Ketzerfrage

Gleich zu Beginn müssen wir die Ketzerfrage stellen: Würden diese Gedichte heute noch Aufmerksamkeit beanspruchen, hieße ihr Autor nicht Thomas Bernhard und erschienen sie nicht im Rahmen einer großangelegten Werkausgabe? Wohl kaum. Sie sollten es aber! Nicht alle Stücke darin sind gelungen, wenn man die höchste Meßlatte anlegt — das gewiß nicht, es ist viel jugendlicher Quark dabei, einer von der Sorte, der nicht von allein fest wurde und sich darum allerhand Töne von anderen Stimmen leihen mußte; — und wäre dies der gesamte Befund, wäre das Buch vielleicht weniger Rede wert und nur aus biographischen Gründen interessant, doch folgen auf die Versuche des jungen Thomas Bernhard eine Reihe bemerkenswerter Gedichte, die unabhängig von ihrer nicht zu übersehenden motivischen Hindeutung auf das spätere Prosawerk bestehen können —: ihnen wird man freilich nur gerecht, wenn man sie aus dem biographischen Interesse herauslöst und in einen literarhistorischen Kontext stellt, weniger hochtrabend gesagt: wenn man sie mit den Produkten seiner Zeitgenossen vergleicht. / Jürgen Brôcan, Fixpoetry

Thomas Bernhard · Raimund Fellinger (Hg.)
Thomas Bernhard, Band 21: Gedichte
(Werke in 22 Bänden)
Suhrkamp 2015 · 601 Seiten · 39,90 Euro
ISBN: 978-3-518-41521-4

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