Poetopie

Poesie 4.0 – wenn alle Dichtungen, während sie hingeschrieben und gelesen werden, aufeinander Bezug nehmen

Hansjürgen Bulkowski

Schriftstellerprotest

Mehr als 25 indische Schriftsteller geben ihre Auszeichnungen zurück, um gegen wachsende Intoleranz und die Untätigkeit der Regierung zu protestieren.

Darunter ist Ashok Vajpeyi,

A Hindi poet and essayist who was the chairman of Lalit Kala Akademi, India’s National Academy of Fine Art.

“It is high time that writers take a stand,” he said in October after returning the award given to him in 1994 for a poetry collection, “Kahin Nahin Wahin.”

Mr. Vajpeyi, born in 1941, wrote that he returned the award to protest the “terrible, restrictive ban-oriented environment” that now exists in India. He was also protesting the academy’s lack of a response to threats against writers.

“I returned the award to protest against the voiceless institution it has become,” he wrote.

/ New York Times 17.10.

Gedichte bei Poetry International

„Freistaat Kaliningrad“

Ich war damals eingeladen, in einem Schloss bei Wien aus einem meiner Bücher zu lesen, doch passte der Auftrieb so gar nicht zu mir: Im Hof stand ein Schützenkorps bereit, das die Tradition der k.u.k. Armee pflegt. Es zeigte sich, dass ein mit Viktor Orbán befreundeter Dichter einen Preis bekam und dass der rechtsnationale Ausnahmepolitiker eigens aus Ungarn anreiste. Es wurde die erste Lesung meines Lebens, die mit Salutschüssen der Deutschmeister begann.

Der Preisträger Géza Szöcs gab mir eines seiner Bücher mit, ein poetisches Manifest. Der wahrhaft raumgreifende Dichterfürst rief darin zur Gründung eines Freistaats der Dichter und Denker in Kaliningrad auf, im ehemaligen Königsberg, einer zwischen Ostsee, Polen und Litauen eingezwängten Exklave der Russischen Föderation. Als Orbán 2010 an die Macht zurückkehrte, wurde Szöcs ungarischer Kulturminister, 2011 auch Ratspräsident der Kulturminister der EU.

(…)

»Kalinin war nie in Kaliningrad«, beginnt das Manifest, und Szöcs war auch nie dort. / Martin Leidenfrost, Neues Deutschland 17.10.

Preisträger der Hotlist 2015

Der Preis der Hotlist 2015 geht an den Berliner Verlag kookbooks für Monika Rincks Essays „Risiko und Idiotie. Streitschriften“. Der Hauptpreis der Hotlist ist ein Verlegerpreis und mit 5000 Euro dotiert.

Zusätzlich vergaben Buchhändlerinnen und Buchhändler im Rahmen der Hotlist den Melusine-Huss-Preis, der in diesem Jahr an den Verbrecher Verlag für Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ geht und mit einem Druckgutschein der Druckerei Theiss im Wert von 4000 Euro dotiert ist.

Die Begründung der Jury für den Hauptpreis:

„Die als Lyrikerin bekannte Monika Rinck legt mit Risiko und Idiotie einen Essayband vor, in dem sie den Möglichkeiten des Verstehens von Dichtung, von Kunst überhaupt nachforscht. Rinck stellt darin Gewissheiten infrage und umkreist die Kerne ihrer Themen. Dazu gehört vor allem das Spannungsverhältnis der Schriftstellerin in der Gesellschaft. Ihre Überlegungen sind nicht eingängig, erschließen sich nicht auf den ersten Blick, doch wer sich darauf einlässt, wird mit überraschenden Einsichten, mit Perspektivwechseln und spielerischen Denkbewegungen belohnt. Es begegnet uns hier eine Autorin, die sich aussetzt und einmischt – mit allen ihren Widersprüchen und auf der Höhe der Zeit. Rincks Essays haben einen ganz eigenen Ton, deutlich ist ihnen anzumerken, dass hier eine Dichterin spricht. Ihre Texte durchkreuzen absichtlich Erwartungshaltungen, sie sind Denkabenteuer: witzig, philosophisch, verstiegen, aber immer anregend.“

Kookbooks – der Verlag, in dem die Essays wie auch mehrere Lyrikbände von Monika Rinck erschienen sind – wurde 2003 gegründet und hat sich in zwölf Jahren zu einem der wichtigsten jungen Verlage entwickelt. Risikofreudig und innovativ, professionell und mutig hat er sich insbesondere der Lyrik verschrieben. Überzeugend ist die grafische Gestaltung der Bücher von Andreas Töpfer. Seine Schutzumschlag-Grafiken – eigentliche Kunstwerke – harmonieren hervorragend mit dem gesamten Verlagsprogramm und bringen die avantgardistischen Inhalte gut zur Geltung.

Die Hotlist-Jury 2015: Alexandra von Arx, Osama Ishneiwer, Harald Klauhs, Michael Sacher, Dorothea von Törne.

Die Verleihung, moderiert von Claudia Cosmo, fand am heutigen Abend um 21 Uhr im Literaturhaus Frankfurt statt.

Die HOTLIST

Die Hotlist präsentiert die 10 besten Bücher des Jahres aus unabhängigen Verlagen des deutschsprachigen Raums. Sie wurde 2009 gegründet und wird vom gemeinnützigen Verein der Hotlist organisiert und ehrenamtlich getragen. Die Hotlist steht heute als dritter großer Preis der Buchbranche neben dem Deutschen Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse. 2015 beteiligten sich 171 unabhängige Verlage am Wettbewerb, über 3668 Menschen nahmen an der Internetabstimmung über die Liste teil.

(re-book)

Emily Dickinsons Werkstatt renoviert

Seit das Amherst College 2003 das benachbarte Haus des Bruders von Emily Dickinson hinzubekam und die beiden historischen Gebäude zum Emily Dickinson Museum: The Homestead and The Evergreens zusammenführte, gibt es Renovierungspläne. Jetzt ist das Schlafzimmer der Dichterin, in dem sie fast alle ihrer 1789 Gedichte schrieb, historisch getreu wiederhergestellt, von den Büchern auf dem Kaminsims bis zur aus aufgefundenen Überresten rekonstruierten Tapete. Langfristig soll das gesamte Haus so wiederhergestellt werden, wie es zu Lebzeiten der Dichterin aussah. Keine leichte Aufgabe, da es nicht ein einziges historisches Foto des Hauses gibt. Die Nachforschungen seien hauptsächlich forensischer Natur, sagt die Direktorin Jane Wald.

/ Rachel Rogol, Amherst College

 

Sensationsfund

Mehr als 200 bisher unbekannte Gedichte des bedeutenden Haikudichters der Edozeit (1603-1867) Yosa Buson wurden in einer Anthologie in der Tenri-Zentralbibliothek entdeckt. Der Haikuexperte Shinichi Fujita sagte: „Buson ist jemand, den wir für gründlich erforscht hielten. Es ist eine große Überraschung, eine Sammlung bisher unbekannter Gedichte von ihm zu finden.“

Buson (1716-1783) zählt neben Matsuo Basho (1644-1694) und Kobayashi Issa (1763-1828) zu den großen Haikumeistern der Edo-Epoche. Die Anthologie enthält 212 bisher unbekannte Haiku des Dichters. Einer davon lautet:

Papierner Schirm / mit Löchern damit das / Mondlicht hindurchscheinen kann.

/ The Asahi Shimbun

The letter „r“

“On an old shore, the vulgar ocean rolls”
The letter r is frequently indicated as a characteristic mark of vulgarity. “R. is the dog’s letter and hurreth in the sound.” (Ben Jonson, English Grammar, 1640). “R. Young pious RUTH / Left all for Truth.” (New England Primer, 1691). R is the eighteenth letter of the modern, and seventeenth letter of the ancient Roman alphabet. In general, the character denotes an open-voiced consonant formed when the point of the tongue approaches the palate a little way behind the teeth; in many languages, this is accompanied by a vibration of the tongue, in which case the r is said to be trilled. This trill is almost or altogether absent in the r of modern standard English, which retains its consonantal value only when it proceeds a vowel. In American English, in all words spelled with r, the sound occurs simultaneously with the vowel before it. The vowels in such cases are said to be recolored. “Like rubies reddened by rubies reddening.”

How carefully did Stevens plan the order for the poems 
included in The Rock? I often wonder if the many scattered r letters and sound combinations are there by chance, habit, or plot. “A repetition / In a repetitiousness of men and flies”; “A new knowledge of reality”; “Red-in-red repetitions never going.”

“The river motion, the drowsy motion of the river R.”

/ Susan Howe, The Nation

Singeth spells

“Singeth spells.” The poetry of Wallace Stevens makes me happy. This is the simple truth. Pleasure springs from the sense of fluid sound patterns phonetic utterance excites in us. Beauty, harmony, and order are represented by the arrangement, and repetition, of particular words on paper. No matter how many theoretical and critical interpretations there are, in the end each new clarity of discipline and delight contains inexplicable intricacies of form and measure. / Susan Howe, The Nation

Ingolds Einzeiler

Den Flügel überrascht der Flug. Den Flug der Fall. »Und aber nie mehr Blau wie Enzian!« Wie heute.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

To Germany

Im September 1915 nahm Charles Sorley, mittlerweile zum Hauptmann befördert an der Schlacht bei Loos teil. Eine deutsche Kugel tötete ihn am 13. Oktober 1915. Kurz bevor er starb schrieb er im Schützengraben das Gedicht „To Germany – An Deutschland“. Sein hinterlassenes Werk wurde erstmals 1916 veröffentlicht.

To Germany

You are blind like us. Your hurt no man designed,
And no man claimed the conquest of your land.
But gropers both through fields of thought confined
We stumble and we do not understand.
You only saw your future bigly planned,
And we, the tapering paths of our own mind,
And in each other’s dearest ways we stand,
And hiss and hate. And the blind fight the blind.
When it is peace, then we may view again
With new-won eyes each other’s truer form
And wonder. Grown more loving-kind and warm
We’ll grasp firm hands and laugh at the old pain,
When it is peace. But until peace, the storm,
The darkness and the thunder and the rain.

Aus einem Artikel der Welt.

Oskar Kanehls frühe Lyrik

Oskar Kanehl
Die Dinge schreien
kartoniert
Paperback.
(Wiecker Bote 21)
€ 4,00

Die hier vorliegende Sammlung vereint erstmals Kanehls frühe Gedichte, die von 1913 bis 1915 verstreut erschienen sind und nicht in einem der zu Lebzeiten publizierten Gedichtbände abgedruckt wurden. Der Titel folgt einer Verlagsankündigung aus den 1920er Jahren: „Die Dinge schreien. Gedichte vor Krieg und Hunger.“ Die Publikation war damals geplant, ist aber nie erschienen. Die Herausgeber möchten dies mit dieser Ausgabe nachholen.

Oskar Kanehl, geboren am 5. Oktober 1888 in Berlin. Ab 1908 Studium der Germanistik und Philosophie ebenda. Veröffentlichung erster Gedichte 1909. 1912 Ablehnung der Promotion in Würzburg wegen „kirchlichen Anstoßes“. Erfolgreiche Promotion in Greifswald 1913. Umzug in das nahegelegene Fischerdorf Wieck und Gründung seiner eigenen Zeitschrift „Wiecker Bote“. Bis 1914 erscheinen zwölf Nummern, darin Beiträge unter anderem von Else Lasker-Schüler, Max Herrmann-Neiße, Richard Dehmel, Albert Ehrenstein. Beginn der dauerhaften Mitarbeit an Pfemferts Zeitschrift „Die Aktion“, dem wichtigsten Forum des politischen Expressionismus.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges Einberufung zum Militär. 1918 Rückkehr nach Berlin und Mitglied im „Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte“. Engagement in verschiedenen links-kommunistischen und anarcho-syndikalistischen Organisationen. Ab 1921 Regisseur an den Berliner Rotter-Bühnen. Veröffentlichung von drei Gedichtbänden: „Steh auf, Prolet!“ (1920/22), „Die Schande“ (1922) und „Straße frei“ (1928), jeweils mit Abbildungen von George Grosz. Publizist und Herausgeber, unter anderem von Erich Mühsams Auswahlband „Alarm“ (1925).
Oskar Kanehl stirbt am 28. Mai 1929 nach einem Sturz aus dem Fenster seiner Wohnung. Nach dem Zweiten Weltkrieg Nachdrucke einzelner Gedichte in verschiedenen Anthologien. 1995 Neubegründung des „Wiecker Boten“. Eine Gesamtausgabe seiner Gedichte ist in Vorbereitung.

Kevin A. Perryman

Perryman ist Engländer, er studierte in Oxford Germanistik und Romanistik, bevor er nach Deutschland kam und viele Jahre lang als Englischlehrer arbeitete, unter anderem auch im Landheim Schondorf. Nebenbei schrieb, übersetzte und verlegte er Lyrik. Er lebt bei Denklingen und gibt seit 1983 im Eigenverlag die Lyrik-Zeitschrift „Babel“ heraus. Als Lyrik sind wohl auch seine Aquarelle zu verstehen: Zwanzig Blätter, alle in diesem Sommer entstanden, alle im gleichen Format und umlaufend auf Augenhöhe gehängt, hat er für einen farbigen „Gedichtband“ zusammengestellt. / Katja Sebald, Süddeutsche Zeitung

Rolle als Lyriker

Gedichte des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) stehen von Donnerstag an im Fokus eines internationalen Kongresses in Naumburg (Burgenlandkreis). Rund 50 Referenten aus mehr als 10 Nationen werden über den Philosophen in seiner Rolle als Lyriker sprechen, wie die Veranstalter mitteilten. (…) Ziel sei, dem Dichterischen der Philosophie und dem Denkerischen der Dichtung auf die Spur zu kommen. / Die Welt

„Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!“ Nietzsche und die Lyrik
Internationaler Kongress
vom 15. bis 18.10. 2015 in Naumburg (Saale)
Leitung: Christian Benne, Kopenhagen, DK und Claus Zittel, Stuttgart
Mit Beiträgen von Wolfram Groddeck, Katharina Grätz, Soichiro Itoda, Yannik Souladié, Claudia Ibbeken, Leon Wash, Karol Sauerland u.a.
17.10. 20 Uhr Verleihung des Internationalen Friedrich Nietzsche Preises an Martin Walser

The Chaos

Deutsche Sprache, schwere Sprache? Fragen Sie doch mal die Briten, Australier oder US-Amerikaner. Selbst Muttersprachler verzweifeln manchmal an der uneinheitlichen Aussprache im Englischen. Bestes Beispiel dafür ist dieses Gedicht mit dem passenden Titel „The Chaos“. 

Der niederländische Sprachlehrer Gerard Nolst Trenité (1870-1946) verfolgte mit „The Chaos“ eher einen pädagogischen als poetischen Zweck. Sein 1929 erstmals publiziertes Gedicht zeigt besonders deutlich die Unregelmäßigkeiten in der englischen Aussprache und Rechtschreibung auf. Trotz sehr ähnlicher Schreibweise werden etwa die Wörter „Creature“ und „creation“ oder „horse“ und „worse“ sehr unterschiedlich ausgesprochen – ebenso wie „tear“, je nachdem, ob „Träne“ oder „zerreißen“ gemeint ist.

Neun von zehn Muttersprachlern sollen nicht in der Lage sein, das Gedicht komplett korrekt aufzusagen. Schaffen Sie es? Probieren Sie es doch einmal aus und machen dann den direkten Vergleich mit dem Video. Die Sprecherin hat übrigens einen kanadischen Akzent.

Dearest creature in creation,
Study English pronunciation.
I will teach you in my verse
Sounds like corpse, corps, horse, and worse.
I will keep you, Susy, busy,
Make your head with heat grow dizzy.
Tear in eye, your dress will tear.
So shall I! Oh hear my prayer.

Pray, console your loving poet,
Make my coat look new, dear, sew it!
Just compare heart, beard, and heard,
Dies and diet, lord and word,
Sword and sward, retain and Britain.
(Mind the latter, how it’s written.)
Made has not the sound of bade,
Say-said, pay-paid, laid, but plaid.

(…) / Yahoo Nachrichten

10 indonesische Autoren

Indonesien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Knapp 70 indonesische Autorinnen und Autoren lesen in Frankfurt aus ihren Werken. Die Deutsche Welle stellte 10 indonesische Autoren vor, die man gelesen haben (oder zumindest kennen) sollte.

Darunter Pramoedya Ananta Toer (1925-2006), der mehrmals auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis stand und nacheinander von den Regimes der Kolonialherren und von Sukarno und Suharto verfolgt wurde, und 2 Lyriker, Willibrordus S. Rendra (1935-2009) und Dorothea Rosa Herliany, deren Gedichtband  Hochzeit der Messer gerade auf Deutsch erschienen ist.

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10 Gedichte von Dorothea Rosa Herliany bei lyrikline

Indonesien in L&Poe

Von Dorothea Rosa Herliany auf Deutsch:

  • Hochzeit der Messer. Gesammelte Gedichte von Dorothea Rosa Herliany. Nachdichtungen von Brigitte Oleschinski und Ulrike Draesner. Zweisprachige, von Doro Petersen illustrierte Ausgabe, Verlagshaus Berlin, 2015, ISBN 978-3-945832-09-7.
  • Schenk mir alles, was die Männer nicht besitzen. Bilingual und multimedial dargebotene Gegenwartslyrik einer indonesischen Autorin, ulme-mini-verlag Multimedia, ISBN 978-3-940080-10-3.
  • Das Land des Andersseins und Wellen von Wut und Schmerz. in Orientierungen. Zeitschrift zur Kultur Asiens. 1/2002, Bonn 2002, hrsg. von Berthold Damshäuser und Wolfgang Kubin, ISSN 0936-4099.