Blue Notes

›Blue Notes: In Sätzen leben, in Versen tanzen‹ lautet das Thema der Poetica II, des zweiten Festivals für Weltliteratur, das das Internationale Kolleg Morphomata der Universität zu Köln gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vom 25. bis 30. Januar 2016 in Köln veranstaltet. Kurator der Poetica II ist der slowenische Lyriker, Erzähler und Verleger Aleš Šteger. Er hat Autoren aus drei Kontinenten und acht Ländern eingeladen, ›literarische Amphibien‹, d.h. Autoren, die sowohl namhafte Lyriker wie Romanciers sind, die mit den Formen von Gedicht und Roman gleichermaßen experimentieren und sich so zwischen zwei Arten der Weltgestaltung – einer rhythmisch-tänzerischen und einer prosaisch-realistischen – immer neu entscheiden müssen. Wie beschreiben die Autoren eine dergestalt amphibische Kreativität, wenn sie einmal in Sätzen leben, ein andermal in Versen tanzen? Wie formen unterschiedliche literarische Genres unser Wissen von Melancholie und Hoffnung?

Um die Machart und Wirkmacht von ›Blue Notes‹ geht es also in der Poetica II und eingeladen sind folgende Autoren: Juri Andruchowytsch aus der Ukraine, Bernardo Atxaga aus Spanien, Georgi Gospodinov aus Bulgarien, Lavinia Greenlaw aus Großbritannien, Durs Grünbein aus Deutschland, Paul Muldoon aus den USA, Ilma Rakusa aus der Schweiz, Ana Ristović aus Serbien und Sjón aus Island. Zum Abschluss des Festivals treffen sie auf neu hinzukommende Autoren der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, auf die Lyriker Heinrich Detering, Michael Krüger und Monika Rinck sowie auf die Romanciers Navid Kermani und Martin Mosebach. / Mehr

Verstehen

Witzig wie manchmal Sachen, die man für selbsterklärend hält, durch schulische Behandlung zu etwas Erklärungsbedürftigem werden. Dieses kurze Gedicht von e.e. cummings etwa:

a politician is an arse upon / which everyone has sat except a man.

Reicht das Offensichtliche nicht aus? Fehlt uns die „tiefere“ Bedeutung? Vielleicht weil man es uns so oft abverlangt, somit antrainiert hat? Man muß nur wissen, was arse heißt. Wohl nicht für jeden so leicht zu verstehen wie für Deutsche. Ich lese:

I did not know the formal definition of arse before reading the poem but arse is defined as the buttocks on the human body.

Das geklärt verstehen wir und übersetzen:

ein politiker ist ein arsch auf dem / jeder schon gesessen hat bloß kein mensch

Möchte jemand einen Aufsatz darüber schreiben?

Anscheinend. Die Leser des Blogs, auf dem ich das fand, diskutieren:

I have long loved and puzzled over his short epigrammatic poem by ee cummings. Thanks for unravelling it.

Und

Totally wrong. You’re dumb

Und

By using the British „arse“ cummings also includes elephants

Oder

However, I had never considered the pun on ass (an ass being the sterile offspring of a donkey and a mule). This implies that a politician lacks that other essential attribute of manhood, sexual potency. But that might be a little inaccurate given the track record of many politicians.

So entsteht Bedeutung, indem wir sie aussprechen. Jetzt ist sie im Kasten.

Rilke’s russian poems

The English language reader is by and large unaware that Rainer Maria Rilke, the great Bohemian-Austrian poet of the German language, wrote some Russian verse. His eight Russian poems, dated 1900-1, have been translated into English twice before, but for scholarly purposes and in academic publications known only to the specialist. Even in Russia the reading public is barely aware of these early Russian texts by Rilke, though they can be found both in print and online.  Literary Russians tend to see them as curious trifles, a great stranger’s attempts, failed though touching, at poetry in our robust and supple language. Their Russian, unmistakably a foreigner’s, exhibits errors of grammar, usage and scansion. Still, in a handful of lines Rilke manages to get the Russian right, and they ring true as lines of Russian verse. Even faulty lines have their charm and strangely convey a Rilkean tone. For a Russian like myself, it takes an extra charitable reading to see past the somewhat comical flaws of expression to the details of the pure and distinctly Rilkean imagery, thoughts and sentiments that inform these outlandish creations. Their linguistic bizarreness notwithstanding, the Russian poems, continuous with Rilke’s German writings at the turn of the 20th century, are inspired works by a great poet and the results of a daring poetic experiment. They offer unique insights into his lyric concerns. One can sense the poet behind them, the vibrancy of his inspirations, and his great love of Russia, which he called his “spiritual motherland.” / Philip Nikolayev, The Battersea Review

Я так один. Никто не понимает
Молчанье: голос моих долгих дней
И ветра нет, который открывает
Большие небеса моих очей…
Перед окном огромный день чужой
край города; какой-нибудь большой
лежит и ждет. Думаю: это я?
Чего я жду? И где моя душа?*

11 апреля 1901

I’m so alone: nobody understands
the silence that is the voice of my long days,
there being out there no such wind as opens
wide the ample heavens of my eyes.
Outside my window an enormous day stands
on the city’s strange edge, a large man lies,
awaiting. Is this I, I ask myself,
awaiting what? And where’s my soul?

Übersetzt von PHILIP NIKOLAYEV, poet and literary scholar. He is co-editor-in-chief of Fulcrum: an Annual of Poetry and Aesthetics. His latest poetry collection is Letters from Aldenderry (Salt).

*) Prosaübersetzung aus dem Band „Rilke und Rußland“. Leipzig: Aufbau, 1986, S. 622:

Ich bin so allein, niemand versteht
Das Schweigen: Stimme meiner langen Tage,
Und es gibt keinen Wind, der aufschließt
Die großen Himmel meiner Augen.
Vor den Fenstern ein ungeheurer fremder Tag,
Der Rand der Stadt; irgendein Großer
Liegt und wartet. Ich denke: bin ich es?
Worauf warte ich? Und wo ist meine Seele?

(Mir scheint, in Nikolayevs englischen Versen hört man Rilkes Ton stärker).

Rilkes russische Gedichte

Der schwere Stand der Lyrik

Von Axel Kutsch

Lyrikrezensionen muss man in unseren überregionalen Zeitungen fast mit der Lupe suchen. So wurden im vergangenen Jahr im sogenannten „großen Feuilleton“ aus einer Vielzahl von 2015 veröffentlichten Gedichtbüchern deutschsprachiger Autorinnen und Autoren nur rund dreißig kritisiert, allen voran „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass. Während in der NZZ laut Perlentaucher immerhin noch zwölf Rezensionen erschienen, waren es in der TAZ und ZEIT gerade mal zwei.

Neben dem Lyrikband von Günter Grass galt das Interesse der Kritiker vor allem den Neuerscheinungen von Christoph Meckel und Raoul Schrott. Dass ein herausragendes Buch wie „Neu-Jerusalem“ von Ulf Stolterfoht bisher nur in der FAZ und NZZ rezensiert worden ist, ist ein weiteres Indiz für den schweren Stand der Lyrik im „großen Feuilleton“. Krimis haben es da leichter.

Die Liste der Rezensionen wird nach meiner Perlentaucher-Auswertung von Günter Grass angeführt. Kritiken über „Vonne Endlichkait“ erschienen in der ZEIT, NZZ, FAZ, Welt, SZ und FR. Ebenfalls mit mehreren Rezensionen folgen Christoph Meckel („Tarnkappe“, FAZ, NZZ, SZ, Die Welt), Raoul Schrott („Die Kunst an nichts zu glauben“, FAZ, SZ, NZZ, TAZ), Tom Schulz („Lichtveränderung“, NZZ, Die Welt, TAZ), Carolin Callies („fünf sinne & nur ein besteckkasten“, NZZ, Die Welt), Angelika Krauß („Eine Wiege“, FAZ, SZ) und Ulf Stolterfoht („Neu-Jerusalem“, FAZ, NZZ).

Zu den Lyrikbänden, die jeweils einmal im überregionalen Feuilleton rezensiert worden sind, gehören unter anderem „Venice singt“ von Sonja vom Brocke (NZZ), „CEK“ von Daniel Falb (Die Welt), „Spiegelungen Orte“ von Manfred Peter Hein (FAZ), „Gegenreden“ von Uwe Kolbe (FR), „Istanbul, zusehends“ von Barbara Köhler (SZ), „Mikadogeäst“ von Jürgen Nendza (SZ), „Scharlachnatter“ von Robert Schindel (NZZ), „was weißt du schon von prärie“ von Daniela Seel (SZ) und „Liebesleben“ von Armin Senser (NZZ). Nicht nur diesen Gedichtbüchern wäre mehr Aufmerksamkeit in den oft lyrikverschnarchten Redaktionen zu wünschen.

Zwölf Rezensionen über Neuerscheinungen des vergangenen Jahres von deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern wurden 2015 in der NZZ veröffentlicht, elf in der FAZ, neun in der SZ, acht in der Welt, drei in der FR, je zwei in der TAZ und ZEIT – zumindest teilweise ein Armutszeugnis. Vielleicht wacht man ja 2016 in der einen oder anderen Redaktion auf. So viel Tiefschlaf hat unsere innovative neue Lyrik nämlich nicht verdient.

Langgedicht, noch ohne Titel

Für mich ist Wordsworths Prelude ein Buch des Jahres, wenn nicht das Buch (…). Ist es doch schon mal ein Langgedicht auf 333 Seiten, nimmt philosophische Positionen auf, schildert Geschichte um 1800, also keinen ganz unwichtigen Abschnitt in der Entwicklung Europas und für heutige Zeitgenossen doch überraschend. Zum Beispiel die Bedeutung der Gemeinde Goslar, bekannt durch das untergärige Bier, das auch heute noch in verschiedenen Leipziger Wirtschaften ausgeschenkt wird. (…)

Zum Gedicht selbst kommen Glossar und Nachwort, in dem Wolfgang Schlüter die Prinzipien seines Übersetzens offenlegt. Die vorliegende Übertragung versteht sich als literarische Arbeit, schreibt Schlüter, wobei das Wort literarisch hervorgehoben ist. Faszinierend dabei ohnehin Schlüters Umgang mit dem Blankvers. Denn er rettet die erzählerische Qualität dieses Mediums ins Deutsche, indem er einen Vers entwickelt, der sich nicht sklavisch an die Vorgaben hält, sondern die Anzahl der geforderten Hebungen quasi im Durchschnitt gewährleistet. Das schafft Lesefluss und zumindest bei mir auch gesteigerte Leselust. Ich ließ mich bei der ersten Lektüre forttragen. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge (The 1850 Prelude). Deutsch. Übers. von Wolfgang Schlüter. Berlin (Matthes & Seitz) 2015. 378 Seiten. 39,90 Euro.

Poetopie

allein im Winterwald ruft sie und lauscht – der Laut ihrer Stimme passt sich genau ein in die Stille

Hansjürgen Bulkowski

Rache

Für N.N.

Die deutsche Lyrikszene liest mich nicht und ich lese sie nicht. Meine Rache ist auf jeden Fall quantitativ umfangreicher.

Eileen Myles

At 66, she has spent the last four decades in the relative obscurity of punk poet-dom, publishing over 20 books of poetry, fiction and criticism, almost all with maverick presses. A generation of female writer-performers view her as indispensable. The rest of us: Eileen who? “I’m a loudmouthed lesbian, which means mainstream invisible,” she said.

That is changing, though, and in many ways Ms. Myles — to her ecstatic bewilderment — has Hollywood to thank. / Brooks Barnes, New York Times

Dichtender „Che Guevara des Donbass“

Bei Indymedia das Porträt des Anführers der Brigade Prisrak (Gespenst) Alexej Mosgowoj, auch »Che Guevara des Donbass« genannt. (Zuletzt in Deutschland in den Nachrichten, als die Tageszeitung junge Welt zu ihrer Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz „Alexej Markow, Gründer und politischer Kommandeur der Kommunistischen Einheit der Brigade »Prisrak« im Donbass“ als zugeschalteten Teilnehmer präsentierte). Manchen gefällt es, den Krieg im Donbass als eine Art neuen Spanienkrieg zu sehen.

Kyrylo Tkachenko, der Verfasser des Beitrags,

war Mitbegründer und Co-Redakteur der ukrainischen Zeitschrift für Soziale Kritik »Spilne« und politischer Aktivist in der Free-Mumia-Bewegung. Während seines Studiums in München war Kyrylo mehrere Jahre lang in deutschen linken Zusammenhängen aktiv. Er publizierte als Autor u.a. im Unrast-Verlag und unterstützte zuletzt in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Arbeiterprojekte in der Ostukraine.

In der dritten Folge seines Artikels (von sechs) geht es um den Kommandeur, und der ist oder war auch Dichter. Hier ein Auszug:

In der Tat sah man Mosgowoj nicht selten mit einer Mütze á la Che Guevara auf dem Kopf. Dass er auch ab und zu eine Kosaken-Mütze anhatte oder gar mehrmals in der Uniform der konterevolutionären Weißen Garde posierte, störte seine linken Verklärer weniger.

Vor dem Beginn der russischen Besatzung war Mosgowoj ein Dichter. Ein wahnsinnig schlechter Dichter, nebenbei angemerkt, der offensichtlich krasse Probleme mit der russischen Sprache hatte. Umso interessanter sind die Gedichte in ihrer Naivität. Die Absicht des Verfassers war es offensichtlich, einen tiefen Einblick in seine erstaunliche Seele zu gewähren. Und so bedienen wir uns derselben.

Ein Lieblingsthema Mosgowojs war die Revolution und der Bürgerkrieg. Mosgowoj beweint die besiegten Weißgardisten und schreibt Trauriges über die konterevolutionären Kadetten und Kosaken. Indem Mosgowojs lyrisches Ich sich an den Panzerkreuzer Aurora wendet, dessen Schuss der Legende zufolge als Signal zur Oktoberrevolution diente, äußert es sich folgendermaßen:

Hallo du, Idol der roten Brühe,
das Pest rauskotzt.

[…]

Der letzte Schuss fiel,
Das Echo hört man bis heute.
Ohne viel Bedenken
Erklärte dein Kapitän Terror dem Lande!

[…]

Gedichte antikommunistischen Inhalts schrieb der künftige »Che Guevara des Donbass« sehr gerne. Dagegen sucht man bei Mosgowoj vergeblich nach Verklärung der UdSSR, antifaschistischen Motiven oder sonst etwas »Linkem«.

Wirklich spannend sind auch seine Dichtereien über Frauen: »Sie sind keine boshaften Wesen / Manchmal sind sie sogar zärtlich« usw. Voll cool sind auch seine Hymnen an Wodka: »Und Wodkalein, das ist doch ein Wunder! / Ein Zaubergetränk, ein Traum. / Du trinkst nicht? Dann bist du ein Langweiler / Denn Frauenschönheit ist darin [im Wodka]«. Und so weiter und so fort, eine ziemlich klischeehafte »russische Seele«, mit allem Drum und Dran.

Das einzige »Revolutionäre«, was man beim dichtenden »Che Guevara« finden kann, ist ein sonderbares Gedicht namens »Es ist Zeit, ein bisschen zu schießen« sowie eine Prophezeiung über sein eigenes Schicksal: »Es bleibt nur noch, das eigene Blut mit der Hölle zu verwachsen. / Dort für immer zu brennen ist mein sündiges Los«.

Vor der russischen Besatzung war Mosgowoj nichts weiter als eine komische und für den postsowjetischen Raum nicht untypische Gestalt, ohne Bedeutung und Einfluss. Doch seit dem Frühjahr 2014 änderte sich alles von Grund auf. Die ehemals harmlosen Witzfiguren schafften es auf einmal aus der Marginalität in die höchsten Kollaborateurs-Ämter. Sie wurden wichtig. Sie kamen an Waffen und Macht. Sie durften über Leben und Tod entscheiden.

Seit dem Frühjahr 2014 hatte auch unser Held keine Zeit mehr für Dichtung. Der ehemalige Berufssoldat Alexej Mosgowoj organisierte eine Mörder-Bande und begann, zu predigen. Er meinte, dass er »erst jetzt angefangen hat zu leben«.

In einem Interview bestätigte Mosgowoj, dass Prisrak keine Gefangenen nimmt. Er meinte auch, dass er gerade damit beschäftigt sei, drei Raketen des Typs Totschka-U zu kaufen (d.h. einen Sprengkopf mit über 160 Kilo Sprengstoff darin), um auf Kyiw »draufzuballern«.

Er erklärt auch seine Beweggründe: »Wie viele anderen Menschen in Neurussland kann ich nicht mit der Ideologie leben, die Kiew vom Westen aufgezwungen wird. Ich kann keine gleichgeschlechtlichen Ehen akzeptieren, keine Jugendgerichte, die es Eltern verbieten, ihre Kinder zu erziehen. Überhaupt hat man uns von unseren Wurzeln losgerissen. Und jetzt wird es uns verboten, wir selbst zu sein.«. Ansonsten kein Wort über Kommunismus oder Sozialismus. Nur Schimpferei über »Faschisten« und Versprechungen, »es bis nach Kiew zu schaffen«.

Interessanterweise verrät er im selben Interview, dass sich seiner Brigade bald »Antifaschisten aus Deutschland anschließen werden«.

Kongreß der Dichterinnen

In Amritsar im indischen Bundesstaat Kerala fand ein großes Treffen von Dichterinnen und Künstlerinnen der All-India Poetess Conference (Gesamtindischen Konferenz der Dichterinnen, AIPC) statt. Die AIPC ist eine der weltweit größten literarischen Vereinigungen.

Die Gründerin, Dr. Lari Azad, eine anerkannte Schriftstellerin und Reformerin, nahm an der Konferenz teil und teilte mit, daß die 17. internationaleAPIC-Konferenz 2017 stattfinden werde. Mehr als 150 Frauen beteiligten sich an der Veranstaltung. Zu den Höhepunkten zählten eine Lyriksession und eine Ghazal-Performance der in den USA lebenden Künstlerin Meshi Bangad. Die Organisation wurde 1999 gegründet und hat mehr als 8000 Mitglieder aus 55 Ländern, darunter den USA, Großbritannien, Südafrika und Rußland.

Dr. Azad sagte: „Unser Hauptziel ist es, an der nationalen Einheit durch Zusammenwirken unterschiedlicher Sprachen mitzuwirken. Wir unterscheiden nicht nach Sprachen, seien es regionale oder internationale. Wir wollen, daß regionale Sprachen wie Gharo, Khasi, Mizo, Gujrati oder Punjabi den nationalen Sprachen gleichgestellt sind.“ / Tribune 23.1.

Polyzentrisch

Was die deutschsprachige Lyrikszene im internationalen Vergleich so aufregend macht, ist ihre polyzentrische Vitalität. Es scheint sich weder ein dominantes Zentrum der Poesie behaupten zu können noch eine Leitästhetik durchzusetzen. Im Gegenteil: Lyrik, das ist eine Vielzahl von poetologischen Konzepten und Orten des Dichtens.

Glücklicherweise gibt es daher die zuverlässigen Wegweiser Michael Braun und Michael Buselmeier. Während Anthologien, wie das ›Jahrbuch der Lyrik 2015‹ (DVA), auf lohnenswerte neue Namen aufmerksam machen, geht es den beiden Lyrik-Lotsen aus Heidelberg in der zweiten Folge von ›Der gelbe Akrobat‹, die im renommierten Leipziger Poetenladen erscheint, um eine Schärfung der Sensoren für Lyrik.

Auf eine unüberschaubare Szene reagieren Michael Braun und Michael Buselmeier mit einer Strategie der Einordnung. Sie liefern Kontexte. Sie beschreiben Konstellationen. Sie machen scheinbar unzusammenhängende Dichtungen lesbar als Ereignisse innerhalb einer vielstimmigen Szene. In ›Der gelbe Akrobat‹ kartographieren die beiden Literaturkritiker dieses sonderbare Babylon der Stimmen und legen eine Ethnologie seiner chamäleonartigen Bewohner noch obendrauf. / Paul-Henri Campbell, mehr hier

Michael Braun · Michael Buselmeier
Der gelbe Akrobat 2
poetenladen
2016 · 18,80 Euro
ISBN: 978-3-940691-73-6

Arisch

Wenn ein Kommentator bei Facebook schreibt, „ich wünsche deinen Töchtern eine Massenvergewaltigung“, oder wenn ein anderer die Bundeskanzlerin „am Strick“ aus Deutschland zerren will, verstößt er „nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards“. Jetzt ist es offenbar Thomas Gsella gelungen, mit einem Gedicht doch dagegen zu verstoßen. Er wurde „gemeldet“ und – für ein paar stunden gesperrt. Bei Gedichten und Nippeln verstehen die keinen Spaß.

Hier das Gedicht – die Kommentare darunter erspare ich Ihnen:

CZRoUYRW0AA7pY-

Heidelberger Shortlist

Für den Clemens Brentano Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg sind in diesem Jahr vier Lyrikerinnen und Lyriker mit ihren jüngsten Veröffentlichungen nominiert: Neben der in Ladenburg lebenden Autorin Carolin Callies mit ihrem Debütband „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ (Schöffling & Co., 2015), dem Berliner Dichter Christian Filips mit seiner Publikation „Der Scheiße-Engel“ (Verlag Peter Engstler, 2015), dem in Dresden gebürtigen und in Zürich lebenden Autor Thilo Krause mit „Um die Dinge ganz zu lassen“ (poetenladen, 2015) ist auch die   die Berlinerin Nadja Küchenmeister mit „Unter dem Wacholder“ (Schöffling & Co., 2015) auf der Shortlist vertreten.

Seit 1993 wird der mit 10.000 Euro dotierte Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg jährlich im Wechsel in den Sparten Erzählung, Essay, Roman und Lyrik an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, die mit ihren Erstlingswerken bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Lesepublikums auf sich gelenkt haben. Der Preis ist deutschlandweit einmalig, da die Jury sowohl mit professionellen Literaturkritikerinnen und -kritikern als auch mit Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg besetzt ist.

Die Bekanntgabe der Preisträgerin oder des Preisträgers wird nach der Jurysitzung am 11. März 2016 erfolgen. Die feierliche Preisverleihung im Programm der UNESCO City of Literature Heidelberg findet im Juni statt. / Lokalmatador

Irische Shortlist

Die Shortlist des diesjährigen Irish Times Poetry Now Award wurde veröffentlicht. Der Preis soll den besten Gedichtband eines irischen Dichters im Vorjahr würdigen. Der Gewinner des mit €2,000 dotierten Preises wird am 12. März bekanntgegeben. Die 5 Titel der Shortlist:

Der Preis wird zum elften mal vergeben. Unter den bisherigen Gewinnern waren Seamus Heaney, Derek Mahon, Michael Longley, Harry Clifton, Sinéad Morrissey, Dennis O’Driscoll und Theo Dorgan, der im vorigen Jahr mit Nine Bright Shiners gewann.

In der Jury waren in diesem Jahr Colin Graham, Lia Mills und Gerard Smyth.

Radikalpoesie

Politisiert Euch könnte man in Anlehnung an das Motto eines inzwischen bekannten Berliner Verlagshauses Kai Pohls neue Arbeit übertiteln, die von den Ungeheuerlichkeiten der neoliberal geprägten kapitalistischen Gegenwart spricht, von unseren Verstrickungen darin und dem mehr oder weniger bewußten Reproduzieren entsprechender Strukturen. In schon bewährter Weise stellt sie eine Kompilation aus zum Teil abgewandelten Zitaten, Versatzstücken und persönlichen Einlassungen dar und ist auch geeignet, das Diktum gewisser Feuilletonisten, die zeitgenössische deutschsprachige und zumal junge Literatur sei belanglos, zu sehr auf sich selbst fixiert, ad absurdum zu führen.
Was Kai Pohl hier treibt, möchte ich Radikalpoesie nennen, eine Poesie der radikalen (Bild-)Schnitte und Des-illusionierung. / Jayne-Ann Igel, Signaturen

Kai Pohl: 1964 oder Das marktkonforme Schweigen der Seele des männlichen Marktsubjekts. Berlin (Distillery #42) 2015. 36 Seiten. 10,00 Euro.