Thomas Havliks Stimme ist ein Glücksfall. Schnarrend und nuschelnd wienerisch, nie kunstlos motzend, rettet sie viel von dem, was aus dem Beiheft (stumm oder halblaut) abgelesen, sich bemüht lieblos, übellaunig, überkandidelt läse: „Wieviele Zikaden sind notwendig, wieviele Ichs/ Um das Schnalzen der gerissenen Sehne zu übertönen/ Welcher Akt. Für das Honorar, das mir dieses Gedicht/ Einbringt, werde ich mir ein weiteres Gedicht zulegen// Anfang April. Pyramidenspiel. Pollenallergie.“ (aus „30 Milliarden Silben“) Es ist das alte Hin und Her zwischen den Weltbewältigungskonzepten Phantasie und Einbildungskraft, wodurch Tempo und Peripetien ermöglicht werden: Die Einbildungskraft (die vielgesungene ‘Kreativität’ von heute) als ein gestalterisches Vermögen, das auf teilbare und tradierbare Bestände von Werten zurückgreift (hier: Redensarten, Kollokationen, Anspielungen, Reiz-Reaktions-Muster); vergleichsweise asozial die Phantasie, die von einem logizistischen Standpunkt aus betrachtet seit jeher im Verdacht steht, mit allerlei pathologisch subversiven Mächten im Bunde zu sein. InSyllablesshooter – 30 Milliarden Silben sind beide Konzepte einigermaßen gleichberechtigt vorhanden, ohne dass eine vermittelnde Instanz ein Urteil über die Stimmenmontage oder das Aufeinanderprallen der beiden genannten Konzepte spräche. Sonst entstünde eben auch wieder eine (unerwünschte) Hierarchie.
(…) Das Nationalratsgebäude in Wien und die Staatskanzlei in München sollten 24/7 damit beschallt werden. / Konstantin Ames, Signaturen
Thomas Havlik: Syllablesshooter – 30 Milliarden Silben. Wien (edition zzoo/audiobeans) 2015. 72 min. lautpoesie und soundpoetry. 17,50 Euro
… renommierte Literaturverlage wie Hanser, Fischer, Beck winkten ab: zu exotisch, zu wenig gesponsert.
Denn die bei einem Ehrengast-Auftritt übliche Übersetzungsförderung kam zu spät – zu lange hatte die Regierung in Jakarta geglaubt, man könne deutsche Übersetzer und Übersetzerinnen nach indonesischen Tarifen honorieren. Noch im Januar 2015 sass Husni Syawie, der Vorsitzende des Verlegerverbandes, bei 36 Grad Hitze in seinem eiskalt klimatisierten Büro in Jakarta und wartete händeringend auf die Zusage der nötigen Mittel durch das Kulturministerium. Als sie kam, hatten deutsche Verlage ihr Programm längst ohne die Indonesier geplant. Goenawan Mohamad, der den Frankfurter Messeauftritt kuratierte, hatte zumindest eigene Gedichte und die Romane seiner Autorinnen Ayu Utami und Leila Chudori bei deutschen Verlagen untergebracht. /
Indonesiens moderne Lyrik ist stark vom Westen inspiriert – nicht zuletzt auch von deutschen Dichtern. Den einflussreichsten unter ihnen hat der 1962 geborene Dichter und Übersetzer Agus R. Sarjono vor fünf Jahren mit seinem Gedichtzyklus «Lumbung Perjumpaan» ein Denkmal gesetzt. Da heisst es etwa über Brecht: «Kaum hatte er die Lieder / der Dreigroschenoper vorgetragen, / verschlug es Brecht in Asphaltstädte. / Und er murrte, / dass es eine schlechte Zeit für Lyrik sei. / Gibt es denn / gute Zeiten für Lyrik?»
Sarjonos lyrische Frage hat prosaische Sprengkraft: Wie sind denn die Zeiten für indonesische Lyrik in Übersetzung? Sie sind – man muss es drastisch sagen – erbärmlich! Das Licht der deutschsprachigen Welt erblickten 2015 anlässlich von Indonesiens Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse nur gerade eine Anthologie und drei schmale Gedichtbände.
Eigentlich müsste Sarjonos Frage heissen: Was fehlt? Es fehlt zum Beispiel eine Übersetzung von «Lumbung Perjumpaan», stattdessen gibt es von ihm die schmale Werkauswahl «Gestatten, mein Name ist Trübsinn». Solche Auswahlbände sind die Norm; selten werden Originalpublikationen indonesischer Dichter übersetzt, also Bände, die poetische Konzeptionen und ideologische Kontexte sichtbar machen. 1978 hat man immerhin sämtliche Gedichte von Chairil Anwar (1922–1949) übersetzt, dem Dichter, der am radikalsten die Hinwendung zum modernen Individualismus vollzog. Einen integral übersetzten Gedichtband gab es 1991 auch von Rendra (1935–2009), Regisseur, Theatermann und der eindrucksvollste indonesische Poet, der in der bleiernen Zeit unter Suharto mit offen politischer Agenda auftrat.
Nun sind die bisher genannten Dichter in einer grossen Anthologie enthalten: «Sprachfeuer» stellt insgesamt 28 Lyrikerinnen und Lyriker mit 223 Gedichten aus acht Jahrzehnten vor. Übersetzt hat sie allesamt Berthold Damshäuser, der mit Novalis davon ausgeht, dass der Übersetzer der Dichter des Dichters ist. Martin Zähringer, Neue Zürcher Zeitung 19.3.
Agus R. Sarjono: Gestatten, mein Name ist Trübsinn. Übersetzt von Berthold Damshäuser. Verlag regiospectra, Berlin 2015. 112 S., € 14.90. Berthold Damshäuser (Hg.): Sprachfeuer. Verlag regiospectra, Berlin 2015. 374 S., Fr. 31.90. Dorothea Rosa Herliany: Hochzeit der Messer. Deutsch von Brigitte Oleschinski und Ulrike Draesner. Verlagshaus Berlin, Berlin 2015. 236 S., Fr. 26.90. Goenawan Mohamad: Don Quijote. Übersetzt von Sabine Müller. Sujet-Verlag, Bremen 2015. 69 S., Fr. 26.90.
Neulich bei einer Tagung zur zeitgenössischen Kinderpoesie brachte es der legendäre Herausgeber Hans-Joachim Gelberg auf den Punkt: „Es ist fatal – bist du einmal als Kinderdichter eingeordnet und eingezäunt, kommst du nicht mehr auf die Weide, wo die großen Tiere sind.“ Die Rede war vom Dichter Josef Guggenmos, der nahezu in jedem Schullesebuch vertreten ist, an dem der große Literaturbetrieb aber vorbeigerauscht ist. / Arne Rautenberg, FAZ
Ein Kommentar von Daniella Jancsó zu Rautenbergs Artikel:
Es ist alles richtig und schön, was Arne Rautenberg über die Bedeutung von (Kinder)lyrik für unsere Zeit sagt (“Möge die gemeine Hundsrose blühen!”, F.A.Z. vom 5. März). Nur sein Appell für mehr öffentliche Aufmerksamkeit geht am Wesen der “Sache” (seiner “Mission Poesie”) vorbei. Die Dichtung braucht weder Plädoyers noch Preise. Was sie hingegen gut gebrauchen kann, sind leidenschaftliche Vermittler – Lehrer, Lyriker, Leser. Sie können – im Gegensatz zu Literaturpreisen und Sonntagsreden über Lyrik – viel bewirken. In diesem Zusammenhang wäre neben Arne Rautenbergs Engagement auch das Projekt “Lust auf Lyrik” des Münchner Lyrik Kabinetts zu erwähnen. Seit vielen Jahren eröffnen Lyriker und Lyrikerinnen Schülern und ihren Lehrern spielerische Umgangsformen mit poetischen Texten. Undogmatische Herangehensweisen haben sich auch an der Universität bewährt. Die Erfahrung zeigt, daß Studentinnen und Studenten sehr wohl für Lyrik zu begeistern sind, sofern es dem Dozenten gelingt, den Zauber der Dichtung, den Rautenberg so eloquent beschreibt, in einer Seminardiskussion real erfahrbar zu machen.
Dr. Daniella Jancsó, München
Der katarische Dichter Mohamed al-Ajmi, alias Ibn al-Dhib, der 2013 wegen eines Gedichts, das den „arabischen Frühling“ feierte und die Hoffnung ausdrückte, daß er sich auch auf die Golfstaaten erstrecken möge, zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war (siehe hier), wurde jetzt nach über 4 Jahren Haft freigelassen. Ein Verwandter, der anonym bleiben wollte, bestätigte: „Ja, das stimmt, aber wir haben nichts dazu zu sagen“. / tv5monde
Dieser Gedichtband ist philosophisch hochbewusst und sperrt sich gegen einen raschen Konsum, belohnt den Leser aber mit bestechenden Formulierungen und Einsichten. Dabei hält er zunächst einmal Reiseeindrücke der Dichterin fest. Sie besucht Kaliningrad, das frühere Königsberg, nimmt die Plattenbauten aus der Sowjetzeit in den Blick, sucht aber auch nach Spuren der deutschen Vergangenheit, nach den Philosophen Johann Georg Hamann und Immanuel Kant. Ein Kindergarten in dem Berliner Bezirk Lichtenberg wird besichtigt, der von der betonsüchtigen Naturferne sozialistischer Architektur zeugt.
Poschmann hält sich in Coney Island auf, sieht den dortigen Lunapark und die Verwüstungen, die der letzte Hurrikan angerichtet hat. Im japanischen Matsushima wandelt sie auf den Spuren des Haiku-Dichters Bashō. / Eberhard Geisler, taz
Marion Poschmann: „Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 118 Seiten, 19,95 Euro.
Am 21. März kann man einen Kaffee mit einem Gedicht bezahlen. Julius Meinl feiert an diesem Tag rund um den Globus die Kraft der Poesie die Menschen über alle Grenzen verbindet.
Unter dem Motto “Pay with a Poem” ruft Julius Meinl alle Alltagspoeten dazu auf, ihre Gedanken in Worte zu fassen und mit anderen zu teilen. So haben die Gäste an diesem Tag die Möglichkeit, ihren Julius Meinl Kaffee mit einem Gedicht zu bezahlen.
Aus dem Notizbuch
The grail is the opposite of Poetry (…) The poem. Opposite. Us. Unfullfilled. (Jack Spicer: The holy Grail. Mütze 11, S. 524)
Frei übersetzt:
Die Zeitung ist das Gegenteil von Poesie. Füllt uns ab anstatt uns als Schale zu benutzen aus der die Toten trinken. Die Zeitung ist die Schale in die Christus blutete, die Schale des Überflusses. Das Gedicht. Uns. Gegenüber. Leer.
Widdershins ist ein tolles Wort*
Cock-forward vs Ass-forward
*) Widdershins (sometimes withershins, widershins or widderschynnes) is a term meaning to go counter-clockwise, to go anti-clockwise, or to go lefthandwise, or to walk around an object by always keeping it on the left. i.e. literally, it means to take a course opposite the apparent motion of the sun viewed from the Northern Hemisphere, (the centre of this imaginary clock is the ground the viewer stands upon). The Oxford English Dictionary’s entry cites the earliest uses of the word from 1513, where it was found in the phrase widdersyns start my hair, i.e. my hair stood on end.
The use of the word also means „in a direction opposite to the usual“, and in a direction contrary to the apparent course of the sun. It is cognate with the German language widersinnig, i.e., „against“ + „sense“. The term „widdershins“ was especially common in Lowland Scots.
Es ist irritierend, wie verunsichert wir sind. Aber es ist auch gut, wenn die Verunsicherung von Gedichten ausgeht, kann sie unser gewohntes Denken und Sprechen in Frage stellen. Gedichte können Offenheit erfahrbar machen, Blicke weiten, Erkenntnis ist möglich, Abweichung produktiv.
Einleitung zu einer Sammelrezension von Beate Tröger (Freitag)* zu
*) Wie üblich trompetet es, ALLES ÜBER DIE WICHTIGSTEN LYRIKNEUERSCHEINUNGEN, so in der Art. Damit der gemeine Leser Orientierung findet innerhalb der „allgemeinen Verunsicherung“. Abweichung ist produktiv, aber bitteschön im Rahmen. Lesen Sie bei uns alles was Sie wissen müssen um schön offen und verunsichert zu bleiben!
ist keine Gegendarstellung, sondern die (ich nehme an, redaktionelle) Überschrift in der Zeit für den gleichen Artikel von Gregor Dotzauer, der schon in der vorigen Nachricht aus dem Tagesspiegel vorgestellt wurde. Sie wollten was über Poschmann als potentielle Nachfolgerin Jan Wagners im Amt des Lyrikheroen. Wow, wär das toll, wenn wieder eine Lyrikerin den Romanciers die Nase zeigt. Der Ton im Feuilleton das kommende Jahr: nicht auszuhalten. Na, die Jury weiß, was sie dem deutschen Buchhandel schuldig ist! In der so gewonnenen Zeit können wir in aller Stille Ágnes Nemes Nagy lesen. Wenn nicht im Buchhandel vorhanden: gut sortierte Bibliotheken helfen gern aus.
Ich lasse die Verbeugung vor dem Zweitgeist* weg und gehe gleich zum Wesentlichen in Gregor Dotzauers Rundblick um die Neue deutsche Lyrik im Jahr eins „nach Jan Wagners Sieg“:
Ágnes Nemes Nagy, die bedeutendste ungarische Dichterin des 20. Jahrhunderts, hat aus gutem Grund die Steinzeit als die glänzendste Epoche des Gedichts bezeichnet. „Da hatten sie es so richtig gut: die Poeten, die Schamanen, die Herbeizauberer des täglichen Fleisches, oder Verwalter der Geister“, schreibt sie in ihrem Essay „Büffellos“, der ihren von Franz Fühmann nachgedichteten Band „Dennoch schauen“ beschließt. „Seit wir nicht mehr verlangen, dass Gesangsverse, Rituale und Tänze imstande seien, Büffelherden vor uns hin zu treiben, hat die Glorie des Künstlers begonnen, Abnutzungserscheinungen aufzuweisen.“ Die Poesie, sagt sie mit Blick auf die Bisons an den Höhlenwänden im spanischen Altamira, „ist seit ein paar tausend Jahren büffellos.“ Aus dem magischen „So-als-ob“, dem Glauben an kausale Einwirkungsmöglichkeiten auf die Wirklichkeit, wurde ein „So-als-ob-es-lebte“, der Auftrag zur naturgetreuen Nachahmung. Die Mimesis wiederum, die etwas auf Anhieb Wiedererkennbares herstellen sollte, zerfiel unter dem Ansturm der modernen Naturwissenschaften in einzelne Formelemente, in denen das Analytische über das Synthetische triumphiert: Man wollte, in der Meinung, dem Geheimnis der Kunst so auf die Spur zu kommen, die ästhetischen Botenstoffe isolieren.
Ágnes Nemes Nagy definiert damit das Spannungsfeld, in dem sich die Poesie bis heute bewegt. Ohne schamanische Reste ist sie undenkbar. Ein Ausdrucks- und Darstellungsbedürfnis lässt sich ihr nicht austreiben. Zugleich sucht sie nach ihren sprachmaterialistischen Grundlagen und neigt im Experimentellen zu einer Objekthaftigkeit, die nur sich selbst repräsentiert – nicht das, was man gemeinhin den Sinn von Gedichten nennt. / Tagesspiegel
*) den Tippfehler lass ich stehen, vielleicht ergibt sich was
Am 20. März 2016 jährt sich zum zweiten Mal der Todestag der Verlegerin Karin Kramer. Wir, die Bauphilosophen, wünschen, daß der Name des großartigen Verlegerpaares Karin und Bernd Kramer, die kurz hintereinander 2014 verstarben, dem deutschsprachigen Literaturbetrieb erhalten bleiben. In Andenken an diese beiden Verlegerpersönlichkeiten, die in ihrem 1968 gegründeten Karin Kramer Verlag viele undogmatische Impulse in die deutschsprachige Literaturlandschaft funkten, verleihen die Bauphilosophen zum ersten Mal den von ihnen ausgelobten „Karin-Kramer-Preis für widerständige Literatur„, der alle zwei Jahre verliehen werden wird. So geht nicht von ungefähr der diesjährige Preis an den Dichter Bert Papenfuß.
Das Preisgeld beträgt 1000,- Euro.
Die Veranstaltung zur Verleihung des Karin-Kramer-Preise findet statt am 20. März im Alten Roten Löwen Rein in der Richardstraße 31, Berlin-Neukölln, um 15:00 Uhr:
Moderation: Andreas Hansen
Sein erstes, von ihm selbst als gültig anerkanntes Gedicht verfasste Dieter Mucke 1963. An einem Sommernachmittag hatte der damals 27-jährige Wahl-Hallenser mit seiner Tochter unter einem Apfelbaum gespielt. Die Dreijährige fragte: Vater, wie schmeckt die Sonne? Das „Gedicht für Rahel“ entstand, in dem es heißt: „Ich klettre barfuß / Auf den Ästen eines Apfelbaumes / In den Himmel / Und lege ihr / Eine kühle Morgensonne / In die staunenden Hände“.
Ein malerisches, fast volkstümlich einfaches Gedicht. Klarheit, Wahrheit, Natürlichkeit in Bild und Ton, darum ging es Anfang der 60er Jahre nach all den Tonnen von politischer Erbauungslyrik der sogenannten Aufbaujahre. Das Gedicht trug Dieter Mucke in einem Radioliteraturwettbewerb den ersten Preis ein; in der Jury saßen Sarah und Rainer Kirsch, damals Dichter in Halle – und bis zu ihrem Tod Freunde Dieter Muckes. (…)
Dreimal studierte er, dreimal wurde er aus politischen Gründen exmatrikuliert: 1957, 1963 und 1967 nacheinander in den Studiengängen Psychologie, Fotografie und Kamera sowie Literatur.
Letztere studierte Mucke gemeinsam mit Helga M. Novak am Literaturinstitut in Leipzig. Mit drei Wochen Untersuchungshaft zahlte er für eine satirische Prosa-Übung. Dem solidarischen Dichter Georg Maurer, dem Mentor der Generation Kirsch und Kunze, hielt Dieter Mucke zeitlebens die Treue, „unser verehrter Lehrer-Dichter-Denker“. (…)
„Wer ich war und wer ich bin?“, hatte Dieter Mucke ein Gedicht überschrieben, das als „Kurze Vorstellung bei aufgeblasenen Kulturverwesern“ gedacht war. So sah er sich selbst: „Keine SED-Pfeife, keine ,Blockflöte’ / Keinerlei parteipolitischer Dudelsack / Für irgendein verfilztes Lumpenpack / Kein käuflicher Freier, kein Vereinsmeier / Kein Schmierenkomödiant, kein Inoffizieller / Informant, kein Freudenfeuer-Theologe / Kein Sonderschul-Pädagoge, kein / Psychotherapeut, sondern ein Poet / Hier geboren und hier zu Hause / Sie Banause oder Sie Banausin / Und für Ihresgleichen unvermeidlich / Nach wie vor ,negativ-feindlich’. // Das ist es, was ich war und bin.“ / Mitteldeutsche Zeitung
Aus einem Interview, das Dieter Mucke der Mitteldeutschen Zeitung zu seinem 80. Geburtstag vor wenigen Wochen gab:
Jedesmal, wenn wir jemanden gut fanden, wurde der entfernt. So haben wir uns mit denen angelegt, in der Hoffnung, dass das jeweils nur eine dogmatische Phase sei. Aber die waren Dogmatiker. Und so wurde die DDR entleert.
(…)
Autoren verhalten sich zueinander oft wie rivalisierende Rhinozerosse und neurotische Neidhammel. Jeder hat seine eigene poetische Konzeption und hängt darin fest. Das ist auch nachvollziehbar. Heute kommt eine gewisse Entsolidarisierung hinzu, die in unserer Gesellschaft stattfindet. Viele sehen nur noch das Eigene, versuchen mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Ich bin mehr mit bildenden Künstlern befreundet, da kommt man sich nicht so sehr ins Gehege. Das sind gute Kommunikationen.
(…)
Jede Zwangsexmatrikulation war eine Meute, die auf mich gehetzt wurde. Die kommen im Traum immer näher und näher und im letzten Moment fliege ich denen davon. Und die gucken blöd hinterher. Und ich fliege da über ein Tal. Aber dann sind die schon wieder ganz nahe und ich werde munter.
Der Hallenser Dichter Dieter Mucke starb am 12. März im Alter von 80 Jahren. Er wurde 1936 in Leipzig geboren. Seine erste Veröffentlichung war das Poesiealbum 19 (1969). Er veröffentlichte Gedichte und Prosa für Erwachsene und Kinder.
Hier Teil II aus dem Gedicht „Die Verzweiflung des François Villon“
In dem schwarzen, hundekalten Himmel
Pfeif ich auf das blaue Sterngewimmel
Auf den Sabbereifer falscher Weltpropheten
Auf das blöde Blaken der Planeten
Auf die Spitzel hinter meinem Arsche
Auf des Herrgotts Weihnachtsmannvisage
Und auf alle, die in gut gestopften Strümpfen
Über mich den ehrenwerten Rüssel rümpfen.Wenn ich irgendwann im Schnee verrecke
Und aus Taktgefühl mich ein für allemal verstecke
Seh ich im Delirium bestimmt nicht lauter Mäuse
Sondern ein Heer gestiefelt und gespornter Läuse.
Aus: Kammwanderung. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1983, S. 93f
Ich lege noch zwei Strophen aus dem bösen immer aktuellen Gedicht „Michel“ drauf:
Michel dürft nicht Michel heißen
Würde er den Tafelgreisen
Einmal auf die Teller scheißen
Oder sie vom Tische reißen.(…)
Michel geht auf die Toilette
Legt sich in sein Federbette
Hofft, daß einst der Herr ihn rette
Dichtet traurige Sonette.
Aus: Wetterhahn und Nachtigall. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1974, S. 39
R.i.p.!
Makar ist das schottische Wort für Dichter oder Barde. Wie im alten Griechischen (ποιητής, poiētēs bedeutet Macher und Dichter) wird der Dichter nach seiner Tätigkeit als „Macher“ von sprachlichen Kunstwerken bezeichnet. 2004 wurde in Schottland als Äquivalent zum englischen Poet laureate das Amt des Nationaldichters eingerichtet: The Scots Makar. Erster Makar wurde Edwin Morgan, gefolgt 2011 von Liz Lochhead. Das Amt ist unbezahlt, der Inhaber soll die schottische Dichtung für die Öffentlichkeit repräsentieren, die poetische Kreativität fördern und „Botschafter der schottischen Dichtung“ sein. (Ganz schön viele Funktionen für einen unbezahlten Posten. Gibt es eigentlich unbezahlte Ämter auch in anderen Bereichen wie Politik oder Wirtschaft?).
Neue Scots Makar wurde jetzt die Lyrikerin und Romanautorin Jackie Kay.
National Poet for Scotland or Makar Jackie Kay reads her poem ‚A Lang Promise‘. It was first published in her pamphlet The Empathetic Store (Mariscat Press, 2015).
Schottland in L&Poe
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