Manchmal muss man das Schwein eben im Gebirge lassen

(Hansens Flaschenpost)

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Ich muss einen Text nicht lieben, um ihn zu übersetzen, aber ich muss ihn respektieren, sonst geht die Sache garantiert schief. Allerdings darf der Respekt nie so groß werden, dass er in Angst umschlägt, denn zu übersetzende Texte sind wie Hunde: Sie können Angst riechen — und dann geht die Sache erst recht schief.

Soweit ist alles klar, aber trotzdem gibt es sicher für jedeN ÜbersetzerIn so etwas wie Angstgegner, und meine kommen hauptsächlich aus dem Bereich „Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten“. Das ist natürlich nicht die Sorte Angst, die vor Rezensenten zittern macht — als gelernter Altphilologe kenne ich die rabies philologorum, die Philologentollwut (nein, das ist keine sprichwörtliche Redensart sondern eine Diagnose) zu gut, um mich bange machen zu lassen. Fehler zu machen schreckt mich also nicht, auch wenn Sprichwörter eine reichlich fließende Fehlerquelle sind, und mir der Kater, den man bekommt, wenn man eine Nacht lang versucht hat, in eulenspiegelscher Manier Ärmel an ein Wams zu werfen, wohl vertraut ist. Aber dagegen sind genug Kräuter gewachsen. Für das Neugriechische habe ich ja stets Muttersprachler an der Seite, und im Altgriechischen gibt es wohl kaum ein Wort, das in den letzten Jahrhunderten nicht schon zwei- oder dreimal umgedreht worden wäre, und das Umdrehen in umfangreichen Kommentaren und Lexika dokumentiert, für den Fall, dass sich eine Wendung nicht aus dem Stegreif übersetzen lässt; aus dem Steg-Reif, dem Steigbügel also ohne dafür extra vom Pferd abzusteigen. Und wenn nicht, dann kann man damit auch leben; wenn etwa in einem Fragment aus einer Komödie Menanders gesagt wird: „Das Schwein ist im Gebirge, wie man so sagt…”, dann könnte hier ein Sprichwort gemeint sein: Der Jäger prahlt schon mit seiner Beute, aber das Schwein ist noch lebendig und im Gebirge. Sicher ist das nicht, denn dieses Sprichwort lässt sich erst für das mittelalterliche Sizilien nachweisen. Also sollte auch der Übersetzer die Haut des Bären nicht vorzeitig zu Markte tragen und das Schwein eben in den Bergen lassen.

Angst habe ich vielmehr davor, den Lesern meiner Übersetzung ein Vergnügen vorenthalten zu müssen, das ich als Leser des Originals empfunden habe, und – vielleicht noch schlimmer – sie bevormunden zu müssen, als dürfte man ihnen die Spannung, die aus der Möglichkeit entsteht, den Blick zwischen der mehr oder weniger banalen Bedeutung und der vielschichtigen Formulierung eines Sprichwortes wandern zu lassen, nicht zumuten; als dürften sie nicht selbst entscheiden, ob sie „aus dem Stegreif“ nur als „schnell und einfach“ verstehen, oder ob sie Steigbügel und schnellen Ritt vor Augen und das Schnauben der Pferde im Ohr haben wollen (oder ist der Stegreif schon in tausend schalen Mündern so rundgelutscht, dass wir die heimliche Botschaft so wenig hören wie der Esel die Lyra, sozusagen?).

Ich fühle mich dabei oft wie ein Maler, der versucht, ein Aquarell mit Acrylfarben zu kopieren: Wo im Original durch die obere Farbschicht der übertragenen immer noch die untere Schicht der wörtlichen Bedeutung hindurchleuchtet, muss ich mit dem tumben Spachtel die eine unter der anderen begraben und es bleibt nur eine entweder eindeutig langweilige oder eine fremdartig unverständliche Schicht sichtbar.

Τὼ βόε μοι· σῖτον δὲ τετεύχατον, ἵλαθι, Δηοῖ,
δέχνυσο δ‘ ἐκ μάζης, οὐκ ἀπὸ βουκολίων·

δὸς δὲ βόε ζώειν ἐτύμω καὶ πλῆσον ἀρούρας
δράγματος, ὀλβίστην ἀντιδιδοῦσα χάριν.
σῷ γὰρ ἀρουροπόνῳ Φιλαλήθεϊ τέτρατος ἤδη
κτάδος ἑνδεκάτης ἐστὶ φίλος λυκάβας,
οὐδέποτ‘ ἀμήσαντι Κορινθικόν, οὔ ποτε πικρᾶς
τῆς ἀφιλοσταχύου γευσαμένῳ πενίης.

Wieder ein Genrestückchen aus der Anthologia Graeca (6,40), diesmal zum Thema „Lob der Bescheidenheit” von Makedonios Hypatos. Ein alter Bauer opfert der Demeter zwei aus Brotteig geformte Stiere, weil sein Vermögen für ein größeres Opfer nicht ausreicht.

Zwei Rinder; die haben mir mein Brot verschafft; sei gnädig, Deo,
nimm sie aus Teig geformt an, nicht wie sie aus dem Stall kommen.
Lass die Rinder am Leben, die echten, und fülle mein Land
mit Getreide; so erweist du mir die größte Gegengunst.
Denn dein Pflüger Philalethes lebt schon das vierte
Jahr seiner neunten Dekade,
hat nie korinthische Ernte eingebracht, hat aber auch nie
die bittere, ährenhassende Armut gekostet.

Das Problem ist die „korinthische Ernte”. Korinthisch steht im Griechischen sprichwörtlich für eine besonders reiche Ernte. Das lässt sich im Lexikon nachschlagen. Ich kann also den Farbtupfer, der ja zugleich neben diesem schlichten Bauern und seinem schlichten Opfer das prächtige Korinth dem Leser vor Augen bringt, im Text stehen lassen und in den Fußnoten erklären. Oder ich spachtele eben die aus dem Lexikon entnommene Bedeutung in der Übersetzung darüber („…hat nie besonders reiche Ernte eingebracht…”) und aus ist es mit der schönen Assoziation. Aber man kann ja mit Acrylfarben zwar nicht in Schichten malen, mischen kann man sie aber doch: „…hat nie gelebt wie Gott in Frankreich, hat aber auch nie die Armut kosten müssen.” Natürlich ist eine solche Übersetzung in die Gegenwartsprache verführerisch, macht den Übersetzer ein bisschen stolz und ja, Korinths Image in der Antike (luxuriös, kultiviert und ein bisschen frivol) spiegelt sich sehr schön im Image, das Frankreich in dieser Wendung anhaftet. Oder doch nicht? Hintergehe ich nicht den Leser der Übersetzung, wenn ich ihm den Eindruck vermittle, ein antiker Dichter habe so gesprochen und gedacht wie einer des 19. oder 20. Jahrhunderts? Es ist ein Elend; und ich habe, bevor ich mich für die erste Lösung entschieden habe, bestimmt einen ganzen Nachmittag mit Tupfen, Spachteln, Mischen und wieder abkratzen der Farbschichten verbracht.

Es kann aber auch passieren, dass ich in eine Falle tappe, in der ich mich so wohl fühle, dass ich sie gar nicht mehr verlassen mag. για ανέμους και για νερά (über Winde und Wasser) sagt man im neugriechischen sprichwörtlich für „über dieses und jenes sprechen”. Das wusste ich nicht nur nicht, die Wendung hat mir in dem Gedicht „Es ist untersagt” von Katerina Angelaki-Rooke so gut gefallen, dass ich in der Übersetzung auch dann nicht davon lassen wollte, als meine griechischsprachigen Freunde darauf hingewiesen haben. Der Farbtupfer allein hätte den Leser irregeführt, ihn zuzuspachteln habe ich nicht übers Herz gebracht, so wenig wie neu mischen (von Hölzchen auf Stöckchen kommen?) und am Ende haben wir beide Farbflächen einfach nebeneinander gesetzt.

Hier das ganze Gedicht in der Übersetzung von Jorgos Kartakis und mir, im Anschluss das griechische Original:

Es ist untersagt

Komm nicht näher;
ich kenne diesen Gang in der Dunkelheit,
die sich genauso anschleicht.
Geh nicht auf Zehenspitzen,
denn ich stelle mir deine Fußnägel vor wie kleine Muscheln,
die leuchten an deinem ozeanischen Körper.
Sprich nicht; ich kenne diese Unterhaltung,
angeblich über Winde und Wasser, über dies und das,
in Wahrheit jedoch über die Wesen und wie sie sich fühlen,
wenn du sie berührst.
Denk nicht; ich kenne diese Gedanken,
angeblich an Gott,
der im Tempel deiner Brust wohnt,
in Wirklichkeit aber,
damit du mich fernhältst
von jeder fleischlichen Schlussfolgerung.
Atme nicht mehr;
du sagst mir, dass es nötig ist,
damit du leben kannst.
Ich glaube es nicht; du tust all das,
um mich in Versuchung zu führen,
um mich umzubringen.
Existiere nicht; es gibt kein „Warum“. Einfach so.
Komm nicht näher.

Απαγορευτικό

Μην πλησιάζεις΄
το ξέρω αυτό το βήμα μες στο σκοτάδι
που σιμώνει κι αυτό.
Μη νυχοπατάς΄
γιατί φαντάζομαι τα νύχια των ποδιών σου
να λάμπουν σαν αχηβαδάκια στην άκρη του ωκεάνιου σώματός σου.
Μη μιλάς΄ την ξέρω αυτή την κουβέντα
για ανέμους δήθεν και για νερά
στην ουσία όμως για όντα και πώς νιώθουν αυτά
όταν τ΄αγγίζεις.
Μη σκέφτεσαι΄ τις ξέρω αυτές τις σκέψεις
για το Θεό τάχα
που κατοικεί στο ναό του στήθους σου
στην πραγματικότητα όμως
για να με κρατάς
έξω από κάθε ζωικό συμπέρασμα.
Μην ανασαίνεις΄
πως είναι μου λες απαραίτητο για να ζεις.
Δεν τα πιστεύω εγώ αυτά΄
για να με δαιμονίσεις το κάνεις να με πεθάνεις.
Μην υπάρχεις΄ δεν έχει «γιατί». Γιατί έτσι.
Μην πλησιάζεις.

 

L&Poe-Rückblende März 2002

Viel Lob und ein wenig Kritik auch im März 2002. – Aber zuvor über zwei Tote

Karl Krolow

„Die Gedichte, die er Tag für Tag schreibt“, liest man in Peter Härtlings schönem, sehr persönlichem Nachwort, „sind nicht mehr nur Gedichte, sie haben sich befreit von der Anstrengung, ein Gedicht sein zu wollen.“ Das ist gewiss richtig, ändert aber nichts am Vollkommenheitsstatus einer erstaunlich großen Zahl dieser mit scheinbarer Beiläufigkeit und mitreißender Geläufigkeit aufgezeichneten Verse. Er ist unüberhörbar und kann nur bewundernd und dankbar registriert werden. Ein „Achtzeiler“ aus dem September 1998 lautet so: „Zu viel wär übertrieben. / Zu wenig: wenig wert. / Und was ich aufgeschrieben, / was ich verdammt, verehrt, / ist schließlich aufgezehrt. / Nichts ist davon geblieben. / Was bleibt, sind leere Hände: / so geht die Zeit zu Ende.“ /  Albert von Schirnding, Süddeutsche 30.3.02

Inge Müller

Nach ihrem Selbstmord am 1. Juni 1966 verschwand Inge Müller umgehend aus den Annalen der DDR-Literaturgeschichte. Kurz nach ihrem Tod hatte der Aufbau Verlag den vergeblichen Versuch unternommen, ihre seit 1957/58 entstandenen Gedichte in einer Ausgabe vorzustellen. Für die paranoiden Literaturpolitiker der DDR bedeutete es indes eine Zumutung, eine Selbstmörderin als lyrische Entdeckung präsentieren zu sollen. Dass hier eine Autorin in knappen bitteren Fügungen von traumatischen Erfahrungen des Verlusts und der Angst sprach, brüskierte zudem die verbissenen Positivitäts- und Pathos-Doktrinen der SED-Kulturpolitik. Erst ein Jahrzehnt später gelang es Bernd Jentzsch in der populären Reihe Poesiealbum eine erste kleine Auswahl von 37 Gedichten zu veröffentlichen. Dann dauerte es noch einmal zehn Jahre, bis 1985 Richard Pietraß den poetischen Rang Inge Müllers in dem Auswahlband Wenn ich schon sterben muss demonstrieren durfte – freilich mit extrem schwacher Resonanz. Erst dreißig Jahre nach ihrem Tod erlebte die Dichterin Inge Müller eine Wiedergeburt – dank des Auswahlbandes, den die Schriftstellerin und Literaturhistorikerin Ines Geipel 1996 für den Aufbau Verlag zusammenstellte. / Michael Braun, Freitag 22.3.02

Peter Geist lobt Grünbein und Drawert

Ich habe nicht oft in den letzten Jahren so weltöffnende Gedichtbände lesen können wie die von Drawert und Grünbein. Aus der Flut neubiedermeierlicher Harmlosigkeiten ragen sie sowieso hervor. / Peter Geist, Freitag 22.3.02

  • Kurt Drawert: Frühjahrskollektion . Gedichte, Frankfurt a.M. 2002; 96 S., 15,- EUR
  • Durs Grünbein: Erklärte Nacht . Gedichte, Frankfurt a.M 2002. 160 S., 18,- EUR
Michael Braun lobt Beyer

Marcel Beyer schreibt Gedichte, die nicht von der Fremdheit der Phänomene erlösen, sondern … mitten in ihr „Geheimnis“ hinein führen. Hier qird in großer Eindringlichkeit über Geschichte bgesprochen – in Gedichten, die gleichermaßen aus benennen und Verschweigen bestehen. / Michael Braun, FR 20.3.02

Alban Nicolai Herbst lobt Filips

„Altklug“ kann nämlich immer auch „frühreif“ bedeuten, und von solcher frühen Reife legen Filips ‚ Gedichte Zeugnis ab. Nicht, dass immer alles gelungen wäre, nein, aber Zeilen wie „Die Zeit ist lang. Du brauchst sie nicht zu hetzen“ lassen einen plötzlich innehalten und werden genau dadurch konkret. Sie realisieren sich im Vorgang des Lesens. Da ist schon Kunst, wo der Leser selbst zum Subjekt seiner Lektüre gemacht wird. Und so ist er denn auch für den Zauber etwa der folgenden Heine-Paraphrase bereit: „Den Verschluß an die Wand / schleudern, aufprallen lassen, zurück- / kommend fangen, an der Flasche / nippen und immerzu / mit dem Zeigefinger / an die Stirn tippen, / da die Flammenschrift / auch heute nicht / antwortet.“ Ganz zu schweigen von der eleganten Frechheit, mit Mallarmé knobeln zu wollen: „zerfallen entschlüsse wie augenblicke, / die sich in falten legen, und wieder // sieh, zähl und fall“. / Alban Nicolai Herbst, FR 28.3.02

  • Christian Filips: Schluck Auf Stein. Gedichte. Elfenbein Verlag, Berlin 2001, 97 Seiten, 12,- .
Leipziger Volkszeitung lobt Kuhligk

Statt platter Provokation gelingen dem als „Asphalt-Rimbaud“ gefeierten Dichter kraftvolle Bilder: „… IN EINEM HAUSFLUR/grub ich mich dir ein und/entlockte deinem Mund/die Vögel, die ich/zwischen meine Finger nahm.“ / Leipziger Volkszeitung 25.3.02

Neue Zürcher lobt Ilma Rakusa

Es sind Langgedichte, der Rhythmus frei, hier beschleunigend, da verlangsamend, hier nachdenklich, da furios anklagend. Vor allem aber sind es Abschiedstexte, vom Wechselspiel zwischen Deutsch und Englisch, der Zweisprachigkeit jener verlorenen Liebe, unterspült: «Und mein Gesicht: blind. / Mein Haus: Verzicht. / Verzieh dich! / Leave me, lover. Belagerung beendet. / Die Festung freit sich selbst. Ruine. Aber frei. / Freit sich, lover. In frivoler Verzweiflung. / Don’t cry. / Don’t be shy. / Und das Pendel schwingt: Nein.» / Sibylle Birrer, Neue Zürcher Zeitung , 23. März 2002

  • Ilma Rakusa: Love after love. Acht Abgesänge. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001. 54 S., Fr. 12.20.
Wolf Biermann lobt Moses Rosenkranz aus Czernowicz

Für mich sind diese acht Zeilen (s.u.) ein großes Gedicht, geschrieben von einem kaum bekannten Dichter aus Czernowitz in der Bukowina. Moses (ursprünglich: Edmund) Rosenkranz wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts geboren und starb an dessen Ende. Er überlebte die Lager unter Hitler und geriet gleich anschließend in Stalins GULag, wo er bis 1957 gefangen war. Vier Jahre später floh er aus Rumänien vor den Häschern des Geheimdienstes Securitate nach Westdeutschland. Im Schwarzwald erlebte er noch das Ende des Kalten Krieges. Die ihn kannten, beschreiben ihn als steilen Charakter, harten Knochen, stolz, unbeachtet, einsam, bitter. Vor allem das wird kolportiert: ungebrochen.
Sein kleines Gedicht ist groß. Es elektrisiert gleich in den ersten zwei Zeilen mein Herz, weil des sterbenden Bauern erotische Eskapade ausgerechnet angesichts seines Todes verraten wird: wie ungehörig und verboten der Mann die junge Magd da aufs Kreuz gelegt hat. Liebe und Tod sind hier im Kunstwerk so nahe beieinander wie im richtigen Leben. Schwer rauszukriegen, wo nun der Krampf größer war: im Geschlechtsakt oder im Sterben. Wer fickt hier wen? Der Mann das Mädchen? Der Tod den Mann? Der Poet die Muse?

Moses Rosenkranz

Des Bauern Tod

Er schlug die Arme um die Erde
Wie um die jüngste Magd, im Krampf;
Und fühlte: Rinder, Knechte, Pferde,
Und starken Schweiß, der Scholle Dampf.
Der Andre rollt ihn auf den Rücken
Und ließ ihn so; sein schwer Gewicht
Lag wie ein Stein im Flurenlicht,
Ein weicher Stein aus grauen Stücken. text>

Die Welt 25.3.02

Meyer-Gosau kritisiert Anderson

Ichzentrierte Beschreibungssprünge, Novalis-Zitate und spätexpressionistisches Dichterlallen: Der Prenzlauer-Berg-Dichter und gewissenhafte Stasispitzel Sascha Anderson hat mit „Sascha Anderson“ vor allem eine Autobiografievermeidung geschrieben / taz 2.3. 2002

Mosebach kritisiert Schlaffer

Martin Mosebach widerspricht heftig einer Rezension von Heinz Schlaffers Buch „Die kurze Geschichte der dt. Literatur“:

Die Bedeutung dieser Werke ist Schlaffer nicht bekannt: herablassend schreibt er von „den Stifters und Mörikes und Eichendorffs “ – allein dieser Plural sollte ein gerichtliches Nachspiel haben. / Süddt. Ztg 5.3.02

Kraus spottet über Hofmannsthal

«Will Hofmannsthal Goethes Entwicklung begleiten, / so wirkt es noch bis in die fernsten Zeiten. / Was immer auch dieser jenem leiht, / es reicht für beider Unsterblichkeit. / Müssen die, die späterhin beide lesen, / denn wissen, welcher der Ältre gewesen? / Die hundert Jahre, welche dazwischen, / werden weitere hundert wieder verwischen. / Nach tausend aber ist’s schon egal, / ob Goethe oder Hofmannsthal.» Dieser Spottvers von Karl Kraus schmückt eine Sammelrezension zu Hugo von Hofmannsthal in der NZZ , 16.3.02

Papenfuß liest Wolf

Bert Papenfuß: Christa Wolf hat mir immer ihre Bücher gegeben, hat aber immer dazu gesagt, dass ich sie nicht lesen brauche. Ich habe mich weitestgehend daran gehalten. Karl Mickel hat mich mal auf eine Stelle in „Nachdenken über Christa T.“ aufmerksam gemacht, an der, wenn ich mich richtig erinnere, Christa T. über das Elend der Welt nachdenkt, dann wird ihr schwindelig, und sie stößt mit dem Kopf an den Kaminsims. Das fand Mickel witzig. Am Kamin über das Elend der Welt nachzudenken. Daraufhin habe ich das Buch gelesen und fand es sehr gut. / 20.3.02

Zum Tod von Luise Rinser

Die NZZ zitiert Luise Rinsers selbstgeschriebenen Nachruf von 1992:
«Sie hat ihre Aufgabe als Störfaktor bis zum letzten Atemzug erfüllt. Jetzt hat und gibt sie (hoffentlich) Ruhe für eine Weile.» / NZZ 19.3.

Zweierlei griechische Literaturgeschichten

Die moderne griechische Literatur sei eine eigene Welt, die sich zwischen Nord- und Südpol erstrecke. Den einen Pol symbolisiere Dionysios Solomos, den anderen Konstantinos Kavafis . Solomos habe sich in seiner Dichtung der griechischen Sprache am kühnsten und konsequentesten genähert. Kavafis auf der anderen Seite habe in seiner Lyrik die höchstmögliche sprachliche Verknappung und Genauigkeit erreicht. Zwischen diesen beiden Polen, so sagte Odysseas Elytis 1979 in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur, bewegten sich alle anderen Schriftsteller und Lyriker. / So beginnt eine Besprechung von Barbara Spengler-Axiopoulos in der NZZ , 16.3.02

  • Evi Petropoulou: Geschichte der neugriechischen Literatur. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2001. 431 S., Fr. 57.-.
  • Pavlos Tzermias: Die neugriechische Literatur. Homers Erbe als Bürde und Chance. Francke-Verlag, Tübingen 2001 (2., neu bearbeitete und erweiterte Auflage). 336 S., Fr. 39.80.
New Nigerian Poetry

Meanwhile, across the ocean, a group of African poets is attempting to secure reputations outside its native land. Nigeria’s political upheavals throughout the ’90s, its military governments and the too-little publicized tragedy of the execution of environmental activist Ken Saro Wiwa, suggest a chaotic society of silenced or stillborn voices, but publisher Ishmael Reed discovers consistent literary activity. Twenty-Five New Nigerian Poets collects these voices into a small but thoroughly enjoyable volume. These Nigerian wordsmiths write an English transformed by their indigenous experiences and oral literature.

„Like a cloud, like a shroud/ In a grim, blurred dream/ Came the drift in my mind/ The images and hush memories/ Of this wobbly, goblin year/ Now astride the path to the past,“ writes Abubakar Othman in „This Year.“ There is little in this book that could be thought of as shrill protest poetry, and even the darkest poems have a strange, mythic beauty. / Washington Post 10.3.02

  • 25 NEW NIGERIAN POETS. Edited by Toyin Adewale. Ishmael Reed. 67 pp. Paperback, $9.95
„La Révolution surréaliste“ im Centre Pompidou

Sie soll zeigen, daß der Surrealismus keineswegs bloß ein Stil unter vielen war, nur einer von vielen Zeitgeist-Kometen, die eine Weile lang die Welt erleuchten und dann im Dunkel verschwinden. Der Surrealismus, so die These, war ein ästhetischer Aufstand, der zur Machtergreifung führte, er war eine siegreiche Revolution. Der Surrealismus hat zwar nicht als künstlerischer Stil gesiegt, wohl aber als ästhetisches Prinzip. Das ganze Reich des Sichtbaren hat er sich unterworfen. / FAZ 13.3.02

„Getürkte“ Lyrik

Die New York Times untersucht Bin Ladens Gedicht aus seinem Video vom 14. Dezember – ein Plagiat:

According to Roy Mottahedeh, a professor of Islamic history at Harvard, and Salameh Nematt, the Jordanian correspondent of Al Hayat, both of whom translated the poem for me, the poem, which comes from a 1998 collection of Abu Hilalah ’s work titled “Poems in the Time of Oppression,“ is in a neoclassical style, with a conventional rhyme scheme, high-flown literary language and the centuries-old imagery of Arabic war poetry. The poet declares that he has come to bear witness that “those who are as sharp as a sword“ have not lost their resolve. They remain committed to religion, struggle and sacrifice. Notwithstanding the horrors of occupation — the clothes of darkness that came over us,“ “the poisoned tooth that bit us“ and “the homes that overflowed with blood“ when “the assailant desecrated our land“ — these fighters will not be deterred until, the poet warns, “you leave our lands.“

Abu Hilalah’s cousin said in his article that bin Laden made two small but notable emendations to the last lines of the poem: “The fighters‘ winds blew, striking their monuments, telling the assailant that the swords will not be thrown down until you leave our lands.“

Where the poet wrote “monuments,“ bin Laden said “towers“; and where the poet wrote “swords will not be thrown down,“ bin Laden said “the raids will not stop.‘ / NYT *) 10.3.02

Annemarie Zornack 70

Wie denkt sie als Frau über Lyrik von Frauen? „Die weibliche Art, die Welt zu erleben, schafft Erkenntnisveränderungen und Erweiterungen des Empfindens. Sie durchmischt Animus mit Anima, rein Verstandesmäßiges mit gefühltem Denken“. Aber eigentlich ist ihr dies alles viel zu theoretisch: „Beim Schreiben von Gedichten bringe ich mich ein, mich als Person, als die Lyrikerin, die ich bin“.

Annemarie Zornack , die 1932 in Aschersleben im Harz geboren wurde und seit 1953 in Kiel lebt, hat den Friedrich-Hebbel-Preis und, als erste schreibende Frau, den Kulturpreis der Stadt Kiel (1998) erhalten. Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums, war Ehrengast der Villa Massimo in Rom und ist Ehrenmitglied der Gesellschaft für Zeitgenössische Lyrik in Leipzig. Sie hat surreale Prosa und zwei Reisebücher publiziert. Doch den Schwerpunkt ihres Schaffens bilden 14 Gedichtbände, darunter der 300-seitige Sammelband strömungsgefahr , der 1999 bei der Düsseldorfer Eremiten-Presse erschienen ist und die bisher wichtigsten Texte enthält. / Kieler Nachrichten 12.3.02

Pratajev lebt

Er muss gelebt haben. Mit an mittelgroßer Sicherheit grenzender Höchstwahrscheinlichkeit ist das Gerücht, Pratajev sei eine Erfindung gesellschaftlich abgedrifteter Spinner, falsch. Der gerade erschienene zweite Band des Pratajev-Almanachs beweist: Derart seltsame Geschichten kann kein Hirn erfinden. Nicht zuletzt bezeugen angegilbte Fotos die gewesene Existenz des russischen Dichters, der 1902 in Kurtschinsk-Robersk aus dem Bauch heraus beschloss, sich der Welt zu nähern.

Der Sohn eines Heilkräutersammlers und einer Kuhbürsterin ist zu Unrecht vergessen und von den einschlägigen Literaturlexika ausgespart worden. Denn wer kann sich der Wirkung dieser einzigartigen Lyrik entziehen? Man nehme nur „Verzerrter Mund“: „Ein schönes Mädchen war sie / Längst nicht mehr. / Ihr Mund verzerrte sich / Für quer. / Und war der Krampf besonders lang / Kam ihr Mund / Am Rücken an.“ / Leipziger Volkszeitung 12.3.02

Lyriker aus Madeira

Die bekanntesten Schriftsteller Madeiras haben die Insel verlassen. Man darf behaupten, dass sie weggehen mussten, um ein Publikum zu finden. João Cabral do Nascimento (1897-1978) veröffentlichte die meisten seiner 16 Lyrikbände in Portugal, wo er auch starb. Edmundo de Bettencourt (1899-1973), Lyriker und Liederschreiber, hat sich in den dreissiger Jahren in Coimbra, später in Lissabon als Fado-Sänger einen Namen gemacht. Herberto Helder (*1930) hat die Insel früh verlassen, mausarm und ohne Kontakte. Heute gilt er als der bedeutendste zeitgenössische Lyriker Portugals. / NZZ 11.3.02

Fahrender Sänger

Während sich also die „Cosa Nostra des Geisteslebens“ wechselseitig umschmeichelt, tingelt der Autor Rühmkorf durch die Dörfer, bringt seine Produkte als fahrender Sänger an die Leser und stellt dabei fest, dass in den Heuschobern, Gemeindebibliotheken und Provinztheatern „allemal mehr Menschenleben“ anzutreffen sei „als zwischen den Phrasen-Terminals unserer sämtlichen Rezensierstationen“. / Claudia Stockinger, Berliner Zeitung 9.3.02

Wer kennt Gulzar?

Wer kennt in unseren Breitengraden schon die Gedichte des Urdu-Lyrikers namens Gulzar , die Romane von Amit Chaudhuni oder die Novellen von Shashi Tharoor? Selbst der Bestsellerautor Sunil Gangopadhyay ist in kaum einer unserer Buchhandlungen mit einem seiner Werke vertreten. Doch in 22 Sprachen mit vielen hundert Dialekten glänzt die Literatur Indiens. Über eine Milliarde Menschen, fünf Weltreligionen zugehörig, leben – nach China – im bevölkerungsreichsten Land der Welt, das auf eine mehr als 4000-jährige Kulturgeschichte zurückblicken kann.

Zeit wird’s also, nicht nur indische Computerexperten aus Bangalore, Bombay oder Neu-Delhi nach Deutschland zu holen, sondern das „Land der Dichter und Denker“ auch mit der zeitgenössischen Literatur Indiens vertraut zu machen. Bis 17. März ist allabendlich im Gasteig-Kulturzentrum, im Literaturhaus, in Bibliotheken und vielen anderen Kommunikationszentren der bayerischen Landeshauptstadt dazu Gelegenheit. / Donaukurier 9.3.02

 

Das Recht des Schwans

vom Friederikenhof leitete sich aus der Einsicht ab, dass es mehr schlechte als gute Verse gab und auch andere Poeten das Dichten deswegen nicht aufgaben. Die Leute genossen Kempnersche Verse, oder sie verdammten sie – gleichviel: «Pilz des Glücks ist dieser eine, / Jener Stiefpilz des Geschicks, / Einem sind als O die Beine, / Andern wuchsen sie als X.» * / Jost Nolte in der Berliner Morgenpost über Friederike Kempner (4.3.02)

*) Liest sich verdächtig wie eine der zahlreichen Kempner-Parodien. Kann es im Moment nicht überprüfen, aber ich werd dem mal nachgehn. M.G.

L&Poe ’17-08

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Hadayatullah Hübsch, Kerstin Preiwuß, Sabine Scho, Stanisław Dróżdż, Shakespeare und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Kerstin Preiwuß

Aus: Gespür für Licht: Gedichte. Berlin Verlag, 2016

Aus dem Kapitel „Frühling“

Selten so einen Frühling erlebt.
 Im April immer noch null Grad.
 Der Ostwind fegt vom Ural bis in die Mittelgebirge.
 Krähen brechen ihren Nestbau ab.
 Zugvögel treibt es zurück.
 Alles ist durchsichtig weil Laub fehlt.
 Das ist wie Leben unter dem Röntgengerät.

***

Der Morgen dickt mein Blut zu einer Suppe
 aber kalt 
tropft es durch den Leib 
und kippt von einem Organ ins andere. 
Ist doch schön in sich zu ruhn 
lächeln die Harpyien verbissen. 
Das Ohr an der Wand hör ich sie wimmern. 
Luft die durchs Fenster zieht.

***

Ich sitze am Fenster bis das Telefon schrillt 
betrachte die Bäume ob Wind sie bewegt 
während der Krankenwagen seine Kreise zieht. 
Jede Umkreisung formt einen Baumring. 
Ich rede kaum. 
Mein Atem ist laut. 
Ich halte meine Hand an den Bauch. 
Das Wasser schwappt gegen den Rand. 
Die Waage zittert leicht. 
Ich bin eine Höhle davor eine leere Hülle 
  danach. 
Taub leckt die Zunge die Mundöffnung ab. 
Nur meine Hände arbeiten der Körper ruht. 
Du bist noch ein Fremdwort. 
Atmest schwerelos in deinen Miniaturweltraum. 
Verzeih diese Zwangsabgeschiedenheit. 
Das übrig bleibende Nichtstun. 
Ich denke was soll ich sonst tun. 
Bin längst aus der Zeit geschwommen 
die mich wie ein Blutstrom umfließt. 
Eine Frau vom Stamm der Frauen 
sitzt auf ihrem Kind wie gepfählt. 
Von nun an bin ich an die Erde genäht.

***

Ich kann mir die Zukunft noch nicht genau vorstellen. 
Wird die Kommode jetzt schon verrückt 
oder hängt nur das Bild zu weit links an der Wand? 
Dagegen die Dinge die zuverlässig sind. 
Morgens die Zeitung und Post am Nachmittag. 
Husten wenn etwas die Luftröhre berührt. 
Beim Aufstehen schießt das Blut in die Beine zurück. 
Jeder Glockenschlag hackt Scheite vom Wimmelbild. 
Die Wörter greifen vor reichen nicht zurück. 
Alle Vergleiche münden ins Nichts. 
Phantomschmerzen von dem was man vermisst. 
Warten ist ein Ort für sich.

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Ex Libris: Hadayatullah Hübsch (2)

Sag ich ja, alles ist was andres als es ist, hinter allem steht was Essentielleres, alles steht immer für etwas andres, immer ein Bildchen im andern endlose Reihe, nichts darf auch mal selbst sein. Gab es keinen körperlichen Rausch, keinen Sex?. Weiter hier

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Wer den Lyrikavantgarden folgen will

muss sie zumeist auf Abwegen suchen, was nicht im Umkehrschluss heißen muss, dass ihre Protagonistinnen nicht hier und da schon zu Ruhm und Ehre gekommen wären, oder den Zug durch die Feuilletons und Goethe-Institute nicht längst angetreten hätten.
Aber selbst bekannte Vertreter
innen wie Ann Cotten, Elke Erb, Oswald Egger, Monika Rinck oder Ulf Stolterfoht sind der Off-Szene treu geblieben, lassen einige oder noch alle ihre Bücher dort verlegen, oder gründen gleich einen eigenen Lyrik-Verlag wie jüngst Ulf Stolterfoht die Brueterich Press.  Mehr hier

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Kladde

Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche aus diversen – meist digitalen – Postmappen und Kladden. Mal anonym, mal namentlich.

Nummer 1:

Sabine Scho  anstatt mir einfach das granteln zu gönnen, zwingen mich alle mehr kunst zu machen, die ihr dann alle gut finden müsst, ich protecte euch doch nur alle vor dem, was ihr wollt, machen ja auch die anderen immer schon so viel.
Mittwoch um 11:40

Sabine Scho und ich kann mich immer so schwer motivieren noch mehr von dem zu machen, was dann wieder nur ein paar handverlesene wollen. ich würde ja gern mal was machen, was echt viele wollen.
521 Antworten · Mittwoch um 11:41

Sabine Scho aber natürlich am liebsten so, wie ich es kann und will.

Nummer 2

Ricardo Domeneck Two comments made to one of my articles on ‚Deutsche Welle‘:

1. „Wise words! Thank you so much!“

2. „You, dear sir, need a psychiatrist urgently“

I personally do not think the two comments are mutually exclusive.

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Polnische Konkrete

Zu Unrecht bei uns kaum bekannte Beispiele konkreter Poesie von Stanisław Dróżdż (1939-2009) aus Wrocław, die man wegen der visuellen Komponente eben sehen kann, bevor man was versteht. Hier mit Wortübersetzungen

Vergeßlichkeit
Vergeßlichkeit

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Literaturförderung Ruhr

Für Oper und Ballett geben die Städte des Ruhrgebiets pro Jahr über 150 Millionen Euro aus. Für das Sprech-Theater über 50 Millionen. Und für die institutionelle Förderung der Literatur den vergleichsweise läppischen Betrag von rund 100.000 Euro. Mehr

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Gestorben

Am 13. starb Michael Naura. Rühmkorfleser (oder Leute, die in Greifswald den Grundkurs Textanalyse besucht haben, ggf. auch in Kombination) kennen ihn aus dem Gedicht „Haltbar bis Ende 1999“ als „den Krapotkin des Pianos“. Die Süddeutsche Zeitung schrieb:

Er konnte ein Porträt wie eine Novelle klingen lassen, aber auch richtig grob werden. Manche seiner Liebesgedichte an die Heroen des Jazz begannen wie Groupie-Lyrik, bevor sie plötzlich in einen Halbsatz echter Philosophie abbogen. Er schuf stehende Redewendungen wie den „akustischen Milchbrei“, wenn er seinen Jazz gegen die „Claydermansche Kotze“ abgrenzte, und auch Klassikattitüden bekamen regelmäßig ihr Fett weg, etwa wenn er den „revolutionären Gesellen“ Thelonious Monk gegen Chopin-Klimperer mit Perlenkette verteidigte. Michael Naura, der als Redakteur für Jazz im NDR bis 1999 und Autor zahlreicher Publikationen die Rezeption dieser Musik in Deutschland so intensiv prägte wie kaum ein anderer Journalist, war so etwas wie der Horst Janssen der Jazzkritik, ein dionysischer Furor, der in seinen Texten immer auch etwas über die eigene Biografie und das Zeitgeschehen mitlieferte.

(…) Am Montag ist der strengste Poet des verbalen Jazz mit 82 Jahren in Hollbullhüüs bei Husum gestorben. Thelonious Monk wird seinen besten Anwalt freudig im Pianistenhimmel begrüßen. Till Briegleb, Süddeutsche Zeitung 15.2.

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #26:

LOrd of my loue, to whome in vassalage

Deutsch von Dorothea Tieck:

Herr meiner Liebe, dessen heil'ge Banden

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

fullsizerender-59

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Neue Zeitschriften
  • Mütze #15. – scheiß latein und scheiß zentrale perspektive (Kobus). – Dinge, die man weiß, wenn man nicht an sie denkt. (Joubert). – Er schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben. (Blanchot). – Dichter versuchen immer, Flüsse zu sein, formschön und seicht. Seid stattdessen Ozeane, weit und sehr tief. Und vergesst das Salz nicht. (Kelly). Mehr hier

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Kurz gesagt
  • Im Gegensatz zu Martina Hefter ist Jens Wonnebergers Roman politisch. / verstärker (so, so)
  • Rückert war auch ein Sprachgenie, berichtete Hub. Er beherrschte 44 Sprachen, darunter Arabisch, Armenisch, Russisch, Syrisch und Türkisch. Aber er hätte sich keinen Kaffee in Arabisch bestellen können, weil er diese Sprachen nur in der Schriftform beherrschte / mehr
  • University Days (one-line poem by Tom Raworth): this poem has been removed for further study

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Kurz berichtet
  • Von 6. März bis 4. April widmet sich die Alte Schmiede Modellpositionen des zeitgenössischen Hörspielschaffens: Mit HORCHPOSTEN II (Nachfolgeprojekt von Horchposten I im März 2016) lenkt die österreichische Autorin und Hörspielregisseurin FALKNER den Blick auf die Institutionen, die die Kunstform Hörspiel tragen, ermöglichen und fördern. An vier Abenden werden einerseits Hörspielredaktionen öffentlich-rechtlicher Sender vorgestellt, die mit ihren Produktionen die zeitgenössische Hörspielästhetik wesentlich prägen, andererseits studentische Hörspielprojekte vorgestellt. Wie bei Horchposten I werden auch diesmal exemplarische Hörspielproduktionen ganz oder in Ausschnitten zu hören sein, im Zentrum stehen aber die Gespräche mit RedakteurInnen, HörspielmacherInnen und -kritikern über Gegenwart und Zukunft einer Kunstform, die sich trotz schwindender finanzieller Mittel und der schwindenden öffentlichen Aufmerksamkeit beständig weiterentwickelt hat und auf ihrer künstlerischen Eigenständigkeit beharrt. Als Epilog zum Hörspielfestival präsentieren wir am 20. April den soeben erschienenen Band der Werkausgabe radiophone poesie von GERHARD RÜHM, der in über 50 Jahren Hörspielschaffen die Entwicklung einer radiophonen Kunst maßgeblich mitgeprägt hat.
  • Wole Soyinka hat seine Greencard zerstört. Wie der Guardian vor kurzem berichtete, hat der nigerianische Schriftsteller seine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für die USA nach dem Sieg von Donald Trump vernichtet. Das ist ein eindeutiges Statement des Literaturnobelpreisträgers, der mehrmals als Regierungskritiker im Gefängnis saß und später ins Exil ging. / Süddeutsche Zeitung 16.2.
  • März ist Monat der Poesie in der kanadischen Provinz Quebec. Hier gibts das Programm

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Lyrikkalender

Am 25. Februar ist viel passiert. Wie an jedem Tag natürlich, aber doch besonders. 1634 wurde Wallenstein in der Burg von Eger ermordet. (Das beliebte Epigramm „O Wallenstein, du großer Held / Bewundert viel, gescholten von der Welt / Im Tode doch blüht dir das Glück / Von Schillers Hand das hübsche Stück“  ist allerdings nicht von Friederike Kempner, sondern eine der vielen untergeschobenen Parodien). 1643 massakrieren niederländische Soldaten die Bewohner eines Indianerdorfs und spielen mit den abgeschlagenen Köpfen Ball. 1923 beenden französische Truppen die Existenz des versehentlich unbesetzten „Freistaats Flaschenhals“ am Rhein. 1932 wird Hitler gerade noch rechtzeitig deutscher Staatsbürger, um den Laden alsbald zu übernehmen. 1947 wird Paula von Preradovićs Gedicht Land der Berge, Land am Strome vom Ministerrat zum Hymnentext der Republik Österreich erklärt. (Es ist auch der Tag, an dem im Jahr 1147 das Wort Austria zum erstenmal verwendet wurde). Im gleichen Jahr, also 1947, wird der Staat Preußen aufgelöst. 1947 übernehmen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. 1956 rechnet Nikita Chrustschow in einer „Geheimrede“ auf dem 20. Parteitag der KPdSU mit Stalins Verbrechen ab. Sie bleibt nicht lange geheim, außer im Ostblock.In der DDR erschien sie im Januar 1990. Bis zum Mauerbau war sie aber problemlos in Westberlin zugänglich. Der sowjetische Liedermacher Bulat Okudshawa sang über Chrustschow: „Конешно он был дураком. Natürlich war er ein Dummkopf. Aber vielleicht baun wir ihm noch mal ein Denkmal“. (Aber nicht unter Putin). 1969 verbrennt sich in Prag der Student Jan Zajíc aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings als Zweiter nach Jan Palach. 1991 wird der Warschauer Pakt aufgelöst.

Am 26. in der evangelischen Kirche Gedenktag für Mechthild von Magdeburg, deutsche Mystikerin.

Am 28. Februar 1933 nimmt die Abschaffung der Demokratie Fahrt auf. An diesem Tag (einen Tag nach dem Reichstagsbrand) erläßt Reichspräsident Paul von Hindenburg die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Die ermöglicht Hitler die baldige „Gleichschaltung“ Deutschlands. Am gleichen Tag wird Carl von Ossietzky verhaftet. – In Finnland ist Kalevala-Tag. An diesem Tag 1835 erschien die erste Fassung der Dichtung, die zum Nationalepos der Finnen wurde.

Der 1. März  war im alten Rom ursprünglich der kalendarische Jahresanfang, an welchem im Tempel der Vesta das heilige Feuer entzündet wurde. Er wurde 153 v. Chr. auf den 1. Januar vorverlegt.Am 1. März 1700 holten die meisten protestantischen deutschen Länder mit großer Verspätung die Gregorianische Kalenderreform nach. Dem 18. Februar folgte der 1. März. Schweden folgte am 1. März 1753.

Am 3. März 1931 wird das 1814 gedichtete Star-Spangled Banner (Francis Scott Key) Nationalhymne der USA.

Geburtstage haben am 25. Februar 1591: Friedrich Spee, deutscher Dichter, 1651: Quirinus Kuhlmann, deutscher Dichter, Prophet und Mystiker, 1725: Karl Wilhelm Ramler, „deutscher Horaz“, 1822: Lew Alexandrowitsch Mei, russischer Dichter, 1842: Karl May, deutscher Auflagenmillionär, 1867: Rudolf Tarnow, plattdeutscher Schriftsteller, 1871: Lesja Ukrainka, ukrainische Dichterin († 1913), 1882: B. Traven, 1855: Cesário Verde, portugiesischer Schriftsteller († 1886), 1907: Sabahattin Ali, türkischer Dichter († 1948), 1943: George Harrison, am 26. Februar 1564: Christopher Marlowe, englischer Dichter (Taufdatum), 1590: Johann Lauremberg, niederdeutscher Schriftsteller, 1780: August Thieme, deutscher Dichter, 1802: Victor Hugo, französischer Dichter, 1864: Antonín Sova, tschechischer Dichter, 1873: Yosano Tekkan, japanischer Lyriker, 1881: Janus Djurhuus, färöischer Dichter, 1889: Otto Riethmüller, geistlicher Dichter, 1898: Konstantin Biebl, tschechischer Dichter, 1900: Halina Konopacka, polnische Diskuswerferin und Dichterin, 1901: Alexandr Hořejší, tschechischer Dichter, 1913: Hermann Lenz, deutscher Schriftsteller, 1913: George Barker (englischer Dichter, wurde von TS Eliot veröffentlicht und hatte 15 Kinder), 1919: Kuroda Saburō, japanischer Lyriker, 1936: Edward Dickinson Blodgett, kanadischer Lyriker, 1944: Charles Lillard, kanadischer Dichter, 1944: Christopher Hope, südafrikanischer Dichter, 1950: Ott Arder, estnischer Dichter, 1958: Michel Houellebecq, französischer Schriftsteller,  am 27. Februar 1607: Christian Keimann, Kirchenlieddichter, 1770: Don Juan Bautista Arriaza y Superviela, spanischer Dichter, 1797: Wilhelm Meinhold, Schriftsteller aus Usedom, 1807: Henry Wadsworth Longfellow, amerikanischer Dichter, 1875: Manuel Ugarte, argentinischer Schriftsteller,  1904: James T. Farrell, amerikanischer Schriftsteller, 1912: Kusumagraj, indischer Schriftsteller (Marathi – sein Geburtstag wird heute als Tag der Marathisprache in den Bundesstaaten Maharashtra und Goa begangen), 1912: Lawrence Durrell, britischer Schriftsteller, 1925: Kenneth Koch, amerikanischer Dichter, 1926: Elisabeth Borchers, 1933: Edward Lucie-Smith, britischer Dichter aus Jamaika, am 28. Februar 1533: Michel de Montaigne, 1775: Sophie Tieck, Dichterin im Schatten ihres Bruders Ludwig, 1812: Berthold Auerbach, 1817: Ryszard Wincenty Berwiński, polnischer Dichter, 1866: Wjatscheslaw Iwanow, russischer Dichter, 1872: Marjana Domaškojc, sorbische Dichterin, 1901: Rudolf Nilsen, norwegischer Dichter, 1909: Stephen Spender, englischer Dichter, 1928: Mohammad Ibraheem Khwakhuzhi, afghanischer Schriftsteller, 1929: John Montague, amerikanischer Autor, 1946: Ludwig Hirsch, österreichischer Schauspieler und Liedermacher; wer am 29. Februar Geburtstag hat, wird auf März vertröstet, das betrifft den amerikanischen Lyriker Howard Nemerov (1920); am 1. März 40: Martial, römischer Dichter, 1610: Johann Balthasar Schupp, geistlicher Dichter und Satiriker, 1701: Johann Jakob Breitinger, Schweizer Gelehrter, 1886: Oskar Kokoschka, österreichischer Maler, schrieb auch Gedichte und Dramen, 1892: Akutagawa Ryūnosuke, japanischer Dichter, 1893: Mercedes de Acosta, amerikanischer Schriftsteller, 1917: Robert Lowell, amerikanischer Dichter, 1934: Jacques Chessex, französischsprachiger Schweizer Schriftsteller, 1939: Tzvetan Todorov, bulgarischer Schriftsteller und Theoretiker, 1941: Robert Hass, amerikanischer Dichter, 1943: Franz Hohler, Schweizer Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher, 1967: Franzobel, österreichischer Schriftsteller, am 2. März 1651: Carlo Gimach, maltesischer Architekt und Dichter, 1800: Jewgeni Abramowitsch Baratynski, russischer Dichter, 1817: János Arany, ungarischer Dichter, 1820: Eduard Douwes Dekker (Multatuli), niederländischer Schriftsteller, 1862: John Jay Chapman, amerikanischer Dichter, 1888: Norbert von Hellingrath, Hölderlinforscher und -herausgeber, 1904: Dr. Seuss, amerikanischer Dichter, 1905: Geoffrey Grigson, britischer Dichter, 1927: Olivier Larronde, französischer Dichter, 1943: Peter Straub, amerikanischer Dichter, am 3. März 1807: Kazimierz Władysław Wóycicki, polnischer Schriftsteller, sammelte Sprichwörter,  Volkslieder und Volksmärchen der Polen, Kleinrussen (Ukrainer) und Weißrussen, 1816: Jan Arnošt Smoler, bedeutender Vertreter der nationalen Wiedergeburt der Sorben, 1887: Kurt Wolff, deutscher Verleger („Der jüngste Tag“), 1899: Juri Olescha, russischer Schriftsteller, 1901: Otto Müller, Verleger Trakls, 1903: Rabbe Enckell, finnischer Dichter, 1904: El Duque del Morteruelo, spanischer Dichter, 1922: Alexandru Vona, rumänischer Schriftsteller, 1926: James Merrill, amerikanischer Schriftsteller

Todestage am 25. 1547: Vittoria Colonna, italienische Dichterin, 1655: Daniel Heinsius, niederländischer Dichter, 1689: Khushal Khan Khattak, paschtunischer Nationaldichter ohne Nation (Pakistan/Afghanistan), 1756: Eliza Haywood, englische Dichterin (* 1693), 1798: Louis Jules Mancini Mazarini, französischer Dichter und Diplomat ( 1716), 1819: Manuel do Nascimento, portugiesischer Lyriker, 1831: Friedrich Maximilian Klinger, deutscher Schriftsteller („Sturm und Drang“) ( 1752), 1852: Thomas Moore, irischer Dichter (* 1779). 1865: Otto Ludwig, deutscher Schriftsteller, 1870: Henrik Hertz, dänischer Schriftsteller, 1945: Mário Raúl de Morais Andrade, brasilianischer Schriftsteller, 1952: Saitō Mokichi, japanischer Lyriker, 1978: Hugo Friedrich, Romanist („Die Struktur der modernen Lyrik“), 1980: Robert Hayden, amerikanischer Dichter (* 1913), 1983: Tennessee Williams, amerikanischer Schriftsteller (* 1911), 2001: Archie Randolph Ammons, US-amerikanischer Lyriker, am 26. 1266: Manfred, König von Sizilien, Figur bei Dante und Byron, 1723: Thomas d’Urfey, englischer Dichter, 1989: Mouloud Mammeri, algerisch-kabylischer Schriftsteller (Herausgabe und Nachdichtung der Gedichte des kabylischen Dichters Si Mohand-ou-Mohand), 2016: Karl Dedecius, deutscher Übersetzer, am 27. 1878: Mirza Fatali Achundow (Achundzade, Akhundzade), aserbaidschanischer Schriftsteller, Alphabetreformer, „Orientalische Elegie auf Puschkins Tod“ (1837), 1881: Boleslav Jablonský, tschechischer Dichter, 1920: Ludwig Rubiner, deutscher Dichter (Kameraden der Menschheit, 1919; Kriminalsonette), 1943: Kostis Palamas, griechischer Dichter, 1950: Yvan Goll, deutsch-französischer Schriftsteller, 2002: Spike Milligan, irischer Komiker, Schriftsteller und Jazz-Musiker, am 28. Februar 1544: Francesco Maria Molza, italienischer Dichter, 1658: Johann Lauremberg, niederdeutscher Schriftsteller, 1856: Helmina von Chézy, deutsche Dichterin und Librettistin (Carl Maria von Weber, Franz Schubert), 1869: Alphonse de Lamartine, französischer Dichter, 1928: Emerenz Meier, bayrische Volksdichterin, 1940: Andreas Heusler, Schweizer Germanist (Deutsche Versgeschichte), 1946: Eriks Ādamsons, lettischer Schriftsteller, 1987: Karl Emerich Krämer (George Forestier), 1989: Hermann Burger, Schweizer Schriftsteller, 2005: Mario Luzi, italienischer Lyriker, am 1. März 912: Ki no Haseo, japanischer Dichter, 1620: Thomas Campion, englischer Komponist und Dichter, 1633: George Herbert, englischer Schriftsteller, 1875: Tristan Corbière, französischer Lyriker, 1936: Michail Kusmin, russisch-sowjetischer Schriftsteller, 1938: Gabriele D’Annunzio, italienischer Schriftsteller, 1968: Georg von der Vring, deutscher Schriftsteller, 1971: František Hrubín, tschechischer Schriftsteller, 1978: Paul Scott, englischer Schriftsteller, 2002: Artur Märchen, einer der Berliner Malerpoeten, am 2. März 274: Mani, persischer Prophet und Religionsstifter (Manichäismus), 1606: Martin Moller, deutscher Mystiker und Kirchenlieddichter, 1788: Salomon Gessner, Schweizer Dichter, 1916: Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien und deutsche Dichterin (Carmen Sylva), 1930: D. H. Lawrence, britischer Schriftsteller, 1949: Sarojini Naidu, indischer Dichter, 1975: Murano Shirō, japanischer Lyriker, 1976: Adolf Maurer, Schweizer Dichter, 1991: Serge Gainsbourg, französischer Chanson-Dichter und -Sänger, 2002: Halfdan Rasmussen, dänischer Lyriker, 2014: Ryhor Baradulin, weißrussischer Dichter, am 3. März 1806: Heinrich Christian Boie, Hainbund, Mitherausgeber des Göttinger Musenalmanachs, 1931: Otto Reutter, Sänger und Liederdichter, 1958: Theodor Kramer, österreichischer Lyriker, 1996: Léo Malet, französischer Krimischriftsteller und Dichter, 2011: Friedhelm Kemp, Übersetzer (Baudelaire)

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Bücherbord

Neu im L&Poe-Regal:

  • Katerina Angelaki-Rooke, Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017
  • Kathrin Bach: Schwämme. Gedichte. Köln: parasitenpress, 2017
  • Mara Genschel: Cute Gedanken. roughbooks 042, 2017
  • Adrian Kasnitz: Kalendarium #3. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2017
  • Kollektiv Pik 7 (Angelika Waniek, Martina Hefter, Ulrike Fiebig): Stellen Sie sich vor, Sie haben Hühner, wollen aber Rosen. Leipzig [2017]

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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

endlich im Heute angelangt – worauf warten wir noch?

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Polnische Konkrete

Diese Seite aus Wrocław/Breslau ist auf Polnisch geschrieben, aber auch wer von der Sprache nichts versteht, kann sie mit Gewinn ansehen. Sie bringt bei uns zu Unrecht kaum bekannte Beispiele konkreter Poesie von Stanisław Dróżdż (1939-2009) aus Wrocław, die man wegen der visuellen Komponente eben sehen kann, bevor man was versteht. Ich rücke hier einige Beispiele ein, bei denen ich die im Bild vorkommenden polnischen Wörter übersetze. Die meisten der ausgewählten Beispiele haben außer mit Wort und Bild auch mit Mathematik zu tun.

drozdz
Diese Zahlwörter zusammen mit der Ziffer haben im Polnischen genau die von der Ziffer genannte Zeichenzahl
drozdz_alea
Jacta alea est
drozdz_zapominanie
Das Wort in der ersten Zeile heißt Vergeßlichkeit
Wort
Wort
Zwei Worte
Zwei Worte

 

drozdz_nie_czytac
Nicht lesen

Mütze #15

Hrsg. von Urs Engeler. 52 Seiten. Einzelheft 6 €  (D)

Stephan Broser: Gedichte.

Nicolai Kobus: bildgebende verfahren. studien zur selbstwahrnehmung: Gedichte zu Bildern von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Giorgi de Chirico, Andy Warhol u.a. Jedes Gedicht in einer anderen Form, z.B. reimlos, Strophenformen Zwei-, Drei-, Vier, Fünf- u. Mehrzeiler, Terzine usw. Das Gedicht zu Hogarth beginnt mit „eigentlich sollte das hier ein sonett / werden aber mir ist gerade so jazzy / ums gemüt improvisieren das gebot“. Das Gedicht zu einem Selbstbildnis von de Chirico endet so:

(…) und diese frage: was ich lieben

werde wenn den letzten schatten schräg
ich an den lichteinfall gelehnt die schiefe
ebene so träg ins bild gezogen haben werde:
scheiß latein und scheiß zentrale perspektive

Die dazugehörigen Bilder sind nicht mit abgedruckt, aber exakt bezeichnet. Man kann sie aus dem Text imaginieren oder ggf. danach googeln.

S.T. Coleridge: This Lime-Tree Bower My Prison (as published in Sibylline Leaves, 1817) im Original und der Übersetzung von Florian Bissig.

Joseph Joubert (1754-1824), aus den Carnets. Auswahl und Übersetzung Martin Zingg mit einem Essay des Übersetzers. Die für mich bemerkenswerteste Entdeckung dieses wie jede Mütze an vergnüglicher und spannender Lektüre sowie Entdeckungen reichen Heftes. Maurice Blanchot nannte ihn „einen der ersten ganz modernen Schriftsteller (…), da er der Kreislinie das Zentrum vorzog, die Ergebnisse der Aufdeckung ihrer Bedingungen opferte, und nicht schrieb, um Buch an Buch zu reihen, sondern um die Herrschaft über jenen Punkt zu erlangen, aus dem, wie er meinte, alle Bücher hervorgehen und der ihn, hätte er ihn einmal gefunden, der Aufgabe entheben würde, welche zu schreiben.“ Er schrieb fast täglich, veröffentlichte aber kein einziges Buch. In Kenntnis der französischen Literatur würde man ihn für einen Aphoristiker halten und den Moralisten zurechnen, tatsächlich wurden seine postumen Veröffentlichungen lange „Pensées“, Gedanken genannt und in thematische Ordnungen gebracht seit dem ersten Auswahlband, der 1838 in einer Miniauflage von 50 Exemplaren erschien, herausgegeben von seinem Freund und Verehrer Chateaubriand. Aber es sind keine Aphorismen, es fehlt die „Prozedur des Pointierens“ und „jedes Rechthaben- und Verblüffenwollen“. Ich mußte beim Lesen an Wolfgang Koeppen denken, der, seit er Suhrkampautor wurde, kein einziges Buch mehr schrieb und über dessen Schreibunlust oder -unfähigkeit die Kritiker zu Lebzeiten und postum rätselten und orakelten. Von Schreibfaulheit war und ist oft die Rede, aber er schrieb und füllte tausende Seiten mit zumeist geschliffener Prosa, nur er „lieferte nicht“. Joubert schrieb mehrfach von seinem Widerwillen gegen „zu viele Bücher“, die große Zahl nehme ihm die Lust und töte das Vergnügen, und überhaupt sei er, wie Montaigne, „ungeeignet für den fortlaufenden Gedankengang“. Blanchot: „Er schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben“. Erst 100 Jahre nach seinem Tod begann man seine Eigenart zu respektieren und nicht „Gedanken“ zu Themen herauszuziehen, sondern seine Hefte, Carnets, in chronologischer Folge zu edieren, 250 gebundene Notizbücher fanden sich im Nachlaß.

Ein paar Kostproben:

Manchmal ist das ungenaue Wort dem genauen vorzuziehen. Es gibt, nach einer Äußerung von Boileau, elegante Dunkelheiten; es gibt majestätische; es gibt sogar notwendige: das sind jene, die den Geist das imaginieren lassen, was ihn die Klarheit nicht sehen lassen könnte.

Geplagt vom verfluchten Ehrgeiz, immer ein ganzes Buch auf eine Seite zu bringen, jede Seite in einen Satz, und diesen in ein Wort.

Es müssen viele Stimmen zusammen in einer Stimme sein, damit sie schön ist. Und verschiedene Bedeutungen in einem Wort, damit es schön ist.

Dinge, die man weiß, wenn man nicht an sie denkt.

Robert Kelly: Gewissheiten. Die Maximen von Martin Traubenritter. Robert kelly: Interview Teil II. Hier zwei der Maximen:

2.
Dichter versuchen immer, Flüsse zu sein, formschön und seicht. Sed stattdessen Ozeane, weit und sehr tief. Und vergesst das Salz nicht.

14.
Wahrheit hängt davon ab.

 

Webseite

Leseecke 26

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

25

LOrd of my loue, to whome in vassalage
Thy merrit hath my dutie strongly knit;
To thee I send this written ambassage
To witnesse duty, not to shew my wit.
Duty so great, which wit so poore as mine
May make seeme bare, in wanting words to shew it;
But that I hope some good conceipt of thine
In thy soules thought (all naked) will bestow it:
Til whatsoeuer star that guides my mouing,
Points on me gratiously with faire aspect,
And puts apparrell on my tottered louing,
To show me worthy of their sweet respect,
  Then may I dare to boast how I doe loue thee,
  Til then, not show my head where thou maist proue me

Einige Anmerkungen zum Text:

  • vassalage Vasallentum, Knechtschaft
  • 3 ambassage Botschaft
  • 4 „um meine Pflichtschuldigkeit zu bezeugen, nicht um meinen vorzuzeigen“ shew show
  • good conceipt conceit a) gute Meinung von mir b) gutes Konzept (guter Gedanke)
  • 8 all naked bezogen auf it (duty) bestow beherbergen
  • 10 points on me zeigt auf mich, übt Einfluß auf mich aus faire aspect gute Wirkung, Einfluß (der Sterne auf mich)
  • 11 apparrell Kleidung tottered tattered, zerschlissen – der Lord (das Schicksal) schenkt dem Zerlumpten Kleidung (die Livree des Vasallen)
  • 14 maist proue me mayst prove me magst mich auf die Probe stellen

 

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Herr meiner Liebe, dessen heil'ge Banden 
Mit königlicher Macht mein Herz umschlingen, 
Dir send' ich diesen schriftlichen Gesandten, 
Um treue Huldigung dir darzubringen.
So große Pflicht kann zwar mein armer Geist 
Nicht, wie sich's ziemt, geschmückt dir übersenden; 
Doch deiner Seele Reichthum macht mich dreist. 
Du selbst wirst huldreich edlen Schmuck ihr spenden.
Vielleicht strahlt bald herab mit holder Gunst 
Ein freundliches Gestirn auf meine Bahn, 
Das meine Liebe schmückt mit reicher Kunst, 
Daß ich kann würdig deinem Blicke nah'n.
  Dann darf ich kühn, wie ich dich liebe, sagen; 
  Jetzt, wo du bist, nicht mich zu zeigen wagen.

Plessow übersetzt den Schlußreim so:

  Dann wag ichs, wie ich liebe, stolz zu preisen;
  noch zeig ichs nicht –– aus Scheu, es zu erweisen.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Hadayatullah Hübsch (2): Gespräch in elysäischen Gefilden

In der Ausgabe der Lyrikzeitung vom 17. gab es einen Bericht über meine fast zwei Begegnungen mit Hadayatullah Hübsch. Teil zwei: ein Gesprächsprotokoll.

Ein nicht geführtes Gespräch mit Hadayatullah Hübsch (Ex Libris – Fundstücke in meiner Bibliothek)

Anmerkung: Alle unter seinem Namen veröffentlichten Worte sind original Hadayatullah Hübsch aus verschiedenen Quellen, höchstens gelegentlich die Zeichensetzung leicht angepaßt und ein winziger Zusatz in eckiger Klammer.

G: Wir sprachen gestern über Rumi. Du meintest, es sei ein westliches Vorurteil, Dichter wie Hafis und Rumi hätten auch über Wein und irdische Freuden geschrieben…

Hübsch: „Trink, was in dem Glas ist“, sagt er und meint damit, dass der Rahmen, das Gefäß, zwar zu beachten, aber nicht über Gebühr zu bewerten sei, dass wir sehen, indem wir die Einheit des anderen …

G (unterbricht): Immer kommt einer der es besser weiß und und sagt was gemeint ist.

Hübsch (lächelt)

G: Was meinst du, war Rumi ein frommer Moslem?

H: Muslim…

G: meinetwegen Muslim, war er?

H: Es gibt keinen Zweifel daran …

G (will unterbrechen, aber H redet weiter)

H: … dass Rumi sich an alle 700 Gebote des Qurâns gehalten hat, dass es gerade dieser Gehorsam dem Gesetz gegenüber gewesen ist, der ihn im Innen und Außen, in Ekstase und Erklärung hat zum Meister werden lassen. Er meint ja eben auch nicht, dass er etwa kein Muslim mehr sei,

G: Na wenn du’s sagst, glaub ich’s mal…

H (einfach weiter): … wenn er bedeutet: „Was ist zu tun, o Moslem?

G (will einwenden)

H: … Ich kenne mich selbst nicht mehr. / Ich bin weder Christ noch Jude,/ weder Perser noch Moslem.“

G: Ah, und damit will er sagen…

H: Was er klar machen will, ist die Bedeutung von Muslim-Sein…

G: Alles klar.

H: Rumi in einem anderen Gedicht:

Es klopfte einer an des Freundes Tor
Wer bist du, sprach der Freund,
wer steht davor?
Er sagte: Ich; Sprach der:
so heb dich fort –
an diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!
Den Rohen kocht das Feuer
Trennungsleid –
Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit!
Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,
Im Trennungsfunken brannt er
ganz und gar.
Reif kam dann der Verbrannte
von der Reise,
Dass wieder er des Freundes Haus
umkreise.
Er klopft ans Tor mit hundertlei Acht,
Dass ihm entschlüpf‘ kein Wörtlein
unbedacht.
Es rief der Freund: Wer steht dort
vor dem Tor?
Er sagte: Du Geliebter, stehst davor!
Nun, da du ich bist, komm,
o Ich, herein –
zwei Ich schließt dieses enge Haus
nicht ein!

Das Haus ist hier sicherlich

G (höhnisch): sicherlich!

H (unbeirrt) … sicherlich zunächst die Kaaba,

G: Zunächst, das ist gut, gefällt mir echt!

H: das Gotteshaus in Mekka, während Mekka für die Erlebnissphäre, den Bewusstseinsrahmen des Reisenden steht.

Die Kaaba ist dabei die Brust des Menschen, die von den Götzen der Heuchelei zu befreien erste und wichtigste Aufgabe des Pilgers ist, nachdem er die Religion vor Allah, Islam, angenommen hat.

Der Stein in der Kaaba ist das Herz des Menschen. Der Geliebte ist das Herz des Freundes. In ihm vereinigt sich der Liebende zu sich, indem er die Geheimnisse und Schmerzen der Liebe zu ihm auf sich nimmt.

G: Sag ich ja, alles ist was andres als es ist, hinter allem steht was Essentielleres, alles steht immer für etwas andres, immer ein Bildchen im andern endlos, nichts darf auch mal selbst sein. Gab es keinen körperlichen Rausch, keinen Sex?

H: Dass er in diesem Bereich der Offenbarung lebt, unterscheidet ihn von den anderen seiner Umgebung. So ist er weder den Elementen verhaftet, noch den Oberflächen, sondern in dem ekstatischen Sein der „Trunkenheit und Lustbarkeit“. Diese Symbole haben nichts zu tun mit jenen Ausschweifungen, die der „Rohen Ort“ sind.

G: Schade eigentlich.

H (erfreut über die Anteilnahme): So werden auch ungewöhnliche Vergleiche von dem islamischen Mystiker in der Reinheit des hinter den Reizen stehenden Erfahrens benutzt, und nicht etwa als Zustandsbeschreibung oder Mitteilung über akute Erlebnisse bloß körperlicher Art. Die Dimension des Zungengenusses wird aufgehoben und durch den Seelengenuss ersetzt. Dabei hat jedes Nahrungsmittel seinen symbolischen, spirituellen Wert und seine moralische Entsprechung, was uns auch einen Grund dafür eröffnet, dass das ‚schweinische Schwein’ als Nahrungsmittel abgelehnt wird und der körperliche Weinrausch als grober und verwirrender Reiz zudem.

G: Da frag ich mich, wie der Wein als Symbol für so erhabene Seelenwerte taugt, wenn man ihn gar nicht kennt. Aber gut, morgen mehr über Rumi und Hafis. Von dem gibts wunderbare Schenkengedichte und Liebesgedichte! – Eigentlich wollten wir über Politik sprechen, über Dschihad.

H: In den westlichen Medien wird dieses quranische Wort „Dschihad“ meist mit „Heiliger Krieg“ übersetzt,

G: Sagen das nicht auch Islamisten ähnlich?

H: … und unwissende, törichte Leute, die aus Ländern stammen, in denen es eine islamische Tradition gibt, haben

G: Lesen die denn westliche Medien?

H: … haben mit ihrem Unverständnis des Qurans diesen „Heiligen Krieg“ zu Terrorismus pervertiert. Ich versichere [dir], daß es im gesamten Quran keinen einzigen Vers, noch einen Hinweis dafür gibt, daß aggressive Gewalt ein Prinzip der Politik sein kann.

G: Und was ist mit Steinigungen von Ehebrechern, Haftstrafen und Auspeitschungen für Leute, Moslems, die „vom Glauben abfallen“ (komischer Ausdruck, als wär der Glauben ein Pflaumenbaum im Herbst)? Was mit Mord an westlichen Karikaturisten und Übersetzern?

H: Weder steht auf Gotteslästerung, noch auf Beleidigung des Propheten Muhammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, noch auf Ehebruch die Todesstrafe.“

G: Dein Wort in Gottes Gehörgang, sagt man bei uns.

(sage ich und schäme mich sofort, weil ich vergessen habe, daß er auch einer „von uns“ ist, ein Konvertierter, wie sein Verlag sagt.)

H (lächelt)

G: Aber sag, wie meinst du das mit Büchner, du hast gestern so was angedeutet?

H: Georg Büchner, der, wie kaum ein anderer seiner Zeit, visionär vorausahnte, soll 1837, als er im Schweizer Exil im Sterben lag, der Überlieferung gemäß gesagt haben: „O Deutschland, wenn ich etwas für dich wünschen könnte, dann eine neue Religon.“

G: Ach, wenn das nicht sein frömmlerisches Weib erfunden hatte, weil sie Angst vor Gottes und der Obrigkeit Strafe hatte. Wahrscheinlich hat die doch auch sein letztes Stück deshalb vernichtet?

H (unbeirrt): Für ihn hatte, nimmt man das ihm zugeschriebene letzte Wort ernst, seine Lebensleistung – revolutionäre Umtriebe nach dem Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ …

G: ja, bekannt …

H: … hatte seine Lebensleistung nur in dem einen Sinn und Bestand, was man in der Epoche der sozialen und technischen Veränderungen am wenigsten gern hörte: Nämlich der Sehnsucht nach einem Lebensweg, der Gott und Welt vereint. Religion, das, was Büchner herbeiflehen wollte …

G: Komm, jetzt überziehst du aber. Erst sagst du korrekt, „der Überlieferung gemäß“ soll, SOLL er das gesagt haben, und zwei Halbsätze behandelst du das als Gewißheit und baust deine Schlußfolgerung drauf, als wär sie Büchners. – Sag mal, hast du was zum Trinken da?

H (lächelt jetzt nachsichtig, und weist mit dem Handrücken nach dem Küchentisch. Ah, er hat sich gemerkt, was mein Lieblingsbier war.)

Wir sprachen nachher noch von Hitler, Büchner, Allah und Deutschland. Als mein Bier aus war, verabredeten wir uns auf morgen. Diesmal wollten wir bestimmt über Literatur sprechen, über seine literarische Karriere vor und nach der Konversion oder, wie er immer sagte, den drei Wundern, die ihn gerettet hätten. Auch über seine Erfahrungen mit Performance und Social Beat. Und über islamische Mystik! Aber diesmal ohne Öffentlichkeit, „bring dein Aufnahmegerät gar nicht erst mit“, ja, darin waren wir uns einig.

Hier gehts zu Teil 1

Benutzte Literatur von Hadayatullah Hübsch:

  • Muslima. Zur Position der Frauen im Islam. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1992
  • Eine islamische Rede an Deutschland. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1993
  • social beat D. Hrsg. Hadayatullah Hübsch. Berlin: Edition Druckhaus, 1995
  • Mein Weg zum Islam. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1996
  • Fanatismus und Toleranz im Islam. Kostenlose Broschüre. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1997
  • Der verheißene Messias und Imam Mahdi. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2001 20.000 Expl.
  • Der Heilige Prophet Muhammad (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) Kostenloses Faltblatt. 2. Aufl., Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2002. 20.000 Expl.
  • Grundlagen des Islams. Kostenloses Faltblatt. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2002 (3. Aufl. 40.000 Expl.)
  • Islam und Ökologie. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2005
  • Religion des Friedens. Kostenlose Broschüre. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2005 (1. Aufl. 1993)
  • Islamische Mystik: am Beispiel Jallal-Ud-Din Rumis.  Verlag der Islam 2011 (1. Aufl. 1997)

 

Hier kann man mehrere Broschüren, Faltblätter und Bücher von Hadayatullah Hübsch kaufen und zum Teil sich kostenlos schicken lassen oder als Pdf herunterladen.

 

Literaturförderung Ruhr

Für Oper und Ballett geben die Städte des Ruhrgebiets pro Jahr über 150 Millionen Euro aus. Für das Sprech-Theater über 50 Millionen. Und für die institutionelle Förderung der Literatur den vergleichsweise läppischen Betrag von rund 100.000 Euro. Da sind zum einen die seit anderthalb Jahrzehnten nicht erhöhten 50.000 Euro, die der Regionalverband Ruhr (RVR) der Literatur zwischen Duisburg und Dortmund, zwischen Breckerfeld und Xanten pro Jahr zukommen lässt. 5000 Euro davon gehen an das Literaturbüro in Unna und 45.000 an das mit zwei „vollzeitnahen Teilzeitstellen“ ausgestattete Gladbecker Literaturbüro Ruhr, das davon vor allem den alljährlich verliehenen Literaturpreis Ruhr organisiert. Der ist mit 10.000 Euro für den Hauptpreis und 2555 Euro für zwei Förderpreise dotiert. Und da sind zum anderen die 44.800 Euro pro Jahr, die von der Stadt Dortmund an das dortige Literaturhaus überwiesen werden.

Den wesentlichen Beitrag zur Pflege von Dichtung und Wahrheit, Lyrik und Prosa in der selbsternannten 5-Millionen-Metropole Ruhr aber leisten nach wie vor private Initiativen und Vereine. Von denen gibt es zwar mehr als in den meisten deutschen Großstädten – aber ihre Wahrnehmung reicht selten über die Grenze einer Stadt hinaus. / Jens Dirksen, WAZ

Wer den Lyrik-Avantgarden folgen will

Von Sabine Scho, hier ein Auszug:

1953 eröffnete H. C. Artmann seine „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ wie folgt: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen.“

Das war weniger Koketterie als Notwehr einer später als Wiener Gruppe bekannt gewordenen Lyrik-Avantgarde, die schlicht zunächst weder Publikations-, noch Auftrittsmöglichkeiten hatte. Dichter*innen-Avantgarden, das ist 2016 nicht viel anders, finden und fanden sich zunächst jenseits der ausgetretenen Pfade. Zumal, als um 1996 bei vielen Publikumsverlagen die Mischkalkulationen fielen, große Konzerne das Ruder übernahmen und aktuelle Lyrik kaum noch verlegt wurde, war dies das Rebirthing einer Avantgarde aus Notwehr.

Neue Non-Profit-Verlage entstanden im Anschluss beinahe ausschließlich für Dichtung, allen voran Kookbooks, der von Daniela Seel zusammen mit ihrem Gestalter Andreas Töpfer gegründet wurde und jenseits der Literaturhäuser selber Lesungen und Performances an ständig wechselnden Örtlichkeiten organisierte.

Kollektive wie die G13 und Kollaborationen, die ganz neue Formate ins Leben riefen, wie die rottenkinckschow, folgten. Letzte liefert ein forschungsbasiertes Bühnenformat zur Erzeugung von Anschaulichkeit, das von den Autorinnen Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho 2008 ins Leben gerufen wurde.

Die Einmaligkeit der Themendarbietung ist darüber hinaus singulär. Man setzt, ganz entgegen künstlerischer Verwertungslogiken, auf das Prinzip der Nicht-Wiederholbarkeit.
Wer also den Lyrik-Avantgarden folgen will, muss sie zumeist auf Abwegen suchen, was nicht im Umkehrschluss heißen muss, dass ihre Protagonist*innen nicht hier und da schon zu Ruhm und Ehre gekommen wären, oder den Zug durch die Feuilletons und Goethe-Institute nicht längst angetreten hätten.
Aber selbst bekannte Vertreter*innen wie Ann Cotten, Elke Erb, Oswald Egger, Monika Rinck oder Ulf Stolterfoht sind der Off-Szene treu geblieben, lassen einige oder noch alle ihre Bücher dort verlegen, oder gründen gleich einen eigenen Lyrik-Verlag wie jüngst Ulf Stolterfoht die Brueterich Press. / (vollständig lesen!) Mehr hier

L&Poe ’17-07

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Hadayatullah Hübsch, Tom Raworth, Dagmara Kraus, Kladde & Ingolddebatte, Shakespeare und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Dagmara Kraus

çatodas

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden
ah, das wusstest du schon, na dann

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
die eine hockt noch schief im rachen, indes die andern
angenähte tanten machen, wie damals die aus
liza stara, am saalrand die, parade rara

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
sagst du bélier, verbrauchst du zu viel spucke
meinst du wichurę, zeigst aufs regenzuckeln
und rührst dir was aus drei familien, führst krudes

in die fleur-de-lilien und setzt dort wechselbälger aus
kuckuckskinder, bülbülschinder, wie du wörtchen
aus drei sprachen klaubst, wie du urkreol
verschraubst, was syntaktisch, synku, sich nie binden

ließe. pfui, du fiese mutter, biest du, arge hast dein kind
betrogen, um die eine muttersprache; alles dreimal
3 x strachy, 3 ça-to-das, selbdritt fällst durchs fehlerfach
deine zunge, kindlein, splisst: père, quoi to ist, äquator

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Ex Libris: Hadayatullah Hübsch (1)

Ich bin Hadayatullah Hübsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift „Wiecker Bote“, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem „im Verlag des Wiecker Boten“ erschienenen Buch „orten vernähte alphabetien“ (2002). Neben mir saß ein bärtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei Bärte ins Gespräch. Weiter hier

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Tom Raworth (1938-2017)

His poetry is, maybe above all, provocative, upending readers’ expectations about how a text should operate, and inviting a level of interpretive participation that pushes the poet, the text, and the audience toward equality as co-partners in making it. Writers have characterized his work by its “laconic egolessness” (Geoff Ward); its speed, “half-emotional, like someone laughing at his own joke while he is telling it” (Fanny Howe); its “tragedian’s sense of the comic as one of life’s fated inevitabilities” (Lyn Hejinian). / Mehr

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Kladde

Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche, ausnahmsweise nicht von mir, sondern aus meinen Postmappen

In den Untiefen [wer wohnt in ’ner Ananas ganz tief im Meer? sprich oberflächlich also nicht?] moderner [definiere er] Dichtung ringen seit jeher [jwd] zwei [why?] widerstreitende [Steuerfestsetzungen, nein ..] Prinzipien [zwei Seelen wohnen, ach] um die Vorherrschaft [totale Poetik?]. Das Unverständliche kämpft mit dem Verständlichen [das Unverständliche kämpft also zumindest verständlich?], das Hermetische mit dem Zugänglichen [das Hermetische verschränkt einfach nur die Arme], das Autistische [Sowas macht mich sauer. Es gibt keine autistischen Texte. In diesem Fall aber einen unreflektierten Rezensenten, der sich anschickt, Autismusdiagnöschen zu verteilen] mit dem Kommunikativen [zumal autistisch und kommunikativ keine Gegensätzlichkeiten sind]

Aus & zu: Webforum für Lyrik. Glückliche Missverständnisse. Muss große Dichtung schwierig sein? Eine Kolumne zum ewigen Streit zwischen dem Verständlichen und dem Unverständlichen. Von Gregor Dotzauer. Tagesspiegel

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Plauderlyrik

Am 2. Februar veröffentlichte Felix Philipp Ingold einen Artikel über Stilverfall und Sprachverflachung in der Gegenwartsliteratur. Auszug:

Der Trend zu unreflektiertem literarischem Tun ist, wohlgemerkt, nicht bloss in Erzähltexten zu beobachten, er bestimmt auch die zeitgenössische deutschsprachige Poesie. Sie hat sich mehrheitlich – vorab in den privilegierten Genres des Liebes- und des Naturgedichts – zu einer Art Plauderlyrik gewandelt, bei der einzig der Zeilenfall oder ein parodistisch gesetzter Endreim noch kundtut, dass der Text als Gedicht zu lesen ist.

L&Poe dokumentiert Ingolds Fazit der sich anschließenden Debatte.

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Übersetzen in Randzonen

Drei Übersetzer, die sich in besonders exponierte Randzonen vorwagten, haben wir aufgesucht, um etwas über den Umgang mit solchen Schwierigkeiten zu erfahren. Es handelt sich um sprachlich und kulturell disparate Projekte, die aber gerade deshalb exemplarische Fragen aufwerfen.

William Wordsworths «The 1805 Prelude», erstmals übersetzt von Wolfgang Schlüter, tritt die lyrische Bewegungsfähigkeit einer Sprache hervor. Rainald Simon unternimmt bei seiner Übertragung des altchinesischen «Shijing» den Versuch, zwei disparate Sprachsysteme und damit Kulturen zu verbinden – das grammatisch offene, monosyllabische Chinesisch mit einer durchdeklinierten indoeuropäischen Sprache. Die für die Übersetzerin Beate Thill wegweisende Begegnung mit dem frankofonen Dichter Tchicaya U Tam’si aus der Volksrepublik Kongo wiederum illustriert die interkulturelle Wandlungsdynamik einer europäischen Ausgangssprache. / Martin Zähringer, Neue Zürcher Zeitung

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„Crossing Half of China to Sleep with You“

Eine Performance von Christoph Winkler über Lyrik, Übersetzung und Tanz in Berlin

Die chinesische Lyrikerin Yu Xiuhua wurde mit dem Gedicht „Crossing Half of China to Sleep with You“ über Nacht zum Star. Das Gedicht wurde vielfach ins Englische übersetzt. Diese Texte differieren mitunter nur in wenigen Worten – und doch ändert sich so ihre Bedeutung. Jede Übersetzung beinhaltet ein Scheitern. Für den Choreografen Christoph Winkler und den Performer Naishi Wang ist das der Ausgangspunkt für eine neue Performance:

Beide folgen beim Übertragen der Wörter in Bewegungen, Gesten und Posen einer Subjektivität, die dem Gebrauch der Worte ähnlich ist. So entstehen Kombinationen physischer Symbole und lyrischer Metaphern, die oszillieren, ineinander verschmelzen und sich gegenseitig irritieren. Über den Atem des Tänzers, werden Yu Xiuhuas Worte und Laute eingesogen und finden Resonanz in Körper und Bewegung. Das Scheitern des Übersetzungsvorgangs wiederholt sich bei der Übertragung in die Sprache des Körpers und kreiert eine Atmosphäre der Uneindeutigkeit./ Mehr

Premiere: 22. Februar 2016, 20 Uhr, Vierte Welt| Neues Zentrum Kreuzberg| Galerie 1. OG | Kottbusser Tor| Adalbertstr. 96. 

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Gestorben
  • Am 6. starb Robert Kiepert, Berlins größter Buchhändler. In seiner Buchhandlung habe ich in den 90er Jahren viele Lyrikbände kaufen können. Nachruf: Berliner Zeitung
  • Ebenfalls am 6. die italienische Dichterin Giovanna Vizzari(* 1930)
  • Am 7. starb der französische Dichter Louis-François Delisse (85) und der italienische Schriftsteller Giuseppe Colli (* 1924)
  • Wie erst jetzt bekannt wurde, ist die Schriftstellerin Anne Dorn bereits am 8. Februar im Alter von 91 Jahren in Köln verstorben. Der WDR schreibt: „Dorn ist eine Spätberufene der Literatur. Erst mit 65 Jahren, im Jahr 1991, veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Privat hatte sie sich schon viel früher mit dem Schreiben auseinander gesetzt. „Eigentlich hat mich das Leben dazu gezwungen zu schreiben“, so die Autorin. „Mein Leben war so kompliziert geworden, dass ich es mir auf dem Papier ordnen musste. Und da gibt es dann kein Zurück mehr. Das war plötzlich eine Möglichkeit zu atmen.“ Mit 86 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband. Vgl. Sächsische Zeitung | Lyrikzeitung
  • Am 8. starb der norwegische Schriftsteller und Übersetzer Kjell Heggelund
  • Am 10. starb der ukrainische Schriftsteller Bogdan Nikolajewitsch Bojtschuk in New York im Alter von 89 Jahren
  • Ebenfalls am 10. der polnische Schriftsteller Władysław Janusz Obara
  • Am 11. starb der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti mit 96 Jahren in Bern. „Kurt Martis erster Mundart-Gedichtband «rosa loui» war 1967 eine Sensation. Das Titelgedicht des Bändchens lautet: «so rosa/ wie du rosa/ bisch/ so rosa/ isch/ kei loui süsch// o rosa loui/ rosa lou/ i wett so rosa/ wär ig ou». Wer in Schweizer Wandergebieten nicht so gut bewandert ist, könnte den Text für ein Liebesgedicht halten. Dabei geht es um einen Flurnamen im Berner Oberland. Der Literaturkritiker Werner Weber schwärmte damals: «Die Röseli- und Gemüsegartenmissverständnisse, die Küsschenschämigkeiten und die Scheiden-tut-weh-Schleichereien: der ganze Trauerwonnezauber, in welchem die Mundart für den Dichter nicht einmal mehr dichtet und denkt, sondern nur noch selbsttätig abschnurrt – es ist überwunden. Der Mann, der es zustande gebracht hat, heisst Kurt Marti.» / Neue Zürcher Zeitung | Süddeutsche Zeitung | Neues Deutschland | Vgl. Lyrikzeitung
  • Am 11. die aus Frankreich stammende algerische Schriftstellerin und Kämpferin Djamila Amrane-Minne (Danielle Minne) / AL Huffington Post
  • Am 12. der in Polen geborene israelische Autor und Journalist Yitzhak Livni (82) (Jerusalem Post)
  • Am 12. der sowjetische und russische Dichter Michail Alexandrowitsch Busygin (85)
  • Am 14. starb der Schweizer Afrikakenner Al Imfeld im Alter von 82 Jahren. Vgl. bluewin.ch | Lyrikzeitung

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #25:

LEt those who are in fauor with their stars,

Deutsch von Dorothea Tieck:

Mag jener, den der Sterne Gunst beglückte,

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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 Hausacher LeseLenz Ausschreibung

Die Stadt Hausach und der Hausacher LeseLenz vergeben in Kooperation mit der Neumayer Stiftung und dem Verein zur Förderung des Hausacher LeseLenzes e.V. drei Arbeits- und Aufenthaltsstipendien ohne Gegenleistung.

Zum einen in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch, zum anderen ein Stipendium für Lyrik oder Prosa. Ein drittes Stipendium trägt den Namen „Gisela-Scherer-Stipendium des Hausacher LeseLenzes“. Dieses Stipendium soll an Gisela Scherer erinnern, die im Jahr 2010 verstorben ist. Sie war Mitbegründerin des Hausacher LeseLenzes vor 20 Jahren und hatte die Idee der Hausacher Stadtschreiber-Stipendien mitentwickelt. Das Gisela-Scherer Stipendium kann sowohl für Lyrik und Prosa als auch in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch vergeben werden.

Die Stipendien werden jeweils für drei Monate zugeteilt und bestehen aus der Bereitstellung einer Wohnung in Hausach und der Zahlung von € 1.500.- pro Monat und Stipendium.

Einsendeschluß: 30.4. Mehr hier

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Neue Zeitschriften
  • poet #21. Gesprächsthema: Literatur und Fortschritt. Peter Bürger stellt Adorno in Frage. Jo Lendle begreift die neue Vielfalt als Chance. Gespräche mit Sascha Macht, Sabine Scholl und Ann Cotten. Jürgen Ploog meint, daß unser Leseverhalten auf dem Stand der Zeit um 1900 stehengeblieben ist. Zehn venezolanische Dichter. Prosa aus Angola. Gedichte von Keith Waldrop, Andra Schwarz, Paul-Henri Campbell, Uwe Hübner und Barbara Maria Kloos. Braun & Buselmeier kommentieren Gedichte von Sonja vom Brocke, Uwe Kolbe, Elke Erb, Friedrich Ani, Carolin Callies und Jürgen Brôcan.
  • Abwärts! #18. Die Zeitung erhöht ab März auf 36 Seiten. Auf den jetzigen 32: 14 Totenscheine für unsterbliche Musiker. Gedichte von Tone Avenstroup, Bert Papenfuß (Aalheimat, mit Gebrauchsanweisung und Fußnoten), Andreas Paul, Andrej Oponenko, Kai Pohl, Jazra Khaleed, Ronald Galenza, Steve Dalachinsky, Robert Mießner, Henryk Gericke. Prosa von Jannis Poptrandov, Asta Oliva Nordenhof. Leonard Cohens Suzanne ins Singdeutsche gebracht.

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Kurz gesagt
  • Wer über Bedeutungslosigkeit klagt, hat jedenfalls von Subkultur nichts verstanden. Subkultur könnte heißen: etwas ist „nichts“ im Ganzen, aber „alles“ im Einzelnen; etwas „taucht nicht auf“ und ist trotzdem da, insistiert. Daniel Falb, Unsichtbar sein und trotzdem da sein? Interview, in: randnummer 3, 2010, S. 72
  • „Ein schöner Tag. Mein zweiundsiebtes Jahr./ Kein Lüftchen weht. Wie war es, als ich glücklich war.“ Volker Braun am 7.5.11. Aus: Volker Braun: Handbibliothek der Unbehausten. Neue Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.  109 Seiten, 20,00 EUR. ISBN-13: 9783518425435 / Besprechung
  • University Days (one-line poem by Tom Raworth): this poem has been removed for further study

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Kurz berichtet
  • Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse hat am Donnerstag die nominierten Autoren bekanntgegeben. In der Kategorie Belletristik konkurrieren Brigitte Kronauer, Anne Weber, Natascha Wodin, Lukas Bärfuss und Steffen Popp um den mit insgesamt 60.000 Euro dotierten Literaturpreis. Dass unter den nominierten Titeln mit „118 Gedichte“ von Steffen Popp auch ein Gedichtband vertreten ist, sei richtig und nachvollziehbar. So spiegele die Jury die weite und facettenreiche Literaturlandschaft wider. / mehr
  • Vor 40 Jahren hat in Heidelberg alles angefangen. Der Literaturwissenschaftler und Lyriker Michael Speier stellte den ersten „Park“ vor. Der umgrenzte und zugleich gestaltete Raum stand für Gedichte, deren Autoren noch Stefan George gelesen hatten und die französische Dichtung schätzten. 40 Jahre später liegen 69 Hefte von jeweils rund 100 Seiten vor, die einen Querschnitt geben über das, was in dieser Zeit künstlerisch mit Sprache gemacht wurde. Mehr als 300 Autoren finden sich dort mit Erstveröffentlichungen … Mehr
  • Gegen den alltäglichen Twitter-Nonsens helfen nur Gedichte, und auch Gespräche über Bäume sind in politisch ernsten Zeiten umso dringender erwünscht: „Baum, hast im Wald nix verloren, / stehst, Baum, am schönsten allein! / Bist Baum, in Freiheit geboren; / nicht im Wald, sondern solo sollst sein!“, fordert F. W. Bernstein, Gründungsmitglied der Neuen Frankfurter Schule, einer der folgenreichsten Literatur-Gruppenbildungen Deutschlands. / Richard Kämmerlings, Die Welt
  • Der niederländische Lyriker Willem Tjebbe Oostenbrink und der ostfriesische Autor Wilko Lücht sind die Gewinner des Emder Preises für plattdeutsche Literatur / Mehr
  • Künstlern empfiehlt Nachtigäller in einem Blogbeitrag, aus der VG Bildkunst auszutreten, falls ihnen an ihrer Sichtbarkeit gelegen ist. Mehr
  • Die israelische Notenbank gab eine neue Serie von Geldscheinen heraus, auf der Dichter dargestellt sind. Nathan Alterman auf der neuen 200-Schekel-Note (etwa $50) und Shaul Tchernichovsky auf der 50-Schekel-Note. Rachel Bluwstein, bekannt als „Dichterin Rachel“, auf der 20-Schekel-Note und Leah Goldberg, eine Dichterin und Kinderbuchautorin, auf der 100-Schekel-Note. / Jewish Standard
  • Die amerikanische Allroundkünstlerin Patti Smith (Rockmusik, Lyrik, Malerei, Fotografie) erhielt am Mittwoch im Pariser Hôtel de Lauzun, quai d’Anjou (IVe), in dem einst Baudelaire und Rimbaud verkehrten, die Vermeil-Medaille der Stadt Paris. / Le Parisien
  • Im schottischen Edinburgh berieten Experten aller medizinischen Schulen Schottlands darüber, wie die Poesie von Robert Burns und andere Kunstwerke  unterstützend im Medizinstudium und der ärztlichen Praxis eingesetzt werden können. / Scotsman
  • Der libanesische Dichter Akl Awit erhält den Prix Nikos Gatsos für sein Buch «L’échappée», L’Orient des Livres, aus dem Arabischen übersetzt von Antoine Roumanos. / L’Orient, Le Jour

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Lyrikkalender

Am 19. ist Brancusitag in Rumänien, am 20. Welttag der Sozialen Gerechtigkeit (UNO). Am 20. Februar 1909 wurde das Futuristische Manifest in der Zeitung Le Figaro veröffentlicht. Am 20. Februar 1933 traf sich Hitler heimlich mit deutschen Industriellen zur Finanzierung seines Wahlkampfs für die letzte Reichstagswahl, zu der andere Parteien als die NSDAP zugelassen war. 21. ist Internationaler Tag der Muttersprache (UNO) und in der evangelischen Kirche Gedenktag für den „Apostel der Lappen“ Lars Levi Læstadius. Am 21. Februar 1989 wird Václav Havel wegen „Rowdytums“ zu neun Monaten verschärfter Haft verurteilt. Noch im selben Jahr wurde er Staatspräsident seines Landes, so schnell geht es manchmal.

Geburtstage haben: am 18. 1867: Hedwig Courths-Mahler, 1898: Luis Muñoz Marín (puertorikanischer Dichter), 1925: Jack Gilbert, amerikanischer Dichter, 1926: A. R. Ammons, 1931: Toni Morrison, 1933: Yoko Ono, 1934: Audre Lorde, 1938: Elke Erb,   am 19. 1473: Nikolaus Kopernikus, 1747: Heinrich Leopold Wagner, 1812: Zygmunt Krasiński, polnischer romantischer Dichter, 1826: Claus Pavels Riis, norwegischer Dichter, 1869: Howhannes Tumanjan, armenischer Dichter, 1881: Paul Zech, deutscher Dichter, 1888: José Eustasio Rivera, kolumbianischer Dichter, 1896: André Breton, 1917: Margarete Neumann, 100. Geburtstag der DDR-Schriftstellerin, Mutter von Gert Neumann, 1920: Jaan Kross, estnischer Schriftsteller, 1936: Frederick Seidel, amerikanischer Dichter, am 20. 1751: Johann Heinrich Voß, deutscher Dichter und Übersetzer, 1894: Curt Corrinth, deutscher Schriftsteller, 1909: Heinz Erhardt, 1967: Kurt Cobain, 50. Geburtstag, am 21. 1837: Rosalía de Castro, spanische Dichterin, die außer Spanisch auch Galizisch schrieb und eine Wegbereiterin der Moderne wurde, 1846: Svatopluk Čech, tschechischer Dichter, 1871: Paul Cassirer, deutscher Verleger (Else Lasker-Schüler, Walter Hasenclever, Kasimir Edschmid, René Schickele, Wolfgang Koeppen) und Galerist, 1895: Erich Knauf, Journalist, Schriftsteller und Liedtexter („Mit Musik geht alles besser“), von den Nazis hingerichtet, 1903: Anaïs Nin, 1903: Raymond Queneau, 1907: W. H. Auden, 1920: Ishigaki Rin, japanische Dichterin, 1926: Karl Otto Conrady, deutscher Literaturwissenschaftler, Gedichtanthologie „Der Conrady“, 1944: Ingomar von Kieseritzky, 1955: Gerhard Gundermann, Liedermacher, am 22. 1788: Arthur Schopenhauer, 1819: James Russell Lowell, US-amerikanischer Lyriker, Essayist und Diplomat, 1886: Hugo Ball, Dada-Mitbegründer, Pionier des Lautgedichts, 1892: Edna St. Vincent Millay, 1914: Karl Otto Götz, (K. O. Götz,) Maler des Informel, surrealistischer Lyriker, 1925: Gerald Stern,  am 23. 1899: Erich Kästner, 1899: Elisabeth Langgässer, 1942: Fernanda Seno, portugiesische Dichterin, 1945: Robert Gray, australischer Dichter, 1952: Knud Wollenberger, deutschsprachiger Lyriker dänischer Nationalität, am 24. 1304: Ibn Battuta, marokkanischer Gelehrter und Reisender, am 24. (14. alten Stls) 1621: Sibylla Schwarz (396. Geburtstag), 1786: Wilhelm Grimm, Sprachwissenschaftler, 1837: Rosalía de Castro, spanische, galizische Autorin, 1895: Wsewolod Wjatscheslawowitsch Iwanow, russischer Schriftsteller, Mitgründer der Serapionsbrüder, 1885: Stanisław Ignacy Witkiewicz, polnischer Schriftsteller, 1902: Richard Alewyn, deutscher Germanist, 1909: Abu al-Qasim asch-Schabbi, tunesischer Dichter, 1935: Ryhor Baradulin, weißrussischer Dichter

Todestage: am 18. 814: Angilbert, fränkischer Hofkaplan, Diplomat und Dichter am Hof Karls des Großen, Spitzname Homer, 1294: Kublai Khan, bekannt durch ein berühmtes Gedicht von Coleridge, 1405: Timur Lang (Tamerlan), mongolischer Herrscher, berühmt durch Mickels Gedicht „Der See“, 1546: Martin Luther, der Mönch, Reformator, Übersetzer, Antisemit war auch ein großer Dichter, 1564: Michelangelo, 1780: Kristijonas Donelaitis,  litauischer Dichter, schrieb auch auf Deutsch, 1803: Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 1807: Sophie von La Roche, 1854: Thomas Abbott, englischer Dichter, 1939: Jakub Lorenc-Zalěski (Lorenc „hinter dem Walde“), bedeutender sorbischer Dichter und Publizist, Großvater von Kito Lorenc, 2001: Hermann Adler, deutschjüdischer Schriftsteller und Publizist, 2013: Otfried Preußler, am 19. 1837 (vor 180 Jahren): Georg Büchner, 1887: Multatuli, niederländischer Schriftsteller, 1952: Knut Hamsun,  1988: René Char, 2016: Umberto Eco, am 20. 2003: Maurice Blanchotam 21. 1721: Christoph Heinrich Amthor, deutscher Lyriker, von Telemann vertont, 1841: Dorothea Tieck, Shakespeare-Übersetzerin, 1862: Justinus Kerner, 1918: Hedwig Lachmann, Lyrikerin und Übersetzerin (ungarische Lyrik, Edgar Allen Poe), 1980: Alfred Andersch, 2006: Gennadi Ajgi, tschuwaschischer Lyriker, am 22. 1671: Adam Olearius, 1913: Ferdinand de Saussure, Schweizer Sprachwissenschaftler, 1939: Antonio Machado, spanischer Lyriker, 1943: Hans und Sophie Scholl, 1945: Ossip Brik, 1985: Salvador Espriu,  2006: Hilde Domin am 23. 1653: Georg Rodolf Weckherlin, 1821: John Keats, 1904: Friederike Kempner, schlesischer Schwan (Textkette), 1984: Uwe Johnson, 1955: Paul Claudel, am 24. 1799: Georg Christoph Lichtenberg1836: Dániel Berzsenyi, ungarischer Dichter, 1940: Ludwig Kessing, Bergmann, Arbeiterdichter, 1941: Oskar Loerke, 1975: Hans Bellmer, deutscher Künstler

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Rückblende: Februar 2002

Thomas Kling lebt, schreibt über 9/11 und zitiert Petrarca von 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ – Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt, sagen die Ösis. Überhaupt, die österreichische Literatur ist keine Unterabteilung
der deutschen. Borchardt beim Duce, Literaturvereinswesen, Zoff um Anne Carson.

Dies und mehr hier.

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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

wir – Billardkugeln, die knallend aneinanderstoßen, die Stöße lautlos weitergeben

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„Plappernde Plauderlyrik“

Nachüberlegungen zum NZZ-Essay „Sie schreiben, wie sie talken“ (2017-02-02) und zur anschliessenden Debatte in der Presse und im Internet

Dass man meine nüchternen Beobachtungen und Überlegungen zur sprachlichen Verfassung der Gegenwartsliteratur für „polemisch“ halten kann, bleibt mir ebenso unbegreiflich wie deren Einschätzung als Plädoyer für das „Erhabene“.
Aus den zahlreichen Feedbacks auf den kleinen stilkritischen Essay in der NZZ – insgesamt ein Dutzend privat, drei via die Redaktion, weitere im Internet – kann ich, egal ob lobend oder kritisch reagiert wird, kaum Gewinn ziehen.
Auffallend sind vorab Missverständnisse und Vorurteile. Missverstanden wird fast durchweg der von mir verwendete Stilbegriff. Es geht mir keineswegs darum, guten und schlechten Stil in Widerstreit zu bringen – alle Stillagen haben ihre Berechtigung, und ich halte ja explizit fest, dass es mir nicht um deren hierarchische Bewertung geht, vielmehr um deren Koexistenz.
Ich wende mich freilich gegen die Vermengung aller möglichen Silformen zu einem General- oder Zeitstil, der individuelle Stilbildungen zunehmend verdrängt. Stets sind es Personalstile gewesen, die die Literatur als Kunst vorangebracht haben, Epochenstile waren und bleiben in ihrer Konventionalität befangen.
Stillosigkeit bezeichnet bei mir mithin einen Mangel an individueller stilistischer Ausprägung, und nicht einen grundsätzlich „schlechten“ Stil:
Stillos, in meinem Verständnis, kann auch ein noch so brillant praktizierter Zeitstil sein, und umgekehrt ist es, wie bei Handke oder Strauss, durchaus gängig, dass ein unverkennbarer, „starker“, „schwieriger“ Personalstil reichlich ungeschlacht daherkommt – nicht durch Anpassung an die defizitäre Alltagssprache, sondern in Durchsetzung der eigenen sprachlichen Unverkennbarkeit.
Dass im Übrigen weithin auch die Handschrift als individuelle sprachliche Äusserung in Verfall gekommen ist, mag als zusätzliches Argument für meine These gelten:
Die übliche Schreibbewegung ist heute der Tasten- oder Sensordruck, allenfalls das Wegwischen, derweil die meisten Zeitgenossen (Autoren, Autorinnen nicht ausgenommen) kaum mehr in der Lage sind, mit der Hand einen zusammenhängenden, unverkennbar persönlichen Schriftzug zu entfalten, ganz zu schweigen von persönlichen handschriftlichen Briefen, die neuerdings bloss noch als Kuriositäten durchgehen.
Meine Sorge gilt allgemein dem Schwinden individueller Freiheits- und Ausdrucksambitionen – jedes noch so ausgefallene Verhalten oder Gestalten wird sogleich zum Trend, die einzelne, verifizierbare und belangbare Person verliert sich im Dunst des aktuellen, bunt und doch bloss dumpf brodelnden Zeitgeists.
Eigentlich sollte man doch den herben Verlust beziehungsweise die bewusste Vernachlässigung individueller, eben auch sprachlicher, literarischer Qualitäten bedauern dürfen, ohne deswegen den „grauen Häuptern“ zugeordnet zu werden.

Nachbemerkung: Fortschritt ist, zumindest in kulturellen Dingen, einzig noch durch Rückschritte zu verwirklichen. Autoren wie Camus, Char, Hemingway, Beckett, Nabokov, sogar Solshenizyn haben – vor einem halben Jahrhundert – bei all ihrer Unterschiedlichkeit einen jeweils individuellen Stil entwickelt, der sich auf jeder Seite, in jeder Strophe ihres Werks unverkennbar manifestiert. Dennoch, nein, eben deswegen fanden sie bei der Kritik wie auch beim breiten Publikum damals ein Interesse, von dem kaum etwas übriggeblieben ist.

Felix Philipp Ingold
2017-02-10

Leseecke 25

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

25

LEt those who are in fauor with their stars,
Of publike honour and proud titles bost,
Whilst I whome fortune of such tryumph bars
Vnlookt for ioy in that I honour most;
Great Princes fauorites their faire leaues spread,
But as the Marygold at the suns eye,
And in them-selues their pride lies buried,
For at a frowne they in their glory die.
The painefull warrier famosed for worth,
After a thousand victories once foild,
Is from the booke of honour rased quite,
And all the rest forgot for which he toild:
  Then happy I that loue and am beloued
  Where I may not remoue, nor be remoued.

Einige Anmerkungen zum Text:

  • who are in fauor with their stars denen die Sterne günstig stehen
  • 2 bost boast
  • 3 of from
  • 4 Vnlookt for ignoriert, unbeachtet ioy joy (verb!) „erfreue mich an dem was ich am meisten verehre“, also meiner Liebe that what
  • 6 but nur Marygold Ringelblume (öffnet sich bei Sonnenschein)
  • 7 pride a) das, worauf einer stolz ist b) Pracht (beides mit mißbilligendem Unterton) buried lies dreisilbig buri-èd, Reim auf spread. Die ganze Zeile hat 2 Bedeutungen a) wenn sich selbst überlassen, ist ihr Ruhm in ihnen verschlossen (wie die Blüte der Ringelblume im Schatten) b) ihr Eigendünkel, nur in ihnen selbst ruhend, stirbt mit ihnen ab
  • 8 frowne a) wenn die Sonne zu scheinen aufhört b) wenn ihr Herr seine Gunst entzieht
  • painefull warrier sich abmühender Krieger, vielleicht auch: schmerzerfüllter famosed lies dreisilbig famosèd worth vermutlich Druckfehler (Reim fehlt). Malone vermutet: fight. Manche halten die Alliteration (famosed for fight) für zu harsch. Capell liest might.
  • 10 foild überwunden
  • 11 rased (razèd) getilgt
  • 12 toild sich abmühte
  • 13/14 beloued / remoued in Shakespeares Englisch vollständige Reime

 

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Mag jener, den der Sterne Gunst beglückte, 
In öffentlichen Würden stolz sich blähn, 
Ich, den Fortuna nicht so glänzend schmückte, 
Genieße meiner Ehren ungesehn.
Ein Fürstengünstling spreizt der Blätter Kranz, 
So wie die Primel in dem Licht der Sonne; 
Doch nur in ihm begraben liegt sein Glanz: 
Ein Zürnen, und er stirbt in seiner Wonne.
Der Thatendurst'ge Held, an Ehre reich, 
Nach tausend Siegen, einmal überwunden, 
Wird aus dem Buch des Ruhm's verlöschet gleich, 
Vergessen sind die Müh'n, die Todeswunden.
  Wohl mir! ich gab und fand der Liebe Freuden. 
  Wo ich nie scheide, nichts mich zwingt zu scheiden.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Ex Libris: Hadayatullah Hübsch (1)

Im Regal unter „H“ stehen 6 Titel von Hadayatullah Hübsch, es ist überfüllt, aber an Hübsch liegt es nicht. Gerade mal einen halben Zentimeter brauchen die 6 Titel. Es gibt noch an anderen Stellen Verschiedenes: so die von ihm herausgegebene Anthologie „social beat D“, Edition Druckhaus 1995. Irgendwo muß es auch einen Gedichtband geben, momentan nicht auffindbar wie etliche weitere von den dünnen Heften und Faltblättchen.
Ich bin Hadayatullah Hübsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift „Wiecker Bote“, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem „im Verlag des Wiecker Boten“ erschienenen Buch „orten vernähte alphabetien“ (2002). Neben mir saß ein bärtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei Bärte ins Gespräch. Zuerst über die Lesung bzw. die Vortragsweise. Er hatte Vorschläge. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sonst sprachen, kurz vor Schluß fragte er mich, ob ich nicht mal einen Aufsatz über ihn schreiben wolle.

Im nächsten Jahr an gleicher Stelle kam ich beim Stand des Verlags Der Islam vorbei. Nach meiner Gewohnheit sichtete ich den Drehständer mit Flyern und Heftchen, und da ich als Laufkunde auf der Suche nach Prospekten nicht aufdringlich erscheinen wollte, sah ich den Herrn dahinter nur aus dem Augenwinkel an. Er trug einen dunklen Bart und mir schien, er hätte mich fragend, fast forschend angesehen, ich erwiderte den Blick nicht, steckte meine schmale Beute ein und ging. Zehn Meter weiter im Gedränge des Messehallengangs fiel mir ein: Mensch, das war Hübsch! Meine Ignoranz tat mir leid, aber ich kehrte nicht um. Man trifft sich immer zweimal im Leben, aber nicht immer ein drittes Mal. Ein paar Jahre später die Nachricht von seinem Tod.

Eins der Hefte in meinem Regal trägt den Titel „Mein Weg zum islam“. Es hat eine ISBN, aber keinen Preis und keine Jahreszahl. Es war noch zur D-Mark-Zeit. 22 Seiten in recht großer Schrift. Der Autor erzählt sein Leben von der Geburt in Chemnitz 1946, der Flucht vor den Russen, der Schulzeit und Jugend zwischen Rockmusik, rebellischer Dichtung und linker Politik. Haschisch und LSD tauchen auf und werden alltägliche Praxis. Er versucht eine Kommune zu gründen, aber als er merkt, „daß die Leute, mit denen ich in einem Haus zusammenlebte, mich als Führer haben wollten, während ich davon träumte, als gleicher unter gleichen zu leben“, geht er eines Tages grußlos weg. Er kommt zur Mutter der Kommunen, der Kommune I in Berlin. „Ich wurde dort auch aufgenommen und führte bald das Rauchen von Haschisch ein.“ Beim Jahreswechsel 1968/69 nimmt er eine Überdosis und erlebt schlimme 8 Tage und Nächte, er landet im Irrenhaus. Der Anwalt eines großen Verlages, bei dem von ihm, dem einst Günter Grass eine große Zukunft als Lyriker prophezeit hatte, 1969 ein erster Gedichtband erscheinen sollte, boxt ihn nach 14 Tagen raus. Er geht nach Frankfurt zurück, verkauft Drogen und beschäftigt sich mit Zen-Buddhismus. Mehrere Aufenthalte in der Irrenanstalt. Er reist nach Marokko, wo ihm amerikanische Hippies Haschisch anbieten. Es wird immer schlimmer. Eines Tages auf einer Autofahrt durch Marokko, auf dem absoluten Tiefpunkt „ein Wunder“. „Eine unsichtbare Kraft hielt mich fest. Ich stand wie verwurzelt, schaute in den Himmel, und aus meiner Brust kam das Gebet: ‚O Allah, bitte reinige mich!‘ “

Er kannte den Islam nicht, nur Zen und Christentum. Aber er betete zu Allah, für ihn eine Art Offenbarung.

Noch nicht die Heilung. Schlimme Zeiten folgen. Gefängnis und Irrenhaus in Spanien. Dann in Frankfurt ein zweites Wunder. Beim Hören pakistanischer Musik im Haus der Mutter erscheint aus dem Wort OM, im Hinduismus ein Wort für Gott, ein weißer Blitz – direkt zu der Stelle im Regal, wo der Koran steht. „Ich hatte nur wenige Zeilen gelesen, als mir plötzlich ganz klar wurde, daß hier Gott zu mir sprach.“ Er sagt der Mutter, er sei Muslim geworden – sie hält ihn für verrückt. Er findet eine Moschee, man nimmt ihn auf und hilft ihm. Noch ist er sehr krank. Er träumt vom Teufel, erschrickt über die vielen Sünden, die er begangen hat, und beschließt, auf die Pilgerreise nach Mekka zu gehen. In Spanien nimmt er eine Fähre nach Marokko, aber man läßt ihn nicht herein. In Spanien folgt Gefängnis, Krankenhaus, wieder Gefängnis, ein Prozeß. Schließlich in Frankfurt bringt ein drittes Wunder den Durchbruch. Zwei dicke weiße Strahlen, „wie Laser-Strahlen“, aus den Augen des 3. Khalifen der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, der gerade in Frankfurt weilt, direkt in seine Augen. Die weiße Farbe der Strahlen bedeutet, wie er später erfährt, daß die Person, von der sie ausgingen, erleuchtet ist.

Das dritte Wunder ist der Durchbruch und die Heilung.

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Lyrikzeitung das Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs, daß ich postum mit Hadayatullah Hübsch führte.

Tom Raworth (1938-2017)

With Tom Raworth’s death, the world of poetry, and of human intelligence in general, has become lesser. I am not alone in thinking him the finest British poet of his lifetime. For over five decades Tom’s work was a blazing light across the often murky path of British poetry. He was a friend to so many, gregarious and kind, in his person as well as his work on the page. He was a mentor to even more, including myself and many of a new generation of contemporary poets, who will see his legacy as a link between a positively historical period of invention and the maelstrom of our present time. Along with his work, he will also pass on a profound inheritance to those who knew him – while being deeply intellectual as a man, as subtle and complex as his poetry, he was utterly unpretentious, humble, admirably without patience for fools and hypocrites, and viewed common human decency as more important than anything else, including poetry.

Tom led an incredible life, publishing over 40 books, with his first The Relation Shipemerging in 1966. He spearheaded the British Poetry Revival with his unforgettable readings as well as his work with Goliard Press, which published Charles Olson’s first collection in the UK, amongst other now greats. He made a collectively vital impression on the new poetry of both Britain and America in the 60s. But this doesn’t really capture it. / S.J. Fowler, 3:AM Magazine

Raworth has spent his career being unapologetically radical in his politics, unapologetically hilarious in his manner, and unapologetically complex in his poetics. He has been a particularly transatlantic writer, living in the US for several years in the seventies, and publishing, with Goliard, Charles Olson’s first writing to appear in the UK. He’s particularly beloved for the spicy collages in his annual Christmas cards, which poets all over the world await gleefully every December.
His poetry is, maybe above all, provocative, upending readers’ expectations about how a text should operate, and inviting a level of interpretive participation that pushes the poet, the text, and the audience toward equality as co-partners in making it. Writers have characterized his work by its “laconic egolessness” (Geoff Ward); its speed, “half-emotional, like someone laughing at his own joke while he is telling it” (Fanny Howe); its “tragedian’s sense of the comic as one of life’s fated inevitabilities” (Lyn Hejinian). / Poetry Foundation

TelegraphPoetry Foundation | Wunderhorn

L&Poe Rückblende: Februar 2002

Trakl-Preis an Andreas Okopenko

Es sah einmal so aus, als schriebe Andreas Okopenko seine Lyrik für eine kleine Minderheit. Als 1980 im Verlag Jugend & Volk Okopenkos Gesammelte Lyrik erschien, war das ein Unterfangen, das erhebliche Widerstände überwinden musste. Nie hatte sich Okopenko in den Vordergrund gedrängt, nie war er der Mann für die großen Auftritte. Er hatte einen guten Ruf, aber für die erste Liga schien ihn niemand vorgesehen zu haben. …
Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt. Bei Okopenko findet der Leser Gedichte, die aus der Laune des Augenblicks geboren sind, und dem Kleinen, Unscheinbaren, Nebensächlichen Tiefe und Sinn verleihen. Der Lyriker spricht vom Fluidum, wenn er erklärt, was es mit jenen Momenten auf sich hat, die kurzfristig das Glück unverhoffter Schönheit feiern. Ihnen sucht er Dauer zu verschaffen: „Eine Straße im Grün / in das du trittst / und da schimmert es: / das sind Schienen.“ …

Am Montag wurde dem 1930 im slowakischen Kaschau / Kosice geborenen Andreas Okopenko in Salzburg der Georg-Trakl-Preis, eine der wichtigsten Lyrik-Auszeichnungen im deutschen Raum, überreicht. … Den Trakl-Förderungspreis für Lyriker unter 40 Jahren erhielt Martin Tockner, Jahrgang 1966. Tockner stammt aus dem Salzburger Land und ist bislang noch nicht literarisch hervorgetreten. / Anton Thuswaldner FR 6.2.02

Haiku on the euro

Die Briten waren noch „drin“, aber nicht im Euro. Sie probierens erst mal in der Poesie, schrieb ich als Kommentar zu einem britischen  Wettbewerb zum Thema (Preise übrigens in Euro!). Hier ein Beispiel:

Finally it’s here
Now used in all of Europe
‚Cept England of course.

Ganz viel Kling und kein Ende auch im Februar

Vier Beispiele.

In der NZZ-Reihe Kleines Glossar des Verschwindens schrieb Thomas Kling über die Totenrede. / NZZ 2.2.02

Manhattan Mundraum II

Vier Monate nach den Ereignissen [also 9/11], da die publizistische Hysterie längst wieder abgeflaut ist, veröffentlicht nun die österreichische Literaturzeitschrift „manuskripte“ (Nr. 154) in ihrer aktuellen Ausgabe ein Gedicht des Lyrikers Thomas Kling, das unmittelbar unter dem Eindruck der terroristischen Attentate entstanden ist, gleichwohl für die ästhetische Verarbeitung des Schocks eine gültige Form gefunden hat. Das Gedicht vermeidet den Fehler der meisten Texte, die mit großem Meinungsgefuchtel und Betroffenheitsbekundungen den „Schock“ vermeldeten, dass „nichts mehr so sei wie zuvor“. „Manhattan Mundraum zwei“ darf dagegen als erstes Gedicht zum 11. September gelten, das über die Bekundung unsagbaren Entsetzens hinausgelangt. Das Gedicht schreibt das phänomenale Großstadtpoem „Manhattan Mundraum“ fort, das Klings preisgekrönten Gedichtband „morsch“ (1996) eröffnete. Anstatt sich in larmoyanten Spekulationen zu ergehen, sucht Kling die Nähe zu den Verfahrensweisen des Dichters Paul Celan. Er arbeitet mit Techniken der extremen Engführung, verkürzt den Stoff auf wenige Schlüsselchiffren, die in ihrer Rätselstruktur unterschiedliche Deutungen zulassen. Die Ereignisse des 11. September werden im Text selbst nicht explizit; sie sind zurückgenommen in suggestive Chiffren: das „loopende auge“, der „algorithmen-wind“, die „lichtsure“, das „totnmehl“. Mitunter glaubt man Anspielungen auf Augenzeugenberichte zur Katastrophe zu vernehmen, nebst einem deutlichen Hinweis auf Celans „Todesfuge“, etwa im Begriff der „Luftsiedler“, denen bei Celan „ein Grab in der Luft“ geschaufelt wurde. / Michael Braun, Rheinpfalz Online 12.2.02

Thomas Kling über Petrarca

…er verlangt seinen Briefpartnern (Gelehrten, Dichtern, Adeligen) oft genug das Äußerste an Geduld ab. Typisch in der keine Widerrede duldenden Entschiedenheit ist diese Stelle, aus einem in Vaucluse verfassten Schreiben an den Florentiner Theologen Francesco Nelli vom August 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ / Süddeutsche 4.2.02

Sprachspeicher

Am Anfang war der Zauberspruch: „Eiris sazun idisi,…..sazun hera duoder,/ suma hapt heptidun, …..suma heri lezidun,/ suma clubodun….. umbi cuoniowidi:/ insprinc haptbandun, …..invar vigandun.“ …: „Einst sassen frauen …..sassen frauen hier und dort. / Einige hefteten stricke…..einige hinderten’s heer, / einige fingerten …..an fesseln: / entspringt den haftbanden! …..entkomm den feinden!“
Ob der aus dem Frühmittelalter stammende Zauber bei Thomas Kling gewirkt hat, muss offen bleiben, aber zumindest hat er ihn übersetzt und in seinen „Sprachspeicher“ aufgenommen, der die Ergebnisse seiner Reise durch Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Lyrik zusammenfasst. In dem 360 Seiten starken Buch geht es dem auf Hombroich lebenden Lyriker nicht um die eigenen Gedichte, sondern darum, „zu zeigen, was die deutsche Sprache dichterisch zu bieten hat“. / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 14.2.02

Österreichische Literatur ist keine Unterabteilung

der deutschen Literatur. Dazu gehören auch slowenische Autoren wie diese zwei, die sich selbstbewusst auf einen eigenständigen Weg begeben. ath / schreiben die Salzburger Nachrichten über eine Lesung der Kärntner Slowenen Maja Haderlap und Fabjan Hafner (2.2.02)

Borchardt im Dienste Dantes

Zwanzig Jahre hatte er an einer deutschen Version der «Divina Comedia» (immer unterschied er an der ungewohnten, aber historisch korrekten Schreibung des Wortes mit einem m den Kundigen vom Ahnungslosen) gearbeitet, mit der er nicht etwa Dante ins Deutsche hatte übersetzen, sondern die literarhistorische und sprachgeschichtliche Lücke hatte heilen wollen, die das Fehlen eines deutschen Dante im ausgehenden Mittelalter hinterlassen hatte.

So klang sein Dante, wie er hätte klingen können, wenn es einen solchen um 1300 denn gegeben hätte. Das Resultat seiner so stupenden wie vergeblichen Arbeit ist ein Werk in einem fiktiven Oberdeutsch, das er in einer eher peinlichen Audienz sogar dem Duce überreichen durfte. Bis 1943 lebte er einigermassen unbehelligt in Italien, seit 1943 aber, als die Macht de facto ganz an die Deutschen überging, war Borchardt wegen seiner jüdischen Vorfahren gefährdet. / Hans-Albrecht Koch, NZZ 5.2.02

In der „Welt“ plädiert Bernd Wagner für Skepsis

gegen literarisches Vereinswesen,

indem er auch an seine DDR-Lehrjahre erinnert:

Was habe ich nicht für Wege zurückgelegt, um Gespräche führen zu können, die über das stets etwas Konspirative des kleinen Kreises hinausgingen. Verbände und Vereine sind die Erben der Salons in der Massengesellschaft. Der erste, den ich kennen lernte, war der „Kreis junger Autoren“, der Anfang der siebziger Jahre in einem Hinterzimmer des „Hotel Newa“ in der Invalidenstraße tagte, deren Namen eines gewissen Symbolgehaltes nicht entbehrte, denn die jungen Autoren waren zwischen 50 und 70 und ihre Ansichten so verstaubt wie das Mobiliar des Hotels. Das Elend nahm ein Ende, als Sarah Kirsch als meine Mentorin dafür sorgte, dass ich an der Schlacht zwischen staatstreuen und kritischen Autoren im „Schriftstellerverband der DDR“ teilnehmen konnte. Doch kaum war ich in dem Verband drin, war sie draußen, und die freigewordene Mentorenstelle nahm Paul Wiens ein, der seine Zeit als Lyriker hinter sich, aber, wie ich inzwischen weiß, als „Offizier im besonderen Einsatz“ des MfS stets ein offenes Ohr für mich hatte. / Die Welt 2.2.02

Preis-Zoff in Großbritannen (und Kanada)

Neither rhyme nor reason

sagt der Kritiker Robert Potts zur Gewinnerin des Eliotpreises, der Kanadierin Anne Carson (“ a poetic injustice „, nach seiner Meinung). Er hat den furchtbaren Verdacht, daß die Autorin aus purem Unvermögen auf Metrik verzichtet – auf alles andere offenbar sowieso. Dabei hätte es einen über die Maßen würdigen Preisträger gegeben,
Speech! Speech! by Geoffrey Hill (Penguin, £9.99), one of the few truly major English poets since 1945 and a writer whose poetic career has been exemplary: a parsimonious release of wholly crafted volumes, each of which has advanced and amplified a sophisticated engagement with large questions of history, philosophy, theology and aesthetics (etc.),
aber die Juroren haben halt versagt bzw. eine Chance verpaßt).
Mehr im Guardian , Saturday January 26, 2002 (Dichter und Kritiker widersprechen Potts)

Auch anderswo fliegen die Fetzen (bzw. die Messer), wie ein Artikel in The Globe and Mail („Canada´s Most Trusted News Source“) vom 2.2. unter dem Titel „Who´s afraid of Anne Carson“ zeigt:

The knives were out even before Carson beat out Nobel Prize-winning poet Seamus Heaney earlier this month for the T. S. Eliot Prize for her latest book, The Beauty of the Husband: a fictional essay in 29 tangos. In a long screed in Books in Canada in July, 2001, Montreal poet David Solway says her „autistic performance“ is „all surface and no body.“
Another Montreal poet, Carmine Starnino , writing in Canadian Notes and Queries, sneered that Carson was „primitive “ and „unaccomplished“ and didn’t deserve to have her writing considered as poetry.

Die Wiederentdeckung eines lange verschollenen Kunstschatzes erregt in England Aufsehen. Eine Sammlung von neunzehn Aquarellen des frühromantischen Dichtermalers William Blake (1757 bis 1827), die dieser 1804 als Illustrationen für eine Neuausgabe des Versessays „The Grave“ des schottischen Geistlichen und Lyrikers Robert Blair (1699 bis 1746) gemalt hat, ist, nachdem sie 165 Jahre lang als vermißt galt, bei einem Kunsthändler in Swindon in der Grafschaft Wiltshire aufgetaucht. / FAZ 5.2.02

Afghanistan ohne Dogma

Die Gazette sprach mit dem afghanischen Schriftsteller Atiq Rahimi:

Unserer kulturellen Vergangenheit bis zum 17., 18. Jahrhundert. Ich liebe diese Literatur, ich verschlinge diese Bücher und bin stark beeinflusst davon. Es gab eine Offenheit, eine Insolenz allem gegenüber, die damaligen Autoren wagten es, von Gott anders zu sprechen, sie interpretierten den Koran und wandten ihn nicht wie eine starre Doktrin an. Der Islam bis zum 17., 18. Jahrhundert beruhte auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf der Angst vor Gott, sondern auf der Liebe zu Gott. Es war eine Philosphie, die sich fast schon zu einer humanistischen Philosophie des Menschen hin wandelte, eine vom Sufismus geprägte mystische Philosophie, die gegen die muslimischen Dogmen ankämpfte. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein, sprach; die Liebe des Menschen zu Gott wurde stets mit der Trunkenheit durch den Wein verglichen, ohne die spätere Sakralisierung. Fardusi, Khayyam, Rumi und Nezami , das sind meine Autoren.

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Claassen-Verlag (www.claassen-verlag.de), München 2002, 112 Seiten, 13 Euro

Master from Deutschland

But which poets happen to translate well is unpredictable. Paul Celan , a German-speaking Romanian Jew, was long thought untranslatable, his deeply hermetic poetry depending on nuance, ambiguity and verbal duplicity. But Celan, who died in 1970, wrote one of the most famous of post-war poems, “Deathfugue”, a haunting incantation about the Holocaust:

black milk of daybreak we drink it at evening
we drink it at midday and morning we drink it at night
we drink and we drink
we shovel a grave in the air where you won’t lie too cramped

“Death”, he concludes, with German fugues in mind, “is a Master from Deutschland.” The quotation comes from a new translation by Celan’s distinguished biographer, John Felstiner. It is at least the fourth that this reviewer has read and, though not the best of them, it comes across as powerfully as any. Mr Felstiner’s ear is a shade less subtle than his rival Michael Hamburger ’s, but several of his readings are newly illuminating. “Selected Poems and Prose of Paul Celan” is the largest selection yet published and, along with the famous pieces, includes some essays, lectures and early poems. Despite his elusiveness, Celan seems to inspire English translators, so that he, like the much more accessible Czeslaw Milosz , must now be seen as a classic of world literature. / Über neue Übersetzungen von Czeslaw Milosz, Joseph Brodsky und Paul Celan ins Englische schreibt ein (online) Ungenannter in The economist , 24.1.02

Much of Christensen’s linguistic virtuosity

puts one in mind of the phenomenon known as reduplication, a morphological process in certain languages (such as Turkish, Indonesian, Somali, Greek, Nez Percé—but excluding English and Danish) which copies all or part of the base to which it applies, in order to mark a grammatical or semantic contrast. Whether full or partial, reduplication can serve to intensify an adjective, place a verb into the future or the past, pluralize a noun or scatter its distribution, render an action continuous, or simply imply repetition. Moreover, Christensen makes skillful use of compound noun constructions in a way that is not only pleasurable, perhaps onomatopoeic, but also hints at the strange marriages of earth and air, water and fire, that define the world by seeming to defy it: „knotgrass“ and „sweetgrass,“ „icelocked“ and „iceplant,“ „fireweed and mugwort,“ „brickworks,“ „stoneskies,“ „groundwater,“ „greylight,“ „morningpale“ and „summerwarm.“ Occasionally Christensen veers from verbal and visual acuity and lapses into preciosity or précis: „I write like winter,“ she states at the end of 13, „write like snow / and ice and cold / darkness death / write.“ But overall, her play with letters and numbers—units that assume signification only within a structured economy, by existing within a system—is seductive, how she uses them to reveal how „a drop of water falls // on a leaf on a branch on a tree / on an earth.“ In her authentic relationship to „earth as it is in heaven,“ Christensen can even imagine „a / door with no house standing wide open still“—and somehow she ushers us inside. / Andrew Zawacki, The Boston Review Feb/Mar 2002.