisefreiheit wieder abschaffte. Ich habe bis heute, manches Mal als Ohrwurm, viele Takte Niemen im Ohr, und auch einige Dichterverse in Niemens Stimme.

Gute Nacht
Übers. Wilhelm Tkaczyk
(Odessa-Sonette 16)

Gute Nacht! Für heut ist unser Spiel zu Ende,
Mag ein Engel dich mit Fittichen behüten.
Gute Nacht! Die Tränen wandeln sich in Blüten,
Und der Frieden nimmt dein Herz in seine Hände.

Gute Nacht! Die Worte und des Herzens Brände,
Jede Stunde und Minute, da wir glühten,
Möge dir ein schöner, lichter Traum vergüten,
Daß dein Sinn sich auch im Schlaf nicht von mir wende.

Gute Nacht! Ich will noch deine Augen sehen.
Deine Lippen – gute Nacht! – bist du verdrossen?
Laß mich deine Brüste küssen, dich umfassen.

Gute Nacht! Schon fliehst du, läßt mich draußen stehen.
Gute Nacht, noch durch das Türschloß! Zugeschlossen!
Gute Nacht! Ich hätte dich nicht schlafen lassen.

Aus: Adam Mickiewicz: Lyrik. Prosa. Leipzig: Reclam, 1978, S. 77

(Wer den polnischen Text mitliest, wird bemerken, daß Niemens Fassung leicht von der hier mitgeteilten abweicht.)

DOBRANOC

Dobranoc! już dziś więcej nie będziem bawili,
Niech snu anioł modrymi skrzydły cię otoczy,
Dobranoc, niech odpoczną po łzach twoje oczy,
Dobranoc, niech się serce pokojem zasili.

Dobranoc, z każdej ze mną przemówionej chwili
Niech zostanie dźwięk jakiś cichy i uroczy,
Niechaj gra w twoim uchu; a gdy myśl zamroczy,
Niech się mój obraz sennym źrenicom przymili.

Dobranoc, obróć jeszcze raz na mnie oczęta,
Pozwól lica. – Dobranoc – chcesz na sługi klasnąć?
Daj mi pierś ucałować. – Dobranoc, zapięta.

– Dobranoc, już uciekłaś i drzwi chcesz zatrzasnąć.
Dobranoc ci przez klamkę – niestety! zamknięta!
Powtarzając: dobranoc, nie dałbym ci zasnąć.

Daheim

Charles Cros

Dichter und Erfinder, * 1. Oktober 1842 in Fabrezan, Département Aude; † 9. August 1888 in Paris

DAHEIM

„Baba, Pipi, Bubu, Popo.“
„Do, ré, mi, fa, sol, la si, do.“
Es brüllt der Knirps, die Schwestern prügeln
Auf Cembalos und alten Flügeln.
Vater rasiert sich auf dem Klo
Und geht anschließend ins Büro.
Die Mutter kocht auf kleiner Hitze
Die schleimig fade Hafergrütze.
Der älteste der Söhne putzt,
Nach allem Anschein ganz verdutzt,
Die Schuhe dieser ganzen Truppe,
Denn selbst heut’ abend nach der Suppe
Gehen sie noch ein wenig aus
Und kommen nicht zu spät nach Haus,
Um für ein derartiges Leben
Sich morgen wieder zu erheben.
„Do, ré, mi, fa, sol, la, si do.“
„Baba, Pipi, Bubu, Popo.“

Deutsch von L. Partisander, aus:Charles Cros: Das Sandelkästchen. Essen: Die Blaue Eule, 1993, S. 132

Charles Cros Le Coffret de santal

Intérieur
1879

« Joujou, pipi, caca, dodo. »
« Do, ré, mi, fa, sol, la, si, do. »
Le moutard gueule, et sa sœur tape
Sur un vieux clavecin de Pape,
Le père se rase au carreau
Avant de se rendre au bureau.
La mère émiette une panade
Qui mijote, gluante et fade,
Dans les cendres. Le fils aîné
Cire, avec un air étonné,
Les souliers de toute la troupe,
Car, ce soir même, après la soupe,
Ils iront autour de Musard
Et ne rentrerons pas trop tard ;
Afin que demain l’on s’éveille
Pour une existence pareille.
« Do, ré, mi, fa, sol, la, si, do. »
« Joujou, pipi, caca, dodo. »

In Arles

Paul-Jean Toulet

In Arles

IN Arles, umhaucht von alter Gräber Duft,
Wenn unter Rosen rote Schatten schwingen
   Und klar die Luft,

Nimm dich in acht vor all den schönen Dingen.
Und tobt dein Herz ganz ohne Grund zu schwer –
   Ein wilder Eber –

Und flattern Tauben blau und schweigend her,
Dann sprich ganz leis, sprichst du alsdann von Liebe
   Am Rand der Gräber.

Aus: Georg Schneider: Kleine französische Anthologie. Hamburg: Ellermann, 1947, S. 10

Paul-Jean Toulet

En Arles

Dans Arles, où sont les Aliscans,
Quand l’ombre est rouge, sous les roses,
Et clair le temps,

Prends garde à la douceur des choses.
Lorsque tu sens battre sans cause
Ton coeur trop lourd ;

Et que se taisent les colombes :
Parle tout bas, si c’est d’amour,
Au bord des tombes.

Dada lacht

Wieland Herzfelde

(eigentlich Herzfeld; * 11. April 1896 in Weggis, Schweiz; † 23 . November 1988 in Ost-Berlin)

Das Dadalyripipidon

Den Dadalyden lotselt Pipikotzmos,
Die Pipiratten späheln nach dem Dadalon.
Sieh! Da & Pi, Dapi, Pida, Pidadapi.
Auch der Mestrieze Dapidapi frosig bahreln.
Zuvörderst darfst dem Daad du fröhnen,
Junger Pipi (so pipida und dapipi dada).
Dem Dadaphon entströmeln sanfte Jamben.
Wer könnte – ohne Dadanent des Pipidroms zu sein.
Darob: Das Ganze stillgestanden (Mittelding),
Datater: dat!
Sprecht Dadamuden.
Der Laubfrosch säugelt euch mit Pipxin?
Der du die Dha von Daad stets peinlich weißt zu scheiteln,
Auf, Auf, an’s Dadapult, sag’s nicht dem Gnömmel-Bömmel.
Gewissenlose Pipidranten flöteln,
Zumal Fritz Friedrich Sunlight (v. Sonderscheunochzagen),
Die mistverpichten Präpipister töteln.
Deromaleinst Milliarden Dadaisten ragen.

Aus: Hanne Bergius, Das Lachen Dadas. Die Berliner Dadaisten und ihre Aktionen. Gießen: anabas Verlag, 1993, S. 195

Prometheus

Otto Gross (* 17. März 1877 in Gniebing bei Feldbach, Steiermark; † 13. Februar 1920 in Berlin) war ein österreichischer Psychoanalytiker und Anarchist. Nach einem Konflikt mit Freud wurde er aus der Psychoanalyse verstoßen und sogar aus ihrer Geschichte getilgt. Ausschnitte aus seine Biografie:

Am 6. Mai 1908 begab sich Gross in eine Behandlung am „Burghölzli“ in Zürich, die aus einer Entziehungskur und einer Analyse bei Carl Gustav Jung bestehen sollte. Am 17. Juni 1908 brach er sie ab, indem er aus der Klinik floh. Jung diagnostizierte im Nachhinein eine Dementia praecox.

(…) 1912 erfolgte eine steckbriefliche Fahndung wegen Mordes und Beihilfe zum Selbstmord. Im Februar 1913 ging Gross nach Berlin, wo er sich der Gruppe um Franz Pfemfert, den Herausgeber der Aktion, anschloss und Quartier bei Franz Jung in Wilmersdorf fand. Am 9. November 1913 wurde er hier mit der Beschuldigung, ein gefährlicher Anarchist zu sein, verhaftet und aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen. An der österreichischen Grenze nahm der Vater Hans Gross seinen Sohn in Empfang und veranlasste dessen Einweisung in die Privat-Irrenanstalt Tulln bei Wien. Verhaftung, Abschiebung und anschließende Einweisung in die Anstalt veranlassten Jung, Pfemfert und Mühsam zu einer internationalen Pressekampagne mit dem Ziel, Gross zu befreien.

1914 wurde gegen ihn wegen Wahnsinns mit Genehmigung des k.u.k. Landesgerichtes vom Bezirksgericht Graz eine Kuratel beschlossen und der Vater zum Kurator eingesetzt. Er sorgte sogleich dafür, dass sein Sohn in die Landesirrenanstalt Troppau in Schlesien verlegt wurde. Hier begann Otto Gross gegen seine Entmündigung anzukämpfen, verfasste mehrere Gesuche um neuerliche Untersuchung und Begutachtung seines Geisteszustandes und erreichte schließlich, dass er am 8. Juli 1914 als genesen entlassen wurde.“ (Wikipedia)

Bess Brenck-Kalischer

(* 21. November 1878 in Rostock; † 2. Juni 1933 in Berlin)

Prometheus
Otto Groß

Urgestein, Blut durchsickert,
Zackige Fahne – Prometheus
Stürmt das Feuer der wachen Pforte,
Streut es jauchzend den Völkern der Erde,
Aber die Vielen betrübte die Glut,
Biß und Haß spaltet den Brand,
Verqualmtes Geschlinge.
Da rang sich Prometheus wider dem Felsen,
Zwang von Neuem in jede Spalte
Heiligen Samen.
Nun quillt es leise
Um keusche Knospen,
Demütig zu lösen
Die Wehe der Welt.*

1913

Aus: Bess Brenck-Kalischer, Dichtung (Dichtung der Jüngsten, Band I). Dresdner Verlag, 1917

*) Philologie hin und her, ich habe dem Gedicht mal probeweise zwei Korrekturen zugefügt. Vielleicht Verschlimmbesserungen, vielleicht nicht. Wer das Original sehen will, findet es bei Versensporn (bis Nr. 3 runterscrollen) oder hier in der Zeitschrift „Die schöne Rarität“ (aber da ohne die Widmung an Otto Groß).

Weltende

Bess Brenck-Kalischer

(* 21. November 1878 in Rostock; † 2. Juni 1933 in Berlin)

Weltende

O über das letzte Mahl,
Wenn aus dem Salz des Leviathan
Der Alte die letzte Kraft reißt,
Sich und das Sein stürzend verschüttet
O über das letzte Mahl.
Blutfunkensprühende
Mammutrüssel sollten es künden.

1913

Aus: Bess Brenck-Kalischer, Dichtung (Dichtung der Jüngsten, Band I). Dresdner Verlag, 1917

Worte gibt es

Sinaida Gippius (Hippius)

Worte gibt es

Wer plaudert nicht in Zauberworten vor sich hin?
In Worten, die soviel wie nichts bedeuten!
Die plötzlich da sind wie ein Ding, das blinkt und klingt,
Und die zu allem passen — Leiden oder Freuden.

Ich mag sie ungern wiederholen, halte sie
Weit von mir fern und möchte sie vergessen.
So bleiben sie erhalten. Sie vergehen nie:
Am Tor zum Paradies sind sie als Gruß zu lesen.

1918

Deutsch von Felix Philipp Ingold, in: Ders.: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 217

Зинаида Гиппиус

ЕСТЬ РЕЧИ…

У каждого свои волшебные слова.
Они как будто ничего не значат,
Но вспомнятся, скользнут, мелькнут едва,
И сердце засмеется и заплачет.

Я повторять их не люблю; я берегу
Их от себя, нарочно забывая.
Они мне встретятся на новом берегу:
Они написаны на двери Рая.

Июнь 1918

An den Dichter Bürger

Elise Bürger

(* 19. November 1769 in Stuttgart; † 24. November 1833 in Frankfurt am Main)

An den Dichter Bürger

O Bürger, Bürger, edler Mann,
Der Lieder singt, wie keiner kann,
Vom Rhein an bis zum Belt,
Vergebens berg‘ ich das Gefühl,
Das mir bei deinem Harfenspiel
Den Busen schwellt!

Mein Auge sah von dir sonst nichts,
Als nur die Abschrift des Gesichts,
Und dennoch — lieb‘ ich dich!
Denn deine Seele, fromm und gut,
Und deiner Lieder Kraft und Muth
Entzückten mich.

So füllt‘ im ganzen Musenhain
Von allen Sängern, Groß und Klein,
Noch keiner mir die Brust.
Sie wogt‘ empor wie Fluch der See;
Es kämpften stürmend Lust und Weh,
Und Weh und Lust.

An Wonnen, wie an Tränen reich,
Rief ich, wie oft: O herzen gleich
Und küssen möcht‘ ich dich! —
So wechselte, wie dein Gesang,
In mir der Hochgefühle Drang,
Dem Alles wich.

O Bürger, Bürger, süßer Mann,
Der Ohr und Herz bezaubern kann
Mit Schmeichel-Wort und Sinn,
Mein Loblied ehrt dich freilich nicht:
Doch höre, was mein Herz dir spricht,
Und wer ich bin!

In Schwaben blüht am Neckarstrand
Ein schönes segenreiches Land,
Das mich an’s Licht gebar;
Ein Land, worin seit grauer Zeit
Die alte Deutsche Redlichkeit
Zu Hause war.

Da wuchs ich wohlbehalten aus,
Und meines reinen Lebens Lauf
Maß zwanzig Mahl das Jahr.
Zum Grabe, sank mein Vater früh —
Kaum ließ mir noch der Himmel die,
Die mich gebar.

Schon wankend an des Grabes
Ergriff sie des Erbarmers Hand,
Und gab sie mir zurück-
Sie bildete mit weiser Müh‘,
Was Gutes mir Natur verlieh,
Zu meinem Glück.

Bei heiterm Geist, bei frohem Mut
Ward mir ein Herz, das fromm und gut
Vor Gott zu sein begehrt.
Nur edler Liebe huldigt’s frei,
Und was es liebt, das liebt es treu
Und halt es wert.

Die bin ich, die! Und —- liebe dich!
Im schönen Stuttgart find‘st du mich,
Du trauter Witwersmann!
Umschlänge wohl nach langem Harm
Ein liebevolles Weib dein Arm,
So komm heran!

Denn träten tausend Freier her,
Und böten Säcke Goldes schwer,
Und du begehrtest mein:
Dir weigert‘ ich nicht Herz noch Hand;.
Selbst um mein liebes Vaterland
Lauscht‘ ich dich ein.

Steht Schwaben-lieb‘ und Treu‘ dir an,
So komm, Geliebter, komm heran,
Und wirb — o wirb um mich! —
Nimm oder nimm mich nicht, so ist
Und bleibt mein Lied zu jeder Frist:
Dich lieb‘ ich, dich!

Mein Leib, -. er zeigt vielleicht dem Blik
Kein Stümper- und kein Meisterstück
Der bildenden Natur.
Ich bin nicht arm, und bin nicht reich;
Mein Stand höhlt, meinen Gütern gleich,
Die Mittelspur.

Dieses Gedicht entstand, wie die meisten meiner Freunde längst wissen, aus einem bloßen Scherz; war nichts als ein Impromptu, welches ich im Beisein zweier, noch in Stuttgart lebenden Personen, mit Bleistift niederschrieb, und das nur durch die Indiskretion eines Dritten der Öffentlichkeit übergeben, für mein Leben so wichtig wurde; als ich es schrieb, ahnete ich nicht einmal, dass Bürger es lesen würde; denn er war in dem von meiner Vaterstadt so fernen Göttingen, und ich wünschte es eben so wenig.

Elise Bürger

Zwibeln und Knoblauch

Andreas Tscherning

(* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock)

Zwibeln und Knoblauch

Egypten betet mich gleich ihrem monden an / *
Hingegen hat mir spott der Flaccus** angethan.
Es lacht wer seinen schatz kans ins Gesichte fassen /
Wer mich mit augen siht / muss heisse zehren lassen.***

  • Die unbesonnenen Egyptier haben zwibeln und knoblauch / wie dem monden / göttliche ehr angethan / weil sie zerschniden die vielfaltige gestalt des monden darstellen. Den Griechen sind es φάσεις. [Phasen]
    ** Dann so spricht Horatius: edit cicutis allium nocentius. O dura tonsorum ilia. [ich zitiere etwas ausführlicher: „Wer seinem greisen Vater mit verruchter Faust / jemals die Kehle zugeschnürt / der fresse Knoblauch, schrecklicher als Schierlingsgift. / O Bauerndärme felsenhart!“ Deutsch von Adolf Bacmeister. Aus: Horaz, Werke. Hrsg. Reimar Müller. Leipzig: Reclam, 1968, S. 125]
    *** Darumb nennet Columelia die zwibeln lacrymosas thränende / weil sie in die augen beissen / und uns thränende machen.

Aus: Andreas Tschernings Deutscher Getichte Früling. Auffs neu übersehen verbessert und nachgedruckt. Rostock: Wilte ; Richel, [1646]

, S. 70f

Affengesang

Ricarda Huch

(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus, heute Stadtteil von Kronberg)

Affengesang.

Durch das Gitterdach des Urwalds tropfte
Blau der Himmel, bebte von den Aesten;
Drunter saß der alte Affe, klopfte
Cocosnüsse aus, die reifsten, besten.

Kinder, seht, wie grün die Himmelsdecke,
Sprach er, blau und zahlreich auch die Sterne.
Wenn ich dazu süße Nußmilch schlecke,
Lebt man redlich, wacker hier und gerne.

Wenn nur jene höchst verworfne Sippe
Fern uns bleibt, die schlechten Menschenaffen,
Die mit ihrem schlotternden Gerippe
Neidisch lauern, wo sie Schaden schaffen.

Schönen Pelzes Mangel gern sie hehlten
Durch der Kleiderlappen bunt Geglänze.
Ja, wenn ihnen nur die Haare fehlten!
Doch die Lumpe haben nicht mal Schwänze!

Hei, wie klettern wir geschwinden Affen!
Hei, wie knarren unsre Lustgesänge!
Stumm im Sande schlürfen sie, die Schlaffen.
Daß der große Uraff sie verschlänge!

Dieses Gaffen! Dies Gesichterschneiden!
Dieses Lachen, leeres Tongekoller!
Denk‘ ich an den Trotz der frechen Heiden,
Wird mein Busen immer unmuthvoller.

Denn bedenklich mehrt sich das Gezüchte
Seht, sie nahn, die dünkelvollen Tröpfe!
Wär’s nicht schade um die süßen Früchte,
Würf‘ ich sie der Brut an ihre Köpfe!

Aus: Ricarda Huch: Gedichte. Leipzig: H. Haessel, 1894

Morgenlied

Ein Stück Mai im November:

Sophie Albrecht

(* im Dezember 1756 bei Erfurt, getauft 6. Dezember 1756 in Sömmerda; † 16. November1840 in Hamburg)

Morgenlied.

Im May 1785.   

Prächtig steigt die Sonne wieder  
  Aus der Morgenröthe Zelt,
Tausend, tausend Jubellieder
  Singt ihr die erwachte Welt,  
Und der Blumen süßes Düften
Steigt ihr auf in reinen Lüften.

Seht! wie ihr die Heerden hüpfen, 
  Hört! wie ihr die Taube girrt;
Rascher scheint der Bach zu schlüpfen 
  Der durch frische Wiesen irrt,
Und die kleinen Sommer Müken
Tanzen ringelnd ihr Entzüken.  

Traurig siz ich in der Fülle
  Lauter Freude rings umher, 
Schwermuthsvoller, ernst und stille 
  Bleibt mein Busen freudenleer.
Ach! die Purpurstralen weken
Mir des Todes bleiches Schreken.

Weh mir! daß ich durch die Chöre, 
  Durch das Lied, das Leben singt,
Laut des Todes Röcheln höre 
  Das aus jedem Odem dringt,
In den Weyhrauch reiner Lüfte
Mischt sich Duft der Todtengrüfte.  

Blumen, die dem Aufgang blühen, 
  Welken, wenn der Mittag sinkt,
Und von Wangen, die ihm glühen, 
  Todes Schweis der Abend trinkt,
Leichen, Gräber ohne Zahlen 
Wird sein lezter Grus bestralen.

Tauche deine goldnen Flügel, 
  Erden Licht! ins Schatten Meer,
Streu um unsre Todenhügel 
  Nacht das tiefste Dunkel her, 
Bis in Edens Sonnenwälzen
Unsrer Gräber Fesseln schmelzen.

Ebenso wertvoll

Meret Oppenheim

(* 6. Oktober 1913 in Charlottenburg, heute Berlin; † 15. November 1985 in Basel)

Ebenso wertvoll aber sind die vergessenen Nachtigallen die
die granitenen Suppen essen und auf ihre Zeit warten.
„Das rote Licht leuchtet auf und alles.“

In: Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Gedichte, Prosa. Hrsg. Christiane Meyer-Thoss. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002, S. 105

Bobby Kühnling, Bobby Kühnling

Konstantin Ames

Aus: sTiL.e(dir) Sämtliche Landschaften, Welt. Wien: Klever, 2018, S. 64

Netzwerk Lyrik

Pressemitteilung des Netzwerk Lyrik e.V.
13. November 2018

Rund 40 LyrikerInnen, LyrikübersetzerInnen, WissenschaftlerInnen, VeranstalterInnen und Verlage aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Österreich und der Schweiz kamen vom 2.-4. November 2018 zur Fachtagung des Netzwerks Lyrik e.V. im „Renthof“ in Kassel zusammen. Sie diskutierten den aktuellen Stellenwert der Lyrik in Deutschland und Möglichkeiten, wie diese Kunstform gestärkt werden kann. Das Netzwerk, das sich im Februar 2018 als Verein, „Netzwerk Lyrik e.V.“, verfasst hat, setzt es sich zum Ziel, Lyrik als eigenständige Kunstform und im Ensemble mit anderen Künsten zu fördern und dadurch der Lyrik wieder mehr Gewicht und Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu geben. Ein zentrales Anliegen zur Förderung von Lyrik als Kunst ist die Stärkung von LyrikerInnen, ÜbersetzerInnen, LyrikvermittlerInnen und -veranstalterInnen unter Einbeziehung der universitären Bereiche, der schulischen und außerschulischen Bildung und aller Medien.

„Lyrik ist eine Kunstgattung, die ebenso wie andere Kunstgattungen von ausgebildeten, spezialisierten, hochprofessionalisierten Menschen ausgeführt werden muss. Es sollte die Voraussetzung geschaffen werden, dass die Menschen auch davon leben können.“, forderte Kassels Kulturdezernentin und Leiterin der GRIMMWELT Kassel, Susanne Völker, die das „Netzwerk Lyrik e.V.“ am Samstag empfing.

Der Tagung vorangegangen war eine 2017 bundesweit durchgeführte Studie zu den Einkommensverhältnissen der DichterInnen in Deutschland. Die Studie legt dar, dass die Einkommenssituation als „schwierig“ bis „prekär“ einzuschätzen ist. Ein „Aufgaben- und Forderungskatalog“ für den gesamten Bereich Lyrik wurde erstellt und Positionspapiere erarbeitet.

Auf der Fachtagung wurden an drei aufeinanderfolgenden Tagen verschiedene Zielsetzungen und Positionspapiere erarbeitet:

Unter anderem:

Lyrik im Kontext der Medialität und Digitalisierung
Die rasante Entwicklung der Informationstechnologien eröffnet neue Chancen und Herausforderungen für die Lyrik – sowohl für ihre radikale Erweiterung als auch für ihre Möglichkeit, digitale Medienkultur künstlerisch kritisch zu reflektieren. Der erarbeitete Forderungskatalog erstreckt sich entsprechend von der Förderung innovativer multimodaler Produktions- und Präsentationsformen über das Engagement in Kulturredaktionen und Rundfunkräten für mehr Durchlässigkeit von Rundfunk und Fernsehen für Lyrik bis hin zur Förderung der digitalen Vernetzung und Archivierung historischer und aktueller Erscheinungen von Lyrik.

Stärkung der Lyrik an Universitäten
Im Bereich der universitären Hochschulbildung wird die Frage nach dem aktuellen Stellenwert der Lyrik, insbesondere durch den „Bologna-Prozess“, aufgeworfen und kritisch gewertet. Eine Verbesserung der Sichtbarkeit von Lyrik, die Förderung der universitären Ausbildung von Lehrkräften und eine gezieltere Erforschung von Lyrik an den Hochschulen wird gefordert.

Förderung der schulischen und außerschulischen Poetischen Bildung
Lyrik, insbesondere Gegenwartslyrik, muss (wieder) Einzug in den Schulunterricht halten. Unterrichtsmaterialien und digitale Medien gilt es kontinuierlich dafür weiterzuentwickeln. Lehrkräfte sind gezielt dafür auszubilden. Ebenso wird das Schaffen von Begegnungsräumen und Bildungsangeboten im außerschulischen Bereich sowie die Förderung von Kindern und Jugendlichen angestrebt. Auch die Kunstform der Lyrik bedarf eigener und geeigneter Nachwuchsförderung.

Die Fachtagung wurde dankenswerterweise gefördert durch Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Integriert in die Fachtagung war die Mitgliederversammlung des „Netzwerk Lyrik e.V.“ und die Wahl seines Vorstands.

Der Verein hat seinen Sitz im Haus für Poesie in Berlin.
Vorstandsmitglieder sind Dr. Thomas Wohlfahrt , 1. Vorsitzender (Leiter Haus für Poesie), Claudia Maaß , 2. Vorsitzende (Didaktikerin), Dr. Friedrich W. Block (geschäftsführender Kurator der Stiftung Brückner-Kühner, Leitung Kasseler Kunsttempel), Özlem Özgül Dündar (Dichterin, Übersetzerin), Dr. PD Burkhard Meyer-Sickendieck (FU Berlin, Leiter einer VW-Forschergruppe im Bereich Digitale Geisteswissenschaften), Karla Montasser (Dichterin, Leitung Poetische Bildung Haus für Poesie), José Oliver (Schriftsteller, Mitbegründer der Schreibwerkstätten für Schulen und Gründer des Literaturfestes Hausacher LeseLenz), Hendrik Jackson (Dichter, Akademie zur Lyrikkritik, lyrikkritik.de), Saskia Warzecha (Dichterin und Computerlinguistin).

Für Rückfragen, Informationen und zur Interviewvermittlung
Netzwerk Lyrik e.V.
c/o Haus für Poesie
Anika Andreßen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 030. 48 52 45 33
E-Mail: presse@haus-fuer-poesie.org

Betrunkene Nacht

Hertha Kräftner

(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)

Betrunkene Nacht

Der Gin schmeckt gleich um elf und drei,
das Soda nur wird schaler.
Wer will, der kann mich haben
für einen alten Taler.
Mein Bräutigam, mein Bräutigam
war einer von den sieben Raben,
der flog am Haus vorbei,
da war es zwölf vorbei,
mein Bräutigam, mein Bräutigam
tat einen dunklen Schrei
und wollte seinen süßen Schnabel
an meinem Herzen laben,
da spießte ihn ein fremder Mann
auf eine Silbergabel.
Nun kann mich jeder haben
für einen alten Taler.
Das Herz, mein Freund,
ist aber nicht dabei
bei diesem Preis,
dem Herzen, Freund, wird kalt und heiß
nur bei den Zärtlichkeiten eines Raben.
Darum auch haben
meine Freunde mich ertränkt…
Versprecht, daß ihr das Glas Chartreuse verschenkt,
in dem ich schwimme als ein gelbes Ei.

  1. Juni 1951

Aus: Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Klagenfurt: Wieser Verlag, 1997, S. 312f