gedicht für übersetzerstudentn

Thomas Kling / Natalie Schellander

gedicht für übersetzerstudentn

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wemailedsdry!(fig.a):«newheresemesecreepeloneye»
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gedicht für übersetzerstudentn

übertragun‘!, wi komnu zus über
übn-tragn! (fig. 1): »voll an di
waffel gekriecht«, »übersetzn si«
»durchkrochne wabn« (fig. 2), »a-
beizbienchen losgejagt, jäger- und
dreiimkerübertragun’« (nie übers
hetzn, indi kohle hant gesprochnes
sprachelchen..; es folgt, unfiguriert:
DER DENKGESEZZE ÄDERUN‘) bewaffnetn
aux betrachtet heißt »dat rübn setz«,
geändert, simultan gezeichnet: doktor serner.

(für Andreas F. Kelletat)

Aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. Nr. 23, Oktober 2004: Mouvante Limite / Gehende Grenzen. Hrsg. Theresia Prammer, S. 202f

Thomas Kling (* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)

Natalie Schellander (* 1978 in Wien)

Judith

Noch einmal Adelaide Crapsey. Ich finde es wunderbar, dass der gestrige Beitrag mehrere Versionen ihres Gedichts gebracht hat. Das Cinquain ist einerseits von japanischen Gedichten inspiriert und andererseits eng mit den amerikanischen Modernisten verbunden, ich nenne Ezra Pound und Hilda Doolittle (H. D.). Ich finde, ein wunderbares Zusammenfallen von asiatischer Kunst, westlichem Modernismus und zugleich eben doch – zumindest beim Cinquain – Eingängigkeit bis hin zum didaktischen Cinquain. Eher Zugänglichkeit als Hermetismus.
Heute ist der Geburtstag von H. D., aber ich bringe noch einmal Adelaide Crapsey. Ein Fünfzeiler, ich weiß nicht, ob sie ihn als Cinquain bezeichnet hat, er hält sich nicht streng an Silbenzahlen, aber ähnelt dieser Form doch sehr. Das Gedicht behandelt die biblische Gestalt der Judith (die auch für die junge Barockdichterin Sibylla Schwarz um 1637 Leitfigur war).

Adelaide Crapsey

(1878-1914)

Judith

Israel!
Wake! Be gay!
Thine enemy is brought low—
Thy foe slain—by the hand, by the hand
Of a woman!

Meine Rohübersetzung:

Judith

Israel!
Freu dich! Wach auf!
Dein Feind, er liegt im Staub –
Er liegt erschlagen von der Hand, von der Hand
einer Frau!

Sibylla Schwarz

(1621-1638)

Aus einem Glückwunschgedicht für ihre beste Freundin Judith Tanck. Es ist während des Dreißigjährigen Kriegs, Mars hält das Land in eisernen Banden, Judith soll helfen. Abra, Hebräisch = Magd, ist in Luthers Bibelübersetzung Judiths Magd. Die Dichterin schreibt sich als Abra in den Kampf gegen Mars ein, zwei junge Frauen sollen den Krieg der Männer beenden. Was für eine kühne, verzweifelte  Utopie.

  Jn summa / was du siehst in diesem grossen Runden /
Ja selbst das grosse Rundt / ist durch und durch gebunden /
O Mars / durch deinen Bandt / du ungebetner Gast
Hast unser armes Landt ietzt grausahm umbgefast.
  Wer hilft uns doch von dir ? Jst dann kein Raht zu finden ?
Vor hat ein Weibesbildt die Waffen künnen binden /
O Freundin thu du auch / was Judith vor gethan /
Nimb / nechst dem Nahmen / auch der Judith Thaten an !
  O Judith / Judith / komb / und hilf uns ietzt auß Nöten /
Weil Holofernes Här uns gäntzlich fast will tötten !
Komb / uns verlangt nach dier / thu wegk den Weiber=Muth /
Dem gantzen Vaterlandt / und dir und mir zu guth !
  Komb / komb / es ist schon Zeit / sonst sint wir balt verlohren /
Wir haben ja den Wolff itzund schon bey den Ohren !
Komb / Holofernes geht / beladen von dem Wein /
Komb / komb / hier ist ein Schwert / kom / ich wil Abra sein !

Aus: Auff Jungfer Judith Tanckin Namenstagk, in meiner Ausgabe #61. Der erste Band wird in diesem Herbst erscheinen, der zweite im Jahr des 400. Geburtstags der Dichterin Sibylla Schwarz, 2021.

Fünfzeiler und Cinquain

Adelaide Crapsey

(* 9. September 1878 in Brooklyn Heights, New York; † 8. Oktober 1914 in Rochester, New York)

Die amerikanische Dichterin ist außer der englischen Wikipedia nur der ägyptischen, italienischen, japanischen, polnischen und ukrainischen Version bekannt. Was ich da (also in dem Teil, den ich entziffern kann) fand, weckt aber Interesse. Sie ist besonders bekannt für eine Gattung Fünfzeiler, die sie Cinquain nannte. Auch das gibt es bei Wikipedia nur in wenigen Sprachen, darunter Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch und Tschuwaschisch. Der französische Eintrag verlinkt auf Quintil, eine französische Gattung von Fünfzeilern mit zwei Reimen, die es vom Mittelalter bis zur Moderne, so bei Guillaume Apollinaire, gab. Die englische Wiki kennt das amerikanische Cinquain als eine besondere Form des Fünfzeilers, den Adelaide Crapsey erfunden hat, inspiriert vom japanischen Tanka. Daneben gibt es didaktische Cinquains und andere Formen: Tanka, Tetractys und Lantern. Cinquain wiederum leitet auf den Oberbegriff Quintain, verstanden als jede poetische Form von fünf Zeilen, worunter außer Cinquain auch Tanka, Quintilla und Limerick behandelt wird.
Aber zum amerikanischen Cinquain, welches auf Crapsey zurückgeht und auch bei anderen englischsprachigen Autoren Verbreitung fand (und variiert wurde). Wiki Russisch erwähnt, daß didaktische Cinquains 1997 auf Russisch erschienen.

Das amerikanische Cinquain hat die Silbenfolge 2-4-6-8-2. Oft aber nicht immer ist es jambisch. Crapsey gibt ihren Gedichten – im Unterschied zu den japanischen Fünfzeilern – eine Überschrift, im Grunde also eine sechste Zeile. Crapseys Cinquain basiere auf der strengen Struktur und intensiven Naturbildern (intense physical imagery), um eine Stimmung oder ein Gefühl auszudrücken.

Als berühmtes Beispiel (hah, nicht berühmt bei uns!) wird dies angeführt:

November Night

Listen…
With faint dry sound,
Like steps of passing ghosts,
The leaves, frost-crisp’d, break from the trees
And fall.

Ich versuche eine nicht wort- sondern silbengetreue Übersetzung:

Novembernacht

Hör hin…
Der schwache Ton
Als trippelten Geister
Blätter von Bäumen gefallen
Frostbleich.

Nicht dasselbe, aber ein Versuch. Adelaide Crapsey.

Lernjahre

Helga M. Novak

(* 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)

LERNJAHRE SIND KEINE HERRNJAHRE

mein Vaterland hat mich gelehrt:
achtjährig
eine Panzerfaust zu handhaben
zehnjährig
alle Gewehrpatronen bei Namen zu nennen
fünfzehnjährig
im Stechschritt durch knietiefen Schnee
zu marschieren
siebzehnjährig
in eiskalter Mitternacht Ehrenwache
zu Stalins Tod zu stehen
zwanzigjährig
mit der Maschinenpistole gut zu treffen
dreiundzwanzigjährig
meine Mitmenschen zu denunzieren
sechsundzwanzigjährig
das Lied vom guten und schlechten
Deutschen zu singen

wer hat mich gelehrt
Nein zu sagen
und ein schlechter Deutscher zu sein?

Aus: Helga M. Novak: Grünheide Grünheide. Gedichte 1955-1980. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1983, S. 32

Regenlein

Catharina Regina von Greiffenberg

(* 7. September 1633 auf Schloss Seisenegg in Viehdorf bei Amstetten in Niederösterreich; † 10. April 1694 in Nürnberg)

Uber ein Lustbringendes Regenlein

Der Regen schadet nichts / als daß er uns die Lust
nur tausendmal verschönt / und angenemer machet.
Die Sonn / nach hartem Strauß / mit klaren Strahlen lachet.
der Himmel seuget nur die Erd mit seiner Brust.
  Er ist der Nectar Tranck / der Lust-erweckend Must.
Er schläfft die Sonne ein / daß sie nur frischer wachet.
Der kurz-verdeckte Schein / mehr Gier und Zier ursachet;
Entziehung / wünschen mehrt; wie jederman bewust.
  Er ist des Himmelsgeist / der sich hell distilliret:
der Balsam / der die Welt mit Blumen Ruh erfüllt /
wann Gott der Wolken Glaß zerbricht / mit Freuden quillt;
  Als Himmlische Tinctur / mit Gold die Erden zieret.
Es ist der Segensafft / aus Gottes Mund herfliesset:
des Wollust-Nutzbarkeit / das ganze Land geniesset!

Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 236.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004880137

Ein Nachtlied

Die Nacht vom 6. auf den 7. September 1780 verbrachte Goethe in einem Häuschen auf dem Kickelhahn genannten Berg bei Ilmenau. Dort schrieb er das Gedicht mit dem berühmten Anfang „Über allen Gipfeln ist Ruh“ mit Bleistift auf die Holzwand. Er kam öfter wieder, 1813 erneuerte er die Handschrift und signierte: „Ren(ovatum) 29. August 1813.“ Zuletzt besuchte er das Haus am 27. August 1831. Das „Goethehäuschen“ genannte Haus wurde ein Wallfahrtsort der Literaturfreunde. Drunter auch der ein und andre Frevler, der etwas dazuschrieb – einer wollte gar das Stück heraussägen, wurde aber überrascht und mit Faustschlägen davon abgebracht. Am 12. August 1870 benutzten Beerensammler das offene Haus, um die regennassen Kleider zu trocknen. Weil sie die Glut nicht löschten, brannte das Haus ab. Immerhin war die Inschrift fotografisch gesichert worden.

Das Gedicht des Tages heute in der Bretterwandfassung, so gut sie sich entziffern lässt:

Über allen Gipfeln
ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
kaum einen Hauch!
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Gemeinfrei, Quelle: Wikipedia

Goethe druckte das Gedicht zuerst in einer Werkausgabe 1815 mit wenigen Abweichungen: Großschreibung der Zeilenanfänge, Normalisierung der Zeichensetzung und als einzige Abweichung im Wortlaut: Vögelein statt Vögel. In Abschriften des Gedichts von Herder und L. v. Göchhausen steht statt Gipfeln: Gefilden. In dieser Form ist das Gedicht ohne Goethes Zustimmung bereits 1803 von Kotzebue veröffentlicht worden, anscheinend nach einem früheren Raubdruck von 1800. Im Februar 1801 erschien es in der britischen Zeitschrift „The Monthly Magazine“, ebenfalls in leicht abweichender Form:

Ich schließe mit einer englischen Fassung von Henry Wadsworth Longfellow:

O’er all the hilltops
Is quiet now,
In all the treetops
Hearest thou
Hardly a breath;
The birds are asleep in the trees:
Wait, soon like these
Thou too shalt rest.

Was kein Des-car-tes nicht ergründt

Christian Wernicke

(* im Januar 1661 in Elbing; † 5. September 1725 in Kopenhagen)

Auf die wunderbahre Wirckungen des Gemüths und des Glücks

DAß ich heut Freuden-voll / bedachtsam und gescheut
Und morgen saur / zerstört / und voller Traurigkeit /
Und diß wie das ohn‘ Ursach bin ;
Daß ich heut gantz gewiß gewinn /
Und morgen gantz gewiß verlier ;
Daß dieser Wechsel hält Gesetzte Maaß und Ziel /
Doch offtmahls früh- bald später sich einfindt /
Ist das was kein Descartes nicht ergründt :
Ich steh zwar offtmahls auff der Wach /
Und suche nach dem unerforschten Gut /
Ich grüble den unkennbarn Zeiten nach /
Umsonst ! Es ist des Glücks / des Hauptes Ebb und Fluth.

Aus: Das Zeitalter des Barock. Texte und Zeugnisse. Hrsg. Albrecht Schöne. München: C.H. Beck, 1963, S. 686

Autoren sind auch blind

Constantijn Huygens

(* 4. September 1596 in Den Haag; † 28. März 1687 ebenda)

Aus: Euphrasia Augentrost

Nur eine Sorte noch: Autoren sind auch Blinde,
besonders die von dir geliebten Dichterfreunde.
Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim
und gehen in der Kunst den Wörtern auf den Leim,
der doch bloß kleben kann, als machten Leim und Schere
statt Hobel, Meißel, Maß dem Schreiner höchste Ehre.
Denn blindlings rühren sie die schwersten Sachen an
und hoffen dass der Reim der Rede folgen kann.
Doch wenn der Reim stagniert, wie sie den Kurs verlegen!
Und fahren kreuz und quer auf wunderlichen Wegen
und driften hin und her und rückwärts her und hin,
so dass die tolle Fahrt am Ende ohne Sinn
gänzlich im Leim erstickt: der Lotse hat geschlafen
und schleppt, selbst mitgeschleppt, dich in den falschen Hafen.
Wie schwankt ihr Reiseziel: sie steuern anfangs an
auf Japan, doch die Fahrt endet in Astrachan.
Das sind mir Käptens, das sind weitblickende Leute!
Bin ich davon nicht selbst das beste Beispiel heute?
(Zeit ist’s, dir zu gestehn, wie blind ich selber bin;
das kam dir, wie ich seh‘, schon früher in den Sinn!):
bedenk‘ nur, wo ich einst den Eislauf angefangen
und wie ich abgeirrt, es ist dir nicht entgangen,
mir gab der liebe Reim den Leim für mein Gedicht
und meine Rede stockt, sobald er mir gebricht.
Bin ja so herzlich blind wie meine Blindgesellen,
ja ich versteige mich sogar mir vorzustellen,
du seist entzückt von dem, was meine Verskunst spinnt.
Was sagst du? Bin ich nun wohl eher blöd als blind?
Das ist Poeten-Art, denn die zu dichten pflegen
sehen kein schöneres Ei als was sie selber legen.
Verprügeln kannst du ihn, doch sagt er unentwegt,
dass kein Poet so schön wie er die Laute schlägt.

Aus: Constantijn Huygens: Euphrasia Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, 913-944

Unverständliche Richtung

Ernst Meister

(* 3. September 1911 in Haspe, heute Stadtteil von Hagen; † 15. Juni 1979 in Hagen)

VOGELWOLKE

Ein Abend,
starrend von Staren . . .
und wärs auch
Wortspiel, es schafft sich
Wahrheit,
so schwarzes Gezwitscher,
ein unerhörtes
im Labyrinth.

Das muß
der Herbst sein. Er
runzelt die Braue:
die Vogelwolke
steigt auf aus
besudelten Wipfeln

und nimmt nach
Norden
unverständliche Richtung.

Aus: Ernst Meister, Ausgewählte Gedichte 1932-1979. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1989 (3. Aufl., erw. Neuaufl.), S. 51

„Ausbürgerung gewaltsame Scheidung“

Else Lasker-Schüler

(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)

O wie mir die Scheidung nahe ging,
Von Berlin – viel näher wie ich wusste.
Denn ich liebte schon Berlin,
Unter Wilhelm und Auguste,
Rex und seiner Kaiserin.

O wie mir das nahe ging,
Ich verlor mein bischen Puste,
Da ich auf das ganze ging,
Mich verrannte in Berlin!
Und entfliehen musste.
Im Wehzug spät in der Nacht!

Aus einem Typoskript: „Tagebuchzeilen aus Zürich“, in: Else Lasker-Schüler: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Ollers. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 337 (Kritische Ausgabe Bd. 1.1).

Else Lasker-Schüler war am 19. April 1933 „im Wehzug“ aus Berlin geflohen. In einem anderen Fragment schreibt sie: „Die Scheidung meiner Ehe mir begreiflicher, als meine Ausbürgerung gewaltsame Scheidung.“ (ebd. 337).

Todtengräberlied

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

(* 21. Dezember 1748 in Mariensee; † 1. September 1776 in Hannover)

Todtengräberlied

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Weiland groß und edel,
Nickte dieser Schedel
Keinem Gruße Dank!
Dieses Beingerippe,
Ohne Wang‘ und Lippe,
Hatte Gold und Rang!

Jener Kopf mit Haaren
War vor wenig Jahren
Schön wie Engel sind!
Tausend junge Fentchen
Leckten ihm das Händchen,
Gafften sich halb blind!

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Erstdruck: Musenalmanach für 1777. Herausgegeben von Johann Heinrich Voss. Hamburg

Du mußt anders werden

Wolfgang Hilbig

(* 31. August 1941 in Meuselwitz, Landkreis Altenburg; † 2. Juni 2007 in Berlin)

Pro domo et mundo

Nun wird es dunkel: du mußt anders werden
die Wasser fließen schneller und ihr kalter Dunst gerinnt
ein schwarzer Tag entsteigt dem tiefer blauen Meer –
und nichts mehr zählen die noch glücklich Heimgekehrten
jetzt zählen die schon lang vergessen und verloren sind.

Und Ströme schießen wie von anderen Gestaden her
aus Felsenwelten ausgebrannt doch nie berührt von Sonnen
es ist ein Fluten das sich nicht mehr wendet:
der Urwellen Anfahrt hat begonnen.

Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet
und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst
was gestern licht und wert war ist verschwendet –
und es ist Nacht und Zeit daß du dich wandelst.

Aus: Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen. Gedichte. Mit Radierungen von Horst Hussel. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2001, S. 60

Nichts

Francis Picabia

(* 22. Januar 1879 in Paris; † 30. November 1953 ebenda)

Dada riecht nicht,
es bedeutet ja nichts, gar nichts.
es ist wie Euere Hoffnumgen: nichts
wie Euer Paradies: nichts
wie Euere politischen Führer: nichts
wie Euere Helden: nichts
wie Euere Künstler: nichts
wie Euere Religionen: nichts.

In: Theo van Doesburg, Was ist Dada. In: Doesburg / Schwitters: Holland ist DADA. Ein Feldzug. Hrsg. Hubert van den Berg. Hamburg: Edition Nautilus, 1992, S. 21f.

Theo van Doesburg

(* 30. August 1883 in Utrecht; † 7. März 1931 in Davos, Schweiz)

Der Dadaist, der sogar für das Leben die Logik ablehnt, läßt sich in der Lyrik nicht vom üblichen 2×2=4 leiten. Mag dies für die Logik nützlich sein, in der Lyrik gilt 2×2=5.

Ebd. S. 33

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg in Schlüchtern; † 29. August 1523 auf der Ufenau im Zürichsee)

Ich habs gewagt mit Sinnen
und trag des noch kein Reu,
mag ich nit dran gewinnen
noch muß man spüren Treu;
damit ich mein
nit eim allein,
wenn man es wolt erkennen:
dem Land zu gut,
wiewol man tut
ein Pfaffenfeind mich nennen.

Da laß ich jeden lügen
und reden was er will;
hätt Wahrheit ich geschwiegen,
mir wären Hulder viel:
nun hab‘ ichs g’sagt,
bin drum verjagt,
das klag ich allen Frommen,
wiewol noch ich
nit weiter fliech,
vielleicht werd wieder kommen.

Es ist oft dieser gleichen
geschehen auch hievor,
daß einer von den Reichen
ein gutes Spiel verlor,
oft große Flamm
von Fünklein kam,
wer weiß ob ichs werd rächen!
Staht schon im Lauf,
so setz ich drauf:
muß gehen oder brechen!

Daneben mich zu trösten
mit gutem Gewissen hab,
daß keiner von den Bösten
mir Ehr mag brechen ab,
noch sagen daß
auf einig Maß
ich anders sei gegangen
dann Ehren nach,
hab diese Sach
in Gutem angefangen.

Will nun ihr selbst nit raten
dies fromme Nation,
ihrs Schadens sich ergatten,
als ich vermahnet hon,
so ist mir leid;
hiemit ich scheid,
will mengen daß die Karten,
bin unverzagt,
ich habs gewagt
und will des Ends erwarten.

Ob dann mir nach tut denken
der Kurtisanen List:
ein Herz läßt sich nit kränken,
das rechter Meinung ist;
ich weiß noch viel,
woll’n auch ins Spiel
und solltens drüber sterben:
Auf! Landsknecht gut!
und Reuters Mut!
laßt Hutten nit verderben!

Dichterwettstreit 1204

Gishūmon-in no Tango schrieb dieses Gedicht als Beitrag für einen Wettstreit, der im
Jahre 1204 stattfand. Dreißig führende Dichter(innen) ihrer Zeit nahmen daran teil und verfaßten Verse über folgende Themen: fallende Blätter, der Mond zur Zeit der Dämmerung, Wind in den Kiefern. Die Urteile kamen durch Konsens aller am Wettbewerb Beteiligten zustande und wurden von Fujiwara no Teika aufgezeichnet. (…) ihr Gegner war der Dichter Fujiwara no Tadayoshi (1164-1225). Sie bestand gegen ihn drei Runden und verlor eine.
Das vorliegende Gedicht war eines ihrer siegreichen. Dies waren die konkurrierenden
Verse:

Ich weiß schon, meine
Trauer und Einsamkeit hört
nicht mehr auf, und doch,
da weht noch immer ein Wind
des abends in den Kiefern.

Teika überlieferte das Urteil: »Der Vers >über die Ärmel aus Moos streift ziellos der Kiefernwind< ist sehr anmutig, und so erklären wir dieses Gedicht zum Sieger«.
nani to naku kikeba namida zo koborekeru koke no tamoto ni kayou matsukaze

Irgendwie, wer weiß warum,
muß, ach, ich weinen,
wenn ich ihn höre:
über die Ärmel aus Moos
streift ziellos der Kiefernwind.

Zu diesem Gedicht gibt es noch diesen Kommentar: Die Wendungen koke no tamoto, »Ärmel aus Moos«, und koke no koromo, »Gewänder aus Moos«, finden sich hauptsächlich in der Dichtung von Mönchen und Nonnen. Der Ursprung dieser Tradition war ein Gedicht des Priesters Henjō (816-890) aus dem Kokin wakashū. Henjō hatte den Hof verlassen und das Mönchsgelübde abgelegt, als sein Dienstherr, Kaiser Ninmyō (810-850, reg. 833-850) gestorben war; ein Jahr später, nach dem Ende der Trauerzeit, schrieb er dieses Gedicht an seinem Zufluchtsort in einem Tempel außerhalb der Stadt: mina hito wa hana no koromo ni narinu nari koke no tamoto yo kawaki dani se yo

Alle tragen nun wieder
blumengeschmückte Gewänder,
hör ich, ihr, meine Ärmel aus Moos,
trocknet mir doch wenigstens.

Henjō spielt mit dem Bild der >Ärmel aus Moos< einerseits auf die Schlichtheit seines
Mönchsgewandes und andererseits auf seine fortwährende Trauer an. 300 Jahre später
bringt Gishūmon-in no Tango das Moos in den letzten beiden Zeilen ihres Gedichtes gleichsam wieder in den Wald zurück, indem sie das Bild der tränenfeuchten Ärmel aus Moos mit dem Waldboden in Verbindung bringt.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9. bis 13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992.