Geist über Kunst

Moderation von Peter Geist zur Lesung von Thomas Kunst im Peter-Huchel-Haus am 17.11.

In diesem Jahr erlaubt sich der gerade 50 Jahre alt gewordene Thomas Kunst, den geneigten Leser mit gleich zwei neuen Büchern betören zu wollen, einer als „Roman“ deklarierten „Freie Folge“ und einem „best of“ seiner mehr als dreißigjährigen Lyrikproduktion. Beide Neuerscheinungen stehen heute im Zentrum unseres Interesses.

„Nenn es, wie du willst. Aber mach es / mit Liebe“ Dieser Vers aus einem meiner Lieblingsgedichte von Thomas Kunst, der „Nizeser Apathie“, dünkt mir Poetik in nuce, Leitfaden durch das Werk und Gebrauchsanleitung für das Lesen in einem zu sein. Ich erlaube mir deshalb, diesen Satz daufhin auseinanderzunehmen, in welcher Weise er das Oeuvre des Dichters anleuchtet:

a) “Nenn es”: Thomas Kunst ist ein Meister des Benennens. Seine rhetorischen und metaphorischen Figuren stützen sich vornehmlich auf Substantive und Substantivkonstruktionen. Haupt- und Dingworte nannte man man früher die Substantive, und fürwahr: Ähnlich wie in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ werden immerfort Dinge erschaffen, die, miteinander verbunden, Narrationsinseln bilden, dann Kontinente, Galaxien. Dabei fällt die Häufung von zwei Arten von Nennwörtern ins Auge: Zum einen sind es Worte, die möglichst genau bezeichnen können: Deutsche Jagdverordnungen, rumänische Geographie und Geschichte, Produktionsabläufe in einer Zuckerfabrik, grönländische Traditionen – ich staune über ein Detailwissen, das akribisch in die Texte gestreut wird. Zum anderen sind es Aromaworte oft exotischer Provenienz, Worte, die Musik sind, die leuchten oder schmecken, allen voran die Namen von Figuren, Briefadressaten oder angeredeten Dus in der lyrischen Rede.

b) „wie du willst“: Nie lässt Thomas Kunst den Leser /Hörer im Unklaren darüber, dass die Absicht des Benennungswerkes eine demiurgische ist. Wenn die narrativen Passagen und Bruchstücke unabdingbar für Verständnisreferentiale sind, so bilden sie gleichsam den Pflichtpart, dem die Kür als spielerisches Entgrenzungsgeschehen im Kunst-Lauf folgt. Deshalb setzt Kunst in der Prosa epipherische Warnzeichen als Wiederholungsfigur a la „X zu beschreiben, würde zu weit führen“ oder „und was weiß ich noch alles“ (S. 175). Denn hingelenkt werden soll auf die tollen Sprünge, Pirouetten, auf die waghalsigen Spiralen und anmutigen Gleitbewegungen, die vor den Augen des geneigten Lesers vollführt werden, Labsal, Leichtigkeit, Entzückung schenkend. Die „Freie Folge“ ermutigt zu freiem Folgen unglaublichster Kunst-Stücke eines „Sinnlichkeitsgauklers“ (Nachwort Gedichte)

c) „Aber mach es“: Kunstens Literatur ist eine, die ihr Gemachtsein nicht verbirgt, im Gegenteil. In „Freie Folge“ stellt er seine Handwerkszeuge in einer Offenheit aus, die jeden Gattungstheoretiker schier zur Verzweiflung bringen müsste: Genrebild und action-Passage, kursivierte Brieftexte, Escort-Anzeigen und Sonette, Litanei und Langgedicht werden munter verwirbelt, und natürlich ist der Leser angehalten, bei jedem Genrewechsel zu fragen, warum, warum macht er das? Ja, auch um das Machen selbst vorzuführen! Dann aber führt ein literaturgeschichtlicher Verweisungszweig unweigerlich zur „progressiven Universalpoesie“, in der sich die literarischen Gattungen gegenseitig durchdringen wie in die Gefilde der Philosophie, Ästhetik und spezialisierten Wissensgebiete mäandern. Kühne Gegenentwürfe zu einer durchrationalisierten, vertikal wie horizontal kleinteilig spezifizierten Lebens- und Arbeitswelt, wie sie Ende des 18. Jahrhunderts erstmals aufschien und im 21. Jahrhundert zur Scheinperfektion gebracht wurde, immerfort bedroht durch ihre Schattenseiten der Entfremdung von der Natur und dem anderen, von den Arbeitsinhalten und Sinngehalten menschlichen Tätigseins. Und wie Novalis´ Heinrich von Ofterdingen ist Thomas Kunst ein Sänger des Humanen, nur dass er statt mit der Leier mit der E-Gitarre zugange ist und um alle Modernisierungen der Sprachwerkzeuge weiß. Wie bei Novalis aber ist das gemacht ausgestellte Wortwerk immer auch ein Gegenentwurf zur Außenstellung des Menschen durch die instrumentalisierten Werkworte.

d) „mit Liebe“: Das Wort „Liebe“ ist das Zentralgestirn in Kunstens Poesie-Kosmos. Er selbst bekennt im Nachwort der vorliegenden Gedicht-Auswahl: „Aber man hat heute größere Chancen, vom Literaturbetrieb wertgeschätzt zu werden, wenn man bildungsgesättigte, traditionsbemühte, wissenschaftsanbiedernde und dechiffrierbare Themen verhandelt, als sein ganzes Leben lang nur Liebesgedichte und Tiergedichte zu schreiben. Ein Gedicht ist für mich ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste irritieren. Nüchternes Metapherngeflimmer in beruhigter Normalsprache, die blinkt.“ Ergänzt sei, dass die Tiergedichte vorzugsweise von Tieren im und am Meer handeln, also Wale, Robben und Hunde, dass die Minidramen der erfüllten oder verschmähten Liebe sich vorzugsweise ereignen in Hafenstädten, auf Inseln und am Meeresstrand.

Die Islams

Aus dem Interview, das Maike Albath mit dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis führte:

Was sagen die arabischen Intellektuellen in Paris…?

Sie haben sich soldidarisch erklärt mit der französischen Bevölkerung … sie waren genauso betroffen wie alle anderen. Darf ich Ihnen eine Gegenfrage stellen: Warum hat Europa soviel Zeit in Anspruch genommen bis es aufgewacht ist und festgestellt hat, daß dieser Terror so fürchterlich ist…

Über „den“ Islam:

Es gibt nicht nur einen Islam … diese Islams von denen ich jetzt spreche sind nicht homogen, sie … unterscheiden sich in wesentlichen Punkten des Verstehens des Islam. Wenn ich jetzt nachforsche in der Geschichte des Islam, bin ich sehr erfreut, wenn ich feststelle, dass kein einziger großer Dichter dieser Geschichte überhaupt an Islam geglaubt hat. Denn der koranische Text war ja gegen die Dichter, und der Islam, der koranische Text, meine ich, hat diese Dichter einfach isoliert und gesagt, diese Dichter sind nicht in der Lage, die Wahrheit zu sagen. Aber die Dichter waren auch gegen den koranischen Text.“

Aus Sure 26 (Die Dichter):

Soll ich euch sagen, zu wem sich die Satane herabbegeben?

Zu den vermessenen, sündigen Lügnern.

Sie hören den Satanen zu, und die meisten von ihnen sind Lügner.

Den Dichtern folgen die Verführten.

Siehst du nicht, daß sie sich in allen Fächern (der Dichtkunst) herumtreiben,

und daß sie sagen, was sie nicht tun?

Quelle

Adonis widerspricht

Im Deutschlandradio Kultur äußerte sich Adonis zu der vorgebrachten Kritik von Navid Kermani, Stefan Weidner und Najem Wali an seiner Person. Er müsse zunächst feststellen, dass diese Kritiker seine Publikationen nicht gelesen hätten, kritisierte Adonis:

„Außerdem ist zu bedauern, dass diese Personen leider Positionen bezogen haben, die auf Unwissen begründet sind. Sie haben Entscheidungen getroffen, die sie nicht begründen können. Ich habe zwei Bücher geschrieben, in arabischer und in französischer Sprache. Diese sollen bitte diese zwei Bücher lesen.“

Adonis verwies außerdem auf drei Zeitungsartikel, in denen seine Positionen deutlich werden würden. Er habe schon früher von der „religiösen Militarisierung“ gesprochen und davor gewarnt, dass ein solches Phänomen sowohl im Iran als auch in der ganzen arabischen Welt entstehen könnte:

„Deswegen schäme ich mich für die Personen, die Sie soeben erwähnt haben. Dass sie eine Position beziehen, ohne zum Beispiel diese drei Artikel gelesen zu haben. Deswegen sage ich, dass ihre Position, ihr Standpunkt auf der Basis des Unwissens und der Lüge beruht.“ 

Der Schriftsteller ging auch auf die politische Lage in seinem Heimatland Syrien ein. Sie beinhalte mehr als nur das Regime und die Opposition:

„Die Situation in Syrien ist eine Auseinandersetzung internationaler Mächte. Und ich bin gegen das Regime und gegen die Opposition. Das sind einfach zwei Gesichter einer Münze. Keiner von denen hat irgendetwas Fortschrittliches vorzuweisen. Keine der beiden Seiten spricht von einer laizistischen, zivilisierten Gesellschaft. Und keiner von ihnen setzt sich dafür ein, dass die Frau emanzipiert wird.

Wenn der Westen in der arabischen Welt Demokratien durchsetzen und unterstützen wolle, müsse er auch dafür sorgen, dass das Volk entscheiden könne, wer Präsident werde und welche Form ein Regime haben könne, forderte Adonis:

„Denn einen Präsidenten zum Beispiel mit Gewalt zu vertreiben und einen Präsidenten mit Gewalt an die Macht zu hofieren – das ist genau das, was manche Regime in der arabischen Welt tun. Das ist kein Respekt. Das ist keine Demokratie. Und das ist kein Respekt vor Menschen und ihre Rechte. Es ist leider eine andere Form von Willkürlichkeit.“   

/ Der Dichter Adonis im Gespräch mit Maike Albath, DLR

„Weiterschreiben“

Die Berner Lyrikerin Andrea Maria Keller erschafft mit wenigen Worten vielschichtige Klangräume. Am Mittwoch erhält sie für ihre Funde ein «Weiterschreiben»-Stipendium.

Die Preisfeier «Weiterschreiben» fand am Mittwochabend um 20 Uhr in der Aula des Progr in Bern statt.

Der Bund schreibt u.a. über die wortschatzkarten der Autorin:

Das Sprachbergwerk der Andrea Maria Keller wartet aber noch mit anderen Funden auf: Ihre listigen Wortneuschöpfungen, die den geistigen Nährwert einer «vorstellungskraftsbrühe» aufweisen und die verspielt-subversive Seite dieser Lyrikerin ins schönste Licht rücken.

«Mich hat damals eine veritable Wortspielsucht ergriffen», sagt die Autorin, «ich sammelte Hunderte von Wörtern und Kombinationen, und konnte gar nicht mehr aufhören.» Sie zwang sich dann zur Beschränkung: Unter dem Titel «tagesdiebesgut» hat sie im vergangenen Jahr eine Box mit 99 «wortschatzkarten» veröffentlicht. Auf jeder Karte steht ein Wort, je eine Zusammensetzung zweier an sich bekannter, unspektakulärer Wörter, die fusioniert mitunter explosive semantische Energien freilegen: Da prallen Kraftfelder aufeinander, neue Bedeutungsebenen werden geschaffen, der Leser verlässt vertrautes Denkterrain und macht sich auf, unbekannte Vorstellungswelten zu erkunden. Da werden Neuschöpfungen in ein anderes Land geschmuggelt, wo sie sich vielleicht langsam in den Köpfen einnisten, allmählich in den Sprachgebrauch übergehen und eines Tages sogar die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern werden – man darf gespannt sein, wann eine Wortkreation von Andrea Maria Keller erstmals im Duden auftauchen wird.

Die «Weiterschreiben«-Stipendien der Literaturkommission der Stadt Bern gehen in diesem Jahr an Dagny Gioulami, Andrea Maria Keller, Reto Finger und an den Verein Buchowski. Mit den Stipendien will die Kommission Autoren ermutigen, ihre Arbeit weiterzuführen.

Sie verleiht die mit je 10’000 Franken dotierten Stipendien aber auch an Literaturvermittler. Der Verein Buchowski ist laut einer Mitteilung der städtischen Präsidialdirektion in den letzten Jahren mit vielen Initiativen zur Leseförderung in Erscheinung getreten und wird deshalb geehrt. / Der Bund

Voice of the refugee crisis

Poet Warsan Shire is the new voice of the refugee crisis.

Like Jean Jullien’s Paris peace sign, screengrabs of Shire’s poems are exploding across the social mediaverse, as users look for ways to express grief over the Syrian refugee crisis and, more recently, the Paris attacks.

Born in Kenya in 1988 to Somali parents, Shire moved to London when she was one. She writes about the immigrant experience in a spare, accessible style reminiscent of Martin Niemoller’s “First They Came For…”, which became popular in the decade after World War II.

While Shire has received major awards and accolades, including the Young Poet Laureate of London in 2014, she is very much a poet of the digital age. She has popular Twitter and Tumblr profiles where she posts her work. In the New Yorker, Alexis Okeowo said her poetry “will surface in one of your social media feeds and often be exactly what you needed to read, or what you didn’t know that you needed to read, at that moment.” / Mikaela Lefrak, The New Republic

Notes on Post-Conceptual Poetry

FELIX BERNSTEIN’S debut essay collection, Notes on Post-Conceptual Poetry, is not what you would expect from a 23-year-old, Brooklyn-based writer and artist. This is not a book of cosmopolitan post-internet lyric poetry. Instead, Notes begins with a long essay (including an appendix and footnotes) that mockingly critiques the various trends in American experimental poetry since the 2000s, charting the Conceptual Poetry scene that has revolved around Kenneth Goldsmith, Christian Bök, Craig Dworkin, Vanessa Place, Caroline Bergvall, Kim Rosenfeld, and Rob Fitterman.

Born in 1992, Bernstein swerves in and out of the scenes he discusses, the millennial conditions he diagnoses, and the “new sincerity” he critiques. His own self-suspicion flippantly resists the notion of network building that his father, Charles Bernstein, so neatly perfected with his original publication of the journal L=A=N=G=U=A=G=E in the 1970s (and then later with his institutional curatorial projects — the Electronic Poetry Center and PennSound). His attitude puts him at odds with some of his peers. Bernstein takes to task those urbane poets who, in his view, attempt to update the New York School and pledge allegiance to coterie and art in the name of queerness and subversion. Yet he self-consciously makes these same moves himself. / Cassandra Seltman, Los Angeles Review of Books

Brouheidig

„Brouheidig verkleama / head se fast so o, / ois ob koana mehr woaß, / wos des hoaßt/ und grad a so,/ ois obs as / no nia gem hod.“ Ist nicht schlimm, wenn Sie zu den Leuten gehören, die mit den ersten zwei Wörtern nichts anfangen können. Vielleicht kennen Sie „brouheidig“ auch schon aus Marcus H. Rosenmüllers Kinofilm „Räuber Kneißl“. Da kommt das seltsame Dialektwort nämlich in einer kurzen Szene vor. Sonst nirgends, auch nicht in Andreas Schmellers Bayerischem Wörterbuch.

Kann es auch nicht, weil Rosenmüller „brouheidig“ einfach erfunden hat. Das Wort sei ihm so passend wie kein anderes erschienen, sagte er einmal. Und dass er hoffe, das Wort werde überleben, auch wenn er in ferner Zukunft vergessen sei. Um letzteres zu sichern, hat er es vermutlich unter dem Titel „Vom Aussterm bedroht“ in seinem neuen Gedichtband wieder eingebaut, übrigens in einem der ganz wenigen Dialektgedichte in „Samuel Knotterbeck“ (Lichtung Verlag). / Süddeutsche Zeitung 11.11. S. 50

Als feindliches Element

Doch [Horst] Samson pflegt keine traditionsreiche Nostalgie der Geschichte des Banats, das Ende des 17. Jahrhunderts mehrheitlich von Deutschen mit Zentrum in Timisoara, dem deutschen Temeswar, besiedelt und von den wechselnden europäischen Mächten beherrscht wurde. Im Gegenteil. Als ehemaliger Autor und Redakteur der deutschsprachigen „Banater Zeitung“ und der Literaturzeitschrift „Neue Literatur“ gehörte er einer literarischen Gruppe deutschsprachiger Autoren an, die nicht nur aufgrund ihrer kritischen Texte selbst unter den deutschen Banatern als „Nestbeschmutzer“ für Skepsis sorgten.

Die Banater Autoren gerieten bald ins Visier der geheimen Staatspolizei – der Securitate. Ungeachtet dessen erhielt Samson 1981 den Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes und ein Jahr darauf den Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturpreis.

Samsons Lyrik kann nicht nur aus dem Elfenbeinturm heraus rezensiert werden. Sie ist Teil der hierzulande noch immer wenig beachteten deutschsprachigen Literatur des europäischen Ostens vor dem kulturellen Zerfall des Sowjetimperiums. Nicht nur werden kritisch die tradierten Formen einer verlorengegangen Heimat hinterfragt. Auch sucht und findet der Autor Anschluss an die westliche Kulturszene.

Seine Lyrik bricht mit dem traditionellen sozialistischen Werten, sucht neue Wege, etwa bei Paul Celan aber auch bei den aufmüpfigen DDR-Autoren der politischen Lyrik um Wolf Biermann – und verletzt Tabus. Am Ende sitzt er zwischen den Stühlen einer morbiden Tradition der Anpassung oder dem Gefängnis der allmächtigen Krake der Securitate.

Als „feindliches Element“ soll Samson „mit allen Mitteln, über die wir verfügen, bearbeitet werden“, heißt es in einem Securitate-Bericht vom Juni 1982. Samson packt mit seiner Familie die Koffer und reist 1987 aus. / Kurt Sänger, Frankfurter Neue Presse

Wohl doch ermordet

Die Regierung von Chile hat eingeräumt, dass der Nobelpreisträger Pablo Neruda nach dem Putsch von 1973 doch ermordet worden sein könnte – und nicht im Krankenhaus an seiner Krebserkrankung gestorben sei. Das Innenministerium gab Ende letzter Woche ein Statement heraus, in dem von einem Regierungsdokument aus dem März dieses Jahres die Rede ist. In der Zeitung El País wurde daraus zitiert. Demnach sei es höchst wahrscheinlich, dass eine dritte Partei für Nerudas Tod verantwortlich gewesen ist. Über Nerudas Tod wird schon seit Jahren spekuliert und nachgeforscht, eine Untersuchung der Leiche hatte allerdings keine Spuren giftiger Substanzen erbracht. / Süddeutsche Zeitung 10.11.

Der Freigeist

Friedrich Nietzsche hatte das Zeug zu vielem, darunter auch zum Lieblingsdichter der Deutschen. Einige seiner Gedichte werden seit über 100 Jahren, seit den Zeiten von Bethge und Avenarius, in der Kaiser- und Republikzeit, Nazizeit, frühen Adenauerzeit und bis in unsere Zeit, bis Conrady, Detering, Echtermeyer und Ulla Hahn, anthologisiert. „An der Brücke stand“ (auch „Venedig“) wird lyrisch, einfach indem man den Kontext wegläßt, in dem es bei Nietzsche zuerst erschien: in einer philosophischen Schrift als Teil einer scharfen Polemik gegen die deutsche Musik (Zauberformel: Kontext weg und: Lyrik!). Ein anderes Lieblingsgedicht ist „Vereinsamt“, jeden Herbst wiederverwendbar:

Vereinsamt

Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg‘, Vogel, schnarr‘
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck‘ du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Ein Herbstgedicht, ein heimliches Heimatgedicht von Nietzsche!

Entstanden ist das Gedicht im Herbst 1884, veröffentlicht wurde es in dieser Form (Satzzeichen hab ich jetzt nicht überprüft) zuerst 1894, von Nietzsche nicht autorisiert, denn der war ferne, nicht mehr dabei. Eigentlich hat es zwei weitere Strophen (und verschiedene Titel, darunter: Der Freigeist). Ältere Anthologien und auch einige neuere veröffentlichen es oft in dieser verkürzten Form. Es scheint irgendwie geschlossener, gelungener so. Die weggelassenen beiden Strophen und besonders die letzte erscheinen manchmal selbst kundigen Literaturwissenschaftlern als „nicht die ästhetisch gelungenere(n)“. Sie lauten mit Zwischenüberschrift:

Antwort

Daß Gott erbarm‘!
Der meint, ich sehnte mich zurück
In’s deutsche Warm,
In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!

Mein Freund, was hier
Mich hemmt und hält, ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!

Peng! Alle lyrische Illusion zerstört! Nietzsches Gedicht ist ein garstiges. Entkontextualisierung hilft, sie macht aus garstigen, polemischen Texten zeitlich-überzeitlichem Geschmack kommensurable ewige lyrische Perlen. Halt so „Ästhetik“, Stuben-Glück.

(Triggerwarnung für Studenten und KritikerInnen mit Sekundärliteraturallergie)

Weiterlesen

Dichter vs. General

Hochdramatisch verlief die Wahl in Myanmar, wo die lange unterdrückte Demokratiebewegung 387 Sitze gewann, die vom Militär unterstützte Regierungspartei dagegen nur 42. Am eindrucksvollsten war vielleicht der Sieg des Dichters und früheren politischen Gefangenen U Tin Thit, der gegen den ehemaligen Verteidigungsminister antrat und gewann. In seinem Wahlbezirk leben mehr als 7000 Soldaten und 2000 Polizisten. Dennoch errang er einen knappen Sieg mit nur 176 Stimmen mehr als sein Kontrahent. Ein Streit im Florida-Stil [als Greifswalder übersetze ich: Greifswald-Stil] begann. Der General, der mit dem Leiter der Wahlkommision zusammen gedient hatte, verlangte eine Wiederholung der Auszählung. Anwälte halfen dem Dichter, indem sie darauf verwiesen, daß laut Wahlgesetz eine Nachzählung nur bei Stimmengleichheit zulässig ist. Nach stundenlanger Beratung bestätigte die Wahlkommission das Ergebnis. [In Greifswald dauerte es fast ein halbes Jahr, bis der grüne Wahlsieger im Amt bestätigt wurde, und prompt legte der unterlegene CDU-Bausenator Klage ein.]

Der 49jährige Tin Thit beteiligte sich 1988 als Student an der Demokratiekampagne gegen die Militärdiktatur und wurde mit tausenden verhaftet. Sieben Jahre blieb er im Gefängnis. Zur Ursache seines Sieges sagt er: „Den Menschen wurde 50 Jahre lang ihre Würde vorenthalten. Sie wollten sie zurück.“

Landesweit waren 10 Dichter unter den Kandidaten der Nationalen Liga für Demokratie, daneben u.a. 54 Bauern, 22 Lehrer und nur 13 Politiker. In Myanmar gibt es eine starke Verbindung zwischen Lyrik und Politik. Lyrik nahm in den 50 Jahren der Diktatur die Funktion an, unter der Zensur in Sklavensprache die Wahrheit zu sagen.

Tin Thits letztes Gedicht, geschrieben während der Wahlkampagne:

Democracy Wish

Tonight
The moon is all alone
It’s so alluring and making me dizzy,
I wish all the rooftops would light up with the full moon’s brightness.
But I do not need to pray because my wish is already granted.

/ Thomas Fuller, New York Times 15.11.

Imprisoned Writers: Amanuel Asrat (Eritrea)

Where two brothers pass each other
Where two brothers meet each other
Where two brothers conjoin
In the piazza of life and death
In the gulf of calamity and cultivation
In the valley of fear and peace
Something resounded.

The ugliness of the thing of war
When its spring comes
When its ravaging echoes knock at your door
It is then that the scourge of war brews doom
But…
You serve it willy-nilly
Unwillingly you keep it company
Still, for it to mute how hard you pray!
‘ኣበሳ ኲናት (The Scourge of War)’ by Amanuel Asrat, translated by Tedros Abraham

Award-winning Eritrean poet, critic and editor-in-chief of the leading newspaper ዘመን (Zemen, meaning The Times), Amanuel Asrat, was arrested at his home on the morning of 23 September 2001 amid a crackdown on state and private media. It is believed that he is being held without charges or trial. The limited information available suggests that Asrat is detained in the maximum security prison, Eiraeiro, north of Asmara. PEN International believes that Asrat’s detention is politically motivated and is an attempt by the Eritrean government to stifle critical voices, including comment on its conflict with Ethiopia.

(…)
Amanuel Asrat is credited for the Eritrean poetry resurgence of the early 2000s. Along with two friends, he created a literary club called ቍርሲ ቀዳም ኣብ ጠዓሞት (Saturday’s Supper) in 2001. This club set a precedent for the emergence of similar literary clubs in all major Eritrean towns. Asrat is also a well-known poet and songwriter. His writings dealt with subjects ranging from the daily life of the underprivileged to war and peace topics. His work provided a negative insight towards conflict, an uncommon approach among popular Eritrean wartime poetry.

His award-winning poem ኣበሳ ኲናት (The Scourge of War) alluded to the then ongoing border dispute with neighbouring Ethiopia, describing the blood shed by two brothers. In the summer of 1999, the poem was awarded a prize by the National Holidays Coordinating Committee, run by the People’s Front for Democracy and Justice which organises official celebrations, commemorations and festivals around the country. The prize given is regarded as one of the most prestigious in Eritrea in terms of literary and artistic awards. The committee outlined the uniqueness of Asrat’s poem for standing sharply against war.

The newspaper ዘመን (Zemen, meaning The Times) where Asrat worked, had become the leading literary newspaper in the country and was run by a circle of critics who helped shape the cultural landscape of the country. His work in the newspaper was well-known as Asrat was the most popular art critic of his time in the country.

Please send appeals:

  • Demanding that the fate of all detained journalists be immediately clarified by the Eritrean authorities and that those still alive should be released immediately and unconditionally.
  • Protesting the detention of poet and journalist Amanuel Asrat on politically motivated grounds and without known charges or trial since 2001.
  • Expressing concern for Asrat’s health as detainees are believed to have suffered ill treatment, probably torture and lack of access to medical care, as highlighted by the reported deaths of four journalists in;

Appeals to:

President
His Excellency, Isaias AfewerkiOffice of the President,P.O.Box 257,Asmara,EritreaFax:  + 2911 125123
Minister of Justice
Hon. Minister of Justice Fawzia Hashim
P.O.Box 241
Asmara,
Eritrea
Fax: + 291 1 126422

/ PEN international

Literarisches Greifswald (1)

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Ecce Civis
„In diesem Hause fand die Erstaufführung von Chr. Morgensterns Ecce Civis unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin“, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

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Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Das
Das jetzige Haus von vorn

Poetopie

Tod im Bataclan – wohin jetzt mit unserer Trauer?

Hansjürgen Bulkowski

GANZ WAS ANDERES

seitwärts duch landschaften durch terz (innen) durch ganG
der schlaf keine schlafe’nd ohnmachten im alphabeet dA
250.000 sollen nun zum „ganz frischen“ windschlachteN
état de siège heißt nicht staatssieg heißt etwas ganZ

und gar anderes für das nicht das gesetz von pawloW
gilt es verteidigungsbereite reime zu wringen auf auA
endets marseillaiseabsingen’nd triskaidekaphobikerS

tanz doch einmal deine trauer beginnt mit jA
auf dem friedhof verstecken sich die nackteN
kluge köpfe (if you don´t like whats being saiD
verteidigen derweil unser allah nachrichtenwertE
change the conversation) wie 1 weltmeisterlicheR
trikolore-shareholder der bemerkt nicht das voiceE
over dieser calembourgeoisie kriegsblindende KunS