Beginnen zu denken

Vor allem aber macht sie [Monika Rinck] Lust aufs Denken. „Das Gedicht ist nicht schwieriger als der Rest unserer Gegenwart“, stellt sie im aktuellen Band „Risiko und Idiotie“ fest. Was im Klartext heißt: Wer Lyrik anstrengend findet, ist bloß faul. Und das sei schade, denn die Beschäftigung mit Gedichten klaue nicht Zeit, ganz im Gegenteil: „Sie gibt (…) Zeit.“ Schließlich seien es „die seltsamen Stunden“, die einem blieben. Ein Gedicht zeige, „wie schön es ist, immer wieder aufs Neue damit zu beginnen zu denken.“ / Antje Scherer, Märkische Online-Zeitung

Das Kind

Die kind is nie dood nie
die kind lig sy vuiste teen sy moeder
wat Afrika skreeu skreeu die geur van vryheid en heide
in die lokasies van die omsingelde hart
Die kind lig sy vuiste teen sy vader
in die optog van die generasies
wat Afrika skreeu skreeu die geur
van geregtigheid en bloed
in die strate van sy gewapende trots

Die Dichterin ist hierzulande wahrscheinlich nur Eingeweihten bekannt. In ihrer Heimat Südafrika ist das anders, dort gilt sie als gleichrangig mit Sylvia Plath oder Anne Sexton. In den sechziger Jahren schrieb Ingrid Jonker radikal subjektive Gedichte – Gedichte gegen die Lieblosigkeit der Welt und Gedichte gegen den Rassismus. Und zwar auf Afrikaans, auch Kolonial-Niederländisch genannt, ursprünglich die Sprache der Buren. Und das während Ingrid Jonkers Vater Abraham Jonker, ein Nationalist und Rassist, Vorsitzender der südafrikanischen Zensurbehörde war. (…)

Es war das Gedicht Das Kind der afrikaanse Lyrikerin mit dem Nelson Mandela im Mai 1994 das erste demokratisch gewählte Parlament nach dem Ende der Apartheid eröffnete. Das Gedicht hatte Jonker geschrieben, kurz nachdem sie eine Zeitungsnotiz über die reale, alltäglich-brutale Tat gelesen hatte. / Matthias Hagedorn, KuNo

Das Gedicht auf Englisch

 

Münchner Rede zur Poesie

Michael Braun schreibt bei Signaturen über die Münchner Rede zur Poesie, die Ulf Stolterfoht am 11. November 2015 im Lyrik-Kabinett gehalten hat. Auszug:

In seiner für ihn typischen Rhetorik des charmanten Understatements gab Stolterfoht vor, auf eine Systematisierung seines poetologischen Wissens zu verzichten und stellte sich stattdessen als „Experte für Euphorie“ vor, der seine Glückserfahrungen beim Lesen schwieriger, ja sehr schwieriger Gedichte in enthusiasmierten Kommentaren preisgibt. Seit vielen Jahren ist Stolterfoht der kundigste Prophet und Exeget der experimentellen Lyrik, einer Form der Dichtung, die mit großer Leidenschaft alle nur erdenklichen Spielarten der Kultivierung binnensprachlicher Abenteuer und Evidenzen durchprobiert. „Experimentelle Lyrik“, so hat es Stolterfoht in seinem wegweisenden Essay in der Zeitschrift „Bella triste“ (Heft 17, 2007) formuliert, ist „eine Form >realisierter Freiheit< (Ernst Jandl), die aus sich selbst heraus jeden methodischen Zwang zurückweisen muss….nur darf man dabei nicht in den Fehler verfallen, den meta-sprachlichen Anteil eines Gedichtes für das eigentliche Sprechen zu halten, ein Sprechen höherer Ordnung, für das die referentielle und semantische Problematik aufgehoben wäre.“ Dieses Mantra der Experimentalpoesie hat der Dichter in seinen diversen Rollen als Dozent (am Literaturinstitut in Leipzig), als Verleger („Brueterich Press“), als Initiator der „Lyrikknappschaft Schöneberg“ und als Diskurs-Anstifter auf diversen Portalen und Foren („Timber. Eine kollektive Poetologie“) immer weiter verfeinert. (…)

Die Begegnung mit Pastiors „Wechselbälgern“ wurde zu jenem Akt der Befreiung, der am Anfang jeder künstlerischen Existenz steht: „Die Sensation dieser Texte, ihre unerhörte Freiheit, lag natürlich in ihrer Unverständlichkeit. Denn Unverständlichkeit ist etwas ganz anderes als Schwerverständlichkeit …. Wenn das schwer verständliche Gedicht das aristokratische, elitäre und hierarchische Gedicht ist, denn genau so hatte ich diese Gedichte im Deutschunterricht erlebt – der nebenbei ein sehr guter war -, dann waren diese Gedichte demokratisch und unhierarchisch. Dass ich sie tatsächlich auch für nicht elitär halte, genau darum geht es ja in dieser Rede.“ Und dann folgt eine Reihe von in diesem Sinne vorbildhaft unverständlichen Gedichten aus seiner privaten Text-Jukebox, die Stolterfoht als seine Lieblings-Evergreens zitiert und kommentiert. Als seine fantastischsten Beispiele einer „grenzenlosen Freiheit“ des Gedichts können hierbei die Texte von Ernst Herbeck, Dieter Roth, Gunter Falk und Helmut Heißenbüttel gelten, die von unterschiedlichsten Voraussetzungen her geschrieben sind und in unterschiedlichste Richtungen führen. Aber über eine gemeinsames Fundament verfügen und von einer sehr ähnlichen poetischen Motorik angetrieben werden: Ihre Handlung und ihr Thema ist die Sprache.

Ulf Stolterfoht: Wurlitzer Jukebox Lyric FL. Über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2015. 40 Seiten, 12 Euro.   

Ehrendoktor für Friederike Mayröcker

Die Universität Innsbruck verlieh das erste Ehrendoktorat einer österreichischen Universität an Friederike Mayröcker. Mit dieser Auszeichnung wird eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart geehrt, deren poetisches Lebenswerk internationalen Ruhm genießt.

Die 90-jährige Friederike Mayröcker gilt als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart. Nach der Verleihung des Ehrendoktorats durch die Universität Bielefeld im Jahr 2001 ist die Universität Innsbruck nun die erste österreichische Universität, die Friederike Mayröcker diese Auszeichnung zuerkennt. Es ist ein Akt der Reverenz vor einer der Großen der Literatur, nicht nur seitens der Literaturwissenschaft, sondern der gesamten österreichischen akademischen Welt. Mayröckers Dichtung kommt zwar ohne Handlung, ohne Story und ohne explizite Botschaft aus, ist aber dennoch engagiert in einem subtilen Sinne. Sie ist der Ausdruck eines intensiven Blicks, eines hochsensiblen Zugangs auf die Welt. Mayröckers hochempathischer Blick gilt allen Kreaturen, Menschen gleichermaßen wie Tieren; er sieht Bettler, alte, krumme Menschen, kranke Hasen und erschöpfte Fliegen. In ihren Texten zeigt sich ein Grad an Empathie weit jenseits der Norm. In einem langen, überaus schöpferischen Leben hat Friederike Mayröcker ein umfangreiches Werk geschaffen, dessen formale Kühnheit und Vielfalt, sprachliche Schönheit und emotionale Tiefe internationale Beachtung fand. Über fünfzig Bücher und mehr als 1500 Beiträge in Anthologien und Zeitschriften liegen vor.

Die künstlerische und persönliche Biographie der großen Dichterin ist in vielfacher Weise mit der Stadt Innsbruck verwoben. Als wiederholter Gast bei den Österreichischen Jugendkulturwochen, leistete sie einen wesentlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst der Nachkriegsjahrzehnte. Als einzige österreichische Förderungsveranstaltung für den „schöpferischen Nachwuchs“, auf welcher das ästhetisch Innovative und Experimentelle nicht nur erlaubt, sondern erwünscht war, genossen die Innsbrucker Jugendkulturwochen internationale Anerkennung. Neben Mayröcker wurden u.a. Ernst Jandl, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek eingeladen. In dieser Runde stellte Mayröcker ihr erstes Buch einem kritischen Publikum vor. Der Kontakt zu Innsbruck sollte nicht mehr abreißen: Im Studienjahr 1996/97 übernahm sie auf Einladung von Prof. Johann Holzner die Poetik-Vorlesung, eine Veranstaltung, die seit 1984 regelmäßig an der Universität Innsbruck stattfindet. Eine Reihe von Forschungsarbeiten ist seither entstanden. Derzeit arbeitet Dr. Eleonore De Felip, gefördert von einem Elise-Richter-Stipendium des FWF, am Forschungsinstitut Brenner-Archiv an einem Projekt zur „lyrischen Intensität“ von Friederike Mayröckers Lyrik.

Wichtigste Preise

Die Autorin erhielt bisher eine Vielzahl an wichtigen Preisen und Ehrungen wie beispielsweise den Georg-Trakl-Preis (1977), den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1982), den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (1993), den manuskripte-Preis (1994), den Else-Lasker-Schüler-Preis (1996), den Großen Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste (1996) sowie den Georg-Büchner-Preis (2001). Im Jahr 2004 wurde Mayröcker für den Nobelpreis nominiert. Vor etwa einem Jahr wurde ihr das Große Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich überreicht, und im Juni dieses Jahres erfolgte die Ernennung zur Ehrenbürgerin der Stadt Wien.

Zur Person

Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. Nach der Externisten-Matura 1950 legte sie die Staatsprüfung für Englisch ab und arbeitete von dann als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen. Bereits 1939 begann sie mit ersten literarischen Arbeiten, sieben Jahre später folgten kleinere Veröffentlichungen von Gedichten in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift „Plan“. Im Jahre 1954 lernte sie Ernst Jandl bei den Österreichischen Jugendkulturwochen in Innsbruck kennen. Mit ihm verband sie eine Lebensgemeinschaft bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Ihre erste Buchveröffentlichung mit dem Titel „Larifari. Ein konfuses Buch“ erfolgte 1956 im Bergland-Verlag. Seitdem erschienen zahlreiche Werke in Lyrik und Prosa, Hörspiele, Kinderbücher und Bühnentexte. Zuletzt erschien „Cahier“ im Jahr 2014 bei Suhrkamp.

/ Österreich Journal

Kunst

(…) Thomas Kunst dichtet in einer anderen Lyrik-Liga und darf angesichts der vielen lyrischen Dünnbrettbohrer unbescheiden von sich sagen: Es ist Kunst, seit 30 Jahren! Sein erster Band erschien unter dem märchenhaften Titel „Besorg noch für das Segel die Chaussee“ im Reclam Verlag. Die Gedichte dieser Produktionsphase waren vielleicht noch etwas kürzer, aber den heutigen nicht unähnlich. Kunst bedichtete konsequent seinen eigenen Sinn und fand schon damals so überraschende Zeilen wie: „deine Reitstiefel,/ beklebt noch mit Nebel und/ Kostbaren Wölfen“. Woher nimmt er die Benennung des Worts Sehnsucht mit:
„sie ist die/ übertriebenste,/ aber auch die unaufdringlichste/ Strategie der/ Enthaltsamkeit“?

Thomas Kunst ist kein Sinn-Brüter, sondern ein Wort-Musiker. Solche Musiker der Sprache, die Tonfarbe, Klang und Rhythmus höher setzen als das Erzählen von Landschaften und Gesellschaften, gibt es einige. Wenn Kunst in der Unterführung einen Flamingo sieht, dann ist das sein lyrischer Ernst, und er lässt den Sprecher wunderbar nüchtern sagen: „… aber was gehst du denn auch am/ Sonntagnachmittag durch eine Unterführung.“

Seine hingezauberten Welten sind mit Worten exakt vermessen und – von innen betrachtet, von der lyrischen Welt des Autors aus – als Ausdruck beruhigter Normalsprache logisch belastbar. Der Leser darf dem Dichter den Flamingo in der Unterführung genauso glauben wie dem Dichterkollegen Wolfgang Hilbig den goldschimmernden Fasan auf dem Kohleberg im Kesselhaus! Das sind keine Parallelwelten, sondern aus der Sprache hervortretende Erscheinungen, die uns Lesern Augen und Poren, Sinne und Horizont öffnen können.

Eine Klasse für sich sind die Sonette des Fünfzigjährigen, die der Auswahl gleichsam einen Rhythmus geben. Wer sich mit dem Sonett bei keinem Reim quält, sondern mit ihm tanzt, der kann nicht nur frei musizieren, der kann auch Formen.Die Langgedichte changieren in die Prosa und sind eine Einübung in den gerade in Österreich erschienenen Roman „Freie Folge“. (…)

Seine Art von Literatur – ob in Lyrik oder Prosa – wird von einer handlungssüchtigen, plottigen Sprech- und Erzählweise zum Außenseiter gemacht. Wieso eigentlich? Dann müssen wir uns von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Nicolas Born, Thomas Brasch, Wolfgang Hilbig trennen.

Sie besaßen alle einen eigenen Weltkosmos. In aller Bescheidenheit festgestellt: Thomas Kunst auch. / Michael Hametner, Sächsische Zeitung, 07./08.11.

Thomas Kunst: Kunst. Gedichte 1984 – 2014.
Edition Azur, 144 Seiten, 20 Euro

Thomas Kunst: Freie Folge.
Jung und Jung, 256 Seiten, 24 Euro

Bloopers

blooper: Versprecher {m}
blooper [coll.]: Schnitzer {m} [ugs.] [grober Fehler]
blooper [esp. Am.]: Outtake {n} [herausgeschnittene (komische) Szene]film
blooper [esp. Am.] [coll.]: Panne {f} [Missgeschick]
Missgeschick {n}: Patzer {m} [ugs.] Ausrutscher {m} [ugs.]
blooper [Am.]: Stilblüte {f}
blooper [Am.] [coll.]: peinlicher Fehler {m}

Bei Jamal Tuschik lese ich:

Von „Kanak Attak“ zu Uwe Kolbe. Er hatte in „Sinn und Form“ debütiert. Über ihn war ein Publikationsverbot verhängt worden. Seit Dreiundachtzig veröffentlichte er bei Suhrkamp. Er schwankte zwischen Ironie und Pathos.

Schlag ich mal nach. Die ersten Gedichtbände von Kolbe:

  • Hineingeboren. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1980 (BRD: Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982)
  • Abschiede und andere Liebesgedichte. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1981 (BRD: Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982)
  • Bornholm II, Gedichte, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1986, (BRD: Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987)
  • Vaterlandkanal. Ein Fahrtenbuch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990

Richtig, die ersten drei Gedichtbände erschienen (jeweils nach langem Ringen des Verlags mit der Zensur) beim Ostberliner Aufbau-Verlag und dann als Lizenzausgaben bei Suhrkamp. Erst nach der Wiedervereinigung nur noch bei Suhrkamp, jedenfalls bis sich Suhrkamp ab oder nach 2008 seiner entledigte.

Eine Kleinigkeit, gewiß. Aber aus so Kleinigkeiten bilden sich Legenden, nachher kann mans nicht mehr unterscheiden. Gerade heute, wo jeder jeden Tag mit unüberprüften Behauptungen konfrontiert wird, die tausendfach „geliket“ und „geteilt“ werden,* nie wieder aus  dem Dickicht der digitalen und mentalen Archive rückholbar, ist es vielleicht wichtig, auch so Kleinigkeiten ab und an zu überprüfen. Plötzlich fällt mir ein, daß ich genau dafür ja eine eigene Rubrik gegründet (und fast vergessen) hatte: Bloopers!

*) Ist es schon einem Wörterbuchmacher aufgefallen, daß es Facebook gelungen ist, die Bedeutung des deutschen Worts teilen in Richtung des englischen to share zu verändern? Wenn nicht, bitte teilen.**

**) mitteilen, weitersagen, -leiten, verlinken

Mehr Bloopers

Lyrik-Salon feiert Jubiläum in München

Der „deutsch-arabische Lyrik-Salon“, gegründet von dem aus Syrien stammenden Lyriker, Übersetzer und Publizisten Fouad EL-Auwad, feiert sein 10-jähriges Bestehen mit einer Lesung an prominenter Stelle in München. Neben dem Gastgeber lesen bei diesem Poesiefestival, das sich als Raum interkultureller Begegnung versteht: José F. A. Oliver, Franco Biondi, Anton G. Leitner, SAID, Ingrid Fichtner, Volker Sielaff, Ludwig Steinherr, Christoph Leisten, Hedil Al-Rashid, Almas Mustafa und Ahmad Eskander Suleiman. Die Veranstaltung findet statt am Samstag, 14. November, 19 Uhr, im Lyrik Kabinett (Amalienstr. 83 a). Musikalisch wird der Abend begleitet durch Razgar Karim (Saz) und Abdellatif Ali (Oud). Eintritt: 10.- Euro. Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de

Ein Sprachspieler aus dem 16. Jahrhundert

… begann mit Ende des 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts das Interesse an der Sprache Papillons zu wachsen – und dieses Interesse sieht man auch noch deutlich in der Anthologie von hochroth Paris walten. 1984 erschien eine Studie zum Sprachspiel bei Papillon von Isa Dardano-Basso, 1988 eine Ausgabe der Diverses Poésies, einem reichlich bunten Zyklus, herausgegeben von Nerina Clerici Balmas. Die Sprachspielerei und Sprachverdrehung, die Sprachzerstückelung und Sprachverschlüsselung Papillons gerade in den Diverses Poésies ist freilich nicht ohne Vorbild und Tradition, aber in ihrem experimentellen Charakter und ihren teils radikalen Spitzen scheint dieser Aspekt seines Werkes doch am leichtesten anschlussfähig an die Themen, Debatten und Formspielereien, die die zeitgenössische Lyrik umtreiben. Die Verschlüsselung geht zum Teil so weit, dass es fraglich wird, ob hier überhaupt eine Verschlüsselung vor sich geht, und nicht vielmehr eine Art protodadaistischer Spieltrieb. Entsprechend und diesem Themenakzent folgend eröffnet die neue Anthologie aus Paris mit dem Sonett in unbekannter Sprache aus den Diverses Poésies, das ein süßes Liebesgeheimnis zwischen Dichter und Geliebter inszeniert (…) dieses Gedicht ist unter den sprachexperimentellen sicherlich eines der gelungensten, vollständigsten. Aus der Reihe dieser bis zur Hermetik verschlüsselten Texte bringt die Anthologie von Nowak noch einige, wenn auch nicht alle, die sich in den Diverses Poésies finden – aber dennoch dominiert in diesem Band deutlich das Spiel: mit Silbenzahlen, mit nicht endenwollenden Reihungen, mit einzelnen Buchstaben, mit der erweiterten Leserichtung im Akrostichon, mit der zerfaserten Leserichtung des Anagramms.  / Tobias Roth, Signaturen

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Marc Papillon de Lasphrise: mon secret ma mignonne. Hg. v. Leszek Nowak. Frz. Paris (hochroth) 2013. 30 Seiten. 6,00 Euro.

Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises verschoben

Aus organisatorischen Gründen ist die Verleihung auf das Frühjahr 2016 verlegt worden, sagte ein Sprecher. Dahinter steckt offenbar, dass es nicht möglich war, wegen der heftigen Kritik an der politischen Haltung des syrischen Autors Ali Ahmad Said (Adonis) zum Assad-Regime, eine angemessene Preisverleihung zu organisieren.

So konnte bisher niemand gefunden werden, der die Laudatio auf die Trägerin des Nebenpreises hält, die Bürgermeisterin von Lampedusa Giuseppina Maria Nicolini. Für Adonis war zwar mit dem Publizisten Daniel Gerlach ein Laudator gefunden worden, aber auch erst nachdem der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, es abgelehnt hatte, sie zu halten. / DLR spricht mit Stefan Weidner

Adonis selbst sei über die Verschiebung „nicht erfreut“, sagte Schneider. Man versuche aber, „ihm deutlich zu machen, dass wir unsere Entscheidung, ihm den Preis zu verleihen, nicht revidieren werden.“ / FAZ

Sag an Villon

Schon im ersten Gedicht wird der Bezugsrahmen abgesteckt:

sag an villon komm sprich mit mir
was tun wenn alle stricke reißen ich
häng im echo meiner worte kann
mich selbst schon nicht mehr hören

was tief in meine kehle schneidet
ist ein lied aus herkunftszeichen …

und wenig später heißt es im gleichen Gedicht: „im unterwegssein da ist zukunft…“. Francois Villon (1431-1463), vielleicht der bedeutendste Dichter des französischen Spätmittelalters, wird als Bruder im Geiste wahrgenommen, er ist der stille Begleiter mit dem Bauer im letzten Gedicht dieses Bandes „ach ja villon da wär noch was“ erneut in Dialog tritt. Es ist ein Fazit des klarsichtigen Pessimisten Bauer, der u.a. die vielen in der Welt befindlichen missglückten Gedichte betrachtet, auch das Misslingen der eigenen Zeilen, und konstatiert: „von dichtertreff zu dichtersuff / auch unsre zunft ändert sich nie“. / Monika Vasik bei Fixpoetry über

Christoph W. Bauer
stromern
Haymon

2015 · 136 Seiten · 17,90 Euro
ISBN: 978-3-7099-7022-5

Jannis Ritsos (1909-1990)

Auch nach Ende des 2. Weltkriegs, in dem Ritsos als Partisan gegen die deutschen Besatzungstruppen gekämpft hatte, hörte die griechische Bürgerkriegssituation nicht auf, sodass der Autor von 1948 bis 1952 inhaftiert wurde – damals notierte er seine Lyrik auf Gefängnisinseln wie Limnos oder Makronisos, heimlich auf Zetteln, die in Flaschen versteckt und im Sand eingebuddelt wurden.

300 Ermordete allein auf Makronisos, 600 Gefangene seien irrsinnig geworden, 900 hätten sich nur hinkend fortbewegen können. „Sie verlangen das Brot zurück, das sie nicht aßen, “ schrieb Ritsos. „Die Toten verlangen ihr Leben zurück.“ Die Peinigung durch Verfolgung und Einzelhaft traf Ritsos noch einmal Ende der 1960er-Jahre während der Zeit der Diktatur durch die Militärobristen, die aber schließlich vor einer anderen Macht, der der Weltöffentlichkeit, zurückweichen mussten. Kein Geringerer als Louis Aragon hatte Jannis Ritsos zum „größten lebenden Dichter“ ernannt. Da war neben den politischen Kampfgesängen auch der neue lyrische Ton wahrgenommen worden, den Ritsos in Büchern wie „Mondscheinsonate“ oder „Steinerne Zeit“ in die griechische Lyrik hineingebrachte hatte, indem er mit seinem anderen Verständnis des „Griechentums“ alle romantischen Verklärungen der griechischen Landschaft ausblendete (…) / Christian Linder, DLF

Gedichte und Schmungks

Und noch auf andere Weise haben die Gedichte von Kito Lorenc etwas Kindliches an sich, was jedoch keinesfalls abwertend gemeint ist, sondern viel mehr ihre Qualität ausmacht: so wie es manchmal schwer sein kann gegen die glasklare Logik eines Kindes zu argumentieren, kann man auch den Gedichten von Kito Lorenc einfach nicht widersprechen:

[…]
denn es gibt nichts
was ein Nichtstuer nicht
schon nicht getan hätte

Der Untertitel von Windei in der Wasserhose des Eisheiligen lautet „Gedichte und Schmungks“. Gleich zu Beginn wird das Wort „Gedichte“ mit einer Fußnote und folgender Erklärung versehen: „Schmungks (sächs.) – Zusammengekochtes“ Kito Lorenc bringt treffend in einem Wort auf den Punkt, worum es sich bei Schmungks handelt. Jan Kuhlbrodt erklärt es im Nachwort etwas ausführlicher: „Durchsetzt ist der Band mit Schmungks, aphoristischen Gebilden aus teils vorgefundenem Wortmaterial, widerborstigen Sentenzen.“ Diese Schmungks unterscheiden sich von den Gedichten darin, dass sie meist Worterklärungen oder Zitate sind und sich oft wie absurde Lexikoneinträge lesen, beispielsweise wenn das äußerst seltsame Phänomen NORDIC WALKING sehr nüchtern beschrieben und zu erklären versucht wird. Manche Schmungks sind aber auch tatsächliche Lexikoneinträge, was sie jedoch nur noch absurder macht:

SELBSTMORD (ältere Definition): Seltene, im realen Sozialismus mehr und mehr zurückgehende Todesart. (Meyers Lexikon in einem Band, Leipzig).

Und auch die Frage, was denn eigentlich ein Gedicht sei, lässt Kito Lorenc nicht ungeklärt, widmet dem Gedicht einen eigenen Schmungk (oder eine Schmungk? Gibt es Schmungks überhaupt in der Einzahl?*):

GEDICHT. Ein Gedicht muss unklar sein. Über etwas, das sich von selbst versteht, muss man kein Gedicht machen.

/ Astrid Nischkauer, Fixpoetry

Kito Lorenc  ·  Ralph Lindner (Hg.)  ·  Jayne-Ann Igel (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Windei in der Wasserhose des Eisheiligen
poetenladen

2015  ·  104 Seiten  ·  16,80 Euro
ISBN:  9783940691668

Siehe auch Kai Hammermeister: Könnte man weglaufen davor, ein Dichter von Heimat zu sein? Fixpoetry 03.09.2013 über:

Kito Lorenc
Gedichte
Mit einem Vorwort von Peter Handke
Suhrkamp
2013 · 128 Seiten · 13,95 Euro
ISBN: 978-3-518-22476-2

*) Meine Antwort als Experte: Schmungks ist bereits Einzahl, vgl.: Zeugs 😉

Poetry strikes back

Woman Trolls Trump By Reading Book Of Poems On Racism In The Background Of A Speech
Important to keep a book in one’s bag, if an event gets boring or there is a lull.

posted on Nov. 10, 2015, at 11:05 p.m.
Katherine Miller (Hier mit dem Originalvideo von Trumps Auftritt)

At a Donald Trump rally on Monday, a woman in the crowd cracked open a copy of what appears to be Claudia Rankine’s Citizen, a book of poetry about race and racism in America.

She waited until about 12 minutes into his speech…

…texted for a bit…

…had a short conversation…

…and cracked open the book…

…to really read it up close.

Katherine Miller is the political editor for BuzzFeed News and is based in New York.

Bert-Brecht-Preis 2016 für Silke Scheuermann

Mit dem Bert-Brecht-Preis 2016 wird (…) die Schriftstellerin Silke Scheuermann ausgezeichnet. In ihren „utopischen Gedichten“ spiegelt sich in faszinierender Weise die Gegenwart. Silke Scheuermann wurde für ihre Lyrik-Sammlung „Skizze vom Gras“ bereits 2014 mit dem Hölty-Preis ausgezeichnet, der die höchstdotierte Lyrikauszeichnung im deutschsprachigen Raum darstellt.

Silke Scheuermann wurde am 15. Juni 1973 in Karlsruhe geboren, studierte Theater- und Literaturwissenschaft und arbeitete am germanistischen Institut der Universität Frankfurt a. Main. Ihre Lyrik
und Prosa wurde in zahlreiche Anthologien aufgenommen, mit ihrem Lyrikband „Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen“ debütierte sie 2001. Es folgten zahlreiche Preise Auszeichnungen und Stipendien, z.B. bereits 2001 der Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt, 2004 das Literaturstipendium Villa Aurora, Los Angeles, 2009 das Stipendium Villa Massimo, 2013/14, das Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. 2004 war Silke Scheuermann Stadtschreiberin in Beirut, 2005 in Dresden.

Kulturreferent Thomas Weitzel: „Vor allem mit ihrer Lyrik deutet und kommentiert Silke Scheuermann in subtiler, niemals dogmatisierender Weise das Zeitgeschehen in filigran-kraftvoller Metaphorik. Dabei erreicht sie in ihrem Werk eine sehr eigene und außerordentlich hohe ästhetische Qualität.“
Die Verleihung des Preises erfolgt im Rahmen des Brechtfestivals 2016. / Presse Augsburg

Knochenmusik

Zwei Auszüge aus einer Rezension von Alexandru Bulucz zu Gedichten von Werner Söllner:

1

Eines ist sicher, da würgt jemand an seinen Verfehlungen. Dieses Würgen: ein persönliches, ein poetologisches. Das eine ist nicht ohne das andere zu denken. In der Juryerklärung zur SWR-Bestenliste November, auf der Knochenmusik Platz 5-6 belegt, heißt es zu Söllner vorsichtig: „Er begann mit dem Schreiben von Gedichten und Kinderbüchern in den Zeiten der Diktatur in Bukarest. Schuldlos kommt man da nicht heraus.“
Aber führt besagtes Würgen des Schuldigen (um in der Sprache der SWR-Jury zu verbleiben), führt Einsichtigkeit, führt die Tatsache, dass man sich zu den eigenen Fehlern bekennt, zur Lösung des Problems?

2

Vielleicht ist Söllner der Dichter der schönen Gedichte. Verglichen mit den vielen der aktuell eingesetzten lyrischen Formen dürften seine als eher klassisch gelten. Seine Sprache ist wenig emphatisch und zurückhaltend, sie ist bilderreich, präzis und nicht verrätselt, so als sei diese Lyrikform die einzige, für die man in einer nicht unter Zensur leidenden Staatsform plädieren könnte. Aber man hat den Eindruck, durch die Wirkung dieser Sprache auf den Leser, durch das, was sie in einem auslöst, würden die Gedichte implodieren, so viel enthaltene Semantik schwebt insgeheim in ihrem Hintergrund mit. Jede Zeile ist für sich eine semantische Einheit, lücken- und ausnahmslos. Zu Recht schrieb Heinrich Detering einst vom Klangzauber der Dichtung Söllners. Söllner konnte das Hören in seinem nach zwei Semestern aufgegebenen Physikstudium schulen: „Und da habe ich exakt zwei Semester lang Physik studiert, weil ich Physik (…) ungeheuer faszinierend finde. (…) Und während der beiden Semester habe ich herausfinden müssen (…), dass zum Physikstudium auch stundenlange Aufenthalte im Phonetiklabor gehören, wo man Glasröhren reiben musste, damit die Sandfüllungen dieser Glasröhren Wellen nachbilden, damit wir die akustischen Wellen verstehen.“ (Söllner 2012 im Gespräch mit Bernd Leukert, dem Herausgeber der Reihe, in der Knochenmusik erscheint.) Anders lässt es sich kaum sagen: Söllners Dichtkunst grenzt an Perfektion. / Signaturen

Werner Söllner: Knochenmusik. Gedichte. Mit einem Nachwort von Eva Demski. Frankfurt am Main (Edition Faust) 2015. 72 S. 18 Euro.