POLIVERSALE 2016

4. Internationales Wiener Lyrik-Fest der Alten Schmiede

Die Eröffnung / Die Veranstaltungen der ersten Woche

 

Geschätzte Freundinnen und Freunde der Dichtkunst,

Am nächsten Dienstag, dem 31. Mai, eröffnet das diesjährige Lyrik-Fest POLIVERSALE und wir möchten Sie gerne auf die Lesungen der ersten von fünf Wochen internationaler Dichtung aufmerksam machen und Ihnen die fünf Dichterinnen und Dichter der ersten zwei Lesungsabende in der Alten Schmiede kurz vorstellen:

Zwei der bekanntesten Dichter ihres Sprachraums, die in Venedig und Mailand lebende italienische Dichterin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Anna Maria Carpi und der schottische Poet und Verleger Robin Robertson, eröffnen am 31.5. um 19 Uhr das Festival mit zweisprachigen Lesungen. Mit ihren jüngst erschienenen Gedichtband-Kompilationen Entweder bin ich unsterblich und Am Robbenkap (beide Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) ist ihr Werk erstmals im deutschen Sprachraum präsent. Anna Maria Carpis Dichtung besticht durch ihre hochkonzentrierte Alltäglichkeit, in der die existenziellen Lebensfragen umso entwaffnender zutage treten. Robin Robertsons Gedichte wiederum wirken wie Still-Leben auf dem Grat zwischen Leben und Tod, deren elementare Spannung nicht zuletzt aus der Genauigkeit in der Benennung herrührt. Zwei existenzielle Setzungen von Poesie also, voll sprachlicher Strahlkraft und schneidender Präzision illusionsloser Lebenserkenntnis.    

Am Donnerstag, dem 2. Juni, 19 Uhr, gehen drei Dichter gleichsam mit, in und durch Gedichte auf Reisen. Dem Hamburger Dichter und Übersetzer Matthias Göritz gelingt es in Tools (Berlin Verlag, 2011), verschiedene dichterische Genres – Erzählung, »Melodram«, So- nett(-Kranz) – miteinander zu verquicken und in seinem Zyklus Automobile ein Diebes- und Liebespaar durch verschiedene Städte Europas zu begleiten. Der unorthodoxe Schweizer Reiseautor Peter K. Wehrli vergegenwärtigt in Kapverdischer Dezember (Scaneg Verlag, 2014) die abgelegene Welt der Kapverdischen Inseln mit tastender Offenheit und einem sensiblen Bewusstsein, das nicht zuletzt die Anderen, die Inselbewohner, ja geradezu die Inseln selbst sprechen lässt. Und der Wiener Dichter, Kinderbuchautor und Liedermacher Gerald Jatzek entfaltet in den Gedichten von Die Lieder riechen nach Thymian (Berger Verlag, 2014) ein in der Zeitspanne von vier Jahrzehnten ausgeformtes Städte-Panorama zwischen Europa und Übersee, in dem sich ein waches politisches Bewusstsein in surreal-treffende Bilder transformiert.

Lassen Sie sich von den vielschichtigen sprachlichen Ausdruckskünsten unserer Gäste, den Schönheiten, der wachen Entdeckungslust und der Empfindungskraft ihrer Gedichte begeistern. Wir werden uns über Ihren Besuch und den Widerhall, den Sie damit unseren Gästen mit ihren Werken gewähren, aufrichtig freuen. 

Herzlich grüßen Sie in diesem für die Dichtkunst ganz eingenommenen Sinne

Michael Hammerschmid, Kurt Neumann, Daniel Terkl und das Team der Alten Schmiede

Besuchen Sie unsere Homepage für das vollständige Programm und nähere Informationen zu den insgesamt 19 Abenden Poesie zwischen 31.5.–5.7.2016.

Alte Schmiede – Kunstverein Wien
1010 Wien, Schönlaterngasse 9

Leseecke 13

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

13

O That you were your selfe, but loue you are
No longer yours, then you your selfe here liue,
Against this cumming end you should prepare,
And your sweet semblance to some other giue.
So should that beauty which you hold in lease
Find no determination, then you were
You selfe again after your selfes decease,
When your sweet issue your sweet forme should beare.
Who lets so faire a house fall to decay,
Which husbandry in honour might vphold,
Against the stormy gusts of winters day
And barren rage of deaths eternall cold?
    O none but vnthrifts, deare my loue you know,
    You had a Father, let your Son say so.

Einige Anmerkungen zum Text:

your selfe yourself im Erstdruck immer in 2 Wörtern. Hier möglicherweise mit Emphase „dein (wahres) Selbst“. Dies ist das erste Sonett, das als Anrede „you“ statt „thou“ benutzt, was möglicherweise intimer als das schon als „poetisch“ empfundene „thou“ wirkte. but loue you are but, love, you are (hier zum ersten Mal in den Sonetten „love“ als Anredeform benutzt)

semblance Gestalt

6 determination Ablauf, Ziel, Ende; in der juristischen Sprache der Terminus für ein Ende des „lease“, Leihens

7 You selfe vgl. zu V.1 – andere Ausgaben haben yourself. decease Tod 

8 issue Nachkommen(schaft)

10 husbandry Haushalten

13 vnthrifts Verschwender

 

 

Deutsche Fassung von Ludwig Fulda (1913)

13

Sieben hoch fünf

Die Société des gens de lettres verleiht ihm am 21. Juni in Paris ihren Preis für sein Gesamtwerk. Der Dichter, Romanautor und Essayist Michel Butor, der in den 50er Jahren einer der Autoren des Nouveau Roman war, stellt im Schloß Angers bis 29. August das Projekt Ruines d’avenir (Ruinen der Zukunft) vor. Die Ausstellung basiert auf einem Gedicht Butors über den monumentalen mittelalterlichen Wandteppich zur Apokalypse im Schloß von Angers. Sie besteht aus sieben Künstlerbüchern von Butor und seinen Künstlerfreunden Bernard Alligand, Patricia Erbelding, Bertrand Dorny, Anne Walker, Maxime Godard und Gérard Eppelé in einer Auflage von 2×7 Stück. Das Gedicht oder der Gedichtessay Butors interpretiert die Sendschreiben an die sieben Gemeinden aus der Apokalypse (Johannesevangelium). Es besteht aus sieben Kapiteln von je sieben Strophen mit sieben Versen à sieben Silben. Ein Katalog präsentiert den Text im Faksimile zusammen mit bildnerischen Kommentaren.

Heimrad-Bäcker-Preise

Wie Der Standard mitteilt, gehen die Heimrad-Bäcker-Literaturpreise 2016 an Anja Utler (€ 8000) und Dagmara Kraus (Förderpreis € 3500). Ein erstmals vergebener „neue texte“-Essaypreis geht an Sebastian Kiefer. Die Verleihung findet am 7. Juni in Linz statt.

Friedrich Achleitner 86

Hier eine Sendung von 2015*

Wer von dem Menschen Friedrich Achleitner spricht, muss erst erklären, welchen Achleitner er meint. Den Dialektdichter der Bohème Wiens der Nachkriegszeit und das Mitglied der Wiener Gruppe um H. C. Artmann, Gerhard Rühm und Co; den literarischen Kabarettisten, den radikalen Kleinschreiber und konkreten Poeten; oder den Architekten, den Architekturkritiker und -historiker. / ORF

Mehr

*) verflixter Fehlerteufel

Falsche Dichotomie

„Verkauft oder, anderes Wort, möglicherweise gelesen, wird, was im Distinktionswettbewerb gewinnt.“

Mit dieser ernüchternden These eröffnete der Heidelberger Literaturkritiker Florian Kessler die Berliner Diskussion über die „Richtige Literatur im Falschen“. Kessler, der dem literarischen Nachwuchs einst denkfaule Angepasstheit und ödes Erfolgsstreben vorwarf, ist heute selbst Lektor beim Münchner Hanser-Verlag. Jeder will eben Chef sein in dieser Superioritäts-Industrie des Literaturmarktes, so Kessler. Bleibt die Frage, ob Literatur überhaupt noch eine Daseinsberechtigung abseits des Markterfolges hat. Ohne Zweifel, betonte Kesslers Gegenrednerin, die Lyrikerin Ann Cotten:

„Weil eben diese Dichotomie gepflegt wird. Einerseits die Arbeit aus Liebe, ist nichts wert, ist einfach läppisch. Und die Arbeit, die bezahlt wird, die ist richtige Arbeit, nur weil einer im Sakko am Schreibtisch sitzt und Scheiße schreibt. Das ist eine falsche Dichotomie!“ / Cornelius Wüllenkemper über [den ersten Tag der] Berliner Tagung „Richtige Literatur im Falschen“, DLF

Schreibmaschinenkunst

Das präzise, melodiöse Klack-klack der Hebel und Arme, welche die Typen und Buchstaben konzentrisch zu Papier brachten, formte Buchstaben zu Worten, Sätzen und Seiten. Ob Richard Kostelanetz eingedenk dieses komödiantischen Lobliedes zu Werke ging, als er die Kunstsparte Typewriter-Art erfand, ist nicht überliefert. Fest steht, dass er (und viele Mitstreiter) mit ihrer Kunst der analogen Welt ein Denkmal gesetzt haben. Er definierte „concrete poetry“ als Poesie „aus verbildlichten Wörtern oder in Worten gefassten Bildern“. Alles klar? In Wahrheit sind es Bilder, die mithilfe von Schreibmaschinen entstanden. / Gregor Auenhammer, Der Standard

Marvin und Ruth Sackner, „Schreib/Maschinen/Kunst“. € 69,90 / 352 Seiten, Sieveking Verlag 2016. (Jedes Cover ist ein Unikat.)

Der goldene Fisch

„Der goldene Fisch“ ist ein Lyrik- und Kurztexteblog, der vor über zehn Jahren von acht Schriftstellerinnen und Schriftstellern spontan ins Leben gerufen wurde, aus dem Antrieb heraus, im Internet unabhängig, zeitnah, unkompliziert und nicht zuletzt qualitativ hochwertig zu publizieren. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach kümmert sich um eine langzeitige Bewahrung der Fülle an kulturellen Perlen, die sich mit der Zeit anhäuften: „In Tagen des Schweigens spricht der digitale Fisch aus den Tiefen seiner Archive“, so Andreas Louis Seyerlein, der durch das dichtmaschige Programm führt. / drehpunktkultur.at

Beteiligte Autoren:

  • Hartmut Abendschein,
  • Christoph W. Bauer,
  • Mirko Bonné,
  • Carolin Callies,
  • Andreas Drescher,
  • Karin Fellner,
  • Claudia Gabler,
  • Sylvia Geist,
  • Mathias Jeschke,
  • Christine Kappe,
  • Björn Kiehne,
  • Gerald Koll,
  • Thorsten Krämer,
  • Norbert Lange,
  • Christine Langer,
  • Sünje Lewejohann,
  • Christian Lorenz Müller,
  • Fernando Offermann,
  • Martin Piekar,
  • Oliver Platz,
  • Kerstin Preiwuß,
  • Hendrik Rost,
  • Tobias Schoofs,
  • Andreas Louis Seyerlein,
  • Markus Stegmann,
  • Hans Thill,
  • Nikolai Vogel,
  • Carsten Zimmermann,
  • Martin Zingg

 

Gestorben

Der Priester-Dichter Jean Bégarie, der unter dem Namen Georges Saint-Clair veröffentlichte, starb am 20.5. im Alter von 95 Jahren. Für sein literarisches Werk wurde er mit dem Preis der Französischen Akademie geehrt, verbunden mit der Veröffentlichung seines Gesamtwerks. Von dem Preisgeld –100.000 Francs – gab er ein paar Tausend für die Bände der Bibliothèque de la Pléiade aus, vom Rest kaufte er Geschenke für seine Freunde. / La Croix

Noch eine

Ich habe Leonard Cohen nicht kennengelernt, bin aber neben ihm hergeschwommen, eine Stunde lang im Breach Candy Club in Bombay, jeder für sich, Bahn um Bahn in einem Becken, dessen Konturen den Außengrenzen Indiens nachgebildet sind. Wir blickten uns einmal an, er nickte mir nicht zu, er erwiderte nicht mein Lächeln.

Später erfuhr ich, sein Guru sei in Bombay zu Hause. Er schwamm mit langen, ruhigen Zügen. Das Gleiten ausgedehnt. Den Kopf aufrecht, wie ein schwarzer Schwan. Kann man sich Leonard Cohen als Krauler vorstellen? Kaum. Eher Mick Jagger oder Freddie Mercury.

100 Meter Brust. Der Olympiasieger: 0:58:46. Ich: 2:01. 200 Meter Brust. Der Olympiasieger: 2:07,28. Ich: 4:36. / Ilija Trojanow, Die Welt

Anekdote

Auf seiner Flucht vor der Polizei begegnet Toller Rilke, der in dieser Zeit in München lebt: „Ich bin sehr betrübt, bei mir sind Sie nicht sicher, zweimal schon wurde mein Haus durchsucht. Sie hatten meine Wohnung unter den Schutz der Räterepublik gestellt, ich vergaß den Anschlag zu entfernen, das wurde mir zum Verhängnis.“
Rilke wird aus München ausgewiesen, Toller kommt vor Gericht und wird von Hugo Haase verteidigt. In seinem Plädoyer formuliert der Anwalt:

Es ist ein Nonsens, dass die Regierung, die selbst durch eine Revolution zur Herrschaft gekommen ist, diejenigen als Hochverräter ins Zuchthaus oder gar aufs Schafott schickt, die nichts anderes tun, als sie selbst getan hat. / Jan Kuhlbrodt: Dichter in der Münchner Räterepublik: Ernst Toller, Signaturen

Auswärtsspiel

Witzige Unterhaltung bot vor allem der jüngste der drei Teilnehmer, der Lyriker Tristan Marquardt, mit seinen knappen und geistreichen, meist hintersinnig-philosophischenWortspielen und Aphorismen. Oft standen dabei technische Aspekte im Mittelpunkt. Kostprobe gefällig? „Ist ein voll aufgeladener Akku eigentlich schwerer als ein leerer“; „Wann hört ein neues Dokument eigentlich auf ein neues Dokument zu sein? Wenn man es abspeichert“; „Ein Haus – die erste Person Plural von Zimmer.“; „Ferne – das ist Nähe, erwachsen geworden.“ Marquardt las auch streckenweise mit seiner befreundeten Kollegin Ricarda Kiel, teilweise experimentierten die beiden mit künstlerischen Bearbeitungen von Twitter-Beiträgen und Auszügen aus Internet-Blogs. Dass mag dann mitunter experimenteller und für eher konservative Freunde der Dichtkunst gewöhnungsbedürftiger sein als etwa die klassischen Text-Präsentationen bei „Goethes Schlittschuh“ … / Donaukurier über eine Lesung in Pfaffenhofen

Poetopie

erschrick nicht über dich auf dem Selfie – ist ja nur ein Foto

Hansjürgen Bulkowski

Friederike Kempner, Genie der unfreiwilligen Komik?

Die Dichterin Friederike Kempner wird als „schlesischer Schwan“ und „Genie der unfreiwilligen Komik“ verlacht. Nicht zu unrecht. Allzu groß ihr Vertrauen in die göttliche Poesie

Die Poesie, die Poesie,
die Poesie hat immer recht.
Sie ist von höherer Natur,
von übermenschlichem Geschlecht.

Und kränkt ihr sie, und drückt ihr sie,
sie schimpfet nie, sie grollet nie,
sie legt sich in das grüne Moos,
beklagend ihr poetisch Los!

allzu hemmungslos bedient sie sich durch langen Gebrauch abgenutzter Bilder und Reime:

Es ist mir so federleicht um’s Herz,
Versunken ist der wilde Schmerz,
Und wenn’s mir so im Innern glüht,
Sing‘ ich euch bald ein neues Lied

allzu bedenkenlos vergreift sie sich an der Grammatik

Gott im Himmel, sei gnädig,
Schütze dieses Dorf!
Schütze diese grünen Auen,
Diesen Moor und Torf.

hier ein e wegsensend

setzt eine Cigarett‘ in Brand

oder eine ganze Silbe

Großer Gott, du hast willfahret
Meinem still‘ Gebet

dort ein e zufügend

Süßes Kindchen, Menschenräupchen,
Mach‘ kein bitterbös Gesicht,
Und verbitt’re drum das Leben
Deinen Mite-Raupen nicht.

oder gleiche ganze Silben: aus -ti

Antisemitismus,
Aufgewühltes Meer,
Neueste Influenza,
Dauerst mich gar sehr

wird schnell mal ti-ti

Anti-ti-semiten,
Höret meinen Rat,
Heilet eure Leber,
Gehet nach Karlsbad!

damit Metrum und Reim(-dich-oder-ich-freß-dich) passen.

Aber taten das nicht viele, zumal im 19. Jahrhundert, zumal in der Gründerzeit? Gibts nicht Myriaden schlechte Verse, Klischee, Pathos, unfreiwillige Komik? Welche der folgenden Verse sind von Friederike Kempner? Zählen Sie mit!

1

Die Schlange

Sie stürzt mit furchtbarer Stimme
Auf ihren Raub sich los,
Vertilgt in einem Grimme
Den Reiter und sein Roß.

2

Napoleon

Die Welt hat nichts mit Großem mehr zu schaffen;
Denn ringt sich auch einmal ein Löwe los,
Er wird zum Tiger unter so viel Affen.

3

Und mußt du denn, trotz Kraft und Mut,
An jedem Dorn dich ritzen,
So hüt dich nur, mit deinem Blut
Die Rosen zu bespritzen.

4

Der Urwald

Sie standen auf und schauten
Hinaus und hörten zu,
Wie rings der Urwald summte
Im großen Land Peru.

5

Der Reim

Nicht wenigem, was man schreibt mit Schwung,
gibt erst der Reim Daseinsberechtigung.

6

Kepler

Du sahest herrliche Gesichte
In finstrer Nacht
Ein ganzes Blatt der Weltgeschichte
Du hast es vollgemacht.

7

Indisches

Im Gebüsch gestreckt
Ruhet Hindu faul,
Gift’ge Schlange leckt
Gierig sich das Maul.

Nimmt erst Anlauf dann
Springt auf Hindu ein,
Schlägt dem armen Mann
Giftzahn ins Gebein.

Hindu fliehen will –
Glieder sind verkrampft –
Bet’t zu Buddha still
Und verscheidet sanft.

Wieviele Kempner haben Sie gefunden? Ergebnis unterm Strich

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Hochhuths Reime

Zu seinem 85. Geburtstag erschien im Rowohlt Verlag Das Grundbuch mit „365 Sieben- bis Zwölfzeilern“ – sozusagen für jeden Tag des Jahres ein Gedicht. Oder wenn man so will: Ein lyrisches Tagebuch für den Zeitraum eines Jahres. Wollte Hochhuth, wie der Buchtitel zunächst vermuten lässt, etwas Grundsätzliches schaffen, etwas Bleibendes, ein persönliches Register? Bereits im Vorwort weist der Autor diesen Verdacht von sich: „Auf Erden gibt es überhaupt nichts Ewiges, einfach deshalb nicht, weil jede Generation mit anderen Augen urteilt; meist aburteilt, was die vorhergehende geleistet hat.“ / Manfred Orlick, literaturkritik.de

Besonders angetan haben es mir Hochhuths Reime:

„Annes Tagebuch wird den deutschen Staat, eine vergleichbare Untat / nicht bekannt –, wird sogar unser Volk überleben! / Unsühnbar: Der Weltgeist kann uns Auschwitzern nie vergeben.“

„Nicht wenigem, was man schreibt mit Schwung, / gibt erst der Reim Daseinsberechtigung.“

(Erstaunlicherweise enthält sich der Rezensent so gut wie jeglichen Urteils. Zum Geburtstag nur Gutes?)

Rolf Hochhuth: Das Grundbuch. 365 Sieben- bis Zwölfzeiler.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016.
240 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783498030278