ichbins

Miron Białoszewski

(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)

ichbins ausführung

ich bin
ich bin dumm
was soll ich tun
ja was soll ich tun
wie nicht wissen
ach was weiß ich
was ich bin
ich weiß ich bin
so wie ich bin
vielleicht nicht dumm
aber das vielleicht nur weil ich weiß
dass jeder für sich der wichtigste ist
denn wenn man nicht auskommt mit sich
ist man dennoch so wie man ist

wywód jestem’u

jestem sobie
jestem głupi
co mam robić
a co mam robić
jak nie wiedzieć
a co ja wiem
co ja jestem
wiem że jestem
taki jak jestem
może niegłupi
ale to może tylko dlatego że wiem
że każdy dla siebie jest najważniejszy
bo jak się na siebie nie godzi
to i tak taki jest się jaki jest

Deutsch von Dagmara Kraus, aus: Miron Białoszewski, M’ironien. Gedichte und Prosa, ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus, hrsg./Vorwort Henk Proeme. roughbook 054, Strasbourg, Oegstgeest u. Schupfart 2021, S. 62f

Über uns das reine Gezweig

Carles Riba

(* 23. September 1893 Barcelona, † 12 Juli 1959 ebd.)

Über uns das reine Gezweig…

Über uns das reine Gezweig
und in den Augen die Welt sich vergißt,
in deinen Armen die Hoffnung ist –
das Wasser fließt und still steht die Zeit.

Das Wasser leidet und die Zeit verdirbt.
Wir sind alt wie die Welle und das Blatt,
wie der Traum, der uns gefangen hat;
zwischen dir und mir eine Rose stirbt.

Der Rose und, Geliebte, dir
hab ich Herbst und Frühling gebracht,
so wie ein leichter Blick sich sacht
in der Nacht an Schatten verliert.

C1946)

Deutsch von Peter Brasch, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. jahrhunderts. Katalanisch und deutsch. Hg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 43

Per amunt la brancada …

Per amunt la brancada pura
I en els ulls el món oblidant-se
I en els teus braços l’esperança
L’aigua corre i el temps s’atura

L’aigua sofreix i el temps sospira
Som vells com la fulla i com l’ona
Com el somni que ens empresona
Entre tu i jo una rosa expira

A la rosa i a tu estimada
He donat tardor i primavera
Com una mirada lleugera
En la nit a una ombra pensada.

Getreide steht hoch im Kurs

Margret Kreidl

(* 2. Januar 1964 in Salzburg)

Getreide steht hoch im Kurs. Es ist heiß.
Expertisen wachsen auf der Wiese. Der Bauer weiß,
die Milchseen fließen vom Norden in den Süden. Die
Imker müssen in den Bunker. Sie träumen von
Cremeschnitten und Bienenstichen. Kinder wissen,
Hühner haben Flügel, die fliegen nach
Tansania und kommen als Flüchtlinge wieder.

Aus: Margret Kreidl, Schlüssel zum Offenen. Wien: Korrespondenzen, 2021, S. 68

Oh, wie habe ich genug von meinem Land

Salvador Espriu

(Geb. 10. Juli 1913 Santa Coloma de Farners, Provinz Girona, gest. 22. Februar 1985 Barcelona)

Versuch eines Lobgesangs im Tempel

Oh, wie genug habe ich von meinem
feigen, alten, so ungeschlachten Land,
und wie gern würde ich davonlaufen,
weit nach Norden,
wo, wie man hört, die Leute reinlich sind,
anständig und gebildet, reich und frei,
wachen Sinnes und glücklich!
Dann würden, voll Mißbilligung, die versammelten Brüder
sagen: »Gleich einem Vogel, welcher sein Nest im Stich läßt,
ist der Mensch, der fortgeht von seinem Ort«,
während ich, weit entfernt schon, lachen würde
über das Gesetz und die abgestandene
Weisheit meines verstaubten Volkes.
Doch nie werde ich meinem Wunschtraum folgen,
und hier werde ich bleiben bis zum Tod.
Denn auch ich bin sehr feig und ungeschlacht
und liebe überdies mit einer
verzweifelten Trauer
dieses mein armes,
dreckiges, tristes, unglückliches Vaterland.

Deutsch von Fritz Vogelgsang, aus: Salvador Espriu, Obra Poètica. Das lyrische Werk in drei Bänden. Katalanisch und Deutsch. 1. Band. Zürich: Ammann, 2007, S. 355

Assaig de càntic en el temple

Oh, que cansat estic de la meva
covarda, vella, tan salvatge terra,
i com m’agradaria d’allunyar-me’n,
nord enllà,
on diuen que la gent és neta
i noble, culta, rica, lliure,
desvetllada i feliç!
Aleshores, à la congregació, els germans dirien
desaprovant: »Com l’ocell que deixa el niu,
aix  l’home que se’n va del seu indret«,
mentre jo, ja ben lluny, em riuria
de la llei i de l’antiga saviesa
d’aquest meu àrid poble.
Però no he de seguir mai el meu somni
i em quedaré aquí fins a la mort.
Car sóc també molt covard i salvatge
i estimo a més amb un
desesperat dolor
aquesta meva pobra,
bruta, trista, dissortada pàtria.

England 1819

Noch einmal Percy Bysshe Shelley.

England 1819

Ein König, alt, blind, irr, verachtet, nah am Tod –
Prinzen, Abschaum der stumpfen Kaste, die
Aus Dreckquell Dreck, treiben durch Straßenspott –
Regierer, die nicht wissen, sehn, noch fühln
Sondern wie Egel hängen an dem Land
Bis sie abfalln von selbst, blutblind und taub –
Ein Volk, erdolcht an leerer Äcker Rand –
Eine Armee, die Freiheitsmord und Raub
Zum Doppelschwert macht dem, der Waffen trägt –
Gesetz golden und blutig, das lockt und erschlägt;
Religion gottlos, ein versiegelt Buch
Ein Parlament – geringster Rechte Fluch
Sind Gräber, daraus ruhmvoll brechen mag
Ein Geist, zu leuchten unserm stürmischen Tag.

Deutsch von Rainer Kirsch, aus: EIN DING VON SCHÖNHEIT IST EIN GLÜCK AUF IMMER. Gedichte der englischen und schottischen Romantik, englisch und deutsch. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980, S. 387

England in 1819

An old, mad, blind, despised, and dying King, –
Princes, the dregs of their dull race, who flow
Through public scorn,— mud from a muddy spring, –
Rulers who neither see, nor feel, nor know,
But leech-like to their fainting country cling
Till they drop, blind in blood, without a blow, –
A people starved and stabbed in the untilled field, –
An army, which liberticide and prey
Makes as a two-edged sword to all who wield
Golden and sanguine laws which tempt and slay;
Religion Christless, Godless — a book sealed;
A Senate, – Time’s worst statute, unrepealed, —
Are graves from which a glorious Phantom may
Burst, to illumine our tempestuous day.

Aus: Der Maskenzug der Anarchie

Percy Bysshe Shelley

(* 4. August 1792 in Field Place, Sussex; † 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio, Toskana)

Der Maskenzug der Anarchie
Geschrieben nach dem Blutbad
zu Manchester

1
Einst in Italien, da ich schwer
Im Schlafe lag, da kam vom Meer
Die Stimme, lockte mich wie nie
In die Visionen der Poesie.

2
Unterwegs traf ich den Mord –
Wie Castlereagh maskiert, ein Lord –
Glatt, doch grimmig; sieben Blut-
Hunde folgten seiner Wut.

3
Und die waren allzumeist
Wohlgebaut und ziemlich feist;
Denen warf er wie im Spaß
Menschenherzen hin zum Fraß,
Die er aus seinem Mantel las.

4
Dann: Betrug, wie Eldon mild
In einen Pelztalar gehüllt;
Er weinte, jede Träne ward
Wie Mühlensteine schwer und hart.

5
Kinder, die um seine Beine
Spielten, meinten, Edelsteine
Fielen da in blanken Tröpfchen –
Die zerschlugen ihre Köpfchen.

6
Und in einem Bibel-Kleid,
Gewebt aus Licht und Dunkelheit,
Wie Sidmouth ritt die Heuchelei
Auf einem Krokodil vorbei.

7
Und noch viel Verderben ritt
Im Grauens-Maskenzuge mit.
Vermummt bis auf die Augenschlitze
Wie Bischof, Anwalt, Pair und Spitzel.

8
Dann: Lord Anarchie, er sitzt
Auf einem Schimmel, blutbespritzt,
Ist bis zu den Zähnen bleich,
Dem Tod der „Offenbarung“ gleich.

9
Eine Königskrone schleppt er,
In der Faust ein blankes Zepter,
Auf die Stirn ein Mal geätzt:
Ich – Gott, König und Gesetz!

10
Majestätisch elegant
Ritt er über englisch Land,
All die Menge, die anbetend
Lag, zu blutigem Brei zertretend.

11
Um ihn eine Rotte Ritter
Machte rings den Boden zittern;
Ihrem Herrn zu Diensten mutig
Schwang man Schwerter, reichlich blutig.

[…]

89
Und das Blut der Metzeleien
Wird hinauf zum Himmel schreien,
Wie ein grollender Vulkan
Bricht sich eine Stimme Bahn,

90
Ballt sich zum Empörungsschrei:
Untergang der Tyrannei,
Jedes Herz und Hirn durchdröhnend,
Wieder, wieder, wieder tönend:

91
Auf wie Löwen, die sich recken.
Zornig ihre Kraft entdecken,
Streift die Ketten wie im Spiele
Ab – ein Reif der Morgenkühle –
Sie sind wenig, ihr seid viele.

1819

 

Deutsch von Hubert Witt. Aus: EIN DING VON SCHÖNHEIT IST EIN GLÜCK AUF IMMER. Gedichte der englischen und schottischen Romantik, englisch und deutsch. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980, S. 258ff

The Mask of Anarchy

On August 16th, 1819, approximately 100,000 millworkers and their families congregated at Saint Peter’s Field in Manchester in a peaceful demonstration of protest calling for reform in the working class’s role. The local ruling class was sent to arrest the leader of the protest, Henry Hunt, and in turn wounded hundreds, and killed a dozen.

Written on the Occasion of the Massacre at Manchester

As I lay asleep in Italy
There came a voice from over the Sea
And with great power it forth led me
To walk in the visions of Poesy.

I met Murder on the way—
He had a mask like Castlereagh—
Very smooth he looked, yet grim;
Seven blood-hounds followed him.

All were fat; and well they might
Be in admirable plight,
For one by one, and two by two,
He tossed the human hearts to chew
Which from his wide cloak he drew.

Next came Fraud, and he had on,
Like Eldon, an ermined gown;
His big tears, for he wept well,
Turned to mill-stones as they fell:

And the little children, who
Round his feet played to and fro,
Thinking every tear a gem,
Had their brains knocked out by them.

Clothed with the Bible, as with light,
And the shadows of the night,
Like Sidmouth, next, Hypocrisy
On a crocodile rode by.

And many more Destructions played
In this ghastly masquerade,
All disguised, even to the eyes,
Like Bishops, lawyers, peers, or spies.

Last came Anarchy: he rode
On a white horse, splashed with blood;
He was pale even to the lips,
Like Death in the Apocalypse.

And he wore a kingly crown;
And in his grasp a sceptre shone;
On his brow this mark I saw—
‚I AM GOD, AND KING, AND LAW!‘

With a pace stately and fast,
Over English land he passed,
Trampling to a mire of blood
The adoring multitude.

And a mighty troop around,
With their trampling shook the ground,
Waving each a bloody sword,
For the service of their Lord.

And with glorious triumph, they
Rode through England proud and gay,
Drunk as with intoxication
Of the wine of desolation.

[…]

‚And that slaughter to the Nation
Shall steam up like inspiration,
Eloquent, oracular;
A volcano heard afar.

‚And these words shall then become
Like Oppression’s thundered doom
Ringing through each heart and brain,
Heard again—again—again—

‚Rise like Lions after slumber
In unvanquishable number—
Shake your chains to earth like dew
Which in sleep had fallen on you—
Ye are many—they are few.‘

Was wenn

SAID

Was,
wenn ich deine Hand streicheln würde
während du mir den Cognac einschenkst
ohne auf deinen Mann zu schauen?
Was,
wenn ich dich bei der Hand nehmen
und ins Schlafzimmer bringen würde
ohne mich umzudrehen?
Was,
wenn ich mich neben dich legen
und die Decke über uns ziehen würde
ohne an die offene Tür zu denken?

Aus: Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Hrsg. Gerrit Wustmann. Bremen: Sujet, 2011, S. 175

Ehrgeiziges Ziel

MARILYN DUCKWORTH

Ehrgeiziges Ziel

Ich habe genug von Exzessen
Aufgeplustert wie Eiderdaunen im Delirium
Wie Sahnetorten und wahre Liebe.
Ja.
Ich will auf Butter verzichten
Und Liebesbriefe
Ganz zu schweigen von
Französisch
Und der Pille.
Meine Gespräche werden
Wortkarg und präzise
Meine Beine werden mich weiter hinaustragen
Auf dem Lebensweg
Wachsam und aufrecht. Zurückgezogen. Vielleicht auch taub.
Und sterben werde ich
Sehr adrett und leise
Im Dämmerlicht, glaube ich,
Alle Papiere in Ordnung
Und die Wäsche gefaltet.
Ja.

Deutsch von Axel Vieregg, aus: Gedichte aus Neuseeland. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2014, S. 21

Man soll in keiner Stadt

Klabund

(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos)

MAN SOLL IN KEINER STADT

Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
wenn man die Männer hat weinen sehen
und die Frauen lachen,
soll man von dannen gehen,
neue Städte zu bewachen.

Läßt man Freunde und Geliebte zurück,
wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
meine Sohlen eilen
unter einem Himmel, der auch sie besternt.

Aus: Geliebte Verse. Die schönsten deutschen Gedichte aus der ersten Jahrhunderthälfte. Wiesbaden: Limes, 1951. 3. Auflage 1961, S. 158

Die Nacht

Christine Lavant

(eigentlich Christine Habernig, geb. Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)

Die Nacht geht fremd an mir vorbei
in Mondlicht und in Finsternis,
der Wind, der mich vom Aste riß,
ließ mich verdrossen wieder frei
und gab mir keinen Namen.
Ein Stein mit Feuersamen
erzählt mir viel von einem Stern
und daß er selbst den großen Herrn
in seinem Innern hätte.
Da steh ich auf und glätte
ehrfürchtig jeden Bug an mir
und bitt den Stein: Laß mich bei dir
ein wenig wärmer werden!
Er aber sagt: Wärm dich allein!
und brennt verzückt in sich hinein
und ist nicht mehr auf Erden.
So geht es mir mit jedem Ding,
es mag mich niemand haben,
und selbst der Baum, an dem ich hing,
trägt lieber Kräh und Raben.

Aus: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. (Werke in 4 Bänden, 1). Göttingen: Wallstein, 2014, S. 108

Lavant in Lyrikwiki

Humor + Metapher = Greguería

Ramón Gómez de la Serna

(* 3. Juli 1888 in Madrid; † 13. Januar 1963 in Buenos Aires)

„Die von ihm erfundene literarische Kurzform der Gregueria gilt als einer der originellsten Beiträge zur modernen Literatur Spaniens. Die erste Sammlung dieser poetischen Definitionen erschien 1917; mehrere erweiterte und veränderte Ausgaben folgten bis zur letzten: Total de Greguerias, 1962, mit rund 13000 Einträgen.

Die Greguería – das Wort bedeutet Kauderwelsch, unverständliches Geschrei aber auch Laute, die kleine Schweine bei ihrer Geburt ausstoßen – zeigt die Dinge außerhalb ihres logischen Zusammenhangs in neuer Perspektive. „Humor + Metapher = Greguería“ heißt eine Formel von Gómez. Er definiert Großes und Unscheinbares, liebt Gedankenspiele und Kalauer, nur eines sollte man – im Gegensatz zu herkömmlichen Aphorismensammlungen nicht erwar­ten: gebündelte Lebensweisheiten. „Die Greguería“, so Gómez de la Serna, „ist das einzige, was uns beim Schreiben nicht traurig, schwerköpfig, trübselig und geschwollen macht, denn der Autor spielt, während er sie schafft; er wirft seinen Kopf in die Höhe und fängt ihn wieder auf.“ “ (Aus der unten genannten Quelle)

Lo que más le duele al árbol que cercenan es que el hacha tengo mango de palo.
Den Baum, den man beschneidet, schmerzt am meisten, daß die Axt einen Stiel aus Holz hat.

A las olas no les importa la lluvia, como si tuviesen impermeable.
Die Wellen machen sich nichts aus dem Regen, so als trügen sie Regenmäntel.

Solo el poeta tiene reloj de luna.
Nur der Dichter hat eine Monduhr.

Los hay-kais son telegramas poéticos.
Die Haiku sind poetische Telegramme.

Tanto hablar y nadie ha inventado una vocal más. ¡Nada más que cinco desde siempre!
Da wird soviel geredet, und niemand hat einen neuen Vokal erfunden. Es bleibt bei den fünfen!

El soneto es el chaleco de terciopelo de la poesía.
Das Sonett ist die Samtweste der Poesie.

Lo bueno sería que al final se descubriese que los molinos no son molinos, sino gigantes.
Das Schönste wäre, es stellte sich am Ende heraus, daß die Windmühlen keine Windmühlen sind, sondern Riesen.

Aus: Straelener Manuskripte Nummer 4 (Mehr)

Ramón Gómez de la Serna
Greguerías
Die poetische Ader der Dinge Spanisch-deutsch Ausgewählt und übersetzt von Rudolf Wittkopf. 1986

 

Vom Schlachtfeld

Kurd Adler

(* 6. August 1892 Mainz, † 2. Juli 1916 an der Westfront)

Aus: VERSE VOM SCHLACHTFELD

Betrachten

Ganz lauernd stehen wir auf hohem Berg
und sehen Deutschland links und Frankreich rechts;
und überall ist großes stilles Land
mit weichen Wäldern und verblinkten Dörfern.
Tief eingegraben sind wir wie die Tiere,
die Beute bergen. Der Geschütze
blauschwarze Mäuler glotzen stumpf und stier.
So ahnungslos ist aller Dinge Schein,
daß erst der runde, dumpfe Schall von drüben
uns bitter denken läßt, daß wir Zerstörer sind.
Hoch hebt sich ein Gefühl
von jener Liebe zu dem stillen Lied,
dem Sonntagmorgen und Sebastian Bach.
Ein Augenblick! Und schon ist alles grau.
Fünf Männer rennen wild um ein Geschütz.
Ich denke lächelnd der Begeisterung
der Morgenblätter, die wir nicht mehr lesen.

Aus: Versensporn 43: Kurd Adler. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 27

Warum bloß kam mit seiner Mordlust dieser Hitler her

Jizchak Katzenelson

(hebräisch יצחק קצנלסון, jiddisch יצחק קאצנעלסאָן; polnisch Icchak Kacenelson; geb. 21. Juli 1886 in Korelicze, heute Karelitschy, bei Nowogrudok; gest. 1. Mai 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Aus: Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk

  1. Gesang

6
Warum bloß kam mit seiner Mordlust, seiner Kriegsgier dieser Hitler her
Warum fiel der Barbar mit seinen Horden ein in Poln und trieb uns Juden fort
Aus Städten und vertrauten Städtchen? Wo wir lebten, gibt es uns nicht mehr
Man jagt die Kinder, und man treibt die Alten raus aus ihrem eingesessnen Ort

7
Wir fliehn auf und davon. Frag bloß kein’ Jud, wohin man all die Juden karrt
Frag nichts. Sei froh, wenn du nicht weißt: Frag kein Warum, kein Was, kein Wie
Gib keinem Eizes, rate keinem ab noch zu, ob er in seinem Haus ausharrt
Ob er mit all den andern lieber auf Transport geht, hilflos wie ein Vieh

8
Sie brechen in die Wohnung ein, und sie verüben grinsend jeden Greul
Sie metzeln kleine Kinder, schwache Fraun. Die haben wirklich Mumm
Im Tiefflug rast die Messerschmitt den Zug entlang, ein tödliches Triumphgeheul
Mit dem Maschin’gewehr legt so ein Fliegerheld paar eingepferchte Juden um

9
Gib keinen Rat an keinen, nicht dem nahen Freund, dem allernächsten nicht
Auch wenn er noch so fleht, auch wenn sein Bettelblick dein Herz anrührt
Er fragt: Was tun? – Du aber schweig! und wärs Gott selbst, der aus dir spricht
Halts Maul, weil jeder Rat ja falsch ist und in irgendein Verderben führt

10
Es ist, als ob die Wege, alle Straßen und Chausseen zusammenbrachen. Diese Last
Die jüdische, wiegt mehr als alle Säcke auf dem Nacken, alle Beutel in der Hand
Gerannt sind wir, beladen schwer mit Ängsten, ohne alle Hoffnung und in Hast
Wo gibt’s noch irgendwo ein Loch, wie rettet man sich in ein andres Land!

Deutsch von Wolf Biermann. Aus: Jizchak Katzenelson, Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk. Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Wolf Biermann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994, S. 87

דאָס ליד פונעם אױסגעהרגעטן ײדישן פאָלק


 

 

Nie mehr frei

Veronica Gambara

(* 30. Juni 1485 Pratalboino, Provinz Brescia; † 13. Juni 1550 in Correggio (Emilia-Romagna))

Ich bin nicht frei und hoffe,
nie mehr frei zu sein
(Rime VI)

Ich bin nicht frei und hoffe, nie mehr frei zu sein
von dieser Schlinge, die mich gefangen hat.
Zu tödlich ist die Wunde, denn der Schlag
ging zu tief in mein aufrechtes Herz hinein.

Nie mehr frei von dem Gedanken, mit dem mein
Kopf bei Tag und bei Nacht sich immerzu plagt,
ob du nicht meine Freiheit, die ich dir gab,
verachten wirst, ach, mit einem Herz aus Stein.

Nie frei von Angst und von Qualen nie mehr frei
werde ich sein, noch von dem, was mich verdrießt,
was ich für dich ausstehe zu jeder Zeit.

Schließlich nie mehr frei aus deinem Verlies
werde ich gehen. In mir wachsen bereits
verschiedene Leidenschaften sanft und süß.

VI

Libra non son, né mai libra esser spero
dal crudel laccio ove già fui legata,
perché troppo mortal la piaga è stata
che già ferì mio cor puro e sincero.

Né libra mai sarò da un sol pensiero,
nel qual dì e notte sempre isto occupata,
che la mia libertà, qual t’ho donata,
non sprezzi, ahimè! tuo cor superbo e fiero.

Né libra da timor, né libra ancora
mai sarò da martir, da acerbe pene
che mi affligon per te, crudele, ognora.

Alfin né libra mai da tue catene
starò, crescendo in me più d’ora in ora
varie passion per te soavi e amene.

Deutsch von Tobias Roth, aus: Welt der Renaissance. Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020 (2. Aufl. 2021), S. 496

Großstadtgedicht

Vasko Popa

(Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad)

Großstadtgedicht

Neulich sagt mir meine Frau
Der ich jeden Wunsch erfüllen würde

Ich hätt so gern
Einen kleinen grünen Baum
Der mir auf der Straße nachläuft

Deutsch von Barbara Antkowiak, aus: Vasko Popa, Die Botschaft der Amsel. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1989, S. 100