Kurt Tucholsky über ›Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon in deutscher Nachdichtung von Paul Zech‹
Nun, eine Nachdichtung ist das nicht. Es sind Gedichte in moderner Tonart, verfertigt nach sicherlich sorgfältiger Lektüre Villons. Zech hat keinen Stein auf dem andern gelassen, sondern er hat ein neues Hüttchen gebaut. Ist es schön?
Mittelschön. Die Ungeheuern Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, in allen Ehren: aber hier gibt es nur zwei Wege. Entweder man macht das wie Ammer und übersetzt so wörtlich wie nur möglich – oder aber man ist dem Villon kongenial und dichtet neu. Zech hat neu gedichtet … Herausgekommen ist statt eines genialen Landstreichers aus dem katholischen Mittelalter ein versoffener Burschenschafter protestantischer Provenienz. Beispiel:
›Ballade et oraison pour l’ame du bon feu Cotart‹ – darin fleht Villon den Noah, den Loth und was sonst noch gut und teuer ist, an, den in Gott seligen Herrn Cotart gut im Himmel aufzunehmen, der Mann habe doch immer so brav gesoffen. Villon:
Nobles seigneurs, ne souffrez empecher
L’ame du bon feu maistre Jehan Cotart.Ammer:
Ihr edlen Herrn, erbarmt euch oben seiner,
des ach! so früh verstorbenen Jehan Cotart!Das ist gut, weil darin noch der parodistische Orgelklang des Originals nachzittert; man sieht ordentlich, wie Villon den Hals einzieht, das Kinn herunterdrückt und einen Pfaffen macht. Zech:
Ach, nehmt ihn auf, in euerm Skatverein,
er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.Das ist ein Stilfehler. So spricht cand. med. Rietzke, Thuringiae – aber nicht Villon. Es ist ein Stilfehler, »la belle Heaulmière« mit »Klempnersfrau« zu übertragen. Jene war, wie Ammer schön sagt, eine »Helmschmiedgattin«, in welchem Wort das Romantische ohne Übertreibung gewahrt ist – ›Klempnersfrau‹ aber ist: Kellerstufen, kleiner Laden, Frau Piesecke, Großstadt-Proletariat. Nein, so geht das nicht.
(…) Was haben die Leute nur immer? Wenn sie auf Villon zu sprechen kommen, dann werden die mildesten Spießer wild. Sie entdecken plötzlich, frisch der Untergrundbahn entstiegen, dass sie eigentlich – hei! – ganz tolle Kerle seien, und die polizeilich gemeldetsten Schriftsteller toben sich da aus. Das rasselt nur so in der Vorrede. Kerle … Lumpanei … toll … Schubiaks … Weibsbild … es ist ein recht preußisches Satumalienfest, das da gefeiert wird. Ludwig Thoma hat einmal von Tacitus gesagt: »Er sah die Germanen wie eine berliner Schriftstellerin die Tiroler.« Und Villon mit Johannes R. Becher zu vergleichen, dazu gehört denn doch wohl ein nicht alltägliches Manko an Literaturgefühl. So bleibt nur die wunderschöne Eingangsstrophe haften*, ein altfranzösischer Vers, von dem man nicht genau weiß, ob er von Villon stammt oder nicht. Von wem er aber auch stammt: dieser Ton kann nie vergehn.
Une fois me dictes ouy,
en foy de noble et gentil femme;
je vous certifie, ma Dame,
Qu’oncques ne fuz tant resjouy.Vueillez le donc dire selong,
que vous estes benigne et doulche,
car ce doulx mot n’est pas si long
qu’il vous face mal en la bouche.Soyez seure, si j’en jouy,
que ma lealle et craintive ame
gardera trop mieulx que nul ame
vostre honneur. Ave-vous ouy?
une fois me dictes: ouy.Solange ein Mann ein Mann bleibt – »Mach das Licht aus!« … Wirklich: ich kann noch nicht schlafen. Jetzt habe ich mich wieder wachgelesen. Aber gleich, gleich.
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*) Die Zech gar nicht übersetzt hat.
Die am Freitag in Teheran verhaftete Dichterin Hila Sedighi wurde gegen Kaution freigelassen, nachdem man sie darüber informierte, daß sie in Abwesenheit wegen ihrer kulturellen Aktivitäten verurteilt worden war, erklärte ein Verwandter am Sonntag gegenüber Reuters. Sie hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Ihr Reisepaß war bei der Einreise beschlagnahmt worden.
Ihre Verhaftung ist Teil einer Serie von Verhaftungen von Künstlern, Journalisten und US-Bürgern im Zuge einer verschärften Verfolgung von „westlicher Infiltration“. Die iranischen Behörden befürchten, daß der Atomdeal vom vergangenen Juli die iranische Gesellschaft gegenüber „schädlichen“ westlichen Einflüssen öffnen könnte.
Hila Sedighi hatte 2009 den reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mirhossein Mousavi unterstützt, der eins ihrer Gedichte als Wahlkampfslogan benutzte. Nachdem der Hardliner Mahmoud Ahmadinejad zum Wahlsieger erklärt wurde, gab es Massenproteste. Sedighi trug bei solchen Demonstrationen ihre Gedichte vor.
Auf ihrer Facebookseite schrieb die Dichterin am Sonntag, daß sie wie eine Kriminelle in einem Käfig transportiert worden sei und eine Nacht im Gefängnis Shapour verbrachte, wo gefährliche Kriminelle untergebracht sind. Sie sei in eine kleine Zelle neben acht Häftlingen gesperrt worden, die sich sehr schamlos verhielten.
Ihre Facebookseite hat über 300.000 Anhänger.
/ Bericht von Bozorgmehr Sharafedin, Reuters
Der TS Eliot-Preis geht an eine junge Dichterin. Zum erstenmal in seiner Geschichte geht der mit £20.000 dotierte Preis an einen Debütband. Aus einer als sehr stark bewerteten Shortlist, zu der u.a. Don Paterson, Claudia Rankine, Sean O’Brian und Les Murray gehörten, wählte die Jury die 32jährige Sarah Howe mit ihrem Band Loop of Jade aus. Die Juryvorsitzende Pascal Petit nannte das Experimentieren der Dichterin mit der Form erstaunlich. „Ich glaube, sie wird die britische Lyrik verändern. Sie erforscht die Situation von Frauen in China auf eine sehr belesene, dichte, reiche und bildhafte Weise.“ Je öfter man in dem Buch lese, umso mehr werde man darin finden, darin liege eine der Stärken des Buchs.
Howe hat einen englischen Vater und eine chinesische Mutter und kam in ihrer Jugend von Hongkong nach England. / Mark Brown, The Guardian 12.1., S. 15
Sind nicht alle seine Gedichte wilde Anschläge? Auf Rechtschreibung und Grammatik, auf die reinliche Scheidung von Hoch- und Gossensprache, von Sprechen und Schreiben, auf die von Takt und Zote? Bert Papenfuß-Gorek ist ein Mann des Kampfes. Nur dass es nicht ums Gewinnen geht, die Hoffnung bleibt am Ende dünn‚ die Kämpfe aber sind unausweichlich und ewig. Man könnte glauben, es ihm anzusehen. Sein Gesicht ist das eines Gezeichneten. So einer kommt nicht von oben, und nie wird er zu den Siegern der Geschichte gehören. Nicht Revolution, nur Revolte bleibt.
„Die Freiheit wird nicht kommen, / Freiheit wird sich rausgenommen. / Durch tätige Befreiung abgetrotzt,/ in die Fresse der Peiniger gerotzt.“ Und dieser Gedanke wird durch alle Reiche von Kultur und Natur ausgeführt: durch Kapitalismus („Diktatur der Bourgeoisie“), Sozialismus, Hordengesellschaft („Die Freiheit wird nicht kommen, / Freiheit wird sich rausgenommen. / Den Hammel in die Schlucht gestürzt, / dem Gestrüpp die Zweige gekürzt“); und er endet auch nicht unter der Erde („Die Freiheit wird nicht kommen, / Freiheit wird sich rausgenommen. l Stein waren wir doch alle schon mal, / durch Empörung werden wir Metall“). / Lorenz Jäger, FAZ
Greifswald vergißt seine Töchter und Söhne nicht. Zwei Prominente begehen in diesem Jahr ziemlich runde Jubiläen. Die eine, Sibylla Schwarz, wurde am 14. Februar 1621 alten Stils in Greifswald geboren. Das ist am 24. Februar genau 395 Jahre her. Die 10 Tage Differenz erklären sich aus der verspäteten Übernahme des Gregorianischen Kalenders durch die protestantischen Länder – Schweden, an das ihre Heimat gefallen war, führte den papistischen Kalender erst lange nach ihrem Tod ein. Ihr Geburtshaus gammelt vor sich hin, vernachlässigt erst durch die Mangelwirtschaft der DDR, seit über 20 Jahren durch einen privaten Eigentümer – angestoßen durch einen lokalen Verein betreiben einige Politiker inzwischen die Enteignung des Rabenvaters. Ob sie gelingt, vielleicht bis zum 400. Geburtstag der Dichterin?
Dem andern, Jungschen, wird diese Geschichte gefallen. Er ist gar kein Sohn der Stadt, ein Zugezogner nur, ein Mensch und Dichter mit Greifswaldhintergrund, die Stadt spuckte ihn irgendwann aus, als er noch sehr jung war. Heute feiert Bert Papenfuß seinen 60. Geburtstag in Berlin, in „seiner“ neuen Rumbalotte. L&Poe gratuliert sehr herzlich und erzählt zwei Geschichten, von denen eine mit Sibylla Schwarz zu tun hat. Mit Rumbalotte haben beide zu tun.
In dem 2005 bei Urs Engeler erschienenen Band „Rumbalotte. Gedichte 1998 – 2002. Zeichnungen von Roland Lippok“ gibt es eine lange Liste von Referenzpersonen, Franz Jung ist natürlich darunter, Ernst Fuhrmann, Quirinus Kuhlmann – und Sibylla Schwarz auch. 2006 erschien bei Peter Engstler der Band „Rumbalotte continua. 3. Folge“. Darin findet sich ein Minidrama mit dem Titel „Ist Lieb ein Feur“. Das ist der Titel eines gluhtvoll-coolen Sonetts von Sibylla Schwarz. Handelnde Personen sind der Biosoph Ernst Fuhrmann (1886-1956), der ostfriesische Provinzdichter Hans Biermann (H. B., geboren 1868) und Sibylla Schwarz (S. S.). Später kommt ein sowjetischer Frontbericherstatter hinzu, später u.a. Helmut Höge und Willi Bredel. Hier eine Szene, in der der Dichter seine pathetische Lyrik vorträgt, währenddessen Sibylla Schwarz wiederholt sowie ironisch unterbricht.
H. B: Schicksal, hau zu!
Ich lach zu deinen Streichen!
Glaubst du, ich werde weichen?
Schicksal, hau zu!
S. S.: H.L.G.!*
H. B.: [...] Du hast mich, soweit ich zu denken vermag,
Mit grausamer Wollust geschunden...
So wurde ich hart und ward gewöhnt
Des kärglichen, rauhen Lebens,
Nun bin ich's selber, der spottet und höhnt –
Du wetterst und schreckst vergebens!
S. S.: HWG!**
H. B: Schicksal, hau zu!
Ich lach zu deinen Streichen!
Glaubst du, ich werde weichen?
Schicksal, hau zu!
S. S .: HGW, wozu?***
Fuhrmann versucht, die dräuende Karre aus dem Dreck zu ziehen.
* von Sibylla Schwarz verwendetes Kürzel über einigen Texten für den Anruf „Hilf lieber Gott“
** in der DDR gebräuchliche Abkürzung für „Häufig wechselnder Geschlechtsverkehr“.
*** Postwendisches Autokennzeichen der Hansestadt Greifswald.
2007 erschien im Karin Kramer Verlag die Fortsetzung „Rumbalotte continua. 4. Folge.“ Darin eine Fußnote, die sich mit einem Dresdner Publizisten auseinandersetzt, der über eine Dresdner Lesung von Papenfuß räsoniert hatte, seine neuen Gedichte ließen „auch am Fernsehen kein gutes Haar“ und arbeiteten sich mit „verbissener Wut … am Leitmedium ab“. Und dabei sei der einst „bekannteste Dichter“ leider, leider in „kraftmeierischer Vulgär-Rhetorik, platten Pamphleten und Anarcho-Agitprop“ gelandet. Papenfuß: „Hose runter: Der Dresdner an sich neigt ja nicht zu grundstürzender Kritik, geschweige denn Opposition, aber etwas Arsch sollte man unter der Bügelfalte kultivieren.“ Wer das nun (mit Blick auf die manifeste Dresdner Dauer-Opposition namens Pegida) für überholt halten will, lese weiter. Jener Journalist wird nicht mit Pegida laufen, nehme ich an. Er schreibt ja für das, was jene „Lügenpresse“ nennen. Was ihn dennoch damit verbindet, ist die Fixierung auf „Leitmedien“, nur mit vielleicht umgekehrten Vorzeichen. Papenfuß: „Wer allerdings an ein ‚Leitmedium‘ glaubt, der sollte mal in den Spiegel schauen – und verglühen ‚Wie ein Stern in einer Sommernacht‘. ‚Es ekelt. Abschalten!‘ „
Ich mag Gedichte mit Fußnoten. Und gratuliere sehr herzlich. Auf die nächsten, erst mal 40! Sto lat, sto lat, na sdrowje!
NB Was Sibylla Schwarz mit Kuhlmann zu tun hat? Nachlesen! Bei Papenfuß und demnächst auch bei S.S.
nun hat sich der erste Schnee schweigend über den zerfurchten Boden gebreitet
Hansjürgen Bulkowski
Zeitschriftenschau von Gregor Dotzauer bei Literaturport, Auszug:
Nicht jedes Stück Literatur entsteht im Vollbesitz geistiger Kräfte. Fortgeschrittene Absichtslosigkeit oder andere Zustände zwischen Bewusstseinserweiterung und Bewusstseinstrübung gehören zu Dispositionen, die Computerprogrammen fremd sind. Andererseits sind Hendrik Jacksons „20 Knittelverse, geschrieben aus Anlässen von Trunkenheit und Verdruss im Schwarz-Sauer zu Berlin“ nicht viel mehr als kombinatorische Fragmente: auf die Pointe reduzierte Reimereien, die in ihrer pseudoepigrammatischen Nacktheit an die Gedichte, die zwischen Peter Rühmkorf und Robert Gernhardt, Fritz Eckenga und Ror Wolf in diesen Zeiten so geschrieben werden, nicht heranreichen. Oder ist es unverstandenes Ingenium, wenn man Verse wie „dort stand / – Augen wie ein Panda – / Otto Sander“ oder „ich war früher einmal Novalis / was irgendwie auch egal ist“ allenfalls für einen Ausbund an Witzischkeit hält?
Anzunehmen ist, dass auch die Verse des pseudonym auftretenden Christo Walross Willems in Anfällen spätabendlicher Kritzellaune entstanden sind. Sie sind jedoch in des Wortes bester Bedeutung schwachsinnig: in seinen wortverdreherischen Kapriolen mit einem ironischen Glimmen ausgestattet, das geeignet ist, so manchen Prätentionsgroßmeister armselig aussehen zu lassen. Die genaue Herkunft des 36-teiligen Zyklus unter dem schönen Titel „Pilsner Urknall!“ ist ein Rätsel. Die Spur endet bei Hamburger Designstudenten, die ihn als Material für ein typografisches Projekt nutzten. Wer immer dahintersteckt – er stammt von einem eifrigen Poesieleser. Anders lässt sich auch die Abwandlung von William Carlos Williams‘ berühmtem Pflaumen-Gedicht nicht erklären: „Ich habe die Kinder gegessen / die im Spielzimmer waren, // Du wolltest sie sicher / fürs Frühstück aufheben. // Verzeih mir sie waren herrlich, /so klein und so kalt.“
Die „Akzente“ gibt es mittlerweile im 62. Jahrgang – und zugleich im ersten der Post-Michael-Krüger-Epoche. Die „Metamorphosen“, aus einem untergegangenen Heidelberger Studentenprojekt zu neuem Leben erweckt, gehen unterdessen ins vierte Jahr. (…) Die „Metamorphosen“ sind ein Forum der Dreißigjährigen, geprägt von einer Offenheit, die sowohl die hochkulturelle Seriosität betonen will, mit der die eigenen Altersgenossen zu Werke gehen, wie den Spieltrieb der Popahnen. Kerstin Grether blickt auf ihr Debüt „Zuckerbabys“ (2004) im zurück, während Bea Y. Höfgen mit hermeneutischer Inbrunst an Gedichten aus dem „Jahrbuch der Lyrik“ herauszuarbeiten versucht, wie haltlos der Bravheitsverdacht gegenüber der Generation Y ist – und muss sich dann doch mit dem Befund einer „Pluralität als Grundtendenz“ bescheiden. Immerhin sammelt sie einige lesenswerte Gedichte ein, darunter auch eines von Levin Westermann, der sein Luxbooks-Debüt von 2013 in „Edit 68“ um eine Auswahl unheimlicher Landschaftsgedichte ergänzt: „Über Nacht / haben sie den Wald / mit Wald ersetzt, / die Vögel / mit Vögeln, den Fuchs / mit einem Fuchs“, beginnt es. Man kann lange darüber nachdenken, ob solche Beobachtungen auch Maschinen machen könnten.
Die Dichterin und Bürgerrechtsaktivistin Hila Sedighi wurde am 7.1. auf dem Imam Khomeini International Airport in Teheran bei der Rückkehr von einer Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate verhaftet, teilt die Internationale Kampagne für Menschenrechte in Iran mit.
Die Verhaftung steht offenbar in Verbindung mit einem Urteil, das der Gerichtshof für Kultur und Medien in Abwesenheit gegen sie verhängt hat. Bisher gab es keine Mitteilung aus Regierungs- oder Justizkreisen über den Grund für ihre Verhaftung oder wohin sie gebracht wurde.
„Die künstlerische Freiheit steht in Iran unter nie dagewesenem Druck“, sagte Hadi Ghaemi von der Internationale Kampagne für Menschenrechte in Iran. „Die iranische Justiz ist nicht bereit, friedliche Artikulationen ihrer eigenen Bürger zu tolerieren, sondern versucht sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.“
Sedighi, 30, eine der Empfänger des Hellman/Hammett-Preises für Ausdrucksfreiheit 2012, wirkte in der Wahlkampagne des reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mousavi 2009 mit und trug auf öffentlichen Veranstaltungen zur Unterstützung der Grünen Bewegung Gedichte vor. Im Dezember 2010 wurde ihr Haus durchsucht und ihr gehörende Gegenstände beschlagnahmt. Sie wurde mehrmals verhört und am 16. August 2011 vom Revolutionsgericht zu 4 Monaten Haft verurteilt. Die Strafe wurde auf 5 Jahre ausgesetzt.
Im vergangenen Oktober wurden die Dichter Fatemeh Ekhtesari und Mehdi Mousavi zu 9 Jahren und 6 Monaten bzw. zu 11 Jahren Haft sowie zu 99 Peitschenhieben verurteilt. Der Dokumentarfilmer Keywan Karimi wurde zu 6 Jahren Haft und 233 Peitschenhieben wegen Sakrileg und „illegitimen Beziehungen“ verurteilt, die Musikproduzenten Mehdi Rajabian, Hossein Rajabian und Yousef Emadi zu 6 Jahren wegen „Propaganda gegen den Staat“.
Am 30. November 2015 wurde der Dichter Yaghma Golrouee verhaftet und später gegen Kaution freigelassen, am 16. Dezember Mohamadreza Haj Rostambegloo, 2 Tage später gegen Kaution freigelassen.
Über Martin Walsers neuen Roman „Ein sterbender Mann“, in dem ein Kunstlyriker vorkommt, schreibt die FAZ:
Der Verräter soll sein früherer, von ihm bewunderter Freund und Teilhaber Carlos Kroll sein, ein hochnäsiger Dichter, die Karikatur eines hermetischen Lyrikers, der behauptet, „seine Gedichte seien Sprachereignisse, die in dieser Zeit, in der das Mittelmaß triumphiere, gar nicht erkannt werden könnten“. In der Konzeption der Figur hat Walser mit offensichtlichem Schalk alle bürgerlichen Ressentiments gegen die moderne Lyrik versammelt.
Warum Herr Schadt jemanden bewundert hat, dessen Gedichtbände „Lichtdicht, Leichtlos, Lufthaft, Kettenscheu“ oder auch „SeinsRiss“ betitelt sind, ist einem der Lyrik geneigten Leser freilich schwer begreiflich. Carlos Kroll schwebt angeblich „ein Lyrik-Imperium à la Stefan George“ vor, aber „keine elitäre Kunstkirche, sondern eine radikale Banalisierung“. Dem werden die angeführten Beispiele allerdings gerecht: „Mit brennenden Füßen auf Eisschollen stehen, / vom Achtstundentag verschont, sich / preisgegeben, das Leben fürchtend / und den Tod, befreundet mit Frisuren.“ Das ist ganz lustig, wenn es sich nicht beim letzten Wort um einen Druckfehler handelt.
Im Mai 2014 verstarb der türkisch-deutsche Dichter Timucin Davras. Hans-Jörg Loskill hat jetzt eine Sammlung mit Gedichten von ihm herausgegeben
„Ich liebe das Wort Gelsenkirchen“, so schrieb der im Mai 2014 verstorbene Wahl-Gelsenkirchener Timucin Davras in einem seiner Gedichte. Und es war wohl die Liebe zu seiner ausgewählten Heimatstadt, die ihn immer wieder inspirierte.
„Timucin Davras hat sich sehr für das Leben in dieser Stadt und vor allem für die Kulturarbeit und das kulturelle Schaffen interessiert. Es gab aber auch ein Wort, das er gar nicht mochte: Das Wort ‘Integration’“, erzählt sein langjähriger Freund Mehmet Ayas (…).
(…) Timucin schrieb keine Gastarbeiterliteratur, er hat stattdessen eindrucksvoll bewiesen, dass Lyrik eine universelle Sprache spricht, die nicht per se ethnisch gefärbt ist“, betont Ayas, der den Nachlass von Timucin Davras Gedichten gesichtet hat.
(…) „Ich bin ein Lyriker. […] Das ist ein Luxusleben/ Und ein Geschenk,/ Weil [Lyrik] für mich ein Kompass/ Der gottvergessenen Sprache ist.“ /
Anne Bolsmann: Lyrik als Kompass für die Sprache | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/lyrik-als-kompass-fuer-die-sprache-id11441510.html#plx2050373206
„Der Himmel im Schnapsglas“, herausgegeben von Jörg Loskill, ist im Klartext-Verlag erschienen, ISBN 978-3-8375-1502-2 und kostet 9,95 Euro.
Der Pianist (und Dichter) Alfred Brendel, der am Dienstag seinen 85. Geburtstag beging, im Gespräch mit der FAZ:
Und es gab bei mir mal eine kurze „Geniezeit“, wie das bei Heranwachsenden nicht selten vorkommt, zwischen fünfzehn und siebzehn. Da habe ich einfach alles gemacht, außer Skulpturen. Ich habe damals komponiert, gezeichnet, gemalt, geschrieben. Ich schrieb vierundzwanzig Sonette in einem Zug, die schön klingen, aber überhaupt nichts bedeuten. Anschließend war ich von dieser Form für immer geheilt (lacht).
Heißt das, im Umkehrschluss, wenn Sie heute freie Versformen bevorzugen, dass die dann Sinn und Bedeutung haben?
Nein! So nun auch wieder nicht. Sinn allein macht wenig Sinn!
Wie bitte?
Sinn ist immer auf einen bestimmten Bereich eingeschränkt. Aber für den Unsinn sind die Grenzen des Intellekts weit geöffnet, das geht weiter ins Unendliche. Kurt Schwitters sagte einmal auf die Frage, was er wichtiger fände, er würde sich im Zweifelsfall lieber für den Unsinn entscheiden. Das hat er auch getan. Bei mir, in meinen Gedichten, ist es, glaube ich, eher eine Balance zwischen Sinn und Unsinn. Eine Verbindung, die ich sehr schätze!
Sie pflegen Ihre Gedichte selbst vorzutragen…
Ja, meine Gedichte sind Sprechgedichte, keine Lieder. Sie vermeiden Vers und Reim. Es gibt da keine vier- und achttaktigen Perioden, sondern freie Rhythmen. Man fährt nicht auf einer Vers-Schiene, insofern bewegen sich die Gedichte ähnlich der neuen Musik.
Der Petersburger Kampfsportler und Gelegenheitsstuntman Leonid Uswjazow verbrachte zwanzig von seinen 58 Lebensjahren hinter Gittern, zehn wegen einer Gruppenvergewaltigung und zehn wegen Hehlerei und illegaler Devisengeschäfte. 1994 kam er bei einer Schießerei ums Leben. Seinen Grabstein ziert ein von ihm selbst vorsorglich gedichtetes Epitaph: „Hurra, jetzt bin ich endlich tot und schufte nicht mehr für die Weiber. Zum Schluss hab’ ich mein Ding gleich zwei Mal reingesteckt, nun fährt mich weg der Leichenwagen.“ In Russland erregen diese Zeilen und ihr Autor jetzt plötzlich große Aufmerksamkeit. Denn zwischen seinen Gefängnisgängen, also zwischen 1968 und 1982, war Uswjazow Judo-Trainer am Sportclub „Trud“. Nicht nur trainierte er dort Wladimir Putin, er verhalf dem jungen Sportler aus einer ärmlichen Familie zur Aufnahme an die begehrte juristische Fakultät der Leningrader Staatsuniversität. / Nikolai Klimenjuk (Klimeniouk), FAS 3.1.
Seit 2001 hat das kanadische Parlament einen „Poet laureate“ oder „offiziellen Dichter“. Der Titel wird für 2 Jahre vergeben und relativ mäßig bezahlt (jährlich $20,000 sowie Reisekosten bis zu $13,000 und ein Budget für Projekte). Dafür muß oder kann er oder sie (unter den bisher 7 Amtsinhabern war nur eine Frau)
(wobei es heißt, er könne seinen Schwerpunkt in diesem Rahmen bestimmen).
Das Amt wird im Wechsel an Autoren der beiden offiziellen Sprachen Englisch und Französisch vergeben. Neuer Amtsinhaber 2016-17 ist George Elliott Clarke aus Windsor, Neu-Schottland. Er wurde 1960 in einer Familie mit Afroamerikanischem und Mi’kmaq*-Erbe geboren.
*) Ein indianisches Volk im Osten Kanadas und der USA, in Kanada gibt es 29 anerkannte First Nations der Mi’kmaq. Hier über die Hieroglypenschrift der Mi’kmaq.
Über seine Vorstellungen vom Amt sagt er:
„I look forward to trying to extend the example of my predecessors in reaching out to Canadians from coast to coast to coast to coast because we have four, there’s also the Great Lakes along with the Arctic,“ he said.
Clarke says he’s primarily an English speaker, but that he will do his best to reach out to Francophones, as well as to poets from third language communities and indigenous communities.
He says he wants to raise the profile of the poet laureate position so others can aspire to it. Clarke says he would like to canvass MPs and senators to identify poems in their constituencies that should be made better known to the public.
„I’d like to have a website perhaps or a poetry map of Canada where those poets and their poems would appear. That would be a great way in my opinion, presuming we have the resources to make it happen, to remind everybody that Canadians have a wealth of poets,“ he said. / CBC News
Offizielle Seite des Amts (Englisch-Französisch)
Sowohl Shakespeare als auch Cervantes sollen am 23. April 1616 gestorben sein. Dennoch war einer um zehn Tage früher dran – in Spanien hatte man schon den Gregorianischen Kalender eingeführt, in England hingegen galt noch der Julianische, der etwas hintennach war. Und wer weiß, ob die Engländer nicht ein bisschen geschwindelt haben. Der 23. April ist nämlich auch der Todestag St. Georgs, ihres Landespatrons, zu Beginn des vierten Jahrhunderts. Das Gedenken an den legendären Drachentöter ist doch ideal für den Abschied vom größten englischen Dichter, der in seiner Heimatstadt starb, in Stratford-upon-Avon. Eingefleischte Stratfordianer behaupten auch, dass Shakespeare am 23. April 1564 geboren wurde. Relativ sicher ist aber nur, dass am 26. April seine Taufe stattfand.
Das aber nur nebenbei, denn beim 400. Jubiläum, das 2016 gefeiert wird, geht es um letzte Dinge. Und die erwiesen sich bei diesen zwei Dichtern doch als recht unterschiedlich. Shakespeare war 52 – ein beachtliches Alter für einen Menschen der frühen Neuzeit, der eine Pestepidemie und einige Theater überlebt hatte. Am schönsten ist es, sich vorzustellen, dass der aus London in seine Geburtsstadt zurückgekehrte Dramatiker nach der eigenen Geburtstagsfeier gestorben sei. Das mag glauben, wer das Tagebuch John Wards gelesen hat. Der Pfarrer der Holy Trinity Church in Stratford notierte darin, dass William nach einer fröhlich durchzechten Nacht verschied:
„Shakespear, Drayton and Ben Jonson had a merry meeting and it seems drank too hard, for Shakespear died of a feavour there contracted.“ / , Die Presse
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