Niemals weggeben!

Bildergeschichte aus dem Leben eines Buches

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„Niemals“ ist halt immer relativ

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allesgebendie

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Poetopie

schweigend gehen wir nebeneinander her – jeder in seinen Gedanken allein

Hansjürgen Bulkowski

Zucker

Bei Fixpoetry gibt ein Thomas Reger seinem Affen Zucker, schießt sich auf die Lyrik im Allgemeinen und Tobias Roth im Speziellen ein und bezieht sich dabei auf seinen Meister Arno Schmidt (der selber Auchgedichte schrieb, aber von Lyrik nicht viel hielt). Daß St. Arno den Reim für die gedankenvergewaltigende Richtung des Dichtens verantwortlich macht, während er „sogenannte freie Verse“ für nichts als „schlampiges Sprechen“ hält, ficht ihn* dabei nicht an. Auszug:

Dass diese Lyrik ein gesellschaftlich völlig irrelevantes, akademisch überzüchtetes und verteufelt routiniert feilgebotenes Gerede ist, mithin unverständlich, leblos, leer, das wird man da nicht hören – wo sich die happy few zusammensetzen, um Einwände an sich abperlen zu lassen. Aber der Leser ist ihnen wichtig und groß. Implikation, Assoziation, Rätsel, Verdichtung, Leerstelle – all das ist ein Dienst am Leser, um ihn nicht festzulegen, um ihm das freie Spiel zu lassen. Will man dem Leser nun etwas vorsetzen oder nicht? Wenn er sich selbst bespiegeln soll, was soll ihm das neue Gedicht? Man schreibt so dahin – und verkauft es als Lesers Freiheit, dass der Leser die ganze Arbeit machen muss, wenn er nur etwas begreifen will. Das Gedicht sei frei und offen, frei von allen Zwecken, offen für alle Deutungen, aber was soll es dann? Wieso geht das Gedicht dann nicht in die Einsiedelei, wo Freiheit ist, anstatt auf Bühnen und in Bücher? Indessen diese Form des privatistischen Assoziierens, das kein Mensch nachvollziehen kann (ausgenommen, er will sich fein schöngeistig als Lyrikkenner rausputzen, dann muss er natürlich hinterher), das kommt mir schon seit Jahrzehnten bekannt vor. Es tritt auf der Stelle und die Fanfare der Zeitgenossenschaft hört nicht auf. Wie selig sind dagegen die exakten Wissenschaften, in denen das neue Messergebnis das alte Messergebnis ablöst, ohne viel Tamtam. Das hat Funktion für die Gesellschaft. Lyrik wird gepriesen als kurze, konzise, präzise Form des Sprechens. Was? Ich hörte den ganzen Abend sogenannte freie Verse, was ja nichts anderes heißt als schlampige Zeilen. Auch bemerkenswert fand ich, dass so viele Lyriker hintereinander lasen, obwohl sie offenbar nichts miteinander gemein hatten, als die Unfähigkeit, allein eine Ansage zu machen und allein einen Abend zu füllen.

*) einige vermuten eine „sie“ hinter dem Namen, siehe die Diskussion unter dem Artikel

A taste of Burmese poetry

in Simbabwan newspaper Herald. Burmese poet Han Lynn visited Litfest in Harare.

Die Flüsse haben aufgehört, Jiddisch zu sprechen

Heute muss viel erklärt werden, denn die jiddische Kultur wurde zusammen mit ihren Menschen ausgerottet von den Nazis. Und mit der Schoah, die Manger ins Exil trieb, nach Frankreich, England, in die USA und schließlich nach Israel, wo der 1901 in Czernowitz in der Bukowina Geborene 1969 in Gedera starb, mit der Vernichtung von Mensch und Schrift also, verstummte auch der Balladen-Dichter in ihm. Deshalb eröffnete Akademiepräsident Michael Krüger mit dem gewichtigen Satz: „Wem bei diesen Buch nicht die Tränen kommen, der hat keine mehr.“

Manger hatte sich mit 17Jahren bewusst für das Jiddische entschieden. 1927 war das Jiddische eine „Worterepublik“ für das Volk des Wortes ohne Nationalstaat, die den letzten Platz im Pen-Club besetzte. 1947 schrieb Itzik Manger in Polen: „Die Flüsse haben aufgehört, Jiddisch zu sprechen.“ Ach ja, wer da nicht weint… Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung 21.1.

Unzeitgemäß

Der Dichter Rudolf Borchardt, Spross einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie in Königsberg, war einer der großen unzeitgemäßen Literaten des 20. Jahrhunderts. Ein erz-konservativer Rebell, der mit Leidenschaft gegen den Zeitgeist der Moderne zu Felde zog. / Radio Bremen

1. Weimarer Poetryfilmpreis

Die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. und das backup_festival der Bauhaus-Universität Weimar vergeben im Mai 2016 zum ersten Mal den »Weimarer Poetryfilmpreis«.

(…) Teilnehmen können Filmemacherinnen und -macher aller Länder und jeden Alters mit max. drei Kurzfilmen, in denen Film und Lyrik auf innovative Weise aufeinander bezogen werden. Die eingereichten Filme sollen nicht länger als 8:00 Min. und seit 2013 produziert worden sein.

Weimar als Ort der Literatur und Kunst bietet sich für einen solchen Wettbewerb in besonderer Weise an. Die Bauhaus-Universität bildet in ihren kreativen Studiengängen in praktisch allen für den Poesiefilm relevanten Techniken aus. Hier besteht ein Potential, Begegnungen zwischen Film und Literatur hervorzubringen.

Die geeignete Plattform dafür ist das jährliche backup_festival. Es findet in diesem Jahr vom 18.–22. Mai statt. Mit einem Begleitprogramm wird der neue Poetryfilm-Wettbewerb außerdem einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Daran beteiligt sind Schriftsteller, Kuratoren, Filmemacher und Wissenschaftler.

Gefördert wird das Projekt von der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, der Thüringer Staatskanzlei sowie der Stadt Weimar.

Preisgelder: Jurypreis: 1000,- €, Publikumspreis: 250,- €

/ Poetryfilmkanal

Gestorben

Der kanadische Dichter und Übersetzer Pierre DesRuisseaux, der 2009-2011 Offizieller Dichter des kanadischen Parlaments war, starb im Alter von 70 Jahren.  Seit 1976 veröffentlichte er 14 Gedichtbände, darunter den Band Monème (1989), der mit dem Preis des Generalgouverneurs ausgezeichnet wurde. Er veröffentlichte auch Bücher über Québecer Volkskultur, ein Wörterbuch québecischer Ausdrücke und übersetzte u.a. Popol Vuh und englischsprachige Dichter Québecs. / JOSÉE LAPOINTE, La Presse

Blue Notes

›Blue Notes: In Sätzen leben, in Versen tanzen‹ lautet das Thema der Poetica II, des zweiten Festivals für Weltliteratur, das das Internationale Kolleg Morphomata der Universität zu Köln gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vom 25. bis 30. Januar 2016 in Köln veranstaltet. Kurator der Poetica II ist der slowenische Lyriker, Erzähler und Verleger Aleš Šteger. Er hat Autoren aus drei Kontinenten und acht Ländern eingeladen, ›literarische Amphibien‹, d.h. Autoren, die sowohl namhafte Lyriker wie Romanciers sind, die mit den Formen von Gedicht und Roman gleichermaßen experimentieren und sich so zwischen zwei Arten der Weltgestaltung – einer rhythmisch-tänzerischen und einer prosaisch-realistischen – immer neu entscheiden müssen. Wie beschreiben die Autoren eine dergestalt amphibische Kreativität, wenn sie einmal in Sätzen leben, ein andermal in Versen tanzen? Wie formen unterschiedliche literarische Genres unser Wissen von Melancholie und Hoffnung?

Um die Machart und Wirkmacht von ›Blue Notes‹ geht es also in der Poetica II und eingeladen sind folgende Autoren: Juri Andruchowytsch aus der Ukraine, Bernardo Atxaga aus Spanien, Georgi Gospodinov aus Bulgarien, Lavinia Greenlaw aus Großbritannien, Durs Grünbein aus Deutschland, Paul Muldoon aus den USA, Ilma Rakusa aus der Schweiz, Ana Ristović aus Serbien und Sjón aus Island. Zum Abschluss des Festivals treffen sie auf neu hinzukommende Autoren der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, auf die Lyriker Heinrich Detering, Michael Krüger und Monika Rinck sowie auf die Romanciers Navid Kermani und Martin Mosebach. / Mehr

Verstehen

Witzig wie manchmal Sachen, die man für selbsterklärend hält, durch schulische Behandlung zu etwas Erklärungsbedürftigem werden. Dieses kurze Gedicht von e.e. cummings etwa:

a politician is an arse upon / which everyone has sat except a man.

Reicht das Offensichtliche nicht aus? Fehlt uns die „tiefere“ Bedeutung? Vielleicht weil man es uns so oft abverlangt, somit antrainiert hat? Man muß nur wissen, was arse heißt. Wohl nicht für jeden so leicht zu verstehen wie für Deutsche. Ich lese:

I did not know the formal definition of arse before reading the poem but arse is defined as the buttocks on the human body.

Das geklärt verstehen wir und übersetzen:

ein politiker ist ein arsch auf dem / jeder schon gesessen hat bloß kein mensch

Möchte jemand einen Aufsatz darüber schreiben?

Anscheinend. Die Leser des Blogs, auf dem ich das fand, diskutieren:

I have long loved and puzzled over his short epigrammatic poem by ee cummings. Thanks for unravelling it.

Und

Totally wrong. You’re dumb

Und

By using the British „arse“ cummings also includes elephants

Oder

However, I had never considered the pun on ass (an ass being the sterile offspring of a donkey and a mule). This implies that a politician lacks that other essential attribute of manhood, sexual potency. But that might be a little inaccurate given the track record of many politicians.

So entsteht Bedeutung, indem wir sie aussprechen. Jetzt ist sie im Kasten.

Rilke’s russian poems

The English language reader is by and large unaware that Rainer Maria Rilke, the great Bohemian-Austrian poet of the German language, wrote some Russian verse. His eight Russian poems, dated 1900-1, have been translated into English twice before, but for scholarly purposes and in academic publications known only to the specialist. Even in Russia the reading public is barely aware of these early Russian texts by Rilke, though they can be found both in print and online.  Literary Russians tend to see them as curious trifles, a great stranger’s attempts, failed though touching, at poetry in our robust and supple language. Their Russian, unmistakably a foreigner’s, exhibits errors of grammar, usage and scansion. Still, in a handful of lines Rilke manages to get the Russian right, and they ring true as lines of Russian verse. Even faulty lines have their charm and strangely convey a Rilkean tone. For a Russian like myself, it takes an extra charitable reading to see past the somewhat comical flaws of expression to the details of the pure and distinctly Rilkean imagery, thoughts and sentiments that inform these outlandish creations. Their linguistic bizarreness notwithstanding, the Russian poems, continuous with Rilke’s German writings at the turn of the 20th century, are inspired works by a great poet and the results of a daring poetic experiment. They offer unique insights into his lyric concerns. One can sense the poet behind them, the vibrancy of his inspirations, and his great love of Russia, which he called his “spiritual motherland.” / Philip Nikolayev, The Battersea Review

Я так один. Никто не понимает
Молчанье: голос моих долгих дней
И ветра нет, который открывает
Большие небеса моих очей…
Перед окном огромный день чужой
край города; какой-нибудь большой
лежит и ждет. Думаю: это я?
Чего я жду? И где моя душа?*

11 апреля 1901

I’m so alone: nobody understands
the silence that is the voice of my long days,
there being out there no such wind as opens
wide the ample heavens of my eyes.
Outside my window an enormous day stands
on the city’s strange edge, a large man lies,
awaiting. Is this I, I ask myself,
awaiting what? And where’s my soul?

Übersetzt von PHILIP NIKOLAYEV, poet and literary scholar. He is co-editor-in-chief of Fulcrum: an Annual of Poetry and Aesthetics. His latest poetry collection is Letters from Aldenderry (Salt).

*) Prosaübersetzung aus dem Band „Rilke und Rußland“. Leipzig: Aufbau, 1986, S. 622:

Ich bin so allein, niemand versteht
Das Schweigen: Stimme meiner langen Tage,
Und es gibt keinen Wind, der aufschließt
Die großen Himmel meiner Augen.
Vor den Fenstern ein ungeheurer fremder Tag,
Der Rand der Stadt; irgendein Großer
Liegt und wartet. Ich denke: bin ich es?
Worauf warte ich? Und wo ist meine Seele?

(Mir scheint, in Nikolayevs englischen Versen hört man Rilkes Ton stärker).

Rilkes russische Gedichte

Der schwere Stand der Lyrik

Von Axel Kutsch

Lyrikrezensionen muss man in unseren überregionalen Zeitungen fast mit der Lupe suchen. So wurden im vergangenen Jahr im sogenannten „großen Feuilleton“ aus einer Vielzahl von 2015 veröffentlichten Gedichtbüchern deutschsprachiger Autorinnen und Autoren nur rund dreißig kritisiert, allen voran „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass. Während in der NZZ laut Perlentaucher immerhin noch zwölf Rezensionen erschienen, waren es in der TAZ und ZEIT gerade mal zwei.

Neben dem Lyrikband von Günter Grass galt das Interesse der Kritiker vor allem den Neuerscheinungen von Christoph Meckel und Raoul Schrott. Dass ein herausragendes Buch wie „Neu-Jerusalem“ von Ulf Stolterfoht bisher nur in der FAZ und NZZ rezensiert worden ist, ist ein weiteres Indiz für den schweren Stand der Lyrik im „großen Feuilleton“. Krimis haben es da leichter.

Die Liste der Rezensionen wird nach meiner Perlentaucher-Auswertung von Günter Grass angeführt. Kritiken über „Vonne Endlichkait“ erschienen in der ZEIT, NZZ, FAZ, Welt, SZ und FR. Ebenfalls mit mehreren Rezensionen folgen Christoph Meckel („Tarnkappe“, FAZ, NZZ, SZ, Die Welt), Raoul Schrott („Die Kunst an nichts zu glauben“, FAZ, SZ, NZZ, TAZ), Tom Schulz („Lichtveränderung“, NZZ, Die Welt, TAZ), Carolin Callies („fünf sinne & nur ein besteckkasten“, NZZ, Die Welt), Angelika Krauß („Eine Wiege“, FAZ, SZ) und Ulf Stolterfoht („Neu-Jerusalem“, FAZ, NZZ).

Zu den Lyrikbänden, die jeweils einmal im überregionalen Feuilleton rezensiert worden sind, gehören unter anderem „Venice singt“ von Sonja vom Brocke (NZZ), „CEK“ von Daniel Falb (Die Welt), „Spiegelungen Orte“ von Manfred Peter Hein (FAZ), „Gegenreden“ von Uwe Kolbe (FR), „Istanbul, zusehends“ von Barbara Köhler (SZ), „Mikadogeäst“ von Jürgen Nendza (SZ), „Scharlachnatter“ von Robert Schindel (NZZ), „was weißt du schon von prärie“ von Daniela Seel (SZ) und „Liebesleben“ von Armin Senser (NZZ). Nicht nur diesen Gedichtbüchern wäre mehr Aufmerksamkeit in den oft lyrikverschnarchten Redaktionen zu wünschen.

Zwölf Rezensionen über Neuerscheinungen des vergangenen Jahres von deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern wurden 2015 in der NZZ veröffentlicht, elf in der FAZ, neun in der SZ, acht in der Welt, drei in der FR, je zwei in der TAZ und ZEIT – zumindest teilweise ein Armutszeugnis. Vielleicht wacht man ja 2016 in der einen oder anderen Redaktion auf. So viel Tiefschlaf hat unsere innovative neue Lyrik nämlich nicht verdient.

Langgedicht, noch ohne Titel

Für mich ist Wordsworths Prelude ein Buch des Jahres, wenn nicht das Buch (…). Ist es doch schon mal ein Langgedicht auf 333 Seiten, nimmt philosophische Positionen auf, schildert Geschichte um 1800, also keinen ganz unwichtigen Abschnitt in der Entwicklung Europas und für heutige Zeitgenossen doch überraschend. Zum Beispiel die Bedeutung der Gemeinde Goslar, bekannt durch das untergärige Bier, das auch heute noch in verschiedenen Leipziger Wirtschaften ausgeschenkt wird. (…)

Zum Gedicht selbst kommen Glossar und Nachwort, in dem Wolfgang Schlüter die Prinzipien seines Übersetzens offenlegt. Die vorliegende Übertragung versteht sich als literarische Arbeit, schreibt Schlüter, wobei das Wort literarisch hervorgehoben ist. Faszinierend dabei ohnehin Schlüters Umgang mit dem Blankvers. Denn er rettet die erzählerische Qualität dieses Mediums ins Deutsche, indem er einen Vers entwickelt, der sich nicht sklavisch an die Vorgaben hält, sondern die Anzahl der geforderten Hebungen quasi im Durchschnitt gewährleistet. Das schafft Lesefluss und zumindest bei mir auch gesteigerte Leselust. Ich ließ mich bei der ersten Lektüre forttragen. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge (The 1850 Prelude). Deutsch. Übers. von Wolfgang Schlüter. Berlin (Matthes & Seitz) 2015. 378 Seiten. 39,90 Euro.

Poetopie

allein im Winterwald ruft sie und lauscht – der Laut ihrer Stimme passt sich genau ein in die Stille

Hansjürgen Bulkowski

Rache

Für N.N.

Die deutsche Lyrikszene liest mich nicht und ich lese sie nicht. Meine Rache ist auf jeden Fall quantitativ umfangreicher.