Schräges Denken

Carolin Callies die 35 Jahre junge Lyrikerin, hat den Thaddäus Troll Preis der baden-württembergischen Autoren gewonnen… Natürlich hätte sie damit rechnen können, denn diesen Preis erhalten nur Autorinnen und Autoren, die zuvor schon Stipendiaten des Verbands deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg waren. Aber dass ihr Debut-Band „Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten“ so überzeugte, das hat sie nun doch überrascht.

(…) Viel Phantasie, Witz, Lust am Wort, Lust am Rhythmus und am schrägen Denken – das ist es, was die neue Thaddäus Troll Preisträgerin auszeichnet. / Annette Lennartz, SWR 2

Info: Zu erleben ist Carolin Callies am 1.12. 2015 in Esslingen (Literaturtage), am 3.12. 2015 in Heidelberg, (Karlstorbahnhof) mit ihrem Band „Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten“, erschienen bei Schöffling & Co, 19.50€. Der Thaddäus-Troll-Preis wird am 30. November 2015 In Stuttgart vergeben.

ROTE KRÄNE

Ein Abend mit Lesungen von Natalia Azarova (Text) und Hendrik Jackson (Text und Bild), unter Teilnahme von Petr Kolpakov (Musik).

Sonntag, 29.11. 20:00 Uhr

Ausland

Lychener Strasse 60, 10437 Berlin

Es sind zwei Premieren:

  • Zum ersten Mal liest in Berlin die russische Lyrikerin Natalia Azarova ihre aktuellen Texte mit neuen Übersetzungen ins Deutsche. Die Lesung ist auf Russisch und Deutsch mit Leinwandprojektionen. Begleitet wird der Auftritt durch die eigens dafür geschriebene Komposition von Petr Kolpakov.
  • Außerdem präsentiert Hendrik Jackson im Bild, Video und mit neuen Texten seine aktuellen Eindrücke aus Sibirien! Die Bilder für die Sound-Foto-Collagen stammen vom Fotografen Heinrich Voelkel.

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr.
Eintritt 5 EUR

  • Natalia Azarova, geboren 1956 in Moskau, ist Lyrikerin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte an der Philologischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität und ist Doktor (habil.) der philologischen Wissenschaften. Sie leitet das Zentrum für Lyrikforschung am Institut für Sprachwissenschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften. Als Lyrikerin debütierte sie 2004. Sie veröffentlichte ihre Texte in Zeitschriften wie „Novyi Mir“, „Vozdukh“, „Kreschatik“ u.a. Bis jetzt veröffentlichte Natalia Azarova 5 Gedichtbände. Sie war auf der Short-list des Andrej-Belyj-Preises (2010 für humanistische Forschung und 2012 für Lyrik).www.natalia-azarova.com
  • Hendrik Jackson wurde 1971 geboren, aufgewachsen in Münster/Westfalen, studierte an der HU-Berlin Filmwissenschaft, Philosophie und Slawistik. Er lebt als Lyriker und Übersetzer in Berlin, ist Mitinitiator von Lesungen und Aktionen z.B. www.parlandopark.wordpress.com, sowie als Herausgeber verantwortlich für www.lyrikkritik.de. Jackson wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er erhielt unter anderem das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium, den Wolfgang-Weyrauch-Preis beim Leoce-und-Lena-Wettbewerb, den Förderpreis der GWK Münster und den Förderpreis Literatur des BDI (2006), sowie den Förderpreis zum Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2008) und das Stipendium des Berliner Senats (2013).


  • ausland – Territory for experimental music, performance and art
    Lychener Str. 60, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg

    Lyrik im ausland
    Alexander Filyuta & Tobias Herold
    www.ausland-berlin.de/lyrik-im-ausland
    https://de-de.facebook.com/LyrikImAusland

    Vom Wenn

    In ihrer Rede zur Verleihung des Weilheimer Literaturpreises 2015, dem zentralen Text ihres Prosabandes, vergleicht Nora Gomringer ihrer beider literarischen Modernitätsbegriffe und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: «Jetzt, mit 35, ist mir vollkommen klar, wie reaktionär und konservativ mein Welt- und Gedankenkonstrukt ist im Vergleich zu dem meiner Eltern.» Und einige Sätze zuvor: «Vielleicht ist lediglich die Art, wie ich schreibe, rebellisch, wenn man es in Bezug setzt zu den klaren, konzentrierten Texten des Vaters. Ich bin viel barocker, ausholender im dichterischen Gestus. Ich bin dazu recht laut.»

    Wer sich indes ihr Libretto «Drei fliegende Minuten» genauer anschaut, der findet dann doch ein Gedicht, das in seiner monochromen Textur aus der Schule der konkreten Poesie stammen könnte. Das «kleine Lied vom Wenn» präsentiert zeilenweise einen Konditionalsatz, der in eine Tautologie übergeht. Schöner hätte es auch Eugen Gomringer nicht formulieren können: «Wenn ich gross bin, bin ich gross / Wenn ich klug bin, bin ich klug / Wenn ich reich bin, bin ich reich / Wenn ich dich find, find ich dich / Wenn ich alt werd, werd ich alt / Wenn ich tot bin, bin ich tot». / Michael Braun, NZZ

    Nora Gomringer: ach du je. Sprechtexte. Verlag Der gesunde Menschenversand, Edition spoken script, Luzern 2015. 160 S., Fr. 25.90. Nora Gomringer: Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren. Texte & Reden. Verlag Voland & Quist, Dresden 2015. 176 S., Fr. 23.90. Nora Gomringer tritt gemeinsam mit Najem Wali und Peter Bichsel auf im literarischen NZZ-Podium «‹Die Welt retten› – Ein Abend über das Erzählen». Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 26. November, um 18 Uhr 30 im Schauspielhaus Zürich statt.

    Lyrik als Organelle

    Es lässt sich, zusammengefasst, einiges über dieses schmale Bändchen sagen, viel mehr aber mit ihm. Filips‘ „Scheiße-Engel“ gehört noch in diese Ordnung von Gedichtbänden, die in den siebziger und achtziger Jahren viel häufiger gewesen zu sein scheinen: Lyrik, die sich als Teil geisteswissenschaftlicher Diskurse versteht; Lyrik nicht so sehr als „Teil“ von Akademia, sondern vielmehr als „Organelle“, die das Weltanschauungs- und Gefühls-Plankton zwischen Akademia und Kunst-/Kneipen-/Schlafzimmer-Welt hin- und her-schaufelt; Lyrik, für die ein anderer Katalog an Gewissheiten gilt als im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert sonst üblich.

    Nehmen wir den „Scheiße-Engel“ als (mehr oder minder) heiteres Supplement zu (mehr oder minder) anstrengenden Lacan-Lektüren; oder sagen wir überhaupt gleich: Als mögliche Sammlung „lyrischer Schautafeln“, um rein diskursive Abhandlungen postfreudianischer kritischer Psychoanalyse ein wenig zu erden. / Stefan Schmitzer, Fixpoetry

    Christian Filips
    Der Scheiße-Engel
    Eine Analyse
    Verlag Peter Engstler
    2015 · 44 Seiten · 14,00 Euro
    ISBN: 978-3-941126-80-0

    Doofe Kalauer, schlechte Verse

    Beim DLR gehts ja richtig zur Sache. Hier zu Judith Holofernes. Harsch? Gar kein Ausdruck:

    Jeder noch so doofe Kalauer wird mitgenommen und in Knittelverse gequetscht. Selbstverständlich immer mit Endreim, mehr oder weniger zumindest. Die Autorin nimmt es nicht so genau: „nass“ – „Spaß“; „Nachbarn“ – „Krach gern“; „Schecks – Dreck“

    Beim Gedicht Tuberkelhokko – eine Hühnerart – tut die Lektüre zum ersten Mal richtig weh:

    „Machst nichts locker vom Hokko
    Bist kein Rokko!“

    Das sind Schmerzen, die ein paar Seiten später bei der Heineverhunzung Schaf in einen Wutanfall münden:

    „Denk ich an Deutschland in der Nacht
    hab ich kaum je ein Schaf gebraucht
    Eh jenes sich zum Sprung aufmacht
    Bin ich schon in den Schlaf geschlaucht.“

    / André Hatting, DLR

    Judith Holofernes: Du bellst vor dem falschen Baum
    Klett-Cotta (Tropen), Stuttgart 2015
    104 Seiten. 17,95 Euro

     

    Nicht nichts

    Harsch das Urteil Gregor Dotzauers über die Gedichte Raoul Schrotts:

    Die Gedichte, die darauf reagieren, sind oft nicht viel besser. Sie feiern das Diesseits mit syntaktisch braven Zeilenbrüchen in den Beschwernissen des Alltags, und sie sprechen durch die verschiedensten Rollen hindurch: vom Pizzabäcker bis zum Schlachter, von der Kassiererin bis zur einsamen Endvierzigerin. Das Problem ist auch, dass man in ihnen ständig den Dichter selbst hört, der krampfhaft zu sich in Distanz treten will – und doch nicht über Preziositäten hinauskommt:

    „das carnet de passage unserer vorläufigen existenz
    bietet für solch subjektive notizen den reim
    der folgenden zu allem passenden sentenz: jeder tag ist eine reise * und in ihr bist du daheim“.

    Weisheiten fürs Poesiealbum, weit entfernt von einem poetischen Denken, wie es im 20. Jahrhundert etwa T.S. Eliot mit seinen von Norbert Hummelt gerade neu übersetzten „Vier Quartetten“ bis an seine Grenzen geführt hat.

    Noch peinlicher wird es, wenn sich Schrott auf erotisches Terrain begibt:

    „so dass nicht mehr zu spüren ist wo ich aufhöre
    und sie beginnt * vögeln nachfliegen
    in den spalt wie aus ihm wachsen * als felsföhre
    aufgebogen an ihr: vögeln * verliegen“.

    Den Todesstoß versetzt solchen Versen, sie unter Auskostung ihrer forcierten Endreime einmal laut vor sich hinzurappen. So metrisch vage und in der Länge unrhythmisch schwankend, wie sie sind, klingen sie wie bildungsüberhöhter Poetry Slam.

    Raoul Schrott kann nicht nichts. Er kann soviel, dass er seinen Mangel an Originalität unter einer blitzenden Metaphernfirnis so elegant versteckt, dass seine Rezensenten ihn bisher todernst genommen haben.

    Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Gedichte
    Carl Hanser Verlag, München 2015
    168 Seiten, 17,90 Euro

     

    PEN-Zentrum protestiert

    Das deutsche PEN-Zentrum unterstützt und wiederholt die Forderung des Internationalen PEN, des Englischen PEN und des amerikanischen PEN-Zentrums nach der sofortigen Freilassung des palästinensischen Lyrikers Ashraf Fayadh, der wegen seines angeblichen “Abfalls vom muslimischen Glauben” in Saudi-Arabien zum Tode verurteilt wurde. Die Entscheidung der saudischen Justizbehörden muss umgehend zurückgenommen werden.

    Ashraf Fayadh (rechts) mit Chris Dercon. (Quelle: Ashraf Fayadh/Instagram)

    Ashraf Fayadh (rechts) mit Chris Dercon. (Quelle: Ashraf Fayadh/Instagram)

    Der PEN ist entsetzt über die Nachricht, dass Ashraf Fayadh, Dichter und Mitglied der britisch-saudischen Kunstorganisation “Edge of Arabia”, zum Tode verurteilt wurde. Berichten zufolge wurde Ashraf Fayadh in einem Wiederaufnahmeverfahren nun zum Tode verurteilt, nachdem zunächst im Mai 2014 eine Strafe von vier Jahren Gefängnis und 800 Peitschenhieben verhängt worden war.

    Erstmals war Fayadh im August 2013 verhaftet worden im Zusammenhang mit seiner Gedichtsammlung Instructions Within. Er wurde auf Kaution freigelassen, aber im Januar 2014 erneut verhaftet. Man warf ihm “Atheismus und Verbreitung von zerstörerischem Gedankengut in der Gesellschaft” vor, im Mai 2014 wurde er dann verurteilt. Die Ablehnung seines Berufungsantrags führte letztlich zu dem Wiederaufnahmeverfahren, das vor rund einer Woche abgeschlossen wurde. Wie der Guardian berichtet, ist Fayadh “absolut schockiert” über die Strafe. Er sagte: “Ich habe nichts getan, das den Tod verdient. / PEN

    PEN urges the Saudi authorities to desist from punishing individuals for the peaceful exercise of their right to freedom of expression. Other cases of particular concern to PEN include the liberal blogger Raif Badawi, winner of the 2015 PEN Pinter Prize for an International Writer of Courage, and his lawyer and brother-in-law Waleed Abulkhair. Badawi has been sentenced to ten years in prison and 1000 lashes, while Abulkhair is serving a 15-year prison sentence. English PEN continues to hold regular vigils for Badawi and Abulkhair outside the Saudi Embassy in London; we are also asking members of the public to pledge to protest in the event that Badawi is flogged again. / http://www.englishpen.org/campaigns/pled…

    Vier Quartette neu übersetzt

    Thomas Stearns Eliot, der gebürtige Amerikaner und geistige Brite, drohte seinen Ruf als einer der ganz großen Neuerer der Moderne zu verlieren, als die „Quartette“ zwischen 1936 und 1942 sukzessive erschienen: zu mystisch und vor allem zu katholisch erschien den Lesern dieser Zyklus aus vier Langgedichten, geradezu antimodern in seiner Grundhaltung.

    Im Aufbau ähneln die „Quartette“ zwar Eliots avantgardistischem Meisterwerk „The Waste Land“. Doch anders als im kühnen Schlüsseltext der lyrischen Moderne, der vielstimmig zwischen Umgangssprache und hohem Ton, zwischen atemlosem Gerede und buddhistischer Rätselhaftigkeit schwingt, verzichtete der Dichter in seiner letzten großen lyrischen Arbeit auf Vielklang und hielt sich eine einzige Stimme. Es ist – suchend, sehnend, spottend, meditierend, resignierend – erkennbar die seine.

    In der neuen Übertragung des Lyrikers Norbert Hummelt werden Eliots schwer zu entschlüsselnde Verse nun ein wenig zugänglicher. Hummelt sucht das Sprechbare und Klingende dieser Lyrik nahe am Original – und gibt damit der deutschen Fassung etwas zurück, das in älteren Übertragungen (wie der von Eva Hesse) zugunsten begrifflicher Setzungen eher zu kurz kam. / Katharina Döbler, DLR

    T.S. Eliot: „Vier Quartette. Four Quartetts“
    Aus dem Englischen von Norbert Hummelt
    Suhrkamp, Berlin 2015
,
    93 Seiten, 19,95 Euro

    Aus böse verschuldeten Tönen dieser weiche / Weltenglitzer

    Ihm ist etwas gelungen, woran viele passionierte Sprachspieler vor ihm gescheitert sind. Trotz der sehr strengen Vorgabe, die Palindrome bedeuten, hat Meyer stellenweise Gedichte von beachtlicher Poetizität verfasst. Novembertage, Restaurantimpressionen, Hormone – alles Texte, die den Leser nicht mit dem üblichen palindromesken Nonsens kujonieren, sondern mit thematischer Kohärenz überzeugen und überdies sogar stellenweise mächtig lyrische Power entfalten wie das Silbenpalindromgedicht Stefan George: »Aus böse verschuldeten Tönen dieser weiche / Weltenglitzer.« Das sind Verse über den Meister, die andere nicht einmal regelfrei hinbekämen! »Elegienobel«, »liberalklare Bildnisse«, »Gendarmspiegelung« – der Band ist voller großartiger Kreationen, die Titus Meyer findet und erfindet trotz und dank seines Prokrustesbetts.

    (…) Und es ist große Kunst, die Meyer zeigt, groß und kompromisslos. In den Buchstabenpalindromen arbeitet er nicht bloß phonemisch, sondern streng graphemisch, das heißt er löst ein »ch« nicht auf in die kontextsensitiven Laute /x/ bzw. /ç/, sondern behandelt sie als Einzelbuchstaben. Damit nicht genug veredelt er seine Texte mitunter sogar mit klassischen Stilmitteln wie der Verswiederholung – und das in einem Buchstabenpalindromgedicht! Da haben berühmte Vorgänger noch gehofft, der Leser möge »so genaue nicht« hinsehen. / André Hatting, Risse H. 35

    Titus Meyer: Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung, Leipzig: Reinecke & Voß, 2015, 88 S., 10,00 €.

    Literarisches Greifswald (2)

    Eine schwarze Phantasie aus Greifswald. Wolfgang Koeppen, der als junger Mann in Greifswald Kafka las, dann die Stadt verließ und Autor wurde. Im Alter erschrieb er sich eine Jugend:

    Ich war Raskolnikow. Ich war einer aus den Dämonen. Der aus dem Kellerloch. Der aus dem Totenhaus. Ich hatte unterm Galgen gestanden. Der Bote war noch einmal gekommen. Begnadigt. Die Schlinge hing locker.
    Ich zündete die Stadt an. Erdmanns Warenhaus brannte. Eine Fackel in der Nacht. Das Rathaus brannte. Meine Stammrolle verbrannte. Das war gut. In Flammen stand das Gericht. Ich öffnete das Gefängnis. Ich verteilte die Waren der Geschäfte an die Armen und die befreiten Gefangenen. Aus Buggenhagens Buchhandlung bekam jeder ein Buch. Das Geld der Sparkasse auf die Straße. Kinder spielten mit den Scheinen, formten Schiffchen, setzten sie in die Gosse.
    Vielleicht liebte ich die Stadt. Ich stülpte sie um. Ich vernichtete ihre Ordnung. Ich störte die Feier.

    Erdmanns Warenhaus
    Erdmanns Warenhaus

    Erdmanns Warenhaus steht an der Ecke des Markts, dem Rathaus gegenüber. In der DDR war es ein staatliches Warenhaus. Nach der Währungsunion war es nicht zu halten. In den 90er Jahren kam es zur Boddenbuchhandlung, später Weiland, heute Hugendubel.

    Erstausgabe von Koeppens "Jugend"
    Erstausgabe von Koeppens „Jugend“

    Gestorben

    1966 schrieb der algerische Dichter Djamel Amrani einen Artikel mit der Überschrift «Messaour Boulanouar, ein ländlicher Walt Whitman», in dem er das immense Talent seines Landsmanns und Kollegen hervorhob. Das Lob wog umso mehr, als es von einem großen Dichter stammte. Beide stammten aus der gleichen Stadt. Diese so besondere Stadt mit dem poetischen Namen Sour El Ghozlane (Gazellen-Bollwerk) brachte Autoren wie Djamel Amrani, Kaddour M’hamsadji, Areski Métref und Messaour Boulanouar hervor.

    Messaour Boulanouar, der nie seine Heimatstadt verlassen hat, wo er 11. Februar 1933 geboren wurde, wurde dort am vergangenen Montag begraben. (…)

    Die Lyrik, die heute so seltsam erscheint, war in seinen Augen ein Akt des Lebens. Wie er zu Tahar Djaout sagte: «Man wird nicht als Dichter geboren, man wird es durch den Kontakt mit der Welt, durch die Ablehnung alles dessen, was unserem Gewissen zuwider läuft.» (Messaour Boulanouar, Un printemps sur la route, par Tahar Djaout, in Algérie-Actualité, n° 797, 22-28 janvier 1981). / Ameziane Ferhani, El Watan

    Poetopie

    in deinen Nerven – angefüllt mit bedrohlichen Nachrichten – tobt schon der Krieg

    Hansjürgen Bulkowski

    Fünfzigtausend Anschläge

    Liebe Dichterin, Lyrikerin, Poetin, Verseschmiedin*, 

    Lieber Verseschmied, Poet, Lyriker, Dichter**,

    die Auswahl- und Lektoratsclique, bestehend aus Katja Horn, Kristin Schulz, Clemens Schittko und mir***, hat alle eingereichten Texte gesichtet. 

    Uns lagen ca. 700 Gedichte von etwas weniger als 100 Einsendern vor. Gedichte, die uns nicht zugesandt wurden, konnten leider nicht berücksichtigt werden.

    Die Auslese wurde nun zu einem Band zusammengestellt, der da heißt:

    Fünfzigtausend Anschläge
    Schwarzbuch der Lyrik 2016
    60 Gedichte von 39 Schreibenden.
    Mit einer Titelgrafik von Joerg Waehner und einem Motto von Christine Sohn.
    Mit Klappentexten von Marina Büttner und Christoph Bruckner sowie einem Einbandzitat von André Hatting.
    Weitere Zitate von Theo Breuer, Peter Engel, David Hoffmann, Eric Ahrens, Herbert Hindringer, Lukas Palamar, Sofie Lichtenstein und Markus Prem.
    Grußworte von Hans Magnus Enzensberger, Cindy aus Marzahn, Marcel Reich-Ranicki, Michael Braun und Johann Wolfgang von Goethe.

    Gedichte von Gerd Adloff, Michael Arenz, Christoph Bruckner, Ann Cotten, Gerald Fiebig, Lütfiye Güzel, Jonis Hartmann, Katrin Heinau, Katja Horn, Lilly Jäckl, Angelika Janz, Alexander Krohn, Jan Kuhlbrodt, Gregor Kunz, Robert Mießner, Pega Mund, Niklas L. Niskate, Hermann Jan Ooster, Bert Papenfuß, Martin Piekar, Kai Pohl, Jannis Poptrandov, Bertram Reinecke, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Jürgen Schneider, Kristin Schulz, Christine Sohn, Michael Spyra, Lutz Steinbrück, Brigitte Struzyk, Su Tiqqun, HEL Toussaint, Tom de Toys, Joerg Waehner, A. J. Weigoni, Ralf S. Werder, Sebastian Wippermann.

    Mit ergänzenden Beiträgen zur Entstehung des Schwarzbuchs.

    Beteiligte Autoren erhalten ein Belegexemplar, weitere Exemplare mit Autorenrabatt

    (Ladenpreis 16 Euro abzüglich 40 % = 9,60 Euro)

    Vorbestellungen zum Subskriptionspreis von 12 Euro unter edk@pappelschnee.de.

    i. A. d. Auswahl- und Lektoratsclique,

    Kai Pohl

    Fünfzigtausend Anschläge
    Schwarzbuch der Lyrik 2016
    1. Auflage 2016
    Herausgegeben von der Epidemie der Künste zu Berlin am See
    Erscheint im Verlag Distillery
    Redaktion: Katja Horn, Kristin Schulz, Kai Pohl, Clemens Schittko
    Titelgrafik: Joerg Waehner
    Gestaltung und Satz: SkafA, Abt. Bornholmer Hütte
    Druck: primeline print berlin
    Bindung:  Reinhart & Wasser, Berlin
    Französische Broschur, 132 Seiten, ca. 20 x 19 cm
    ISBN 978-3-941330-40-5

    *) Wo bleiben die Leserinnen?

    **) Wo bleiben die Leser?

    ***) Kai Pohl

    Dichter zum Tode verurteilt

    In Saudi-Arabien wurde der palästinensischstämmige Dichter Ashraf Fayadh (35) wegen Beleidigung des Islam zum Tode verurteilt. Fayadh, ein führendes Mitglied der saudischen Kunstszene, der saudische Kunst in Großbritannien bekannt gemacht hat und 2013 eine Ausstellung in Venedig kuratierte, wurde zuerst im August 2013 von der Religionspolizei verhaftet. Er war angezeigt worden wegen Lästerung Allahs und des Propheten, Beleidigung Saudi-Arabiens und Verbreitung eines Gedichtbands, der den Atheismus verbreite. Er wurde auf Kaution freigelassen, aber am 1. Januar 2014 erneut verhaftet. Im Februar stand er vor Gericht, zwei Mitglieder der Religionspolizei (mutaween) warfen ihm öffentliche Gotteslästerung, Verbreitung von Atheismus bei Jugendlichen und unerlaubte Beziehungen zu Frauen vor. Fayadh bestritt die Vorwürfe, sagte, er sei ein frommer Moslem, die Frauen, deren Fotos man auf seinem Handy „entdeckt“ habe, seien befreundete Künstler, die Fotos stammten von der Kunstwoche in Jeddah. Das Gericht verdrehte seine Worte und behauptete, er hätte die Beziehung zu den Frauen zugegeben. Es verurteilte ihn zu 4 Jahren Haft und 800 Peitschenhieben.
    Dann sagte man ihm, es würde einen neuen Prozeß mit anderen Richtern geben. Er konnte keinen Anwalt nehmen und der neue Richter sprach nicht einmal mit ihm, sondern teilte ihm nur das auf Todesstrafe geänderte Urteil mit. / David Batty, Guardian

    Mehr:

    • Western ally Saudi Arabia sentenced a Palestinian poet to death for renouncing Islam, salon.com
    • Urteil wegen Glaubensabfalls. Lyriker in Saudi-Arabien zum Tode verurteilt, Neue Zürcher Zeitung

    Anton-Wildgans-Preis für Barbara Hundegger

    „Seit über einem halben Jahrhundert ist dieser Preis nun schon eine Tradition und ein Bekenntnis zugleich – zur Kunst, zur Literatur und zu ihrem Vermögen, uns neue Perspektiven und Einsichten zu eröffnen, sowie uns zu Veränderungen anzuspornen“, erklärte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Christoph Neumayer, Mittwochabend anlässlich der Verleihung des „Literaturpreises der Österreichischen Industrie – Anton Wildgans“ an Barbara Hundegger im Wiener Haus der Industrie. Die Autorin öffne mit ihren Werken seit fast 20 Jahren große Denkräume und erfülle damit eine „wesentliche Aufgabe von Kunst und Literatur für jede Gesellschaft. Auch wir weisen beständig auf die Notwendigkeit von Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hin. Das ist weder angenehm noch bequem – aber es ist notwendig“, zog Neumayer Parallelen zur Industrie.

    „Barbara Hundegger schreibt eine in-medias-res-Literatur, die die Lesenden anpackt, so wie die Autorin die Welt mit ihren Texten anpackt. Ihre Texte konfrontieren uns mit der Realität – laden uns ein, die dialektische Denkweise der Autorin im Erkunden von Welt und Gesellschaft mitzugehen“, stellte die Schriftstellerin Barbara Neuwirth in ihrer Laudatio fest, bevor Barbara Hundegger ihre Auszeichnung entgegennahm. (…)

    Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung wird bereits seit 1962 von einer unabhängigen Jury vergeben. Die Begründung der Jury – bestehend aus Prof. Marianne Gruber (Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur), Univ.-Prof. Dr. Johann Holzner (vorm. Leiter des Brenner-Archivs an der Universität Innsbruck) und Barbara Neuwirth (Schriftstellerin) – für die Auswahl der Schriftstellerin:
    „Barbara Hundeggers hoch artifizielle Lyrik öffnet große Denkräume und leitet durch die Kunstfertigkeit des Dialogischen zu neuen Sichtweisen. Die dabei gestaltete Verbindung von Kunst, Politik und Emotion ist ein literarischer Kommentar zu unserer Welt, dessen kluge Feinheit und poetische Raffinesse faszinieren, überraschen und herausfordern.“

    Der Anton-Wildgans-Preis geht jährlich an eine österreichische Schriftstellerin oder einen österreichischen Schriftsteller der jüngeren oder mittleren Generation, deren bzw. dessen „Schaffen die abschließende Krönung noch erwarten lässt“ und gehört zu den renommiertesten österreichischen Literaturpreisen. Unter den Preisträgerinnen und Preisträgern befinden sich eine Reihe von prominenten Autorinnen und Autoren der Zweiten Republik wie Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Michael Köhlmeier, Arno Geiger, Barbara Neuwirth, Sabine Gruber, Olga Flor und Norbert Gstrein. / buecher.at