Loblied auf Johann Klaj

Wann ist ein Dichter groß? Es ergibt sich nicht von selbst, es muss laut ausgesprochen werden. Entweder von ihm selber, siehe Horaz: Ich habe mir ein Denkmal errichtet dauerhafter als Erz; oder Paul Fleming: Mein Schall flog überweit, man wird mich nennen hören – oder von den Kollegen. Hier Johann Rist über Johann Klaj.

Johann Rist

(* 8. März 1607 in Ottensen bei Hamburg; † 31. August 1667 in Wedel (Holstein))

Johann Klaj

(* 1616 in Meißen; † 16. Februar 1656 in Kitzingen)

1.
Ein grosser Dichter ist Herr Klaj ohne zweifel/
denn seine Lieder sehn nicht nur auff solche lust/
die Schäfern/ Helden und Liebhabern sind bewust/
Nein; Er besinget Gott und spottet auch den Teufel.
Er preiset Michael/ der mit dem Drachen kriegt/
und Ihn der Christenheit zu Nutz und Schutz besiegt.

2.
Ein grosser Dichter ist Herr Klaj meine Freude/
Er gibt die starcke Schlacht so prächtig an den Tag/
daß niemand seine Kunst mit Warheit tadeln mag/
In dem Er recht beschreibt die Kämpffer alle beyde/
den grossen Michael der seine Waffen trägt
vom Himmel und damit den alten Drachen schlägt.

3.
Ein grosser Dichter ist Herr Klai unser Singer/
Er bringet Fried vnd Trost der werthen Christenheit/
die nun errettet ist von aller Grausamkeit
Deß Satans und der Welt durch unsern Drachen-zwinger/
der uns durch diesen Sieg das frölich Himmels-hauß
eröffnet/ und das Thier geworffen hat hinauß.[328]

4.
Ein grosser Dichter ist Herr Klai bey den Teutschen/
Er bringet artig vor/ wie Michael der Held
Durch seinen Vatter sey von Ewigkeit bestellt
Das alte Schlangen Thier durch seinen Tod zu pejeschen/
zu schützen seine Kirch/ und Sie durch diesen Streit
zu führen auff den Thron der süssen Ewigkeit.

5.
Ein grosser Dichter ist Herr Klai der gekröhnter/
Er wird geliebet und geneidet trefflich sehr/
der reinen Engel Chor erzeigt Ihm Preiß und Ehr/
Es hasset ihn der Drach und zwar als ein verhöhnter.
O wie so selig lebt der Mensch zur jeden frist/
dem Gott sein Schöpffer hold/ der Satan neidig ist.

Seinem vielgeehrten Herrn und treuverbundenen Freunde/ übersendet dieses von Wedel auß Holstein.
Johannes Rist Prediger daselbst/ und
von der Röm. Käis. Majest. Hofe
auß Gekrönter Poet.

Quelle:
Johann Klaj: Redeoratorien und »Lobrede der Teutschen Poeterey«. Tübingen 1965, S. 328-329.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005163838

L&Poe Journal 1 (2021)

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Herzlich willkommen im neuen L&Poe-Format. Das Gedicht des Tages wird es weiterhin geben, aber von Zeit zu Zeit kommt das Journal dazu als kompakte Ladung von Text, Betrachtung, Kritik & was anfällt, Texte von mir und Gästen. 

Ich freue mich ganz besonders, dass als Startnummer dieses Fest für Christian Morgenstern erscheinen kann, eine Initiative von Konstantin Ames zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai.

Was Sie hier finden:

 

Konstantin Ames Editor’s Aal

➽ 𝐆𝐎

Elisabeth Wandeler-Deck Christian Morgenstern? Das Knie?

➽ 𝐆𝐎

Crauss. wie vieles muss zugrunde gehen, damit ein weniges gedeiht!

➽ 𝐆𝐎

Norbert Gutenberg &

Konstantin Ames

Re: morgenstern. Die Nachtseite der Rezitation von Morgensternpoesie

➽ 𝐆𝐎

Zé do Rock Morgenpük und Volastern

𝐆𝐎

Armin Steigenberger Das Bajuwarische bei Morgenstern

➽ 𝐆𝐎

Kerstin Preiwuß Galgenleider

➽ 𝐆𝐎

Michael Gratz Morgenstern in der DDR

➽ 𝐆𝐎

Markus R. Weber Bemerkungen zu Morgensterns Extremitäten

➽ 𝐆𝐎

Kristin Bischof Palmström, ein symbolistischer Sonderling

𝐆𝐎

W. M. Fues Bella Luna

➽ 𝐆𝐎

Diverse Stimmen zu Morgenstern

➽ 𝐆𝐎

Christian Morgenstern Ein Strauß Epigramme

➽ 𝐆𝐎

Christian Morgenstern Aus einer Literaturgeschichte neuerer deutscher Lyrik

➽ 𝐆𝐎

Christian Morgenstern Von neuer Lyrik

➽ 𝐆𝐎

Christian Morgenstern Ecce Civis

➽ 𝐆𝐎

  Viten

➽ 𝐆𝐎

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Editors Aal

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Konstantin Ames 2019

 

Von Konstantin Ames

Mit diebischem Vergnügen denke ich zurück an die verschreckten Gesichter im Kursaal von Meran. Erwartet wurde, dass ich als Preisträger (Hauptschuldiger) etwas vortrage, mit dem etwas zu gewinnen war. Ich habe getan, was Ort und Situation geboten: Demjenigen zu danken, dem ich alles verdanke; und der – 102 Jahre zuvor – nur einen Schwalbenflug entfernt in Untermais verstorben ist. Für den Fall der Fälle hatte ich mir die speckige Cassirer-Ausgabe von 1932 eingepackt. Schon die Ankündigung, etwas von Christian Morgenstern lesen zu werden, ließ alles Feierlich-Weihevolle aus dem Saal entweichen. Morgenstern gilt als Kleinkünstler, als Spaßmacher, als Endorphingarant. Über einen Frontbesuch der Rezitatorin Resi Langer im Ersten Weltkrieg lesen wir in den Erinnerungen von Huelsenbeck: „Sie fuhr ins Feld, […] um dort in der Etappe den Truppen Morgenstern und Busch vorzutragen. […] Mit Morgenstern, dachte sich die Oberste Heeresleitung, geht es besser, und es ging in der Tat. R.L. erzählte […] wie dankbar Soldaten ihr, Trude Hesterberg und Claire Waldorf [!] für die Vorträge waren.“ (zit. nach: R. Tgahrt, Dichter lesen, Bd. 3, Marbach 1995, S. 127). Der Siegener Dichter Crauss fügt, ausgehend vom Fakt, dass Morgensterns Verse auch unter den fliegenden Killern des Kaisers populär waren, diese Männerphantasien zu einem Cento zusammen; Galgenhumor hat auch diese freiwillig düstere Seite. Der schnoddrige Stil der herangezogenen Kampfbeschreibungen von Hans Reimann (Mein blaues Wunder, München 1959) und Max Immelmann (Meine Kampfflüge, posthum, Berlin 1916) ähnelt sich frappant, wobei Immelmann, im Gegensatz zu Reimann, gewiss kein Morgensternleser war — und doch ist kaum ein Flugmanöver denkbar, das so morgensternesk wäre wie der „Immelmann“; Morgenstern wiederum wäre — und vielleicht ist das kein Avantgardeulk — das erste Fliegerass unter den Dichtern. 

Der rote Kampfflieger, Berlin 1933.

In der amtierenden Morgenstern-Biografie (2013) merkt Jochen Schimmang an, dass Christian Morgenstern durchaus ein Objekt des Interesses sein könne für Germanistikstudierende mit einem Faible für experimentelle Literatur. Das trifft zu; warum Schimmang aber „statt einer Wirkungsgeschichte“ (S. 253- 255) Laudatoren aneinanderreiht, die außer der Tatsache, dass sie auch prominente Lyriker sind (Grünbein, Gernhardt, Tucholsky) wenig mehr mit dem experimentellen Impetus zu schaffen haben als, sagen wir, die Stolterfohtʼsche Autohitparade mit irgendeinem hergebrachten konsumbürgerlichen Ranking, das wird ein Biografenrätsel bleiben.

Ich habe mit Blick auf den bevorstehenden Jubeltag am 6. Mai 2021 um Auseinandersetzung mit Morgensterns notorischen Gedichtsammlungen Galgenlieder und Palmström gebeten; gefragt habe ich solche Kolleginnen und Kollegen, deren Schreiben tatsächlich eine Ähnlichkeit mit den Verfahrensweisen der Galgenliedern aufweist bzw. die als Forschende mit der Epoche vertraut sind. Bis anheute darf ernsthaft bezweifelt werden, dass es eine Menge von Menschen gibt, auf die eine Zuschreibung wie Morgensternianer, in dogmatischer Fügung: Morgensternisten, sinnvollerweise angewendet werden könnte. Nicht jedes verwundete Knie ist eine Kriegsverletzung oder ein Vergleich. Unsinn ist nicht per se morgensternesk. Allein die sorgfältige Auswahl der Namen, auf die uns Kerstin Preiwuß aufmerksam macht, hat nichts mit Unsinn zu tun – Nonsense bräuchte keine Namen; Nonsense ist eine Zuschreibung.

Die skeptische Frage des geschätzten Kollegen Markus Weber, ob Morgenstern denn mehr als ein Vorläufer gewesen sei, vielleicht viel zu wenig originell („valentinesk“) war, gehört zur Sprache gebracht; und sei es als grantiger Zwischenruf. Meine Frage an Weber war, ob es sich bei Morgenstern um einen Extremisten handelt. Diese Fragestellung scheint mir allzu oft zu einem Infragestellen des (um Werkherrschaft herzlich unbekümmerten) morgenstern’sche Werks abzugleiten; diese Schieflage (mit dem Passepartout der Nonsense-Floskel) flankiert jegliche Interpretation dieser Poesie seit ihrer Erstpublikation. Selbst Lob wirkt dann vergiftet. Über einen Abend „bei den Neopathetikern“, um ein Beispiel herauszugreifen, schreibt r. am 19.01.1911 im Berliner Lokalanzeiger: „Dann las ein Jüngling Gedichte, die Christian Morgenstern viel besser gemacht hat. Den löste ein Studentlein ab“ (zit. nach Tgahrt, a.a.O., S. 45), und auch gegen Ende des 20. Jahrhunderts war es mit dem Meme von der Vorläuferschaft dieses Dichters nicht vorbei; angesichts der Vorzüge der Windhühner befand Volker Neuhaus: „Grass hat in morgensternscher Weise aus dem Windeiein dazu passendes Windhuhnerschlossen, das als Huhn aus Windzu verstehen sei …“ (in: Gunter E. Grimm, Metamorphosen des Dichters. Das Rollenverständnis deutscher Schriftsteller vom Barock bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1992, S. 277). Hier wird ganz offensichtlich etwas verwechselt, nämlich Nutznießertum mit ästhetischer Anverwandlung, die doch immer das Weiterführen einer avancierten Schreibe beinhaltet, mit der Morgenstern sehr wohl, Grass u.v.a.m. (v.a. Frankfurt II) nur sehr bedingt in Verbindung zu bringen sind. Anhand eines Streitgesprächs mit Franz Mon u.a. aus dem Jahre 1960 („Lyrik heute“, in: F. Mon, Sprache lebenslänglich – Gesammelte Essays, hg. v. M. Lentz, Frankfurt/M. 2016, S. 231-253) lässt sich bereits eine bornierte Abwehrhaltung gegenüber experimentierfreudigen Verfahren seitens Grass und den surrealistischen Epigonen erkennen, etwa wenn Mons Gedicht „entwicklung einer frage“ mit indolentem Populismus („schlicht kunstgewerblich“) abgetan wird.

Auch in unserem Jahrhundert wurde im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (Nr. 75 vom 31. März 2014, S.12) die Frage in den Raum gestellt, ob der große Sohn Münchens als „Proto-Loriot“ zu apostrophieren sei; dessen „lautmalerische Poesie“ lebe jedenfalls „ganz aus der Sprache“. Aus welcher Sprache eigentlich? In der vorliegenden Auswahl hat der Münchner Dichter Armin Steigenberger Erhellendes zu dialektalen Wendungen und zu Morgensterns Bayerntum zusammengetragen. Ein wenig davon klang schon in Walter Fabian Schmids cool-dialektalen Sprechfassungen (ohne bräsige Huberei) von „Das Hemmed“ und „Neue Bildungen …“ in der Reihe Täglich ein Galgenlied an.

Humor ist in Deutschland ein geringer ausgeprägtes Bedürfnis als das Deutschlandbedürfnis, das sich auch aufs Gedicht erstreckt. Morgenstern ist jedoch keine national-narzisstische Spitzenleistung oder ein regionaler kulturwirtschaftlicher Standortfaktor. Morgensterns Wappentier wäre m.E. der Zitteraal. Die Potenziale dieser Gedichte im Vortrag, ihre Darbietungspflichtigkeit, gilt es näher zu beleuchten. Das Sprechen dieser Poesie, über das sich der franko-saarländische Sprechwissenschaftler und Gedichtsprecher Norbert Gutenberg mit mir ausgetauscht hat, ist keine bloße Zutat; im Zuge unserer Korrespondenz kam gar eine Sprechfassung (Schallfassungen gab es bereits), von „Fisches Nachtgesang“ zustande. Wir sind mit unserer Diskussion nicht fertig geworden; wie auch?

Sollte Walter Serner wirklich die letzte Lockerung geglückt sein, dann ist die erste dieser Lockerungen Christian Morgensterns Verdienst. Zé do Rock demonstriert in seinem Beitrag „Morgenpük und Volastern“ schriftpolyphon, wie sich ein alternative take des „Großen Lalula” anhört und anfühlt. Mir fällt partout keine Papierzeitschrift ein, die gewesen bereit wäre, dieses wilde Schreiben ungekürzt abzudrucken. Zés exorbitanter Beitrag soll auch zu Ohren und Augen gehen.

Aus dem Fundus an morgensterntypischen Motiven wurden zwei ausgewählt. Es haben sich Wolfram Malte Fues, Literatur- und Medienwissenschaftler nicht weniger als Dichter, und die Rilkeforscherin Kristin Bischof bereitgefunden, über das Mondmotiv bzw. über den Sonderling Palmström (im Vergleich zu Rilkes Brigge) Einsichten zu gewinnen. Erst seit dem antiwilhelminischen Galgenlied „Der Mond“ gilt es als vollidiotisch, den Mond zu besingen, das mag manchem einstweiligen „Superstar der Lyrik“ (Dt. Landfunk) entgangen sein. Fues dekonstruiert das Mondklischee mit einem frappanten Schlussakkord. An den Beginn habe ich den Beitrag von Elisabeth Wandeler-Deck gesetzt, der mich durch seine Mischung aus tastendem Duktus und zupackendem Narrativ tief beeindruckt hat. Ausgangspunkt ist ihre Lektüre meines Lieblingsgedichts.

Zu einer teils humorvollen, beklemmenden und sehr persönlichen Reise nimmt uns Michael Gratz, der Kenner deutschsprachiger und internationaler Poesie, mit. Anhand seines Memos, das allemal als Vorlage für eine Lecture Performance taugt, lassen sich die Gefahren ermessen, die von erzwungenen Wünschbarkeiten für eine freie Lebensweise ausgehen. Das Antidot, das der libertäre Schmugglerwitz Morgenstern bereithält, ist sicher nicht reserviert für die kleine Schar von Germanistikstudierenden mit Sonderinteressen. Poesie, die dem Aurabedarf der wirklich praktischen Leute zuarbeitet, geht tief unter jede Anstandsuntergrenze.

Selbstverständlich ist es nichts weiter als der eitle Traum alteuropäischer Editoren, dass die Leserschaft die eigene Zusammenstellung brav von hinten bis vorn durchackert. Reihenfolgen sind einfach dumm, weil unvermeidlich. Gewünscht waren eher kurze Beiträge. Diesem Wunsch ist die eine Hälfte der Beitragenden nachgekommen, die andere hat darauf gepfiffen. Ich finde, dass beide Herangehensweisen ihren Reiz haben. Grundgut an einem Onlineformat wie diesem ist schließlich nicht nur die Baumfreundlichkeit, sondern auch die angenehm abwesende Platznot. Ob nun Essay, Lektüredurchführung, ob Brief, Biss, oder Dialog: Jeder Beitrag funkelt; geflunkert wurde nicht.

Km 21, Bilddetail in: Janosch, Die Maus hat rote Strümpfe an, Betz & Gelberg 1980, S. 26.

Auf musealisierende Staffage wurde weitestgehend verzichtet. Galgenbruder Palmströms Schöpfer wurde einzig und allein dort erblickt, wo ein Dichter sinnvoller Weise gefunden werden kann. Dass sich Comedians, Entertainende, Satiredienstleistende, Kabarettende, Hobbyanarchos und sonstige Vertretende der darstellenden und illustrierenden Zunft auf die rhetorisch-technische Seite der Galgenpoesie gestürzt haben, kann die bis dato desolate Rezeptionssituation mit-erklären: Christian Morgenstern ist in die Popkultur eingewandert wie kein zweiter. In Janoschs ubiquitärem Kinderbuch Die Maus hat rote Strümpfe an findet sich der „Km 21“ und „Fisches Nachtgesang“ wird in Bruno Bozettos Kinderserie Die Ferien des Herrn Rossi ohrenbetäubend umgesetzt; auch das „auf seinen Nasen einher“ reitende Nasobem wurde in den läppisch reitenden „Nasenmann“ zurückverwandelt; zu sehen im genialen Klamaukfilm Texas. Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993). Diese weidlich ausgenutzte Nutzerfreundlichkeit wäre eigentlich erfreulich, drohte der Jubilar dabei nicht aus dem Blick zu geraten – und mit ihm seine bleibende Glanzleistung, die nicht zuletzt in der genuinen Verbindung von Unterhaltsamkeit und ästhetischer Neugier gründet. Morgensternpoesie hat so viele Leserinnen und Leser wie die gesamte deutschsprachige Gegenwartslyrik seit 2000 zusammen. Wohlgemerkt: Ich rede von Leserinnen und Lesern, nicht von Leuten, die irgendwas kaufen, um es in die Tasche zu stecken oder anderweitig einstauben lassen. Wer Morgenstern versucht in die Tasche zu stecken, wird sowieso selbst zum Steinochs, der sich dann nur noch von „menschlicher Gehirne Heu“ ernähren kann. Und noch etwas anderes wäre an Morgenstern zu entdecken, nämlich der bedeutsame Unterschied von Coolness als Eigenschaft und als Attitüde. Marcel Beyer hat diese spannungsvolle Differenz einmal an Klings Gedicht „Mann aus Rheydt“ (Text+Kritik, Heft 147, 70-77) nachvollzogen. An einem Gedicht wie „Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terrasse“, dem es dort „kuhl“ ist, wäre das genauso gut möglich gewesen.

Mein Wunsch ist nach wie vor, dass dem Robert-Gernhardt-Preis und dem „Großen Dingdang – Preis für komische Lyrik“ auch ein Preis für diejenige Art von Poesie an die Seite gestellt wird, die die (schier unmögliche) Balance zwischen Kunstvorwärts und Weltanliegen hält, die Morgensterns Verse so besonders macht. Sonst wird er doch noch als minderdichterischer Ulkvogel missverstanden; oder zum nützlichen Vorläufer degradiert. Sein Meisterwerk, die Galgenpoesie, hat Morgenstern beiseite getan, um einen esoterisch-autoritativen Pfad zu betreten, auf dem ich ihm nicht folgen kann. Die posthum edierte Epigrammatik ist größtenteils unerträglich plan; selbst für einen Saarländer, der sich durch die Kenntnis des Œuvres von H.A. Astel gestählt wähnte. Damit diese Ausgabe wirklich nicht als Heroisierung missverstanden wird, haben Michael Gratz und ich uns dazu entschieden, einige Proben dieses garstigen (selten treffsicheren) Spotts zu geben. Durch den Einblick in die historische Bedingtheit kommen Morgensterns Stärken indes erst richtig hervor! Den auch von einer eher unbekannten Seite, nämlich als Dramatiker und Literaturkritiker, anzugucken sich lohnte. Eine der beiden ausgewählten Kritiken ist übrigens frei erfunden, welche wird nicht verraten.

Mein herzlicher Dank gilt pom.lit für die Übernahme eines Teils der Honorare, den beitragenden Kolleginnen und Kollegen und Michael Gratz, dessen neues Magazinformat wir die Ehre haben, mit diesem Geburtstagsdossier eröffnen zu dürfen. — Jetzt zum Fest! Für den Mutmacher Den Sonderlingssympathisanten Den Mondflüchtigen Den Sprachplaner Den Bayernverdreher Den Lebensreformer (nein, für den nicht!) Den Reim-Vertikutierer Den Ichthyohymniker Den Vielgelesenen Den Nicht-Zu-Fassenden Den Superlativgegner Den Überaal

Grau b. Berlin, Mitte Zebra 2021

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Christian Morgenstern? Das Knie?

[✺] 

Elisabeth Wandeler-Deck 2020, © Ayse Yavas

Von Elisabeth Wandeler-Deck

 

Ob mein Opa Christian Morgenstern begegnet ist, ich kann es nicht fragen. Ihre Wege, hätten sie sich in Morgensterns Wald kreuzen können? Grossvater ging gerne laufen, wie er sagte, er ging, nach dem Mittagsschlaf, ein, wie man da sagte, ein alter Mann, jünger aber, als ich jetzt bin, in den Wald. Sah er das Knie? War er ein einsames Knie? Ein zählendes Perlhuhn?

Opa zählte. Er zählte, was er aufzählte, ich daneben, ging „oh cet echo“.

Sei nie Knie allein nie, nie.

Im Wald. Zählte Sichtbares, was er sah, was er ablas. Die Eule, die Ringeltaubenlaute. Schrittfolgen, Buchstaben hin und her, diese Buchstaben, die sich zu Vor- und Rückwärtssätzen fügten, mit Wörtern drin, die heute ungebräuchlich, verpönt „sei mein nie fies sei fein nie mies“ schon dazumal, heute aus dem Wortschatz entfernt ihre Spuren nicht gelöscht haben. Opa weiss das, nicht, wusste, wusste, wissen, sagte, sagte anderes, manches, beim Spazieren im Wald, beim Händewaschen am Brünnchen, von dem, er lachte, dem Kind beigebracht wurde das Nichtsagen, das Verbot, in einem Sagen, gleichzeitig, zugleich, so, wenn er wiederholte und wiederholte: „ein neger mit gazelle zagt im regen nie“ oder: „… freibier freibier freibier f …“

Im Wald. Morgensterns Wald. Opas Wald. Mein Wald.

Morgensterns Wald. Das Knie im Wald.

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt
Es ist ein Knie, sonst nichts
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wärs ein Heiligtum.

Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Wald. Überstürze mich von da her in eine Verwirrung, und hineinstürze mich als mich, als ein damaliges Ich, in einen Wald, den ich so nicht kannte, oder war es in Morgensterns Waldgebiet hinein, ins Gestrüpp, ins Unterholz, das ja im Gedicht nicht genannt wird, von welchem Morgenstern nicht schreibt, den es so ja gar nicht gibt, o je, ich sah ja damals und noch jetzt sehe ich das so, ich kann mich und will mich vom Bild nicht trennen, das Knie, das kein Baum war, und kein Zelt, irren im Wald in der Irrnis des Waldes, des zusammengeschossenen Waldes. Den ich erst, viele Jahre später erschreckt sah, in welchem ich stand und nach dem Knie Ausschau hielt. Am Rand von Finnland der Wald, schon beinah in Russland, der so Jahre, zweiundzwanzig Jahre, bevor ich da im Wald, dort am Waldrand ging, war im Winterkrieg zusammengeschossen worden, man meinte, meine finnischen Verwandten dachten, das Knie vorbeiirren zu sehen, den Mamawimmer zu hören, der zusammengeschossenen Menschen, Mannmenschen. Welchen später dann in den jeweiligen Sprachen, in den jeweiligen Strassenbahnen Sitzplätze reserviert waren, soweit sie als Kriegsversehrte davon Gebrauch machen konnten. Ich stelle mir vor, Morgenstern, als kleiner Bub, konnte dem Anblick Versehrter aus dem Deutsch-Französischen Krieg möglicherweise nicht ausweichen und lernte das Hinblicken kennen, nicht hinstarren, das tut man nicht. Und lernte zählen.

Und zählte. Zählte die Versehrungen, die Glanzpunkte, erblickte, wo denn, das Perlhuhn, dessen Kolleginnen längst auf dem Dachfirst sich die Seele aus dem Leib schrien, den Abend herbeiriefen, was auch immer.

Ob jemand erzählte, die Dinge, die erblickten, sah, herauslöste im Sehen als ein einsames Ding, ein einsam gemachtes Ding, im Blick einsam gewordenes, als einsam erkanntes Ding, zum Beispiel einen Schaukelstuhl, ein betrachtetes, vom Blick gestreicheltes, gestreiftes, erfasstes, einsam gemachtes, parzelliertes Ding, alles, was sonst noch wackeln mag, im Winde, im Winde, im Winde. Ein vom Blick herausgelöstes, ausgelöstes Ding (Francis Ponge, Georges Perec). Ein im Wort, das es benannte, getötetes, im Gedicht ungefährlich gemachtes, zum Verschwinden gebrachtes, aufgehobenes Ding (Maurice Blanchot)? Davon andernorts später vielleicht mehr. Dazu wäre vieles zu sagen, gerade anhand von Morgensterns Gedichten.

Das Perlhuhn

Das Perlhuhn zählt: Eins, zwei, drei, vier …
Was zählt es wohl, das gute Tier,
dort unter den dunklen Erlen?

Es zählt, von Wissensdrang gejückt,
(die es sowohl wie uns entzückt:)
die Anzahl seiner Perlen.

Vielleicht.Ein Seufzer. … und er sank – und ward nimmermehr gesehen.Vielleicht.

Das Butterbrotpapier

Ein Butterbrotpapier im Wald,
da es beschneit wird, fühlt sich kalt.

Frag. Frag doch. Frag. Fragnichtlang.

aus Angst, so sagte ich, fing an,
zu denken, fing, hob an, begann.

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wie vieles muss zugrunde gehen, damit ein weniges gedeiht!

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Von Crauss.

Crauss. 2019, © Sebastian Richter

 

 

 


 

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Re: morgenstern

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Die Nachtseite der Rezitation. Eine unstumme Korrespondenz von Norbert Gutenberg und Konstantin Ames

Norbert Gutenberg 2020, privat

Konstantin Ames 2019, privat
1 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 02.04.2020, 16:04 Uhr

Die fassung der ichthyohymne auf der signaturenseite geht jedenfalls nur halb: die senkungen kann man vielleicht ploppen, die hebungen kann man aber – als fisch zumindest – nicht pusten. Lutz Görner spricht texte immer noch so wie kinder malbücher kolorieren. lg n

2 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 02.04.2020, 16:46 Uhr

Das ist der Taucher, der pustet. Wenn er den Hai auf sich zu schwimmen sieht. Plopp kommt vom Putzerfisch. Das ist natürlich ahistorisch. Damals gab es ja keine Tauchgeräte, die solche Geräusche ermöglicht hätten. Herr Fische hätte im Skaphander gesteckt. Meine Idee ist, dass der Stummfilm im wahren Wortsinn bildspendend ist. Die Behauptung, dies sei das „tiefste deutsche Gedicht“ würde dem welschen Zivilisationsmedium deutschen Tiefsinn — entgegenploppen. Kintopps kamen in dieser Zeit auch in der Reichshauptsstadt in Mode. Morgenstern wird sie gekannt haben. Die Welt ist alles was der Fall ist, mag sein; ist ein Gedicht alles, was gesprochen wird? Naiv, vorerst, ist auch mein Hinweis auf eine Szene aus der Trickfilmreihe Die Ferien des Herrn Rossi: Der sprechende Hund Gastone und sein Herrchen kommen zu einer Insel der singenden Fische (ab 5:48).

Nach einer Sprechfassung habe ich nie gefragt. Sinnvoll krude erschienen mir Plopp- und Schnappgeräusche. In einem Galgenlied taucht ein „Walfafisch“ (sic) auf, der alles andere auffrisst. Was schwebt Dir vor, ich meine: welche Sprechfassung?

3 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 06.04.2020

ploppen und pusten, das ist ja nun keine sprechfassung, nur eine schallfassung. Die fische sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen sprachen, weiß altmeister Brecht. Ich habe deshalb erst einmal eine übersetzung angefertigt, eine lateinische transliteration, die zudem kongenial ist zur Morgensternschen poetologie. Die kann man nun sprechen.

Dak-
tylus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Ana-
päst

4 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 09.04.2020

„Fisches Nachtgesang“ in das System der Metrik einzuordnen hat mich zunächst befremdet. Etwas, das der Verfasser als „Das tiefste deutsche Gedicht“ bezeichnet, ist aber nur vermeintlich eingeigelt. Du hast es übersetzt in einer Weise wie Morgenstern „Das Mondschaf“ übersetzt hat. Parodistisch. Gespielt überheblich. Morgenstern stellt Verbotschilder auf, in der sicheren Annahme, eine Trotzreaktion auszulösen. Etwas sehr Kindliches steckt darin. Das Nietzsche-Motto verweist darauf. Ich fand es immer schade, das CM das Motto nicht fingiert, und dann Nietzsche, untergeschoben hat. Warum nur Männer tillen können sollen, das hat sich mir allerdings nie erschlossen. Es stimmt einfach nicht. Wohl auch so ein Gebot, gegen das angerannt werden soll.. Was Obrigkeitsstaatlichkeit ist, erfahren wir dieser Tage ja wieder hautnah, diese Gewalt hat Morgenstern ins Gedicht aufgenommen, die Ironie der Büronie anheimgestellt. Ich erinnere mich noch sehr genau der ersten Begegnung mit diesem Gedicht. Ich fand alles um mich herum ziemlich dumm, banal, kleinlich. Emotionalität ist natürlich etwas, womit eine Philologie schwer umzugehen weiß. Darf ich erfahren, warum Dir eine Sprechfassung so wichtig war? Ist der Term „visuelle Poesie“ Dir etwa nicht geheuer?

5 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 16.04.2020

Ich habe keine Angst vor visueller Poesie. Ich sehe Gesichter in Fisches Nachtgesang, wenn ich zwei Zeilen zusammenfasse. Und ich liebe die 2 Trichter – Ich komme gleich darauf zurück. Christian Morgenstern ist ein Dichter, der klingt, er hat eine fast Rilke’sche Sprachmusikalität.  Auch in den Nicht-Dada-Avant-La-Lettre-Gedichten, diejenigen, die so offenkundig von unserem Hymnendrescher Friedrich Zarathustra inspiriert sind. Christian Morgensterns Klang merkt man sogar noch im Görner–Getöse. Deswegen frage ich mich immer, ob man aus dem Visuellen auch ein Auditives machen kann.  Bei Fisches Nachtgesang schien mir die Metrik ein Weg, angeregt auch durch Christian Morgensterns germanistische Kommentare zu den Gedichten, geschrieben, damit nicht die Berufsgermanisten denselben Blödsinn später ernst meinen können. Man könnte, gut fischsuppig, das Gedicht auch schlürfen und schmatzen:

–– schlürf ⏝⏝⏝ schmatz

Aber was ich bis jetzt habe, fällt unter ‚Gesang‘. Für ‚Nacht‘ habe ich noch nichts. Nun die Trichter: auch das ein Gedicht, bei dem man das Visuelle sprechen kann (was bei vielen Apollinaire-Sachen nicht geht, die NUR visuell sind). Deine eigene Sprechfassung realisiert einen Teil davon, weil du sehr klar die Zeilen sprichst. Man hört also gut, dass die Zeilen mit immer weniger Silben gefüllt sind. Aber es geht noch mehr. Ernst Pöppel hat herausgefunden, dass Verse (Untersuchungen in 17 verschiedenen Sprachen) 3 sec. dauern. Das ist reine Schalldauer. Mit Auftakt-Einatmung und Fermate am Schluss macht das knapp 5 sec. Bei Zeilen mit vielen Silben ist die Artikulationsgeschwindigkeit hoch; je weniger Silben, umso langsamer artikulieren wir, weil in der Tendenz jede Zeile 3 sec. dauert. Auch bei Dir hat sich die Artikulation verlangsamt. Die Silbenzahlen im Text sind: 8, 8, 5, 4, 3, 2, und nun entweder 2, 2, wenn wir ‚und so‘ / ‚weiter‘ sagen, oder 1, wenn wir ‚us‘ sagen, und <1, wenn wir nur ‚w‘ sagen. Wenn wir jetzt die Artikulationsgeschwindigkeit der beiden achtsilbigen Zeilen beibehalten bei 5,4, 3, 2, 1, <1, dann wird der Trichter, sein  Engerwerden noch hörbarer. Und was hätten Görner und Fröbe gemacht? Zumindest Görner hätte die Wangen nach innen gesaugt, die Lippen nach vorne gestülpt und dabei artikuliert, um auszusehen und zu klingen wie ein Trichter. Und demnächst denke ich nach über die vier Zeilen voller Striche, die 4. Strophe von ‚Des Galgenbruders Gebet und Erhörung‘.

6 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 19.04.2020

Lieber Norbert, danke für Dein closest reading der mute-Fische und des Trichters. Mein Trichter, das muss ich hier endlich mal gestehen, ist vorgetragen mit ständigem Blick auf den Nürnberger Trichter. Kein Scherz. Sonst hätte ich das nicht durchhalten können ohne Lacher. „Die Trichter“ ist ein Warngedicht. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Barock ausgehen! (having Neuss in mind). Ein Wort über das wir uns Klarheit verschaffen sollten: Dichter. RM Rilke ist zweifellos einer. Morgenstern aber auch. Morgenstern ist es jedoch nicht um Musik zu tun, auch nicht ums Material. Beide sind Dichter, mein Vorschlag, weil ihre Persönlichkeit nichts anderes zulässt. Rilke ist Lyriker, Morgenstern Poet. Musikalität, meinetwegen Sprachmusikalität, ist kein Paradigma moderner Dichtung. Zu der beide gehören, und die beide mit-ermöglicht haben. Im Mittelpunkt steht nicht ein Verfahren, sondern ein Jemand, der mit seinem ganzen Wesen einsteht, für das, was er da tut: Da ein Sonderling und dort ein Narziss. Beides waren unerwünschte Abweichungen von der Normalität im damaligen Kaiserreich. Devianztoleranz ist ja auch keine Stärke unserer neonormalen Zeit. Wenn Du die Sprachmusikalität Rilkes lobst (geht immer, passt immer, wie frisches Obst, ich mag Konserven auch nicht), frage ich mich, ob es diese Rangordnung wirklich braucht. Will dieser ´Gesang´ Musik sein? Eher nicht. Das ist ein Schritt unter die nietzscheanische Wasseroberfläche der Synästhesie. Und wohl auch eine Vereimerung des Hymnisch-Dithyrambischen. Ich meine nicht irgendeinen Dithyrambus des klügsten Rotzbremsenträgers vor 1900, sondern das schöne Skizzchen, das den Weg in KSA, Bd. 6, S. 290f. gefunden hat, aber leider auch, mit unsichtbarem Riss aus dem Zusammenhang, in hochmögende Anthologien. Nietzsche schreibt über den Venedig-Komplex der Deutschen in einer Form des synästhetischen Realismus, die der deutlich empfundenen (und auch so artikulierten) kulturellen Minderwertigkeit das einzige entgegenzusetzen im Stande ist, was ein philosophierender Schriftsteller aufzubieten vermag: Stil. Nietzsche ist nie Dichter gewesen, auch kein Dichterphilosoph, sondern der geschickteste Arrangeur von allem, was er in die Finger gekriegt hat. Poetische Einbildungskraft: Null. Gefühl: taub. Impulsgeber müssen aber so sein. Nietzsche ist Typ Ausbilder. Von Schülern stets zu überflügeln. Nunja. Und Schriftsteller stehen nur im dt. Kulturraum unter Dichtern. Wie Rilke und Morgenstern welche sind. Die beide nicht die kulturkritische Wucht entfalten konnten wie Friedrich Wilhelm von Naumburg, Denker. (Ranking is m.E. für die Fisch. Bringt nur Nietzscheanern was. Warum es Nietzscheanerinnen gibt, habe ich nie verstanden. Mit Nietzsche ist ja kein Staat zu machen, der nicht gileadistisch wäre. Das aber nur am Rande.) Wichtig sind für mich — als ausübenden Dichter (i.e. Nichtphilosoph) — Anknüpfungspunkte, saubere Knoten für ein sauberes Netz von Verweisen. Das zu fertigen vermochte Morgenstern, Rilke auch. Angewendet auf den Motivkreis ´Nacht´, der titelgebend ist für Fisches Gesang, könnte das bedeuten: Es handelt sich um eine performative Variante von Nietzsche Venedig-Skizze. Ein Gedicht kann niemals tiefsinnig sein. Dichtung und Philosophie sind zweierlei. Eben das zeigt (!) uns Morgenstern, das sich selbst daraus „An der Brücke stand/ jüngst ich in brauner Nacht./ Fernher kam Gesang:“ etwas machen lässt, das deutsch ist, ohne bieder zu sein. Vielleicht der einzige Sieg der Poesie über das Leben und seine Weisheitswäscherei.

Fisches Nachgesang ist eine gutgemeinte, v.a. obendrein gutgemachte Rettung dieses völlig überschätzten Dialektgedichts von Nietzsche. Wie sehr er gesächselt haben muss, lässt sich aus o.g. Zeilen erahnen … Mensch schreibt sich aber nunmal nicht mit ´Ü´. Schreib mir bitte noch etwas zum Unterschied zwischen Fröbe und Görner. Beide sind doch Schauspieler … warum kann der eine rezitieren, der andere nicht? Aus einer der Wohnungen hier in der Düttmannsiedlung blubbert selbstübte Hammondorgelmusik, gar nicht übel, es ist Sonntag, sonst wäre ich schon längst fertig, verzeih. Herzlich grüßt Konstantin

7 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 28.04.2020

Der isländische Dichter Elías Knörr als sein eigener Text, anlässlich der Performance sunnudögum fækkar með sérhverri messu

Der Unterschied zwischen Görner und Fröbe ist nicht, dass der eine rezitheatert und der andere rezitiert. Nein, beide mimen. Nur ist Fröbe der um Klassen bessere Schauspieler. Die ‚Schnecken‘-Performance ist keine Rezitation, sie ist ein Mini-Mimo-dram, aber Fröbe ist nicht hohl wie Görner, der nur ‚tönt‘, er hat einen sympathischen Humor, aber er spricht nicht den Text, er mimt die Schnecke. Ich sagte ja, über den Gesang des Fisches wissen wir nun einiges, aber nichts über die Nacht dieses Gesangs. Mit Nietzsches ‚brauner Nacht‘ hat es nichts zu tun (ich wusste es doch, Nietzsches Nacht war auch schon braun!), des Fisches Gesang kommt nicht ‚‘fernher‘,  sondern von unten: ‚das tiefste deutsche Gedicht‘, mindestens bodenseetief,  und vielleicht muss man es auf 60 Hertz sprechen, beim großen D. Ja, aber nun weiß ich immer noch nichts über ‚Fisches Nacht‘! Aber vielleicht kommen wir der Sache, der Anmerkung zum Gedicht „Das Hemmed“ folgend, über den „Galgen“ näher. Aber nicht jetzt! Des Galgenbruders Gebet und Erhörung Zunächst muss man entscheiden, wie das ‚laute Grübeln‘ der Unke, der Kröte klingt, die ja im Röhricht ‚singt‘. Ein Bastard aus Singen und Grübeln macht einen Schall, den man als Quarren bezeichnen kann, ein Bastard aus Quaken und Knarren, in der ersten Zeile der zweiten Strophe in 4 Spondeen gruppiert. Die 4. Strophe nun zeigt den Versuch der abgemahnten Unke, der Kröte, das Quarren zu unterdrücken, ein Quarren con sordino, ihr Breitmaul geschlossen, Luft und Schall durch die Nase entweichend, ein abgedumpftes nasales Grunzen,  keine Spondeen mehr, aber ilf Unterdrückungsversuche pro Zeile, geradezu alexandrinisch, aber nutzlos, weil immer noch hörbar. Und so erscheint er dann doch, der Silbergaul, im Trab, nicht im Schritt, nicht im Galopp, nein, ein Traber – etwas, was Lutz Görner sicher versuchen würde mit Kokosnussschalen hörbar zu machen. (Dabei trabt er doch im Röhricht, man sieht ihn, man ihn hört nicht.) lg n

8 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 30.04.2020

Lyrisches Ich (ick), lieber Norbert, hat einen beamtenmäßigen Tonfall zu verantworten, den möchte ich (k) gern etwas rausbeamen aus dem preuß’schen Knick. Was ich Dir begefügt schicke, ist ein von mir sogenanntes Elegiemaschinchen, das ich kurzerhand umgewidmet habe. Es soll(te) Teil des kommenden Poesiebuchs werden. Das wäre komplett uneinschlägig, wenn es nicht in unmittelbarem Zusammenhang einer wiederholten Galgenliederlektüre (auch laut und sehr laut) entstanden wäre. Es funktioniert wie ein Emblem, bloß ohne Überschrift, es ist ein beschädigte Emblem. In einem sehr fundamentalen Sinn pariere ich derart den Privatismusvorwurf gegen die deutschdidaktischen Werfer. Es wäre auch ein Weitertreiben des Morgensternismus, wenn es sowas gäbe … Das ist ein 3-D-Gedicht, eigentlich 4-D-Gedicht, denn der Faktor Zeit spielt ja auch eine Rolle. Trivia: Die Aufnahme ist im ehem. Elternhaus entstanden. Lässt sich lesen, also lässt es sich auch vorlesen, demnach auch rezitieren. Muss eine Rezitation auswendig erfolgen, oder gar vom Blatt? Jetzt schnappe ich wieder nach den Fischen.

9 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 05.05.2020

So manches „Hemmed“ führt uns in die Irre, so auch dieses. Die Anmerkung dazu ist eine einzige Lüge. Ich habe alle Galgen inspiziert, nirgendwo hing ein Fisch. Jeremias Müller ist auch der Meinung, „Fisches Nachtgesang“ sei unhörbar: der siebte der acht jungen Männer, die sich zu sonderbaren Kulten die Hand reichten, ist „Stummer Hannes“ – „der sang Fisches Nachtgesang“ – also nicht! Wie kommt also die Nacht in des Fisches Gesang? Wir brauchen dazu eine akustische „Tagnachtlampe“. Wir finden sie im „Fest des Wüstlings“ – „(zu flüstern)“ heißt es dort. Hier haben wir die Frage: “was flüstert sacht?“ und auch die Antwort: „Fisches Nachtgesang“.

10 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 08.05.202

Wer „Wochenchronik“ auf „Honig“ reimt, schert sich nicht um Standards. Irgendwelcher Art. Und der Stumme Hannes singt natürlich (s. unten) nicht, und der Fische Gesang ist sicher ein Gesank. Hier glaubt jemand, der sich frecherweise zu einem Hausgott gemausert hat, die Behauptung aufzustellen, einen nicht-unterschreitbaren Kalauer zusammengestellt zu haben. Das unterschlägt die Tatsache einer stets drohenden Rezensionsrezession. Dem vorzubeugen ist die Müllerjeremiade da. Das Epigramm „Die zwei Esel“ ist, da bin ich sicher, eine grimmige Satire auf die damals dümmsten anzunehmenden Kritikaster. Fisches Nachtgesang ist eines der künstlichen Paradiese. Sei es durch Erziehung, sei es durch wasauchimmer, litt Christian Morgenstern am Morbus Tiefstapel („Bierulk“, „Studentenscherz“ sind rhetorisierende Beigaben zu den „Galgenliedern“ und zum „Horatius Travestitus“); er litt aber umso mehr daran, dass viele Zunftgenossen nachgerade am genauen Gegenteil … wahrscheinlich nicht – litten. Als Nietzschezitierender (Nachtrag zu Deinem Vorschlaghammer: In Venedigs Gassen waren die Nächste lange vor 1922 schon braun) hätte es der Galgenpoet doch wissen müssen, dass wer sich selbst erniedrigt erhöht werden möchte. Falsche Bescheidenheit ist doch die schlimmste Form der Arroganz; Nietzschi hin, Nietzschi her. Zum Glück wird in den Galgenliedern auch mächtig aufgetrumpft, im Bundeslied der Hangmen-Connection von 1905 heißt es: „O greul, o greul, o ganz abscheul,/ hörst du den Huf der Silbergäul?/ Es der Kauz: pardauz! Pardauz!/ Nu halt die Schnauz, nu halt die Schnauz!“ – Nach langer Zeit übrigens wieder Henri Bergsons Abhandlung übers Lachen vors Gehirn gelegt. Wir lachen, so Bergson, wenn ein Automatismus auf etwas Quirliges trifft. Wir tun das als Kinder ganz natürlicher Weise, vergessen aber mehr und mehr, das darüber, über diese Karambolage von Planifikation und wucherndem Chaos, zu lachen sei. Und sterben dann daran. Wir lachen, wenn wir es denn noch vermögen, bei der Lektüre der „Galgenlieder“ über Christian Morgensterns Todesartenprojekt. Fisches Nachtgesang ist eine Nänie auf sich, zu Lebzeiten, ein Abschiedsgedicht, ein Gruselgedicht: ein, vielleicht waren da Piranhas, skelettiertes Gedicht. Na, wenn das nicht mal sympathisch-unbescheiden ist! Er ist ganz bei den Fischen. Demnach sprichwörtlich tot. Ein anderes dieser höchstpersönlichen, d.h. lyrischesichlosen Texte, d.h. „Poesien“ (Jerry Müller verwendet diese mögliche, aber recht ungewöhnliche Pluralbildung) ist „Die Luft“ („war einst dem Sterben nah“); Morgenstern war Santoriumstourist, Lungenleidender. Die Grau(ens)stufen des Lebendigtotseins zu betrachten, auch zu ertragen, das macht für mich den kruden Spaß aus; ich habe nie verstanden, wie man sich entblöden kann, diese Dämmerstunden des Verstandes allen Ernstes als Unsinnspoesie zu klassifizieren. Um eine Klammer zu versuchen: „Fisches Nachtgesang“ kann auf alle möglichen Weisen zelebriert werden, so man sich der Tatsache bewusst ist, ein sehr totes Gedicht vor sich liegen zu haben, also etwas unhintergehbares, ein abgefucktes Unikat, an dem ruhig weiter geknabbert werden kann. Aber zynisch ist das schon … Das hat ein Dichter nun von der vielbeschworenen Authentizität, die allein uns von den Neunaturalisten und den übrigen bigotten Neoisten (innen) trennt.

11 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 18.05.2020

Lieber Konstantin Wie wärs, wenn wir uns als nächstes mit dem 12/11 befassen? lg n

12 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 22.05.2020

Lieber Norbert, in den abweisenden Anweisungen (zit. Nach: C.M., Sämtliche Galgenlieder, Manesse 1985, S. 402f.) wird ein „Professor Nikisch“ erwähnt, es ist eine nächtliche Predigt, die Nachtseite der Rhetorik. Von der M. Keine hohe Meinung hat. Die Selbstexegese der kühnen Metapher Teich-mit-geöffnetem-Mund wird explizit auf die dispositio („Institution der Konsequenz“) bezogen, der ein obskur bleibendes weibliches Prinzip („die Frauen“) und namentlich „die Dichter“ entgegensetzt werden; beides, so die Behauptung, seien Antagonismen. Die Poesie wird damit personifiziert, und analog zur Dame Rhetorik aufgeboten. Das Formzitat ist die Elegie; der Ton ist nicht threnetisch; es ist vielmehr, die Form, die mystifiziert und wird, die als beständige Metamorphose beschrieben. Zum Begriff des Wanderstrumpfs findet sich der Eintrag „Also vielleicht ein weibliches Wesen“, gemeint ist, soweit ich sehe, der „Schwarzelf oder -elb“. Morgenstern hat in hellsichtiger Weise die Vereinnahmungsversuche einer mystifizierenden Pseudo-Germanistik vorausgeahnt, und dieses Dunkelmännertum als das gebrandtmarkt, was es im Grunde ist: neckisch, und der bildungsphiliströse Kritikaster, der neckisch redet, hört auf den Namen Nikisch. Ist harmlos gegenüber jeder Kunst, die nicht Erbauung zum Ziel hat, also nicht Religion ist, oder eine Tarnform davon: Kunstreligion. Der Zwölf-Elf Er verspottet die Mystifizierer und Priester. Besonders reizvoll ist der Zwölf-Elf für mich aufgrund der Thematisierung des wirkungsvollen Vortrags von Dichtung, das Ganze folgt der These: Poesie ist nicht Rhetorik. Und es gibt keine Fortschritte, keine Beschulungsmöglichkeiten für Dichter, nur Zyklen und Glück bzw. Schicksal. Ein anderer Sohn Münchens und eines NS-Rasseforschers hat das auf die nicht weiter zu versimpelnde Allerweltsformel gebracht: „Dichten lässt sich nicht unterrichten!“ – Klar, wer holt sich auch die Konkurrenz ins eigene Haus … Du kennst „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“? Vom Zwölf-Elf sind da gerade noch übrig die „drei lustigen Zwei“ … Helge Schneider tut derzeit übrigens das einzig Schräge: Er tritt nicht mehr auf, weder live noch vermittelt, bis die Maßnahmen eingestellt werden, die eine erhöhte Regierbarkeit der Schutzbefohlenen herbeiführen sollen. Die Staatsdichter*innen tun ja gerade alles, um die Verunmöglichung von Live, und das damit verbundene Skandalon, zu vertuschen: „Und wieder schläft das ganze Land“ – es klingt wie eine Prophetie aus dem Jahre 19dunnemals aufs dichterisch planierte Heute. Mein Zwölf-Elf-Fazit: Für Dichterinnen und Dichter gilt Anwesenheits- und Auskunftspflicht. Der Rest ist Lyriktelefon. Nicht zu verwechseln mit Deinem und des Kollegen Tänzer „Poesietelefon“ … Es sind, es gibt auch Klischee-Zombies, wieder die Schauspieler, die „rezitheatern“ (Dein Term) und diesmal wird man angerufen.

13 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 05.06.2020

Hast Du Meyer-Kalkus´ „Geschichte der literarischen Vortragskunst. Von der Antike bis heute“ zur Kenntnis genommen? Meyer-Kalkus geht auch auf den Anteil der Sprecherziehung ein, u.a. auf Weithase. Auf unser Steckenpferdchen geschnallt, wäre die Frage: Ist Morgensterns Nachtgesang nicht tatsächlich eine derbe Persiflage auf Klopstocks Didaxe-Pedanterie? Etwas in diese Richtung ging ja Deine „Auflösung“. Und Klopstock war Säulenheiliger von Dichterking George, und d e n hatte Morgenstern ganz sicher im Visier …

14 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 09.06.2020

Hier meine nächste Anmerkung. Dein Hinweis auf Klopstock ist nicht nur für den ‚Nachtgesang‘ ein weiterer Aufschluss. Er ist auch für 12/11 interessant. Ich kenne Meyer-Kalkus’ Buch und schätze es auch. Aber bei einem Satz wie: „Wie mag eine so konzipierte rhythmische Deklamation wohl geklungen haben?“ weiß ich: er hat keine Ahnung! Ich könnte sie ihm vorsprechen. Aber er glaubt, das konnte nur Klopstock. Der 12/11 – Morgensterns graeco-latinische Übersetzung ist allerdings verkehrt rum: der 11/12 – hat etwas hymnisches, etwas odisches, etwas klopstockisches. Da ist ein absoluter Gleichschritt von v – v – v – v – in allen Zeilen, vierhebige Jamben, ein beschnittener Blankvers. Nicht ganz regelmäßig wechseln die Strophen: 1, 2, 3, 4, 6, 7, 11, 12 haben Zeilen, die Sätze sind, davon ist nur in 4 die zweite Zeile ein Satzäquivalent; in 5, 8, 9, 10 sind die Zeilen jeweils ein Syntagma, die Strophe bildet einen Satz. Als Sinnschritte kann man alle Zeilen sprechen, bei den Syntagmen-Zeilen spricht man schwebende Kadenz, bei den Satzzeilen fallende. Jede Strophe ist ein Ausspruch. Wegen der immer gleichen Silbenzahl ist das Tempo immer gleich. Die Betonungsstruktur ist interessant. Ich gebe Dir in der nächsten Mail eine Sprechpartitur. Und denke über Klangfarben, Lautstärken und Lautung nach, und über ‚Kra‘! lg n

15 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 15.06.2020

Hier also die Sprechpartitur. Die fettgedruckten Silben sind die Sinnakzente. Wir können über jeden einzelnen Akzent diskutieren, wenn sie nicht evident sind. Ich habe Gründe! Heine lässt im ‘Wintermärchen’ die Göttin Hammonia über Klopstock sagen:

… in früherer Zeit war mir am meisten teuer der Sänger, der den Messias besang auf seiner frommen Leier.

Dort auf der Kommode steht noch jetzt die Büste von meinem Klopstock jedoch seit Jahren dient sie mir nur noch als Haubenkopfstock.

Das temporale Gleichmaß des 12/11 hat schon etwas liturgisches. Es ist eine Parodie auf alle frommen Leiern, ob die von Klopstock oder die von Zarathustra. Und so dürfte auch die Lautstärke nur wenig variieren, in der Tendenz eher leise bleiben; der Klang aber muss hohl sein, denn ein Haubenkopfstock ist niemals massiv. Man darf beim Mitternachtsschlag an ‘Bim, Bam, Bum’ denken (nehmen wir uns den als nächstes vor?). Die Reflexion über ‘Kra’ kommt später. Ich konnte mich noch nicht überwinden mir das 12/11-Rezitheater anzutun!

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MORGENPÜK UND VOLASTERN

[✺] 

Zé do Rock, Foto Valentin Gerhard

Von Zé do Rock

 

 

 

 

Eu li por aí que Christian Morgenstern ära um fervoroso admirador da língua auxiliar volapük, e que nos seus tempos de escol ele criou um próprio volapük. Ich hab irgendwo gelesen, dass Christian Morgenstern ein leidenschaftlicher fän der hilfssprache volapük war, und dass är in der schule sogar ein eigenes volapük entwickelt hatte. Laider waiss kainer wie das ging, und als ich ihn das lazte mal im café traf und fragte, ob er je poesie in volapük verfasst hat, wollte er sich nicht dazu äussern. Maybe we had drunk too much. Vielleicht hatten wir einfach zuviel getrunken.

Il y avä des milliers de projets pour des languas artificiälles, et ils nont jamä stoppés de les produire. Es gab tausende projekte für künstliche sprachen, und man hörte nie auf, sie zu produzieren. Muchos fueron criada par ser la lingua franca de la mundo, otras fueron inventadas pra libros, como las lenguas de J.R.R. Tolkien par su ‚Senyor de los Anillos‘, y otras simplemente por diversión. Viele wurden kreiert, um die lingua franca der welt zu sein, andere wurden für bücher erfunden, wie die sprachen des J.R.R. Tolkien für die länder in seinem ‚Herr der Ringe‚, andere wiederum einfach zum spass.

François Sudre (1787 – 1862) Unknown author – Gallica

Die eerste geconstrueerde tal dat beroemd geword ha, was solresol (sol-re-sol), dat na begin van die 19de eeu deur die fransman François Sudre geskep is. Die erste konstruirte sprache, die einen gewissen ruhm erlangte, war am beginn des 19. jahrhunderts das vom franzosen François Sudre kreirte solresol (sol-re-sol). Aine sär musigalische sprach: every word is combination of 2, 3 or 4 tones, and this language could be communicated with speaking, singing, whistling, played with an instrument, it could be written with words (sol-re-do-mi etc) or notes. Jedes wort eine kombination aus mehreren noten, und dise sprache konnte man sprechen, singen, pfeifen, mit einem instrument bespilen, als buchstaben schreiben (sol-re-sol-fa etc) oder als noten. Sie erreichte für eine kurze zeit eine hohe popularität, aber es war keine leichte sprache. Erstens musste man ein absolutes gehör haben, pa te gen okenn resanblans ak jon ling ki egzisti deja, und dann gab es keinerlei ähnlichkeit mit einer existierenden sprache. So mussten die wörter einfach erfunden – und auswendig gelernt – werden, aus dem nichts. Das them fil bald in vergessenheit, bis ende des 19. jahrhunderts der konstanzer pfarrer Johann Martin Schleyer ins spil kam. Är nannte sein projekt Volapük, und wenn man weiss, dass das Weltsprache bedeutet, vom englishen world-speak, hat man schon eine ärste ahnung, wie Schleyer die wörter bis zur unkänntlichkeit verformte.

El la vidpoinkt lingua, Schleyer etait un farfelu. Vom linguistischen standpunkt her war Schleyer ein halodri. OK, por un lado volapük es bien organizado e metódico: preposiciones, conjunciones etc can tener cualquier form, mas palabras con contenedo son basicamente substantivos, o sea, ‚grün‘ es la „verdeza“, e pra que la palabra se vuelv un adjectivo, necesita la sufijo -ik: grünik. OK, einerseits is Volapük ser ordentlich und metodisch: präpositionen, konjunktionen usw dürfen jede form haben, aber inhaltswörter sind substantive, das heisst, ‚grün‘ is die „grünheit“,  und damit es zum adjektiv wird, braucht es die adjektivendung -ik: grünik. „Dun“ – гäтаўчынак, і, каbзраbіцьяго dзеясловам, нам трäbаспалучыць яго, напрыклаd, „dunön“ (раbіць) о „dunom“ (ён роbіць). ‚Dun‘ is das tun, und damit äs zum värb wird, muss äs konjugirt wärden, z.b. ‚dunön‘ (tun) oder ‚dunom‘ (er tut). In där regel haben dise wörter 3 buchstaben: konsonant-vokal-konsonant. Manchmal kommen auch zwei konsonanten vor oder nach dem vokal, aber eher ungern: aus eim ’stat‘ (staat) wird ein ‚tat‘, aus einem ’system‘ wird ein ’sit‘. Das is ein bisschen wie zu versuchen, aus dem chaotischen Stuttgard, einer stadt die wegen irer topografie kaum parallele straszen hat, dafür warscheinlich die meisten sackgassen där wält, ein ordentliches Brasilia zu machen: das get nur mit brachialer gewalt. Manche grundwörter müssen doch länger sein, wie ‚fonet‘ für ‚fonetik‘ oder ‚gramat‘ für ‚grammatik‘, und die wärden ins schema konsonant-vokal-konsonant-vokal-konsonant geprässt. Also ‚atak‘ für ‚attacke‘ get nich, und ‚tak‘ war vermutlich besätzt, also nam er ‚tatak‘ als grundform. Oder ‚jevod‘: nich zu erkännen, aber wenn man weiss dass es für pferd stet, und J auch als SCH ausgesprochen wärden kann, wird klar, dass es vom francian ‚chevaux‘ kommt, also ‚jevo‘, da er aber noch ein konsonanten am ände gebraucht hat, hat er dismal kein L genommen – was är gärne tat – sondern ein D: jevod. Elogob jevodis vietik: das E von ‚elogob‘ stet für perfäkt, vergangenheit, ‚log‘ kommt vom latinishen ‚oculus‘ und heisst ‚auge‘, daraus macht man ein värb ‚augen‘, also ’sen‘, und die ändung -ob stet für ‚ich‘. Jevodis: jevod is das pfärd, ‚i‘ stet für den akkusativ, ’s‘ für den plural. ‚Vietik‘ heisst ‚weiss‘, also stet „Elogob jevodis vietik“ für ‚Ich sa die weissen pferde‘. Artikel gibt es im volapük keine, dafür deklinationen – volapük is praktisch die deutshe unter den hilfssprachen. Die unendliche mänge an präfixen und suffixen – weit über 100 – macht die sprache sozusagen zu einem superdeutsh.

Algunes paraules són definitivament comprensibles per algú que parli una llengua germanic, com ara „buk“ e „stul“, ab només reconeixeu moltes paraules després de haver apräs el seu significat: „mot“ es la mare, „fat“ es el pare, „cil“ (pronuncee ‚tchil‘) la nen, ’nat‘ la natura, ‚vat‘ laigua, ‚zif‘ la ciutat (del llatí ‚civitas‘), ’sör‘ la germana (reconeixable quan parles francès), ‚blod‘ la germà. Manche wörter sind durchaus verständlich für jemand där eine germanishe sprache spricht, wie ‚buk‘ und ’stul‘, vile wörter sind im nachhinein zu erkännen, also nachdeem man erfaren hat was das wort bedeutet: ‚mot‘ is die mutter, ‚fat‘ der vater, ‚cil‘ (tschill ausgesprochen) das kind, ’nat‘ die natur, ‚vat‘ das wasser, ‚zif‘ die stadt (vom latinishen ‚civitas‘), ’sör‘ die schwäster (erkännbar wenn man francish spricht), ‚blod‘ der bruder. Como assim, ‚blod‘? Wieso ‚blod‘? Ja, wail die chinesen so shlecht das R prononcieren cannen (eigentlich stimmt das gar nich so richtig, is aber ein andre story), hat Schleyer die maisten Rs zu Ls gemacht. Dass die japaner widerum probleme haben, das L auszusprächen, wusste er wol nich. Und wenn man alle laute meiden würde, mit denen bestimmte völker probleme haben, wär nich vil übrig gebliben. Aber es get ja weiter mit dem L, die zalen von 0 bis 9 änden alle mit L: 0-nul, 1-bal, 2-tel, 3-kil, 4-fol, 5-lul, 6-mäl, 7-vel, 8-jöl, 9-zül. Die vokale sind labafetisch geordnet: a-e-i-o-u, dann mit umlaut, wobei ein umlaut felte, wofür är wider das E nam: ä-e-ö-ü. Und was dänkt man, wenn man das wort ‚tal‘ sit? Höxtens am deutshen ‚tal‘, där engländer an ‚tall‘, grosz, hoch, aber weit verfeelt: das is das wort für die Ärde, aus dem latinishen Terra bzw. francian Terre. Vermutlich nam er A, tal, weil ‚tel‘ schon durch das wort für 2 besätzt war, also ‚tal‘. Das wort für ‚tag‘ hätte meiner meinung nach ‚dag‘ sein können, das war aber vermutlich schon besätzt, für ‚dunkel‘. Und ‚deg‘? War vermutlich schon besätzt für die zal 10. Also ‚del‘. Auch das H ersetzte er oft durch H: ‚labön‘ is ‚haben‘, ‚lad‘ (von heart) für ‚herz‘.

Johann Martin Schleyer (1831-1912) Foto Wikipedia, gemeinfrei

Yes, Schleyer lofed L. Ja, Schleyer liebte das L. Qui pourrä comprendre le mot ‚döls‘ tout de suite? Und wer könnte schon das wort ‚döls‘ auf anhib versteen? La lógica de la volapük es „simpla“: ‚idee‘ ne puede mantener la I inicial, porque la palabra tiene que comenci con consonante. Die volapük-logik is simpel: ‚idee‘ kann das I nich behalten, weil das wort mit konsonant anfangen muss. Also dee. Das get aber auch nich, weil äs mit konsonant änden muss, also ganz logisch L: del. Nur, ‚del‘ war vermutlich schon durch das wort für ‚tag‘ besetzt, und da är das Ö noch fast mer liebte als das L, wurde das wort zu ‚döl‘. Und im plural, ‚ideen‘, heisst äs selbstveständlich ‚döls‘. Oder: wär würde beim wort ‚lil‘ auf das deutshe wort ‚or‘ kommen? Ich jedenfalls nich, das hat aber auch seine volapük-logik: ‚ear‘ wird ärstmal zu ‚ir‘, und wegen der L-libe, zu ‚il‘, aber äs felt noch ein konsonant am anfang, und in där regel is das auch ein L: lil. Und die rose? Ja, ‚los‘ als stammwort get genauso wenig, weil kein stammwort offensichtlich mit S änden darf, da äs schon für den plural stet, also wird auch da ein buchstabe durch L ersätzt: das wort für ‚rose‘ is LOL.

Keen frag, Schleyer much umlüd, eĉde ’sprak‘ wur to ‚pük‘, vunt angla ’speak‘. Keine frage, Schleyer liebte umlaute, sogar die ’sprache‘ wurde zu ‚pük‘, vom englishen ’speak‘. Solo un alemán – o un suegi, o turco – podría tener esa idee af utilizar umlautes in una construida lingua. Auf so eine idee, umlaute in einer konstruirten sprache einzubaun, könnte nur ein deutshi – oder swegi oder türki – kommen. Näní to příliš praktickä pro mäzinárodní jazyk, když si myslíme, žä většina jazyků näzná ni tyto zvuky, ni tyto znaky.Nich sär praktisch für eine internationale sprache, wenn man bedänkt, dass die meisten sprachen weder solche laute noch solche schriftzeichen kännen. Klar, das Ä können die meisten aussprächen, aber vile können nich zwischen geschlossenen /e/ ’stehlen‘ und offenem E ’stellen/ställen‘ unterscheiden.

Volapük tem prefixo e sufixo pra chio, por exemple ‚ho‘ pra animais castrada: ‚gok‘ é uma galinha, ‚hogok‘ um capao. Volapük hat prefixe und sufixe für alles, zum beispil ‚ho‘ für kastrirte tire: ‚gok‘ is ein hun, ‚hogok‘ is ein kapaun. Es gibt a sufix für mega inseln, und es gibt a sufix für mini inseln, da haisst es ‚uän‘, also sind  ‚Ficiyuän‘ die Fiji-Inseln, Havayuän die Hawai-Inseln. One can even sag ‚pureidöl‘, instäd of as in inglish ‚being have read in the future‘ – fantastic. Ma kann sogar ‚pureidöl‘ sagen, statt wie im deutshen ‚(künftig) gelesen worden seiend‘ – toll.

Morgenstern und i han ainige untashide, zum exemple war er a dichter, werend ich eher ein undichter bin. But we hab id a few dins in common: he ähab nose, i me, he ähab to fart sometimes, i me, e he id invänted as pupil language – i me. Aber wir haben merere sachen gemeinsam: er hatte eine nase, ich auch, er musste manchmal furzen, ich auch, und är erfand als schüler eine sprache – ich auch. La mia sappelee ‚dal‘, et je havis quelquaj chosej en common avec Schleyer: la amour pour la umlauts (eĉse mia lingue maternelle, portugais, na pas ĝi), la amour pour la mots courta – aussi moi pourrais fari un mot ’sik‘ au ‚psik‘ du mot ‚psychologie‘. Meine hisz ‚dal‘, und ich hatte einiges gemeinsam mit Schleyer: die libe für die umlaute (obwol meine muttersprache portugisish is, die kein umlaut hat), für kurze wörter – auch ich könnte die ‚psychologie‘ einfach ’sik‘ oder ‚psik‘ nennen. Die wörter aus den verschidenen sprachen wurden nach der kürze und nach meinem geschmack gewält. Für mich (wie für ihn) war die struktur, der klang wichtig, nich die lesbarkeit der wörter. Auf die idee, fälle einzubaun wie volapük, bin ich aber doch nich gekommen.

As tri primeras frases de cada paragrafo ha versioes das linguas ki eu descrevo in sta texto: uma na lingua X, ki vad evoluindo im direcciao de volapük, outra na lingua Y, ki vad im direcciao af esperanto, e uma tercera na lingua Z, ki vad im direcciao af europix. Die 3 ersten sätze von jedem absatz haben versionen von den 3 sprachen, die ich in disem text erklär: der erste satz is auf sprache X, die richtung volapük get, der zweite satz auf sprache Y, die richtung esperanto get, der dritte auf sprache Z, die richtung ‚europix‘ get. Nach jedem setz folgt eine deutä übersetzung, zuerst auf wunschdeutsch e dann auf ultradoitsh (das sind kreationen de mir), ausser es is so leicht wi in disem setz.  The linguej are easy to recognizi: if it has umlauts kie you dont expect them, kaj lots of L, it es going to volapük. Die sprachen sind leicht zu erkennen: wenn es voller umlaute is wo man sie nich erwartet, is es volapük. Hat es vilaj A, O oder J am endo, is es esperanto, sonst is es europix.

De toute fasson, kelk ans plus tard el oftalmologiste Ludwik Zamenhof, de Bialystok, Pologna, ha presentee au public sa grammar af esperanto, sa napris longtemps et esperanto had enlevee volapük du „trône“ des linguas francas artificiales. Jedenfalls veröffentlichte ein par jare später der augenarzt Ludwik Zamenhof, aus Bialystok, Polen, seine esperanto-gramatik, und bald wurde dem volapük die show gestolen. Vele volapükisten övertroden to speranto. Vile volapükisten übertraten zum esperanto. La primero borrador de lia lingua era mucho mas similara al la volapük, por ejemplo la palabra pra ‚facil‘ era ‚fala‘, mas luego Zamenhof se dió cuenta ke muchaj personaj kritikaban volapük por tener tantaj palabraj nerekoneblaj, kaj preferió ‚facila‘, ki ablantej de latina linguaj rekonacen imediatamente. Der erste entwurf seiner sprache änelte vil mer volapük, zum beispil war das wort für ‚leicht‘ (nich schwirig) ‚fala‘, bald aber merkte Zamenhof wol, dass vile menschen volapük grade wegen der unkenntlichkeit der wörter kritisirten, und belisz es doch bei ‚facila‘, das jeder sprecher einer romanischen sprache sofort erkennt. Zamenhof nannte seine sprache erstmal ‚Internacia Lingvo‘, da er sich aber selber Dro. Esperanto nannte (Dr. der Hoffende), nannte man auch seine sprache so. Esperanto hatte einerseits die sonderzeichen nich abgeschafft, sondern deren zal sogar erhöt, andrerseits hatte es nur ein einfaches akusativ (mit -n), und der grosze vorteil war: die wörter waren deutlich leichter zu erkennen. Ma konnte damit rechnen, das ein wort wie ‚Struktur‘ auf esperanto ’strukturo‘ war – die substantive enden auf O. In volapük könnte ma höxtens auf so was wie ’stuk‘ oder ‚tuk‘ setzen, aber es kommt am ende noch vil seltsamer daher: ‚binod‘. Ausserdeem hatte Schleyer entschiden, dass nur där cifal, där grosze chef, also är, über neue wörter und eventuälle änderungen entscheiden durfte, was nich besonders demokratisch war.

Bannig wenig vun volapük begajstert weren secker la francinej. Ser wenig von volapük angetan müssten die französinnen gewesen sein. La palabra pra madame ven af el inglishe ‚lady‘ e is ‚läd‘. Das wort für dame, frau (wenn ma das wort an sie richtet) kommt vom inglishe ‚lady‘ und is ‚läd‘. Baina frantsesez horrek „läd itsusia“ esan nahi du. Das heisst aber im francian ‚die hässliche‘. Ou seja, ‚Läd Diana‘ soa pros ouvidos franceses como ‚A feia Diana‘. Also klingt ‚Läd Diana‘ für francian oren wie ‚Die hässliche Diana‘.

Apropoh, Johann Martin Schleyer war el urgroszonkel de Hanns-Martin Schleyer, la manager ki had a jarhundat speter ain unangeneme begegnung mit el RAF. Äniway the speranta mofment spräd quikli lover the worl. Jedenfalls hat sich die esperanto-bewegung rapide über die welt ausgebreitet. Ĝi etait aussi un temps tres favorebla pour ĝi: la francas descendait de la pedestal de la lingua franca de la monde, la anglas montait mais ne havit pas enkore arrivé, kaj la dux linguej sont se rencontré en chemin. Es war auch eine ser günstige zeit dafür: francian kam grade aus dem podest der lingua franca der welt runter, inglish war noch nich oben angekommen, die beiden sprachen trafen sich sozusagen zu der gelegenheit. So wussten vile nich mer was sie als zweite sprache lernen sollten. Da kam Esperanto als neutrale sprache ideal daher.

La situacio feroare draste nei la Earste Wrâldoarloch: la eropaj landoj wiene op la grûn, kaj la FS wiene fierwei la grutste nacio de la wrâld wurden. Die lage änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg drastisch: el europano länder waren am boden, und USA waren mit abstand zur gröszten nazion der welt aufgestiegen. E la corrida pela titule de lingua franca do mundo tinha fini, el inglish endou vitorioso. Und das rennen um die lingua franca war gelaufen, inglish hatte gewonnen. So sperant ferlor imer mer de näm osik. So verlor esperanto immer mehr an kraft.

Anfang der 30er jahre wurde Volapük ein bisschen vom volapük-cifal Arie de Jong reformiert, manche Rs durften wieder R sein, und das wort ‚pükön‘, fyr sprechen, wurde durch das wort ’spikön‘ ersetzt – die neue version war das Volapük Nulik, das neue volapük, während sich das alte Volapük Rigik nennt – das oRIGinale. Es gab ein kurzes aufbäumen der bewegung, das war aber eher das letzte zucken des fisches ausserhalb des wassers. Heutzutage sprechen nur noch wenige leute volapük, und die menschen, die das tun, tun es eher als hobbi.

Esperanto tiene kelkajn problemojn pri los cuales la mayorio de la kritikojn estan de acuerdo: 1) la muchajn specialajn simbolojn, 2) la akusativon, 3) la hecho ke las inaj formoj derivan de las maskulinaj. Esperanto weist einige probleme auf, auf die sich die meisten kritiker einig sind: 1) die vielen sonderzeichen, 2) den akkusativ, 3) die tatsache, dass die weiblichen formen deriwate von den männlichen sind. So“patro“ é la papo, „patrino“ („papa“, „female papo“), la mam. Also is ‚patro‘ der vater, ‚patrino‘ („väterin“) die mutter. E nemödik kritikam as mödik pakobopladik palavras kel binons irreconhecíveis, como por exemplo ‚malsanulejo‘: if binol fefiko ferido e procur um malädanöp, mal olabol döl ki letreiro ‚Malsanulejo‘ sinifon ki po dele dabinon um malädanöp. Und nicht wenige kritisieren die vielen unkänntlichen komposita, wie zum beispiel ‚malsanulejo‘:  hat man sich schwer verlätzt und sucht nach einem spital, wird man kaum auf den gedanken kommen, dass sich das gebäude hinter dem schild ‚Malsanulejo‘ verbirgt. Das kommt so: ’sana‘ heisst gesund, ‚MALsana‘ heisst krank, ‚malsanULo‘ kranker mensch, ‚malsanulEJo‘ platz fyr kranke menschen. Aber esperanto is eine lebendige sprache, und inzwischen gab es eine evoluzion: man darf auch ‚hospitalo‘ sagen. Und die sonderzeichen können inzwischen durch ein H oder ein X nach dem konsonant, wo das hytchen drauf käme, ersetzt werden, also statt ‚ŝanĝi‘ (wexeln, tauschen) kann man auch ’sxangxi‘ oder ’shanghi‘ schreiben. Teoretisch wär ’sxangxi‘ besser, da sonst kein X im esperanto existiert, aber das H sit deutlich weniger befremdlich aus, wie zum beispil ’shi‘ statt ’sxi‘ (fyr ’sie‘, die frau), oder eben ’shanghi‘ statt ’sxangxi‘.

Sempre hab ai tentativas de reformar la lingua, la mas famale fué la de Luis de Couturat e Luis de Beaufront, ki fué presented in 1907 na Delegacion pro el Adopcion af un Internacional Auxiliar Lingua. Es gab immer wieder versuche, die sprache zu reformieren, der wohl berymteste war von Louis de Couturat und Louis de Beaufront, der 1907 in der Delegation fyr die Annahme einer Internazionalen Hilfssprache präsentiert wurde. Efinidon τa diakρiτikά, το kaτigορiτikoepagebon monoσε idikeς πeρiπτoσiς- oτanπρoτaσino binoninkanoniki leod- edoπου epakipon το τelοςgiaτο θηλυκό „-in“, epajafon neoτelοςgiaτο aρσeniko,“-ul «: ‚frato’binon blod i  adelfi, ‚fratino’adelfie ‚fratulo’blod. Die neue version schaffte die diakritischen zeichen ab, der akkusativ wurde nur noch in besonderen fällen benutzt, also wenn der satz nicht in der normalen reihenfolge kommt, und obwohl die endung fyr das femininum ‚-in‘ weiter existierte, wurde auch eine endung fyr das männliche kreiert, ‚ul‘: ‚frato‘ is ein bruder oder eine schwester, ‚fratino‘ is die schwester, ‚fratulo‘ der bruder. E la linguo se tornou malpli metoda en la formado de palavroj: la palavra por ‚pequeno‘ ne era mais ‚malgranda‘ (io como „ingrande“), ma ‚mikra‘. Und die sprache wurde weniger metodisch in der wortbildung: das wort fyr ‚klein‘ war nich mer ‚malgranda‘ (so was wie „ungrosz“), sondern ‚mikra‘. ‚Krank‘ hisz nich mer ‚malsana‘ (ungesund) sondern ‚malada‘. Das is natyrlicher fyr die sprecher von europano sprachen, hat aber auch den nachteil, dass ma (vor allem als sprecher von a nichteuropano sprache) mehr wörter lernen muss – es gibt ja hunderte oder tausende solche paare, und bei granda-malgranda muss man nur ein grundwort lernen, bei granda-mikra zwei.

Alia vördeel de la nü version wer, ke la plural klung pli natura, kaj la konkordanco ne pli nödig wer: en esperanto oni segt ‚chevalo‘ a dat per, la pluralo es mid -J, do ‚chevaloj‘, kaj la akusativ-finajho -n, do la fraso „Ik seeg de peren“ heet en esperanto ‚Mi vidis la chevalojn‘. Ein andrer vorteil der neuen sprache war, das der plural natyrlicher klang, und die konkordanz nich mehr nötig war: in esperanto sagt man ‚chevalo‘ zum pferd, die mehrzahl is mit -J, also ‚chevaloj‘, und die akkusativendung mit -n, also heisst der saz „Ich sah die pferde“ auf esperanto ‚Mi vidis la chevalojn‘. El adjectivo, con -a  in el end, recebe también una J y una N como la substantiv, o sea, oni dice „Mi vidis la blankajn chevalojn“. Das adjektiv, mit -a am ende, bekommt auch ein J und ein N wie das substantiv, also heisst es ‚Mi vidis la blankajn chevalojn‘ (ich sah die weissen pferde). In niewe versie is dat feel gemakkelijker: Mi vidis la blanka kavali. In der neuenwird das deutlich einfacher: Mi vidis la blanka kavali.

Oni diz (ou ao minos el idistis dizem) ki Zamenhof ni era contra sta nova version, el esperantido, „la filit af esperanto“, ma la núcleo af el esperantistis era. Zamenhof selber soll gar nich so gegen diese neue version, das esperantido, also „esperanto-kind“, gewesen sein (wenigstens sagen das die idisten), aber der kern der esperantisten war es. For allem bi esperantido, kel bald elabos nur nog nemi Ido, ainiges mer geändert hat ka nur fomädis säkädik de sperant – umlärnön wär no löliko nen mühe gegangen. Vor allem weil esperantido, das bald nur noch Ido hisz, einiges mehr geändert hat als nur die problematischen eigenschaften von esperanto – ein umlernen wär nich ganz ohne mye gegangen. Post ido aperis stil many attemptoj de reformi esperanton, sed every attempt de plibonigi la linguon fariĝisnew linguo kaj kompetitor por esperanto. Nach ido kamen noch viele versuche, esperanto zu reformieren, aber jeder versuch, die sprache besser zu machen, wurde zu einer neuen sprache und zu einem konkurrenten des esperanto. Eine andre sprache, die ein gewissen rum erlangte, war Latino sine Flexione, vom italo Giuseppe Peano. Isto es un latine sine declinaciones e conjugaciones, que plus tarde adoptava le nome Interlingua. Das is ein latin ohne deklinazionen und konjugazionen, das später den namen Interlingua bekam. Blöderweise hat es eine etymologische orthografie, also PH’s und unnyze doppelkonsonanten wie in ‚communication‘, von denen sich die meisten sprachen in Europa schon längst verabschiedet haben. Fyr mich eine totsynde in einer hilfssprache, die internazionalität erreichen will. Und trozdem, die sprache is in der tat ser leicht zu lesen, vorausgesezt man kann eine romanico sprache. Alle anderen, und das schlieszt die vielen millionen ein, wenn nich milliarden, die inglish aber keine romanico sprache können – sie haben da keine chance.

La fixacion na romanico linguas was egualik a problem af esperanto. Die fixierung auf die romanico sprachen is ebenfalls ein problem des esperanto. Ifi sperant tonos plutot as litaliänik, plus gretik fournisseur de mots pour esperanto binos de fagik fransik. Auch wenn esperanto eher wie italiano klingt, is der gröszte wortlieferant fyr esperanto bei weitem das francian. Vör pli ol 100 jaroj estis normala, ke oni parolis francan, precipe all intelektuloj parolis francan. Vor yber 100 jahren war es normal, das man franciano sprach, vor allem die intelektuellen sprachen alle francian. Das wird aber immer weniger normal, und so geht die lesbarkeit flöten, weil das inglish immer präsenter wird.

Buks mödik mils pebinons traduit in esperanto, ed anikos pepenons in esperanto as bhunteanga.Viele tausende bycher wurden auf esperanto ybersezt, und nich wenige wurden auf esperanto als originalsprache geschrieben. La linguo spertas kun la interreto certan renesancon, char oni ne plu precisa najbaron, ke parolas la linguon, por konversi en esperanto. Die sprache erlebt mit dem internet eine gewisse renaissans, weil ma nich mehr ein nachbarn braucht, der esperanto spricht, um in der sprache zu komunizieren. Lu super distante de caning concure co mega linguas as inglish o deutsh, mas imahin lu ha plu wikipedia articles ki plu mini linguas as danish o bulgarski. Es is sehr weit davon entfernt, mit groszen sprachen wie inglish oder deutsh zu konkurieren, es hat aber immerhin mehr wikipedia-einträge als kleinere sprachen wie danish oder bulgarski.

Mödikans tikons das vol no nedos speranti, nü labos already linglänapüki, ed atos binos fasilik saidiko. Viele meinen, die welt braucht kein esperanto, da sie schon inglishe hat, und das is leicht genug. Oni havas chi tiun impreson pro la simpla gramatiko, sed la prononco havas 5 sonojn, kiuj ne existas en la plej multaj aliaj lingvoj, kaj la alilingvanoj preterpasas kun sonoj de iliaj propraj lingvoj. Den eindruck bekommt ma wegen der relativ einfachen gramatik, aber die aussprache hat 5 laute, die’s in den meisten sprachen nich gibt, und nicht-muttersprachler behelfen sich meistens mit lauten, die sie in der eigenen sprache ham. Dat is rarli problemare pro la comprencion, wil la moustis is habituee co BSE – bad, simple english. Es wird selten problematisch fyr das verständnis, weil die meisten menschen, muttersprachler oder nich, an BSE – bad, simple english – gewohnt sind. Und dann hat inglish eine orthografie, die schon fast so logisch is wie die chinano schriftzeichen. Selbst muttersprachliche professoren myssen ab und zu erkennen, das sie ir ganzes leben gewisse wörter falsch ausgesprochen ham. Und dann verschafft das den muttersprachlern ein heimvorteil, weil sie’s immer besser können als die andren. Last but not least, es gibt keine garantie das es nich irgendwann wieder ein wexel gibt – wenn China in wenigen jahren die USA yberholt hat, könnten sich die chinis fragen, ob sie wirklich die sprache der nummer 2 sprechen sollten, wenn sie mit dem rest der welt komunizieren. Da das chinano fyr ausländer kaum erlernbar is, könnten die chinis doch auf die idee kommen, esperanto zu lernen, um mit der welt zu komunizieren, und da wyrden sicher viele mitziehen, um mit den chinis zu komunizieren, und dann mit dem rest der welt.

Oni sa no si e cuanto Morgenstern ocupou self con esperanto. Inwieweit Morgenstern sich mit esperanto beschäftigte, is nich bekannt. As komipan pro helpa pük bevünetik, binob kleiliko pro sperant e ta volapük. Als befürworter einer internazionalen hilfssprache bin ich doitlich fyr esperanto und gegen volapük. Sed tiel poeto, mi preferus volapukon. Aber als poet wär ich eher fyr volapük. Irgendwie find ich die sprache bunter und exotischer. Durch das stark schematische is es für den rytmus ein paradies. Und zum reimen is die sprache auch ideal: ma neme ein L, dann neme man ein Ö, und sicher wird sich jede menge wörter finden, die reimen. Böl, döl, göl, die liste is lang, „lieben“ heisst ‚löfön‘, und ‚köl‘ dürfte auch klar sein: das is die farbe, von kulöl, ich meine couleur. Was heisst inglish „ardent, highly emotional“ auf volapük? Fäküköl! Nich einmal die finnen könnten es besser! Na ja, vieleicht toppen sie es sogar, mit einem wort wie fääkküköölainän…

One sukon-li adjeki pro poedav, kel finos ko -ik, bi one änu elabon adjeki, kel finos ko -ik? Sucht ma fyr ein gedicht ein adjektiv, das mit -ik endet, weil ma grade ein adjektiv hatte, das mit -ik endet? Neniu problemo, ĉiu adjektivo finiĝas per -ik! Kein problem, alle adjektive enden auf -ik!

Resentli mi had no solo el idee de reform el ortografies du linguas ki mi sa, mas oso el idee de creat a neu lingua: europix. Ich selber bin nich nur auf den gedanken gekommen, die ortografien der sprachen die ich kenne zu reformiren, sondern in den letzten jaren auch auf die idee, eine noie hilfssprache zu schaffen: europix.

Pük at binos mig de püks yuropik valik, fümetoy vödis matematiko. Dise sprache is ein mix aus allen europano sprachen, die wörter werden matematish ermittelt. Ju pli internacia estas la vorto, des pli bona la ebloj de esti elektita. Je internazionaler das wort is, desto gröszer die chancen, das es aufgenommen wird. La cortitee oso plei a rol, meme si solo a secondaru. Die kyrze spilt auch eine rolle, wenn auch nur eine sekondere. Jede sprache hat ein bestimmtes gewicht, je nach der zal der sprecher in der ganzen welt. Das gewicht is nich richtig proporzional, das heisst, inglishe hat das gewicht 8, maltiano das gewicht 1, obwol inglishe mer als tausend mal mer sprecher hat.

Naturalik europix ha su prefixos e sufixos, ki shal bi reconesable tu la maxi mega numero de personis as posible, ma lu construi no mega vocabulari co lus, as multi helpu linguas fa. Europix hat natyrlich saine prefixe und sufixe, möglichst erkennbar fyr möglichst file loite, aba si ferzichtet grösztentails auf ain groszen wortshazaufbau mit inen, wi so file hilfssprachen es tun. Pesäkibons i finotis mütik pro klads gramatik fümik, klu no sagoy ‚kaf‘, ‚kafa‘ u ‚kafon‘, ab ‚cafe‘, e vöd at binos sunädo pasevon. Si ferzichtet auch auf obligatorishe endungen fyr bestimmte gramatikalishe klassen, so haisst es weda ‚kaf‘, ‚kafa‘ noch ‚kafon‘, sondan ‚cafe‘, und dises wort is sofort erkennbar. Oni ne diras ‚granda‘ kaj ‚malgranda‘, oni diras ‚mega‘ kaj ‚mini‘. Es haisst weda ‚granda‘ fyr grosz und ‚malgranda‘ fyr klain, es haisst ‚mega‘ und ‚mini‘. Auch nich ‚pli‘ fyr ‚mer‘ und ‚malpli‘ fyr weniga, sondern ‚plus‘ und ‚minus‘. Das is ain fortail fyr die maisten sprecha fon europeishen sprachen, fyr andre widerum ain nachtail, wail si bai solchen paren 2 wörta lernen myssen statt ains. Esperanto is flexibla, und das lernen, wi ma die sprache ferwendet, is in esperanto etwas laichta als in europix, da ma weniger wörter lernen muss. Der forteil fon europix ligt bai der besseren fermarktbarkait, for allem natyrlich in lendan, die europano sprachen sprechen. Ma fersteet fil snella ain saz als im esperanto, und fil, fil snella als in volapük. Und das is der erste kontakt der menshen mit der sprache – das was ma liest oda hört. Wenn man es ainigamaszen lesen kann, is ma begaistat.

Plao, leuropix labos vokat-konsonat-tonodav: vöds muik finos in vokat, ab vokat at nelogädikos ven pos os konsonat nonik kömädon. Europix hat aussadem die vokal-konsonant-harmonie: die grosze mehrheit der wörter endet auf vokal, aba diesa vokal verschwindet wenn danach kein konsonant kommt. Tiel oni evitas vokala, kaj speciale konsonantaja amasighojn tiel en germana ’seCHSTSCHNellster“... So werden vokal-, aba vor allem konsonantenverklumpungen wie in deutshe ’seCHSTSCHNellster“ vermieden…

Hir some frazes na 3 lingua: Hier a par satze in den 3 sprachen:

Volapük: Binol-li lienetik?

Esperanto: Chu vi estas freneza?

Europix: Yu gaga?

Balido elogob vöd ‚lienetik‘ ed esäkob oki, de kitopo kömos atos? Zuerst sah ich das wort ‚lienetik‘ und fragte mich, wo kommt das her? Kaj mi rimarkis: lunatic. Und ich kam drauf: lunatic. Mooni. Mondbewohner. Warum hat er nich einfach ‚lunatik‘ gelassen?

Volapük: Cils evisitons moti onsik in malädanöp.

Esperanto: La enfanoj vizitis ilian patrinon en la malsanulejo (oda heutzutage auch hospitalo).

Europix: La kidis vizitou su mama na hospital.

Europix hav a sufixo pro ‚plase pro…‘, -um, so mi canau nomize la haus pro maladis ‚maladum‘. Europix hat ein sufix für ‚platz für…“, also könnt ich die einrichtung für kranke menschen ein ‚maladum‘ nennen. Ab mödikans suemons ‚hospital‘, e niludo nemödikans suemons ‚maladum’… Aber ‚hospital‘ verstehen sehr viele, ‚maladum‘, hm, vermutlich ziemlich wenige. Sed kelkfoje europix havas kunmetitan vorton, kie volapuko kaj esperanto havas unuopajn vortojn: en volapük oni diras ’sark‘ pro la ‚cherko‘, en esperanto ‚cherko‘ (ech se ghi venas de la franca ‚cercueil‘, ne multaj francoj komprenos ghin), en europix ‚mortibox‘ (facila pro espere multaj personoj). Manchmal aba macht europix a zusammengesetztes wort, wo volapük un esperanto einzelne wörta haben: ’sarg‘ heisst auf volapük ’sark‘ (leicht für deutshe), esperanto ‚cherko‘ (auch wenn es vom franciano ‚cercueil‘ kommt, werden es nicht viele francis verstehen), auf europix heisst es ‚mortibox‘ (leicht für hoffentlich viele).

Volapük: Odelo golob ini danüda jul, e binob fredik, bi löfob jitideli!

Esperanto: Mi iras en la danclernejon, kaj mi estas felicha, char mi amas la instruistinon!

Europix: Mi go tu la dansu scol, e mi hapi, coze mi ama la profesa!

Ya, hopli la dansu profesa oso ama mi... ja, hoffentlich libe mich auch die tanzlehrerin…

Volapük sumos vödis muik osa de linglänapük (ifi binons suvo töbo memosevonik – as sam ‚love fots‘ kanos tonön nedecenik ad deutänik lils, ab kömos de ‚over the forests‘), täno kömons ko lafamödik vöds valemi-romanik (muiko de fransänapük u latinik) e deutänapük. Die hauptbezugsquelle für volapük-wörter is inglish (auch wenn oft kaum zu erkennen – zum beispil is ‚love fots‘ nix unanständiges sonder heisst einfach ‚über den wäldern‘, von inglish ‚over (the) forests‘), dann komme mit halb so vilen wört allgemein-romanico (fast imma francian o latinish) un deutsh. De la resto, malmultas. Vom rest gebt es wenig. Somewen la sors is no sabee. Bei manchen wörtern is die quell unkennet. Esperanto widerum is vil romanischa, die wörte basieren vor allem auf francian un latinish. Inglish un deutshe wörte sein auch vorhanden, das halte sich aber in grenzen, un von den andren gebt es nur spuren. Europix halte zimlich die wage zwishen romanischen un germanishen wört: die 3 sprachen, die die meiste eenlichkeit mit europix han, sein – praktish im selben umfang – inglish, espanian un francian. Die meiste germanishe wörte sein entweder allgemein germanish or inglish. Fast jedes wort, das aufgenommen werd, braucht „koalitionen“ in mehreren sprachen, um die wahlen zu gewinnen. Es gebt auch mehr spezifish slavski wört als in volapük or esperanto, besondas vile sein die aber auch nicht. Theoretish hat die slavski familie das gleiche gewicht wi die romanik un die germanishe familie, aba si hat 3 probleme, die ir gewicht reduzieren: 1) die kyrillische shrift bei der halfte der sprachen, 2) die teilweis ungewöhnlichen konsonantenkombinationen, die andre europis kaum aussprechen kannen 3) die kleinstaterei (natüralich von Russland abgesehen): 9 – eher kleine – slavski sprachen kannen sich seltener einigen als 5 – eher grosze – romanico. Bei manchen sondafällen aba nehm ich mir doch die freiheit, nicht nach der mathematik zu handeln, weil manche wörter zum kolorit der sprache beitragen, zum beispil komme das wort für ‚erdnuss‘ aus dem serbokrovatski, es heisst ‚kikiriki‘. Das wort für ‚besoffen‘ is ‚hulamasa‘, google hat es mir so aus dem suomian (finnishen) übersetzt und ich fand es sehr gud. Später sagte mir ein suomo, dass es ea ‚verrückt‘ bedeutet, ich hab es trotzdeem so gelassen.

Ma lelilam obik, Volapük tonos bos as macaränapük, sperant as migot de litalyänapük e lituänapük, e leuropix tonos bo as katalänik. Volapük klingt in meinen ohren ein bisschen wi ungarisch, esperanto wi a mishung aus italian un lietuvian, un europix vileicht wi catalanian.

Por ke la aviadilo startu kaj restu en la aero, du aferoj estus necesaj chirkauh 1900: favoraj ventoj kaj aviadilo kun sufiche chevala potenco. Damit der fliger in die luft käme un da bleiben kannat, weren damals um 1900 zwei sachen notwendig: günstige winde un a flugzeug mit genügend PS. La ventos was favorale, mas esperanto had 3 considerable defectos ki tacou multi CP du flayor. Die winde waren günsti, aber esperanto habet 3 betrachtli feler, die dem fleizeug einiges an PS wegnemen han. Ba ido plöposöv, ab ebinos in speranta jad. Villeicht habat ido es shafft, es war aber im shatten von esperanto. A sprache wi europix habat warsheinli noh bessa chancen, bei günstigen winden, aba nu sein die winde gar nit günstig. Europix is au keine konkurrenz zu esperanto: esperanto hat vile tausende o milionen sprecher (je nachdeem ab welche sprachkompetenz man die menshen als sprecher von a sprache definiert), reichli literatur, man hat sogar a netzwerk von vilen esperantisten in der ganzen welt, bei denen man als gast bleiben kann, un trotzdeem sein die chancen, wenigstens momentan, ser gering, dass es a richti lingua franca der welt werd. Also wi sollat da europix auf so a niveau kommen, wo der einzige mensh, der die sprache sprecht, i bin, un das nit amal so fliszend, da man dazu sprächspartner braucht? Also kann ich es nur zum spass machen. Un es mache spass!

E pro fin, poedot fa Morgenstern, in volapük. Un am end a gedicht von Morgenstern auf volapük.

 

VISUL JÖNAVIK

Visul pinädik
äseadom su ston sufädik,
zänodü bluk vönädik.
Sevols-li
pro kis?
Lü okis,
esagons
muna bubüls:
vilons rimodis,
nims poedons
pro holülüls.

Kaj chu vi jam divenis kio ghi povus esti? Un, hast du shon raten was das sein kannat? Ya, dat is El Estetico Wizel. Ja, das is Der Estetishe WiselAb sötoy sevön, das in volapük silab latik binos pakazetöl, äs in fransänik. Man sollat aba wissen, dass in volapük die letzte silbe betonet is, wi in francian. Filozofe konsiderata, la traduko kongruas kun la originalo, sed mi devis shanghi ion, por fari rimon: la mustelo farighis dika mustelo, la shtono farighis pacienca shtono, kaj en la fino, ech kastritaj strigidoj estis necesaj. Filosofish geseen stimme die übasetzung shon mit dem original überein, aber i musset einiges ender, um a reim da reinzukrigen: der wisel wurd a dike wisel, der stein a geduldige stein, un am ende mussten sogar kastrert eulenkükis herhalten.

E den ven esperanto. Un dann kommt esperanto. Is silab bülädik binos pakazetöl. In dise sprak is der vorletzte vokal betonet.

LA ESTETIKA MUSTELO

Mustelo
sidis sur la gravelo
sola kun sia fuzelo.
Vi scias
kial?
Gavial‘
al mi tradicias
sen timo:
la ruz‘ animal‘
garantias,
li tiel faras pro rimo.

Kaj nun venas europix. Un nu kommt europix. Hir la vocale pre la laste consonant is tonik, ma si ai a diftongo (pro exemplo ‚ou‘ or ‚ai‘), la diftong is tonik. Hir is der vokal vor dem letzten konsonant betonet, wenn es aber a diftong gebe (zum beispil ‚ou‘ or ‚ai‘), dann is diser betonet.

EL ESTETICO WIZEL

A wizel
sitou up roca bel
inter tri mini shel.
Sa vu
lu wai?
Moon gagai
susurou ja nu
in mai drim:
clar is la clu,
li fazou lu coze la rim.

Clar, a literale traduccion was non alwen posible, ma metafizicli videe, al is super corect. Klar, a wörtlik übasetzun war nit imma mögli, aba metafisish geseen stimmt alles ganz genau. E nu kömobs lü poedot „Lalula gretik. Un nu kommen wir zu die gedicht ‚Die grosze Lalula‚. Chi tio estis la plej malfacila poezio por traduki, char estas tre komplika trovi vortarojn por chi tiu lingvo – sen mencii la teruran gramatikon! Das war die swiriste von allen übasetzungen, da es ser swer is, an wörtbüke für dise sprake zu kommen – ganz zu sweigen von der sreklichen gramatik! I hab es in en einheitssprak übasetzt, a mix aus volapük, esperanto, europix, interlingua, solresol, lojban, klingonish un suaraf, a helfssprake die auf der basis von suomian (finnisch), arabian un africano spraken kreirt wurd, um die komunikation zwishen disen fölke zu erleichta.

SHASHISHU BUNGABUNGA

Kuantotulto! Shatamalie!
Sat la mataki – vava za du…
Pulli pallu, pilla palie!
bautak lashe zu.
Sha shi shu shu shi sha! Shu shi sha sha shi shu!
Safuh telinte ma lifest
Nundi za kaidai.
Pele ke li, she la divest,
Pulli ta maidai:
Mi mo mai mai mo mi! Mai mo mi mi mo mai!
Stopeka numa belanet
shuntu tantu bou!
Kiku kaski, kade kanet
zoizo shukun tou!
Daudidou doudidau! Doudidau daudidou!

Vüo reidob buki nulik „Biens e Nelogamovik“, fa Clemens Setz, kel konom jenavi de yufa püka datuvans. Grade les i die buk „Die Binen und das Unsichtbare“, vo Clemens Setz, der die geshichte der erfindis vo helfsspraken erzeelt. Ekscita! Spannli! Tam oni oso lerne ki ‚mudel‘ is mondei, ‚tudel‘ is tisdei, ‚vedel‘ is wensdei, ‚dödel‘ is torsdei. Da lerne man au, dass ‚mudel‘ montag is, tudel dienstag, vedel is mittwok, donnerstag is dödel. Heut is dödel.

Zé do Rock, gemalt von Joachim Jung

Mit herzlichem Dank an Shido Morozof, Hermann Philipps und Fritz Hilpert für sprachliche Beratung und Korrekturen!

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Das Bajuwarische bei Christian Morgenstern

[✺] 
 

Armin Steigenberger 2019, © Axel Görlach

Von Armin Steigenberger

Ausgangsbasis. Vorüberlegungen. Klangliches.

Der Impuls zu dieser Debatte geht von Konstantin Ames aus, der einmal die Frage formulierte, was alles an Bajuwarischem bei Christian Morgenstern zu finden sei, wie es sich abbilde und ob sich darin vielleicht sogar ein kleiner, aber feiner „Antipruzzizismus“ (Ames) finden ließe, der elegant und gewitzt als sanfte subversive Kraft den Texten Morgensterns innewohne. Hiervon gehe ich aus und begebe mich auf die Suche; und begegne sogleich einem Aphorismus Morgensterns: „Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.“ [1]


[1] Christian Morgenstern, Das Mondschaf steht auf weiter Flur, marixverlag, Wiesbaden, 1907/2014, S. 286.


Bei allen Überlegungen, die ins Dialektale gehen, geht es zunächst (im wahrsten Sinn des Wortes) um den Standpunkt, den point of view– von wo auswird gedacht, gesprochen? Was bedeuten Dialekte? Was genau wird über die klangliche Seite der Dialekte mitgeteilt? Worin unterscheiden sie sich von den Dialekten früherer Epochen? Und wo sind Mundarten mehr als ein unverkennbarer Sound, also mitsamt ihren eigentümlichen Sprachmelodien eine Art Sphärenmusik geografisch klar verortbarer Regionen?

Man darf nicht vergessen, dass regionale Idiome nur von außerhalb exotisch klingen; für ihre Alltagssprecher:innen klingen sie alltäglich, fast banal – und deshalb klingt darin für die Bevölkerung dieser Landstriche selbst vermutlich gar nichts mehr; es klingt nur dann, wenn es an diesen Orten nicht dialektal klingt. Nur das Besondere fällt auf, nicht das, was man alltäglich und sowieso im Ohr hat. Doch in Zeiten der Globalisierung gibt es zunehmend eine Rückbesinnung auf diese ganz besonderen Eigenheiten, die man (meist an sich selbst) schätzen und lieben gelernt hat, die auch vor dem Aussterben [2] bewahrt werden sollen; eine Rückschau, mit der ebenso eine Bewusstwerdung dieser Charakteristika einhergeht. Es ist der Moment, wo man die eigene Mundart beispielsweise als ‚Original-Niederbayerisch’ bezeichnet. Man ist heutzutage welterfahren, multilingual und weitgereist, gibt sich gebildet oderignoriert ganz bewusst ‚das andere‘, in dem man die eigene Nation, den eigenen ‚Schlag‘, als den weltbesten abfeiert. Morgenstern fragte 1907: Wann wird es endlich nur noch eine Nation geben, nämlich die der anständigen Menschen? [3]


[2] Ungeachtet dessen, dass es ein weltweites Sprachensterben gibt, wie es ein Artensterben gibt und hier haben es unsere Dialekte und dialektalen Wendungen und besonderen Ausdrücke, geradezu paradiesisch gut, im Vergleich zu afrikanischen Sprachen, von denen mit ihren letzten Sprecher:innen fast im Zeitraffer täglich eine ausstirbt, wo es überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Diese gehen mitsamt ihren Mythen und besonderen Sprechweisen, die in ihnen leben, für immer verloren. Nur ein Beispiel ist die letzte Kusunda sprechende Frau aus Nepal, die kürzlich verstarb.

[3] Morgenstern, Das Mondschaf, a.a.O., S.290


Und vor allem junge Leute sprechen heutzutage mehrere Sprachen, aber eine insbesondere: Hochdeutsch. Komme ich heim ins Frankenland, klingt mir meine Mundart erstaunlich nah und rührt mich an. Und das aber nur aus der momentan gefühlten Distanz heraus; bin ich einige Tage da, klingt es bald wieder sehr vertraut und auch ein Stück weit einförmig. Im Gegensatz dazu empfinde ich im Bairischen, das mich in München umgibt, die ganze Bandbreite von umständlich-behäbig über getragen-gemächlich bis hin zu wohlig-mollig. Andere Idiome klingen womöglich nüchtern und schnarrend, militärisch zackig, zickig miauend, schnippisch hochmütig oder sachlich geschwind. Da ich kein Dialektforscher bin, bleiben mir zu Morgenstern ausschließlich Mutmaßungen. Die Quellenlage ist dünn. Das Thema erscheint mir zunächst wie eine Gleichung mit drei Unbekannten.

  1. Was ist eigentlich „bajuwarisch“ (im Gegensatz zu bayerisch)?
  2. Drückt sich in Morgensterns Bajuwarität eine sanfte Subversion wider das Preußische aus?
  3. Wenn ja, was ist aus Morgensterns Blickwinkel eigentlich „preußisch“? Und:
  4. Gesetzt den Fall, es wäre in der Bajuwarität eine sanfte subversive Unterströmung in Morgensterns Texten zu spüren – wäre diese dann nicht so uneindeutig und subtil, dass es sich doch um etwas recht Spekulatives handelt?

 

Bayrisch, Bayerisch, Altbairisch, Bajuwarisch, Boarisch.

Was wäre das Bajuwarische? Die Bajuwaren bevölkerten, regiert von Franken im 6. Jahrhundert, eine von allen Seiten zusammengestau(ch)te Region im Bereich des heutigen Bayern plus dem heutigen Österreich und etwas Südtirol. [4] Genau dort spricht man heute auch noch vorwiegend baierische Dialekte. Im Hinblick auf die Ferienziele des Wahlberliners Morgenstern sind folgende Äußerungen nicht unerheblich: „Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.“ [5] Und im Jahr 1905 notierte Morgenstern: „Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen Berge.“ [6] Drückt sich darin eine Sehnsucht nach Bayern aus? 1906 „reiste er aus gesundheitlichen Gründen in Kurorte in bayerischer, Tiroler und Schweizer Alpenlandschaft, nach Bad Tölz, Längenfeld, Obergurgl, Meran, Obermais, St. Vigil und Tenigerbad“(…)weiß der Wikipedia-Eintrag [7] zu Morgenstern, der also offenbar in den Alpen Rekreation anstrebte.


[4] Morgenstern, Das Mondschaf, a.a.O., S.290

[5] Via Kartenblick lässt sich das gut veranschaulichen und nachvollziehen: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/78/Teilungen_des_Frankenreich_unter_den_Merowingern.jpg und  https://de.wikipedia.org/wiki/Bajuwaren#/media/Datei:Bairisches_Mundartgebiet.PNG

[6] Posthum erschien der Aphorismenband mit Themen, die chronologisch geordnet und nach Sparten gegliedert, Einblick in die Gedanken Morgensterns geben: Morgenstern, Stufen. Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen, 1918

[7] Nachzulesen sind diese Zeilen auch hier.


Gibt es etwas speziell Bayerisches? Das etwa im Unterschied zu anderen Ethnien und deren Identitätsdefinitionen als etwas ‚ureigen Bayerisches‘ erklärt (und erlebt) werden kann? Immerhin steht auf der Homepage der Bayerischen Landesregierung Folgendes:

„Bayern ist eine Lebensart. Heiter und gelassen, manchmal etwas eigensinnig, aber immer mit einer gehörigen Portion Wirklichkeitssinn. Echte Geselligkeit und urtümliche Gemütlichkeit gehören zu den bayerischen Tugenden, aber auch Weltoffenheit und Toleranz. Leben und leben lassen, das ist die vielgerühmte „Liberalitas Bavarica“ [8]. Es geht in Bayern vielleicht weniger hektisch zu als anderswo. Dafür hat man hier den längeren Atem und kann zwischen den wichtigen Dingen und den wirklich wichtigen Dingen im Leben noch gut unterscheiden. In Bayern gilt der Grundsatz: viel von anderen lernen, aber nicht den anderen alles nachmachen. Vielleicht ist es Bayern deshalb gelungen, immer auf der Höhe der Zeit zu sein und trotzdem die unverwechselbare eigene Identität zu bewahren.“ – Kaum eine Landesregierung scheint ihre Bürger so genau zu kennen; wir lesen voller Ehrfurcht über die „Altbayern: Sie bewohnen die Regierungsbezirke Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz. Mit rund 6,4 Millionen Menschen bilden sie gut die Hälfte der bayerischen Bevölkerung. Weltoffenheit, Beharrungsvermögen und ein angeborener Sinn für alles Musische machen diesen Menschenschlag weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und beliebt.“ [9]


[8] „Inschrift über dem Kirchenportal des Augustinerchorherrenstifts Polling aus dem 18. Jahrhundert (…) Ausdruck für eine typische bayerische Freizügigkeit (…) entwickelte sich zum politischen Schlagwort und Kampfbegriff“. (Dass der Freistaat Bayern sich ein Motto in der Sprache einer ehemaligen Okkupationsmacht, nämlich der römischen, auserwählt, ist zumindest eine Randbemerkung wert.)

[9] Zu finden unter: https://www.bayern.de/unser-bayern/menschen-in-bayern-tradition-und-zukunft/


Zunge. Gaumen. Subversion. On the Fly.

Die Zunge, der Gaumen, der ganze Kropf und Kragen mögen Bayerisch klingen, auch das Gehirn muss sich diesem Denken anpassen. Mit dem bewussten Sprechen eines Dialektes (sowie auch dessen Ablehnung) geht immer auch eine Mentalität, Denkweise, Einstellung, Gesinnung etc. einher. [10]

yellow series #1 © 2021 Simone Kornappel

In der österreichischen TV-Late-Night-Show Willkommen Österreich äußerte der Moderator Christoph Grissemann im Gespräch mit Gerhard Polt: „Es ist natürlich auch dieses bayerische Idiom, das du hast, das sozusagen das Unaussprechliche, das Entsetzliche, hörbarer, appetitlicher, leichter macht. Wärst du jetzt einer, der Düsseldorfer ist, könnte man diese Sachen gar nicht so auf der Bühne so sagen, dass es die Leute zum Johlen bringt,“ worauf Polt entgegnet, Loriot – der dem mecklenburgischen Adelsgeschlecht Bülow entstammt – habe ihm gesagt: „Eine Beerdigung oder tragische Sachen möchte er gerne in einem bayerischen Ton hören, weil dann wirkt’s nicht so schlimm.“ [11]

Das deckt sich mit der Auffassung, die bayerische Mundart sei anheimelnd, behaglich, herzerwärmend und verströme Temperatur – egal, was im Einzelnen gesagt werde. Fassbar im Sinne von nachweislich ist das natürlich nicht. An dieser Stelle kann und muss man einwenden, dass sowohl Hitler als auch Himmler ein bayerisches Idiom hatten, das deutlich zu hören war und das deren Aussagen gewiss nicht abgemildert hat. Für mich klingen die halblauten Aufnahmen Hitlers [12] und Originalaufnahmen Himmlers durch den Anschliff des Dialektes sogar noch drastischer. Auch beim in Rosenheim geborenen Göring hört man in Tonaufnahmen sein ratterndes Zungen-R. Damit scheint dieses Narrativ nicht haltbar.


[10] Vgl. hierzu auch die pointierte Stellungnahme der Philosophin Elsbeth Wallnöfer zum Thema Tracht im Programm von Deutschlandfunk Kultur, zum Nachhören unter der URL: Tracht tragen – Die Lederhose als politisches Werkzeug (deutschlandfunkkultur.de)

[11] Nachzuhören ist die Sendung Nr. 479 vom 13.10.2020 mit Gerhard Polt als Studiogast teilweise in der TVthek des ORF, vollständig im Fankanal auf Youtube. Das Zitat selbst von 39’54’’ bis 41’25’’.

[12] Hitler spricht in einem inoffiziellem Gesprächsmitschnitt eines Tontechnikers in einem Salonwagen vom 4. Juni 1942 anlässlich des 75. Geburtstags eines finnischen Obersts; Reichsführer-SS Heinrich Himmler spricht im Oktober 1943 bei einem geheimen Treffen in Polen vor SS-Offizieren zur geplanten Ausrottung der Juden.


Wider das Preußentum.

Wie sich dies nun mit dem 1871 geborenen Münchner Christian Morgenstern verhält, ob seine Gedichte ein Gran dieses subversiven Gemisches enthalten, lässt sich nur vermuten. Es sieht so aus, als kichere in seinen besten Gedichten schon auch jener dunkelsinnige, anarchistische Humor, der nicht immer lustig ist. Es sieht so aus, als riebe sich Morgenstern mit großer Lust an jenem preußischen Geist todnüchterner Vernunft, als schösse sein Humor und seine hochoriginelle Sprachlust nur deshalb so wild ins Kraut, weil es einen Widerstand gibt.

Doch wogegen? – Was generiert eigentlich bei Morgenstern jenen schillernden, artistischen, pfiffigen Sprachwitz? Ich nehme einen Umweg über Herbert Achternbusch, dieser sagt über den anderen großen Münchner Karl Valentin: „Er hat natürlich viel aufgenommen, was Bayern so normal sagen.“ Gibt es dieses ‚normal’, also diese Normalität, auch bei Christian Morgenstern? Der Dichter redet nicht ‚einfach so daher’, Morgenstern ist besonnen, geschickt und raffiniert, er baut aus seinen Worten und seiner Sprache sprachgewitzte Gebäude, die gleichzeitig sehr eindrucksvoll sind: Liedhaftes, Gereimtes und Strophen, die sich durch ihre Liedhaftigkeit und ihren narrativen Duktus einprägen. Viele der Morgensternismen sind rein sprach(spiel)generiert, wie der bekannte Zwölf-Elf, der Gingganz u.a. Morgenstern ist dahingehend für seine Zeit sehr innovativ, da er sich aus der Sprache und ihren Möglichkeiten selbst den Stoff für seine Dichtung holt. Ist das allein nicht schon ein subversiver Akt? Dazu noch einmal Achternbusch: „Das bayerische Volk sagt so viel Schmarrn, weil es immer so unterdrückt worden ist, dass’ (…) mehr plappern als red’n (…), aber diese Glücksmomente der sprachlichen Verirrung werden immer weniger, weil sie werden ja auch so tüchtig, sie laufen auch hinter den Lemmingen her.“ [13] Diese „Lemminge“ gab es zu Lebzeiten Morgensterns auch schon.

 

Alle Galgenlieder (1932)

 

Geht es in obigem Gedicht wirklich nur um den Buchstaben a, der „ab“ bedeutet und z, der „zu“ bedeutet? Oder geht es hier um mehr? Vielleicht um den deutschen Geist als solchen, „das Deutsche“ an sich? Der völlig deutsche® Gegenstand beinhaltet gleich mehrere Seitenhiebe und ein sibyllinisch verschmitztes Lächeln; ich glaube sehr wohl, dass auch Morgenstern diese bewusst herbeiführen wollte.


[13] In der Dokumentation Karl Valentin – Ein Hungerkünstler, in der Reihe Deutsche Lebensläufe, Staffel 3, Folge 3 (60 Min.), Deutsche Erstausstrahlung: Do 03.02.2005, Südwest Fernsehen, das Zitat bei 8’09’’


 Dennoch ist die Frage, inwieweit Morgenstern ein unbewusster (also im Mundartlichen verwurzelter) Bajuwar war oder eher doch sprachlich gesehen aufs Kosmopolitische ging und sein Idiom i.d.R. bewusst nur als Spielform begriff. War Morgensterns Dichtung eine Plattform für politische Äußerung, für (innere, sanfte) Subversion?

Wenn, dann zeichnet sich hier etwas eher Subtiles ab. „Dort, wo dann die Sprache an ihre Grenzen kommt, wo die Verwirrung unaufhebbar ist (…)“ [14], setzt Absurdität ein. Und selbst in der Fantasiesprache des Großen Lalulā ließe sich Dialektales feststellen, zumal sich die erste Strophe mit Gaumen-R schwierig aussprechen lässt, aber die Schlusszeile Siri Suri Sei []! habe ich immer als sehr bayerisch gelesen. Hier und anderswo scheint es, als sei für Morgenstern das Bayerische „eine Gelegenheit, nicht-normiert zu sprechen; es geht (…) dabei nicht ums Lokalkolorit und ist auch keine provinzielle Klangpinselei.“ [15]


[14] Ebd., das Zitat bei 3’49’’

[15] Konstantin Ames über das poetische Debüt von Walter Fabian Schmid im Literaturforum Signaturen


 

Quellenlagen.

An dieser Stelle möchte ich in kurzem Anriss das Dialektale in der Primärliteratur Morgensterns zusammenstellen. Blicken wir einmal in die Originale hinein. Süddeutsch gedacht und die süddeutsche Aussprache und etwas Wissen um spezielle Aussprachen sehe ich eindeutig umgesetzt in Das Hemmed [16], kumm, verreckt, Es horcht, im Dustern, ruckweis, stille Stübel, nannt sich zwanzig (= ch-Auslaut), dagegen jedoch: (…) Wochenchronik: / (…) Honig! (g-Auslaut), halber ilf, früh und spat [17] (Reim auf Apparat), der Maultierbankert, und fürchtet sich vor niemand nicht – mit doppelter Verneinung, ganz süddeutsch also.


[16] Das Hemmed, aus: Das Hemmed / Galgenlieder, S.69, Alle Galgenlieder, Ausgabe Insel-Verlag 1954; kumm, aus: Die beiden Esel / Galgenlieder, S.53, ebd.; verreckt, aus: Die beiden Esel / Galgenlieder, S.53, ebd; Es horcht, aus: Nachtbild / Galgenlieder, S.36, ebd.; im Dustern, aus: Der Mondberg-Uhu / Galgenlieder, S.50, ebd.; ruckweis, aus: Der Mondberg-Uhu / Galgenlieder, S.50, ebd.; das stille Stübel, aus: Das Weiblein mit der Kunkel / Galgenlieder, S.45, ebd.; nannt sich / zwanzig, aus: Das Problem / Galgenlieder, S.50, ebd.; Wochenchronik / Honig, aus: Das böhmische Dorf / Palmström, S.50, ebd.; halber ilf, aus: Des Galgenbruders Gebet und Erhörung, S. 33 ebd.

[17] früh und spat aus: Mogel / Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph, S. 215, Christian Morgenstern, Das Mondschaf steht auf weiter Flur, marixverlag, Wiesbaden, 2014; Maultierbankert aus: Droschkengauls Wintertrost, II / Nachlese zur Galgenpoesie, S. 201, ebd.; und fürchtet sich vor niemand nicht aus: Mogel /Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph, S. 215


Ist es, wie Ames sich ausdrückt, ein Akt ästhetischer Widerständigkeit gegen die preußische Kulturhegemonie? Es gibt auch einmal ein nich [18], das – wenigstens für bayerische Ohren – hochdeutsch oder sogar ‛preußisch’ klingt. Ebenso der Tischler, der in Bayern eigentlich durchweg der „Schreiner“ heißt. Dahingestellt bleibt, inwiefern manche/etliche/viele dieser Stellen auch dem Reim geschuldet sind [19], wo es Morgenstern nicht so eng sah und dies ggf. sogar ausnützte, um aus einer Silbennot eine Worttugend zu machen.

(…)

Wie anders doch, gleich bajuvarschen Hieseln,
die ganze Welt mit fester Faust zu schöpfeln
die letzten dicken Wämser aufzuknöpfeln. [20]


[18] nich aus: Das Lied vom blonden Korken / Galgenlieder, S.61, Alle Galgenlieder, Ausgabe Insel-Verlag 1954; der Tischler aus: Der Gaul / Galgenlieder, S.84, ebd.

[19] Ein Wiesel // saß auf einem Kiesel // Inmitten Bachgeriesel. // Wisst ihr // weshalb? // Das Mondkalb // verriet es mir // Im Stillen: // Das raffinier- // te Tier // tat’s um des Reimes willen.

[20] Vgl. den Eintrag ‛Hiesel’ im DWB.


Fischers Auslegung (Brot auf Papier)

Christian Morgenstern schreibt über Berlin, Preußen und dessen Architektur – dabei kann man geteilter Meinung sein, inwieweit er hier einen gewissen Schmäh auslebt, also ob auch eine gewisse ironische Spitze in den Empfehlungen an Berlin liegt. Immerhin scheinen „Improvisation, Ingenium, Genialität“ nicht Preußens Stärke zu sein, dagegen der „Fleiß, der Gedanke[n] der Zucht“, sein Zugang zur Kunst komme aus seinem „schlichten, nüchternen Geiste“, Morgenstern spricht von „edlen, strengen, fast nüchternen Gebäude[n]“:

„Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe. Möge es dies Talent feiner und feiner ausbilden und dafür lieber auf Gebieten nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg ankommt. (…) Alles, was am Genie Fleiß ist, also vier Bestandteile von fünf mögen ›preußisch‹ genannt werden. Preußen, wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der Zucht. Hier ist sein Weg zu seiner Höhe, wie er es immer gewesen.

Darum soll Berlin das preußische Element in sich nicht abtöten, sondern steigern (…) Der Preuße hat keinen andern Weg zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus seinem schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre (…)”

Ebenfalls um Disziplin geht es in folgendem Zitat: „Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit seiner Arbeit vorwärts als der Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der Produktivere zu sein braucht.“

Berlin kommt dabei an anderer Stelle sagenhaft gut weg:

„Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. Und zwar einer Ausstellung von Dilettanten verfertigter Dinge, als da sind Dörfer aus Streichholzschachteln, rollendes Material aus Garnspulen, ein Haus aus einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. Mir lacht das Herz. Seit manchem Jahre schmähe ich das luxuriöse moderne Spielzeug, diese echte Aus- und Nachgeburt einer materialistischen Periode, – und nun erhebt endlich wieder das Spielzeug unserer Kindheit das bescheidene und phantasievolle Köpfchen. Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach und unter so viel ödem Bildungsphilistertum wieder den Geist und die Liebe.“ [21]


[21] In der Rubrik Erziehung/Selbsterziehung im Band Stufen (BookRix-Edition, E-Book, 2008, S. 86) oder online im Projekt Gutenberg.


 Hier ergreift Morgenstern Partei. Es scheinen Morgensterns Tugenden 1:1 genannt, wo er also dem Einfallsreichtum, dem kreativen Spiel, viel mehr Wertschätzung zukommen lässt. Die anfängliche Annahme, Morgenstern verübe – verkürzt und in Klischees gesprochen – Subversion, weil ihm als Bayer die preußische Ader (als Lebensstil) zuwiderläuft, kann ich hieraus noch nicht wirklich ableiten. Doch vielleicht aus dem Folgenden?

Der E.P.V.

(Dem 2. Garderegiment zu Fuß)

Der Exerzierplatzvogel singt,
sobald des Trommlers Fell erklingt.

Es nimmt voraus, das kleine Vieh,
des Schwegelpfeifers Tirili –

indem sein Köpflein nicht begreift,
warum derselbe noch nicht pfeift. –

Auf seinem Ast im Himmelblau
sitzt unentwegt der E.P.V.,

sein Lied zu pfeifen stets parat,
ein nie versagender Soldat.

Hier scheint mir zumindest via Militär(musik) ein gutgelaunter Spott evident zu sein, die ‚Gegenwelt‘ ist die Stimme eines Vogels, der sich adaptiert. Darin kommt einmal die ganze frohe anarchische Heiterkeit zutage, das Vergnügen, sich an der militaristisch hölzernen Sprache und ihrer abgehackten Form zu reiben. Schon allein diese ökonomistische Abkürzungsmanie(r) wird hier vorgeführt und reimtechnisch brillant ausgeweidet.

 

Quellen des deutschen Sprachpurismus.

Ziehen wir mit Eduard Engels „Deutscher Stilkunst“ [22] eine weitere Quelle heran. In diesem aus heutiger Sicht sehr ambivalenten Werk gibt es etliche Stellen, die den am Anfang des Jahrhunderts immer noch virulenten, sprich vorherrschenden (Un-)Geist, was deutschen Stil angeht, 1:1 wiedergeben, der sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch gegen Morgenstern gewandt hätte.

Aus der Ausgabe von 1922 [23]: „Ist man einmal argwöhnisch gegen einen dieser Preziösen geworden, und das wird jeder unverbildete Leser nach einigen Seiten, so verfangen alle jene noch so scheingeschickt versteckten Stilkniffe nicht. Durch all den verschnörkelten Wortfirlefanz hindurch erkennt man einen Schreiber, der die einfachsten Dinge aufzubauschen trachtet, also einen mit Bismarck zu reden ‚hypothekarisch belasteten‘ Geist. All seine Mühe ist umsonst, wir kennen seine Künste bald so genau, daß uns nur der Widerwille oder die Selbstachtung hindert, sie spottend nachzuahmen.“


[22] Dieses Standardwerk erschien, seit 1911 in insgesamt 38 Auflagen, bis 1931 und wurde 2016 neu aufgelegt von Die Andere Bibliothek, Mit einem Vorwort von Stefan Stirnemann.

[23] Eduard Engel, Deutsche Stilkunst (alle Zitate finden sich auf S. 54f., das Anfangszitat auf S. 52, verwendet wird für die Seitenzahlen die Zählung des Onlinedokuments, nicht die alten Seitenzahlen.)


Das lässt tief blicken, denn Bismarck als richterlich mahnende Instanz und Über-Ich gegen den verschnörkelten „Wortfirlefanz” in Stellung zu bringen, sagt alles. Im weiteren8 Verlauf dieses Absatzes ’goethelt’ es, der „Schnörkelstil, Wortdrechselei, die Satzverrenkung bei all diesen Schnörklern“ sind alle der „preziösen Eitelkeit“ geschuldet – und alles in allem geht es Engel immer und immer wieder um die Wahrhaftigkeit im Ausdruck; dieser sollte „einfach, schlichtwahr und klar“ sein. Bekanntermaßen wendet Engel sich auch gegen die „Ausbünde an Fremdwörtelei“, wir lesen: „Und da sich hinter pomphaft klingenden Fremdwörtern und vornehmtuerischer Pücklerei (…) die einfachsten und einfältigsten Gedanken am leichtesten verstecken lassen, so ist das Maccaroni-Deutsch die geeignetste und allernatürlichste Sprache der Stiläfferei.“

Bismarck wird übrigens lobend erwähnt, die „Emser Depesche“ (ein Akt der Provokation mit den bekannten Folgen) wird von Engel stilistisch untersucht und weitestgehend als positives Beispiel hervorgehoben.

Aus all diesen teils auch tragisch-amüsant zu lesenden Einlassungen geht, wie ich finde, ganz klar hervor, was Literatur und ihre Rezeption – auch wenn es in obigen Zitaten vornehmlich um Prosa geht – zum damaligen Zeitpunkt bedeutet hat, d. h. welche Paradigmen anno 1911, drei Jahre vor Morgensterns Tod, und welche Bedenken für die Literatur vorherrschend waren. Der ‚freie Geist‘ als Musterbild – von Engel eigentlich zum Ideal erhoben (ein Ideal übrigens, dem z. B. Nietzsche durchweg huldigt), – wird hier freilich durch die dumpfe, schwere und „bürokratische“ Enge sowie dem iterativ vorgebrachten, pedantischen Pochen auf das Wahre, Einfache (und Schöne?) unterminiert sowie mit einer minuziösen Schwerpunktsetzung auf hochnüchterne Akkuratesse und Mäßigung im Ausdruck mitsamt einer Art vorbildlicher Sorgfaltspflicht, „die sich in die Seele seines Lesers (…) oder doch eines gewissen guten Durchschnittes versetzen kann“ (S. 18), arg beschränkt.

 

Humor und Anarchie.

„Humor ist äußerste Freiheit des Geistes. Wahrer Humor ist immer souverän.“ [24] Das scheint mir ein Schlüsselsatz zum Verständnis Morgensterns zu sein. Humor war zu allen Zeiten ein starkes Mittel zur Subversion. Und natürlich nie offen, sondern immer verdeckt; so kann man es immer abstreiten, sich unverfänglich geben – honi soit qui mal y pense! Man macht sich Luft, indem man über seine Herren lacht, und heißen diese auch sture Vernunft, preußische (Ver-)Ordnung; oder heißen sie Autorität, Ernst und vierschrötiger Geist; oder heißen sie hässlich bellender Militärdrill und blinder Gehorsam. Dann reizen sie ganz besonders zum Lachen. Etwas ist schon lange nicht mehr so bedrohlich und übermächtig, wenn man darüber lachen kann. Etwas wird schlichtweg lächerlich [25].Humor ist ein gutes Ventil. Gibt es einen speziell bayerischen Humor?

Über Karl Valentin heißt es, er sei „ein Auftreiber mit wildem Humor“ [26] gewesen, ein Opfer der „schwarze Pädagogik“ seiner Zeit. „Sein Humor ist tragisch unterfüttert. Wir spüren den doppelten Boden, die bohrenden Fragen nach unserer Verankerung in der Welt.“ Mindestens letzteres ist ebenfalls Kern und Gegenstand Morgensternscher Poesie.


[24] Morgenstern, Das Mondschaf, a.a.O., S.283

[25] Es ist sicherlich eine der größten Ängste jedes Despoten, innerhalb einer illiberalen Demokratie, eines autokratischen Systems oder einer offensichtlichen Diktatur in all seiner völlig ernst gemeinten pompös-kitschigen Machtprotzerei als lächerlicher Popanz zu gelten.

[26] In der oben bereits erwähnten Valentin-Dokumentation, (bei 10’39’’), „sein Humor ist tragisch unterfüttert…“ (bei 3’14’’).


Bei Karl Valentin glaube ich einige oder sogar etliche Gemeinsamkeiten zu Christian Morgenstern zu erkennen. Was auffällt, ist die Ähnlichkeit seines Humors sowie der Weltsicht, die ganz eigene, leicht entrückte, sprich ‛ver-rückte’ Sichtweise samt einer Fokussierung auf gewisse Schnittstellen, an denen das Absurde erkannt, unterstrichen und zum Thema wird; ich möchte fast sagen: ein punktgenaues Hinschauen auf die kleinen Ritzen in der Alltagslogik, an denen das Absurde hervorquillt wie Schaum aus einem aufgeplatzten Kleidungsstück; genau hier setzen Morgenstern und Valentin an – und immer geschieht es wie selbstverständlich und so halb nebenbei. Und immer schlagen beide, Morgenstern und Valentin, humoriges Kapital aus diesem wüst klaffenden Vakuum; immer blüht genau dort, wo man mit Logik nicht weiterkommt, wo die Leerstelle beginnt, die Komik: „Das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache ist in unsere termini [sic] zerklüftete Wirklichkeit.“ [27]

Henri Bergson notiert zum Thema Situations- und Wortkomik: „Das Komische ist die Seite im Menschen, mit der er einer Sache ähnelt, die Ansicht menschlicher Vorgänge, die durch ihre eigenartige Starrheit schlechtweg eine Imitation des Mechanismus, des Automatismus, kurz der unlebendigen Bewegung darstellt. Es drückt also eine individuelle oder kollektive Unvollkommenheit aus, die unmittelbare Korrektur verlangt. Das Lachen ist eben diese Korrektur. (…) Das Starre, Stereotype, Mechanische im Gegensatz zum Geschmeidigen, immerfort Wechselnden, Lebendigen, die Zerstreutheit im Gegensatz zur Gespanntheit, kurz der Automatismus im Gegensatz zur bewussten Aktivität, das ist es schließlich, was durch das Lachen unterstrichen und womöglich korrigiert wird.“ [28]


[27] siehe https://beruhmte-zitate.de/autoren/christian-morgenstern/

[28] Diese Stelle aus Bergsons „Das Lachen“ ist auch online zu finden in den Signaturen.


 

Valentin und Morgenstern.

Karl Valentin und Christian Morgenstern sind so ähnlich wie sie unterschiedlich sind. Kenne ich Karl Valentin aus Filmmaterial und Tonaufnahmen durch Intonation und Körpersprache,  ja Akrobatik, habe ich Christian Morgenstern nie sprechen hören und nur eine recht vage Vorstellung von seinem Äußeren. Wo die ‚Freakshow‘ Karl Valentins mit vollem Körpereinsatz seiner hochaufgeschossenen, grazilen, spindeldürren Figur seine Hanswurstiaden noch unterstreicht, kenne ich Morgenstern nur aus seinen schriftlich fixierten Worten.

„Valentin laborierte (…) an einer Lungenentzündung, nachdem man ihn nach dem letzten Auftritt versehentlich im Kabarett eingeschlossen hatte. Valentin musste die ganze Nacht in dem unbeheizten Gebäude verbringen. Zwei Tage später wurde er auf dem Planegger Waldfriedhof beerdigt. Offizielle Vertreter der Stadt München oder deren Theater befanden es nicht für nötig, an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen.“ [29] Ähnlich unrühmlich wird bis heute mit einem anderen großen Sohn seiner Stadt, Christian Morgenstern, umgegangen. Selbst bei runden Jubiläen ist er kaum eine Erwähnung wert. Am 6. Mai 2021 jährt sich zum 150sten Mal sein Geburtstag.


[29] Nachzulesen auf der Seite des BR.


Wider die Zopfigkeit.

„Eine der schönsten und symptomatischsten russischen Sitten ist die Anrede beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr, Fräulein, gnädige Frau.“ [30] Hier denke ich, dass gegen all diese steifen Formalismen Morgensterns Lyrik mit ihrer sanften, anarchischen, humorvollen Seite rebelliert. In diesem Aphorismus klingt die Abneigung gegen die alten formal-hochgestochenen Zöpfe an. Wie verhält es sich aber generell mit Morgensterns Verhältnis zu Autoritäten und staatlicher Willkür? Folgendem Stück wurde sogar nachgesagt, gewissermaßen Kafka vorwegzunehmen. [31]


[30] Quelle: Stufen (s.o.)

[31] „Morgenstern baut bereits vor-kafkaeske Welten, um die Absurdität eines verwalteten Lebens zu zeigen.“ Aus: Morgenstern am Abend. Lesung im Lyrik Kabinett. In: Süddeutsche Zeitung 2014, zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Morgenstern#cite_note-10 

Palmström (1916)

 

Schluss und Folgerung.

Gesichert ist, dass es Dialekte gibt, und selbstverständlich regional unterschiedliche Redensarten, „endemische“ Wendungen und schnelle Phrasen, bei denen Aufwachsende wohl nicht registrieren, dass es so und nur so nur im eigenen Landstrich gesagt wird. Ganze Ausdrucksweisen, die man genauso unbewusst weitergibt, wie auch den dialektalen Zungenschlag der eigenen Region. In der heutigen Zeit ist das durch die Mechanismen der Globalisierung ziemlich in Auflösung begriffen.

Obwohl für mich feststeht, dass Christian Morgenstern seine Mundart gut ins Spiel bringt, um – gekoppelt mit einem feinen, raffinierten, stellenweise anarchistischen, teils sehr spielerischen Humor – ein gewitztes Spiel zu treiben, geht es dabei weniger um ein Ausleben von angestautem Ressentiment oder zielgerichteter Rebellion. Ich sehe bei Morgenstern keine wirklich greifbare Aufsässigkeit; ich sehe kein hartes oder systematische Frontmachen, beispielsweise gegen alles hochgestochen Preußische, kein dringliches Anliegen, beispielsweise gegen Autoritäten zu wettern, um etwa den preußischen Stechschritt aus dem Takt zu bringen und mit ihm all das Bürokratische, Lakonische, Schnarrende deutscher Amtsstuben und Kanzleien. Es ist vielmehr die ungebremst (wort)spielerische Freude und ein durchweg gutgelaunter Spott, manchmal getarnt, manchmal offensichtlich und regelrecht aufgedreht, manchmal beschwingt und charmant sprachverliebt, manchmal spitzzüngig, elegant und doch erratisch. Ein Augenzwinkern, Brauenheben. Ein launiges Witzeln und Spötteln in der bewusst gewählten Rolle des mitunter ulkzüngigen Untertans, sprich die Lust, sich sprachlich am Hochoffiziösen zu reiben. In Morgensterns ästhetischer Widerständigkeit im Spannungsfeld Preußen vs. Bayern ist der Dialekt oft Inspirationsquelle für nonchalante Späße, seine Reverenz ans Bajuwarische gibt dem häufig Vorschub; mit Witz und jeder Menge Esprit wird Sprache als Material viel offener, aufgeschlossener und spielerischer gehandhabt als zu dieser Zeit üblich. Auf diese Art und Weise werden raffinierte, blitzgescheite Sprachspiele möglich, die bis dahin so nicht einmal denkbar waren. Die mundartliche Komponente ist Teil dessen. Über die Heiterkeit und Lebenslust seiner frohgemuten Bajuwarismen entsteht eine ganz andere Erbauung als die hehre, die damals aus den ‚ernstzunehmenden’ (!) Gedichten seiner Zeitgenossen aufsteigen sollte. Apropos Ernst – es bleibt (s)ein wohl nie zu lüftendes Geheimnis, wie viel Widerstand in Christian Morgenstern war, wie viel Subversion gegen den sturen, ernsthaften, nüchternen Erwachsenengeist er seinen Gedichten mitgab, wie wenig oder wie viel Ernst in seinem Spiel war. [32]


[32] Das erste der beiden Mottos, die den Galgenliedern vorangestellt sind, ist ein Zitat Nietzsches: Dem Kind im Manne – Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.


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Galgenleider

[✺] 
Von Kerstin Preiwuß

Kerstin Preiwuß 2017, © Reiner Mnich

 

Sehr verehrter Herr Morgenstern,

ich schreibe Ihnen aus einer viel späteren und zugleich unerfreulichen Zeit, in der ein Schnupfen zwar noch Schnupfen heißt, sich jedoch sogleich zum Symptom versteift, mit einem ganzen Rattenschwanz an Problemen. Anders ihr „Schnupfen“, der als modulationsfähiger Keim aus Ideal und Wirklichkeit zumindest hält bis Montag früh. Noch einmal habe ich mir daher Ihre Galgenlieder vorgenommen, mich entlang der Wegmarken Ihres verantwortungsvollen Interpreten Dr. phil. Jeremias Mueller durch ihre Dichtung getastet und Trost in ihrer wirksamen Tiefe gesucht. Ob ich ihn denn gefunden habe? Gewiss, wie konnten Sie daran zweifeln, und falls Sie es dennoch oder noch immer tun, will ich ihnen das bescheidene Ausmaß meiner Lesart verdeutlichen. Beginnen wir mit der wundersamen Vorrede ihrer Galgenlieder, in der sie gleich zum Kern allen Daseins vordringen: „Es waren einmal acht lustige Könige; die lebten. Sie hießen aber so und so. Wer heißt überhaupt? Man nennt ihn.“ Diese Sätze allein genügten, mich in allumfassende Gedankengänge zu schleudern, und so bin ich Ihnen schamhaft dankbar für den Hinweis ihres kongenialen Interpreten (nachgerade ihres Alter Ego), dass diese acht Könige auf einen konkreten Freundeskreis zurückzuführen seien, der „einen Schuhu, einen Verreckerle, einen Gurgeljochem, einen Rabenaas, einen stummen Hannes, einen Veitstanz, ein Gespenst und einen Faherüggh“ als Mitglieder zählte. Es zeigt sich hier, wie konkret Unsinn ist, am Grunde des Brunnens braucht es Wasser, sonst ist der Brunnen kein Brunnen. Sie wussten das immer, und besaßen die Güte, uns durch Wahl und Ausmaß ihrer Benennungen dezent darauf hinzuweisen. Ich habe mir erlaubt, der wundersamen Verbindung von Name und Gegenstand nachzugehen, bis mir und uns allen bewusst wird, worum es eigentlich geht: Wer weiß das Neue? Wie nennst du’s? Und der Weg dazu?

Führt auf jeden Fall auf eine Anhöhe, die ihren Namen zwar behalten, ihre Bedeutung jedoch längst verloren hat, nur der Name deutet hartnäckig auf die Spur. So geht es mit nahezu allen Dingen und Wesen, die wir meinen. Ihre Bildung und Bindung sind am Anfang unmittelbar, doch mit der Zeit verliert sich der Bezug und werden die Namen zu seltsamen Inklusen. Die Gründe, warum etwas heißt, gehen ein ins Wort, der Zusammenhang schrumpft auf das dünne Band der Wiederkennbarkeit, so dass wir den Sinn nicht mehr fürs Verständnis brauchen, ab dann wissen wir nur noch Bescheid. Sie jedoch setzen gerade hier wieder an und verfahren umgekehrt und hebeln die festgefügte Welt aus ihren Fugen und erweitern sie um neue Wesen allein aus den Mitteln der Sprache, anständig benannt und begründet wie am Anfang einer jeden Schiffstaufe. Ich gebe gern zu, dass überall lebendige Anschauung dahintersteckt, dass selbst, wo ein sogenannter Wortwitz zugrunde liegt, er sich im lebendigen Leben inkarniert, selbst wenn die Grundidee mehr oder minder grotesk ist, die Aus- und Durchführung aber durchaus organisch und konsequent. Die wilde Semiose der Personifikation galoppiert durch die Galgenlieder und bedient sich des gesamten Spektrums, und dennoch hat jedes Gedicht Hand und Fuß. Ich habe Lust, ihre närrische, aber darum in sich nirgends unlogische, nirgends unkonkrete Welt geistig nachzuimprovisieren. Sophie, die Henkersmaid und der Rabe Ralf sind meine Zeugen.

Wir haben wandelnde Trichter, ein Mondschaf, ein ästhetisches Wiesel und sehr viele neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen. Doch das sind eventuell nur anders wahrgenommene Existenzen. Trichter gibt es wirklich, nur wandeln sie nicht. Ob ein Wiesel ästhetisch sein kann, bleibt unserer Wahrnehmung überlassen, allein existieren kann es, so wie es da sitzt, ganz gut. Ein Purzelbaum bleibt von außen wie von innen vorstellbar, es kommt nur auf die Perspektive an. Der Mondberg-Uhu folgt der Geier-Wally oder dem Schinder-Hannes. Hystrix grotei Grai bleibt vielleicht auf ewig unentdeckt, ist aber fachsprachlich korrekt und taxonomisch eindeutig. Das Nasobēmals Vertreter der Gattung Rhinogradentia ist seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung und wandert mit der Erkenntnis mit. Der Werwolf, wir wissen es von Borges, ist eines jener Wesen, die durchaus von der zweiten in die erste Wirklichkeit überwechseln können.

 

Vollkommen ersichtlich wird es beim dem Zwölf-Elf, dem Hemmed und dem Gingganz, und ich empfinde die Scham, die auch Ihren Interpreten überfallen haben muss, als er sich genötigt sah, angesichts der Verständnislosigkeit der Welt erklären zu müssen, was es damit auf sich hat und sie damit auf ihre Funktion zurückzuführen, eine Hilfsarbeit zur Vorbeugung geistiger Kurzschlüsse. Sicher kann es sich bei dem Zwölf-Elf (Endekus dodekus) nur um einen Schwarzelb handeln, der pünktlich zur Mitternachtsstunde, wenn die Uhr Zwölf schlägt, auf den Plan tritt, der Name sagt es ja, ein Name wie ein Kippmoment, in sich widersprüchlich, machtvoller Dämon oder machtloser Gelehrter, die Dinge erzeugend oder nur bestätigend, das ganze Dilemma zwischen Kant und Swedenborg, Newton und seinem Dämon, Wissenschaft und Kunst. Und selbst da, wo der Zwölf-Elf kraft seiner Gedanken imstande ist sich umzubenennen, quasi neu zu taufen und sich vor Gott zu offenbaren als klug angelegten Akt der Häresie undoder Aufklärung in finsteren Zeiten, führt die Umtaufung nicht zur sieben (seit jeher eine kräftige Zahl), sondern mündet in die Dreiundzwanzig, jener Zahl, die nur scheinbar den Widerspruch aus ihrem Leben getilgt hat, uns jedoch bis heute mit ihrer verschwörerischen Macht in Atem hält. Und natürlich verstehen wir dann die Nähe des Zwölf-Elf zum Hemmed, dass gewaschen auf der Leine hängt und wie ein Kind weint, weil es ursächlich tropft, nicht mehr nur bloßes Wort, sondern Sinnbild für die Hemmschwelle als Übergang vom Leben zum Tod und die Hermetik, die sämtlichen lautbildenden jedoch wortlos bleibenden Tränen innewohnt. Erlösung gibt es erst mit dem Gingganz, jenem Namen, der seinen Träger schließlich zurückführt in den Kreis der Benennungen. Zusammengefasst aus den Wörtern ging und ganz, als Bezeichnung für jemanden, der ganz in Gedanken ging und ihnen also auch nachhing, entsteht der Gingganz und hinterlässt eine Spur, ist fortan nicht nur er selbst sondern jeder, der sich plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, diese in die Vergangenheit entschwinden und sich in seinem Sosein plötzlich und unfreiwillig in einen ganz neuen Zustand versetzt sieht. Erkenntnis, so erlauben sie mir dies noch zu sagen, ist niemals abgeschlossen, jedenfalls nicht, solange es Wörter gibt, und nur weil wir die Welt meinen, kennen wir sie noch lange nicht. Wer will bestreiten, dass es Tagtigall, Werfuchs, Mondschaf, Pfauenochs, Auftaktkeule, Nachtwindhund, Agel und wie sie alle noch heißen, nicht auch noch gibt oder geben wird? Der Süßwassermops jedenfalls, soviel ist klar, war der stete Begleiter Loriots, denn schließlich sind Möpse „mit Hunden nicht zu vergleichen. Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen“. Ein Leben, verehrter Herr Morgenstern, ohne ihre Galgenlieder, ist folglich möglich, aber sinnlos.

Ergebensten Dank dafür

Ihre Leserin

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Morgenstern in der DDR

[✺] 
Von Michael Gratz

Facts first. Ich wurde in der DDR geboren und überlebte sie. In der DDR habe ich lesen gelernt, besuchte die Grundschule („Polytechnische Oberschule“) und das Gymnasium („Erweiterte Oberschule“), begann im 16. Lebensjahr, privat Gedichte zu lesen, schloss die Universität in Rostock („Wilhelm-Pieck-Universität“) als Diplomgermanist ab und wurde an der Universität Greifswald („Ernst-Moritz-Arndt-Universität“) zum Dr. phil. promoviert.
Ich kaufte ein paar tausend Bücher im „Volksbuchhandel“ sowie in Antiquariaten und auch ein paar übriggebliebenen privaten Buchhandlungen. Darunter meine ersten vier Bände von Morgenstern:

  • Galgenlieder. Eine Auswahl. Leipzig: Reclam, 2. Aufl. 1967
  • Alle Galgenlieder. Leipzig: Insel, 1971 (13. Aufl.)
  • Poesiealbum 51, Ausgewählt von Jo Schulz, Berlin: Neues Leben, 1973
  • Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann, Leipzig: Insel, 1975

Im Schulunterricht mögen ein paar Galgenlieder vorgekommen sein und an der Universität besuchte ich ein Seminar bei Professor Hans-Joachim Bernhard zur „bürgerlichen“ Literatur um 1900, in dem auch Morgenstern behandelt wurde – und in dem er besser wegkam als in der Literaturgeschichtsschreibung der DDR.

Ich fasse zusammen und greife vor: Das Wichtigste, was ich in der DDR gelernt habe, war, den Aussagen der „sekundär“ genannten Literatur zu misstrauen und lieber selber zu lesen.

Ideologische Literaturgeschichte

Das Buch „Krisen und Wandlungen der deutschen Literatur von Wedekind bis Feuchtwanger“ von Hans Kaufmann (1969) war ein Muss für Literaturinteressierte am Ende der 60er Jahre. Neben Hauptmann und den Brüdern Mann sowie den jüngeren Brecht, Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger, die in der DDR zum „Erbe“ gerechnet wurden, gab es auch Kapitel über Rilke und George, Gottfried Benn, Expressionismus sowie „Lyrik nach dem Expressionismus“ (u.a. neben Becher, Benn und Rilke auch Loerke, Kästner, Ringelnatz u.a.). Morgenstern kommt dort nur am Rand vor, dennoch beginne ich mit diesem Buch, das mich sehr interessierte … und enttäuschte.

Schon im „Waschzettel“ wird betont, Kaufmann fechte zentrale Thesen „modernistischer“ Literaturtheorie an und zähle diese drei Jahrzehnte zwischen 1900 und 1930 zur „unmittelbaren Vorgeschichte unserer [also der sozialistischen, M.G.] literarischen Entwicklung“ in entsprechend „streitbarer“ Darstellung. Das liest sich so (alle Hervorhebungen in diesem und allen folgenden Zitaten von mir, M.G.):

Die Einheit von erstens schöpferischer Tätigkeit, zweitens Abbild des Bezugs von Subjekt und Welt und drittens Mitteilung im und durch das Kunstwerk wird im Imperialismus (zum Teil auch schon viel früher, aber namentlich jetzt) für viele Künstler brüchig, und in bestimmten Strömungen des Expressionismus zerfällt sie vollständig. Da die metaphysisch zum ewigen Weltzustand aufgeblähte bestehende Gesellschaft schlechthin und unentrinnbar feindlich gesehen wird, will man im künstlerischen Schaffen jedes Band zu ihr zerreißen, und es bleibt nur das Individuum, das „sich ausdrückt“, das im Werk jede Auskunft über etwas außer dem Künstler Liegendes verweigert und auf Mitteilung einer Aussage nicht nur keinen Wert legt, sondern sich spröde dagegen versperrt. Letzte Konsequenz des „Aufstands gegen die Wirklichkeit“ ist die Literatur, die nichts mehr sagt. (Kaufmann a.a.O., S. 178)

An dieser Stelle kommt Morgenstern ins Spiel zu seinem einzigen Auftritt:

Als Morgenstern zum Spaß „Das große Lalula [sic]“ schrieb, ahnte er wohl nicht, daß er eine literarische Richtung
vorwegnahm, die das Sprechen schließlich durch das Lallen ersetzte (Hugo Ball und andere). Natürlich ist bei den Dadaisten viel Jux, Provokation, universelle Verhöhnung und Selbstverspottung im Spiel sowie die Absicht, durch demonstrativen Ausverkauf der bürgerlichen Kultur revolutionär zu wirken, und von den daran Beteiligten traten einige wenig später als bedeutende revolutionäre Künstler hervor (Piscator, Grosz, Heartfield, Herzfelde). Dennoch wird in den dadaistischen Experimenten die innere Logik des Zersetzungsprozesses der Kunst als Folge tief gestörter menschlicher Beziehungen besonders deutlich.“ (a.a.O., S. 179)

Es gab Leute, die Kaufmanns Zugriff als sachkundig und „feinfühlig“ verteidigten – ich empfand es eher tragisch, zu sehen, wie ein Literaturfreund sich in den Keulenworten der Ideologie verhedderte. Das Stimmenwirrwarr der Strömungen und Individualitäten, in dem auch Morgenstern „streitbar“ agierte, wird brutal auf zwei Grundlinien zugeschnitten, „für uns oder gegen uns“, Sozialismus oder Barbarei, „bürgerliche“ oder „proletarische“ Literatur. Gibt es keine Unterschiede zwischen George und Rilke? Brecht und Becher? Dem Becher der ersten, zweiten, dritten und vierten Phase? Zwischen Trakl und Stramm? Zwischen Symbolismus, Kubismus, Futur-, Im- oder Expression-, Dada-, Aktion- und allen anderen -ismen? Sind die „bürgerlichen“ Schriftsteller für den Leser von 1969 nur dann interessant, wenn sie sich für sozialistische Positionen öffneten oder wenigstens als „Bündnispartner“ oder „Weggefährten“ angesehen werden konnten? „Weggefährte“, so wurde der kommunistische Futurist Majakowski von den Kulturfunktionären der frühen Sowjetunion ein- und heruntergestuft, bevor er sich das Leben nahm und prompt von Stalin höchstpersönlich zum „besten und begabtesten Dichter der Sowjetepoche“ deklariert wurde. Die Art Literaturgeschichte wurde an Schulen und Universitäten gelehrt und in Monographien und Nach- oder Vorworten ausgebreitet, dass dem armen Kopf des Literaturfreundes Hören und Sehen, wenn nicht gleich Lesen und Schreiben, verging. Kaufmanns Buch war durchaus informativ für den auf das Fremde neugierigen Leser, aber die allgemein literaturpolitischen Aussagen verhießen nichts Gutes.

Hans Kaufmann war auch der Leiter des Autorenkollektivs von Band 9 der 13bändigen „Geschichte der deutschen Literatur“, dem Hauptwerk der Literaturgeschichtsschreibung der DDR. Morgenstern hat darin ein eigenes Unterkapitel von zweieinhalb Seiten. Darin steht gleich eingangs, sein Werk sei ebenso wie das von Arno Holz „am ehesten dort genießbar, wo dieser Humor zur Geltung kommt“:

Jene Poesie, in der sich ein von menschlichen Beziehungen entleertes Ich durch den Bezug zum Kosmos Fülle zu verleihen sucht, kann nicht verbergen, daß es ihr im Menschlichen fehlt. Wo sie sich in Randerscheinungen und unseriösen Gelegenheitspoesien humoristisch zu geben und selbst in Frage zu stellen vermag, wird sie vermenschlicht. (S. 198)

Die Pflöcke werden gleich am Anfang überdeutlich gesetzt in den pluralen Einschränkungen: „am ehesten“, „Randerscheinung“, „unseriösen Gelegenheitspoesien“, „humoristisch zu geben“. Durch Zuspruch für diese Nebenwerke ermuntert, habe er „die Scherzgedichte mit den Weltanschauungsproblemen … die ihn bewegten“ aufgefüllt. Die „Scherzgedichte“ kränkelten also an den gleichen Symptomen wie das „seriöse“, „kosmische“ Werk, auf der Flucht vor der Wirklichkeit in Irrationalismus. Ich rücke den gesamten Rest des Morgensternkapitels hier ein und kommentiere durch meine Hervorhebungen und kurze Zwischenbemerkungen:

Durch den Verlust sinnvoller gesellschaftlicher Beziehungen erscheint dem Dichter der „Galgenlieder“ die Welt in lauter isolierte Dinge zerfallen. Jedes einzelne Ding repräsentiert direkt die rätselhafte, dämonische Welt. Das Kleinste und das Größte sind unmittelbar aufeinander bezogen. Carl Sternheim läßt – in parodistischer Übertreibung dieser Sicht – den Kleinbürger Maske ausbrechen: „Hat diese Tasse einen Henkel? Wohin ich fasse, klafft Welt.“ („Die Hose“) So ist es bei Morgenstern: Überall „klafft Welt“, und dies weist er nun mit scherzhaft übertriebener Konsequenz an tausend Dingen nach. Die Schrecken dieser Erfahrung mildert oder annulliert er jedoch, weil er die Dinge, die ihr phantastisches Eigenleben führen, von einem versöhnlich gestimmten Subjekt her beseelt. (In Palmström nimmt dieses Subjekt Gestalt an.) Oft wird in Morgensterns Gedichten ein Nichts an Geschehen sprachlich hin und her gewendet und dadurch sowohl in seiner Nichtigkeit ausgewiesen wie mit Bedeutung aufgeladen:

Der Rock

Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich schweigend aus;
durch seine hohlen Ärmel trabt
die Maus.

Durch seine hohlen Ärmel trabt
gespenstisch auf und ab die Maus…
Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich aus.

Er ruht, am Tage angehabt,
im Schoß der Nacht sich schweigend aus,
er ruht, von seiner Maus durchtrabt,
sich aus.

(ein Nichts an Geschehen? Eingedenk, dass Geschehen im Gedicht immer sprachliches Geschehen ist, „geschieht“ im Gedicht nicht „nichts“, sondern sehr viel.)

Die unkorrekte Fügung „angehabter Rock“ läßt, auf ihre inhaltliche Bedeutung befragt, aus dem grammatischen Subjekt ein Ding, ein „Subjekt“ im Sinne eines handelnden und fühlenden Wesens werden. Der Rock wurde in Anspruch genommen, ist müde, ruht sich aus.

Entscheidend ist Morgensterns Verhältnis zur Sprache, das sich nicht in der souveränen Beherrschung der Stilmittel zeitgenössischer Lyrik, im Wortwitz und in der Fähigkeit zur Parodie erschöpft. Er überträgt vielmehr sein Verhältnis zu Ding und All auch auf die sprachlichen Zeichen, er stutzt vor den grammatikalischen, syntaktischen und lautlichen Fügungen, sie werden ihm zum Problem und beginnen ebenfalls, ein phantastisch beseeltes Eigenleben zu führen.

Er erfindet „logische“ Gegenstücke zu existierenden Wörtern: die „Oste“ zur Weste, „untig“ und „nebig“ zu obig; er dekliniert den „Werwolf“ („des Weswolfs“ usw.) und staunt,

(„er“ erfindet, „er“ staunt? Zwischen dem Dichter und seinen Geschöpfen wäre zu unterscheiden! Er, Morgenstern, „beherrscht“ die Stilmittel und Kniffe, er, der Rock, verselbständigt sich und er, der Sprecher oder besser sie, die Sprechinstanz, trägt den Vorgang vor, uns dran zu freuen, drob zu erschrecken oder auch, nun ja, drüber zu philosophieren. Geht es nur mir so, dass ich die folgende Paraphrasierung Morgensternscher Gedichte komisch daneben finde?)

daß das Verfahren auf den Plural nicht anwendbar ist; er faßt die Reihenfoge der Buchstaben im Alphabet als Stufen der Kultur auf und sieht die Geschichte als eine Entwicklung von A-Z. Und er läßt aus dem Reimzwang (auf „Dorf“) einen Gefährten Palmströms namens „v.Korff“ herauswachsen, der als erfundenes, also geistiges, körperloses, „unbürgerliches“ Wesen in der bürgerlichen Welt sonderbare Dinge erlebt. Die sonst allmächtige Behörde ist ihm gegenüber ohnmächtig („Die Behörde“). Vielfach konfrontiert Morgenstern seine phantasiebegabten „guten Menschen“ mit der Nüchternheit der bürgerlichen Gesellschaft und läßt sie immer neue Vorschläge und Erfindungen zur Weltverbesserung vortragen: eine „Mittagszeitung“, von deren Lektüre man satt wird, eine Uhr, die, vorwärts und rückwärts gehend, die Zeit aufhebt, und – tiefsinnig und prognostisch – ein „Warenhaus für Kleines Glück“ („WKG“), aus dem sich der vereinsamte Mensch, dem niemand schreibt, ganze Stöße „gemischter Post“ schicken lassen kann.

Immer wieder, und stets vergeblich, strebt Morgenstern danach, die Verdinglichung, die Vertauschung von Zweck und Mittel, von Mensch und Ding, zu entlarven und ihrer Herr zu werden.

(stets vergeblich? Über 100 Jahre später lassen wir uns immer noch „die Verdinglichung, die Vertauschung von Zweck und Mittel, von Mensch und Ding“ in diesen Gedichten vorführen – selbst die Literaturhistoriker beweisen seinen Erfolg; denn was wäre ihre Literaturgeschichte ohne die Gedichte? Nicht mehr als die von Morgenstern beschriebenen Latten im seiner Lücken beraubten Lattenzaun „mit Latten ohne was drumrum“. Wenn man den Zwischenraum herausnimmt, kann man nicht mehr durchschaun.)

Einen Sinn des Lebens, den er — im Grunde verzweifelt — suchte, konnte er rational nicht finden, sondern nur in der emotionalen Beseelung der Welt. Die durch nichts zerstörbare Gutartigkeit und Freundlichkeit (ähnlich der großer Clownsgestalten), die das Substrat all dieser Gedichte bilden, rufen ein humanistisch begründetes Wohlgefallen hervor, das sich mit der Freude am grotesken (niemals grausamen) Spaß verbindet. Durch seine Sprachbehandlung übte Morgenstern großen Einfluß auf die nachfolgende Lyrik aus. (a.a.O., S. 199-201).

Na immerhin das! Ich zitiere – aus dem Gedächtnis paraphrasiert und verbürgt – den DDR-Schriftsteller Franz Fühmann: „Hätten wir eine Literaturgeschichte und nicht die beflissene Karikatur, die sich dafür ausgibt …“ Vielleicht hat nicht Kaufmann, sondern einer der mehr lyrikaffinen Mitautoren dieses Kapitel verfasst und er hat es nur verantwortet?  Als ich diese dicken Bücher kaufte und zu lesen versuchte, war ich schon durch umfangreiche Eigenlektüre vieler nicht erwünschter Bücher, ich sag mal, gefestigt und gefeit. Fast kann ich den bayrischen Kollegen verstehen, der mir einmal in den 90er Jahren nach meinen Erzählungen zum Abschied sagte, unter solchen Bedingungen hätte er nicht Literaturwissenschaftler werden wollen. Jetzt braucht mein Text ein Smiley: 😀

Nicht viel anders, zunächst, in der einbändigen Literaturgeschichte von Hans Jürgen Geerdts (1968). Sie spricht vom „Bankrott bürgerlicher Ideologie“ mit Stichworten wie „kleinbürgerlicher Pessimismus“ und „militanter Nihilismus“. Das Jahr 1917 (gemeint ist die Oktoberrevolution in Russland) habe dann „den geschichtlichen Gegenbeweis“ erbracht, „den Sieg des wissenschaftlichen Sozialismus“. Zusammengefasst für die Kunst:

Nach alldem ist einleuchtend, daß eine dem Imperialismus verhaftete Ideologie nur dekadente oder banal-apologetische Kunst gebären kann. Auf ihren objektiv reaktionären, grundsätzlich volksfeindlichen Charakter muß man nachdrücklich hinweisen (…) (S. 467)

– was auch immer das zum Beispiel über das Werk Morgensterns aussagt. Wir können passende Adjektive raten, welches passt eher, dekadent? banal-apologetisch? reaktionär? volksfeindlich?

Immer wieder fällt hier auf, dass die allgemeinen Wertungen, Worte wie Peitschenhiebe, dann später im Eingehen auf konkrete literarische Phänomene kaum noch vorkommen. Morgensterns „seriöse Lyrik“ sei zwar „irrationalistischen Spekulationen – Nietzsches verstiegener Gedankenwelt und Rudolf Steiners Anthroposophie – verfallen“ und zu Recht vergessen, seine „grotesken Verse“ dagegen seien lebendig geblieben:

Hinter der von Arnold Zweig gelobten „Meisterschaft des Spielens“ mit witzig-paradoxen Wort- und Versmitteln spürt man des Dichters kritische und skeptische Haltung in einer von kapitalistischen Mechanismen und Phrasen geprägten Gesellschaft. Da kommen etwa zu Palmström die „wirklich praktischen Leute“, die „mit beiden Beinen“ im „wirklichen Leben“ stehen, und „hoffen zu postulieren: / er wird auch einer der Ihren, / ein Glanzstück erlesenster Sorte, / ein Bürger mit einem Worte.“

Das war letztlich das Wirkungsprinzip der ideologischen Literaturbetrachtung (-verdammung). Die Ideologie muss man schlucken oder überblättern und dann kommt das eigentlich Interessante. Auf den 50 Seiten des Kapitels über „Die bürgerliche Literatur vom Beginn des Imperialismus bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ finden sich ganz oder teilweise Gedichte von Wedekind, Liliencron, Dauthendey, Ricarda Huch, van Hoddis, Becher, Hasenclever, Lotz, Holz, Morgenstern, Rilke, Hofmannsthal, Lasker-Schüler, Trakl, Heym, Werfel, Stramm und Engelke – fast schon eine Basisanthologie der Lyrik um 1900. (Andere Autoren, Nietzsche, George, Benn, werden genannt, aber nicht in Gedichten vorgestellt.) Für eine einbändige Geschichte von 1000 Jahren Literatur ist das gar nicht schlecht.

Ich stelle einmal die im Umfang vergleichbare „Neue Geschichte der deutschen Literatur“ von Wellbery, Gumbrecht et al. (2004) daneben: Von Nietzsche bis Expressionismus steht da auf 110 Seiten kein einziges ganzes Gedicht, lediglich Gedichtfragmente von George und Benn. Von den hier genannten Lyrikern stehen Liliencron, Dauthendey, Hasenclever, Lotz, Holz, Morgenstern, Lasker-Schüler und Engelke nicht einmal im Register! Wenn mich ein lyrikaffiner Schüler fragt, welche einbändige Literaturgeschichte ich für einen schnellen Überblick über die moderne deutsche Lyrik empfehlen würde, ich müsste Geerdts vorziehen. Ich würde sagen, lies die allgemeinen Abschnitte über die Epochen erst gar nicht, lies die Gedichte und was um sie herum steht: er bekäme einen ersten Überblick.

Dazu passt eine Anekdote. Ein jüngerer Greifswalder Literaturwissenschaftler durfte in den 80er Jahren zusammen mit Geerdts ins kapitalistische Ausland reisen, was Normalbürgern praktisch unmöglich war, zu einer Konferenz nach Dänemark. Als der Grenzbeamte den Namen von Geerdts las, sagte er: Sie sind Professor Geerdts! Wissen Sie, dass wir Ihre einbändige Literaturgeschichte benutzen, wenn wir entscheiden müssen, ob jemand bei der Einreise ein Buch in die DDR einführen darf? Wir sehen im Register nach, wenn der Name des Autors nicht drin steht, ist es verboten.

Innerliterarische Szene

Das eine also die Ideologie, die eindeutig und klar Unterwerfung forderte. Daneben aber gab es die Praxis, gemischt, nicht immer klar-und-deut. Lehrer, die auf Dinge außerhalb des Lehrplans hinwiesen. Gedichte im Lesebuch, die nicht behandelt wurden und vielleicht gerade deshalb wirkten, wie das eine einzige Gedicht von Else Lasker-Schüler im Lesebuch:

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt
Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen . . .
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen . . .
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Dieses Gedicht steht auch in Gänze in der einbändigen Literaturgeschichte von Geerdts. Es war da, man konnte es finden. Was nicht behandelt wird, darf im Dunkeln wirken. Ich glaube, das gilt auch heute: Bitte, liebe Lehrer, lasst die Finger von den guten Gedichten, lasst sie einfach in der Nähe liegen: kann sein, sie zünden dann.

Der Reclamband der Galgenlieder von 1967 war insofern ein guter Start, als das Nachwort (von Anne Gabrisch) für die Zeit erstaunlich unideologisch-literaturaffin war. „Fisches Nachtgesang“ auf dem Rücktitel lockte in unbekanntes Gelände; die verspielten Illustrationen von Horst Hussel erleichterten die Einübung. Die ideologischen Schlagworte („Abkehr vom gesellschaftlichen Geschehen, subjektivistische Resignation und Religiosität“) stehen bei ihr isoliert in Zitatstrichen. Sie wehrt es mit der Autorität Victor Klemperers ab. Als einziger sei der in einem 1956 wiederveröffentlichten Aufsatz (siehe Literaturverzeichnis am Schluss des Beitrags) „dem Dichter ganz gerecht geworden“ :

Für ihn sind der Morgenstern der „seidenen“ Verse und der Morgenstern der Grotesken eins: „Ein Positivismus-müder junger Mann am Ende des 19. Jahrhunderts wendet sich genauso wie ein Aufklärungs-müder Jüngling am Ende des 18. Jahrhunderts der Romantik zu“, er gibt seiner Naturschwärmerei, seiner Gottsuche, seinen unbestimmten Sehnsüchten in den lyrischen Gedichten Ausdruck und – ironisiert all diese Sehnsüchte in seinen humoristischen Versen echt romantisch wieder. (S. 196)

Er sei ein „respektloser Geist“ (S. 198) und bleibe “ Skeptiker allem und jedem gegenüber“ (S. 197). Steinersche Mystik UND Palmström, so ihre Formel für das Spätwerk (S. 201).

Der Reclamband und die verschiedenen Ausgaben beim Leipziger Insel-Verlag erschienen in Tausender-Auflagen zu niedrigen Preisen. Schließlich erschien 1971 ein Heft der Reihe „Poesiealbum“. Die von Bernd Jentzsch begründete Reihe erschien seit 1967 monatlich und war bis in die frühen 80er Jahre am Zeitungskiosk für 90 Pfennig erhältlich – und war so auch in der Provinz auffindbar. Die Auflage lag in der Regel bei 10.000 oder mehr – das Morgensternheft musste 1973 nachgedruckt werden. Herausgeber war der Lyriker Jo Schulz, er lieferte einen kurzen Begleittext ohne ideologische Hammerworte:

Morgensterns Leben war kurz. Frühes Kranksein, langwierige Liegekuren verstärkten zwar seine grüblerische Sensibilität, schärften zugleich aber Blick und Sinn, selbst im alltäglichen Gleichmaß steriler Umgebung das phantastisch-groteske Dahinter zu entdecken. Im vieldimensionalen Spielraum seiner poetischen Welt verdichteten sich Zeitgeist und Ungeist, militanter Machtwahn und Kleinbürgerrausch, Lebensangst und Philistertum, oft zwischentönig spottend und immer mit hoher Wortkunst und Musikalität, zu bildkräftiger Symbolik. Morgenstern zielte kaum direkt, er spielte – und traf, Wahrscheinlichkeit des Zufalls voraussetzend: ins Schwarze, Doppelbödige, Untergründige, den Schatten der Dinge.

Damit konnte man anfangen. Morgenstern hatte in der DDR aller Ideologie zum Trotz tausende Leser und Zehntausender-Auflage. Die Hefte des „Poesiealbum“ waren für viele junge Leute und auch junge Lyriker eine Schule der deutschen und Weltlyrik. Mir bleibt nur hinzuzufügen, dass es auch einige – nicht allzu viele, Morgenstern war nicht gerade ein Schwerpunktthema – ernstzunehmende wissenschaftliche  Arbeiten gab. Ich nenne nur zwei. Einmal Victor Klemperers Aufsatz „Christian Morgenstern und der Symbolismus“, der zwar aus den 20er Jahren war, aber 1956 in der DDR wiederveröffentlicht wurde und zum Beispiel von der Nachwortverfasserin der Reclamausgabe der Galgenlieder als Nothelfer gegen die Ideologen benutzt wurde. Zum andern Klaus Schuhmann, ein bedeutender Lyrikkenner, der 1975 einen Band „Ausgewählte Werke“ herausgab. In einem längeren Vorwort bringt er es fertig, die marxistische Einordnung im Ganzen mit Feingefühl und  literarischem Sachverstand, soll ich sagen: zu versöhnen? Nur manchmal schlägt der „Fluch der Interpretation“ zu. Als das Buch erschien, hatte ich mir das Nach- oder Vorwortlesen schon fast abgewöhnt. Ich  habe die fast 60 Seiten damals nicht zu Ende gelesen, das Buch schon, denn es enthält nicht nur sämtliche Galgenliederdichtungen, sondern auch „seriöse“ Lyrik, Kindergedichte, Briefe, Epigramme und Parodien. Das Vorwort habe ich erst für diesen Aufsatz gelesen. Hier zwei meiner Randbemerkungen ohne anderen Kontext als die entsprechenden Seitenzahlen.

Fluch der Interpretation (S. 47)

wieviel Angst die Marxisten vor der Freiheit hatten (S. 48)

Coda

Und destotrotz und alledem: Höhepunkt der Morgensternrezeption in der DDR war eine Szene in Greifswald, im Nordosten der DDR und Deutschlands. Die Geschichte spielt in einem Haus in der Langen Straße (damals Straße der Freundschaft oder kurz F-Straße). An der Stelle des jetzigen Hauses standen damals zwei Häuser, in denen sich ein Zeitungskiosk und ein Milchladen befanden. Kurz vor Ende der DDR wurden die Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt. In den 90er Jahren zog eine Filiale der Erotikkette Beate Uhse in das Haus (sie hielt sich darin bis 2020.

In den 70er- und 80er-Jahren aber hing am Eckhaus eine Tafel, die augenscheinlich als Scherz von Hausbewohnern angebracht wurde. Eigentlich in der an Kontrollwahn leidenden DDR ein Unding, man kann nicht einfach eine Tafel an einem Haus anbringen. Die Tafel bezog sich augenzwinkernd auf die Sitte vieler Universitätsstädte, auf Dutzenden Tafeln zu vermerken, welcher Schriftsteller bzw. Professor früher hier wohnte.

In der DDR-Zeitschrift „Das Magazin“ stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr I. Sulk war ein dort lebender Greifswalder. Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das::

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir.Die Handlung des Dramas beginnt nämlich so:

ERSTE ZIGARRE läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa : Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

MEHRERE TELLER klappern.

GABELN klirren

EINE TÜTE MIT DATTELN wird irgendwo versteckt.

EINE FLASCHE SEKT knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in der DDR, in Greifswald, Straße der Freundschaft. In diesem Haus. Oder was da vorher stand.

Die Tafel hängt heute um die Ecke Kapaunenstraße:

Literaturverzeichnis

  • Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975
  • Christian Morgenstern. Poesiealbum 51. Berlin: Neues Leben, 1971
  • Christian Morgenstern, Galgenlieder. Eine Auswahl. Leipzig: Reclam, 1967
  • Hans Kaufmann, Krisen und Wandlungen der deutschen Literatur von Wedekind bis Feuchtwanger. . Fünfzehn Vorlesungen. Berlin und Weimar: Aufbau, 1969
  • Geschichte der deutschen Literatur . Vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis 1917. Von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Hans Kaufmann. Berlin: Volk und Wissen, 1974
  • Eine neue Geschichte der deutschen Literatur. Hrsg. David E. Wellbury, Judith Ryan, Hans Ulrich Gumbrecht u.a. Berlin University Press 2007

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Bemerkungen zu Morgensterns Extremitäten

[✺] 
Markus R. Weber 2012, privat

Von Markus R. Weber

Keine raunenden Botschaften, keine Ideologien, denen man zunicken könnte; keine dampfenden Bedeutungen; keine abhebbaren Tendenzen; keine echten Anliegen; (…) keine verbindlichen Aussagen; keine Ideen vom großen und ganzen; keine Charaktere, die nach psychologischen Richtlinien agieren; keine Moral; aber: Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Wortakrobatik, Spaß; Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen.

Sagt Ror Wolf, einer der legitimen Nachfolger Morgensterns, über sein eigenes Werk. Mit Hans Waldmann hat er eine Fortsetzung der Morgensternschen Figuren Palmström und Korf geschaffen.

Spielfiguren, mit denen sich alle Versuchsanordnungen durchführen lassen.
Morgensterns vielleicht extremste Figur scheint mir aber Palma Kunkel zu sein scheint, die nicht auftreten, nicht einmal namentlich genannt sein will. Schade, daß er sich nicht ganz daran hält und sie noch mehrfach erscheinen läßt. Nicht radikal genug!
In der Nachlese zur Galgenpoesie findet sich dann auch noch ein besonders schönes Stück mit ihr, in dem Morgenstern noch einmal Nietzsche aufleben läßt: „Palmas Mutter sprach einst still und schlicht: / Nahst du Frauen, vergiß die Geißel nicht.“ (…)
Die extremsten verschwindenden, kaum noch existenten Figuren werden dann von Beckett endgültig realisiert.

Wie es scheint, hat Morgenstern überhaupt Rezepte, Programmentwürfe vorgegeben, die andere erst vollständig realisiert haben. Und das schon im Frühwerk, den Galgenliedern und ihren Nachfolgebüchern: Vorgezogene Endspiele.
Auch in Günter Eichs „Maulwürfen“ scheint sich einiger angewandter Morgenstern zu finden:
„Ich bin neugierig auf das Gerinke und die Aaben, auf Jusch, Stapp und Zarall, auf die Radine und das Raux. Ich glaube nicht, daß es Tiere oder Pflanzen sind oder Mineralien, eher Abstrakta, tauchen vielleicht auf, wenn wir die Zeit sehen können.“ Dazu immer wieder Reflexionen auf die Grammatik des gerade entstehenden Texts, ein weiterer Morgenstern-Anklang.

Neben den Figuren sind Abstrakta ein anderes Spielmodell in Morgensterns Galgenliedern. Besonders schön „Das Tellerhafte“, weil es von einem konkreten Gegenstand ausgeht und doch rätselhaft bleibt, eine Daseinsbedrohung  Lovecraftschen Ausmaßes.
Auch an die unheimlichen Bildgeschichten Edward Goreys kann man da denken.

Es gibt Vermenschlichungen und Wörtlichnehmen (also Eulenspiegeleien), Umbenennungen und Abstrahierungen, aber es gibt auch neue Schöpfungen.
Bei Morgenstern oft mit einem Namen oder einem neuen Begriff verbunden.
Neue Namen für neuentdeckte oder neuerschaffene Erscheinungen.
Die Namenslisten der Tierarten, die Möwe Emma. Gerne auch Eigenschöpfungen.
Er schafft teils neue Arten, teils Einzelwesen, Begleit-Tiere eines Gottes.
Hier denkt man an die anthroposophischen, teils komischen, teils sehr unheimlichen Tiergeschichten Manfred Kybers, eines anderen Anthroposophen. Sprachphantasie scheint zur Ergründung der Welträtsel hilfreich zu sein.

Und diese Kreationen bekommen oft einen eigenen Namen (siehe auch Douglas Adams, „Lexikon der Dinge, für die es bis zu diesem Buch noch keinen Namen gab“). Besonders schön Golch und Flubis. Auch deren Herkunft wird benannt, präzise und doch maximal unenträtselbar:
„die mir einst in einer Nacht / Zri, die große Zra, vermacht.“
Klingt da vielleicht Zarathustra mit?
Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.

Sprachschöpferische Phantastik bei großer Konkretion der Erzählung.

Die Namen werden miterschaffen. Nach Jean Piaget nimmt das Kind an, die Dinge hätten ihre Namen schon bei sich. Das größere Kind nimmt an, die Dinge hätten ihre Namen von ihrem Schöpfer erhalten. So weit muß man bei Morgenstern zurückgehen. Zum Kind im Manne. Erst das größere Kind versteht, daß die Namen den Dingen willkürlich gegeben wurden. Bei Morgensterns Dichten handelt es sich immer wieder um urtümliche Schöpfungsakte.
Und zwar durch die Sprache.
Die Sprache bei der Arbeit: Im Anfang war das Wort.

Das Ereignis hat in der Sprache stattzufinden und nirgendwo sonst.

Einst saßen Idisen. Zaubersprüche lallend.
Einst saßen Iltisse.  Saß ein Wiesel.
Morgensterns Bildwelten werden allein durch Sprache schlüssig.

Das macht es schwer, Morgenstern zu akzeptieren in unserer Zeit der Sprachverbote, Sprachregelungen, Vorschriften, Tabus, der regulierten, kontrollierten und verordneten Sprache. Sprache darf kein Spielmaterial mehr sein, die Sprache muß sich der Ideologie unterordnen und sie vermitteln. Bei den aktuellen Blockwarten wird die Sprache genehmigungspflichtig. Unterliegt dem Kreativitätsverbot. Benennungsverbote. Keine Schöpfungsakte mehr.

Vielleicht ist er darum heute aktuell. Die Sprachreinigung muß scheitern, weil jeder Begriff von seinem Benutzer mit eigenen Vorstellungen ausgefüllt wird. Morgenstern gegen die Sprachpuristen:
„Wenn ich wüßte, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so würde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu überwinden.“ Die Suche nach dem archimedischen Punkt als Fernziel.

Aber auch für die Verkniffenen, die Sprachängstlichen,  gibt es ja einen Morgenstern, den traktathaften, schüchternen, immer gutmeinenden:
„Wir müssen recht viel Schönheit anschauen, damit wir selber schön werden“ steht auch in Frauenratgebern.

Auch das viel umfangreichere reflektierende, philosophische, anthroposophische ist Morgenstern. Nie zu extrem, nie die Grenze überschreitend, immer strikt jugendfrei. „Dem Kind im Manne.“ Selten brachial. Kein Wilhelm Busch. Wenig Tod. Selten wird der Leser erschreckt. Rare Gewaltsamkeiten wie im Gedicht „Der fremde Bauer“, der legendenhaften Schilderung eines plötzlichen Todes.

Von stets großer Lebenswürdigkeit.
Die Verhängnisse nicht zu hoch hängen.
Vielleicht ist alles nur Sprache.

Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr.

Stufen

Die Ohnmacht der Dinge.
Die kosmischen Pläne.
Alles ist höheren Ordnungen unterworfen.
Am Ende findet alles Entscheidende im Alltäglichen statt:
das sanfte Gesetz.
Nichts schwer nehmen.
„Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

Das große nette Werk immer wieder geeignet. Auch für die Schullesebücher im Dritten Reich.

Die Selbstinterpretationen. Lustig gemeint. Valentinesk.
Als Parodie des Interpretierens.
Die Galgenlieder erscheinen damit fast schon die vorweggenommene Parodie seiner ernsten Werke.
Wechselseitige Zurücknahmen.
Schwer zu fassen.
Aus der Sprachskepsis entwickelt die Sprache den Trotz, die Welt zu formen.
Alles funktioniert in der Sprachlogik.
Keine Denktabus. Kantsche Philosophie läßt sich auch reimen.
Korf kann alles erfinden, was die Erzählung gerade braucht.

Viele programmatische Ansätze

Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.

Aber dazu war er viel zu liebenswürdig.

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Palmström. Ein symbolistischer Sonderling

[✺] 
Von Kristin Bischof

Die Figur ,Palmströmʼ bildet den Haltepunkt im gleichnamigen Gedichtband, der aufgrund der Editionslage als Ganzes schwer greifbar ist. Morgenstern überarbeitete ihn nach der Erstveröffentlichung 1910 mehrfach hinsichtlich „Gedichtbestand und Reihenfolge“ [1] und auch postum wurden Änderungen vorgenommen. Aus dem Briefwechsel mit seinem Verleger und Freund Bruno Cassirer geht hervor, wie Morgenstern bereits vor der Veröffentlichung des Bands plant, längerfristig an Palmström-Gedichten zu arbeiten: „Mit Palmström und Korf habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke.“ [2] Dass es sich eher um ein „Feld“ als um einen geschlossen konzipierten Band handelt, entspricht dem Gegenstand – in den Palmström-Gedichten setzt sich Morgenstern mit dem Zeitgeist auseinander: Konzepte der Lebensphilosophie und die Ding-Gedichte Rilkes werden aufgegriffen, die Ollendorffsche Sprachlernmethode wie auch die für die Klassische Moderne prägende Sprachskepsis, die Großstadt mit ihren Warenhäusern und dem zunehmenden Straßenverkehr. Morgenstern geht dem Zeitgeist als Grundgedanken seines Bands nach, indem er Ergänzungen und Änderungen vornimmt: Durch die überarbeiteten Auflagen bleibt Palmström aktuell. Der Nachvollzug der einzelnen Bearbeitungsstufen würde zu einem besseren Verständnis des Gedichtbands führen. Eine historisch-kritische Ausgabe von Morgensterns Werk liegt jedoch noch nicht vor.


[1] Eine Skizze dieser Gemengelage findet sich in: Christian Morgenstern, Sämtliche Galgenlieder. Mit einem Nachwort von Leonard Forster und einer editorischen Notiz von Jens Jessen, Zürich 1985, S. 527-530, hier S. 527.

[2] Brief an Bruno Cassirer vom 13. Januar 1910, in: Christian Morgenstern, Gesammelte Werke in vier Bänden, Band IV: Briefe, Essays, hg. von Clemens Heselhaus, München 1979, S. 181.


Palmström wurde als Figur bereits 1908 in Der Gingganz und Verwandtes eingeführt. Ehrfürchtig hält er beim Anblick eines romantischen Bilds auf einem Taschentuch inne und wagt nicht, es als Gebrauchsgegenstand zu benutzen. [3] Und gerade dieser naive Genuss der Künste, der Wissenschaft und der Sprache bestimmt ihn auch im Band Palmström. Morgenstern knüpft mit seiner Figur an den historischen Sonderling an, der seine Perspektive einer äußeren Wirklichkeit entgegenstellt und dadurch seine Umwelt irritiert oder auch amüsiert. [4] In den Gedichten übernimmt die absurde Übersteigerung die Rolle der Gesellschaft, die den Sonderling belächelt. Anders als der historische Sonderling, der seinen Höhepunkt in den Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts erlebte [5], gründet Palmström im Zeitgeist seiner Epoche: Der klassisch moderne Sonderling ist geprägt vom Symbolismus, vom Streben nach einem Gedankenraum, in dem sich eigene Wörter und Gesetze ausbilden. [6]


[3] Palmström, in: Morgenstern 1985, S. 80.
[4] Zum historischen Sonderling siehe Herman Meyer, Der Sonderling in der deutschen Dichtung, München 1963.
[5] Meyer 1963, S. 20.
[6] Victor Klemperer hat Morgensterns Beziehung zum Symbolismus untersucht. Der Studie von 1928 liegt eine fragwürdige Vorstellung vom Symbolismus zugrunde, aber Klemperer erkennt die Komplexität der Beziehung. Siehe Victor Klemperer, Christian Morgenstern und der Symbolismus, in: Zeitschrift für Deutschkunde, 41, 1928, S. 39-55 und 124-136. Zum Symbolismus siehe Paul Hoffmann, Symbolismus, München 1987 und Kristin Bischof, Der Gedankengang der Aufzeichnungen. Lektüre mit Wissenschaftsgeschichte von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Göttingen 2020, S. 126-144.


Im ersten Gedicht des Bands reist Palmström in ein Böhmisches Dorf [7], in dem ihm selbstverständlich alles „[u]nverständlich“ (V. 4) bleibt. Nun reist er aber nicht allein. Durch den Reim auf „Dorf“ (V. 3) wird sein Freund Herr v. Korf zum Leben erweckt, der aber ebenfalls nichts versteht. „Doch just dieses macht ihn blaß vor Glück. / Tiefentzückt kehrt unser Freund zurück.“ (V. 8f.) Das „ihn“ im achten Vers lässt sich syntaktisch sowohl auf Palmström als auch Herrn v. Korf beziehen und führt zur gemeinsamen Freude am Unverständnis. „Und er [Palmström] schreibt in seine Wochenchronik: / Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!“ (V. 10f.) Mit dem Wort „Erlebnis“ zieht Morgenstern die Lebensphilosophie hinzu. Verstehen entsteht nach Dilthey, wenn neu Erlebtes in den Kontext des Bekannten eingegliedert wird. [8] Palmström nimmt nun eine Eingliederung des Unverständlichen gegenständlich vor, wenn er die Reise in der Wochenchronik notiert. Und gerade weil Palmström die Sprache als Erkenntnisinstrument ernst nimmt, endet er im Unverständnis und es eröffnet sich ihm eine eigene Welt. Morgenstern zeichnet Mauthners Sprachskepsis nach: Die Absage an die Sprache als ein Werkzeug der Erkenntnis und das Hervorheben ihres Potentials in der Dichtung – für Palmström eine Götternahrung („Honig“). [9]


[7] Das Böhmische Dorf, in: Morgenstern 1985, S. 103.
[8] Siehe zu Dilthey z.B. Tom Kindt, Wilhelm Dilthey (1833-1911), in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, hg. von Christoph König, Hans-Harald Müller und Werner Röcke, Berlin, New York 2000, S. 53-68.
[9] Morgenstern befasste sich von 1906 an mit Fritz Mauthners Sprachskepsis, siehe hierzu zum Beispiel Clemens Heselhaus, Palmström, der andere Morgenstern, in: Morgenstern 1979, S. 249-256, hier S. 253. Siehe auch Jacques Le Rider, Christian Morgenstern: de la critique du langage au jeu avec les mots, in: ders., Fritz Mauthner. Scepticisme linguistique et modernité. Une biographie intellectuelle, Paris 2012, S. 344-350.


Eben dieses Mittel, um Absurdität zu erzeugen, aber auch eine eigene Sprachwelt zu eröffnen, wendet Rilke in seinem ebenfalls 1910 erschienenen Prosabuch Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge an. [10] Maltes Nachbar Nikolaj Kusmitsch folgt dem Sprichwort ,Zeit ist Geldʼ und versucht Zeit zu sparen. Er konzentriert sich auf die einzelnen Zeiteinheiten und muss feststellen: „Wie lange hat man an so einem Jahr. Aber da, dieses infame Kleingeld, das geht hin, man weiß nicht wie.“ [11] Bis er begreift, dass eine Verwechslung von Zeit und Geld vorliegt und er die wirkliche Zeit einziehen lässt – die jedoch versetzt im Gewand des Winds alles in Bewegung. Kusmitsch rettet sich in sein Bett, wo er Gedichte zitiert, „dann war gewissermaßen etwas Stabiles da“. [12] Malte geht es wie Kusmitsch: An die Stelle des Zitierens tritt bei ihm jedoch das Neuschreiben. Er eignet sich das Äußere, ihm bedrohlich Erscheinende an, indem er es in die eigene poetische Welt integriert. Auch wenn Kusmitsch, anders als Palmström, das wörtlich genommene Sprichwort als Irrtum bezeichnet, kehrt er von dort nicht zurück in die Welt der gesellschaftlichen Verabredungen, sondern verleiht der Zeit ein eigenes Bild – trotz der Bedrohung, die für ihn von diesem Neuen, nicht Absehbaren ausgeht. Dieser Prozess der Ausbildung eines eigenen Referenzsystems bildet die Grundlage der Aufzeichnungen und macht Malte zu einem symbolistischen Dichter. Er eignet sich im Laufe des Prosabuchs Paris, das soziale Elend in der Großstadt, historische Ereignisse, Dichtung und selbst Goethe und Sappho an. [13] Kusmitsch, Maltes Nachbar, ist wie Palmström ein symbolistischer Sonderling. Im Vergleich zu ihrem historischen Pendant geht es ihnen jedoch nicht um einen Konflikt mit einem Äußeren – sie erzeugen aus dem Äußeren, hier aus den Sprichwörtern, das Eigene. Trotz der Nähe zwischen Kusmitsch und Malte, kann Malte selbst nicht als Sonderling bezeichnet werden. Zwar bestehen durch den Symbolismus Überschneidungen – eine symbolistische Figur sondert sich per se ab –, aber es gibt keinen irritierten oder belustigten Blick auf Malte. Rilke erschafft als symbolistischer Dichter eine symbolistische Figur, Morgensterns Verhältnis zu Palmströms symbolistischer Denkart ist distanzierter. In seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe schreibt Leonard Forster: Morgenstern sei „die erdichtete Welt seiner Kreaturen wichtiger als die gesellschaftliche Wirklichkeit, die ihn umgibt.“ [14] Meine Lektüre widerspricht: Palmström ist sein eigener Gedankenraum am wichtigsten, Morgenstern aber geht es wie eingangs geschrieben vor allem um den Zeitgeist, den er durch die Distanz zu seiner Figur und dessen Sicht auf die Dinge liebevoll belächelt und zutage treten lässt.


[10] Erich Hofacker hat einen Vergleich der Lebens- und Schaffenswege von Rilke und Morgenstern gezogen. Er konzentriert sich auf die biographischen Informationen und nennt wichtige Einflüsse wie die Auseinandersetzung mit der skandinavischen Dichtung und der Mystik. Auf die Werke beider Dichter geht er nur oberflächlich ein. Siehe Erich Hofacker, R. M. Rilke und Christian Morgenstern, in: PMLA 50, Nr. 2, 1935, S. 606-614.
[11] Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, in: ders., Sämtliche Werke, 7 Bde., hg. vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Bd. VI, Wiesbaden 1966, S. 866.
[12] Rilke 1966, S. 870.
[13] Zu Rilkes Aufzeichnungen siehe Bischof 2020.
[14] Leonard Forster, Nachwort, in: Morgenstern 1985, S. 493-510, hier S. 502.


Dichter und Figur treffen sich, wenn Morgenstern selbst zu symbolistischen Techniken greift. Im Gedicht Die Kugeln [15] wird Palmströms Variante einer nächtlichen dichterischen Inspiration entwickelt. Morgenstern persifliert den stereotypen Anstoß zur Dichtung die Naivität seiner Figur. Palmström bereitet die nächtliche Inspiration vor, einem esoterischen Zauber gleich, indem er das Papier zu Kugeln formt und diese in seiner Stube verteilt. Wenn er nachts dann erwacht, würden die Kugeln aufgrund seiner Bewegung zu knistern beginnen und durch dieses Knistern „packt“ Palmström ein „heimlich Grugeln“ (V. 9). ,Gruselnʼ und ,gurgelnʼ werden zusammengezogen: Palmström erschaudert und gibt Laute von sich. Dabei kann Gurgeln als Singen und auch in seiner geläufigen pejorativen Bedeutung verstanden werden, im Sinne von „dumpfe, unscharfe“ Laute von sich geben. [16] Gleichwohl – die Inspiration überkommt Palmström. Was er als technisch vorbereitete Initiation für die Dichtung seiner Figur gestaltet, führt Morgenstern auch im Gedicht vor. Die Kugeln werden durch Bedeutungsverschiebungen zum Leben erweckt. Im ersten Schritt handelt es sich um leblose Kugeln aus Papier.

Stufen (1918)

Das Material wird hervorgehoben, als würde Morgenstern betonen: Es handelt sich nicht um echte Kugeln, sondern nur um solche aus Papier. Die Betonung erfolgt durch die Wiederholung: „Palmström nimmt Papier aus seinem Schube. / Und verteilt es kunstvoll in der Stube. // Und nachdem er Kugeln draus gemacht. / Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.“ (V. 2-4) Das „es“ im fünften Vers irritiert, wäre doch ein ,sieʼ als Bezug zu „Kugeln“ grammatikalisch naheliegender. Das „es“ zeigt aber erst: Hier verteilt Palmströn nur Papier in seiner Stube. Erst in der dritten Strophe sind die Kugeln als Kugeln angenommen und erhalten in der vierten ein Eigenleben: „daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln / knistern hört […]“ (8f.). Dieses Eigenleben ist nur ein „Spuk der packpapiernen Kugeln …“ (V. 11), wie Morgenstern im letzten Vers schreibt. Mit der abschließenden Erinnerung an das Material – und nein, es ist noch nicht einmal Schreibpapier, sondern nur Packpapier – beschwichtigt Morgenstern seine Figur. Die Auslassungspunkte zeigen jedoch die Offenheit des Gedankens an. Zwei Ebenen treffen aufeinander: Die Offenheit bezieht sich zum Einen auf den nicht absehbaren Spuk, aber auch auf die Absurdität von Palmströms Unterfangen, als würde Morgenstern kommentieren „mehr lässt sich dazu nicht sagen“. Distanziert sich Morgenstern am Ende auch wieder, bleibt doch die zeitweise Übereinstimmung zwischen Palmströms Haltung und dem Vorgehen seines Dichters. Eine Übereinstimmung, durch die sich der Dichter auch als Teil des Zeitgeists zu erkennen gibt.


[15] Morgenstern 1985, S. 107.
[16] Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, dwb.uni-trier.de [30.01.21], Lemma ,gurgelnʼ.


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Bella Luna

[✺] 

Wolfram Malte Fues 2018, © Dirk Skiba

 

Von Wolfram Malte Fues

Spätestens seit Klopstocks „Willkommen o silberner Mond“ und Goethes „Füllest wieder Busch und Tal“ gehört der Mond zum Metaphern-Kanon der deutschsprachigen Lyrik. In anderthalb Versen: „wir lassen die liebe nicht rein hier, bevor sie nicht reif ist, / hier ist mondgebiet.“[1]Auch für Christian Morgenstern:  „Mein Grossvater steht wieder in mir auf, mit seiner Liebe zu Mondscheinnächten […] Ich bin Maler bis in den letzten Blutstropfen hinein – Und das will nun heraus ins Reich des Wortes, des Klanges.“[2]Das verspricht nichts Gutes. Das verspricht klischeeverliebten Spät-Biedermeier oder noch Schlimmeres: jenen „Stil der Stillosigkeit“[3], der die Lyrik der Gründerzeit kennzeichnet, durch deren Natur-Gedichte der Mond oft zieht. Aber ist Morgensterns Schreiben diesem Versprechen treu geblieben? Er selbst sieht es rückblickend offenbar nicht so: „Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst und verunendlichfacht […] wird seinem und allem Leben einigermassen gerecht werden. Alles Vereinfachen tötet.“[4]Was denn nun? Silbernde Nächte mit dem Mond als Inbegriff gattungsgeschichtlich reifer Symbolik oder bloss ein Gestirn unter anderen in einer von vielen möglichen Nächten? Mondsucht oder Mondflucht? Was sagen die Texte?

Auf dem ehernen Tische / Unendlichkeit / liegt unermesslicher Sand gebreitet. / Da streicht ein Bogen / die Tafel an: / Einen Ton / schwingt und klingt/ die fiebernde Fläche. / Und siehe! / Der Sand / erhebt sich und wirbelt / zu tausend Figuren. / Aus ihnen, / den tanzenden / tönenden / glühenden / schlingen sich Tänze, / binden sich Chöre, / winden sich Kränze, / umringen sich, / fliehen sich, finden sich wieder.

Aber das Spiel / der Formen, Farben und Töne / durchbrummt / unaufhörlich, / beherrscht / fürchterlich – unerfasslich / der tiefe Urton.[5]

Was für eine Welt liegt in diesem Gedicht, dem der Übertritt in die Welt des Wort-Klangs offenkundig gelingt? Wie legt es sie aus? Es beginnt in und mit unbestimmt einfacher Allgemeinheit – gibt es einen häufigeren und schlichteren Stoff auf der Erde als Sand? –, die sich endlos verunendlichfacht. In diese ruhende Unbestimmtheit dringt ein ebenfalls einfacher, aber zu präziser Amplitude bestimmter verendlichter Ton, der das Allgemeine in bewegliche Ordnung bringt, seinen Stoff in Figuren auslegt, die sich mit- und ineinander zu Tänzen, Chören und Kränzen ver- und entflechten. Endlos verunendlichfachter Stillstand verwandelt sich in unendlich harmonisierte Bewegung, Entropie in Negentropie. Aber nicht von selbst. Die Verwandlung hat einen einfachen Grund, der sie auslöst und durchführt, konfiguriert und kontrolliert. Und dieser Grund liegt nicht in irgendeinem irgendwie kategorialen Ton, sondern im Urton, im Ursprung der Töne überhaupt, nur über das zu erfassen, was sich von ihm ableitet, und noch darin fürchterlich wie alles Ursprüngliche. (Neu)Platonismus pur. Die Idee des Tones, selbst unhörbar weil unerfasslich, aber alle Hörbarkeit realisierend und regierend, klingt durch die Reflexions-Figuren der Tänze und Chöre hinunter bis in jedes einzelne Sandkorn. „Alles Vereinfachen tötet“? Hier nicht. Im Gegenteil. Alles lebendig Verunendlichfachte entsteht nur aus der Kraft des absolut Einfachen.

Zuß liest ein noch nicht existierendes Gedicht aus altdeutscher Schrift.

Wirklich? Nein. Nicht wirklich. Ich habe bis jetzt die Anfangs- und die Schluss-Strophe des Gedichts unberücksichtigt gelassen. Eingangs-Strophe:

Fernher schwillt / eines Dudelsacks / einförmig-ewigwechselnde / Melodie: / Unaufhörlich / hebt und senkt sich / über dem Urton / ihr unerfassliches Spiel.

Schluss-Strophe:

Fern verschwillt / des Dudelsacks / einförmig-ewigwechselnde / Melodie. / Dorf, Wald, Welt / versinkt mir / schweigend / in Nacht.[6]

Aus dem unendlich Alltäglichen kommt ein Dudelsack-Ton (könnte auch von Flöte Oboe Posaune kommen), umspielt endlos den Urton, trifft ihn irgendwann irgendwie, tut, was ein absolut einfacher Urton tun muss, und verunendlichfacht sich wieder in der Nacht des  Alltäglichen. In der Welt des Gedichts tauschen das Ideale und das Reale den Platz, der ihnen beiden gehört und auf dem sie ein gemeinsames Dasein haben.[7]In dieser Welt ist der Mond Brennpunkt gattungsgeschichtlich herangereifter Symbolik und zugleich bloss ein Himmelskörper unter anderen. Derart unmittelbare Doppeldeutigkeit prägt jeden symbolverdächtigen Gegenstand in Morgensterns Gedichten; in „Palmström“ beispielsweise Palmströms Taschentuch, seinen durchgesetzten Baum, seine umgekehrt aufgehängten Bilder und seine Husten-Pastillen.[8]Auf ihren Mittelpunkt jedoch bringt diese Doppeldeutigkeit „Die Korfsche Uhr“:

Korf erfindet eine Uhr / die mit zwei Paar Zeigern kreist / und damit nach vorn nicht nur, / sondern auch nach rückwärts weist.

Zeigt sie zwei, somit auch zehn; / zeigt sie drei, somit auch neun; / und man braucht nur hinzusehn, / um die Zeit nicht mehr zu scheun.

Denn auf dieser Uhr von Korfen / mit dem janushaften Lauf, / (dazu ward sie so entworfen): / hebt die Zeit sich selber auf.[9]

Von Korfs Uhr sagt nicht nur in bezug auf das Verhältnis des Idealen und des Realen, was die Stunde zu schlagen hat. Sie zeigt überdies in jedem Augen-Blick, der die Uhr-Zeit in sich aufhebt, die unmittelbare Einheit von Gegenwart und Vergangenheit, Aktualität und Tradition, die ihre Extreme nicht zu scheuen braucht, weil sie deren Differenz symbolisierend in sich anreichert und entfaltet. Sie lässt so das Prinzip jenes Geschichts-Begriffs sehen, um den sich Walter Benjamin bemühen wird:

„Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es derselben einen Chock, durch den es sich als Monade kristallisiert.“[10]

„Bella Luna“ ist der Name eines Bettengeschäfts in meiner Nachbarschaft.

 

[1] Maren Kames, luna luna, 3. Aufl. Zürich 2019, S. 27.

[2] An Marie Goettling am 2. Juni 1894; Ges. Werke in einem Band, hg. von Margareta Morgenstern, München 1965, S. 554. – Christian Ernst Bernhard Morgenstern „wurde bekannt als Maler stimmungsvoller Darstellungen der nordischen Natur und der bayerischen Hochebene“ (ebd. S. 592).

[3] Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg, München 1965, S.1300.

[4] An Luise Dernburg am 23. Februar 1906; Ges. Werke, ebd. S. 565.

[5] Der Urton; Ges. Werke, ebd. S. 39f. – Das Gedicht ist zentriert gesetzt; nicht nur darin ähnelt es Arno Holz’ „Phantasus“, dessen erstes Heft 1898 in Berlin erschienen ist. Siehe dazu Helmut Henne, Sprachliche Spur der Moderne in Gedichten um 1900: Nietzsche, Holz, George, Rilke, Morgenstern, Berlin/New York 2010. – Morgenstern hat, vermute ich, die Chladnischen Klangfiguren vor Auge und Ohr, wie sie Ernst Florens Fiedrich Chladni in seinem Werk Entdeckungen über die Theorie des Klanges 1787 beschrieben hat. Das sind „Muster, die auf einer mit Sand bestreuten dünnen Platte (…) entstehen, wenn diese in Schwingungen versetzt wird. Dieses geschieht, indem die Platte an einer Kante mit einem Geigenbogen […] bestrichen wird.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Chladnische Klangfigur vom 23.Juni 2020) „Dank ist ihm [Chladni, Vf.] die Welt schuldig, dass er den Klang allen Körpern auf jede Weise zu entlocken, zuletzt sichtbar zu machen verstanden.“ (Goethe, Zur Botanik. Verfolg [1817]; Jubiläumsausgabe, Stuttgart/Berlin 1902ff., Schriften zur Naturwissenschaft, hg. von Max Morris, Bd. 39, S. 320f.)

[6] Ges. Werke, ebd. S. 39 u.f.

[7] Vgl. dazu „Das Grab des Hunds“ aus „Palma Kunkel.“ Ges. Werke, ebd. S. 289f.

[8]   Vgl. dazu Waldemar Fromm, Das Spiel mit den Dingen bei Christian Morgenstern, in: Ders. (hg.), „Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht.“ Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns, Stuttgart 2017, S. 91-106.

[9] Ges. Werke, ebd. S. 250. – Von Korf kann sowas, weil er, wie wir in „Palmström“ mehrfach erfahren, reiner Geist ist; vermutlich ein Versgespinst Palmströms.

[10] Über den Begriff der Geschichte, XVII. These; Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. I/2, Frankfurt/M. 1974, S. 702f.

 
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Stimmen zu Morgenstern

[✺] 

Aus Lexika und Literaturgeschichten 1913 – 1990 und zurück

1913

Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Weimar 1913

 

Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 5. 6. Aufl. Leipzig, 1913.

 

1919

Alfred Biese, Deutsche Literaturgeschichte. 3. Band, Von Hebbel bis zur Gegenwart. 14. Auflage, 57.-61. Tsd., München 1919

 

1921

Hans Röhl, Wörterbuch zur deutschen Literatur, Leipzig: Teubner, 1921

 

1968

Meyers Kleines Lexikon in 3 Bänden, Bd. 2, Leipzig 1968

1990

BI Schriftsteller Lexikon. Autoren aus aller Welt. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1990 (Marion Marquardt)

Und zurück

Johann Peter Hebel
Der Morgenstern

Woher so früeih, wo ane scho,
Heer Morgestern, enandernoo
in dyner glitzrige Himmelstracht,
in dyner guldige Locke Pracht,
mit dynen Auge, chloor un blau
un suufer gwäschen im Morgetau?

Hesch gmaint, de seigsch ellainig do?
Nai, weger nai, mer mäihe scho!
Mer mäihe scho ne halbi Stund;
früeih ufstoh isch de Glidere gsund,
es macht e frische, frohe Muet,
un d’Suppe schmeckt aim no so guet.

`s gitt Lüt, si dose friili no,
si chönne schier nit uuse choo.
Der Mähder un der Morgestern
stöhn zytli uf un wache gern;
un was rne früeih um vieri tuet,
das chunnt aim z’Nacht um nüüni guet.

Un d’Vögeli sinn au scho do,
si stimmen ihri Pfiifli scho,
un uf ein Baum un hinterm Hag
sait ais im andere guete Tag!
Un ’s Turteltüübli ruukt un lacht,
un’s Bettzytglöckli isch au verwacht.

„Se helf is Gott, un geb is Gott
e guete Tag, un bhüet is Gott!
Mer betten um e christli Herz,
es chunat aim wohl in Freud un Schmerz;
wer christli lebt, het frohe Muet:
der lieb Gott stoht für alles guet.“

Waisch, Jobbeli, was der Morgestern
am Himmel suecht? Me sait’s nit gern!
Er wandtet ime Sternli noo,
er cha schier gar nit von ein loo;
doch rnaint sy Muetter,’s müeß nit sii,
un tuet en wie ne Hüehnli ii.

Drum stoht er uf vor Tag un goht
syrn Sternli noo im Morgerot;
er suecht, un’s wird ein windeweh,
er möcht ein gern e Schmützli gee;
er möcht ein sagen: „I bi der hold!“
Es wär em über Geld un Gold.

Doch wenn er schier gar by n ein wär,
verwacht sy Muetter handumchehr;
un wenn si rüeft enandernoo,
sen isch rny Bürstli niene do.
Druf flicht sie ihre Chranz ins Hoor
un lueget hinter de Berge vor.

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Ein Strauß Epigramme

[✺] 
Von Christian Morgenstern

Quelle: CHRISTIAN MORGENSTERN: EPIGRAMME UND SPRÜCHE. PIPER & CO. VERLAG MÜNCHEN 1922

DER SPARSAME DICHTER

»Willst du nicht Artikel schreiben?« –
Laßt’s beim Epigramme bleiben.
Kann ich’s euch in zehn Zeilen sagen,
was euch verwundert,
warum euch Honorar abjagen
für hundert.

Ich kann’s, ich kann’s nicht mehr ertragen,
dies artige geleckte Sagen, dies kluge Reden, süße Blicken –
dies Lachen, Rufen, Köpfenicken.
Dies Wörter- und Gedankenschniegeln,
dies eitle Sich-im-Nachbar-Spiegeln,
dies ganze falsche hohle Treiben
Nein, laßt uns bei uns selber bleiben.

NEO-BERLIN

Welche Kunstsiegesalleen
Welches Neulandgebuddel!
Ein blendendes Phänomen:
Dies Berliner Kulturkuddelmuddel.

DIE ÄSTHETISCHEN

Ihr preist die Kraft und schmäht doch jede Tat,
ihr weder Fisch noch Fleisch, ihr – Kopf-Salat!

L’art pour l’art, das heißt so viel:
Wir haben nur noch Kraft zum Spiel.

»WORTKUNST«

Gestattet, daß ich Eurer »Wortkunst« lache.
Was »Wortkunst«! Dichtung ist des Dichters Sache.

WIR LYRIKER

Warum wir immer noch Verse schreiben?
Um unbekannt und ungestört zu bleiben.

DER MITTELMÄSSIGE ÜBERSETZER RECHTFERTIGT SICH

Wähle saure Mienen
draußen oder daheim.
Du kannst nur einem Herrn dienen,
dem Original oder dem Reim.

»So heb’s in eine dritte Sphäre!«
Als ob’s dann noch das Alte wäre.

Laßt alle Überschätzungen.
So spricht der Gerechte:
Es gibt nur schlechte Übersetzungen
und weniger schlechte.

Vor allem sind die Klassiker
mit Anmerkungen zu versehn
und Zahlen an den Zeilen,
dann wirst du sie erst verstehn.
Doch daß sie sich ganz erschließen,
so helfe dir ferner fort
ein fachmännisch-gründlich Vor-, Bei-,
Zu-, Mittel- und Hinterwort.

DICHTERBEKANNTSCHAFT

Zu Haus in meiner Träume Welt,
wie hab ich ihn mir
vorgestellt!
`Doch ach, wie ganz betrog ich mich:
Der Esel sieht ja aus wie ich.‘

AD ,GALGENLIEDER‘ USW.

Ich habe die Welt zu Flugsand zerdacht,
doch konnt ich das Kind in mir nicht töten,
so hab ich es endlich kaum weiter gebracht
als zum Schnitzen von Weidenflöten.

Der Kunst Geheimnis hältst du bald am Kragen:
Hab was zu sagen und du wirst es sagen.

DER CAFÉ-LITERAT

Täglich sitzt er im Café
unter ZeitungspfafFen.
Glaubt ihr, dieser Mann wird je
etwas Großes schaffen?

AN NIETZSCHE

Mag die Torheit durch dich fallen,
mir, mir warst du Brot und Wein,
und was mir, das wirst du allen
meinesgleichen sein.

NIETZSCHE AN DIE ZEIT

O Zeit, o Zeit, o Zeit, die sich und mich verliert.
Die mich, den Sturm, nicht spürt, nur mich, den Wurm, seciert.

AN TOLSTOI

Totengräber wärst du gerne
aller westlichen Kulturen;
doch wir wandern andre Spuren,
haben unsre eignen Sterne.

Und indem dein blind Verfemen
uns verstößt und unsre Ahnen,
ist die Größe des Germanen
dich in sich — mit aufzunehmen.

H. B.

Kleinstädter des Geistes,
Typus `Überhinz´;
viel Erruhtes und Erreistes
und doch bloß Provinz.

AN DOSTOJEWSKI

Das Unerhörte lockte mich von je
und darum bist du mir so wert vor allen.
Dich läßt nicht ruhn der Erde tiefes Weh,
du mußt aus Schmerzgewölk gewaltig fallen.

An dir soll man sich nähren hier und dort,
an dir des Herzens Unruh wieder lernen.
Du Glut aus Steppenbrand und Gottessternen,
nicht Künder bloß, du selbst ein neues Wort.

IM BOZENER BATZENHÄUSEL
OTTO ERICH HARTLEBENS GEDENKEND

Heute tret ich diese Schwelle,
die du gestern überschritten.
Morgen wird ein Dritter kommen,
und ein Vierter folgt dem Dritten,

Jeder, der vorangegangen,
wird Vergangenheit dem andern
und doch ist mir oft, als säh ich —
immerdar — DEN SELBEN wandern…

AN CHRISTIAN GÜNTHER

Ich suchte oft nach einem deutschen Buche
mit kleinen Liedern, das ich lieben könnte,
so recht von Herzen lieben, und nun gönnte
das Leben mir, daß ich nicht fürder suche.

EINER DICHTERIN

Das Blut des Tieres,
von dem du issest:
nun spricht aus dir es
und du vergissest
des Geistes Flügel,
die in dir schlafen
und dünkst am Hügel
dich schon im Hafen.

MEINEM FREUNDE FRIEDRICH KAYSSLER

Als Haß mir nach der Wurzel schlug,
warst du bei mir, das war genug,
hast mir zu deinem Leben
das meine neu gegeben.

Zehn Jahre zusammen!
Es löst sich der Dunst.
Auf schlagen die Flammen
unserer Kunst.

Ihr andern werdet sichrer immerdar.
Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.

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