Hölty-Preis für Christoph Meckel

Der zum fünften Mal verliehene Hölty-Preis „für Lyrik der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover“ geht in diesem Jahr an den Dichter und Grafiker Christoph Meckel. Der Preis wird am 15. September um 20 Uhr öffentlich in der Orangerie Herrenhausen in Hannover verliehen. Der Lyriker Uwe Kolbe wird die Laudatio halten.

Der mit 20.000 Euro dotierte „Hölty-Preis für Lyrik“ ist die höchstdotierte Lyrikauszeichnung im deutschsprachigen Raum. Die bedeutende Auszeichnung wird an eine lebende deutschsprachige Lyrikerin beziehungsweise einen Lyriker für ein Gesamtwerk oder eine einzelne Veröffentlichung vergeben.

In der Begründung der Jury für den diesjährigen Preisträger heißt es: „Mit der Auszeichnung wird das in sechs Jahrzehnten entstandene lyrische Lebenswerk Christoph Meckels gewürdigt, das jenseits von allen Trends und Moden des Zeitgeistes inspiriert ist, eine ästhetische Subversion gegen jede Hierarchie und Routine.“

Der Jury gehörten an: Michael Braun (Literaturkritiker), Kathrin Dittmer (Literaturhaus Hannover), Cornelia Jentzsch (Literaturkritikerin), Michael Krüger (Schriftsteller) und Martin Rector (Germanist).

Die Stadt Hannover zu den Hintergründen:

2008 wurden durch die Einrichtung des Hölty-Preises die beiden vorherigen, von der Sparkasse Hannover finanzierten Literatur-Preise – der Gerrit-Engelke-Preis und der Kurt-Morawietz-Preis – abgelöst. (…) Er wird seit 2008 im Zwei-Jahres-Rhythmus gemeinsam von der Landeshauptstadt Hannover und der Sparkasse Hannover verliehen, die Sparkasse unterstützt dabei maßgeblich die Finanzierung. Die Auszeichnung ist für deutschsprachige Autorinnen und Autoren vorgesehen und stellt daher ein Instrument zur Förderung deutschsprachiger Lyrik dar.

Wankerer

Kritiker sagen, dieses Wort gibt es nicht.* Dabei steht es in Wörterbüchern**, wenn man nicht nur das OED konsultiert. Mit dem Reimwort auf „Ankara“ hat der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson den £1.000-Preis für das beste (böste?) Erdoǧan-Schmähgedicht gewonnen. Es ist ein regelkonformer Limerick, eine Form, die im Deutschen trotz mancher Bemühungen nie richtig heimisch wurde:

There was a young fellow from Ankara,
Who was a terrific wankerer.
Till he sowed his wild oats, With the help of a goat,
But he didn’t even stop to thankera.

Soweit britische Verskunst und britischer Humor. Hier (zweiter Absatz) britische Politik:

“Certainly there were better poems,” he wrote on the Spectator website. “For sure there were filthier ones … For myself, I think it a wonderful thing that a British political leader has shown that Britain will not bow before the putative caliph in Ankara.

“Erdoğan may imprison his opponents in Turkey. Chancellor Merkel may imprison Erdoğan’s critics in Germany. But in Britain we still live and breathe free. We need no foreign potentate to tell us what we may think or say. And we need no judge, especially no German judge, to instruct us over what we may find funny.”*** [Hervorhebungen L&Poe]

*) „Can I remind entrants that you cannot just make up words. ‚Wankerer‘ does indeed rhyme with Turkey’s capital. But it is not a word.“ Judge Douglas Murray hier

**) „someone who has been accused**** of wankering“ urban dictionary.com

***) Aber Böhmermann ist immer noch Deutscher.

****) Vielleicht freut es unsere angelsächsischen Freunde zu hören, daß niemand in Deutschland wegen wankering angeklagt wird. 😉

Gestorben

Der amerikanische Liedermacher oder singer/songwriter Guy Clark starb im Alter von 74 Jahren.

Auch wenn der Name des amerikanischen Liedermachers Guy Clark in Europa nie besonders bekannt wurde, die Liste der Kollegen, die Clarks Lieder sangen, lässt bei jedem ein paar Glocken läuten: Emmylou Harris, Johnny Cash, John Denver, Willie Nelson und Kris Kristofferson zum Beispiel. Neidlos wurde er seit den frühen Achtzigern als einer der Besten, wenn nicht gar der Beste seiner Zunft anerkannt. „King of the Texas Troubadours“ hat die „New York Times“ den 1941 im texanischen Monahans Geborenen genannt, ein Etikett, das haften blieb.

Troubadour, dieser Ausdruck zeigt schon, wie wenig der in Deutschland verlegenheitshalber oft gebrauchte Begriff Countrysänger Clark und seinesgleichen fasst. / Stuttgarter Nachrichten

Hammerhai vor der Haustür

Macfarlane und seine über die Erde verstreuten Wanderfreunde sind alle wie dieser Raja Shehadeh. Sie wissen: Man braucht nicht an exotische Orte zu reisen, um berückende Geschehnisse zu entdecken, man findet die Welt vor der Haustür.

Eine ähnliche Auffassung greift auch hierzulande allmählich um sich. So bei der Lyrikerin Sabine Scho, die kürzlich einige Gedichte über das Naturkundemuseum in ihrer Heimatstadt Berlin, genauer: über dort zu sehende Präparate veröffentlicht hat. Eines ihrer mit allen Wassern der künstlerischen Moderne gewaschenen Poeme widmet Scho dem Hammerhai: „what is it like / to be a snarky crackpot / sensationally sick / 360 Grad im Blick / pausenlos pendeln / lorenzinische ampullen / melden impulse, sammeln / elektrische stimuli durch / poren im hammerkopf“. / MICHAEL GIRKE, der Freitag

Alte Wege. Robert Macfarlane , Judith Schalansky (Hg.) Andreas Jandl, Frank Sievers (Übers.), Matthes & Seitz 2016, 400 S., 34 Euro

Does the Arab get sleepy?

Dann blätterte ich so lange, bis ich die Stelle mit dem Dialog gefunden hatte, und fing an zu lesen, eine Szene größter Zärtlichkeit zwischen einem Araber und seiner jüdischen Geliebten, die mit folgenden Worten beginnt:
„It‘s five in the morning, my dear.“
„And does the Arab get sleepy?“ she asked playfully. „As for me, I don‘t want to sleep.“
I said, „Yes. The Arab does get sleepy, and tries to sleep.“
She said, „Go ahead. I‘ll guard your sleep.“

Norbert Gstrein besucht die Gräber von Arafat und Machmud Darwisch, Volltext 1/2016, jetzt online

Not „nature“ but her backyard

few months ago, I began making my way through the complete set of Emily Dickinson’s 1,789 poems. Right from the start, I was struck by how often commonplace plants and animals—robins, bumblebees, dandelions—featured in her poetry. She devoted entire poems to such ubiquitous backyard creatures, describing them in ecstatic, even spiritual language. Whenever she needed a metaphor or a simile, she turned to the garden. When she required a symbol for herself, she chose the wren, clover, or spider. And she seemed to be deeply familiar with the biology of such species. Dickinson has long been classified as one of the great nature poets, but as I explored her work I started to see her as every bit the naturalist.

(…) What I learned is that Dickinson’s single biggest source of inspiration was not “Nature,” that grand abstracted entity supposedly external to human society, but quite simply—and quite literally—her backyard. (…)

In her 1,789 poems she refers to animals nearly 700 times, to plants almost 600 times, and to fungi four times. In her more than 350 references to flowers, the rose is most common (51 mentions) followed by daisies, clover, daffodils, and buttercups. She refers to birds 317 times, favoring the robin (47 mentions), followed by the bobolink, oriole, sparrow, blue jay, and blue bird. Although a few foreign species pop up now and then—the leopard, elephant, rhinoceros—the most frequently referenced creatures by far are the same ones she observed in her backyard every day—the bee, butterfly, and squirrel. But Dickinson’s descriptions of these creatures are entirely unexpected and linguistically innovative, urging the reader to look at the world anew: a hummingbird as a “Route of Evanescence / With a revolving Wheel”; a daffodil “untying her yellow bonnet”; an unseen choir of crickets ceaselessly eking out a “spectral canticle” from the grass.

In fact, an intimate knowledge of gardening and local wildlife is so integral to Dickinson’s work that the subjects and meanings of her poems can be rather opaque to readers who do not draw on similar expertise. / Ferris Jabr, Slate

Die elfte These … Utopisches Nachdenken bei Wolfgang Hilbig

9. Juni 2016 – 19:30

Podiumsgespräch mit Helmut Böttiger und Jayne-Ann Igel

Sind Utopien noch aktuell? Wie ›politisch‹ dürfen Utopien sein? Wie haben Schriftsteller des 20. Jahrhunderts utopische Ideen in ihren Werken verarbeitet? Die Veranstaltungsreihe »Utopien in der modernen Literatur« stellt den Dichter und Schriftsteller Wolfgang Hilbig (1941-2007) in den Mittelpunkt. Seine Erzählung »Die elfte These über Feuerbach« (1992) thematisiert u.a. das »Nachdenken über das Thema Utopie«. Diesem Nachdenken werden sich der Literaturkritiker Helmut Böttiger und die Schriftstellerin Jayne-Ann Igel im Podiumsgespräch annähern und dabei auch Raum für weiteres »Utopisieren« bieten.

Helmut Böttiger, 1956 in Creglingen geboren, studierte Germanistik und arbeitete nach der Promotion als Kulturredakteur in Stuttgart, Frankfurt und Berlin sowie als Literaturkritiker für Deutschlandradio, Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Seit 2002 ist er freier Autor, 2013 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch für sein Werk »Die Gruppe 47«.
Jayne-Ann Igel wurde 1954 in Leipzig geboren. Von ihr erschienen u.a. »Fahrwasser. Eine innere Biografie in Ansätzen« (1991), »Wiederbelebungsversuche« (2001) und »Vor dem Licht/Umtriebe« (2014). Die Schriftstellerin ist seit 2011 Mitherausgeberin der Reihe »Neue Lyrik«.

Eintritt: 4,- /3,- EUR
Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e. V. Gefördert vom Kulturamt der Stadt Leipzig und der Kulturstiftung Sachsen

Leseecke 11

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

11

AS fast as thou shalt wane so fast thou grow'st,
In one of thine, from that which thou departest,
And that fresh bloud which yongly thou bestow'st,
Thou maist call thine, when thou from youth conuertest,
Herein liues wisdome, beauty, and increase,
Without this follie, age, and could decay,
If all were minded so, the times should cease,
And threescoore yeare would make the world away:
Let those whom nature hath not made for store,
Harsh, featurelesse, and rude, barrenly perrish,
Looke whom she best indow'd, she gaue the more;
Which bountious guift thou shouldst in bounty cherrish,
    She caru'd thee for her seale, and ment therby,
    Thou shouldst print more, not let that coppy die.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 wane abnehmen

2 departest übergibst, aufgibst. Hintergrund von 1/2 ist der verbreitete Glaube, daß ein Mann durch Geschlechtsverkehr sein Leben verkürzt (wane).

2, 4 thine dir gehörend / die Deinen. „Das frische Blut, daß du in der Jugend in Gesatlt von Samen verlierst, bleibt das Deine in künftigen Nachkommen“.

3 yongly a) als du jung warst b) mit jugendlicher Kraft bestow a) geben b) Geld anlegen

when thou from youth conuertest wenn du deine Jugend hinter dir gelassen hast

7 so (wie du)

threescoore 60 year bei Shakespeare häufig Plural

9 for store zur Vermehrung. Konnotiert ist store im Sinne von Ressource, Lagerhaus

10 barrenly unfruchtbar

11 (Die Natur gibt dem viel, der schon viel hat. Wer gut ist bekommt auch eher Nachkommen.)

12 bountious großzügig

13 seale Prägestempel, Petschaft

14 coppy das zu kopierende Original. Die lateinische Wurzel copia = Fülle, Überfluß war im 16. Jahrhundert noch präsent.

Deutsche Fassung von Stefan George

Bildschirmfoto 2016-05-18 um 13.54.43

Wie fast immer „gelingt“ es Karl Kraus, alle eigentümlichen Schönheiten des Originals „so allgemein als möglich“ im pseudopoetischen Friede-Freude-Eierkuchen-Klischee seiner pathetischen Genitivformeln abzumurksen. Sein Schlußcouplet:

Als Siegel der Natur soll dir gebühren,
der Schönheit Spur unsterblich fortzuführen.

Shakespeare konkrete, anspielungsreich verzweigte Prädikate, bei denen immer ökonomische und sexuelle Subtexte mitlaufen, gerinnen zu nichtssagenden substantivischen Floskeln: „Siegel der Natur“ (für: die Natur hat dich gut ausgestattet, also benutze deine „Petschaft“ auch), „der Schönheit Spur“ (für: du sollst mehr Nachkommen zeugen, damit dein Blut erhalten bleibt). Liebe Verleger und Vermittler: bitte nicht mehr diesen Pseudo-Shakespeare!* Karl Kraus ist ein verdienstvoller Autor und Sprachkritiker, aber leider ein erbärmlicher Nachdichter.)

*) Nehmt lieber Stefan George und / oder moderne Nachdichtungen.**

**) Aber das tun die nicht. Das unanstrengend Pseudopoetische verkauft sich.

Weg in Nichtpolitisches

Der Standard sprach mit dem polnischen Lyriker Adam Zagajewski. Auszug:

STANDARD: Sie sind Dichter und Essayist. Welcher der beiden Bereiche bedeutet Ihnen mehr

Zagajewski: Fast jeder Autor, der in diesen beiden Bereichen arbeitet, würde wohl sagen: Die Poesie ist wichtiger, sie hat etwas Konzentrierteres, etwas Künstlerisches. Sicher, das Publikum dafür ist klein, aber auch heutzutage bleiben immer noch einige gute Leser. Den Essay sehe ich als eine Erweiterung der Gedichte, man kann da mehr sagen, vielleicht ist es aber auch weniger im künstlerischen Sinn. Es gab viele Lyriker, die auch intensiv Essays geschrieben haben, die zwischen der Passion und der Rationalität einen Ausgleich suchten. –

(…)

STANDARD: Kann man mit Lyrik in einem totalitären System etwas ausrichten?

Zagajewski: Es gab eine Zeit, in der das möglich war, vor allem in den späten 70er-Jahren. Wir lebten damals in einer Gesellschaft, in der das Wort nicht frei war. Das war ein Opfer, aber ein frohes, denn wir haben eine gemeinsame Sprache mit unseren Lesern gehabt. Später habe ich begriffen: Ich kann nicht mein ganzes Leben so schreiben, ich muss einen Weg in Nichtpolitisches finden.

Leseecke 4+

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonett 4 kommentierte Fassung
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

Àxel Sanjosé hat dankenswerterweise mitgelesen und zu Sonett 4 eine Übersetzung angefertigt, die anstrebt, „die semantische dimension ein wenig mehr zu ihrem recht kommen zu lassen und dafür die formalmetrische etwas freier (…) handhabt.“ Er schreibt zu seiner Übersetzung:

wichtig war mir, dass die beiden kongruierenden hauptisotopien zum zuge kommen:

die des kaufmännisch-buchhalterischen mit besonderem fokus auf der treuhänderischen verwaltung: vnthrifty, spend, legacy, bequest, giue (3x) lend (2x), franck, free, nigard, abuse, bountious, largesse, profitles, vserer, summe (2x), traffike, deceaue, Audit, executor

die des gegensatzes von großzügigkeit und geiz, die mit der vorherigen verbunden ist, wobei ein kleines sprachlogisches paradoxon auftaucht: der verschwender (unthrifty) ist zugleich ein geizhals (nigard), was referentiell gesehen kein widerspruch ist, semantisch aber sehr wohl.

die mitschwingende sexuelle lesart bleibt durch »wendest dir selber zu« und »mit dir selber nur verkehr hast« für mein gefühl ausreichend erhalten, auch im original ist sie ja, wenn ich es richtig sehe, eine augenzwinkernde doppeldeutigkeit, die durch die narzisstische grundierung des schönheitsthemas verstärkt wird.

auf der anderen seite habe ich versucht, dem merkmal der gebundenheit rechnung zu tragen. nur eben dass ich mich nicht sklavisch an das ur-schema halte, sondern dieses »freier« übertrage (so, wie sonst die sememe zugunsten des reims »freier« gehandhabt werden). in unserem fall habe ich folgende lösung gefunden: für die fünfhebigen jamben im kreuzreim der drei quartette habe ich eine alternanz von fünf- und sechshebigen jamben mit durchgehender weiblicher kadenz gewählt. das abschließende, für das englische sonett so charakteristische couplet bekommt zwei sechshebige zeilen mit männlicher kadenz, wodurch der paarreim-effekt angedeutet wird. ausgiebig habe ich von tonbeugung bzw. der lizenz zur schwebenden betonung gebrauch gemacht, zum teil, weil es nicht anders ging, immer aber ganz bewusst um das mechanische klappern zu vermeiden.

ansonsten habe ich versucht, möglichst »normale« sprache zu verwenden (sowie mit Vergeuder, schenken leihen, zuwenden, anvertrauen, Vermächtnis, Nachlass, Geizhals, ordentlich, abbeordern, Rechnungsprüfung, Testamentvollstrecker u.ä. etwas nähe zum buchhalterisch-bürokratischen zu schaffen) und mich ansonsten von der dezimononischen diktion mit ihren apostrophheischenden apo- und synkopierungen zu entfernen.

am ende zwei anmerkungen:

1:

man kann es durchaus auch wie sabine scho mit #10 machen (s. http://signaturen-magazin.de/william-shakespeare–sonett-10.html). es ist eine frage des rahmens/diskurses, auf den man sich bezieht. als spitze gegen die immer wieder in ehrfurcht erstarrende (und dadurch hierarchiefördernde) tradition signalisiert sie eine haltung. als konkretes vermittlungsangebot für den leser, der sich (u.u. erstmalig) den sonetten nähert, bleibt die fassung m.u. zu willkürlich. und: shakespeare würde wahrscheinlich rappen.

2:

dies war auch ein selbstversuch. unter meinen spezifischen produktionsumständen knapp eine woche bei hintanstellung aller möglichen anderen dinge, die sich über meine unthriftienes beklagen werden.

IV
 VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
 Vpon thy selfe thy beauties legacy?
 Natures bequest giues nothing but doth lend,
 And being franck she lends to those are free:
 Then beautious nigard why doost thou abuse,
 The bountious largesse giuen thee to giue?
 Profitles vserer why doost thou vse
 So great a summe of summes yet can’st not liue?
 For hauing traffike with thy selfe alone,
 Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
 Then how when nature calls thee to be gone,
 What acceptable Audit can’st thou leaue?
      Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
      Which vsed liues th’executor to be.
Was bist du, Liebreiz, fürn Vergeuder: wendest
dir selber zu all das Vermächtnis deiner Schönheit!
Als Nachlass schenkt Natur nichts, sondern leiht bloß,
großherzig leiht sie denen, die großzügig handeln.
Wenns so ist, schöner Geizhals, was missbrauchst du
die reiche Fülle, anvertraut zum Weitergeben?
Du Wucherer ohne Profit, was brauchst du
Unsummen auf und kannst davon ja doch nicht leben?
Indem du mit dir selber nur Verkehr hast,
betrügst dein Selbst du um dein eignes Selbst, dein schönes;
wie willst du, wenn Natur dich abbeordert,
die Rechnungsprüfung halbwegs ordentlich bestehen?
    Die ungebrauchte Schönheit geht mit dir ins Grab,
    gebraucht lebt sie als Testamentsvollstrecker fort.

Alternativ:

Veruntreuender Liebreiz, warum wendest
du selbst dir zu all das Vermächtnis ...

<»veruntreuen« gefällt mir ob der verbindung zur kaufmännischen welt gut, es geht aber dann der »sparsam/unsparsam//geizig/freigiebig«-komplex verloren>

Freigeist

Er war ein Freigeist, dessen Sprache im deutschen Theorietheater der späten sechziger Jahre sofort auffiel. Der Hanser-Verleger Michael Krüger erzählt, wie er Lars Gustafsson ins Herz schloss und nie mehr losliess. Neue Zürcher Zeitung 17.5.

Buchtempel

Auf einer Anhöhe über der Hauptstadt Erewan thront majestätisch das Matenadaran, ein tempelartiges Archiv mit integriertem Forschungszentrum und Museum, das rund 16 000 armenische Manuskripte beherbergt und mit einem reichen Zusatzbestand an persischen, arabischen und hebräischen Dokumenten eine der weltweit grössten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften bildet.

Die Vorläufer dieser 1957 eröffneten Einrichtung gehen bis ins 5. Jahrhundert zurück, denn die ersten Bücherspeicher entstanden zusammen mit der armenischen Schrift. Seit 405 n. Chr. verfügt das kleine südkaukasische Land über ein eigenes Alphabet. Ursprünglich für die Niederschrift der Bibel geschaffen, stieg das Armenische bald in die Riege der rege benutzten Schriftsprachen auf und diente nicht mehr nur der Übermittlung heiliger Geschichten, sondern der Verbreitung des gesamten damaligen Wissens. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Persischen, Griechischen oder Syrischen spiegeln im Museum folglich die mittelalterlichen Vermittlungswege und Kenntnisstände unterschiedlichster Disziplinen und Kulturen. «Einige unserer Übersetzungen sind von unschätzbarem Wert, weil die Ursprungstexte verloren und die armenischen Manuskripte die einzigen Zeugen ihrer Existenz sind», erläutert Vahan Ter-Ghevondyan, der uns ausgewählte Perlen des Matenadaran vorführt. (…) Immer wieder ist Armenien im Verlauf der Jahrhunderte verwüstet und geteilt worden, und allein während des Genozids von 1915 sind laut Schätzungen an die 30 000 Manuskripte verloren gegangen. / Claudia Mäder, NZZ 28.4.

Nach dem Ende der Sowjetunion ist die „Lesekultur“ zusammengebrochen. Kein Wunder: bei einem durchschnittlichen Einkommen von 300 Dollar haben die Preise der Bücher westeuropäisches Niveau.

Jugendlyrik

Fluch des Berühmtseins: irgendwann werden auch die peinlichsten Jugendwerke ausgegraben. So geschieht es jetzt Patrick White, dem einzigen australischen Nobelpreisträger (1912-1990). Die australische Nationalbibliothek erwarb ein Exemplar seines ersten Büchleins, „Thirteen poems“, das die stolze Mama des 15-, 16jährigen drucken ließ. Kein Meilenstein der Literatur, aber ein wertvolles Sammelstück. / The Canberra Times

Rumäniendeutscher Expressionismus

Der Tisch musste für andere Blätter geräumt, die Dissertation verschoben werden. Dann hieß es in der Familie: „Er trägt den Expressionismus wieder in den Keller“.

(…) Eine Strömung mit ihren literarischen Ablegern, das heißt in diesem Fall mit Qualität beanspruchenden Siebenbürger, Bukowiner, Bukarester und Banater Texten. Sie werden vom Herausgeber zum ersten Mal mit dieser gereiften Informiertheit, Textverlässlichkeit, Objektivität im ergänzenden ­Nebeneinander und Miteinander einer Strömungsgemeinschaft als das Ergebnis eines ­Kulturtransfers vorgestellt. (…)

Alphabetisch reicht die Skala der 18 Lyrik-Autoren von der positiv kaum bekannten Helene Burmaz-Buchholzer bis zum begabten und selbstbewussten Heinrich Zillich. Der älteste in der Runde ist Adolf Meschendörfer mit dem Prosagedicht „Wallfahrt nach Polen“, von dem Markel feststellt, „dass es der erste expressionistische Text rumäniendeutscher Literatur überhaupt“ sei. International bekannt geworden ist Meschendörfer in der Zeit des Nachexpressionismus durch eine vergleichende Untersuchung der Farbwerte in der Lyrik des Expressionisten Georg Trakl. An der Spitze der rund hundert für diese Anthologie ausgewählten Gedichte stehen jene von Alfred Margul-Sperber und Oscar Walter Cisek. Der jüngste Lyriker der Anthologie ist der Bukowiner, in New York verstorbene Dagobert Runes. / Horst Schuller, Siebenbürgische Zeitung

In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Herausgegeben von Michael Markel. Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München im Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2015, Band 130, 280 Seiten, 34,95 Euro, ISBN 978-3-7917-2653-3

Himmelsfund

Die Forscher Manfred Cuntz vom Levent Gurdemir Department of Physics, University of Texas at Arlington und Martin George vom National Astronomical Research Institute of Thailand haben mit Hilfe der Astronomiesoftware Starry Night und weiterer Software einen Beitrag zur Datierung des berühmten „Pleiaden“-Fragments der Dichterin Sappho geleistet. Sie untersuchten ausgehend vom wahrscheinlichen Jahr ihres Todes, 570 v.u.Z., und unter der Annahme, daß sie in Mytilene lebte, den Zeitpunkt im Jahreslauf, an dem die Pleiaden vor Mitternacht untergehen, wie das Gedicht sagt. Im Jahre 570 v.u.Z. war das frühestens am 25. Januar und spätestens am 6. April der Fall. Das bestätigt die Vermutung früherer Forschung, daß das Gedicht im späten Winter oder zeitigen Frühjahr entstand. (Die Daten für die vorangegangenen 20 Jahre verschieben sich nur geringfügig).

Bericht bei arstechnica.com

Der Aufsatz im Journal of Astronomical History and Heritage, 19(1), 18–24 (2016)

„Mitternachtsgedicht“ (Fragment 168B Voigt, Wharton 52, Cox 48, Diehl (1936) 94 im Original und mehreren englischen und deutschen Fassungen:

ἐδυκε μὲν ἀ σελάννα
καὶ πληΐαδες μέσαι δε
νύκτες, πα ὰ δ‘ ἔ χετ‘ ὤ α,
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω

deduke men a selanna,
kai Pleiades, meso de
nuktis, para d’erkat‘ ora,
ego de mona ketaudo

The Moon hath left the sky;
Lost is the Pleiads‘ light;
It is midnight
And time slips by;
But on my couch alone I lie.

(Symonds, 1873–1876)

The moon has set,
and the Pleiades;
it is midnight,
the time is going by,
and I sleep alone.

(Wharton, 1887: 68).

The silver moon is set;
The Pleiades are gone;
Half the long night is spent, and yet
I lie alone.

(Merivale, 1838: 226).

Moon has set
and Pleiades: middle
night, the hour goes by,
alone I lie.

(Anne Carson, 2002)

Untergegangen sind der Mond
Und die Plejaden. Es ist Mitternacht,
Die Stunden vergehen.
Ich aber schlafe allein.

(von Schirnding, 2013)

Es versank die Mondgöttin,
und auch die Pleiaden; es ist Mitte
der Nacht; es vergeht die Zeit,
und ich schlafe allein.

(Bagordo, 2009)