THE CITY (PARIS), THE POET (PAUL CELAN), AND THE ARTIST (ALEXANDER POLZIN)

Dienstag, den 24. Mai 2016 / 19:00 – 21:30 Uhr / The Arts Arena, Columbia Global Centers, 4 rue de Chevreuse, 75006 Paris

Anlässlich der Einweihung des Celan Denkmals durch den Bürgermeister von Paris spricht der Bildhauer Alexander Polzin mit Margery Arent Safir in der Arts Arena über seine Arbeit als Künstler und seine Beschäftigung mit Paul Celan. Im Gespräch wird es um die Rolle von Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung, ihren Einfluss auf das Leben in der Stadt und die aktuelle Haltung ihrer Bewohner gehen.

EINWEIHUNG DES DENKMALS FÜR PAUL CELAN VON ALEXANDER POLZIN

Dienstag, den 31. Mai 2016 / 15:00 Uhr / Jardin Anne Frank, 14 Impasse Berthaud, 75003 Paris / Im Anschluss: Institut d’études avancées de Paris, 17 quai d’Anjou, 75004 Paris

Die Stadt Paris, die Deutsche Botschaft und das Goethe Institut Paris laden gemeinsam zur Einweihung des Denkmals für den Dichter der „Todesfuge“ in den Jardin Anne Frank. Im Anschluss werden im Institut d’Études Avancées de Paris (Hôtel de Lauzun) Vorträge von Christoph König und Krzysztof Pomian zu der Polzinschen Hommage an Paul Celan zu hören sein.

Aus der Presse

NN*, ein Anhänger der Lyrik, schreibt seine Gedichte entweder in prosaischer Form, also ohne Reim, oder als Sonette.

*) Name und Webadresse der Redaktion bekannt

 

Songs from a Yahi Bow

The 100th anniversary of Ishi’s death brings to mind the publication several years ago of a small book, Songs from a Yahi Bow – really a mini-anthology of writings on Ishi – assembled by Scott Ezell & including poems by Ezell, Yusef Komunyakaa, & Mike O’Connor, along with Thomas Merton’s 1968 essay “Ishi: A Meditation.”  Ishi (the Yahi word means “man” or “human”) is well known through the writings of Theodora & Alfred L. Kroeber as the last known survivor of a small Indian community that suffered displacement & genocide during the final European conquest of America.  That memory of course is a warning of dangers & holocausts to come, and much of Ezell’s work is concerned with a range of non-state cultures & a chronicling thereby of globally diverse crises & survivals.

Scott Ezell is a Pacific Rim poet & multi-genre artist with a background of  independent study with the indigenous peoples of Taiwan, China, & Southeast Asia. He has published three volumes of poetry & over a dozen albums of original music, & has exhibited paintings in the US & internationally, as well as being involved in installation & performance art projects.   His recent memoir, A Far Corner: Life and Art with the Open Circle Tribe (University of Nebraska Press), explores indigenous Taiwan through immersion in a nonconformist community of aboriginal musicians & artists.  Since 2010 he has been working on a multi-volume poetry project, Zomia, about marginal landscapes & communities in the China-Burma-Laos border region. / Jerome Rothenberg, poemsandpoetics

Vergänglichkeitstrainer

Dass noch die Produktion von Landschaftsgedichten im 21. Jahrhundert von allerlei Aporien umstellt ist, davon zeugen nicht zuletzt jene Gedichte im Band, in denen die Lyrikerin auf den Spuren Bashos wandelt. Zwar stehen noch immer dunkelgrün die Kiefern im Park des verlorenen Mondscheins in Matsushima. Doch Plastikverpackungen, elektronisches Vogelgezwitscher und ein – Zitat – „Vergänglichkeitstrainer“ haben inzwischen die Herrschaft übernommen.

„Dunkel bemooste Wolken wandern
über nur flüchtig vorhandene Berge
und treiben weiter
in etwas hinein,
was gut und gerne das Nichts
sein könnte,
wäre es nicht bereits
etwas, Verhangenheit, Teil eines Parkplatzes,
vollkommen leer, bis auf ungezählte,
mit weißer Markierungsfarbe umrissene
Buchten.“

/ Claudia Kramatschek, DLF

Marion Poschmann: „Mondbetrachtung in mondloser Nacht“, Suhrkamp Verlag, 118 Seiten, Preis: 19,95 Euro
Marion Poschmann: „Geliehene Landschaften“, Suhrkamp Verlag, 218 Seiten, Preis: 18,00 Euro

Leseecke 7

FullSizeRenderLeseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen* mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

7

LOe in the Orient when the gracious light,
Lifts vp his burning head, each vnder eye
Doth homage to his new appearing sight,
Seruing with lookes his sacred maiesty,
And hauing climb’d the steepe vp heauenly hill,
Resembling strong youth in his middle age,
Yet mortall lookes adore his beauty still,
Attending on his goulden pilgrimage:
But when from high-most pich with wery car,
Like feeble age he reeleth from the day,
The eyes (fore dutious) now conuerted are
From his low tract and looke an other way:
     So thou, thy selfe out-going in thy noon:
     Vnlok’d on diest vnlesse thou get a sonne.

Einige Anmerkungen zum Text:

LOe lo, sieh

veach vnder eye under-eye a) jedes minderwertige Auge (Person) b) jeder Sterbliche (jeder unter [dem Auge der] der Sonne)

3 homage ist auch eine juristische Kategorie im Feudalrecht: die pflichtschuldige Verehrung der Sonne ist auch hier juristisch lesbar: es steht der Sonne (im Englischen maskulin) / dem Sohn (?) zu, jedes under-eye ist ihm verpflichtet

5 hauing having: bezieht sich eher auf die Sonne als auf die ihr huldigenden Wesen. Man beachte den Tempuswechsel vom Präsens zum Imperfekt und zurück (Burrow 2002) steepe vp steil

6 youth … middle age (13 in thy noone): dreigliedriges Schema des Menschenalters

 9 high-most pich höchste Gipfel wery weary (müde) car Wagen

10 reeleth wankt, taumelt

11 fore before dutious gehorsam, pflichtgemäß

12 tract Pfad; hier auch zeitliche oder räumliche Ausdehnung

13 thy selfe out-going a) dich übernehmend b) dich überdauernd

14 Vnlok’d unlooked diest stirbst get a sonne zeugst einen Sohn

Deutsche Fassung von Stefan George:

Schau in den osten wie das gnädige licht
Sein brennend haupt erhebt: jed auge späht
In ehrfurcht zu der neu erschienenen sicht ·
Dient mit dem blick der heiligen majestät.

Und wenn es himmels steilen berg erklomm ·
Der jugend gleich in ihrer mittelkraft ·
So sehn die menschen seine schönheit fromm
Und warten seiner goldnen pilgerschaft.

Doch rollt von höchster höh mit müdem rad
Wie schwaches alter es vom tage fort ·
Wenden wir uns von seinem niedren pfad ·
Wir · vorher dienstbar · schaun zu andrem ort.

So stirbst du · wenn dein mittag dir entflohn ·
Unangesehen – zeugst du keinen sohn.

100. Fußnotenpflicht für Lyrik

Retro-L&Poe

Lyrik verbirgt sich heute (30.5.2005) auch im Wissenschafts- und im Reiseteil der FAZ. Der Bericht über eine Tagung am Bielefelder „Zentrum für interdisziplinäre Forschung“ (veranstaltet von den Philosophen Eberhard Ortland aus Berlin und Reinold Schmücker aus Greifswald) über Urheberrechtsfragen titelt: „Wir fordern Fußnotenpflicht für Lyrik“. Darin u.a. folgender Fall:

Martha Woodmansee (Cleveland) etwa schloß aus der Tatsache, daß William Wordsworths Gedicht „Daffodils“ ein Spaziergang am See mit seiner Schwester zugrunde lag, daß also Wordsworth keineswegs „wandered lonely as a cloud“, auf eine Art Mitautorschaft der Schwester. Von deren Notiz über den Spaziergang wäre es allerdings erkennbar noch ein gutes Stück Arbeit gewesen. (…) „Vgl. auch den Spaziergang mit meiner Schwester“, erst das wäre korrekt.

(Wir müssen uns also nach den Fällen von Romanen und Theaterinszenierungen aus den letzten Jahren darauf einstellen, daß Juristen in der Lyrikdiskussion mitsprechen werden. Und das wird kommen.)

Hier das Gemeinschaftswerk von William Wordsworth und seiner Schwester:

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed—and gazed—but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

Im Reiseblatt schließlich geht es um „Dichterdichte“ in Wales – also auch um Dylan Thomas.

Whitmans Ratgeberprosa

Zachary Turpin aus Houston (…) hat (…) längst vergessene Zeitungen nach Whitman-Pseudonymen durchsucht und ist in einem Blatt namens „New York Atlas“, das sich in nur wenigen Exemplaren erhalten hat, auf die dreizehnteilige Fitnessserie eines gewissen Mose Velsor gestoßen, hinter dem sich nachweislich Whitman verbirgt.

Das 1858 erschienene Plädoyer „Manly Health and Training“ summiert sich in der Druckfassung des „Walt Whitman Quarterly“ auf reichlich hundert Seiten; es dürfte damit einer der umfangreichsten Texte Whitmans überhaupt sein und verwandelt den Barden der Demokratie in Amerikas Turnvater Jahn – einen gewissen Hang zum Teutonischen eingeschlossen. Der Rest – jedenfalls bis der Zeilenschinder Mose Velsor auf Hölzchen, Stöckchen und seine Weltanschauung kommt – ist klassische Ratgeberprosa und verblüffend modern. / Wieland Freund, Die Welt

On beards: „The beard is a great sanitary protection to the throat — for purposes of health it should always be worn, just as much as the hair of the head should be. Think what would be the result if the hair of the head should be carefully scraped off three or four times a week with the razor! Of course, the additional aches, neuralgias, colds, &c., would be immense. Well, it is just as bad with removing the natural protection of the neck; for nature indicates the necessity of that covering there, for full and sufficient reasons.“

On dancing: „We recommend dancing, as worthy of attention, in a different manner from what use is generally made of that amusement; namely, as capable of being made a great help to develop the flexibility and strength of the hips, knees, muscles of the calf, ankles, and feet. Dancing, on true principles, would have ultimate reference to that, and would then, as an inevitable result, bring grace of movement along with it.“ / NPR

Zwischenruf zur Lyrikdebatte

„Lyrik hat keine gesellschaftliche Bedeutung. Das liegt aber nicht an der Lyrikkritik, sondern an der Lyrik, die heute geschrieben wird. Wenn sie sich selbst genügt!“ (Artur Nickel mit Bezug auf Ioana Orleanu bei Fixpoetry). Das hätte auch Goethe über Hölderlin sagen können, und umgekehrt. „Aber sie können mich nicht brauchen“, sagt Hölderlin. Und auch Goethe und Schiller verloren ihre Illusionen über ihre „gesellschaftliche Bedeutung“. Welche Bedeutung hatten Goethes Balladen? Man konnte sie als Schulstoff gebrauchen / als zivilisierte Form des Zuchtstocks. (Fällt weitgehend weg). Man konnte sie in Leder mit Goldschnitt ins Bücherregal stellen, machten damals alle Bildungsbürger. Fällt weg. Goethes Wort für „Sichselbstgenügen“ war „das Inkommensurable“*, wir sprechen heute von Autonomie. Hölderlin unternahm den heroischen Versuch, der Lyrik die Funktion zurückzugeben, die sie zumindest nach dem damaligen Antikebild bei den Griechen hatte, wo Hymnen für Tempel und Siegerehrungen gebraucht wurden, Elegien für „multimediale“ Performances, Dithyramben für orgiastischen Götterkult, Epigramme für Grabsteine. Die Antike ist vorbei, Hölderlin ist gescheitert, „wozu Dichter in dürftiger Zeit“ war die Bilanz**. Die hartnäckige Verkürzung (wenn die Dichter wie Goethe schreiben würden, oder wie Hölderlin, wie neulich einer in Greifswald sagte, oder wie Benn (Orleanu) oder Jan Wagner oder oder… hätten sie auch keine „gesellschaftliche Bedeutung“ (würden nicht mehr Bücherpreise bekommen und nicht mehr Bücher verkaufen. Oder glaubt jemand, Jan Wagners Erfolg sei wiederholbar?) (Benn hatte ihn auch nicht, er hat es uns vorgerechnet.)

Wir haben das Rad nicht erfunden (Peter Rühmkorf wußte das noch), und auch nicht die „Krise der Lyrik“ oder der „Lyrikkritik“.

*) Ich weiß, verkürzt, aber Fakt bleibt doch Fakt.

**) Einen andern Schluß zog Ernst Jandl: „aber der Ton und das Wasser drehen sich weiter / in den Hütten der Töpfer“.

Poetopie

im unaufhörlichen Kreisverkehr die einzig mögliche Ausfahrt nicht verpassen

Hansjürgen Bulkowski

Leseecke 6

FullSizeRenderLeseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen* mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

6

THen let not winters wragged hand deface, 
In thee thy summer ere thou be distil’d:
Make sweet some viall; treasure thou some place,
With beautits treasure ere it be selfe kil’d:
That vse is not forbidden vsery,
Which happies those that pay the willing lone;
That’s for thy selfe to breed an other thee,
Or ten times happier be it ten for one,
Ten times thy selfe were happier then thou art,
If ten of thine ten times refigur’d thee,
Then what could death doe if thou should’st depart,
Leauing thee liuing in posterity?
     Be not selfe-wild for thou art much too faire,
     To be deaths conquest and make wormes thine heire.

Einige Anmerkungen zum Text:

wragged ragged rau (zweisilbig gesprochen: wraggèd) hand kann Handschrift bedeuten, also etwa zittrige Handschrift deface Verb zu face a) entstellen b) auslöschen

3 vial Phiole, Behälter für Parfüm, auch übertragen: Frau

beautits so im Erstdruck; die meisten Ausgaben haben beauty’s

vsery usury (Wucher), Wortspiel mit use

ten for one 10 Nachkommen für 1 Vater. Verse 5-14 spielen – vorbereitete durch zweimaliges treasure in 3-4 – mit dem Doppelsinn Nachkommen zeugen / Zins kassieren. Elizabeth I führte zu Shakespeares Zeit einen Zins-Höchstsatz von 10% (one for ten) ein.

13 selfe-wild self-willed (eigensinnig)

14 conquest Einnahme, Erringung. Im britischen Recht: Eigentum, das anders als durch Erbschaft erworben wird.

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Laß Dir nicht Winters rauhe Hand den Schatz
Des Lenzes rauben, eh‘ Du ihn vergraben,
Füll ein Chrystall, bereichre einen Platz,
Eh‘ sie verwelkt mit Deiner Schönheit Gaben.

Verbothen kann der Wucher nimmer seyn,
Wo gern und froh der Gläub’ger Zinsen beuth
Durch neues Selbst mußt Du Dich selbst erfreun,
Und zehnmal mehr, wirst zehnfach Du erneut.

Für wahr! es wird ein zehnfach Glück Dir bringen,
Wenn Du in zehn der Dein’gen froh Dich siehst.
Wie soll Dich dann der herbe Tod bezwingen,
Wenn Du in Kind und Enkel lebst und blühst.

Du bist zu schön durch harten Sinn zu sterben,
Ein Raub des Tod’s und Würmer Deine Erben.

Lyrikkritikdebatte geht weiter

(Frühere Beiträge hier)

Matthias Mader: Lesen und Kritik, 31.3. matthiasmader.de

Guido Graf: Lyrikdebatte: Wie relevant ist Lyrikkritik? 26.4. Deutschlandfunk

Jan Drees: Debatte: Über Lyrikkritik und ihre (Nicht-) Relevanz, 26.4. Lesen mit Links

Mario Osterland: Kleines Statement zur Debatte, 26.4. Fixpoetry

Jamal Tuschick: Die Gegenöffentlichkeit der Gegenwart, 27.4. der Freitag – blog

Hendrik Jackson: „Qualitätssprünge?“ – ein Abend zur aktuellen Lyrikkritik in der Literaturwerkstatt, 28.4. signaturen

Matthias Mader: Lyrikkritik, nächste Runde, 28.4. matthiasmader.de

 

Oskar-Pastior-Preis für Wiener Künstler Anselm Glück

Der in Wien lebende Schriftsteller und Maler Anselm Glück erhält den Oskar Pastior Preis 2016, der von der Oskar Pastior Stiftung am 1. Juli 2016 im Literaturhaus Berlin verliehen wird. Der Preis ist mit 40.000 Euro dotiert.

Als Schriftsteller wie als Maler und Zeichner hat Anselm Glück, 1950 in Linz geboren, Werke geschaffen, die der experimentellen und konkreten Kunst verpflichtet, eine sehr eigene, unverwechselbare Diktion aufweisen. Zu seinen Techniken gehören Montage und Collage ebenso wie Erzählen als Nichterzählen, beziehungsweise ein gestisches Sprechen, das die Dinge, von denen gesprochen wird, wie vorgezeigt erscheinen läßt.

Reflexionen werden dinglich, Worte aus dem Korsett der Grammatik gelöst und in neue, „hybride“ Bedeutungen überführt.

die kunst unserer tage soll gemacht werden wie die gelegenheit sie fordert weil solche – strophe ergeht so ernst daß wir zuendespielen und diese fähigkeit ist unser privileg

und daß künstler der kunstgeschichte nichts ungewöhnliches persiflieren dient dem interesse an der charakteristischen vorlage. es bewahrt dem mißbrauch die erniedrigung und nimmt der nur eigenen betroffenheit ihren sinn
[anselm glück]

/ literaturHausBerlin

Über die Oskar Pastior Stiftung

Nach der Stiftungsratssitzung vom 28. April 2008 gaben die Mitglieder des Stiftungsrates Marianne Frisch, Herta Müller, Klaus Ramm (Vorsitzender), Dierk Rodewald, Ulf Stolterfoht, Christina Weiss und Ernest Wichner (Stellv. Vorsitzender) die Gründung der Oskar Pastior Stiftung bekannt.
Oskar Pastior hatte testamentarisch diese Stiftung verfügt und die Stiftungsratsmitglieder benannt.
Die Stiftung vergibt den Oskar Pastior-Preis. Ausgezeichnet werden Autoren, deren Werk in der Tradition der Wiener Gruppe, des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie und von OULIPO (der Werkstatt für potentielle Literatur) steht.
Darüber hinaus kann die Stiftung die literarische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Literatur sowie mit dem Werk von Oskar Pastior fördern.
Der Preis soll alle zwei Jahre verliehen werden und ist mit einer Preissumme von 40.000,- Euro dotiert. Bewerbungen um den Preis sind nicht möglich. Der Sitz der Stiftung befindet sich im Literaturhaus Berlin.

Stiftungsrat: Marcel Beyer, Ernest Wichner (Vorsitzender), Herta Müller, Dierk Rodewald, Ulf Stolterfoht, Prof. Dr. Christina Weiss

/ literaturhaus

Bisherige Preisträger:

  • 2010 Oswald Egger
  • 2012 (nicht vergeben)
  • 2014 Marcel Beyer

Die Gedichte und die Inhalte

„Beyoglu Blues“, „Istanbul Bootleg“ und „Taksim Tango“ heißen die drei Gedichtbände, aus denen der 1982 in Köln geborene Lyriker Gerrit Wustmann am Mittwochabend in der Buchhandlung Akzente in Offenburg las. Mit dem Lyrik-Abend, der vom Hausacher Lyriker José F. A. Oliver schon traditionsgemäß kuratiert und moderiert wird, endete die Wortspielreihe 2016.

Der Abend war im eigentlichen Sinn keine Lesung, sondern ein Gespräch unter Istanbul-Kennern und -liebhabern, haben doch Wustmann und Oliver Schreibaufenthalte in der türkischen Metropole literarisch verarbeitet. Beide Autoren schreiben vor allem freie Rhythmen ohne Reim, beide verwenden eine sehr bildhafte Sprache, beide verstehen sich als politisch, ohne aber ihre Gedichte zu Agitation zu nutzen. Wustmann widerlegt das – oft allzu wohlfeil geäußerte – Diktum der Weltferne von Lyrik und des politischen Desinteresses junger Autoren, indem er auf Olivers Anstoß, mehr über die Gedichte als über die Türkei zu reden, erwidert, dass er das genau umgekehrt sieht. „Die Gedichte kann man vortragen, aber reden muss man über die Inhalte“, findet er. Und obwohl diese Inhalte eine Liebeserklärung an die Bosporus-Metropole sind, an „Katzen, Möwen, Müll, Taschendiebe, Wasserverkäufer und Schuhputzer“, an das vormals weltoffene und entspannte Miteinander von Bekenntnissen und Lebensweisen, steckt viel aktuelle politische Kritik darin. / Juliana Eiland-Jung, Badische Zeitung

Leseecke 5

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

5

THose howers that with gentle worke did frame,
The louely gaze where euery eye doth dwell
Will play the tirants to the very same,
And that vnfaire which fairely doth excell:
For neuer resting time leads Summer on,
To hidious winter and confounds him there,
Sap checkt with frost and lustie leau’s quite gon.
Beauty ore-snow’d and barenes euery where,
Then were not summers distillation left
A liquid prisoner pent in walls of glasse,
Beauties effect with beauty were bereft,
Nor it nor noe remembrance what it was.
    But flowers distil’d though they with winter meete,
    Leese but their show, their substance still liues sweet.

Einige Anmerkungen zum Text:

howers hours (zweisilbig gesprochen)

4 vnfaire zum Verb gemachtes Adjektiv, Verneinung von to fair = schön machen fairely by being fair. Klaus Reichert übersetzt die Zeile in seiner Prosaübersetzung: „und das entschönen, was das Schöne übertrifft“.

confounds vernichtet

sap Saft leau’s leaves

ore-snow’d o(v)ersnowed

distillation Essenz

10 wäre mit der Schönheit auch die Wirkung der Schönheit verflogen

14 leese lose (verlieren)

Deutsche Fassung von Rudolf Alexander Schröder:

 Dieselben Stunden, die so hold dein Bild
 Zur Augenlust geschmückt mit zartem Kleid,
 Sind bald tyrannisch wider dich gewillt,
 Unhold verkehrend die Holdseligkeit.
 Denn nimmermüde Zeit führt Sommers Blühn
 Zum eklen Winter fort in blinde Schmach:
 Frost hemmt den Saft, es welkt all frisches Grün,
 Die Schönheit liegt verschneit, die Welt liegt brach.
 Und bliebe nicht des Sommers Quintessenz,
 Ein flüssiger Häftling gläsernem Gewänd,
 Stürb aller Schönheit Sinn mit ihrem Lenz,
 Daß sich auch nicht ein Angedenken fänd.
    Nur Blumen-Aufguß wahrt zur Winterszeit
    Zwar nicht die Schau, doch Wesens Süßigkeit.

(Rudolf Alexander Schröder: Gesammelte Werke Bd.1, Suhrkamp 1952)

Kommentar zur Übersetzung:

Mit dem Wort hold im ersten Vers beginnt die „Poetisierung“ des Urtexts (im nächsten Vers mit „zartem Kleid“ fortgeführt). Man vergleiche seine vierte Zeile mit der in den Anmerkungen mitgeteilten Prosaübersetzung. (Am schönsten in dieser Übersetzung scheint mir das Wort Augenlust für „the lovely gaze“ – leider sogleich ins Poesiesurrogat zurückgeholt.) Ich glaube, mit einer guten Prosaübersetzung wie der Klaus Reicherts wäre dem auf Shakespeares Innovation der poetischen Sprache neugierigen deutschen Leser mehr gedient.

William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007
William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007

André Thomkins – „Retroworter“

[…] In den Jahren, da wir gemeinsam im Gespräch waren, haben wir eine Reihe von Übereinstimmungen zwischen bildnerischen und sprachlichen Werkprozessen erschlossen, und einige davon haben wir auch gemeinsam genutzt. Mit dem lautlichen Eigentrieb sprachlichen Rohmaterials waren wir beide gleichermassen vertraut, A. T. als ingeniöser Anagrammatiker und Palindromist („Retroworter“), ich selbst als primär an Klang und Rhythmus orientierter Schriftsteller. Doch nicht nur auf der Ebene formalistischer Wortkunst haben wir uns getroffen, es gab immer auch in andern, offeneren Zusammenhängen Gelegenheit zur Kooperation. ‒ Ein Beispiel dafür ist eine von mir angeregte ironische Hommage zu jedem künftigen Goethe-Jubiläum, ein Projekt, für das ich eine fiktive Übersetzung aus dem Russischen erarbeitete und das A. T. in der Folge durch eine Zeichnung und einen Stempeldruck komplettierte. Text und Bild erschienen 1982 in Gestalt einer Kartonschachtel mit einliegender Broschüre und dem als kinetisches Objekt gestalteten Stempeldruck.

Ein weiteres Beispiel ist mein Poesieband „Fremdsprache“, den der Drucker und Verleger Rainer Pretzell 1984 mit einem Frontispiz von A. T. in Berlin herausbrachte. Das Frontispiz zeigt den Autor als Leser über ein Buch gebeugt, das mit der palindromatischen Aufschrift NA WIE INGOLD LOG NIE IWAN versehen ist. A. T’s Zeichnung visualisiert implizit die Poetik der in dem Band vereinten Texte, bei denen es sich ausnahmslos um Übertragungen bekannter deutschsprachiger Gedichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert handelt: Übertragen wird hier jedoch einzig die Textoberfläche, das heisst die Lautstruktur der Originalvorlagen, wohingegen deren Bedeutungsebene unberücksicht bleibt. Wo im Original „Hauch“ oder „balde“ zu lesen ist, bringt die lautliche Übertragung „auch“ beziehungsweise „kalten“, für „Träume“ kann „Treue“ stehen usf. Von daher der Untertitel: Gedichte aus dem Deutschen.

T. hatte an diesen und ähnlichen Texten ein spielerisches Vergnügen, aber auch ein gewissermassen professionelles Interesse, weil hier die Interaktion von Zufall und Kalkül besonders deutlich fassbar wird. Anderseits war A. T. kein grosser Leser, dickleibige Bücher mochte er nicht, rasches Durchlesen oder gar Querlesen war ihm zuwider. Vorrang hatte bei ihm das Entziffern, die Auseinandersetzung mit kniffligen oder hermetischen Vorlagen – bis hin zum Kreuzworträtsel, dessen Text ja stets durch den „Leser“ in einem Prozess von Erraten und Kombinieren erstellt werden muss.
[…]

Ich weiss nicht, ob A. T. jemals ein Buch von mir gelesen hat. Der Lektüre zog er die Befragung des Autors vor – ich sollte ihm berichten, was ich wie und wozu und für wen geschrieben hatte. Gelegentlich las ich ihm in der Küche ein Gedicht, eine Seite Prosa vor. Meistens hörte er nur halb zu mir her, dabei kritzelte, zeichnete oder notierte er dies und das auf zufällig vorhandenem Papier – auf Briefumschlägen, auf Rechnungen, auf dem Rand von Zeitungen; einige dieser Skizzen, darunter auch mehrere Portraits von mir, habe ich aufbewahrt. Oft fragte er mich nach meinen Lektüren, liess mich Inhalte oder Thesen rekapitulieren. Gern ging ich aber auch auf Gespräche über seine Lieblingsautoren ein, über Alfred Jarry, Raymond Roussel, Francis Ponge und über „sprachverrückte“ Autodidakten wie Jean-Pierre Brisset oder Adolf Wölfli. Ich meinerseits war damals von den sogenannten „Theoriefranzosen“ eingenommen, von „Change“ und „Tel quel“, von Roland Barthes und Michel Foucault, ausserdem – fast mehr noch ‒ von Roman Jakobson, den die Strukturalisten als letzten Überlebenden des russischen Formalismus feierten und durch zahlreiche Publikationen ehrten.

Als Jakobson im Sommer 1982 in hohem Alter starb, empfand ich seinen Tod als das Ende meiner wissenschaftlichen Lernjahre – kein anderer Philologe und Poetologe des Jahrhunderts hatte meine dichterische und literaturkritische Arbeit so stark geprägt wie er. Aus gegebenem Anlass schickte ich A. T. eine Xeroxkopie der weithin bekannten, von Jakobson gemeinsam mit Claude Lévi-Strauss verfassten Analyse eines Sonetts von Charles Baudelaire, dazu eine freundschaftliche Leseempfehlung. Als wir einander bald darauf in Zürich trafen, zog A. T. sogleich die Taschenbuchausgabe von Lévi-Strauss‘ „Das wilde Denken“ aus der Jackentasche und schlug das Kapitel mit dem berühmten Exkurs über die „Bastelei“ in primitiven Gesellschaften auf. Diese Passage, sagte er, sei für ihn „das beste theoretische Stück“, auf das er jemals in einem sekundärliterarischen Buch gestossen sei – was hier auf wenigen Seiten ausgeführt und erklärt werde, stimme genau mit seinem künstlerischen Credo überein. Ich kannte die diesbezüglichen Seiten bei Lévi-Strauss aus meiner Studienzeit in Paris, hatte sie aber nicht als besonders „theoretisch“ im Gedächtnis und hatte sie auch nie mit A. T’s künstlerischer Arbeit in Verbindung gebracht. […]

Felix Philipp Ingold im Ausstellungskatalog „André Thomkins“ (Graphische Sammlung ETH Zürich 2016).