Gestorben

Der ELIF VERLAG teilt auf seiner Facebookseite mit:

Gestern Abend hat sich der Lyriker Michael Starcke mit 66 Jahren von der Welt verabschiedet. Letzte Woche erschien im ELIF VERLAG sein letzter Gedichtband „das meer ist ein alter bekannter, der warten kann“
Mit Michael verlieren wir einen Freund, einen Gefährten. Seine emotionale Intelligenz, seine Freundschaft und vor allem seine neuen,starcken Wortbilder werden uns fehlen.
Danke für all das Schöne lieber Michael…
ELIF VERLAG

Georg Britting 125

Walter Höllerer notierte 1952: „Britting gehört zu den wenigen Dichtern, die von den Zwanziger Jahren über die Dreißiger Jahre hin bis in unsere Zeit nach der Niederlage sich, äußeren Bedingungen zuliebe, niemals änderten“. Große Zäsuren in seinem Werk gibt es tatsächlich nicht. Ob Gedicht oder Prosa – für ihn spiegelt die Natur die Menschengesellschaft wieder. Er kommentiert und bewertet das nicht, beschreibt die Natur nur ungeheuer präzis, farbig und vielgestaltig. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung

Lyrik als Spam-Mail, selbst wenn sie Flarf ist

Lyrik gehört demzufolge zum Genre der Spam-Mail, selbst wenn sie flarfig sind. Das Urheberrecht, das in der autor- und publikumslosen Poesie der Spam-Blogs de facto keine Rolle spielen kann – weil sie sich zwar kapitalistischer Logik unterordnet, zugleich aber jenseits der kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie stattfindet – ist zentrales Problem von Flarf-Lyrik.

(…)

Gumz hingegen »hatte die Erfahrung, um die ästhetischen Zustand« allein und poetisiert das auf eine nahezu absolute Weise. Im Grunde nämlich steuern seine treffend betiteltenVerschwörungscartoons heimlich auf die Abschaffung ihres Autors wie auch ihrer Leserschaft ab. Was überbleibt, ist New York, so widersinnig das auch ist. / Kristoffer Cornils, Fixpoetry

Alexander Gumz

verschwörungscartoons
New York Flarf Gedichte
parasitenpresse

2015 · 14 Seiten · 6,00 Euro

Was aber heißt hier politisch?

Es bedeutet in jedem Fall, dass das Schwarzbuch nicht nur aus abgelehnten Texten besteht.

Das deckt sich mit Kai Pohls Aussage, das Schwarzbuch stelle kein Gegenbuch zum Jahrbuch dar, sondern eher einen „Ergänzungsband“. Ergänzt werden soll vor allem der Bereich der politischen Lyrik. Was aber heißt hier politisch? Hält man den Definitionsrahmen weit, dann wäre das Schreiben von Gedichten überhaupt schon politisch. Einmal in Hinblick auf den geringen Vermarktungswert eines Gedichtes, und dann auch in Bezug auf Bildungspolitik. Gedichte schreiben hieße dann, im weitesten Sinne Spracherziehung betreiben. Hieße, mittels einer zweiten, dritten, x-ten Alphabetisierung (des Autors, des Lesers) durch je verschiedene Texte Sprachkompetenz herzustellen, zu verbessern. Allerdings ergäbe sich mit diesem Blick ein Etikettierungsproblem. Der hypothetische Käufer einer „Anthologie politischer Lyrik“ wäre vermutlich erbost, fände er sich bei der Lektüre zwischen Naturgedichten und Liebeslyrik wieder. Und wenn man den Definitionssattel enger schnallt? Wäre ein Gedicht, das beispielsweise Angela Merkel im Titel trägt, allein deshalb schon ein politisches, weil es eine Politikerin herbei zitiert? Solche „inhaltlichen“ Zuordnungskriterien bergen die Gefahr für reine Schlagwortlyrik, andererseits muss gerade im politischen Bereich manches deutlich benannt werden.

Behält man die Frage im Kopf (wie sehen politische Gedichte aus?), fällt beim Lesen des Schwarzbuchs auf, dass besonders häufig listenartige Texte vorkommen. (…)

Das Schwarzbuch der Lyrik 2016 zeigt sich deutlich politisch – sowohl in der Gestaltung als auch in den Gedichten. / Christiane Kiesow, Signaturen

(Katja Horn, Kai Pohl, Clemens Schittko, Kristin Schulz:) Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016. Berlin (Distillery) 2016. 132 Seiten. 16,00 Euro.

„Ein moderner Islam ist nicht möglich“

Der Lyriker Adonis steht wegen seiner unklaren Haltung zum syrischen Regime in der Kritik.

Sagt die „Welt“. Sie hätte besser sagen sollen, WEM unklar: manchen seiner Kritiker unklaren Haltung. Er selber sagt dazu: „Das ist eine Lüge und der Beweis dafür, dass meine Kritiker meine jüngsten Bücher nicht gelesen haben.“ Und explizit:

Die Welt: Was würden Sie Sadik Al Azm, Najem Wali und Navid Kermani sagen, wenn Sie Ihnen hier gegenüber säßen?
Adonis: Dass es eines Kermani nicht würdig ist, sich zum Sprachrohr der Lügner zu machen. Er versteht nichts, weil er mich nicht gelesen hat.

Am Freitag erhält er den Remarque-Preis. Ein Gespräch über Gott, Todesangst und die Waffen einer Blume. Martina Meister befragte ihn für die Welt. Auszug:

Die Welt: Sie sagen, die arabische Gesellschaft sei krank. Was ist ihre Diagnose?
Adonis: Sie baut auf einem totalitären System auf. Die Religion diktiert alles: Wie man läuft, wie man auf die Toilette geht, wie man sich zu lieben hat….
Die Welt: Ein moderner Islam ist also nicht möglich?
Adonis: Man kann eine Religion nicht reformieren. Wenn man sie reformiert, trennt man sich von ihr. Deswegen ist ein moderner Islam nicht möglich, moderne Muslime schon. Wenn es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt, wird es keine Demokratie geben, keine Gleichstellung für die Frau. Dann behalten wir ein theokratisches System. So wird es enden. Gemeinsam mit dem Westen werden Theokratien im Mittleren Osten aufgebaut.
(…)
Die Welt: Sie gehen mit der arabischen Welt hart ins Gericht, Sie sind darüber hinaus ein vehementer Kritiker des Islam. Ist es vielleicht das, was man Ihnen übel nimmt?
Adonis: Ich bin eine Art Sündenbock. Ich kritisiere die arabische Kultur und die arabischen Politiker seit 1975 und ich kann nur sagen: Die Araber sind am Ende.
Die Welt: Was heißt das?
Adonis: Ich meine damit, dass die Araber keine kreative Kraft mehr sind. Der Islam trägt nicht zum intellektuellen Leben bei, er regt keine Diskussion an. Er gibt keine Anstöße mehr. Er bringt kein Denken, keine Kunst, keine Wissenschaft, keinerlei Vision hervor, die die Welt verändern könnten. Diese Wiederholung ist das Zeichen seines Endes. Die Araber als Quantität werden weiter existieren, aber sie werden die Welt nicht qualitativ besser oder menschlicher machen.
Die Welt: Ein trauriges Fazit aus dem Munde eines Mannes, der als berühmtester Dichter der arabischen Sprache gilt….
Adonis: Es braucht einen Bruch, einen Neuanfang. Ich hatte gehofft, der Arabische Frühling wäre so einer, aber ich habe mich getäuscht. Er hat zur Regression geführt, weil sie nicht die Gesellschaft, sondern nur das herrschende Regime ändern und ersetzen wollten.
Die Welt: Es war eine Bewegung, die die Freiheit gefordert hat…
Adonis: Welche Freiheit? Die Befreiung der Frau und ihre Gleichbehandlung etwa?
Die Welt: Ist die Meinungsfreiheit nicht ein guter Anfang?
Adonis: Die Befreiung des Menschen ist das Wesentliche. Die Frau von der Scharia zu befreien, den Menschen ihre Menschenrechte zu geben, darum geht es. Die Gesellschaft zu ändern, hätte verlangt, die kulturellen und religiösen Fundamente zu verändern.

Zorn und Verzweiflung

Interview von Renate Schmidgall mit dem polnischen Dichter Adam Zagajewski, Neue Zürcher Zeitung:

R.S.: Sie haben im Januar in der «Gazeta Wyborcza» ein satirisches Gedicht auf die neue Regierung veröffentlicht, das einen scharfen Ton anschlägt. Darin heisst es etwa: «Sie [die Regierung] müsste des Nachts einige Regisseure erschiessen» oder «Wir brauchen Isolierungslager, aber dezente, um die Uno nicht zu reizen». Das ist seit vielen Jahrzehnten das erste politische Gedicht, und es spricht aus ihm ein grosser Zorn. Woher kommt dieser Zorn?

A.Z.: Zorn und Verzweiflung. Ich habe, wie auch viele meiner Freunde, das Gefühl, man habe uns unser Land gestohlen – einen Raum der Freiheit, in dem verschiedene Stimmen zu Wort kamen, verschiedene Temperamente. Die vorhergehende Regierung war nicht vollkommen, aber sie versuchte nicht, einen ideologischen Schleier über die Wirklichkeit zu werfen. Sie versuchte, mit unterschiedlichem Erfolg, konkrete Probleme zu lösen. Die Luft, in der wir lebten, war rein, durchsichtig (es sei denn, es gab Smog).Die neue Regierung erinnert in gewisser Weise an das kommunistische Regime, denn sie gibt sich nicht mit technischen, operativen, ökonomischen Lösungen zufrieden, sondern versucht, einen riesigen ideologischen Schleier auszubreiten: Nation, Kirche, Familie, Patriotismus, Tradition. Das französische Vichy-Regime unterstützte Arbeit, Familie, Vaterland. So ähnlich soll es jetzt bei uns werden. Unsere Regierung sagt: Wir werden nur patriotische Filme finanzieren, nur patriotische Theaterstücke. Kurzum: Es lebe der Kitsch. Wir sind nicht mehr an Ideologie gewöhnt, aber leider ist sie zurück.

Fundsachen

Die Zeitungen melden 2 Sensationsfunde:

1

Bei der Auflösung einer privaten Bibliothek des Wiener Antiquars Erhard Löcker ist ein bisher nicht bekanntes Gedicht von Georg Trakl (1887-1914) entdeckt worden. Auf dem ersten Blatt einer „Hölderlin“-Ausgabe von 1905 ist das Gedicht „Hölderlin“ von Trakl in gut lesbarer Handschrift geschrieben. Das berichtete am Montag die Salzburger Kulturvereinigung, die das Exemplar erworben hat. / Der Standard

Mehr: ORF / DrehPunktKultur

2

Zwei Gedichte von JRR Tolkien, dem Autor von „Der Herr der Ringe“ (The Lord of the Rings), in denen der Autor u.a. vom „Lord des Schnees“ schreibt, wurden in einem Schuljahrbuch in Abingdon, Oxfordshire entdeckt. / The Guardian

Preis der Literaturhäuser für Ulf Stolterfoht

Das Netzwerk der Literaturhäuser verleiht den Preis der Literaturhäuser 2016 dem Lyriker, Übersetzer und Verleger Ulf Stolterfoht. Mit seinen Gedichtbänden, die aus den unterschiedlichsten deutschen Fachidiomen eine neue, nur ihm eigene poetische „Fachsprache“ entwickelt haben, seinen poetischen Projekten, etwa dem ethnographischen Poem „Holzrauch über Heslach“ oder dessen Fortschreibung in der kulturhistorischen Sektenfarce „neu-jerusalem“, den so vergnüglichen wie hintersinnigen „Ammengesprächen“ mit einer Sprechmaschine hat Ulf Stolterfoht die Spielarten des gegenwärtigen Gedichts erheblich ausgeweitet.

Wenn er nun unter dem Slogan „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es Brueterich Press.“, selber Texte verlegt, die es ohne seine vermittelnde Intervention schwer hätten, zeugt dies von einer großen, so spielerisch wie verbindlich ausgelebten Verantwortlichkeit für die vielfältigen Möglichkeiten literarischen Sprechens. Dass er seine Texte auf unnachahmliche Weise vorträgt und dabei mit scheinbar leichthin eingestreuten Reflexionen über den Wert und höheren Unwert des Gedichts zu verbinden weiß, überzeugt auch jenen Teil des Publikums, der schlicht und einfach zuhört und nicht „immer Metaphyse im Sinn“ hat.

Die Programmleiterinnen und Programmleiter der im Netzwerk verbundenen Literaturhäuser ehren Ulf Stolterfoht als einen Autor, der sich in innovativer Form mit Sprache und Literatur auseinandersetzt und das Publikum in besonders gelungener Weise für diese zu gewinnen weiß.

Frühere Preisträger waren Ulrike Draesner (2002), Bodo Hell (2003), Peter Kurzeck (2004), Michael Lentz (2005), Uwe Kolbe (2006), Sibylle Lewitscharoff (2007), Anselm Glück (2008), Ilija Trojanow (2009) , Thomas Kapielski (2010), Elke Erb (2011), Feridun Zaimoglu (2012), Hanns Zischler (2013), Judith Schalansky (2014) und Nicolas Mahler (2015).

Der Preis wird am 18. März 2016, 17.30 Uhr, auf dem Blauen Sofa in der Glashalle der Leipziger Buchmesse verliehen. Das Gespräch mit Ulf Stolterfoht führt Florian Höllerer.

Der Preis besteht aus einer Lesereise durch die im Netzwerk zusammengeschlossenen Literaturhäuser und ist mit € 14.000,00 dotiert. Ulf Stolterfoht wird vom 19. April bis zum 7. Juni 2016 zu Leseabenden durch die Literaturhaus-Städte reisen.

Was zur Wirklichkeit gehört

KUNO sprach mit einem der Herausgeber des „Schwarzbuchs der Lyrik“, Clemens Schittko. Auszug:

KUNO Hat Lyrik einen Auftrag?

Clemens Schittko: Da die gesellschaftliche Relevanz von Lyrik nach wie vor gegen Null geht, würde ich sagen: Nein. Doch das finde ich gar nicht so schlecht. So kann man wenigstens „alles“ sagen, ohne befürchten zu müssen, dafür gleich ins Gefängnis zu kommen.

Was kann sie heute, da alle in den sozialen Netzwerken längst die Hauptrolle ihres eigenen Lebens spielen, leisten?

Lyrik könnte zum Beispiel das, was in den sozialen Netzwerken läuft, reflektieren. Denn die allermeisten Gedichte sehen leider immer noch so aus wie vor 20, 30 Jahren, so als gäbe es das ganze Posten, Kommentieren, Gefällt-mir-Klicken, Sich-Befreunden etc. einfach nicht.

Ist stellvertretendes Sprechen noch zulässig?

Solange es Menschen gibt, die sich nicht trauen, anderen Menschen ganz offen ihre Meinung ins Gesicht zu sagen, ist diese Frage unbedingt zu bejahen.

Braucht Wirklichkeit eine poetische Form?

Das kommt darauf an, was man unter Wirklichkeit und Poesie versteht. Für die einen ist Alkoholkonsum Poesie, für die anderen ist es das Spielen eines Computerspiels. Zu sagen, diese Dinge seien per se nicht die Wirklichkeit und nur eine Flucht aus selbiger, ist Quatsch. Wer bestimmt, was zur Wirklichkeit gehört und was nicht?

Alfred Kolleritsch 85

Der Steirer Alfred Kolleritsch, Herausgeber der „manuskripte“, feiert heute in seiner Stadt, Graz, den 85. Geburtstag. In der „Presse“ referiert Norbert Mayer ein Gespräch über große Literaten und das Dichten als sinnliche Erfahrung. Ausschnitt:

Die Germanistik in Graz erwies sich zu seinem Missfallen in den Fünfzigerjahren noch immer als deutschnational: „Das waren Unterjochungssysteme, mit wenig Bezug auf die moderne Literatur.“ Bis zur Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Akademischen Gymnasium. „Ich habe mit den Schülern fröhlich Literaturgeschichte betrieben, natürlich auch die moderne.“

In den „manuskripten“ aber herrschte Avantgarde, die von reaktionären Kreisen vor allem am Anfang angefeindet wurde. Es gab den Vorwurf der Pornografie, ein Prozess drohte, das Unterrichtsministerium verbot die Verbreitung eines Heftes, persönliche Angriffe gegen den Lehrer Kolleritsch folgten.

(…)

Das Gesicht des Dichters hellt sich auf, wenn er an jene denkt, die mit ihm in Graz aufgebrochen sind, um die Literatur zu erobern. Er freut sich über neue Generationen, denen er beim Durchbruch hilft: „Es gibt immer wieder Wellen. Mit den Wienern gab es früh eine Blüte der experimentellen Lyrik. Dann hat Thomas Bernhard viele geprägt. Er war ein Zyniker. Wichtig war auch Werner Schwab, dessen erstes Buch ich zu Residenz vermittelt habe.“ Von den Jüngeren lobt er Andreas Unterweger, Valerie Fritsch, Eva Schmidt, Thomas Stangl, Clemens Setz . . . Es wird eine lange Aufzählung.

Gestorben

Wie in sozialen Netzwerken zu erfahren, starb am 10. Februar der iranisch-schwedische Dichter Sohrab Rahimi. Er wurde am 20. Dezember 1962 in Shahrekord geboren. Er veröffentlichte Gedichtbände und einen Roman und übersetzte aus dem Persischen. Zwei seiner Bücher schrieb er auf Schwedisch. Er war Mitglied des Schwedischen Schriftstellerverbandes und des schwedischen PEN. Für sein Werk erhielt er mehrere Stipendien in Schweden und Dänemark und einen Spezialpreis des Nikolai-Gogol-Preises in der Ukraine 2013.

Nachruf des schwedischen Autors Kristian Carlsson (schwedisch)

Das bedeutet doch gar nichts

Poetry Slams, bei denen Lyriker sich in linguistischen Ergüssen messen, sind inzwischen in München kultiviert. Bisher waren diese nur für Hörende – bei „Spoken Word meets Deaf Poetry“ im Gasteig traten nun auch gehörlose Dichter auf.

(…)

Sowohl die Texte der hörenden als auch der gehörlosen Poeten sind voller Spitzen und Witze. Leider gehen diese bei den Gebärdengedichten durch die Übersetzung mitunter verloren. Dafür besitzen die gehörlosen Slammer eine weitaus stärkere Bühnenpräsenz. Obwohl der ungeübte Zuschauer die Gebärden nicht versteht, unterstreichen ihre Mimik und Gestik die Zeilen, und Emotionen lassen sich deutlicher erkennen.

Der Poet Ace Mahbaz frotzelt sogar über die Hörenden, die sich während des Sprechens absurder Zeichen bedienen: „Da geht mal die Hand hoch und dann geht die wieder runter“, dolmetscht Svenja Markert, während Mahbaz wild mit beiden Armen rudert und die Zuschauer selbsteinsichtig lachen. „Das bedeutet doch gar nichts.“ / Hannah Vogel, Süddeutsche Zeitung

Poetopie

wir Filmschau-Nachspieler im Leben

Hansjürgen Bulkowski

Wiener Küche

Das war eine Genieküche der österreichischen Literatur: H.C. Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener setzten mit der Wiener Gruppe die große Revolution des Wortes in Gang. Durch den Nationalsozialismus hatte die deutschsprachige Literatur den Anschluss an die Avantgardebewegungen verloren.Der polyglotte Artmann dominierte die Gruppe, die weniger Verband war als ein sich gegenseitig befruchtender Freundeskreis. Artmann machte seine Gefährten mit dem Dadaismus, vor allem aber mit dem französischen Surrealismus bekannt, so auch mit den „Verbarien“, rein assoziativen Wortsammlungen, die keine Poesie sind, sondern die Poesie im Kopf des Lesers entstehen lassen. Artmann war es auch, der den „Poetischen Akt“ proklamierte, demzufolge jeder, ohne auch nur ein Wort niederzuschreiben, in der Lage sei, poetisch zu handeln. Dichtung nicht mit Tinte auf Papier, sondern als Lebenshaltung. / Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung

Michelangelo – Liebe mit Worten

Dass der Künstler Michelangelo Buonarotti (1475-1564) eines der Universalgenies der Renaissance war, belegen seine 302 Gedichte. Seine Sonette, Madrigale, Canzonen sind adressiert an einen Jüngling, in der späteren Lebenshälfte dann an die Adelige Vittoria Colonna*. / Der Standard – derstandard.at/2000029712313/Michelangelo-Ich-Liebe-Mit-Worten

Georg-Albrecht Eckle, „Michelangelo – Der Dichter.“ € 14,99 / 68 min. buñuel grünwald, München 2015

*) die nicht nur adlig, sondern selbst eine berühmte Dichterin war