Aus: „Heiner Müller über Rechtsfragen“, Ten to Eleven, 22. Oktober 1990
Veröffentlicht am 4. Januar 2016 von lyrikzeitung
Edward Mendelson schreibt in der New York Review of Books über einen Kommentar zu T.S. Eliot, den „ein 21jähriger Collegestudent namens Barack Obama“ in einem Brief an seine Freundin lieferte, die einen Aufsatz über The Waste Land schreiben mußte. Mendelsons begeistertes Fazit nicht zu Obamas Politik, sondern zu seiner jugendlichen Literaturkritik:
Having first placed Eliot in his historical and literary context, then having pointed to what is unique in him, Obama ends by showing how he speaks to any individual reader who pauses to listen. This is what the finest literary criticism has always done.
Veröffentlicht am 3. Januar 2016 von lyrikzeitung
Poetry may be a potent tool in recruiting militant jihadis, a new study by Oxford academic Elisabeth Kendall has found.
In Yemen’s al-Qaida and Poetry as a Weapon of Jihad, published in a forthcoming book, Twenty-First Century Jihad, she writes: “The power of poetry to move Arab listeners and readers emotionally, to infiltrate the psyche and to create an aura of tradition, authenticity and legitimacy around the ideologies it enshrines make it a perfect weapon for militant jihadist causes.”
Osama bin Laden composed an ode to the destruction of the USS Cole in 2000, which he recited at his son’s wedding, and a second example of his verse was discovered in an abandoned safe house in Kabul, having been distributed among trainee jihadis as an exhortation to fight.
(…) Poetry is woven into life’s fabric for 300 million people in the Arabic-speaking world (…)
“The survey was conducted in December 2012 by local fieldworkers, men and women, face to face, to capture illiterate respondents of both genders. A startling 74% of respondents believed that poetry was either ‘important’ or ‘very important’ in their culture today,” she writes. (…) Finally, poetry was found to be more important among men (82%) than women (69%).
(…) On YouTube, where some poems get large numbers of hits, the impact is reinforced by the use of images – “often of jihadists training or dead children in Iraq and Gaza, with faint background music and a ‘reverb effect’ that emphasises the monorhyme and heightens the sense of gravitas in the apocalyptic battle between good and evil that is the underlying theme running through most poems”. / Emma Hartley, The Guardian
Veröffentlicht am 3. Januar 2016 von lyrikzeitung
Als ich zum ersten Mal Gedichte von Thomas Kunst las, dachte ich mir: So kann man heute keine Gedichte schreiben. Und als ich sie vom Dichter vorgelesen hörte, dachte ich mir: So kann man seine Gedichte nicht vorlesen. Und dann, nach diesen Schrecksekunden, die länger dauern als normale Sekunden, dachte ich mir: Was für eigentümliche, schräge, verrückte, todtraurige Gedichte, was für ein phantastischer Humor, was für eine ungeläufige, verschroben anmutige Schönheit.
Thomas Kunst ist ein gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar, und ein bunter Vogel, kindlich, ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt, und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Phantasie ins Spiel zu bringen. / Aus: Hans Höller über Thomas Kunsts Roman Freie Folge (Salzburg: Jung und Jung Verlag 2015). in: Volltext, Wien, Ausgabe 4/2015
Veröffentlicht am 3. Januar 2016 von lyrikzeitung
so viel Herausforderungen – wo bleiben die Eingebungen?
Hansjürgen Bulkowski
Veröffentlicht am 2. Januar 2016 von lyrikzeitung
«In den Buchläden stapeln sich / Die Bestseller Literatur für Idioten / Denen das Fernsehen nicht genügt / Oder das langsamer verblödende Kino» – schrieb er ein Jahr vor seinem Tod. Mancher hat ihn einen Zyniker genannt, aber seine provozierende Ästhetik war so etwas wie Wahrheits- und Menschenliebe. Manchmal ein Raunen und auch Galligkeit, die bei ihm schnell in Gelächter umschlug. Sein Witz war dunkel und gütig.* / Aus einem Beitrag von Tom Schulz zum 20. Todestag Heiner Müllers, Neue Zürcher Zeitung
*) Das Zitat freilich weder dunkel noch gütig.
Veröffentlicht am 2. Januar 2016 von lyrikzeitung
Es war in Nagoya, in Zentraljapan, dass ich Ilma Rakusa endgültig ins Herz schloss. Ich hätte fast geschrieben: mich in sie verliebte, aber das geschah erst später, als ich schon eine literarische Figur aus ihr gemacht hatte. Als solche nenne ich sie Ima, was auf Japanisch «das Geschenk» heissen kann, während Ilma im Arabischen wohl «die Weisheit» bedeutet, und auch das würde passen. Aber es ist wohl sinnvoller, davon auszugehen, dass die echte Ilma Rakusa nach einer Figur aus der ungarischen Literatur benannt worden ist: nach der Hofdame einer Fee namens Tünde, die sich in einen irdischen Prinzen namens Csongor verliebt. Ilma hat dabei die wichtige Rolle der Vermittlerin zwischen diesen beiden Prinzipien: dem Himmlischen und dem Irdischen, und ist somit der denkbar passendste Name für eine zukünftige Dichterin. / Aus einem Beitrag von Terézia Mora, Neue Zürcher Zeitung
Veröffentlicht am 1. Januar 2016 von lyrikzeitung
Lyrik als Reflexionsraum auf engstem Raum, das gefällt mir.
Die Gefahr bei falsch verstandener Lyrik ist halt oft, dass sie ins „Versli-Brünzler-Hafte“ abrutscht, das wirkt dann ziemlich antiquiert – aber davon sind auch junge Rapper und Slamerinnen nicht gefeit, wie ich oft mit Schrecken feststelle. – Oder dass die Verse aus lauter Gefühlsduseleien bestehen. Lyrik aber besteht aus Sprache, und diese muss stark und eigenständig sein. Auch kein abgehobenes akademisches „Geschwurbel“, nein, das auch nicht. Ziel der Lyrik ist viel mehr eine Dichte, die einen in Bann schlägt. Die einem den Geist öffnet und nicht „auf den Geist geht“. / Interview mit Klaus Merz, Aargauer Zeitung
Veröffentlicht am 1. Januar 2016 von lyrikzeitung
Ich habe mich eigentlich nie nur auf meinen Kanton fokussiert. Sicher ist er eher reaktionärer geworden. Von den 70er bis zu den späten 90er Jahren herrschte, meine ich, politisch und kulturell ein etwas offeneres Klima, die Auseinandersetzungen jedenfalls waren „lüpfiger“ und weniger gehässig als heute. Aber auch da müssten wir wohl noch genauer hinschauen, um Abschliessendes sagen zu können. / Aargauer Zeitung
Veröffentlicht am 31. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Ashraf Fayadh ist keineswegs der einzige Dichter, der in einem arabischen Land inhaftiert ist. In den meisten Fällen ist der Vorwurf der Apostasie oder Blasphemie nur ein Vorwand. Autoren und Blogger werden vielmehr verfolgt, weil sie für mehr Bürgerrechte im eigenen Land plädieren, Machtmissbrauch und Korruption kritisieren oder die Aufstände in anderen arabischen Staaten preisen.
Muawiya al-Rawahi etwa, ein Dichter aus dem Oman, ist schon vor Jahren wegen Blasphemie in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden. Heute sitzt er in den Vereinten Arabischen Emiraten im Gefängnis, in Erwartung eines Verfahrens wegen Beleidigung des Herrschers dieses Landes.
Ein ähnlicher Vorwurf brachte Mohammed al-Ajami, einen Dichter aus Katar, für fünfzehn Jahre ins Gefängnis. Wenigstens wird in diesen Fällen die Hybris der Machtausübung ehrlich zugegeben.
Nicht Gott ist beleidigt worden, sondern der Emir oder der Scheich oder seine parasitäre Kamarilla. (…)
Die Feinfühligkeit der Herrscher von Katar (Sie wissen schon, WM und massenhaft tote Bauarbeiter) lässt sich durchaus nachvollziehen, wenn man das „Jasmingedicht“ von Mohammed al-Ajami liest: „Die Arabischen Regierungen und die über sie befehlen / Sind alles nur Verbrecher, die uns bestehlen.“
Das dürfte zwar die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sein, aber diese zu äußern muss in vielen Ländern dieser Welt teuer bezahlt werden.
Noch weniger bekannt ist das Schicksal des saudischen Dichters Adel al-Labbad, der zu dreizehn Jahren Haft verurteilt wurde, weil er ein Gedicht über den Arabischen Frühling verfasst hat. Ähnlich gelagert ist auch der Fall des mauretanischen Schriftstellers und Bloggers Mohammed al-Sheikh Walad Mukheiter.
Er wurde vor einem Jahr wegen Beleidigung des Propheten (der nur ein Mensch war, wenn auch ein vorbildlicher) in seinem Heimatland zum Tode verurteilt. Er hatte in einem Artikel vermeintlich über den Propheten geschrieben, doch eigentlich den gesellschaftskritischen Finger auf die vielen Wunden der mauretanischen Gesellschaft gelegt, auf Sklaverei, Diskriminierung und Unterdrückung.
Die Anklage wegen Blasphemie zur Verfolgung oder gar Ermordung politisch unliebsamer Gegner hat Tradition. Der große sufistische Mystiker al-Halladsch wurde am 26. März 922 in Bagdad gekreuzigt, angeblich wegen Ketzerei. / Ilija Trojanow, taz
Veröffentlicht am 31. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Aus: „Heiner Müller über Rechtsfragen“, Ten to Eleven, 22. Oktober 1990
Kluge: Man nimmt also den Stock, die Krücke, also die Metapher, ja…
Müller: …und dann gibt es eben das Hebelgesetz und die Metapher trägt dich weiter, als du denken konntest, vorher. Hinterher kannst du dann vielleicht das nachdenken, was die Metapher dir…
Kluge: Wer hat das gesagt?
Müller: Lichtenberg: „Die Metapher ist klüger als der Autor.“
Kluge: Der aus dem 18. Jahrhundert.
Müller: Ja. Und dann gibt es so einen schönen Text von der Gertrude Stein über die elisabethanische Literatur mit dem ganz naiven Satz: „Es bewegt sich alles so sehr.“ Und sie schreibt eigentlich über die Schnelligkeit des Bedeutungswandels in dieser Periode der Kolonisierung. Weil es gab dauernd neue Worte und Worte, die neue Inhalte, neue Dimensionen kriegten durch diese globale Kolonisierung. Und das zeigt die…
Kluge: Im Zeitalter Shakepeares…
Müller: Jaja. Und das hat die Sprache der Elisabethaner so irisierend gemacht, so beweglich. Der Bedeutungswandel…
Kluge: Also die Metapher verlangsamt, sagst du?
Müller: Nein, sie beschleunigt, sie beschleunigt, glaube ich,
Kluge: …sie beschleunigt…
Müller: …Und es bewegt sich alles so sehr, sagt sie; also bei Shakespeare und bei den Elisabethanern. Und dann beschreibt sie auch, wie das dann am Schluss, diese Bewegung langsam aufhört mit der Konsolidierung, also des britischen Imperiums…
Veröffentlicht am 30. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Heute beim Standard die Erstveröffentlichung eines nachgelassenen Gedichts der Kärtner Dichterin Christine Lavant, anlässlich des 70. Jahrestages des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und des 100. Geburtstags Lavants: „Wer dich fragt um die Wunde der Welt, dem zeig Hiroshima“
Veröffentlicht am 30. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.
Hier ist ein Auszug:
Etwa 8.500.000 Menschen besuchen jedes Jahr das Louvre Museum in Paris. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 230.000 mal besucht. Wenn dieses Blog eine Ausstellung im Louvre wäre, würde es etwa 10 Jahre brauchen um auf die gleiche Anzahl von Besuchern zu kommen.
Veröffentlicht am 30. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Wie aus russisch- und englischsprachigen sozialen Netzwerken zu erfahren, starb die russische Dichterin Olga Tschugai (Ольга Чугай) am 22. Dezember in Moskau. Sie wurde 71 Jahre alt.
1964 nahm sie ein Studium an der Historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität auf. Jedoch schloß sie es nicht ab, sondern beschloß, sich professionell mit Literatur zu beschäftigen. Gedichte hatte sie seit ihrer frühen Jugend geschrieben, ab 1965 veröffentlichte sie in Almanachen und Zeitschriften (Nowy Mir, Junost). Sie übersetzte Gedichte aus dem Englischen, Tschechischen und anderen Sprachen. 1977 bis 1990 leitete sie das „Labor des ersten Buches“ beim Moskauer Schriftstellerverband. Sie veröffentlichte die Gedichtsammlungen Судьба глины (Schicksal des Lehms. Мoskau: Советский писатель, 1982) und Светлые стороны тьмы (Die hellen Seiten der Finsternis, Мoskau, 1995) sowie die erste „Perestroika“-Anthologie Граждане ночи (Bürgernächte, Мoskau, 2 Bd., т. 1 в 1990, т. 2 в 1992).
Quelle: poesis.ru
Anscheinend gibt es keinen ihrer Texte auf Deutsch. Das folgende Gedicht, das sie als ihr bestes ansah, im Original und in englischer Übersetzung von Philip Nikolayev.
На красный свет, на соловьиный свист
разбойничий в лесу окоченелом
летит моя душа, расставшись с телом:
на зов последний: как последний лист.
А может быть, все бабочки на свет,
а может быть, и дети на опасность
летят вот так же, чувствуя неясно
последний миг, но видят только свет.
On a red light, toward a nightingale’s
Or highwayman’s hoot in a chilly coppice,
My soul, vacating thus this body’s office,
Flies like the last leaf on the last of calls.
And possibly, nightmoths toward the light,
And maybe, too, children toward some danger,
Fly, sensing in the same uncertain manner
The last moment, but seeing only light.
Veröffentlicht am 29. Dezember 2015 von lyrikzeitung
After the grand jury in Ferguson decided not to indict Darren Wilson for killing Michael Brown, a group of poets began posting videos all over the internet under the hashtag #BlackPoetsSpeakOut. The poets start each video with the same mantra: “I am a black poet who will not remain silent while this nation murders black people. I have a right to be angry,” which serves to unite them, like a symphony warming up before a performance, though their songs and styles are diverse. / Rich Smith, The Stranger
Veröffentlicht am 29. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Eine wichtige Rolle bei der geistigen Aufrüstung Russlands spielte im russisch-türkischen Krieg von 1877/78 auch Fjodor Dostojewski. In seinem «Tagebuch eines Schriftstellers» gab der berühmte Romanautor seiner Überzeugung Ausdruck, dass «das Goldene Horn und Konstantinopel unser sein werden». Den Krieg selbst bezeichnete er als «reinigendes Gewitter», das die gesellschaftliche Solidarität zwischen der Bauernschaft und dem Adel in Russland stärken werde. Vorbereitet wurden Dostojewskis patriotische Ideen durch den Lyriker Fjodor Tjutschew, der 1850 in seiner «Weissagung» gedichtet hatte: «Und die alten Gewölbe der Hagia Sophia / und das erneuerte Byzanz / werden erneut den Altar Christi umfassen. / Fall vor ihm nieder, o russischer Zar / und auferstehe als Zar aller Slawen!»
Solch hochfahrende Visionen spielten eine wichtige Rolle bei der Entfesselung des Krimkriegs (1853–1856). Die russische Gesellschaft befand sich in einem patriotischen Taumel – man träumte von einer panslawischen Föderation unter russischer Führung. Einer der Wortführer dieses Programms war der erzkonservative Publizist Michail Pogodin, der das eroberte Konstantinopel sogar zur neuen russischen Hauptstadt machen wollte. Allerdings wurden seine Erwartungen bald enttäuscht: Russland unterlag schmählich in diesem Waffengang gegen das Osmanische Reich.
(…)
In der patriotischen Literatur ist der Traum vom russischen Konstantinopel auch heute noch nicht ganz ausgeträumt. Der Petersburger Erfolgsautor Pawel Krusanow veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Roman «Der Biss des Engels», der in einem utopischen Russischen Reich mit der Hauptstadt Zargrad spielt – Zargrad ist die russische Bezeichnung für Byzanz. Im August 2001 publizierte er – gemeinsam mit dem Philosophen Alexander Sekazki – einen offenen Brief, in dem er zur Ausweitung des russischen Imperiums an seine «unsichtbaren Grenzen» aufrief: «Zargrad, Bosporus, Dardanellen.» / Ulrich M. Schmid, NZZ
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