NRW 2016
Wettbewerb 2016 für Lyrikerinnen und Lyriker sowie Nachwuchsautorinnen und -autoren aus Nordrhein-Westfalen
Die Gesellschaft für Literatur in NRW sowie der Verband deutscher Schriftsteller (VS NRW) loben 2016, unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen (MFKJKS), zum siebten Mal den Wettbewerb „postpoetry.NRW“ aus. Gefördert werden soll mit diesem Wettbewerb die Lyrikszene des Landes und besonders die Zusammenarbeit von erfahrenen Lyrikerinnen und Lyrikern mit Nachwuchsautorinnen und -autoren.
Bewerben können sich bis zum 15. August 2016
sowie
Langgedichte sind nicht zugelassen. Die Texte sollten auf einem Postkartenformat Platz finden können.
Eine Wiederbewerbung von Preisträgerinnen und Preisträgern der vergangenen Jahre ist erst nach drei Jahren erneut möglich.
Preise werden vergeben in der Kategorie
Lyrikerinnen und Lyriker des Landes Nordrhein-Westfalen:
Mit der Auswahl eines Gedichtes verbindet sich
und in der Kategorie
Nachwuchsautorinnen und -autoren aus Nordrhein-Westfalen
aus gegebenem Anlaß mußte ich mich zu einer eingreifenden Maßnahme entschließen. Seit über 15 Jahren betreibe ich die Lyrikzeitung & Poetry News fast täglich mit nur einigen Tagen Ausfall pro Jahr. Damit muß ich nun für etwa vier Wochen aussetzen. Bis Ende Juni erscheint die Lyrikzeitung quasi als Wochenendzeitung. Frische Nachrichten und ein Digest ausgewählter Lyriknachrichten der Woche erscheinen bis dahin nur zwischen Freitagnacht und Sonntagnacht. An den Wochentagen werde ich mich anders beschäftigen, ein Editionsprojekt muß dringend fertig werden.
Vielleicht suchen Sie in der Zwischenzeit in den über 12.000 archivierten Beiträgen, die man auf verschiedenen Wegen erreichen kann.
a) die Schlagwortwolke hier am rechten Rand
b) die Liste der Kategorien (Länder und Sprachen) hier links
c) ganz unten auf der Seite ist ein Monatskalender zum vor-/zurückklicken
d) das Suchfenster zur Volltextsuche
e) unter dem Button Archiv gibt es weitere Optionen
Was ist ein gutes Gedicht? In den 50er Jahren schrieb Brecht: „Weder politische noch geschmackliche Urteile können gebildet werden nur an Gutem. (…) Wo bleibt der ‚Trompeter an der Katzbach‘ als Beispiel von Chauvinismus?“
Julius Mosen
Der Trompeter an der Katzbach
Von Wunden ganz bedecket
Der Trompeter sterbend ruht,
An der Katzbach hingestrecket,
Der Brust entströmt das Blut.

Brennt auch die Todeswunde,
Doch sterben kann er nicht,
Bis neue Siegeskunde
Zu seinen Ohren bricht.
Und wie er schmerzlich ringet
In Todesängsten bang,
Zu ihm herüberdringet
Ein wohlbekannter Klang.
Das hebt ihn von der Erde,
Er streckt sich starr und wild –
Dort sitzt er auf dem Pferde
Als wie ein steinern Bild.
Und die Trompete schmettert, –
Fest hält sie seine Hand –
Und wie ein Donner wettert
Victoria in das Land.
Victoria – so klang es,
Victoria – überall,
Victoria – so drang es
Hervor mit Donnerschall.
Doch als es ausgeklungen,
Die Trompete setzt er ab;
Das Herz ist ihm zersprungen,
Vom Roß stürzt er herab.
Um ihn herum im Kreise
Hielt’s ganze Regiment,
Der Feldmarschall sprach leise:
»Das heißt ein selig End‘!«
Zweifellos ein Beispiel von chauvinistischem Kitsch. Wie soll man Kunst von Kitsch unterscheiden lernen, wenn Kitsch nur im „Poosie“ der Freundinnen vorkommt? Wie soll man lernen, daß Sprüche von den von Storchs, den Gaulands Chauvinismus sind, wenn man keine Beispiele in der Schule diskutieren konnte? Chauvinismus, sagt der Duden, ist a) aggressiv übersteigerter Nationalismus [militaristischer Prägung] verbunden mit Nichtachtung anderer Nationalitäten, b) auf übertriebenem Selbstwertgefühl beruhende Grundhaltung von Männern, die bewirkt, dass Frauen geringer geachtet werden, gesellschaftliche Nachteile erleiden: männlicher C.
© Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].
Chauvisprüche und chauvinistische Losungen in unkorrektem Deutsch in die Lesebücher!
Hat Friederike Kempner Kitsch verfaßt? Offensichtlich ja. Liefert sie Beispiele für Chauvinismus? Kaum. Zu groß ihre Begeisterung für das Gute und Edle. Es gibt auch antichauvinistischen Kitsch.
Friederike Kempner wird als „schlesischer Schwan“ und „Genie der unfreiwilligen Komik“ verlacht. Die Kritik an ihr ist nicht frei von Chauvinismus, zum Beispiel wenn (männliche) „Kritiker“ von „Menstruationslyrik“ sprechen. Ist diese Ballade Kitsch oder Kunst?
Friederike Kempner
Die Tscherkessen
Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.
Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!
Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.
Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!
Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.
Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!
Nächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.
In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:
Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!
Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
»Wie den‘ auch zu Mute?« –
Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.
Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.
Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.
»Wir Cirkassien’s freie Söhne
»In der Sklaven-Ferne
»Hörten rühmend eure Freiheit,
»Dienten Freien gerne!
»Durch des höchsten Gottes Fügung
»Nun auf freier Erde,
»Flehen wir zum freien Preußen,
»Daß uns Hilfe werde!
»Dreimal vier und zwanzig Stunden
»Ohne Rast geflohen,
»Bieten wir uns, uns’re Schwerter
»Euch an voll Vertrauen!
»Dreimal vier und zwanzig Stunden
»Ohne Rast geritten,
»Wir um edle, große, deutsche
»Gastlichkeit nun bitten! – «
Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.
Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.
Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.
Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.
Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.
Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!
Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:
Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:
Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!
Der „poetisch“ verkürzte Teilsatz „Wie sie nur im Traume!“ in der ersten Strophe ist einerseits dem Reim geschuldet (Reiter, also Pferde, also Zaum, also Traum. Denkbar wäre auch gewesen Pferde – Zügel – Flügel), andererseits die triviale Aussage „sie waren traumhaft schön“, die unfreiwillig entwertet wird, weil solche Schönheit angeblich „nur im Traume“ existiert. Die Verkürzung in der vierten Strophe
Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
mag berechtigt und vielleicht sogar poetisch kühn, also stark sein, weil Kenntnisse über Pferderassen dahinter stehen. Es gibt nicht mehr Buchstabenauslassungen als durchschnittlich im 19. Jahrhundert bei jedermann: Brück‘ und Wasser, russ’sche Salve und so. Es gibt einen identischen Reim (Kopfe / Kopfe – das nahmen und nehmen die Kunstrichter übel) und ein paar gequetschte: Behörde – Erde, sprühen – ziehen. Im Schlesischen ein reiner Reim. Auch Goethe und Schiller reimen (unbewußt?) nach der Mundart ihrer Herkunft. Vor allem aber: geflohen – vertrauen. Das ist echter Kempner, ein Markenzeichen. Wir finden das komisch.
Amerika hatte es besser. Ihre Zeitgenossin Emily Dickinson reimt in einem einzigen Gedicht, ich zitiere sämtliche (Halb-)Reimpaare aus Gedicht #337: times – seems, rooms – comes, mold – world, things – wings, remained – mourned, go – do, fall – hill, sea – thee, know – go. Ja, sie wurde nicht gedruckt, die Kunstrichter kreideten es ihr an. Trotzdem gehörte ihr die Zukunft und sie wird heute auf allen Kontinenten gelesen. (Über Kempners Reimtechnik vielleicht an anderer Stelle mehr.)
Die Bilanz unserer Fehlersuche ist mager. Zwei mundartliche Reime, ein kühner Halbreim, ein identischer Reim, paar Elisionen, zwei kühne grammatische Konstruktionen… das soll alles sein? Bei Dutzenden heute noch in Auswahl gelesenen Dichtern des 19. Jahrhunderts finden sich mehr Schnitzer, zu schweigen von den tausend vergessenen. Was soll an dieser Dichterin besonders sein, daß wir sie heute noch lesen, sogar „Sämtliche Gedichte“ drucken und sie negativ als „Genie“ hervorheben? (Ich sehe, aus einem Artikel muß eine Serie werden! Gerechtigkeit für Kempner! 😉 )
Aber kommen wir zum wichtigsten an der Ballade, das ist, wie jeder Schüler weiß, der epische Stoff in dramatischer Behandlung. Der Stoff ist eine echte Anekdote (an-ekdotos, nicht herausgegeben). Was wissen wir über tscherkessische Geschichte? Wenn deutsche Politiker darüber nachdenken, ob es ein ukrainisches Volk eigentlich gibt, was sollen sie über die Tscherkessen sagen? Müssen sie nicht, es gibt kein Land namens Tscherkessien. Ich greife drei Nachschlagewerke aus dem Regal. Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte (DDR 1966): Zwischen Tschesme, Schlacht und Tschetniks: nichts. (Auch die zweibändige Ausgabe von 1973 schweigt.) Der 1300-Seiten-Klopper „Weltgeschichte in Daten“ (DDR 1973): Ah da. Zwischen Tscheradynastie (Indien) und Tschermissen (Rußland) findet sich Tscherkassy. Allerdings nur im 2. Weltkrieg:
24.Jan.-17.Febr. [1944] In der Operation von Korsun-Schewtschenkowski kesseln Truppen der 1. und 2. Ukrainischen Ft. bei Tscherkassy etwa 10 faschistische Div. ein und vernichten sie.
Aber hat Tscherkassy überhaupt mit den Tscherkessen zu tun? Weder die deutsche noch die englische Wikipedia verraten es mir. Beide sagen, daß es eine Stadt im Zentrum der Ukraine ist, beide erwähnen ihre Rolle im 2. Weltkrieg und daß sie ein Zentrum der Kosaken war. Die deutsche erwähnt noch, daß sie beim Bau der Erdgastrasse „Freundschaft“ „Sitz der Baudirektion für den Abschnitt von Krementschuk bis Bar (war), der von der DDR übernommen wurde.“
Ukrainische und russische Wiki sind sich darin einig, daß die Herkunft und Etymologie des Namens bis heute ungeklärt sind und manche ihn von den Tscherkessen ableiten, was andere bestreiten. Also Fehlanzeige. Tscherkessen gibt es nicht.
Ich versuche es unter „Rußland“ und finde den Verweis auf „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. Dort auf drei Spalten zwischen diversen Untereinträgen wie: Atomkraftwerk, Kiewer Rus, Komutsch, Rußland und Wolgakolonien: kein Tscherkessien. Aber es gibt einen Eintrag Kolonialpolitik mit vier Verweisen, ich prüfe: 1. expansionistische Kolonialpolitik Rußlands seit dem 16. Jahrhundert gegen China, 2. 1904/05 Korea: durch den verlorenen Krieg gegen Japan Zurückdrängen der russischen Konkurrenz, 3. 19. Jahrhundert Rußland besetzt Alaska und einen Teil der Westküste Nordamerikas und versucht vergeblich Ansiedlung auf Hawai 4. russ. Entdeckungsreisen im Nordpazifik. Kaukasus, Sibirien, „Noworossija“: null Treffer. Tscherkessen gibt es nicht, nicht einmal als Opfer von Kolonialpolitik.
Gegenprobe im „Großen Ploetz“. Zwischen Tscheka, Tschernenko, Tschernobyl und Tschetniks: Tscherkessen njet. Auf über 2000 Seiten: kein Platz für das Kaukasusvolk (zumindest keine Erwähnung im 180 Seiten starken Register. Deutschland Ost und West sind nicht interessiert.
Ich prüfe noch die wenigen ausländischen Quellen in meiner Bibliothek. Die aus dem russischen übersetzte „Geschichte der Sowjetunion“ von 1960 enthält einen Eintrag „Tscherkessisches autonomes Gebiet“. Inhalt: Auf der VI. Tagung des Obersten Sowjets im Februar 1957 wurde „die Wiederherstellung der nationalen Autonomie der Balkaren, Tschetschenen, Inguschen, Kalmücken und der Karatschaier“ beschlossen. „In Übereinstimmung damit wurde die Tschetscheno-Inguschische ASSR innerhalb der RSFSR wiederhergestellt, das Autonome Gebiet der Kalmücken innerhalb der RSFSR gebildet, die Kabardinische ASSR in die Kabardino-Balkarische ASSR und das Tscherkessische Autonome Gebiet in das Autonome Gebiet der Karatschaier und Tscherkessen umgebildet.“ (a.a.O.S. 751) Nun sagt der gesunde Menschenverstand, daß man nur wiederherstellen kann, was zuvor negiert wurde. Aber darüber kein Wort. Die Tscherkessen, erfahre ich, sind ein Volk, das nirgendwoher kommt und nirgendhin geht, aber von der sowjetischen Nationalitätenpolitik gut betreut wird.
Noch ein Versuch mit einer englischen Quelle. Dorling Kindersleys „Chronologie der Weltgeschichte“ von 2007 ist die Übersetzung eines englischen Titels. Hier gibt es kein Register, nur ein über 200 Seiten starkes „Lexikon“ im Anhang. Aber auch hier zwischen Abbas I. und Zypern kein Eintrag zu Tscherkessen. Ich suche unter der russischen Kolonialgeschichte:
1696 Rußland erobert Asow von den Osmanen. 1736 Russen erobern Asow von den Osmanen zurück und rücken nach Jassy vor. 1769 Rußland überfällt Moldawien und die Walachei. 1771 Rußland erobert die Krim. 1783 dasselbe. 1792 Rußland gewinnt Kontrolle über die Schwarzmeerküste. 1810 Rußland beginnt die systematische Expansion nach Sibirien und Zentralasien. 1827 Die Russen nehmen Persien Eriwan weg. 1828 Rußland erobert Teheran. Im Friedensvertrag fällt Armenien an Rußland. 1832 Herzogtum Warschau wird Teil Rußlands. 1837 Briten über den zunehmenden Einfluß Rußlands in Afghanistan besorgt. 1849 Russen und Türken kontrollieren gemeinsam die Donaufürstentümer. 1855 Russen erobern die Stadt Kars (Nordosttürkei). 1874 Rußland beherrscht jetzt ganz Turkestan.
Fazit: Kriege und Konflikte rundherum, aber kein Kaukasus, keine Tscherkessen. Ich schau noch in die sowjetische Geschichte, da gibt es eine einzige vielleicht relevante aber indifferente Spur: 1946 Stalin beginnt Massendeportationen ethnischer Minderheiten in Arbeitslager.
Tscherkessen, ein alter Name, aber kein Land dazu. Aber hier hilft Wikipedia weiter. Da gibt es eine britische Karte von 1840, darin ein Land namens Circassia, das vom Asowschen Meer im Norden bis zum Fluß Terek im Südosten reicht. 1763 bis 1864 führte Rußland Krieg gegen Circassia, der 1864 mit der endgültigen Eroberung und der gewaltsamen Vertreibung der Überlebenden auf Schiffen in die Türkei endete. Tscherkessen waren die Nachbarn der Tschetschenen, von denen wir etwas mehr wissen, weil es eine Unabhängigkeitsbewegung in Rußland gab. Im Frühjahr kursierte ein Foto von Bodyguard-Typen, die vor dem Reichstag mit einem Schild posierten, auf dem in russischer Sprache Gegner des Tschetschenenführers bedroht wurden. Die Tscherkessen sind friedlich, deshalb nehmen wir sie nicht wahr.
Und jetzt sind wir bei dem Gedicht von Friederike Kempner. Ihre Ballade bewahrt ein Ereignis auf, das für unser Gedächtnis nicht existiert. Noch dazu in einer hochbrisanten Verbindung mit deutscher Geschichte. Das Nicht-Herausgegebene: Eine Gruppe tschetschenischer Reiter flieht vor den siegreichen Russen durch das ganze „Neu-Rußland“ hindurch bis zur preußischen Grenze, bittet um Asyl im „freien Preußen“, wird von preußischen Soldaten zur russischen Grenze zurückexpediert und drüben von den Russen exekutiert. Friederike Kempner hat etwas gewußt und aufbewahrt, worüber unsere Geschichtsbücher schweigen. Auf einmal bekommt die Aburteilung Kempners als unfreiwillig komische Kitsch- und gar „Menstruations“-Lyrikerin eine politische Dimension. Ihre Ballade „Die Tscherkessen“ gehört in unsere Lesebücher!

Zumal die Geschichte eine Fortsetzung in die Gegenwart hat. Nachkommen der 1864 umgesiedelten Tscherkessen leben auch in Deutschland. Für uns sind sie Türken, wie die hier lebenden Kurden und andere auch. Die deutsche Lyrikerin Safiye Can – geboren in Offenbach am Main – gehört dazu. Bei ihr fand ich auf Facebook diesen Text von Timaf Djengis Hatko, unterzeichnet: Berlin 14.05.2015 und in 4 Sprachen veröffentlicht. Ich rücke alle vier Fassungen hier ein. Lest selbst, und lest Kempner noch einmal! Die Ballade von einer bis heute unliebsamen Episode unserer Geschichte. Das Schweigen der Geschichts- und Lesebücher erzählt auch eine Geschichte – eine wichtige, brisante und hochaktuelle. Damals wie heute: Die „kleinen“ Völker sollen bitte unsere Beziehung zum großen Nachbarn nicht belasten.
21. Mai 1864:
An diesem Tag veranstalteten Russische Truppen eine Siegesparade in einer von ihnen zuvor eroberten tscherkessischen Siedlung nahe der Stadt Sotschi. Somit war der Russisch-Tscherkessische Krieg (1763-1864) und die Eroberung Tscherkessiens offiziell abgeschlossen, obwohl der tscherkessische Widerstand in einigen Ortschaften bis in die 1880er Jahre fortdauerte.
Aus diesem Grund ist der 21. Mai für die Tscherkessen ein Gedenktag.
Sie gedenken dem Völkermord und der Vertreibung an ihren Vorfahren. Sie gedenken dieser Tragödie. Die Tscherkessen wurden zwischen 1860 und 1864 von dem damaligen Russischen Zarenreich zu zehntausenden massakriert, ihre Dörfer niedergebrannt. Die Überlebenden wurden mit Schiffen über das Schwarze Meer in das damalige Osmanische Reich vertrieben (Türkei, Syrien, Jordanien, Israel).
Auch meine Vorfahren waren auf einem dieser Schiffe unterwegs. Sie kamen im Sommer 1864 in der türkischen Schwarzmeerstadt Samsun an…
21 May 1864: On this day the russian troops held a millitary victory parade in concuered Circassia. Now the Russian-Circassian war (1763-1864) was officially end but the Circassian resistance still had last in local form until the 1880s.
The May 21 marks the day of Circassian Genocide and Expulsion so the Circassians remembers worldwide every year on May 21 the genocide and expulsion against their ancestors. They remembers this tragedy. In the years 1860-1864 ten thousends of Circassians were killed, their villages destroyed and the survivors were expelled by ships to the Ottomanic Empire (Turkey, Syria, Jordan, Israel).
My ancestors were in one of these ships. They reached the turkish black sea city of Samsun in summer 1864…
21 Mayis 1864: Bu tarihte Rus ordusu Cerkesyada Soci yakinlarinda isgal ettikleri son Cerkes yerlesiminde bir zafer merasiminde bulundular. Böylece Rus-Cerkes savasi (1763-1864) ve Cerkesyanin isgali resmen son bulmus oldu. Cerkes direnisi yinede yerel yerel 1880lere degin sürdü.
Bu yüzden 21 Mayis günü Cerkesler icin bir yas günüdür. Atalarinin zamanin Rus carligi tarafindan soykirima ugratildigi tarihtir. Cerkesler dünyanin her tarafinda her sene 21 Mayis günü bu trajediyi anmaktadirlar. Rus carligi 1860-1864 yillari arasinda onbinlerce Cerkesi katletti, köylerini yok etti, bu katliamlardan kurtulabilenler ise gemiler ile Karadeniz üzerinden zamanin Osmanli Imparatorluguna (Türkiye, Suriye, Ürdün, Israil) sürüldüler. Benimde atalarim bu gemilerin birisindeydiler. 1864 yillinin yaz aylarinda Samsuna ayak bastilar…
21 ايار 1864: في مثل هذا اليوم عقدت القوات الروسية موكب النصر العسكري في احتلال شركيسيا. وا الحرب الروسية الشركسية نتهت رسميا (1763-1864) ولكن المقاومة الشركسية كان بثيت حتى 1880s.
ايار 21 يوم الإبادة الجماعية الشركسية والطرد وكل الشركس يتذكرون في جميع أنحاء العالم كل عام في 21ايار الإبادة الجماعية والطرد ضد أجدادهم.و هذه المأساة. و قتلوا بين 1860-1864 عشرات آلاف من الشركس، دمرت قراهم وطردوا الباقين على قيد الحياة وقد حملوا من قبل السفن الإمبراطورية العثمانية الى(تركيا، سوريا، الأردن، إسرائيل).
وكان أجدادي في واحدة من هذه السفن. وصلوا إلى المدينة التركية على البحر الاسود سامسون في الصيف 1864.
Timaf Djengis Hatko, Berlin 14.05.2015
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
14
NOt from the stars do I my iudgement plucke, And yet me thinkes I haue Astronomy, But not to tell of good, or euil lucke, Of plagues, of dearths, or seasons quallity, Nor can I fortune to breefe mynuits tell; Pointing to each his thunder, raine and winde, Or say with Princes if it shal go wel By oft predict that I in heauen finde. But from thine eies my knowledge I deriue, And constant stars in them I read such art As truth and beautie shal together thriue If from thy selfe, to store thou wouldst conuert: Or else of thee this I prognosticate, Thy end is Truthes and Beauties doome and date.
Einige Anmerkungen zum Text:
2 me thinkes methinks, scheint mir astronomy hier im Sinn des Einflusses der Sterne auf das menschliche Geschick, also astrology
4 seasons quallity Vorhersagen (des Wetters oder von Epidemien) waren damals beliebt, z.B. offerierte ein „Calendar of Shephards“ Wettervorhersagen
5 noch kann ich die Zukunft bis in die Einzelheiten vorhersagen
6 Pointing to each jeder (Einzelheit) ihr „Wetter“ zuweisend
6 oft häufige predict predictions
11 thriue thrive (gedeihen, aufblühen)
12 store (sich vermehren) vgl. Sonett 11; „wenn du dich von deiner Beschäftigung mit dir selbst abwendest und Kinder zeugst“
14 date hier Grenze, Ende
Deutsche Fassung von Stefan George:
Da passiert es schon mal, dass „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin mit „Der greise Kopf“ von Wilhelm Müller gekreuzt, Emily Dickinsons „Let down the bars“ nachgedichtet oder Gottfried Benns Texte „beendet“ werden. „Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben“ hingegen ist eine der zahlreichen Konstrukte, in denen Reinecke gleich mehrere Werke von Theodor Däubler, Adelbert von Chamisso, Clemens Brentano, Felix Dörrmann, Anette von Droste Hülshoff, Theodor Fontane und Joseph von Eichendorff in ihre Einzelteile zerlegt und sie zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. Rilkes „Blaue Hortensie“ wird in „Blaue Hydrangea“ vom Englischen wieder ins Deutsche rückübersetzt, und selbst von Luthers Texten („Dada; aus Psalter Lutherrevision 84“) macht der fürwahr nerdige Lyriker und Lyrikliebhaber nicht halt.
(…) Faszinierend ist bei all dieser Puzzelei die Symbiose aus sich aneinander aufladender Anarchie, Akribie und Aussage (Achtung, Alliterationen-Alarm!), denn all die Fragmente werden durch das Herausreißen aus ihrem eigentlichen Zuhause völlig aus ihrem Kontext gerissen und erhalten durch diese Neuanordnung und Vermischung einen neuen solchen. Die Neuarrangements ergeben einen oftmals gänzlich anderen Sinn, und wenn man es nicht besser wüsste (oder es gar nicht besser weiß), könnte man meinen: »Schön, was der Reinecke da so geschrieben hat.«
Die Lektüre und Analyse dieses freundlich-friedvollen Diebstahls amüsiert, sie fordert heraus – man bekommt richtiggehend Lust darauf, nach den Quellen zu suchen, fühlt sich nahezu verleitet, anhand einem selbst vorliegender Texte selbst Montagen anzufertigen. / Chris Popp, Booknerds
Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. (roughbook 019)
Verlag: roughbooks
Erschienen: 2012
Einband: Paperback (Heft, Leimbindung)
Seiten: 96
Sonstige Informationen:
Produktseite mit Erwerbsmöglichkeit (Direktvertrieb)
Angenehm geschmeidig und weich trägt der Rhythmus die Worte, doch fast einer Komponistin gleich wusste Sibylla Schwarz die Gedichte so zu arrangieren, dass sie niemals ein monotones Einerlei steifer Metrik sind. Im Schlagzeugerjargon würde man sagen, die Fill-ins und die Übergänge sind originell, überraschend, aber niemals unsauber oder holprig. Auch der Rhythmus selbst ist niemals stoisch sondern variiert in zarten Nuancen. Schwarz jonglierte mit Worten und sprang unter ihnen umher, sicher koordinierend und am Ende mit einer selbstbewussten Verbeugung gen imaginärem Publikum abschließend.
„Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?“ ist, wenn man so will, ein kleines Tablett an Appetithäppchen, die man sich schnappen darf. Und wovon man auch probiert: Man möchte es in größeren Portionen genießen (wenngleich „Ein Gesang wider den Neid“ sowie diverse andere Gedichte ob ihrer Überlänge ordentlich mächtig sind!) – am besten die poetische schwarz’sche Speisekarte rauf und wieder runter. / Chris Popp, booknerds.de
Sibylla Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?
Verlag: Reinecke & Voß
Erschienen: 03/2016
Einband: Leseheft; Leimbindung
Seiten: 60
ISBN: 978-3-942901-21-5
(…) Dass eine Frau zur Feder griff und Gedichte schrieb, war damals ungewöhnlich. Sibylla Schwarz wollte jedoch gegen alle Widerstände gehört werden, das zeigt sie in diesen Versen unmissverständlich an. Und so gibt dieser Band dem Leser einen Einblick in die Vielfalt und die Eigenart ihrer Dichtung, ja, er gibt dieser jungen Barockdichterin sprichwörtlich wieder eine Stimme. Eine Fundgrube für jeden, welcher bekannte Wege der Auseinandersetzung mit der Barockzeit verlassen und sich eingehender mit dieser „alten“, aber manchmal doch so aktuellen Literatur befassen möchte!
Dieses Lesebuch bietet aber noch mehr, und auch das ist bemerkenswert Es enthält nämlich eine Reihe von Anknüpfungspunkten für Schulprojekte, sich genauer mit Sibylla Schwarz und der Barockzeit zu befassen. Reizvoll ist das gerade für Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe, die eine Facharbeit schreiben wollen oder einen Projektkurs besuchen, wie er in vielen Bundesländern angeboten wird. Denn sie können sich vor dem Hintergrund dieser Textsammlung intensiv mit einer Dichterin auseinandersetzen, die genauso alt ist wie sie und über die man noch nicht so viel weiß. Wenn das kein Ansporn ist! Die folgenden Themenfelder dürften sich bei genauerer Betrachtung dabei besonders lohnen:
Interessant sind diese Themenfelder für Jugendliche, wenn sie ein Stück weit in die Regionalforschung eintauchen und dann Vergleiche mit ihrer eigenen Situation heute anstellen können. Wenn also, kurz gesagt, das Damals in ihrem Jetzt ein Gegenüber findet. Wenn sie da Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen und ergründen können. Denn dann lernen sie, ob und inwieweit das Vergangene ihnen noch etwas zu sagen hat und inwiefern sie darüber hinausgehen müssen. Das ist gerade für junge Menschen und ihren Werdegang sehr wichtig.
Natürlich kann das hier nur angerissen werden. Es sollte jedoch deutlich sein, wie gut im Anschluss an die Lektüre dieses Lesebuchs hier ein kompetenzorientiertes Arbeiten möglich ist, das ja in den Kernlehrplänen der Republik landauf landab gefordert wird. Getoppt wird das sicherlich noch dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler in der Auseinandersetzung mit Sibylla Schwarz und ihrem Werdegang sowieso ihre eigene psychosoziale Entwicklung spiegeln können. Ein spannender Prozess, der ein anderes, ja, besseres Lernen bietet! Eines, das anzeigt, was Schule tatsächlich leisten kann, wenn sie denn will! Ein interessantes Lesebuch, das für das Verständnis unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart sehr konkret Entdeckerqualitäten entwickelt. Und eines, dem viele Leser zu wünschen sind!
/ Artur Nickel, Alliteratus
Sibylla Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? Reinecke & Voß 2016 • 60 Seiten • 9,00 • 978-3-942901-21-5
Thema Schule in L&Poe
deinen eigenen Freiraum in den schmalen Lücken zwischen den Wörtern ausfindig machen
Hansjürgen Bulkowski
Die Neugierde hält Dagmar Nick hellwach. „Ich will immer noch wissen, wie alles weitergeht.“ Sehr gerade sitzt die Dichterin da, eine zierliche, schmale Frau, die jeden Satz knapp, klar und trotzdem musikalisch formuliert. Keine Spur von Lebensüberdruss, sondern eine feine, gelassene Heiterkeit zeichnet sie aus. Am kommenden Montag feiert Dagmar Nick ihren 90. Geburtstag.
(…)
Was sie in all den Jahren vernachlässigt hat, ist die Selbstvermarktung. Sie sei eben völlig ehrgeizlos, begründet sie ihre Bescheidenheit. Als junge Dichterin nahm sie gleich zwei Einladungen der Gruppe 47 nicht an. Sie bedauert das nicht, es erschien ihr nie wirklich wichtig. Natürlich schreibt sie noch immer. Ohne künstliche Verrenkungen, ohne jeden falschen Ton. Ein neuer Gedichtband ist angekündigt, vielleicht kommt auch noch anderes. Das wäre gar nicht überraschend. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung
Zwölf Lieder nach Gedichten von Dagmar Nick, mit Lesung der Autorin, Constance Heller, Sopran, Gerold Huber, Klavier, Di, 7.6., 19 Uhr, Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3 Der Seerosenkreis gratuliert Dagmar Nick mit einem Festababend am Mittwoch, 22. Juni, 19.30 Uhr im Münchner Künstlerhaus, Lenbachplatz 8
In L&Poe
(…) [Diverse] Parallelstellen lassen einige Vermutungen über die lyrischen Arbeiten Houellebecqs zu, die trotz ihrer Form meist den Charakter von bekenntnishaften oder reflektierenden Notizen haben. Das führt zu dem Eindruck, dass die eigentliche (auch sprachliche) Verdichtung bei Houellebecq in seinen Romanen stattfindet, während seine Gedichtbände ausufernde und ziemlich redundante Sammlungen von Gedanken, Skizzen und kurz notierten Eindrücken sind.
(…)
Der Fokus verschiebt sich von der Frage „Wie leben?“ zur Frage „Wie geht es zu Ende?“. So kommt Houellebecq vor allem gegen Ende des Bandes zu kosmologischen, metaphysischen und mitunter sogar geologischen Motiven, die er, so scheint es, sogar mit einem poetologischen Vierzeiler kommentiert.
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Man müsste ein lyrisches Universum
durchmessen Wie man einen Körper durchmisst, den man sehr geliebt Man müsste die unterdrückten Mächte wecken Den Durst nach Ewigkeit, den fragwürdigen, pathetischen |
/ Mario Osterland, Fixpoetry
Michel Houellebecq
GESAMMELTE GEDICHTE
Übersetzung:
Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel
Dumont
2016 · 726 Seiten · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-8321-6355-6
The Festival of Pacific Arts Publications Committee has been opening daily activities with Chamorro chants. The chants I am familiar with are about our ancestors or legends. This morning’s chant was about latte stones. I smiled, thinking how latte stones represent our independence as a people before colonialism.
„I’m really happy that we (decided) to include chanting to set a tone at the beginning of these workshops,“ said Victoria Leon Guerrero, Guam delegate. „Just the use of our language and the rhythm in the chants that we’re doing connect us directly to our ancestors and the spirits that are likely in the earth, beneath this building. So that what we’re doing is always guided by something deeper and rooted in our culture. This is something throughout the Pacific that we share – this belief that there are spirits in the land that inspire our arts. I think that these chants by Leonard Iriarte convey a connection to the ancestors, which I think is very unique.“
It’s spiritually refreshing to open our FestPac writing workshops by paying tribute to our ancestors. My poetry focuses too much on my emotions and not my history or my culture. Yet, after listening to chants these past four days, I’m starting to feel inspired.
„Me, as a poet, I think chant is poetry and poetry is chants,“ said Kisha Borja-Quichocho, another Guam delegate. „(Chant) is our way of channeling our ancestors.“
Chamorros who promote our culture through artful acts are admirable. / Guam Daily Post
Guampedia: Chamorro chants
The Chamorro people are the indigenous peoples of the Mariana Islands; politically divided between theUnited States territory of Guam and the United States Commonwealth of the Northern Mariana Islands inMicronesia. Today, significant Chamorro populations also exist in several U.S. states including Hawaii, California, Washington, Texas, Tennessee, Oregon, and Nevada. / Wikipedia
An der Moskauer Metrostation „Lubjanka“ verhaftete die Miliz den Dichter Sergej Gandlewskij, nachdem er ein Stalinbild von der Wand abgerissen hatte. Das geschah am 23. Mai. Ein Mann kam dazu und fragte ihn, was er da tue. Er erklärte es ihm, und der Mann verschwand. Er ging weiter zum Bahnsteig, aber zwei Polizisten folgten ihm, begleitet von jenem Mann, der auf ihn zeigte: „Das ist er!“ Die Polizisten teilten ihm mit, daß sie ihn wegen eines Akts von Vandalismus und minderschwerem (wenn ich melkoje richtig übersetze) Huligantum mitnehmen würden.
Sergej Gandlewskij ist ein russischer Dichter, Prosaschreiber, Essayist und Übersetzer. Er wurde mit diversen Literaturpreisen geehrt, darunter „Antibooker“, „Nördliches Palmyra“, Apollon-Grigorjew-Preis, „Poet“. / Nowaja Gaseta
Der russisch-amerikanische Dichter Philip Nikolayev kommentiert:
GANDLEVSKY vs STALIN, or, Poetry against Political Evil
Russian poetry is alive and well. A couple of days ago the eminent poet Sergey Gandlevsky was arrested by police in Moscow after ripping off the wall and tearing up a portrait poster of Joseph Stalin at the Lubyanka Subway Station (the Federal Security Service — former KGB — headquarters are located next to it). Gandlevsky was later released when some friends interceded. The poet calls Stalin „a piece of shit and a murderer.“
THE CROWD OMNIBUS IS A LITERARY TOUR FROM THE ARCTIC CIRCLE TO THE MEDITERRANEAN SEA
· over 100 writers from 37 countries
· 12 weeks on a bus (May to August)
· through 14 European countries with over 50 stops
· over 30 local partners
· dozens of readings, performances, discussions, meetings, workshops
· intermingling, interacting, sharing
CROWD is about meeting each other in literature!
Imagine: if around a hundred authors originating from all European
countries were able to get together to undertake a bus tour across the
continent, simultaneously overcoming the boundaries and borders that
others are striving to rebuild, as well as creating a text together,
then that would surely be a start.
At a time when division and separatism are being preached all around
us and people are starting to live in fear of one another, it becomes
even more important that we come together to celebrate and uphold the
freedom and solidarity that the arts can offer.
CROWD shows us that the world can be different, and that such a world
does not merely exist as a figment of the imagination, but that it can
be made a reality that we can all be a part of.
Literature knows no boundaries!
4. Internationales Wiener Lyrik-Fest der Alten Schmiede
Die Eröffnung / Die Veranstaltungen der ersten Woche
Geschätzte Freundinnen und Freunde der Dichtkunst,
Am nächsten Dienstag, dem 31. Mai, eröffnet das diesjährige Lyrik-Fest POLIVERSALE und wir möchten Sie gerne auf die Lesungen der ersten von fünf Wochen internationaler Dichtung aufmerksam machen und Ihnen die fünf Dichterinnen und Dichter der ersten zwei Lesungsabende in der Alten Schmiede kurz vorstellen:
Zwei der bekanntesten Dichter ihres Sprachraums, die in Venedig und Mailand lebende italienische Dichterin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Anna Maria Carpi und der schottische Poet und Verleger Robin Robertson, eröffnen am 31.5. um 19 Uhr das Festival mit zweisprachigen Lesungen. Mit ihren jüngst erschienenen Gedichtband-Kompilationen Entweder bin ich unsterblich und Am Robbenkap (beide Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) ist ihr Werk erstmals im deutschen Sprachraum präsent. Anna Maria Carpis Dichtung besticht durch ihre hochkonzentrierte Alltäglichkeit, in der die existenziellen Lebensfragen umso entwaffnender zutage treten. Robin Robertsons Gedichte wiederum wirken wie Still-Leben auf dem Grat zwischen Leben und Tod, deren elementare Spannung nicht zuletzt aus der Genauigkeit in der Benennung herrührt. Zwei existenzielle Setzungen von Poesie also, voll sprachlicher Strahlkraft und schneidender Präzision illusionsloser Lebenserkenntnis.
Am Donnerstag, dem 2. Juni, 19 Uhr, gehen drei Dichter gleichsam mit, in und durch Gedichte auf Reisen. Dem Hamburger Dichter und Übersetzer Matthias Göritz gelingt es in Tools (Berlin Verlag, 2011), verschiedene dichterische Genres – Erzählung, »Melodram«, So- nett(-Kranz) – miteinander zu verquicken und in seinem Zyklus Automobile ein Diebes- und Liebespaar durch verschiedene Städte Europas zu begleiten. Der unorthodoxe Schweizer Reiseautor Peter K. Wehrli vergegenwärtigt in Kapverdischer Dezember (Scaneg Verlag, 2014) die abgelegene Welt der Kapverdischen Inseln mit tastender Offenheit und einem sensiblen Bewusstsein, das nicht zuletzt die Anderen, die Inselbewohner, ja geradezu die Inseln selbst sprechen lässt. Und der Wiener Dichter, Kinderbuchautor und Liedermacher Gerald Jatzek entfaltet in den Gedichten von Die Lieder riechen nach Thymian (Berger Verlag, 2014) ein in der Zeitspanne von vier Jahrzehnten ausgeformtes Städte-Panorama zwischen Europa und Übersee, in dem sich ein waches politisches Bewusstsein in surreal-treffende Bilder transformiert.
Lassen Sie sich von den vielschichtigen sprachlichen Ausdruckskünsten unserer Gäste, den Schönheiten, der wachen Entdeckungslust und der Empfindungskraft ihrer Gedichte begeistern. Wir werden uns über Ihren Besuch und den Widerhall, den Sie damit unseren Gästen mit ihren Werken gewähren, aufrichtig freuen.
Herzlich grüßen Sie in diesem für die Dichtkunst ganz eingenommenen Sinne
Michael Hammerschmid, Kurt Neumann, Daniel Terkl und das Team der Alten Schmiede
Besuchen Sie unsere Homepage für das vollständige Programm und nähere Informationen zu den insgesamt 19 Abenden Poesie zwischen 31.5.–5.7.2016.
Alte Schmiede – Kunstverein Wien
1010 Wien, Schönlaterngasse 9
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
13
O That you were your selfe, but loue you are No longer yours, then you your selfe here liue, Against this cumming end you should prepare, And your sweet semblance to some other giue. So should that beauty which you hold in lease Find no determination, then you were You selfe again after your selfes decease, When your sweet issue your sweet forme should beare. Who lets so faire a house fall to decay, Which husbandry in honour might vphold, Against the stormy gusts of winters day And barren rage of deaths eternall cold? O none but vnthrifts, deare my loue you know, You had a Father, let your Son say so.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 your selfe yourself im Erstdruck immer in 2 Wörtern. Hier möglicherweise mit Emphase „dein (wahres) Selbst“. Dies ist das erste Sonett, das als Anrede „you“ statt „thou“ benutzt, was möglicherweise intimer als das schon als „poetisch“ empfundene „thou“ wirkte. but loue you are but, love, you are (hier zum ersten Mal in den Sonetten „love“ als Anredeform benutzt)
4 semblance Gestalt
6 determination Ablauf, Ziel, Ende; in der juristischen Sprache der Terminus für ein Ende des „lease“, Leihens
7 You selfe vgl. zu V.1 – andere Ausgaben haben yourself. decease Tod
8 issue Nachkommen(schaft)
10 husbandry Haushalten
13 vnthrifts Verschwender
Deutsche Fassung von Ludwig Fulda (1913)
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