Versensporn 51: Wassyl Stus

Wassyl Stus 

(ukrainisch Василь Семенович Стус, wiss. Transliteration Vasyl‘ Semenovyč Stus; * 6. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 in Kutschino, Oblast Perm)

Zwischen Welt und Seele
ist eine Mauer gewachsen.
Spiele Verstecken,
damit dich niemand erkennt
im Dickicht der toten Erinnerungen,
der erstarrten Gedanken
und der Eisschollen der Gefühle.

Die Erfrierungen der Seele brennen, und
Unwille dämpft den Wunsch, 
einen Ausweg zu suchen
in der stetigen Angst, 
daß die Welt dich sehen 
und mit ihrem tödlichen Gewicht 
erdrücken könnte.

Der Wind bläst
die Seelen aus den Leibern,
knickt Bäume um 
und läßt die Gräser sinken,
schafft bunte Leere,
die sich in der Blüte erschöpft.

Siechtum überall!
Viele Schicksale verloren! 
Viele sind noch verschont, 
die der Tod sich 
auf die hohe Kante legt. 
Siechtum überall! 

Zwischen Welt und Seele
ist eine Mauer gewachsen.

Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Versensporn 51. Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 19. Schon äußerlich sieht man den Unterschied zum darunterstehenden Original, das, soweit ich sehen kann, aus 18 reimlosen, ungefähr gleichlangen, rhythmisch organisierten Versen besteht. Die deutsche Fassung erstreckt sich auf 28 auf 5 Strophen eingeteilte Zeilen. Die erste Zeile, die am Schluß identisch wiederkehrt, ist im deutschen Text auf zwei Verse aufgeteilt. Unten die Biografie des ukrainischen Autors und Dissidenten, der vom sowjetischen Repressionsapparat ausgelöscht wurde.

Biografische Notiz aus dem Heft

Geboren am 6. Januar 1938 in Rachniwka. Von 1954 bis 1959 Student am Pädagogischen Institut von Stalino, anschließend Lehrer für ukrainische Sprache und Literatur, Militärdienst. Ab Ende März 1963 literarischer Redakteur der Zeitung Socjalisticeskij Donbass. Ab November Aspirantur am Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften in Kyjiw. Wegen Protests gegen die Inhaftierung ukrainischer Intellektueller wird er im September 1965 zwangsexmatrikuliert. 1965 vergeblicher Versuch, seinen ersten Gedichtband Kruhowert (Wirbel) zu veröffentlichen; auch die zweite Gedichtsammlung Symowi derewa (Winterbäume) wird abgelehnt, erscheint aber 1970 in Brüssel. Protest gegen das Wiedererstarken des Personenkults, die Politik der Russifizierung, die Beschränkung der Meinungsfreiheit. Am 12. Januar 1972 Verhaftung; Anklage wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“, Verurteilung zu fünf Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung; in verschiedenen Arbeitslagern von Mordowien. Am 11. Januar 1977 Verschickung nach Matrosowo (Magadan), den Ort seiner Verbannung. 1978 Aufnahme in den PEN-Klub. Im August 1979 Rückkehr nach Kyjiw. Anschluss an die Ukrainische Helsinki-Gruppe. Im Mai 1980 erneute Verhaftung; Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung. Internierung in Kutschino (Perm 36). Am 28. August 1985 wird er wegen „Verletzung der Kleiderordnung“ mit Isolationshaft bestraft und protestiert dagegen mit einem Hungerstreik. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1985 stirbt Wassyl Stus in seiner Zelle, vermeintlich an Herzversagen.

http://www.poesieschmecktgut.de/versenspornstart.htm

Zwei Ergänzungen aus Wikipedia

„Während seiner Studien- und Armeezeit begann er zu schreiben und entdeckte Dichter wie Goethe oder Rilke für sich; er soll mehrere hundert Gedichte der beiden deutschen Dichter ins Ukrainische übertragen haben, sie sind durch Beschlagnahmung verschollen.“

„Er wurde auf dem Lagerfriedhof beerdigt; seiner Familie wurde eine Bestattung in der Heimat mit der Begründung verweigert, seine Haftzeit sei noch nicht abgelaufen.“

Der Schizophrene

Hugo Ball 

(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)

Der Schizophrene

Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen
Bin ich – wie nennt ihr’s doch? – ein Schizophrene.
Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene,
Um euren eigenen Anblick zu vergessen.

Ich aber werde eure Worte pressen
In des Sonettes dunkle Kantilene.
Es haben meine ätzenden Arsene
Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen.

Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer
Behüten euch mit einer sichern Mauer
Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne.

Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer.
Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer
Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne.

(1923/24)

Aus: Hugo Ball, Gesammelte Gedichte. Zürich: Verlag der Arche, 1963, S. 37

Note to Pound

George Oppen

(* 24. April 1908 in New Rochelle, New York; † 7. Juli 1984 in Kalifornien) 

A note to Pound in heaven:

Only one mistake, Ezra:
You should have talked
to women
Eine Notiz an Pound im Himmel:

Nur ein Fehler, Ezra:
Du hättest mit Frauen reden sollen

Aus Mary Oppens Transkriptionen einiger später Aufzeichnungen ihres Mannes, Faksimile und Text in: Schwarzvers. George Oppens Dichtung der Negativität. Zusammengestellt von Rachel Blau DuPlessis. Mit Beiträgen und Übersetzungen von Lawrence S. Dembo, Rachel Blau DuPlessis, George Oppen und Stefan Ripplinger. Schreibheft 99 (August 2022), S. 104

Eva Zeller (1923-2022)

Im Alter von beinahe 100 Jahren starb die Schriftstellerin Eva Zeller, geb. Feldhaus, verh. Dirks (* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).

Frauen bei Kriegsende

Wie haben wir schlafen können
als wir vor Hunger
nicht schlafen konnten
weil Brot sich in
Steine verwandelt

Wie haben wir atmen können
als Feuer und Schwefel
wir waren Zeugen
vom Himmel geregnet
wir haben gesehen

Eine jede von uns Lots Weib
– aber Lot war vermißt –
das sich umdreht da
unter dem Schuttberg
da das verkohlte

Salzsäulentempel wir
senkrecht auf dem
Geschleiften zu
bemeißelnde Grabsteine
lagen zuhauf

gehungert
geatmet
gesehen

Aus: Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 56, gefunden bei http://www.lyrikschadchen.de/html/zeller.html

Lied eines Schweizers an sein bewaffnetes Mädchen

Salomon Geßner

(* 1. April 1730 in Zürich; † 2. März 1788 ebenda)

Mein Herr.

Ich fühl ein Vergnügen nur halb, wann sie es nicht mitgeniessen; werden sie hier nicht ein Lied mit Vergnügen lesen, das ich vorgestern in einem Band von uralten, ohne sonderliche Wahl zusammen geschriebenen Geschichten und Liedern gefunden? Es schildert die Empfindungen, die vor etwa 400 Jahren ein junger Schweitzer gefühlt, da er sein Mädgen, oder seine Buhlschaft im Harnisch sahe. Sie müssen wissen, daß die Mädgen jener Zeiten, wann sich ein Feind an ihre Mauern wagte, Scherz und Spiel verliessen, sich mit Helm und Harnisch bedeckten, und bewafnet an der Männer Seite fochten. Bedenken sie doch, wie schön diß muß gelassen haben, wann ein Heer von Mädgen unter blankem Harnisch den kleinen Fuß Glieder-weis durch die Stadt fortsetzte; wär ich Feind gewesen, ich hätte allemahl mein Leben gewagt, ein Paar von diesen Heldinnen zu meinen Kriegs-Gefangenen zu machen, oder ich hätte mich willig als ihr Gefangener hingegeben. Doch hier ist das Lied:

1.
Wie seh ich, seh ich nicht mein Kind!
Was blendt mein zweifelnd Aug?
Ein zitterndes ein helles Licht,
Blitzt von dem blanken Helm.

2.
Ein weiß und rother Feder-Busch
Fliegt rauschend in der Luft,
Dein braunes Haar fließt aus dem Helm;
Und flieget mit dem Busch.

3.
Ein Harnsch deckt deinen weissen Leib,
Und deine zarte Brust,
O böser Harnsch, jetzt seh ich nicht,
Wie sie sanft schmachtend steigt.

4.
Doch froh! ich seh dein rundes Knie,
Den wohlgemachten Fuß,
Den sonst dem Aug ein langes Kleid
Bis auf die Erd entzog.

5.
Dem Engel der das Paradies
Vor dem bewachet hat,
Dem gleichest du mein schönstes Kind
In dieser blanken Tracht.

6.
Er drohte nur dem bösen Feind,
Und lacht dem Frommen zu.
Dein blaues Aug droht unserm Feind,
Und mir mir lacht es froh.

7.
Des frechen Feindes scharffer Pfeil
Zisch neben dir vorbey,
Dich treffe nur der sanfte Pfeil
Vom kleinen Liebes-Gott.

Ich hab es in unsre Sprach übersetzt, weil sie der Alten nicht mächtig sind; gefällt es ihnen nicht recht wohl, so geben sie der Ubersetzung Schuld.

Wie leben sie mit ihrem Mädgen? In wenig Tagen werd ich sie besuchen: Ihr braunes Aug soll mich dann wieder schalkhaft anlachen, wann ich ihr noch einmahl sage, daß ein Kuß von ihr mich ganze Tage froh macht. Leben sie wohl!

Quelle:

Salomon Gessner: Idyllen. Stuttgart 1973, S. 148-152.

Permalink:

http://www.zeno.org/nid/20004828119

Appendix 33

Anne Carson

(* 21. Juni 1950 in Toronto) 

Appendix 33 (a) über Metapher und Metonymie

Da die Frage aufgekommen ist, hier der Unterschied: Aufgefordert, auf das Wort Hütte zu reagieren, antworten einige Kinder aus einer Gruppe mit ein Häuschen, andere mit ist abgebrannt.

Appendix 33 (b) über Metapher und Metonymie

Jetzt, wo ich noch einmal darüber nachdenke, erhellt die Unterscheidung zwischen ein Häuschen und ist abgebrannt nichts über Metapher und Metonymie. Dafür enthüllt sie einiges über das Abenteuer des Denkens und seine Fragilität. An dem Tag, als ich beschloss, das mit der Metapher und der Metonymie ein für allemal kapieren zu wollen, ging ich in die Bibliothek, besorgte mir einen Stapel Bücher, las aus jedem einige Passagen und machte mir wild Notizen auf Papierschnipsel, um am folgenden Tag zu Hause meine Aufzeichnungen zu sortieren. Am folgenden Tag fand ich unter meinen mittlerweile zerfledderten und unverständlichen Notizen dieses mich seither verfolgende Urbild eines Häuschens, das vielleicht abgebrannt war, vielleicht auch nicht. Und obwohl ich mich an den Zusammenhang nicht mehr erinnern konnte, die Quelle zu notieren vergessen hatte und nicht begriff, was es für den Unterschied von Metapher und Metonymie bedeutete, rief mir das Häuschen zu, es nicht aufzugeben. Es bleibt ein sehr gutes Beispiel, nur wissen wir nicht wofür.

Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson, Albertine. 59 Liebesübungen + Appendices. Berlin: Matthes & Seitz, 2017, S. 39f.

Vorhersagung

Mark Strand

(Geboren am 11. April 1934 in Summerside, Prince Edward Island, Kanada, gestorben am 29. November 2014 in Brooklyn, New York)

Die Vorhersagung

In dieser Nacht trieb der Mond über den Teich,
verwandelte das Wasser in Milch, und unter
den Zweigen der Bäume, der blauen Bäume,
ging eine junge Frau, und für einen Augenblick

kam die Zukunft zu ihr:
Regen fällt auf ihres Mannes Grab, Regen fällt
auf die Rasenstücke ihrer Kinder, ihr eigener Mund
füllt sich mit kalter Luft, Fremde ziehen in ihr Haus,

ein Mann in ihrem Zimmer schreibt ein Gedicht, der Mond treibt
       dort hinein,
eine Frau schlendert unter seinen Bäumen, denkt an den Tod,
denkt an den Mann, der an sie denkt, und der Wind kommt auf
und nimmt den Mond und läßt das Papier schwarz zurück.

Deutsch von Rainer G. Schmidt, aus: Mark Strand, Dunkler Hafen. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997, S. 42

Originaltext hier

Wer zu einer Geige passt

Jan Skácel 

(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn) 

WER ZU EINER GEIGE PASST

Hab keine Angst vor nichts hab Angst
und wär’s auch noch so kraß
denn immer findet sich ein Mensch
der gut zu einer Geige paßt

In dieser Welt gibt’s schöne Zeiten
auch üble Zeiten gibt es zur Genüge
zu guter Letzt finden wir alle Platz
im Grab genauso wie in einer Geige

Geige kleine Geige mit zwei Saiten
wie wir sie als Kinder kannten
mit Wiesensteg mit Schlüsselblume
und ganz leicht angestoßen an den Kanten

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel, Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Deutsch von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Aufl.), S. 16

Wenn der Mond größer wird

Serhij Zhadan 

(ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, englisch Serhiy Zhadan, wissenschaftl. Transliteration Serhij Viktorovyč Žadan, * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk)

Wenn der Mond größer wird,
wenn der Mond größer wird,
geht die Frau durch den Garten,
sieht nach den Blumen.
Hinter ihr das Haus.
Still und leer.
Still am Tag.
Still gegen Abend.
Keine Kinderstimmen.
Kein Gesang.
Wenn der Mond größer wird,
wenn der Mond größer wird,
müssen die Fehler auf den Blumenbeeten korrigiert,
muss das Gras erzogen werden.
Keiner sagt dem Mond was,
keiner sagt dem Mond was.
Wenn er groß ist, wird er alles verstehen.

Deutsch von Claudia Dathe, aus: Serhij Zhadan: Antenne. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 94

Hört endlich auf mit dem Gegreine

Hanshan

(vermutlich 7. Jh)

Poetische Kritzeleien

Scharen armseliger Gelehrter:
trotz nagenden Hungers und eisiger Kälte
bemüßigt, sich völlig zu verausgaben
beim Kritzeln von Gedichten. Wer aber
will von solchen Kerlen schon etwas lesen?
Hört also endlich auf mit dem Gegreine!
Ihr könntet euch sogar auf Keksen verewigen
und nicht einmal ein Hund würde daran knabbern.

Aus:

Erwartung & Melancholie. Sechzig Gedichte aus dem alten China übersetzt von Thomas O. Höllmann. Schupfart: Engeler, 2022, S. 9

Augen

Rachid Boudjedra

(arabisch رشيد بوجدرة, DMG Rašīd Būǧidra; * 5. September 1941 in Aïn Beïda, Algerien)



Dieses Mascarablau, woher hast du es
in dem sich findet das Grün von Wassermelonen,
                                                     Algen und Seegras
Zwischen Keramiken – elegant und grazil wie ein Gedicht –
und Versen von Baschar*
und Farben von Wasiti**
Da die porösen Tage
zerfallen im Schleier deines Gewandes...
Was herrscht für ein Wetter
in der Tiefe deines dunklen Gefängnisses?

* Baschar ibn Burd, einer der größten arabischen Dichter, 784 in Bagdad hingerichtet (Anm.d.Hrsg)

** Yahya ibn Mahmud al-Wasiti, bedeutender Miniaturenmaler des 13. Jahrhunderts (Anm.d.Hrsg)

Deutsch von Issam Beydoun, bearbeitet von Donata Kinzelbach, aus: Rachid Boudjedra: Befruchtung. Gedichte aus dem Arabischen von Issam Beydoun, herausgegeben und bearbeitet von Donata Kinzelbach. Mainz: Kinzelbach, 1991, S. 24

Wie Orpheus

Juliusz Słowacki

(* 4. September 1809 in Krzemieniec , Wolhynien ; † 3. April 1849 in Paris )

WIE ORPHEUS WERDE ICH VON FURIEN GEZERRT . . .

Wie Orpheus werde ich von Furien gezerrt,
   Man sagt, ich sollte dem Verstand entsagen,
Dann würd wie Perseus ich die Luft durchfliegen,
   Die Schönheit des schneeweißen Wellenrauschens
Wird scheu dem blassen Morgenrot entsteigen,
   Mich ganz mit ihr erfüllen, — Ich brenn wie Feuer —
Dort der Parnaß . . . es blitzt etwas im Finstern,
   Hüllt silberner Oliven weiße Rinde
In goldne Panzer. — O ihr grimmen Hexen,
   Ihr solltet hier in diesem Wald als rote
Feuer züngeln . . . zeigt mir doch das Gewebe
   Des Lebens, den Streifen, der gewoben ist
Aus meinen Tränen — Schmerzen — Einsamkeiten,
   Epileptischen Sprüngen meines Herzen —
Nah dem Ende. . .

Deutsch von Hermann Buddensieg, aus: POESIE DER WELT. POLEN. Auswahl u. Prosa-Übersetzungen von Peter u. Renate Lachmann. Berlin: Propyläen Verlag. 1987, S. 118f

Przez fu­rye je­stem tar­gan ja, Or­fe­usz,
   Mó­wią mi, abym wy­rzekł się ro­zu­mu,
A będę la­tał nie­bem — jak Per­se­usz,
   A pięk­ność z wody naj­biel­sze­go szu­mu
Przy bla­dym różu ju­trzen­ki wy­try­śnie
   I da mi otch­nąć się, — Pło­mie­niem gorę —
Tam Par­nas... co­raz coś w ciem­no­ściach bły­śnie
   I tę sre­brzy­stych oliw bia­łą korę
Ubie­ra w zło­te pan­ce­rze. — O ję­dze,
   Je­śli je­ste­ście w tym le­sie czer­wo­ne
Pło­mie­ni­ska­mi... po­każ­cie mi przę­dze
   Żywo­ta, je­śli pa­smo uprzę­dzio­ne
Z łez mych — bo­le­ści — tar­gań się sa­mot­nych,
   Epi­lep­tycz­nych sko­ków mego ser­ca —
Bliz­kie już koń­ca...

Prosübersetzung der Herausgeber (von mir zum leichteren Vergleichen in Verse aufgeteilt):

Von Furien bin ich hin und hergerissen wie Orpheus, 
Man sagt mir, ich solle dem Verstand entsagen, 
Und da werde ich über den Himmel fliegen – wie Perseus, 
Und die Schönheit aus dem Wasser des weißesten Rauschens 
Wird in blasser Morgenröte herausspritzen
Und mir Ruhe gönnen. — Ich brenne wie eine Flamme — 
Dort der Parnaß  . . . es blitzt etwas in Dunkelheiten auf
Das dieses silbernen Ölbaums weiße Rinde 
In goldene Rüstungen kleidet. — O Hexen, 
Wenn ihr dieses Waldes rote Feuerstellen seid — weist mir das Garn
Des Lebens, wenn das Band gesponnen ist 
Aus meinen Tränen — meinem Schmerz — der einsamen Zerrissenheit, 
Den epileptischen Sprüngen meines Herzens — 
Das bald am Ende ist  . . .

Tod der Poesie

Karl Simrock 

(* 28. August 1802 in Bonn; † 18. Juli 1876 ebenda)

Tod der Poesie

     	Nach langem Leiden war gestorben
Die Himmelstochter Poesie.
Nie hat ihr Priester viel erworben,
Gewiß, am Hunger starb auch sie.

Und prächtig will man sie begraben
Im goldbeschlagnen Silberschrein,
Doch Gold noch Silber ist zu haben,
Erblindet all der lichte Schein.

Man schickt, den edeln Leib zu salben,
Nach Wein umher von Haus zu Haus,
Doch ach, es liefen allenthalben
Die Flaschen und die Fässer aus.

Nun müht man sich um Totenkränze,
Vergebens, Winter ist's umher:
Nach diesem letzten aller Lenze
Erblühen keine Blumen mehr.

Es eilt, den Leichenzug zu schauen,
Manch liebend Paar im Jugendschein;
Sie fühlen nicht, wie sie ergrauen,
Doch Greis und Greisin stellt sich ein.

Wie sie den Sarg zur Erde schicken,
Wird tiefe Nacht herabgesandt:
Die Sonne würdigt nicht, zu blicken
Hinfort auf ein verödet Land.

Die Leichenrede spricht ein Sänger,
Die Stimme schallt so dumpf und hohl:
»Auf Freuden hoffet nun nicht länger,
Sagt allem Glück ein Lebewohl.«

Nun wird das Trauermahl gehalten,
Die Fackeln scheinen trüb und bleich
Auf die verkümmerten Gestalten:
Sie sitzen wie im Totenreich.

Sie sitzen, stumm in Schmerz verloren,
Und harren auf des Tages Licht:
Laßt euch begraben, arme Toren,
Denn ihr seid tot und wißt es nicht.

Aus: Zoozmann, Richard (Hg.): Dichtergarten der Weltpoesie. Eine Sammlung, von mehr als 3000 lyrischen und epischen Dichtungen deutscher und fremdländischer Dichter und Dichterinnen aus der ältesten Zeit bis zur Gegenwart… Gesammelt und herausgegeben. Berlin: Globus, o.J. (1920), S. 379

Lichtung

Zum gestrigen Todestag des Dichters Rainer Malkowski (* 26. Dezember 1939 in Berlin; † 1. Dezember 2003 in Brannenburg) ein Gedicht von Andreas Köllner.

Lichtung

Ein Gedicht von Malkowski
in den Morgen gedacht:

Das Nichtgesagte
zwischen den Zeilen
sich selbst aussprechen lassen

Zuhören
wie der Nebel
sich lichtet

Andreas Köllner (*1992 in Leipzig)

Studium der Philosophie sowie Deutscher Sprache u. Literatur; Lyrik mit Grafik im Netz unter dem Pseudonym wortegewand; Veröffentlichungen in Anthologien, Kalendern u. Zeitschriften – „Saitenwechsel: Gedichte“ (tredition, Hamburg 2022)

Gerichte

Michał Sobol

GERICHTE

In jedem von uns fließen ein paar Tropfen schwarzes Blut, und das Gericht
spürt sie auf. In der Verhandlung gähnen wir heimlich, damit das Rasseln

der Kette die Geschworenen nicht vom Prozeß ablenkt, oder betrachten
stumm unsere hologrammartigen Spiegelbilder auf der Scheibe

aus Plexiglas. Die Gerichte durchleuchten alles für uns. Manch einer
merkt nicht einmal, wo die Grenze verläuft zwischen Gericht

und Friseursalon — gut möglich, daß es gar keine gibt.
In der Zelle wartet auf jeden von uns ein Handtuch und ein Stück Seife.

Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, aus: Sinn und Form 5/2022, S. 590