Das Gedicht selber

„Der Dichter ordnet die Sprache in kurzen Sätzen.
Was über ist, ist das Gedicht selber.“

Ernst Herbeck

Ernst Herbeck, dem „stillen Poeten“ unter den „wilden“ Gugginger Künstlern, widmet das Gugginger Museum 24 Jahre nach seinem Tod die erste große biografische Schau. Bericht von Michaela Fleck, Niederösterreichische Nachrichten

Ingolds Einzeiler

Bleibt als Erlösung ein einziger Fehler. Nämlich der! der ein Tier ist unter soviel Göttern.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Indonesische Lyrikszene

Beate Tröger: Wie ausgeprägt ist die indonesische Lyrikszene?

Martin Jankowski: Auch wenn kaum jemand Bücher kauft (die im tropischen Klima selten lange halten): Lyrik ist populär. Tageszeitungen und Internetforen sind voll davon, Rezitationswettbewerbe und Lyrikvertonungen gehören zum Kulturprogramm an Festtagen, fast jeder Indonesier kann viele Verse auswendig. Hunderte Lyrikfestivals und -gruppen bleiben allerdings in lokalen Kulturen verankert und werden national selten wahrgenommen. Wir Zaungäste bekommen eher die Szene von 200 bis 300 akademischen Lyrikern aus den Großstädten zu Gesicht, die hoch angesehen, sind aber nur von einer Minderheit gelesen werden.

Wir haben neulich das Gedicht eines Bauernsohns gehört, das von seinem Autor Agus R. Sarjono quasi singend vorgetragen wurde. Ist diese Rezitation typisch für indonesische Gedichtlesungen?

Typisch ist ein Hang zum dramatischen Vortrag: Den Text nüchtern vorzulesen, wie wir es bevorzugen, gilt als armselig und langweilig – ein guter Poet ist auch ein guter Rezitator. Ob man dabei singt, tanzt oder noch anderes tut, bleibt den Poeten überlassen; es geht darum, einen persönlichen Vortragsstil zu entwickeln. Indonesische Lyriker sind oft auch Performance-Künstler, eine Eigenart, die sie bei westlichem Publikum oft verbergen.

Welchen Lyriker oder welche Lyrikerin würden Sie zur Einstimmung in die indonesische Poesie besonders empfehlen?

Und warum?

Weil sich Indonesiens Literatur, wie ich schon angesprochen habe, durch eine Vielfalt der Stimmen und Stile auszeichnet, lässt sich kaum Typisches empfehlen. Zwei Namen sollte man aber kennen, wenn man sich mit Indonesiens Poesie beschäftigt: Chairil Anwar (1922–1949) war der erste bedeutende moderne Dichter Indonesiens, ein eindringlicher und lakonischer Poet. Der einflussreichste Gegenwartsdichter war W. S. Rendra (1935–2009), ein Dichter, Dramatiker und Theatermann, unter dessen Einfluss die gesamte heute tätige Lyrikszene Indonesiens steht. Und denjenigen, die sich einen ersten Überblick über die indonesische Gegenwartslyrik verschaffen möchten, empfehle ich diedeutschsprachige Sonderausgabe von Indonesiens führendem Lyrikmagazin Jurnal Sajak. / Freitag 42

sasakananas: INDONESIEN MATERIAL. gedichte und notate Martin Jankowski
Leipziger Literaturverlag 2015, 120 S., 14,95 €

 

Lange nicht gelüftet

[Durs Grünbein] ist mit dem Flieger aus Rom gekommen, wo er lebt. Was bekommt er aus Deutschland mit? „Ich verfolge das wie ein Länderspiel“, sagt er. Also: Welche Fanbewegungen gibt es, wo kommen die alle her, die ausgerechnet in Dresden den Schulterschluss derer bilden, die sich für das Volk halten? Und die die schöne Kulisse für ihren nationalistischen Kokolores nutzen. „Wenn ich Stadtoberer wäre“, sagt Grünbein, „würde ich die Marke schützen und dafür sorgen, dass die nicht hier an den touristischen Hotspots aufmarschieren.“

Denn wie absurd ist das? Eine Stadt, die einmal zu den großen des durch Königshöfe und feudale Kulturexporte vernetzten Abendlandes gehörte, als Austragsort für Leute, die in ihrem Größenwahn alles kleiner haben wollen? Dabei wirbt die Stadt mit dem größten aller Liebhaber, der sich seinerzeit in Dresden, wie Grünbein sagte, die Geschlechtskrankheit holte. Und sind die Dresdner Marketing-Leute nicht zu küssen für den Slogan, der für die Benutzung der Straßenbahn mit diesem Satz wirbt: „Nur Casanova kam hier öfter?“

Auch diese elegante Reverenz ist ja eine Form des Bürgerstolzes. „Wenn man Lokalpatriotismus messen könnte, hätte Dresden den größten Ausschlag“, sagt Grünbein. Der Stolz auf den Mythos Dresden, das 1945 von Fliegerbomben pulverisiert wurde, er hängt natürlich auch mit dieser Zerstörungsarie zusammen. „Das war nicht einfach der Untergang einer Stadt, das war Pompeji und Ninive – etwas ganz Großes.“ Für unverwundbar hätten sie sich lange gehalten, die Dresdner. Obwohl am Stadtrand die Rüstungsindustrie angesiedelt war, die Feinmechanik für die Kriegsmaschine. Am Ende standen sie aber eben doch auf der Bombardierungsliste. Aber Dresden wurde wieder aufgebaut, und es ist beinahe so schön, wie es mal war. Nach der Wende fühlte sich die halbe Republik zuständig für das Schätzchen an der Elbe, und es waren nicht nur Ostdeutsche, die ihre Frauenkirche wieder stehen sehen wollten. Also bitte noch einmal: Warum ist das plötzlich der Ort der Degradierten und Unzufriedenen geworden – was hat euch denn so bitter gemacht?

Durs Grünbein fragt das als jemand, der die Grundierung dieser Stadt kennt; er ist hier 1962 geboren, wuchs im Vorort Hellerau auf – eine Kindheit zwischen Künstlerdorf und Großstadt, er beschreibt sie in seinem neuen Buch „Die Jahre im Zoo“, das demnächst bei Suhrkamp erscheint. Grünbein erlebte hier die letzten Jahre der DDR, er sah, wie die Proteste in Dresden 1989 besonders brutal eingedampft wurden. Aber es gab eben auch den „Zorn der Eingeschlossenen“, wie Grünbein die Entladungen nennt, die letzten Endes die Stadt befreit hatten. Und jetzt sagt Grünbein den Satz, der einen umgehend durch die noble Drehtür des Kempinski ins Freie fegt: „Diese Stadt ist seit 1989 nicht mehr richtig gelüftet worden.“ / Hilmar Klute, Süddeutsche Zeitung

Gegenkritik

Darf ein kritisierter Autor sich gegen eine Kritik wehren? Bertram Reinecke schreibt:

Eine Gegenwehr gilt anders als in der Aufklärung z.B. als eine Verletzung der Regel und so hätte ich geschwiegen, obwohl die Mängel Ihrer Rezension mir in bestimmten Punkten exemplarisch vorkommen.

Zur Erinnerung:

Am 20.8. veröffentlichte Bettina Hartz bei Fixpoetry eine harsche Kritik an dem von Bertram Reinecke herausgegebenen Band „Mara Genschel Material“ unter dem harschen Titel „RAUS!“, Untertitel:

Zu Mara Genschel gibt es jetzt Material – das man lieber links liegen lassen sollte. Um stattdessen mit ihren Lyrikproduktionsverfahren die Stadt als Referenzfläche zu erobern

In der Lyrikzeitung hatte ich die Kritik am 30.8. kommentiert. Jetzt meldet sich der Verleger und Herausgeber wiederum bei Fixpoetry mit einer ausführlichen und meinem Urteil nach wohlbegründeten Antwort, sein Titel: „RAUS! Raus-lesen? Erst einmal: Lesen!“. Ein Auszug:

Ob man das Buch links liegen lassen sollte, muss der Leser beurteilen. Aber es geht an Mara Genschels Werk vollkommen vorbei, mit ihren Verfahren die Straße erobern zu wollen. Mara experimentiert ja gerade damit, Weisen der Wandgestaltung im öffentlichen Raum (Streetart ist ein hohes Wort, “Schmierereien” sind  mitgemeint) in das System Tinte (and more) auf Papier zu übertragen. Was verändert sich, wenn diese symbolischen Strategien das Medium wechseln? Wie interagieren sie mit anderen Zeichenbeeinflussungs- bzw. Rezeptionsgewohnheiten? Es kann schon sein, dass Ihnen diese Fragen egal sind 7 und dass Sie Streetart irgendwie cooler finden als z.B. Gedichte. Aber was hat das mit Literaturkritik zu tun?

Dieser Lapsus wäre Ihnen übrigens nicht unterlaufen, wenn Sie das Gespräch Schüttler – Boege – Genschel genauer gelesen hätten, dort diskutiert man solche Fragen. Unter den Dingen, die Sie als unwichtig, einfach stehengeblieben usw. abkanzeln, haben Sie also Dinge übersehen, die Ihrer Kritik unentbehrlich gewesen wären. Ich muss Ihnen im Grunde wohl nicht erklären, wie inadäquat ihr Vorschlag ist. Ihnen dürfte bereits aufgefallen sein, dass es abstrakte Streetart zwar gibt, Abstraktion dort aber viel seltener ist als in anderen Künsten. Das hat seinen Grund: Will Streetart mit einem Vorübergehenden in Kommunikation treten, muss sie schnell sein, unmittelbar, subkutan wirken. 8Genau dieses unmittelbare Einverständnis hat Mara Genschel für sich als problematisch erkannt. Im Dialog mit Schüttler und Boege entwickelt sie ihre Intuitionen, sieht in zeitgenössischen Komponisten, die den Mut haben, ihr Publikum zu nerven, ihr Vorbild, und versucht in ihren Auftritten, wie in den Referenzflächen, wo das komplizierter ist, solche Verfahren in andere Ausdrucksformen hinüber zu retten. Sie spielt in dieser Liga mit, sie ist eine ausgebildete Musikerin, die einschmeichelnde Stile von Zigeunermusik bis zu klassischen Violinkonzerten beherrscht und über Kompositionserfahrung von Pop bis zeitgenösscher Musik verfügt. Literarisch ist ihre Auseinandersetzung mit Ausdrucks- und Verweigerungsstrategien von Futurismus- Lettrismus bis hin zu Thomas Bernhard und Kling aktenkundig.9 Die Lektüre der Publikationsliste am Ende des Buches hätte Ihnen nützliche Winke geben können. Sie “diffamieren” Mara Genschel lieber als “ungebildet”.10  Sehr daneben – es sei denn, Sie meinten mit “Bildung” die Anpassung an einen gepflegt kulturvoll zurückhaltenden Habitus. Wenn Mara Genschel keine leichtrezipierbare, leichtkritisierbare Kunst auf dem Silbertablett reicht, muss Ihnen das nicht liegen. Aber tun Sie doch bitte nicht so, als hätte Mara Genschel ein spezifisches Problem, als wäre explizit Mara Genschel an etwas künstlerisch gescheitert. Es gibt Menschen, die finden Auftritte von Mara Genschel sogar unterhaltsam.

Lyrikpapst

Er dichtet, postet, bloggt. Anton G. Leitner brennt für die Lyrik und bekommt jetzt den bayerischen Kulturpreis

(…) Anton G. Leitner ist durch und durch Idealist – und ein Besessener in Sachen Lyrik. Seit fast vier Jahrzehnten hat er sich dieser Leidenschaft verschrieben. Im deutschsprachigen Raum gilt er mit seiner Zeitschrift „Das Gedicht“ als der Lyrikpapst schlechthin. An diesem Mittwoch (28. Oktober) erhält er für seine Verdienste um die Poesieden „Bayerischen Poetenaler“ der Literatenvereinigung Münchner Turmschreiber.

/ dpa/Bayerische Staatszeitung (Alle Informationen, Meinungen und Fehler gehören der Quelle. Nebenan kann man die politischen Meinungen der Leser / Klicker der Bayerischen Staatszeitung studieren.)

Lee Harwood (1939-2015)

Poet and climber, Lee Harwood is a pivotal figure in what’s still termed the British Poetry Revival. He published widely since 1963, gaining awards and readers here and in America. His name evokes pioneering publishers of the last half-century. His translations of poet Tristan Tzara were published in diverse editions. Harwood enjoyed a wide acquaintance among the poets of California, New York and England. His poetry was hailed by writers as diverse as Peter Ackroyd, Anne Stevenson, Edward Dorn and Paul Auster.

Lee Harwood was born months before World War II in Leicester. An only child to parents Wilfred and Grace, he lived in Chertsey. He survived a German air raid, his bedroom window blown in across his bed one night as he slept. His grandmother Pansy helped raise him from the next street while his young maths teacher father served in the war and on to 1947 in Africa. She and Grace’s father inspired in Lee a passion for stories.

Delicate, gentle, candid and attentive – Lee called his poetry stories. Iain Sinclair described him as ‚full-lipped, fine-featured : clear (blue) eyes set on a horizon we can’t bring into focus. Harwood’s work, from whatever era, is youthful and optimistic: open.‘

(…)

His eye for Surrealism led him, aged 24, to seek the Dada poet Tristan Tzara in Paris in 1963. He gained Tzara’s blessing for his translations. The American poet John Ashbery had already enjoyed ten years in Paris before he met Harwood in 1965. Their relationship triggered a lifelong bond. Elements of a very changed life, of European and American friendships flowered in The Man With The Blue Eyes.

Lee Harwood’s title illegible was published in London by sound poet Bob Cobbing’s Writers Forum in 1965. Then New York poets Lewis Warsh and Anne Waldman at Angel Hair issued The Man With The Blue Eyes. This carried a preface by John Ashbery: ‘Lee Harwood’s poetry lies open to the reader, like a meadow. It moves slowly toward an unknown goal, like a river. It is carelessly wise, that is, wise without knowing or caring what wisdom is.’ 

/ Tom Raworth

In München

Juror Andreas Heidtmann schreibt im Poetenladen über seine Eindrücke vom Finale des Lyrikpreises München. Auszug:

Viel­leicht war es der zwanzig­jährige Jonas Gawinski, der die spannends­te Lesung des Abends bot. Einige Schwächen in der Durch­arbei­tung seiner Gedichte waren zwar offen­kundig – womit noch einmal auf den unein­heit­lichen Status der Ein­reichungen ver­wiesen sei –, aber sein Ton, die Inten­sität, auch einige origi­näre Bilder fanden Beifall. Man dürfe auf gar keinen Fall – so Àxel San­josé – solche Texte einfach schleifen oder glätten, um sie dann als fehler­freie Gebilde dem all­gemeinen Lyrik­fundus zu überant­worten. Alle beschei­nigten dem sympathi­schen Autor Potenzial, auch wenn er an diesem Abend noch stark die „Klaviatur der Mut­willig­keiten“ (Andreas Heidtmann) bediente. Die Ein­dring­lichkeit, mit der er man­che gran­dios gedachte Fügung las, ließ sogar kurz den Verdacht aufkommen, hier werde den Anwe­senden eine Parodie auf die Lyrik geboten. Doch dafür wiederum, so eine andere Jurystimme, seien die Gedichte eben „doch nicht kitschig genug“, mit anderen Worten: zu gut.

Der in München lebende Autor SAID gehört zu den namhaften Lyrikern, die zahlreiche Publi­kationen vorweisen können und sich als Schrift­steller seit langem einen Namen gemacht haben. Der Juror Wolfram Malte Fues zeigte sich be­eindruckt von den Gedichten, die mit be­wusster Spar­samkeit lyrische Räume öff­neten und sich formal in eine große Tradition einreihten. Dass in diesen fast herme­tischen Gebilden plötzlich der Komponist Sergei Wassil­jewitsch Rach­maninow auftauchte – und zwar mit Vor- und Nachnamen! –, empfand der Juror als kleinen Makel, während andere Juroren die Herein­nahme solch surreal an­mutender Elemente als ein Auf­brechen der starken Geschlossen­heit sahen.

Mit schönem Under­statement trug Dominik Dombrowski seine Gedichte vor. Ein­hellig bescheinigte ihm die Jury, dass sein Gedicht Serenade äußerst geglückt sei, womit es zu einer Art „Gedicht des Abends“ avancierte. Hier findet ein lakonischer Ton mit der Chrono­logie eines gemein­samen Alterns auf selbst­verständl­iche Weise zu­sammen. Vom Kennen­lernen beim Swing „In the Mood“ bis hin zu Krankheit und De­menz zeichnet dieses lebens­abendliche Stück eine alternde Liebe nach – ob der musika­lische Begriff der Serenade die Tonlage des Gedichts trifft, mag dahin­gestellt sein, man hätte auch an eine Ballade denken können. Insgesamt gefiel der leise melan­cholische Sound in den Gedichten Dominik Dombrowskis, wobei andere Gedichte in ihrer Detailarbeit nach Meinung der Jury nicht an die Serenade heran­reichten. Doch dieses Gedicht allein war sicher schon ein guter Grund, Dominik Dombrowski mit dem 2. Preis aus­zu­zeichnen.

(…) Dass viele Zeilen von Ron Winkler nach Ron Winkler klangen – kein Einwand. Stärker wog das Ar­gument, dass bei der unge­bremsten Lust an kühner Bild- und Wort­findung manche Über­dreht­heit drohte – bis hin zum (bewussten) Kalauer – und gelegent­lich eine Ver­lieb­theit ins eigene Können durch­schien. Die Wendung „nimm den nächsten Papst zum Mars“ wurde moniert. Auf der anderen Seite An­erkennung für den inneren Zu­sam­men­halt dieser Gedichte, die auf einmalige, intuitive und intel­ligente Weise Sprache formieren, montieren, neu­erfinden, die mit viel Ele­ganz, mit gestreu­ten Alli­tera­tion, Asso­nanzen, ja, ver­schie­dentlichen Ana­gram­mie­run­gen spielen, auch Gesell­schafts­kritik ein­beziehen, ob nun sarkas­tisch oder nicht, wie in jenen Zeilen über die Stadt, „die even­tuell nur ein Gewerbe­gebiet ist / mit sehr viel Wohnraum“. Oder auch: „Die Analyse zeigt, dass wir uns lieben.“ Frappie­rende Wirk­lich­keiten, die wie Absur­ditäten klingen. Oder umgekehrt. Ron Winkler erhielt den 1. Preis.

Lyrikpreis München vergeben

Das Finale des Lyrikpreises München 2015 fand am 24. Oktober um 19 Uhr im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig statt.

Es lasen (Reihenfolge ausgelost):

Özlem Özgül Dündar, Leipzig
Dominik Dombrowski, Bonn
Ron Winkler, Berlin
Karla Reimert, Berlin
SAID, München
Jonas Gawinski, Braunschweig

Die Preise gingen an

  1. Preis: Ron Winkler
  2. Preis: Dominik Dombrowski

Die Jury bestand aus:

Wolfram Malte Fues (Germanist, Lyriker, Zürich),
Andreas Heidtmann (Verleger Poetenladen, Leipzig),
Hendrik Jackson (Lyriker, Hg. lyrikkritik, Berlin)
Àxel Sanjosé (Lyriker, Texter, Lehrauftrag an der LMU, München)
Daniela Seel (Lyrikerin, Verlegerin kookbooks, Berlin)

Poetopie

die Wörter fliegen auf – schwirren in riesigen Schwärmen umher, machen Jagd auf empfängliche Augen und Ohren

Hansjürgen Bulkowski

Dichterin Charlotte Grasnick

Vielleicht ist die Dichterin Charlotte Grasnick in Peru bekannter als in Thüringen, wo sie aufwuchs und 2009 als Nachfahrin Friedrich Fröbels auf dem historischen Friedhof in Keilhau bei Rudolstadt beigesetzt wurde. Vielleicht ist sie in Berlin, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Dichter Ulrich Grasnick seit 1975 die Lesebühne der Kulturen Adlershofund das „Köpenicker Lyrikseminar“ leitete, bekannter. Das Paar hat über seine Freundschaft zum peruanischen Dichter Quevedo in Lateinamerika viel veröffentlicht. / Thüringische Landeszeitung

Scharlachnatter, Sehnsuchtshighway

«Brustlandschaften», Sehnsuchtshintersassen» und «Hoffnungskerzen» – des Wieners Robert Schindels Liebe zu Komposita aller Art dokumentiert den Reichtum der deutschen Sprache. «Versintern», das heisst im Rahmen der Dichtung, ist in seinem neuen Lyrikband «Scharlachnatter» alles möglich: Verschwindende Tote werden in Sprache verwahrt, auf dem «Sehnsuchtshighway» reifen Geliebte zur Vollkommenheit, alte Freunde tauchen als Gespenster auf. Was längst verloren geglaubt ist, kann in der «Besilbung» wiedergefunden werden. Nicht das Reale ist Massstab der Wahrnehmung, sondern einzig das aus der «Seelenfalte» entsprungene «Wortding». / Björn Hayer, Neue Zürcher Zeitung

Robert Schindel: Scharlachnatter. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015. 100 S., Fr. 29.90. D: 20,95 €
A: 21,50 €

Dichtung als „mögliche Welt“

In seinem 1951 veröffentlichten Essay über „Probleme der Lyrik“ qualifiziert Gottfried Benn die Sprachkunst der Moderne als ein strenges Handwerk, das sich zwar hauptsächlich an formale Kriterien halte, dabei aber, bei all seiner Willkür, stets auf den Grundimpuls eines „dumpfen schöpferischen Keims“ angewiesen bleibe. Worte, so heisst es bei Benn, gehören zum Rüstzeug des Autors, sie müssen von ihm vollkommen beherrscht und „artistisch“ eingesetzt werden. Dennoch sind sie mehr als nur sprachliches Roh- und Baumaterial ‒ „sie sind einerseits Geist, aber haben andererseits das Wesenhafte und Zweideutige der Dinge der Natur“. Das ist eine eher vage Funktionsbestimmung, ist eher Behauptung denn Erklärung, doch wie wäre das „Dumpfe“, das „Schöpferische“ definitorisch zu fassen, ohne es in seiner unentwegt „keimenden“ Lebendigkeit und Wirkungskraft einzuschränken?
In der künstlerischen Literatur kommt auktoriale Willkür ganz offenkundig zum Tragen, Willkür – zum Beispiel ‒ bei der Durchsetzung von zeiträumlichen Fakten, Verhältnissen und Abläufen, die in der erfahrbaren Realität „unmöglich“, in der Möglichkeitswelt jedoch durchaus „real“ sind. Der literarische Autor, ob Grosschriftsteller, hermetischer Lyriker oder unbedarfter Schreiberling, kann zum Beispiel, wie Alexandre Kojève einst in Bezug auf „das Buch“ generell ausgeführt hat, „jenen Hund unter diesen Tisch setzen, selbst wenn beide in diesem Augenblick durch eine Entfernung von tausend Kilometern voneinander getrennt sind. Nun ist aber diese dem [sprachlich verfassten] Denken eigene Macht, die Dinge zu scheiden und wieder zu verbinden, tatsächlich ‚absolut‘, denn keine wirkliche verbindende oder abstossende Kraft ist mächtig genug, um sich ihr zu widersetzen.“
Auf solche Art, meint Kojève, schaffe und gestalte der Autor als schöpferischer Mensch innerhalb der real gegebenen („natürlichen“) Welt eine mögliche („kulturelle“) Welt, die ebenso singulär und konsistent sei wie jene. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich künstlerische Autorschaft durchaus als eigenmächtiges Schöpfertum begreifen, dessen Hervorbringungen, möglich und real zugleich, einen spezifischen, zutiefst paradoxalen Wirklichkeitsstatus haben. Mit dem Sozialphilosophen Albert O. Hirschman könnte man in diesem Zusammenhang von einer besondern Spielart des „Possibilismus“ reden, der die Erforschung der Wirklichkeit konsequent mit der Befragung der in ihr angelegten Möglichkeiten verbindet.
Doch schon bei Robert Musil findet sich (in „Der Mann ohne Eigenschaften“) die Forderung, den empirischen Wirklichkeitssinn durch den „Möglichkeitssinn“ dezidiert zu erweitern, das heisst eine sinnliche Fähigkeit zu entwickeln, „alles, was ebensogut [wie die Wirklichkeit] sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“. Am höchsten sieht Musil diese gemeinhin unterschätzte Fähigkeit bei Kindern und Träumern entwickelt; am ehesten müssten aber Künstler und Literaten dafür disponiert sein, sich auf Möglichkeitswelten nicht nur einzulassen, vielmehr solche auch zu schaffen.

aus: Felix Philipp Ingold, „Autorschaft und Weltenschöpfung: Von der Wirklichkeit möglicher Welten in der Literatur“ (VOLLTEXT, 3/2015).

In Saudi-Arabien

Weltweites Aufsehen erregt (…) der Fall des Bloggers Raif Badawi, dem trotz aller Proteste weitere Auspeitschungen drohen. Ein im Ausland dagegen kaum bekanntes Opfer der Zensurpolitik ist der weit ältere und im Land sehr geschätzte Publizist Zuhair al Kutbi, der seit Juli in Haft sitzt – ohne Angabe von Gründen.

Trotz aller Zensur ist die saudische Medienlandschaft heute so lebendig wie noch nie. In Saudi-Arabien gibt es derzeit rund zweitausend elektronische Zeitungen, von denen nur etwa ein Drittel gültige Genehmigungen besitzt. So zumindest die Version des Kultur- und Informationsministeriums, das unlängst mit der Ankündigung für Aufsehen sorgte, viele dieser Internetportale schließen zu wollen. Ein Großteil davon, so die Begründung, werde wegen Fixierung auf lokale und Stammesangelegenheiten den nationalen Interessen des Landes nicht gerecht. Und häufig seien ihre Betreiber journalistisch nicht ausreichend qualifiziert.

(…)

Anfang August hat das Blatt [„Al Riyadh“] angesichts der steigenden Popularität des Frauentheaters, das aber nach wie vor nur Geschlechtsgenossinnen besuchen dürfen, für „Theateraufführungen für die ganze Familie“ plädiert – ein mögliches Signal dafür, dass bald auch in Saudi-Arabien gemeinsame Theaterbesuche von Männern und Frauen erlaubt werden sollen. Die kulturelle Wende, für die das saudische Theater nur ein Beispiel ist, war im August auch auf dem jährlich stattfindenden Okaz-Festival in Taif bei Mekka nicht zu übersehen. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die an die dortige mittelalterliche Tradition arabischer Dichterversammlungen anknüpft, wurde ein einstündiges Theaterstück aufgeführt, in dem zu Beginn der legendäre vorislamische arabische Dichter Labid als noch junger Mann auftrat und eines seiner Werke vortrug (zum Islam ist Labid der Überlieferung nach erst später übergetreten, was hier wohlgemerkt nicht thematisiert wird). Anschließend stürmten zu Swingmusik westlich gekleidete Tänzer auf die Bühne, die den Auftritt der eigentlichen Protagonisten des Stücks ankündigen: Es waren der libanesisch-amerikanische Schriftsteller Amin al Rihani (1876 bis 1940), sein arabischer Kollege Nofal und die berühmten französischen Orientforscher Charles Huber und Antoine-Isaac Silvestre de Sacy, die auf der Bühne al Rihani bezüglich eines Gedichtfragments von Labid um Rat angingen. Der Autor des Bühnenwerks, der Saudi Saleh Zamanan, schickte dann alle vier auf eine Zeitreise. Dabei begegneten sie dem älteren Labid, der, über die Dichtkunst philosophierend, das Fragment seines Gedichts aus jungen Jahren fortschrieb.

Die dargestellten westlichen Orientalisten, bei arabischen Konservativen eher verhasste Figuren, beeindrucken in dem Stück durch ihre Gelehrtheit: Der ihnen auf diese Weise in Taif entgegengebrachte Respekt gilt wohl dem Westen insgesamt, dem sich Saudi-Arabien mit wachsendem Eifer kulturell anzunähern versucht. / Joseph Croitoru, FAZ

Fantastic year for poetry

TS Eliot poetry prize shortlist

“This is a fantastic year for poetry, with the highest amount of entries submitted in the history of the prize, and an exceptional number of outstanding collections,” said Petit, who was joined on the panel of judges by fellow poets Kei Miller and Ahren Warner. “This made our task of choosing the shortlist tricky – many that didn’t make it are books we love. But we were unanimous about our final list, the books my distinguished fellow judges and I picked all awed and excited us with their ambition, verve and technical mastery.”

The winner of the award will be announced on 11 January, and will receive a cheque for £20,000, donated by the TS Eliot Estate.

The shortlist in full

Mark Doty – Deep Lane (Cape Poetry)
Tracey Herd – Not in this World (Bloodaxe)
Selima Hill – Jutland (Bloodaxe)
Sarah Howe – Loop of Jade (Chatto & Windus)
Tim Liardet – The World Before Snow (Carcanet)
Les Murray – Waiting for the Past (Carcanet)
Sean O’Brien – The Beautiful Librarians (Picador)
Don Paterson – 40 Sonnets (Faber)
Rebecca Perry – Beauty/Beauty (Bloodaxe)
Claudia Rankine – Citizen: An American Lyric (Penguin)

/ Guardian