Eileen Myles

At 66, she has spent the last four decades in the relative obscurity of punk poet-dom, publishing over 20 books of poetry, fiction and criticism, almost all with maverick presses. A generation of female writer-performers view her as indispensable. The rest of us: Eileen who? “I’m a loudmouthed lesbian, which means mainstream invisible,” she said.

That is changing, though, and in many ways Ms. Myles — to her ecstatic bewilderment — has Hollywood to thank. / Brooks Barnes, New York Times

Dichtender „Che Guevara des Donbass“

Bei Indymedia das Porträt des Anführers der Brigade Prisrak (Gespenst) Alexej Mosgowoj, auch »Che Guevara des Donbass« genannt. (Zuletzt in Deutschland in den Nachrichten, als die Tageszeitung junge Welt zu ihrer Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz „Alexej Markow, Gründer und politischer Kommandeur der Kommunistischen Einheit der Brigade »Prisrak« im Donbass“ als zugeschalteten Teilnehmer präsentierte). Manchen gefällt es, den Krieg im Donbass als eine Art neuen Spanienkrieg zu sehen.

Kyrylo Tkachenko, der Verfasser des Beitrags,

war Mitbegründer und Co-Redakteur der ukrainischen Zeitschrift für Soziale Kritik »Spilne« und politischer Aktivist in der Free-Mumia-Bewegung. Während seines Studiums in München war Kyrylo mehrere Jahre lang in deutschen linken Zusammenhängen aktiv. Er publizierte als Autor u.a. im Unrast-Verlag und unterstützte zuletzt in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Arbeiterprojekte in der Ostukraine.

In der dritten Folge seines Artikels (von sechs) geht es um den Kommandeur, und der ist oder war auch Dichter. Hier ein Auszug:

In der Tat sah man Mosgowoj nicht selten mit einer Mütze á la Che Guevara auf dem Kopf. Dass er auch ab und zu eine Kosaken-Mütze anhatte oder gar mehrmals in der Uniform der konterevolutionären Weißen Garde posierte, störte seine linken Verklärer weniger.

Vor dem Beginn der russischen Besatzung war Mosgowoj ein Dichter. Ein wahnsinnig schlechter Dichter, nebenbei angemerkt, der offensichtlich krasse Probleme mit der russischen Sprache hatte. Umso interessanter sind die Gedichte in ihrer Naivität. Die Absicht des Verfassers war es offensichtlich, einen tiefen Einblick in seine erstaunliche Seele zu gewähren. Und so bedienen wir uns derselben.

Ein Lieblingsthema Mosgowojs war die Revolution und der Bürgerkrieg. Mosgowoj beweint die besiegten Weißgardisten und schreibt Trauriges über die konterevolutionären Kadetten und Kosaken. Indem Mosgowojs lyrisches Ich sich an den Panzerkreuzer Aurora wendet, dessen Schuss der Legende zufolge als Signal zur Oktoberrevolution diente, äußert es sich folgendermaßen:

Hallo du, Idol der roten Brühe,
das Pest rauskotzt.

[…]

Der letzte Schuss fiel,
Das Echo hört man bis heute.
Ohne viel Bedenken
Erklärte dein Kapitän Terror dem Lande!

[…]

Gedichte antikommunistischen Inhalts schrieb der künftige »Che Guevara des Donbass« sehr gerne. Dagegen sucht man bei Mosgowoj vergeblich nach Verklärung der UdSSR, antifaschistischen Motiven oder sonst etwas »Linkem«.

Wirklich spannend sind auch seine Dichtereien über Frauen: »Sie sind keine boshaften Wesen / Manchmal sind sie sogar zärtlich« usw. Voll cool sind auch seine Hymnen an Wodka: »Und Wodkalein, das ist doch ein Wunder! / Ein Zaubergetränk, ein Traum. / Du trinkst nicht? Dann bist du ein Langweiler / Denn Frauenschönheit ist darin [im Wodka]«. Und so weiter und so fort, eine ziemlich klischeehafte »russische Seele«, mit allem Drum und Dran.

Das einzige »Revolutionäre«, was man beim dichtenden »Che Guevara« finden kann, ist ein sonderbares Gedicht namens »Es ist Zeit, ein bisschen zu schießen« sowie eine Prophezeiung über sein eigenes Schicksal: »Es bleibt nur noch, das eigene Blut mit der Hölle zu verwachsen. / Dort für immer zu brennen ist mein sündiges Los«.

Vor der russischen Besatzung war Mosgowoj nichts weiter als eine komische und für den postsowjetischen Raum nicht untypische Gestalt, ohne Bedeutung und Einfluss. Doch seit dem Frühjahr 2014 änderte sich alles von Grund auf. Die ehemals harmlosen Witzfiguren schafften es auf einmal aus der Marginalität in die höchsten Kollaborateurs-Ämter. Sie wurden wichtig. Sie kamen an Waffen und Macht. Sie durften über Leben und Tod entscheiden.

Seit dem Frühjahr 2014 hatte auch unser Held keine Zeit mehr für Dichtung. Der ehemalige Berufssoldat Alexej Mosgowoj organisierte eine Mörder-Bande und begann, zu predigen. Er meinte, dass er »erst jetzt angefangen hat zu leben«.

In einem Interview bestätigte Mosgowoj, dass Prisrak keine Gefangenen nimmt. Er meinte auch, dass er gerade damit beschäftigt sei, drei Raketen des Typs Totschka-U zu kaufen (d.h. einen Sprengkopf mit über 160 Kilo Sprengstoff darin), um auf Kyiw »draufzuballern«.

Er erklärt auch seine Beweggründe: »Wie viele anderen Menschen in Neurussland kann ich nicht mit der Ideologie leben, die Kiew vom Westen aufgezwungen wird. Ich kann keine gleichgeschlechtlichen Ehen akzeptieren, keine Jugendgerichte, die es Eltern verbieten, ihre Kinder zu erziehen. Überhaupt hat man uns von unseren Wurzeln losgerissen. Und jetzt wird es uns verboten, wir selbst zu sein.«. Ansonsten kein Wort über Kommunismus oder Sozialismus. Nur Schimpferei über »Faschisten« und Versprechungen, »es bis nach Kiew zu schaffen«.

Interessanterweise verrät er im selben Interview, dass sich seiner Brigade bald »Antifaschisten aus Deutschland anschließen werden«.

Kongreß der Dichterinnen

In Amritsar im indischen Bundesstaat Kerala fand ein großes Treffen von Dichterinnen und Künstlerinnen der All-India Poetess Conference (Gesamtindischen Konferenz der Dichterinnen, AIPC) statt. Die AIPC ist eine der weltweit größten literarischen Vereinigungen.

Die Gründerin, Dr. Lari Azad, eine anerkannte Schriftstellerin und Reformerin, nahm an der Konferenz teil und teilte mit, daß die 17. internationaleAPIC-Konferenz 2017 stattfinden werde. Mehr als 150 Frauen beteiligten sich an der Veranstaltung. Zu den Höhepunkten zählten eine Lyriksession und eine Ghazal-Performance der in den USA lebenden Künstlerin Meshi Bangad. Die Organisation wurde 1999 gegründet und hat mehr als 8000 Mitglieder aus 55 Ländern, darunter den USA, Großbritannien, Südafrika und Rußland.

Dr. Azad sagte: „Unser Hauptziel ist es, an der nationalen Einheit durch Zusammenwirken unterschiedlicher Sprachen mitzuwirken. Wir unterscheiden nicht nach Sprachen, seien es regionale oder internationale. Wir wollen, daß regionale Sprachen wie Gharo, Khasi, Mizo, Gujrati oder Punjabi den nationalen Sprachen gleichgestellt sind.“ / Tribune 23.1.

Polyzentrisch

Was die deutschsprachige Lyrikszene im internationalen Vergleich so aufregend macht, ist ihre polyzentrische Vitalität. Es scheint sich weder ein dominantes Zentrum der Poesie behaupten zu können noch eine Leitästhetik durchzusetzen. Im Gegenteil: Lyrik, das ist eine Vielzahl von poetologischen Konzepten und Orten des Dichtens.

Glücklicherweise gibt es daher die zuverlässigen Wegweiser Michael Braun und Michael Buselmeier. Während Anthologien, wie das ›Jahrbuch der Lyrik 2015‹ (DVA), auf lohnenswerte neue Namen aufmerksam machen, geht es den beiden Lyrik-Lotsen aus Heidelberg in der zweiten Folge von ›Der gelbe Akrobat‹, die im renommierten Leipziger Poetenladen erscheint, um eine Schärfung der Sensoren für Lyrik.

Auf eine unüberschaubare Szene reagieren Michael Braun und Michael Buselmeier mit einer Strategie der Einordnung. Sie liefern Kontexte. Sie beschreiben Konstellationen. Sie machen scheinbar unzusammenhängende Dichtungen lesbar als Ereignisse innerhalb einer vielstimmigen Szene. In ›Der gelbe Akrobat‹ kartographieren die beiden Literaturkritiker dieses sonderbare Babylon der Stimmen und legen eine Ethnologie seiner chamäleonartigen Bewohner noch obendrauf. / Paul-Henri Campbell, mehr hier

Michael Braun · Michael Buselmeier
Der gelbe Akrobat 2
poetenladen
2016 · 18,80 Euro
ISBN: 978-3-940691-73-6

Arisch

Wenn ein Kommentator bei Facebook schreibt, „ich wünsche deinen Töchtern eine Massenvergewaltigung“, oder wenn ein anderer die Bundeskanzlerin „am Strick“ aus Deutschland zerren will, verstößt er „nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards“. Jetzt ist es offenbar Thomas Gsella gelungen, mit einem Gedicht doch dagegen zu verstoßen. Er wurde „gemeldet“ und – für ein paar stunden gesperrt. Bei Gedichten und Nippeln verstehen die keinen Spaß.

Hier das Gedicht – die Kommentare darunter erspare ich Ihnen:

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Heidelberger Shortlist

Für den Clemens Brentano Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg sind in diesem Jahr vier Lyrikerinnen und Lyriker mit ihren jüngsten Veröffentlichungen nominiert: Neben der in Ladenburg lebenden Autorin Carolin Callies mit ihrem Debütband „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ (Schöffling & Co., 2015), dem Berliner Dichter Christian Filips mit seiner Publikation „Der Scheiße-Engel“ (Verlag Peter Engstler, 2015), dem in Dresden gebürtigen und in Zürich lebenden Autor Thilo Krause mit „Um die Dinge ganz zu lassen“ (poetenladen, 2015) ist auch die   die Berlinerin Nadja Küchenmeister mit „Unter dem Wacholder“ (Schöffling & Co., 2015) auf der Shortlist vertreten.

Seit 1993 wird der mit 10.000 Euro dotierte Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg jährlich im Wechsel in den Sparten Erzählung, Essay, Roman und Lyrik an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, die mit ihren Erstlingswerken bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Lesepublikums auf sich gelenkt haben. Der Preis ist deutschlandweit einmalig, da die Jury sowohl mit professionellen Literaturkritikerinnen und -kritikern als auch mit Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg besetzt ist.

Die Bekanntgabe der Preisträgerin oder des Preisträgers wird nach der Jurysitzung am 11. März 2016 erfolgen. Die feierliche Preisverleihung im Programm der UNESCO City of Literature Heidelberg findet im Juni statt. / Lokalmatador

Irische Shortlist

Die Shortlist des diesjährigen Irish Times Poetry Now Award wurde veröffentlicht. Der Preis soll den besten Gedichtband eines irischen Dichters im Vorjahr würdigen. Der Gewinner des mit €2,000 dotierten Preises wird am 12. März bekanntgegeben. Die 5 Titel der Shortlist:

Der Preis wird zum elften mal vergeben. Unter den bisherigen Gewinnern waren Seamus Heaney, Derek Mahon, Michael Longley, Harry Clifton, Sinéad Morrissey, Dennis O’Driscoll und Theo Dorgan, der im vorigen Jahr mit Nine Bright Shiners gewann.

In der Jury waren in diesem Jahr Colin Graham, Lia Mills und Gerard Smyth.

Radikalpoesie

Politisiert Euch könnte man in Anlehnung an das Motto eines inzwischen bekannten Berliner Verlagshauses Kai Pohls neue Arbeit übertiteln, die von den Ungeheuerlichkeiten der neoliberal geprägten kapitalistischen Gegenwart spricht, von unseren Verstrickungen darin und dem mehr oder weniger bewußten Reproduzieren entsprechender Strukturen. In schon bewährter Weise stellt sie eine Kompilation aus zum Teil abgewandelten Zitaten, Versatzstücken und persönlichen Einlassungen dar und ist auch geeignet, das Diktum gewisser Feuilletonisten, die zeitgenössische deutschsprachige und zumal junge Literatur sei belanglos, zu sehr auf sich selbst fixiert, ad absurdum zu führen.
Was Kai Pohl hier treibt, möchte ich Radikalpoesie nennen, eine Poesie der radikalen (Bild-)Schnitte und Des-illusionierung. / Jayne-Ann Igel, Signaturen

Kai Pohl: 1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele des männlichen Marktsubjekts. Berlin (Distillery #42) 2015. 36 Seiten. 10,00 Euro.

Palin Poet

In 2011, Michael Solomon released a Kindle single entitled “I Hope Like Heck: The Selected Poems of Sarah Palin.” The book consisted of Palin speeches reprinted word for word but broken into poetic lines. Solomon isn’t the only one who has noticed that Palin’s much-mocked speeches make more sense if formatted as poetry. Writers for both Fusion and the Huffington Post have taken Palin’s speech endorsing Donald Trump and re-cast it as vatic verse.

Here is a fragment of Palin, with line breaks from Jason O. Gilbert of Fusion:

I Sing the Body Apoplectic

We all have a part in this, we all have a responsibility.
Looking around at all of you, you hard-working Iowa families.
You farm families! And teachers! And teamsters! And cops, and cooks!
You rockin’ rollers! And holy rollers!
All of you who work so hard,
You full-time moms!
You, with the hands that rock the cradle!
You all make the world go round,
and now,

Our cause is one!

(…) As Michael Solomon writes, “Not since Walt Whitman first heard America singing has a writer captured the hopes and dreams of her people so effortlessly—and with so many gerunds.”

Jason O. Gilbert agrees. “Many critics derided [Palin’s] speech as ‘rambling’ and ‘insane,’” he notes. “These critics are wrong. With a little proper formatting, this speech was poetry, in the tradition of Walt Whitman.” / Jeet Heer, New Republic

Jürgen Fuchs wäre jetzt 65

Der Politiker und Dichter Hans-Jürgen Döring, der ausgewählte Texte vortrug, meinte, Fuchs müsse als Desiderat literarisch noch entdeckt werden. „,Magdalena muss man lesen.“ Und Utz Rachowski scheint es, als würde Fuchs‘ literarische Bedeutung stetig wachsen. Er sei „als Literat lange unterschätzt“ worden. Es sei singulär, „wenn jemand so von unten schreibt, mit diesem plebejischen Blick der kleinen Bahnstationen“, meinte Rachowski, einen Fuchs-Essay Herta Müllers zitierend. / Michael Helbing, Thüringer Allgemeine

Wortarten – Ein Lyrikfestival präsentiert von Monika Rinck

Samstag, 6. Februar 2016

 

Um Worte soll es gehen. Als der Maler Degas während einer Abendgesellschaft darüber klagte, wie schwer ihm das Dichten falle, und das, obwohl er doch so viele Ideen habe, erging an ihn von Mallarmé, „avec douce profondeur“, der Hinweis, dass man ja auch nicht mit Ideen Gedichte mache, sondern mit Worten. Nun sind Worte aber auch nicht das blanke Gegenteil von Ideen, was sich an vielen guten Gedichten zeigen lässt, und zudem daran ersichtlich ist, dass Ideen wortlos nur schwer zu vermitteln sind.

Was aber machen die Worte? Und wie machen sie es? Bewegen die Verben, was die Präpositionen einrichten, während Adjektive sich um das Substantiv bemühen, das auf seine pronominale Ersetzung wartet? Ja, und Metapher ist auch nur ein Wort. Aber das stimmt nicht. Kein Wort ist nur ein Wort. Auch darum soll es gehen. In Lesungen und Geprächen – mit Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß, Farhad Showghi, Sabine Scho und Martina Hefter.

Beginn: 15 Uhr, Abschlussdiskussion: 20 Uhr

Eintritt frei

Zur Facebook Veranstaltung hier

/ Spec ops network

Opferhaltung

Da wir grad bei garstig sind. Auf seiner Facebookseite kommentiert Hamed Abdel-Samad ein Video, auf dem eine Frau mit Kopftuch ein Gedicht vorträgt. Er schreibt:

Natürlich gibt es oft Diskriminierung gegen Muslime, wie es gegen Juden, Schwarze auch Diskriminierung gibt. Aber keine Gruppe beschwert sich mehr über Benachteiligung wie Muslime. Ich verstehe aber nicht warum Muslime Ereignisse wie die Silvester-Übergriffe auch nutzen um sich als die eigentlichen Opfer zu stilisieren wie die Poetin (…) das tut? Warum protestiert sie nicht gegen die Diskriminierung der muslimischen Frauen durch muslimische Männer? Warum beschwert sie sich nicht über die Diskriminierung der Andersgläubigen durch Muslime?

Zusammenfassung ihres Gedichts ist: Hallo, ich bin Muslima, vergesst die Frauen von Köln. Ich bin das eigentliche Opfer, und deutsche Männer fassen mich ständig an. Und Köln hat weder mit Ethnie noch mit Religion zu tun. Das ist ein deutsches Problem, weil ich in Deutschland nur Probleme sehe!

Die gleiche junge Poetin (wenn ich mich ans Gesicht und an die Stimme richtig erinnern kann) war bei meiner Buchpräsentation „Der islamische Faschismus“ im Gorki-Theater in Berlin und ließ die gleiche Opferhaltung auf mich los. Sie meinte meine Bücher machen ihr das Leben schwer. Ich fragte sie ob sie in Berlin mehr Probleme habe mit ihrem Kopftuch als ein Jude mit einer Kippa. Sie blieb stumm. Ich, der nur in Begleitung von 6 Polizisten auftreten durfte, nur weil meine Kritik Muslime beleidigt, mache ihr das Leben schwer? Es gibt einige junge Muslime, die eigentlich Kader der Islamverbände sind, und darauf vorbereitet werden, künftig den Ton über die Islamdebatte in den Medien zu bestimmen.

Blutiger Anschlag

Unbekannte Schützen betraten heute die Bacha-Khan-Universität in der nordpakistanischen Stadt Charsadda, nahe der afghanischen Grenze, und eröffneten das Feuer auf Studenten, die gerade zu einer Lyriklesung zum Gedenken an den Namensgeber der Universität, den Kämpfer gegen die britische Herrschaft Bacha (Badsha) Khan (um 1890-1988) versammelt waren.

Der Anführer der verbotenen Tehreek-i-Taliban Pakistan (TTP)-Geedar-Gruppe Umar Mansoor bekannte sich auf seiner Facebookseite zu dem Anschlag. Ein Sprecher der TTP widersprach ihm und verurteilte die Tat als „gegen die Scharia“ gerichtet. / Dawn

Der Guardian spricht von mindestens 30 Toten.

 

Sensers Lyrik

Armin Sensers Lyrik ist komplexer geworden, vertrackter, gedankenreicher. «Der Gedanke ist ein Liebhaber der Poesie», heisst es in dem nämlichen Aufsatzband. Wohl in keinem Band zuvor hat Senser, der immer schon zu einer diskursiven, argumentativen und bildarmen Gedankenlyrik neigte, die Schönheit des Denkens und die verständige Klarheit alles Schönen so konsequent in Verse gefasst.

Und trotzdem bewahren sich diese Gedichte den erzählerischen Gestus, den Senser in dem biografischen Versroman «Shakespeare» erprobt hatte. Elegisch und lakonisch zugleich sind nun die neuen Gedichte gestimmt. Sie atmen weit (im nicht vollends gelungenen Zyklus «Die menschliche Komödie» zum Beispiel), sie öffnen etwa in der «Kolumbianischen Serenade» mit emphatischer Anschaulichkeit einen grossen Erfahrungs- und Denkraum. Senser rekapituliert ohne Pathos, nüchtern und lakonisch biografische Reminiszenzen, er erzählt bewegend von seinem Vater, von seiner Kindheit, von frühen Versuchen mit der Malerei. Und gelegentlich erscheint dazwischen ein Bild von der Liebe, verstohlen fast. / Roman Bucheli, NZZ

Armin Senser: Liebesleben. Gedichte. Verlag Carl Hanser, München 2015. 110 S., Fr. 23.90; Priester und Ironiker. Über Literatur. Klever-Verlag, Wien 2015. 168 S., Fr. 25.40.

Das Unbehagen in der Literatur

Literarische Welt:

Sie sind in erster Linie Lyriker, Romancier erst seit Kurzem. Was ist die Rolle des Dichters in der heutigen Gesellschaft? Wer schreibt heute noch Sonette und wozu?

Ben Lerner:

Lyrik ist ein Kürzel, ein Ausdruck für das Unbehagen in der Literatur: Ist sie relevant, ist sie irrelevant? Kann sie etwas zur öffentlichen Debatte beitragen oder nicht? Und die Frage, ob es richtig ist, heute noch Lyrik zu schreiben, war von Anfang an Thema der Lyrik. Denn letztlich geht es ihr immer nur um ein Thema: Was ist Lyrik überhaupt? Lyrik ist immer selbstreferenziell. Es ist eine Form der Literatur, die nicht Marktgesetzen unterworfen ist, weil sie nicht erfolgreich sein muss. Eine Parallelgesellschaft, wenn Sie so wollen. Wenn ein Lyrikband sich ein paar Tausend Mal verkauft, ist das schon beinahe sensationell.

Kennen Sie die enzensbergersche Konstante? Sie wurde von Hans Magnus Enzensberger entdeckt, einem deutschen Lyriker, der die Mathematik liebt, und beträgt 1354. Das ist – laut Enzensberger – die Anzahl von Menschen in jeder Sprachgemeinschaft der Welt, die Gedichte liest.

Großartig! Natürlich kann niemand vom Gedichteschreiben leben, ich auch nicht. Mir macht es aber Spaß, mich in dieser Literaturgattung zu bewegen, die so unbestimmt und selbstreferenziell ist, die mit Ambivalenzen spielt, die ein Unbehagen ausdrückt.

/ Hannes Stein, Die Welt