Recht, Katalanisch zu sprechen

JOAN BROSSA (1919-1998)

Sonett für Jordi Carbonell,
der kürzlich gefoltert wurde, weil er auf dem Recht,
katalanisch zu sprechen, bestand

Jedwede Niedertracht begeht die Henkerschar,
sie bleibt dem ersten Tag des Schlachtens treu;
geschaßt die Sonne von der Polizei;
aus Mitgefühl legt die Natur sogar

gleich alle ihre Ämter nieder;
bis in die Traueröde breitet sich das Moos,
die Rache steigt aus des gekränkten Berges Schoß,
ganz weiß, nimmt ihren Weg sie wieder.

Erhobnen Hauptes, vor der Bestie ganz allein,
bespeist du ihre Uniformen in der Gruft;
die Sonne wird ein Apfelbaum und bleibt bei dir,

im Morgengraun tritt sie ins Zeichen Kataloniens ein.
Sie halten deinen, unsern Stern gefangen hier,
frei flattert seine Fahne in der Luft.

Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 143

Mein Volk und ich

SALVADOR ESPRIU (1913-1985)

Mein Volk und ich

Pompeu Fabra, unser aller Lehrmeister,
zum Gedächtnis.*

Wir tranken unvermischt
herbe Weine des Spotts,
mein Volk und ich.

Hörten, zu widerlegen nicht,
Argumente des Säbels,
mein Volk und ich.

Eine Lektion der Pflicht
mußten wir hören,
mein Volk und ich.

Das gleiche Geschick
eint uns auf ewig,
mein Volk und mich.

Wer herrscht, wer dient?
Sind nicht zu trennen,
mein Volk und ich.

Wir haben das Recht
wider Diebe und Heuchler,
mein Volk und ich.

Bewahrten sie schlicht,
die Worte der Sprache,
mein Volk und ich.

Uns entmutigten nicht
alle Stufen der Trauer,
mein Volk und mich.

Im Brunnen sehr tief,
schaun wir nach oben,
mein Volk und ich.

Recken empor zum Licht
uns erwartungsschwer beide,
mein Volk und ich.

*) Pompeu Fabra (1868—1949) gilt als Vater des modernen Katalanisch, da er die grammatischen, lexikalischen und orthographischen Normen in seinen Standardwerken für alle Katalanen verbindlich festgelegt hat.

Deutsch von Roland Erb. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 113/115

Ramon Llull

Sie fragten den Freund: Was für ein Ding ist die Welt? Er antwortete: Es ist ein Buch für diejenigen, die lesen können, darin ist mein Geliebter wohlbekannt. Sie fragten, ob sein Geliebter in der Welt sei. Er antwortete: Ja, wie der Autor im Buch. Und worin befindet sich dieses Buch? Er antwortete: In meinem Geliebten, weil mein Geliebter alle Dinge enthält, und aus diesem Gund ist die Welt in meinem Geliebten und nicht mein Geliebter in der Welt.

Ramon Llull: Das Buch vom Freunde und vom Geliebten (1276-1283)

Aus: Grenzen sind Straßen. Verbindungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur. Hrsg. Arnau Pons u. Simona Škrabec. Barcelona: Institut Ramon Llull, 2008, S. 16

Ramon Llull (deutsch Raimund Lull, latinisiert Raimundus Lullus, auch Raymundus Lull(i)us; * um 1232 in Palma de Mallorca; † Anfang 1316 auf der Fahrt von Tunis nach Mallorca), mallorquinischer Philosoph, Logiker und franziskanischer Theologe. Er war ein Troubadour, aber eine Christusvision veranlaßte ihn, seine Dichtung in den Dienst des Glaubens zu stellen. Er lernte Arabisch, bereiste arabische Länder, lehrte an der Sorbonne und wurde einer der Begründer der europäischen Orientalistik. Gerüchten zufolge wurde er in Algerien von aufgebrachten Muslimen gesteinigt und starb an den Folgen auf der Überfahrt.

Der katalanische Dichter Jacint Verdaguer veröffentlichte 1908 eine gereimte Fassung der Gesänge Llulls.

Auch ohne Spiegel, Harfe und Azur und Schwan

Josep Vicenç Foix (1894-1987)

O könnte klug …

O könnte klug, mit leichter Zunge ich erlangen,
des Geistes Reich auf immer festzuhalten,
vermöcht’ ich, in gewandten Worten die Gewalten
der Leidenschaft, der neu gebornen, einzufangen,

o könnt ich, fremder Eigenart nicht anzuhangen,
in harter Nacht dies im Gedicht gestalten:
des Nichts, des Alles Liebe; könnte fern ich halten
das Seltene und Dunkle, dahin zu gelangen,

mit klaren Zeichen rauh, doch streng den Reim zu zwingen
in herber Art — o Llull! O March! — wie ihrs getan,
des Volkes Zunge sicher sprechend, könnt es mir gelingen!

Den Künftigen zu Nutz. O könnt mein Vers fortan
würdig und ausgewogen Nachruhm sich erringen
auch ohne Spiegel, Harfe und Azur und Schwan!

Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 65

„Hast du’s verlernt, deine Kinder zu verstehen?“

Aus gegebenem Anlaß – Àxel Sanjosé übersetzte ein Gedicht des katalanischen Dichters Joan Maragall (1860–1911) – ein kleines Stück Vorgeschichte:

Ode an Spanien

Hör, Spanien – die Stimme eines Sohnes,
der mit dir spricht – in nicht-kastillischer Sprache;
ich spreche in der Sprache – die mir
die rauhe Erde gab:
In dieser Sprache – redeten wenige mit dir,
allzu viele in der anderen.

Zu viel haben sie geredet – von den Saguntern*
und von jenen, die fürs Vaterland sterben:
dein Ruhm – und deine Erinnerungen,
Erinnerungen und Ruhm – stammen von Toten:
du lebtest traurig.

Ich will mit dir reden – auf ganz andre Art.
Warum nutzlos das Blut vergießen?
In den Adern – Leben ist das Blut,
Leben für die Heutigen – und für die Kommenden:
Vergossen, ist es tot.

Zu viel dachtest du – an deine Ehre
und zu wenig an dein Leben:
tragisch führtest du – zum Tod die Söhne,
hattest Gefallen – an Totenehrungen,
und deine Feste waren – die Begräbnisse,
trauriges Spanien!

Ich sah die Schiffe – randvoll auslaufen
mit deinen Kindern, die du – zum Sterben führtest:
sie gingen lächelnd – ins Ungewisse;
und du, du sangst – am Meeresufer
wie eine Irre.

Wo sind die Schiffe? – Wo sind die Söhne?
Frage den Westwind, die Sturmeswoge:
alles verlorst du – niemanden hast du.
Spanien, Spanien, kehr zurück zu dir,
brich aus in Mutterweinen!

Rette, oh rette dich – vor so viel Übel,
möge das Weinen dich fruchtbar machen, froh und lebendig;
denk an das Leben, das um dich ist:
hebe die Stirn,
lächle den sieben Farben zu, die in den Wolken sind.

Wo bist du, Spanien? – Ich seh dich nirgends.
Hörst du denn nicht mein lautes Rufen?
Verstehst du diese Sprache nicht – die in Gefahren zu dir spricht?
Hast du’s verlernt, deine Kinder zu verstehen?
Lebwohl, Spanien!

ODA A ESPANYA

Escolta, Espanya, – la veu d’un fill
que et parla en llengua – no castellana:
parlo en la llengua – que m’ha donat
la terra aspra:
en’questa llengua – pocs t’han parlat;
en l’altra, massa.

T’han parlat massa – dels saguntins
i dels que per la pàtria moren:
les teves glòries – i els teus records,
records i glòries – només de morts:
has viscut trista.

Jo vull parlar-te – molt altrament.
Per què vessar la sang inútil?
Dins de les venes – vida és la sang,
vida pels d’ara – i pels que vindran:
vessada és morta.

Massa pensaves – en ton honor
i massa poc en el teu viure:
tràgica duies – a morts els fills,
te satisfeies – d’honres mortals,
i eren tes festes – els funerals,
oh trista Espanya!

Jo he vist els barcos – marxar replens
dels fills que duies – a que morissin:
somrients marxaven – cap a l’atzar;
i tu cantaves – vora del mar
com una folla.

On són els barcos. – On són els fills?
Pregunta-ho al Ponent i a l’ona brava:
tot ho perderes, – no tens ningú.
Espanya, Espanya, – retorna en tu,
arrenca el plor de mare!

Salva’t, oh!, salva’t – de tant de mal;
que el plô et torni feconda, alegre i viva;
pensa en la vida que tens entorn:
aixeca el front,
somriu als set colors que hi ha en els núvols.

On ets, Espanya? – no et veig enlloc.
No sents la meva veu atronadora?
No entens aquesta llengua – que et parla entre perills?
Has desaprès d’entendre an els teus fills?
Adéu, Espanya!

  • „Nach dem im Vorfeld des Krieges zwischen Rom und Karthago geschlossenen Vertrag zur Aufteilung der Interessensphären (Ebro-Vertrag) fiel Sagunt in die karthagische Interessensphäre und die Karthager glaubten somit, das Recht zu haben, Sagunt zu erobern. Ihr monatelanger Widerstand, über den Livius berichtet, ist der eine kurze Strahl historischen Ruhms der Stadt. 218 v. Chr. eroberte Hannibal die Stadt und zog nach Italien weiter. Über den Fall von Sagunt handelnde lateinische Texte sind sehr häufig. (…) Die Stadt wurde auf Katalanisch Molvedre, auf Spanisch Morviedro genannt, beides nach dem Lateinischen muri veteres, alte Mauern. Sagunts Abstieg begann mit dem Aufstieg von Valencia. 1098 wurde sie kurz von El Cid besetzt, die endgültige Rückeroberung musste aber bis 1238 warten, bis zu König Jakob I. von Aragón.

Während der Napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besiegten am 25. Oktober 1811 in der Schlacht von Murviedro (Sagunto) die Franzosen unter Louis-Gabriel Suchet eine spanische Armee unter General Joaquín Blake y Joyes. Sie sollte die seit Monaten belagerte Festung entsetzen. Am Tag darauf kapitulierte Murviedro vor Suchet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Sagunt

Lernziel: Gattin und Mutter

Sophie Tieck (verh. Bernhardi / von Knorring, * 28. Februar 1775 in Berlin; † 1. Oktober 1833 in Reval)

Klagen.

I.

Die Lust entfloh, verarmt bin ich im Herzen,
Mir kann nicht Leben, Glük mehr, Liebe taugen.
Will ich aus Erd’ und Himmel Tröstung saugen,
Entquillen neu nur meiner Seele Schmerzen.

O Herz! Was konnte so dich denn entherzen?
Warum verlöscht den glühnden Strahl der Augen
Ein schmerzlich Naß? Warum muß ich entsaugen
Nur bittre Quaal, der Liebe linden Scherzen?

O Erd’ erbarmend nimm mild meine Thränen!
Hilf Sonne brennend diesem Regenschauer!
Laß Erd’ erwärmt dein starres Herz durchdringen.

Wie hohl hör’ ich die kalten Felsen klingen.
Ich bin allein; unendlich ist mein Sehnen,
Nicht Erd’ und Himmel enden meine Trauer.

Aus: Dichter-Garten: Erster Gang: Violen. Hrsg. Rostorf (Georg Anton Hardenberg), Würzburg: Stahel, 1807, S. 167

Sophie Tieck war die Schwester des Schriftstellers  Ludwig Tieck und des Bildhauers Friedrich Tieck. „Und während Ludwig das Gymnasium besucht und studiert und Friedrich als Bildhauer bei Schadow lernt, wird Sophie zur Ehefrau und Mutter ‚erzogen’”. (FemBio). Sie schrieb Dramen, Novellen, Romane, Erzählungen, Gedichte und Märchen.

Ein Dichter erhielt einen Fragebogen

Christa Reinig (6. August 1926 Berlin – 30. September 2008 München)

EIN DICHTER ERHIELT EINEN FRAGEBOGEN

Ein dichter erhielt einen Fragebogen zur Ausfindigmachung der von den Kulturschaffenden für geeignetst gehaltenen Methoden zur Hervorbringung drucktauglicher Produktion.

Der fragebogen fragte: Welches halten Sie für die günstigste Voraussetzung zum fehlerlosen Ablauf Ihres Schaffensprozesses? Er antwortete: ergriffenheit. Können Sie uns ein Arbeitsmittel zur Anfertigung möglichst hochwertiger Kunstwerke nennen, das in unserem Wirtschaftsbereich nicht als Mangelware eingeplant ist? Er antwortete: geduld. Welches Material halten Sie bei der Herstellung Ihrer Kunstwerke für besonders unumgänglich? Er antwortete: wahrheit. Verfolgen Sie neben der massenbildenden Aufgabe Ihrer kulturellen Tätigkeit noch einen besonderen persönlichen Zweck in Ihrer Arbeit? Er antwortete: erkenntnis.

Stele für Mickel, Hüge und Lorenc

Kito Lorenc

Totenschmaus • Regenzauber

Schält Zwiebeln reibt Meerettich
die Trauerzitrone preßt, zu Tisch! Mickel
hat sein Sterbchen gemacht, Hüge brannte schon
Laßt kreisen den roten Wein

Zu Tisch Fixgriffel! Bei Fuß winselnder
Leichdorn Zeilenschinder Schmähbrieftipper
Hoch die trüben Tassen ihr Frotzler Abzocker
Fellversäufer Kotzbrocken alle! Frisch

hinter die Binde auch du Blindekuh! Sparflamme
auf! Um den heißen Brei, stockt der laue
am Rand laßt kreisen die Löffel! Bis
zur Kühle, junger Steinmetz, ist die Arbeit getan

heben wir ab von der Bank Durch die Lappen
ins Feuer Hockt bei Dresden das Korn so klein
verbiegt sich die Schiene Steigt auf
Weihnachtsbäume Lichterketten, falle Lametta

um die Brüstungen Glühe Teer an den Sockeln
Flieg hoch lidloses Auge Weckt die Hunde
Zu Tisch! Es ist angerichtet Herab
O Regen von Phosphor Gold Es ist gegessen

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2002. Hg. Christoph Buchwald und Adolf Endler. München: C.H. Beck 2001, S. 94f

So langsam wirds Zeit

Kito Lorenc (1938-2017)

Schließübung

So langsam wirds Zeit
das Haus einzuzäunen
die Alarmanlage anzubringen
und den Hund auszubuddeln
da wo er begraben liegt
Zeit wirds wieder
die Zeit totzuschlagen
die Grenzen dichtzumachen
die Akten zu schließen
und den Muskel
Fangen wir gleich an mit
wo es am schnellsten klappt
es geht schon beim Autofahren
beim Ausfüllen der Steuererklärung
beim Fernsehn hinter der Zeitung
Und immer etwas steigern
die Leistung dann kommts auch
zum Wachstum also dies schon mal
üben: auf und zu und
so langsam machts Spaß

Aus: Die Unerheblichkeit Berlins, Texte. München: Lyrikedition 2000, 2002, S. 33

Der deutsch-sorbische Schriftsteller Kito Lorenc, * 4. März 1938 in Schleife, Kreis Rothenburg (Oberlausitz) starb am 24. September 2017 in Bautzen.

Meuchlem Sumpf der Unke Läuten

Albert Vigoleis Thelen (28. September 1903, Süchteln – 9. April 1989, Dülken)

Dichterholdschaft

Wenn das Abendmeer sich leichtet
In der Holdschaft mit dem Mond,
Fernster Stern der Erde beichtet,
Was in seiner Meinheit wohnt –

Meuchlem Sumpf der Unke Läuten
Todesgraus und Trugsal nimmt,
Nachtigall’n der Nacht bedeuten,
Daß noch Mein auf Minne stimmt:

Wird sich da dem Dichter milden
Des gestollten Wortes Not?
Irrender in Lichtgefilden
Gilt ihm Holdschaft nur der Tod.

(aus: Albert Vigoleis Thelen: Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: Claassen 1979)

Mehr Lust für Ohren

Andreas Tscherning (* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock)

Andere Fassung (da ich auf Reisen bin, kann ich nicht überprüfen):

Wer ungereget
Die Sinnen träget /
Wenn Künstler singen
und Sayten klingen

Mehr Lust für Ohren
Ist nicht gebohren;
Sie treibt von Hertzen
Verdruß vnd Schmertzen /
Kan Eifer dempfen
Gibt muth zu kämpfen /
Macht durch die Ohren
Uns neu geboren. etc.

Statt kampfgenössisch Sturm zu läuten

Ernst Wilhelm Lotz

BEGREIFT

Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus,
Das halbe ist getaucht in weißes Glühen
Und flackert in den Lampentag hinaus,
Wo dünne Nebel an die Scheiben sprühen.

Es wollen ernste Freunde mich bedeuten,
Ich sei zu leicht für diese Gründerjahre,
Weil ich, statt kampfgenössisch Sturm zu läuten,
Auf blauer Gondel durch den Äther fahre.

Ich sah bisher nur Zeitungsfahnenwische
Und warte längst auf Barrikadenschrei,
Daß ich mich heiß in eure Reihen mische,
Besonnt vom Wind des ersten Völkermai!

Den Kopf ganz rot, malt ihr Kulissenbrand
Und überträumt die Zeiten mit Besingung.
Begreift: Ich wirke, spielend freier Hand,
Mein helles Ethos silberner Beschwingung.

Aus: Ernst Wilhelm Lotz: Wolkenüberflaggt. Gedichte (Sechsunddreißigster Band der Bücherei Der Jüngste Tag), Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917 Digitale Ausgabe

Ernst Wilhelm Lotz „fiel“ 24jährig am 26. September 1914 in einem Schützengraben bei Bouconville, Frankreich.

(Die Danteserie wird nach einer kurzen Reise nächste Woche fortgesetzt)

Dantes Schwert

Zustand

dieser Wehgarten Dantes Schwert Vögelchen
in Alters-
wildnis / -widmung
fliegt August Mond / -mund
und läßt
schreckliche Ohrentrunkenheit / Tritt-
spur »wie schön dich ankommen hören« aller
Frühlinge Sommer
obskure Baum Zeichen blaues
Schmerz-
auge aber wie Zirbe
hart!
nämlich versagter Speise
         »vasennacht« bin zu
Gefangenschaften / Beere
Beerung / entbeeren / pflücken
Mohnblumenblatt
Lippe (h) und
Hauch /
Reise zur Welt /
Leier und Laute
(ein Kind nur eben so geboren)
und schreiend / seine Zähne der grüne
Flaum von Haselnüssen

Friederike Mayröcker

Aus: Mein heimliches Auge. Tübingen:  KONKURSBUCHVERLAG Claudia Gehrke, 1982, S. 163

Schatten meines eignen Denkens

Ich könnte bis Weihnachten weitermachen mit Dante (und noch die letzten vergraulen, die sowieso nicht mitlesen). Aber gut, vielleicht 2 oder 3 noch. Aber heute: Ramón de Campoamor, spanischer Dichter, geboren am 24. September 1817. Àxel Sanjosé hat ein Gedicht für uns übersetzt:

¡Ay! ¡Ay!
Más cerca de mí te siento
cuando más huyo de ti,
pues tu imagen es en mí,
es en mí,
sombra de mi pensamiento,
sombra de mi pensamiento.
¡Ay! Vuélvemelo a decir,
vuélvemelo a decir
pues embelesado ayer
te escuchaba sin oír
y te miraba sin ver,
y te miraba sin ver. ¡Ay!

Ach! Ach!
Näher fühl ich mich bei dir,
umso mehr ich von dir flieh,
denn dein Bild das ist in mir,
ist in mir,
Schatten meines eignen Denkens,
Schatten meines eignen Denkens.
Ach! Sag’s noch einmal zu mir,
sag es noch einmal zu mir,
gestern nämlich, ganz betört
lauscht ich dir, ohne zu hörn
schaut’ dich an ohne zu sehn,
schaut’ dich an ohne zu sehn. Ach!

Die Auswanderung der Dichter

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1934 bezieht sich doppelt auf Dante: zuerst im biographischen Fakt des Exils: Dante floh und Brecht floh. Zum andern aber steckt im „Dichterkatalog“ dieses Gedichts eine danteske Struktur: der neue Dichter schreibt sich in die Geschichte der Weltpoesie ein wie der ältere, der sich von Vergil durch die Hölle führen läßt.

DIE AUSWANDERUNG DER DICHTER

Homer hatte kein Heim
Und Dante mußte das seine verlassen.
Li-Po und Tu-Fu irrten durch Bürgerkriege
Die 30 Millionen Menschen verschlangen
Dem Euripides drohte man mit Prozessen
Und dem sterbenden Shakespeare hielt man den Mund zu.
Den François Villon suchte nicht nur die Muse
Sondern auch die Polizei
»Der Geliebte« genannt
Ging Lukrez in die Verbannung
So Heine und so auch floh
Brecht unter das dänische Strohdach.

Ein paar Jahre später faßte er die Situation schärfer. Die Schlußzeile vom dänischen Strohdach wanderte in das Mottogedicht der Sammlung „Svendborger Gedichte“, der „Dichterkatalog“ aber verwandelt sich in eine echte Comedia-Szene. Die verbannten Dichter sitzen in ihrem speziellen Bereich der Hölle, in Hörweite der verbannten Lehrer. Wie Vergil für Dante übernimmt nun Dante für Brecht, den noch lebenden, die Führung.

BESUCH BEI DEN VERBANNTEN DICHTERN

Als er im Traum die Hütte betrat der verbannten
Dichter, die neben der Hütte gelegen ist
Wo die verbannten Lehrer wohnen (er hörte von dort
Streit und Gelächter), kam ihm zum Eingang
Ovid entgegen und sagte ihm halblaut:
»Besser, du setzt dich noch nicht. Du bist noch nicht gestorben. Wer weiß da
Ob du nicht doch noch zurückkehrst? Und ohne daß andres sich ändert
Als du selber.« Doch, Trost in den Augen
Näherte Po Chü-i sich und sagte lächelnd: »Die Strenge
Hat sich jeder verdient, der nur einmal das Unrecht benannte.«
Und sein Freund Tu-fu sagte still: »Du verstehst, die Verbannung
Ist nicht der Ort, wo der Hochmut verlernt wird.« Aber irdischer
Stellte sich der zerlumpte Villon zu ihnen und fragte: »Wie viele
Türen hat das Haus, wo du wohnst?« Und es nahm ihn der Dante bei Seite
Und ihn am Ärmel fassend, murmelte er: »Deine Verse
Wimmeln von Fehlern, Freund, bedenk doch
Wer alles gegen dich ist!« Und Voltaire rief hinüber:
»Gib auf den Sou acht, sie hungern dich aus sonst!«
»Und misch Späße hinein!« schrie Heine. »Das hilft nicht«
Schimpfte der Shakespeare, »als Jakob kam
Durfte ich auch nicht mehr schreiben.« – »Wenn’s zum Prozeß kommt
Nimm einen Schurken zum Anwalt!« riet der Euripides
»Denn der kennt die Löcher im Netz des Gesetzes.« Das Gelächter
Dauerte noch, da, aus der dunkelsten Ecke
Kam ein Ruf: »Du, wissen sie auch
Deine Verse auswendig? Und die sie wissen
Werden sie der Verfolgung entrinnen?« – »Das
Sind die Vergessenen«, sagte der Dante leise
»Ihnen wurden nicht nur die Körper, auch die Werke vernichtet.«
Das Gelächter brach ab. Keiner wagte hinüberzublicken. Der
Ankömmling
War erblaßt.

Brecht, Große Berliner und Frankfurter Ausgabe. Frankfurt/Main und Berlin: Suhrkamp und Aufbau. Bd. 14, 1993, S. 256. Bd. 12, 1988, S. 35f