Leseecke 9

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

9

IS it for feare to wet a widdowes eye,
That thou consum'st thy selfe in single life?
Ah; if thou issulesse shalt hap to die,
The world will waile thee like a makelesse wife,
The world wilbe thy widdow and still weepe,
That thou no forme of thee hast left behind,
When euery priuat widdow well may keepe,
By childrens eyes, her husbands shape in minde:
Looke what an vnthrift in the world doth spend
Shifts but his place, for still the world inioyes it
But beauties waste hath in the world an end,
And kept vnvsde the vser so destroyes it:
     No loue toward others in that bosome sits
     That on himselfe such murdrous shame commits.

Einige Anmerkungen zum Text:

issulesse kinderlos if thou shalt hap wenn es dir passieren sollte

4 makelesse a) unvergleichlich b) alleinstehend

5 wilbe will be

priuat private (von lat. privus = einzeln, individuell)

8 by by means of

9 vnthrift Verschwender

12 vnvsde unused (auch: nicht investiert; der user ist mit usury verwandt!) der user, der die Schönheit nicht einsetzt / investiert / verschwendet, zerstört sie

14 murdrous shame wieder mit Anspielung auf Selbstliebe, Masturbation

(Eine deutsche Entsprechung wird nachgereicht)

Hier „meine“ Version. Ich habe sie, einen Vorschlag von Felix Philipp Ingold aufgreifend, reimlos aber metrisch kompiliert aus: Dorothea Tieck, Stefan George, Max Wolff, Ludwig Fulda und Günter Plessow. Ich habe nur die Großschreibung vereinheitlicht. Verständlicher als die „ganze“ Übersetzung von Karl Kraus ist sie allemal. (Der unreine Reim 12/14 war nicht geplant, aber akzeptiert als Markierung des Gedichtschlusses.)

Verweinte Witwenaugen fürchtest du,
Wenn einzeln du verzehrest deinen Leib?
O! wirst Du kinderlos zur Grube fahren
So wär die Welt das Weib, das um dich klagt.

Die ganze Welt als Witwe weint um dich,
Dass nach dir keine Form mehr auf dich weist ·
Da andre Wittwen täglich tröstend sehn
Des Gatten Bild bewahrt in ihren Kindern!

Sieh, was auf Erden Leichtsinn auch vertut,
Tauscht nur den Platz, bringt stets der Welt Gewinn;
Doch hat der Schönheit Nutzung hier ein Ende:
Denn der sie nicht genutzt, hat sie zerstört.

Nicht Nächstenliebe wohnt im Herzen dessen,
Der mit sich selbst so mörderisch verfährt.

Hebeldank

Der Dichter und Schriftsteller José F. A. Oliver hat den diesjährigen Hebeldank erhalten. Oliver, als Kind andalusischer Eltern 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren, schreibt auf Hochdeutsch, Alemannisch und Spanisch und wurde auch von Hebel inspiriert. Beim Schatzkästlein des Hebelbundes, in dessen Rahmen der Hebeldank verliehen wurde, sprach der Freiburger Professor Achim Aurnhammer über Hebels Gespenstergeschichten im Kontext der Aufklärung. (…)

(…) Mit dem geschärften Sinn des Dreisprachigen höre der Lyriker dem Klang der Wörter nach und setzt sie neu zusammen, sagte Habermaier. So wird aus dem Schwarzwald „waldSchwarz!“ und aus ihm „1 alphabet der hölzer und rindenw:orte“. Dadurch ergeben sich mehrfache Bedeutungen seiner Gedichte und Essays, die als Bücher unter anderem bei Suhrkamp verlegt sind. Olivers Schreiben sei ohne die Fülle der europäischen Literaturen und Kulturen undenkbar und oft befrage er dabei sein Dasein als Kind spanischer Eltern in einer alemannisch und nicht zuletzt von der alemannischen Fasnet geprägten Umwelt sowie als Kenner der hochsprachlichen Literatur, sagte Habermaier.

José F. A. Oliver erwiderte, er sei in mehrfacher Hinsicht gerührt, zumal ihm die Berührung mit der alemannischen Sprache immer sehr wichtig war. In Hausach, wo er aufwuchs, sprachen im ersten Stock die Vermieter alemannisch, im zweiten Stock die Eltern andalusisch. Im ersten Stock war „der Mond“ männlich, im zweiten „la luna“ weiblich. „Ich verstand nicht, wie sich in ein paar Treppenstufen das Geschlecht änderte“, sagte er. So erwachte sein Interesse an der Sprache und am Kreieren eigener Worte. Und als er dann Gedichte von Hebel geschenkt bekam, setzte er sich an einen Waldrand und schrieb eigene alemannische Gedichte und beschloss, Dichter zu werden. / Thomas Loisl Mink, Badener Zeitung 9.5.

Wettbewerb

C. Callies: Der Schwerpunkt der Zeitschrift POET heißt in dieser Ausgabe »Wettbewerb«. Empfinden Sie Literaturpreise als Wettbewerb? Den sogenannten »Literaturbetrieb« als solchen?

C. Setz: Man wird in gewisser Weise dazu erzogen, den Betrieb als Wettbewerb zu sehen, als Kampf um begrenzte Ressourcen (= Interesse und Kaufkraft von Lesern). Und eine Weile kann man davon auch erfüllt werden.

C. Callies:: Und um den Wettbewerbscharakter zu durchbrechen: Gäbe es eine Autorin, einen Autor, dem Sie sofort einen Preis verleihen würden?

C. Setz: Christian Kracht, Marjana Gaponenko, Judith Schalansky, Tao Lin, Michel Faber.

/ Carolin Callies sprach mit Clemens Setz für Poet

Lyrikpreis Meran für Konstantin Ames

Die Jury des Lyrikpreises Meran (Urs Allemann, Dichter, Zürich; Thorsten Ahrend, Lektor, Wallstein Verlag, Göttingen; Ulrike Draesner, Schriftstellerin, Berlin; Konstanze Fliedl, Literaturwissenschafterin, Wien; Paul Jandl, Literaturjournalist, Berlin) hat die drei Preisträger bekannt gegeben.

Den Lyrikpreis Meran der Südtiroler Landesregierung (8.000 Euro) erhält Konstantin Ames. Der Alfred-Gruber-Preis (Stiftung Südtiroler Sparkasse, 3.500 Euro) geht an Markus R. Weber. Mit dem Medienpreis der RAI Südtirol (2.500 Euro) wird Mikael Vogel ausgezeichnet.

Den Meraner Lyrikpreis 2016 erhält Konstantin Ames mit der Begründung:

Zwischen Echternach, Sils Maria und Venedig, zwischen Wolf Biermann, Novalis und Rilke bewegen sich die Gedichte von Konstantin Ames. Nie aber werden sie heimisch in der Formensprache von Pathos und Betulichkeit.

Was Konstantin Ames macht, ist ein poetischer Zugriff auf die Welt, der ihre sinnlichen Qualitäten nicht unterschlagen will, der das Unmittelbare der Rede laut werden lässt, der poltert und sanft sein kann, dort wo es wichtig ist.

Es sind poetologische Gedichte und auch Gedichte über eine Heimat namens Deutschland. Konstantin Ames schreibt Elegien, die nicht elegisch sind, und die Triebkraft seiner Trauer ist der Witz.

Den Preis der Stiftung Südtiroler Sparkasse erhält Markus R. Weber mit der Begründung.

Bei aller Luzidität behält er viele Momente der Rätselhaftigkeit. In seiner spannungsgeladenen Vieldeutigkeit beweist er die Wandlungskraft eines Gedichts: Aus dem Vorsprachlichen, aus dem Sprachfehler, aus dem Redeabbruch kreiert er Poesie.

Den Medienpreis RAI Südtirol erhält Mikael Vogel mit der Begründung:

Mit dem Medienpreis der RAI Südtirol wird Mikael Vogel gewürdigt für seinen konzentrierten Gedichtzyklus über das Aussterben von Tierarten vom Beutelwolf bis zum Bengalgeier.

Vogel operiert mit der Form von Lexikoneinträgen, die er zugleich anzitiert wie in beeindruckender Diskretion übersteigt; Eindringlichkeit entsteht so durch äußerste Sachlichkeit. Ursachen und Bedingungen Aussterbens werden ohne moralisierende Verkleinerungen vorgetragen, und doch bzw. gerade dadurch markiert Mikael Vogel scharf und höchst differenziert die Verantwortlichkeit des Menschen.

In seine Epitaphen sowie den eingesprengten Zeitkapseln verschränkt der Autor Natur- sowie Kulturgeschichte in ihrer wechselseitigen Bedingtheit.

(…) Die Jury hatte neun Finalisten nominiert: Konstantin Ames (1979, Berlin), Helwig Brunner (1967, Graz), Carolin Callies (1980, Mannheim), Kenah Kusanith (1979, Berlin), Thilo Krause (1977, Zürich), Rainer Stolz (1966, Berlin), Asmus Trautsch (1976, Berlin), Mikael Vogel (1975, Berlin) und Markus R. Weber (1975, Berlin).

(…) / Tageszeitung

Poetopie

du kannst dich vergessen – alles, was du bist, läuft inzwischen 4.0 von selbst

Hansjürgen Bulkowski

Die Lyrik ist am freiesten

salto.bz schreibt über den Lyrikpreis Meran:

Marion Oberhofer: Das deutschsprachige Gedicht steht im Mittelpunkt der literarischen Veranstaltung Lyrikpreis Meran. Die Ausschreibung richtet sich an den ganzen deutschsprachigen Raum. Wie ist das Prozedere bei der Auswahl der Finalist_innen?

Christine Vescoli: Wir haben 2015 insgesamt an die zwei- bis dreihundert Einsendungen bekommen. Jene, die die Bedingungen erfüllten werden an die Vorjury weitergeleitet. Die Vorjury (Ralph Klever, Theresia Prammer und Monika Rinck) haben die 9 Finalist_innen mit 43 anderen Dichter_innen in eine engere Auswahl genommen und von der Jury sind diese dann anonym für das Finale ausgewählt worden. Die Auswahl ist absolut anonym.

In Südtirol ist der Meraner Lyrikpreis mittlerweile eine Institution. Welcher Stellenwert wird ihm im deutschsprachigen Raum außerhalb des Landes beigemessen?

C.V.: Der Lyrikpreis Meran hat eine ziemlich herausragende Bedeutung gewonnen, sicherlich auch weil er mit einem Preisgeld von 8.000 € für den ersten Platz sehr gut dotiert ist. Wenn jemand den Lyrikpreis Meran im Curriculum vorweisen kann – so bestätigen es uns die Sieger, wie auch letztes Jahr Thomas Kunst – nehmen die Einladungen oder Anfragen deutlich zu.

Lyrik gilt oft als elitär. Als Kunstform genießt sie wenig mediale Aufmerksamkeit und auch die Leserschaft ist im Vergleich zu anderen Literaturgattungen begrenzt.

C.V.: Lyrik ist ein kleines Segment in der literarischen Produktion. Als elitär würde ich sie nicht bezeichnen. (…) Generell räumen die Feuilletons aber der Literatur immer weniger Platz ein und der Lyrik eben noch weniger. Das ist sicherlich auch eine Marktfrage. Kunst hat heutzutage einen Kapitalwert, die Lyrik aber nicht.

Das hat durchaus auch etwas widerständiges…

C.V.: Die Lyrik ist am freiesten. Sie ist vielleicht die anarchischste unter den Künsten und behauptet das auch sehr trotzig.

Lyrik bietet auch die Möglichkeit das Fremde, die Andersartigkeit der Sprache zu entdecken.

(…) [Am 7.5.] Um 18.00 Uhr werden im Pavillon de Fleurs/Kurhaus die Sieger prämiert.

Inzwischen pfeifen die Spatzen von den SozNetz-Dächern eine Siegerliste; warten wir die offizielle Mitteilung ab. Lyrikzeitung & Poetry News

Mons Jahrhundertwerk

Dass literarische Texte nicht nur aus Wörtern und ihrer Bedeutung bestehen, sondern auch eine akustische Struktur haben, belegte er schon in „artikulationen“, seinem ersten wichtigen Buch über die Verbindung von Schrift, Bild und Stimme aus dem Jahr 1959.

Dieser Dreiklang bestimmt sein gesamtes Schaffen und fasziniert Mon bis heute: Nicht nur der Klang, auch die Schrift verändere ein Gedicht, sagt er im Gespräch: „Legen Sie nur einmal zwei Goethe-Gedichte aus verschiedenen Büchern nebeneinander. Ob es in der schlichten Futura oder der gewölbten Bodoni gedruckt ist, führt zu einem völlig anderen Text.“ Auch der gerade von Michael Lentz bei S.Fischer herausgegebene Band mit Texten und Essays Franz Mons aus der Zeit von 1956 bis in die Gegenwart ist in skripturale, visuelle und akustische Phasen dreigeteilt. Von einem „Jahrhundertwerk“, das weit über den programmatischen Horizont konkreter Poesie hinausreiche, sprach der Schriftsteller Michael Lentz schon anlässlich des 2013 von ihm herausgegebenen Mon-Lesebuchs „Zuflucht bei Fliegen“. / Sandra Kegel, FAZ

Radikal ist sein Denken komplexer Sachverhalte, für die er Formulierungen von prägnanter Schönheit findet: „Das Unwahrscheinliche ist das Wahrscheinliche“, „das Uneindeutige ist das Konkrete“, „das Konkrete ist das, an das nicht gedacht wird“. In solchen pointierten Paradoxien ist Mons Poetologie in nuce enthalten. / Michael Lentz, Süddeutsche Zeitung

Franz Mon bei lyrikline

Petrarka’s 63stes Sonett nach Laura’s Tode

Johann Gottlieb Fichte

„Petrarka’s 63stes Sonett nach Laura’s Tode“

Sie tritt mir vor’s Gemüth (vielmehr ist drinne,
Daß Lethe nicht vermag sie wegzuheben)
Wie von den Strahlen ihres Sterns umgeben,
Im Lenz des Lebens sie trat vor die Sinne;

Des ersten Blickes ich ein Bild gewinne,
So sittig, treu, gesammelt, gottergeben,
Daß ich „sie ist’s“ mir sage, „ist am Leben“
Und Frag‘ an sie und hold Gespräch beginne.

Bald giebt sie Antwort, schweigt auch wohl; dann, siehe,
Wie halb erwacht im Traum, den Irrthum webte,
Sag‘ ich meinem Gemüth: du bist im Fehle,

Tausend, dreihundert, acht und vierzig, frühe
Ein Uhr, den sechsten des April, entschwebte
Dem süßen Leibe ja die sel’ge Seele.

Zwar ist Johann Gottlieb Fichte für seine rhetorische Brillanz in seinen Reden und Vorlesungen bekannt, aber keineswegs für eine besondere Affinität zur Literatur. Allerdings hatte er während seiner Zeit in Jena nicht nur mit Goethe und Schiller Umgang, – über den Romantikerkreis um die Brüder Schlegel machte er sich mit der romantisch-romanischen Urform des Sonetts vertraut. In dieser im Jahr 1808 in Ferdinand von Schenkendorfs Sammlung „Studien“ gedruckten Übersetzung hält sich Fichte denn auch weitgehend an die von August Wilhelm Schlegel vorgegebenen Regeln: Die Quartette kommen, was im Deutschen eine große Schwierigkeit ist, mit nur zwei Reimen aus, und die Terzette folgen der Maßgabe ebenso wie die ausschließlich klingenden Kadenzen der fünfhebigen Jamben, die nur im Schlussvers des ersten Terzetts ins Holpern kommen. / Mathias Meyer in der Frankfurter Anthologie

Franz Mon 90

Der in Frankfurt am Main lebende Dichter, Künstler und Essayist Franz Mon feiert am 6. Mai seinen 90. Geburtstag. Wir gratulieren!

schreibt hundertvierzehn.de und stellt zur Feier des Tags Mons Kommentar zu seinem Text „Perkussion“ online.

L&Poe gratuliert herzlich!
L&Poe gratuliert herzlich!

Zwei Stimmen

Dieter Gräf über die Lyrikszene (heute bei Facebook)

Das ist irgendwie wahr und irgendwie Käse. Das Image der Lyrik hat sich positiv verändert, insbesondere wenn man „jung“ addiert. Man denkt nun an eine fluffige Szene, gut besuchte Festivals, an eine sympathische Variante des prekären Lifestyle. Vormals verband man das eher mit Schulunterricht, Schwere, Unverständlichem, Einzelgängertum, einem absterbenden Ast über dem Boden möglicher Peinlichkeiten. Ob ein Imagewandel den „Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur“ stark beeinflusst? Da habe ich Zweifel und auch, ob die Stimmen außerhalb der Community stärker wahrnehmbar wurden. Jandl konnte immerhin große Säle füllen, auch Erich Fried. Enzensberger, Rühmkorf, Sarah Kirsch, Domin, Gernhardt, Brinkmann, Volker Braun, Mayröcker, was immer man im Einzelnen von ihnen halten mag, beschäftigten Leser über Jahrzehnte, das gilt auch für Thomas Kling. Dass es mehr Verlage gäbe, die Lyrik „produzieren“, bestreite ich. Das Eis ist sehr dünn, will man einigermaßen dauerhaft und auch außerhalb einer Community wahrgenommen werden. Ich finde es verblüffend, wie lose das Verhältnis von Image und Realien ist.

Zu dieser Meldung:

Der Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Lyrik geniesst mehr Aufmerksamkeit, es gibt mehr Verlage, die Lyrik produzieren, und sie ist an Literaturfestivals präsenter – auch an den Solothurner Literaturtagen.
SRF.CH

Jan Kuhlbrodt über Kritik (heute bei Postpoetry)

Der Witz ist, dass eine mehrheitlich konservative Produzentenschar auf eine mehrheitlich konservative Leserschaft trifft. Die Kritik soll dann zwischen beiden vermitteln. Das übersteigt ihr Vermögen, weil das Unverständnis auf beiden Seiten strukturell ist. Konservativismus auf Seiten der Leserschaft heißt, dass man nach Strukturen und Effekten sucht, die sich in der Überlieferung bereits ereignet haben. Oder in der  Vorstellung dessen, was man mit Überlieferung bezeichnet. Sie vergisst dabei, dass Schreiben wie (Dante, Benn, Goethe … die Ikonen sind beliebig austauschbar) zu nix führt, ausser einer sofort sichtbaren Albernheit. Sie vergisst dabei aber auch, dass sich die Wirkmacht des Ikonischen nicht unmittelbar im Moment ihrer Produktion eingestellt hat, sondern im Rezeptionsprozess über die Zeit, zuweilen über Jahrhunderte mit Phasen des Vergessens, Wiederentdeckens und erneuten Vergessens, erst entwickelte oder entfaltete. Vom Kritiker zu verlangen, er solle diese künftige Wirkung unmittelbar erkennen, ist doch zu viel verlangt. Er kann aber Potenziale aufspüren. Zeiteinschlüsse. Er kann mutmaßen.

Geschichte der Kiêu

Eine zweisprachige vietnamesisch-deutsche Version der  „Truyên Kiêu“ (Geschichte der Kiêu), Hauptwerk des großen Dichters Nguyen Du (1765-1820), wurde am 1. Mai in Berlin vorgestellt.

Die von Truong Hong Quang herausgegebene Ausgabe mit der Übersetzung von Irene und Franz Faber wurde finanziert vom Verband vietnamesischer Unternehmer in Deutschland.

Das vor 200 Jahren geschriebene Buch sei zum Symbol der vietnamesischen Sprache und Literatur geworden, unterstrich Dr. Truong Hong Quang.

Die deutsche Version war bereits 1964 und 1980 publiziert worden. Um es übersetzen zu können, habe das Übersetzerehepaar sieben Jahre dem Lernen der vietnamesischen Sprache, der Recherche und der Erforschung von Sinn und Geist dieses Versromans gewidmet.

Das „Truyên Kiêu“ oder „Kim Vân Kiêu“ ist ein Roman in 3254 Versen in der traditionellen Versform Lục-bát (6- bis 8-Füßer). Es erzählt vom Leben, den Prüfungen und Mißgeschicken von Thuy Kiêu, einer schönen und begabten jungen Frau, die ihre Liebe und ihr Leben opferte, um ihre Familie zu retten. Es gilt als das wichtigste Werk der vietnamesischen Literatur.

Der Dichter Nguyên Du, auch bekannt unter den Namen Tô Nhu und Thanh Hiên, wurde 2003 von der UNESCO als einer von 108 bedeutenden Persönlichkeiten der Weltkultur anerkannt. / vietnamplus.vn 

In L&Poe

Wiederkehr des Autors

Aus einem Essay von Felix Philipp Ingold, Volltext 3/2015

Längst vorbei sind die asketischen Zeiten auktorialer Selbstentmächtigung und Anonymisierung, da das Hauptinteresse den Texten galt und die Bücher auch äußerlich – durch sparsame typografische Umschlaggestaltung – primär in ihrer Qualität als Schriftwerke präsentiert wurden. Vorbei die autoritäts- und traditionsfeindliche Auffassung von Literatur als Experiment, als ludistische Kombinatorik oder auch – auf der Gegenseite – als reine Faktografie („Arbeiterliteratur“, „Industriereportage“, Sozialrapport“ u. ä. m.), eine Auffassung, die für den Autor bloß noch die Rolle eines Berichterstatters oder dann eben eines Arrangeurs, gern auch eines „Bastlers“, eines „Handwerkers“ vorsah.

Programmatisch elitäres und programmatisch populäres Literaturverständnis treffen sich in der gemeinsamen Abwertung traditioneller Autorschaft und der Ablösung des Urhebers durch den Macher (als textbezogener Formalist) oder den engagierten Zeitzeugen (als weltbezogener Dokumentalist) – in beiden Fällen unterwirft sich der Autor freiwillig der Eigengesetzlichkeit seines Materials und seiner Technik, verzichtet auf werkherrschaftliche Autorität und damit auch auf die Ambition, persönliche Erfahrungen und Überzeugungen zum Gegenstand schöner Literatur zu machen.

Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass Autoren, die auf solche Weise ihr „Verschwinden“ betreiben, nicht anonym oder unter Pseudonym publizieren, sondern durchwegs den eigenen Namen verwenden, um damit eben doch ihren Anspruch auf Originalität und Unverwechselbarkeit zu behaupten. Das trifft – um nur zwei gegensätzliche Einzelfälle zu nennen – auf den Wortakrobaten Oskar Pastior und den Betriebsreporter Günter Wallraff gleichermaßen zu: Beide können und wollen aufgrund ihrer jeweiligen Schreibverfahren nicht als individuelle „Schöpfer“ ihrer Werke gelten.

War das Bild des Autors als Privatperson in den 1960er-, 1970er-Jahren kaum noch von Interesse, so hat es heute integralen Anteil am Werk. Vordergründig wird dies dadurch signalisiert, dass Schriftsteller – und mehr noch Schriftstellerinnen – ihr Image in der Werbung immer häufiger und immer spektakulärer zur Geltung bringen: Offenkundig stehen sie lieber vor dem Werk als hinter ihm, und selbstverständlich wissen sie, dass ein „Star“, ein „Überflieger“, ein „Fräuleinwunder“ besser zu vermarkten ist als ein Textangebot, dessen Qualitäten sich naturgemäß nicht visualisieren, sondern einzig über kritische Lektüre erschließen lassen. Das Feuilleton bestätigt diesen Sachverhalt durch die großzügige Bebilderung von Rezensionen, die dem Konterfei des Autors oft ebenso viel, wenn nicht mehr Platz einräumen als dem Besprechungstext.

Bloß gelesen zu werden, genügt nicht mehr, scheint heute auch gar nicht wirklich relevant zu sein für die Fundierung einer literarischen Existenz, derweil es unabdingbar darauf ankommt, gesehen, gehört und solcherart „erlebt“ zu werden. „Hautnah“, „zum Anfassen“, „im Gespräch“ bieten sich die meisten Autoren noch so gern an – durch ihre Realpräsenz machen sie Literatur tatsächlich zum „Erlebnis“ und ermöglichen damit, in der konkreten Wortbedeutung, einen Akt des „Begreifens“.

Statt Romanen, Erzählungen, Gedichten liest man, metonymisch, die Literaten selbst – den neuen Kehlmann, die neue Lewitscharoff, den Büchnerpreisträger Goetz: Das Image des Literaten steht im Vordergrund, das Werk bildet lediglich den Kontext dazu und hält die Zitate bereit, die das Image bestätigen.

Die Wiederkehr des Autors als Person bringt – von Ausnahmen stets abgesehen – einen neuen Realismus zur Geltung, der in erster Linie der Aufrichtigkeit verpflichtet ist und seine Rechtfertigung im subjektiven „Erleben“ des Schreibenden findet. Aus eigener Erfahrung, eigenem Leid, eigenem „Schicksal“ (oder auch bloß aus eigener Beobachtung fremder „Schicksale“) wird der Stoff  für literarische Gestaltung heute gemeinhin gewonnen.

Gen­schels Refe­renz­flä­chen

Zu den Refe­renz­flä­chen von Mara Gen­schel etwas klu­ges oder auch nur halb­wegs ver­nünf­ti­ges zu schrei­ben fällt mir sehr schwer. Des­we­gen hier nur so viel: Auch die fünfte Aus­gabe hat mich (wie­der) fas­zi­niert. Sie beginnt – etwas über­ra­schend – zunächst fast mir einer rich­ti­gen Story: Der Zer­stö­rung (die an Pierre Bou­lez’ Auf­for­de­rung, die Opern­häu­ser in die Luft zu spren­gen, erin­nert) des Wies­ba­de­ner Lite­ra­tur­hau­ses Villa Cle­men­tine. Aber das, was zer­stört wird, ist natür­lich wie­der nur der Text der Villa Cle­men­tine. Bil­der wer­den zu Tex­ten: ein mit Tesa­film ein­ge­kleb­ter Zet­tel „Tür­knauf“ reprä­sen­tiert im Bild­rah­men die Reprä­sen­ta­tion des reprä­sen­ta­ti­ven Bau­werks der reprä­sen­ta­ti­ven Kunst (oder so ähn­lich). Die­ses Spiel mit den Ebenen von Text und außer­text­li­cher Welt, die Auf­he­bung der tra­di­tio­nel­len strik­ten Unter­schei­dung die­ser Signi­fi­ka­ti­ons­be­rei­che ist ja das, was mir an Gen­schels Refe­renz­flä­chen so viel Freude berei­tet. Und das funk­tio­niert auch hier wie­der: Der Text ist Text ist Wirk­lich­keit, ist aber schon als Text nicht mehr nur Text, son­dern auch Bild und Mon­tage (ein­ge­klebte und ein­ge­schrie­bene Texte), ist aber auch als Text schon zer­stört durch Über­schrei­bun­gen, ver­rutschte Zei­len und Durch­strei­chun­gen etc. Und er wird in sei­ner Mate­ria­li­tät ad absur­dum geführt (?), wenn leere Sei­ten einen Rah­men erhal­ten, auf dem ein ein­ge­kleb­tes „Blatt 3“ die Leere reprä­sen­tiert und natür­lich zugleich wie­der zer­stört. In die­sem ewi­gen sic-et-non, die­sem ver­spiel­ten hier-und-da muss man wohl den Raum der Refe­renz­flä­che sehen und schät­zen. / Matthias Mader

Mara Gen­schel: Refe­renz­flä­che #5. 2016

Versopolis

Sie waren in Sachen Hausacher »Leselenz« in Slowenien und haben von dort gute Neuigkeiten mitgebracht? 
José F. A. Oliver: Ja, der Hausacher »Leselenz« ist eine Kooperation mit 14 europäischen Literaturfestivals eingegangen. Die Fäden laufen in Ljubljana zusammen. Das EU-Projekt heißt »Versopolis«, auf Deutsch in etwa »Stadt oder gar Land der Verse«. Durch diese Kooperation wird der »Leselenz« noch internationaler und bekommt zum ersten Mal auch Gelder von der EU. Die Finanzen werden in der slowenischen Hauptstadt verwaltet. Ich war dort, um über organisatorische Details zu sprechen. Wir laden nun jedes Jahr bis zu fünf Dichterinnen und Dichter aus dem europäischen Ausland ein. 2016 kommen diese aus Schweden, Frankreich, Polen. Das ist eine feine Sache. Ihre Lesungen sind dann in Hausach jeweils zweisprachig. / Baden online

Leseecke 8

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen* mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

8

MVsick to heare, why hear'st thou musick sadly,
Sweets with sweets warre not, ioy delights in ioy:
Why lou'st thou that which thou receaust not gladly,
Or else receau'st with pleasure thine annoy?
If the true concord of well tuned sounds,
By vnions married do offend thine eare,
They do but sweetly chide thee, who confounds
In singlenesse the parts that thou should'st beare:
Marke how one string sweet husband to an other,
Strikes each in each by mutuall ordering;
Resembling sier, and child, and happy mother,
Who all in one, one pleasing note do sing:
    Whose speechlesse song being many, seeming one,
    Sings this to thee thou single wilt proue none.

Einige Anmerkungen zum Text:

MVsick to heare a) when there is music to hear b) you, who are music to listen to

2 warre to war kämpfen

lou’st lovest receaust receivest (hörst, empfängst)

annoy Ärger (ennui)

true concord perfekte Harmonie tunèd (zweisilbig)

vnions married verheiratete Einheiten, also diese Harmonien (Musik /Ehe)

sweetly chide sanft tadeln confounds zunichtemacht 

in singlenesse a) vernichtest durch dein Singlesein b) indem du deine Stimme dem Wohlklang entziehst parts entsprechend dem Doppelsinn a) musikalische Stimmen b) Rollen als Ehemann und Vater

9 nach string (Saite) ist ein Komma zu denken

10 mutuall ordering die Saiten der Laute werden auf einen Ton gestimmt, um harmonisch zu klingen

11 sier sire (Vater) – so wie Vater Kind und Mutter denselben Ton „singen“

14 thou … none in Anführungsstrichen zu denken als musikalische Mahnung an dich

 

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Musik, wie hörst du sie mit trüben Blicken?
Kämpft Süß mit Süß? Freut sich nicht Lust der Lust?
Wie liebst du das, was doch nicht kann beglücken?
Und drückst den Schmerz mit Freud‘ an deine Brust?

Kann wohlgestimmter Saiten Harmonie,
Vermählt im Dreiklang, nicht dein Ohr ergötzen?
Nein, denn den Einzeln steh’nden schelten sie,
Der so den Ton des Ganzen darf verletzen.

Merk‘, wie die Saiten zart vermählet sind,
Durch Wechselwirkung in einander klingen,
Wie Vater, Mutter und das holde Kind,
Die, eins in Lieb‘, ein süßes Lied nur singen.

Wortloser Sang von Vielen scheint nur Einer,
Und spricht zu dir: Du Einzelner wirst Keiner.