Norwegische Auszeichnung für Anzhelina Pololonskaya

Die russische Dichterin Anzhelina Polonskaya, die seit September 2015 in Frankfurt am Main als Gastautorin im Rahmen des Programms Frankfurt – Stadt der Zuflucht lebt, wird Anfang September im norwegischen Frederikstad den Literaturpreis Ord i Grenseland – Words on Borders Freedom Prize – erhalten. Die Auszeichnung wird jedes Jahr ausschließlich an verfolgte oder exilierte Autorinnen vergeben, deren literarisches Werk von ihrem Engagement für die Freiheit des Wortes künden. Die Auszeichnung wird auf dem internationalen Literaturfestival Ord i Grenseland in Gamlebyen, dem historischen Ortskern von Frederikstad, verliehen und ist mit $ 5.000 dotiert. Zu den letzten Preisträgerinnen gehörte die international bekannte türkische Autorin Aslı Erdoğan, die vor einigen Tagen in ihrer Heimat verhaftet wurde.

/ litprom

Solidarität mit Aslı Erdoğan

Erklärung und Aufruf zur Solidarität mit der Schriftstellerin Aslı Erdoğan

Aslı Erdoğan ist nicht allein!

Die Türkei wird jetzt nach dem Putschversuch in ein Regime der Repressionen ohne Ende hineingezogen. Journalisten, Akademiker, Autoren und Schriftsteller werden entlassen, verhaftet, gefoltert.

Eines der jüngsten Opfer ist die Schriftstellerin Aslı Erdoğan.

Die Repression, die ihre Stimme zum Schweigen bringen will, richtet sich gegen die freie Meinung.

Wir stellen uns hinter diese Stimme.

Nicht Schriftsteller, sondern Regierende müssen die Wahl treffen:

Soll das Leben mit Repression und Unterdrückung weitergehen oder optieren sie für Demokratie und Geschwisterlichkeit?

Wir treten weiter für Demokratie, Geschwisterlichkeit und Frieden ein und sagen und schreiben auch weiterhin unsere freie Meinung, wie es sich für uns gehört.

Erstunterzeichner:

Aslı Tohumcu
Murathan Mungan
Burhan Sönmez
Sema Kaygusuz
Ayşegül Tözeren

Eine Pressekonferenz dazu ist für Freitag, 19.08.2016, 11.30 Uhr (türk. Zeit) in Istanbul angesetzt: Cezayir Toplantı Salonu / Beyoğlu.

Die Neue Zürcher Zeitung schrieb über die Autorin:

Der in der Schweiz lebende kurdische Autor Yusuf Yesilöz informierte die Medien, dass seine Kollegin in der Nacht auf Mittwoch in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen worden sei, da sie Mitglied des beratenden Gremiums der kurdischen Tageszeitung «Özgür Gündem» war; diese wurde im Zuge der derzeit laufenden rabiaten Säuberungsmassnahmen am Dienstag gerichtlich verboten. Dreiundzwanzig Journalistinnen und Journalisten der Zeitung sind ebenfalls in Haft.

Asli Erdogan war der sprichwörtliche Falter, der von der tödlichen Flamme nicht lassen kann. In ihren autobiografisch geprägten Büchern atmet das fiebrige Temperament, das sie in sich trug und das für andere auch irritierend sein konnte. Im Innersten scheu und tief verletzt, hochbegabt – mit 24 durfte die damalige Physikstudentin am Cern in Genf forschen –, aber radikal unangepasst, wusste die Schriftstellerin selbst, dass sie immer am Rand des Abgrunds lebte, diese Exponiertheit wahrscheinlich sogar suchte.

Werke auf Deutsch:

  • Die Stadt mit der roten Pelerine. Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch; Nachwort von Karin Schweißgut; Unionsverlag, Zürich 2008 ISBN 978-3-293-10010-7 (Kirmizi Pelerinli Kent, Istanbul, 2001)
  • Der wundersame Mandarin. Aus dem Türkischen von Recai Hallaç, Ed. Galata, Berlin 2008 ISBN 978-3-935597-73-9 (Mucizevi mandarin)
  • Holzvögel. Literaturwettbewerb für die türkische Sprache 1997; Die preisgekrönten Beiträge. Deutsche Welle-Literaturpreis 1997, Önel Verlag, 1998 ISBN 3-933348-01-3

Wikipedia-Artikel

Satzzeichen-Suada

Samuel Gerlach war kein großer Dichter, nach den wenigen Widmungsgedichten zu urteilen, die ich kenne. Seine Widmung für Königin Christina von Schweden, die neben vielen Landstrichen auch Pommern regierte, heißt

Untertähnigste Zuschrifft
Der Durchlauchtigsten / Großmäch=
tigsten und Sieghaftesten Fürstin
und Fräulein /
Fr. CHRISTINEN /
Der Schweden / Gohten und Wenden Königin /
Großfürstin in Finland / Hertzogin zu Brehmen /
Verden / Pommern / Ehesten und Carelien / Fürstin
zu Rügen / Fräulein über Wismar und Jngerman=
land / etc. Seiner gnädigsten Königin
und Fräulein

und beginnt so:

O Du Grosse Königinne / deines großen Vaters Bild !
Die du bißher seine Stelle / mit dem blanken Schwerd und Schild /
aber mehr noch mit Verstand / hast / im Deutschen Reich / vertretten /
die so sehr betrengte Kirch‘ auß dem Elend zu erretten /

und geht auch so weiter. Er gilt als wichtiger Theologe, ich kann es nicht beurteilen. Aber vor allem ist er ein Pionier – der Editionsphilologie und der Würdigung weiblichen Schreibens. Er erkannte das Genie der sehr jungen Dichterin Sibylla Schwarz und bewahrte ihr Werk so der Nachwelt auf, nicht nur schlechthin indem er es sammelte und 12 Jahre nach ihrem Tode druckte, sondern ebenso durch die modern anmutenden philologischen Prinzipien, nach denen er es edierte. Wie erst spät im 20. Jahrhundert üblich wurde, „verbesserte“ er es nämlich nicht, sondern gab es buchstäblich im Wortlaut mit allen Flüchtigkeitsfehlern und aller Fragmenthaftigkeit der Originale heraus. Wertvolle Informationen für heutige Leser!

Er war auch ein großer Stilist. Hier seine Strafpredigt über die vielen Druckfehler, die ein in Vertretung den Druck mehr oder minder beaufsichtigender Freund in das Buch schmuggelte. Furioser Katalog barocker Satzzeichen und Manifest der Editionsphilologie der Zukunft! Sogar einen Hauch Brecht kann man darin finden (nur für Kenner! 😉 )

Eß geht mihr in disem / wie in andern meinen außgelassenen Werklein / ja wie fast einem jeden / der / abwesend / etwas dem Druk untergibet / und also die Aufsicht einem andern / ob er auch der bäste Freund / oder der gelehrteste Mensch wäre / anvertrauen muß. Dan da nimmet der eine ihm nicht so vihl Zeit / oder hat nicht so vihl Uhrteil bey sich / daß er das Werk mit der Häuptschrift fleissig und genau überschlagen / oder auf alle Worte / Sylben / Zwerchstreichlein / (Commata) Punctstrichlein ; (Semi commata) Doppelpuncten : Punkten. Fragpuncten ? Verwunderungs= Klag=und Freudpuncten ! Grosse Buchstaben u. a. m. nötige achtung geben möchte / oder könte / sondern er sihet / ohne einige richtige Gedanken oder Nachsehung / nuhr über die Brille wegk / wohrüber dan dem ganzen Werk nicht allein ein häslicher Unschein gegeben / sondern auch mehrmal aller reiner Verstand und eigentliche Meynung benommen wird. Ein ander wil dagegen seine eigne Kunst und Weißheit alzuvihl dabey sehen lassen / nach deren er alles zu ändern und zu verbässern / oder vihlmehr zu verbösern sich unterstehet / und / wegen guhter Vertrauligkeit mit dem Verfasser oder Außfertiger / dessen guhten Fug zu haben vermeynet / dahero dan diser oftmahls sein eigen Werk fast nicht mehr für das seinige erkennen kan. Eben also ist eß mihr / oder vihlmehr diser seel. Jungfer / mit ihrem Werklein ergangen / daß sie auch noch nach ihrem Tod / vohn denen / die ihre Ehre am meisten retten und verteidigen sollen / fast schändlich beflekket / und auß Achtlosigkeit / oder / das ein wenig bässer klinget / Unachtsamkeit der Aufseher / mit vihlen Flecken / Makkeln / Rizen / Wunden / und andern ¶ übelständigen Masern fast übel zugerichtet ist / welche alle zu vertreiben und außzuheilen / eß vihl Flekwasser / Meissel / Wund=und Heilpflaster erfordern / das ist : Alle Fehler aufzusezen und zu endern man wohl einen ganzen Bogen Papyr bedürftig seyn würde. Also hat man das meiste dihr / Günstig=Geneigter / und der Schriftscheidung verständiger Leser / solches selber zu verbässern / das außgelassene einzu schieben / und das unverständlich=nebeneingeschlichene außzumustern / wider Willen / doch unumgänglich / überlassen müßen / und nuhr das vohrnehmste davohn heraußnehmen / und / wie eß zu endern / hieher sezen wollen.

Lieferbar ist eine Auswahl aus ihrem Werk bei Reinecke & Voß

Sibylla Schwarz – Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? Leipzig (Reinecke & Voß) 2016. 60 Seiten. 9,00 Euro.

Meine Gesamtausgabe ist beinahe fertig – Textteil und Kommentare abgehakt, fehlen nur noch Nachwort und Register. Balde!

Bachmann-Gesamtausgabe

Die Verlage Piper und Suhrkamp bringen gemeinsam eine 30-bändige Gesamtausgabe der Werke und Briefe Ingeborg Bachmanns heraus. Neben der Lyrik und Prosa sowie den Essays der österreichischen Dichterin (1926 – 1973) soll auch den bisher unveröffentlichten Korrespondenzen mit u. a. Uwe Johnson und Heinrich Böll „ein besonderer Stellenwert zukommen“, hieß es in heute in einer Ankündigung.

Möglich werde die erste Gesamtausgabe der Prosa, Gedichte, Essays, Hörspiele, Libretti und Korrespondenz durch die Öffnung des umfangreichen Nachlasses durch die Erben Bachmanns. Piper und Suhrkamp kooperieren dafür mit dem Salzburger Bachmann-Archiv. / ORF

Wahrer Klassiker

Für jemanden, der selbst bei der Choreographie des eigenen Todes um den kleinstmöglichen Interpretationsspielraum bemüht war, hat man Brecht im Laufe der Jahre einer schwindelerregenden Anzahl scheinbar inkompatibler Deutungen und Vereinnahmungen unterzogen, und das innerhalb wie außerhalb Deutschlands: „zu politisch“, „nicht politisch genug“, „apolitisch“; „modern“, „postmodern“, „bis zur Unkenntlichkeit verallgemeinert“. „Das größte Unglück, das Brecht widerfahren konnte“, schrieb der russische Literaturwissenschaftler Efim Etkind 1976, im Sammelband zur vierten Konferenz der International Brecht Society: „Leider ist es passiert, Brecht ist ein wahrer Klassiker geworden. Heute erforscht man seine Beziehung zu allem anderen auf der Welt.“ / Katharina Laszlo, FAZ

Trost gibt es keinen

Selten kommen lyrische Debüts so fertig und lakonisch daher wie dieses, mit dem sicheren Gespür dafür, dass das Schöne oft nur ein Konkurrenzprodukt zur Wahrheit ist. Trost gibt es keinen, nicht einmal von den Vögeln: „sie geben/ kunde von den gängen sagen sie sind/ wie wir aus einer luft die seltsam fließt/ als ob sie traurig ist.“ / Paul Jandl, Die Welt

Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht. Hanser, München. 96 S., 15,90 €.

«Unübersetzbar? Nichts!»

In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Felix Philipp Ingold über die von Dagmara Kraus herausgegebenen Auswahlbände des polnischen Lyrikers Miron Białoszewski:

Die reiche Instrumentierung seiner lyrischen und erzählerischen Rhetorik wie auch die permanenten Anspielungen auf zutiefst persönliche, meist problematische Befindlichkeiten oder auf schwerlich eruierbare historische und literarische Bezugspunkte – all das macht Bialoszewskis Texte (vollends die Gedichte) für jeden Übersetzer zu einer abschreckenden Provokation.

Diese wird noch verschärft dadurch, dass der Autor Grammatik und Syntax in vielen Fällen krass missachtet; dass er einzelne Verse oder Wörter mittendrin abbricht; dass er ganze Redeteile als Substantive verwendet und dass er überdies zahlreiche Begriffe nach eigenem Gutdünken umformt oder neu erstellt. Selbst polnische Leser vermögen derartige Brüche und Entstellungen nicht ohne weiteres zu überbrücken, sie aber in einer Fremdsprache unter Beibehaltung ihrer ganzen Assoziationsfülle adäquat wiederzugeben, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

«Unübersetzbar? Nichts!» Man erinnert sich an das hochgemute Diktum von James Joyce, und man darf sich freuen, dass ein kleiner Leipziger Verlag das Interesse und die Energie aufgebracht hat, Miron Bialoszewski, so vielen Widerständen zum Trotz, ins Deutsche zu bringen. Federführend war dabei die Polonistin Dagmara Kraus, die nun für eine erste grössere Lyrikauswahl in Buchform verantwortlich zeichnet.

Die zweisprachige Präsentation der Texte lässt umso deutlicher die immensen Schwierigkeiten der Übersetzung hervortreten. Eigentlich kann von Übersetzung in diesem Fall gar nicht gesprochen werden. Die mehr oder minder wörtliche Wiedergabe der Originaltexte würde im Deutschen vollends unverständliche Unsinnspoesie erbringen. Also mussten die Gedichte in der Zielsprache nicht primär nach ihrer Aussage, sondern nach ihrer Machart, ihrer lautlichen und rhythmischen Struktur nachgebaut werden. Ein riskantes Unterfangen, das hier allerdings manche Treffer für sich beanspruchen kann. Nur sollte sich der deutschsprachige Leser stets bewusst sein, dass er immer nur eine von vielen möglichen Versionen vor sich hat – Bialoszewski zu übersetzen, ist eine kaum abschliessbare Daueraufgabe, und keine Lösung im Einzelnen wie im Ganzen kann als definitiv gelten. Was bekanntlich auf jeden starken Autor zutrifft.

Als Beispiel sei ein Gedicht angeführt, in dem Bialoszewski ungeschlacht und genialisch zugleich dartut, dass er eigentlich nicht schreiben kann – allein schon die defekte Zeichensetzung und die löchrige Syntax machen es klar: «s ist dunkel hier . . . | was ist vom grauen Pulli zu sagen? | – nichts als das. | draussen | ist die ausgepresste Zitrone vorbei | Schnee | der Baum aus Frost und Gestaltstruktur | schwätzt nicht | rauscht nicht | wo lang geht’s aus dem Wort?» Mehr als ein rechtschaffener (und berechtigter) Übersetzungsversuch ist das nicht – das Gedicht könnte in der Zielsprache auch völlig anders daherkommen und dennoch irgendwie «entsprechend» sein.

Die Herausgeberin scheint das genau so einzuschätzen und hat deshalb mehr als ein Dutzend deutsche Dichter eingeladen, einige kürzere Gedichte unabhängig voneinander in jeweils eigener Fassung zu übertragen. Inwieweit die Beteiligten mit den polnischen Originalen vertraut waren oder ob sie nach (wessen?) Interlinearfassungen gearbeitet haben, wird leider nicht mitgeteilt.

Erwartungsgemäss resultierten aus dem kollektiven Übersetzungsversuch völlig unterschiedliche Texte, die teilweise gerade noch in zwei, drei Kernbegriffen miteinander übereinstimmen. Von den vierzehn Varianten zu einem melancholischen lyrischen Selbstporträt des Autors erweist sich die Fassung von Ulf Stolterfoht als besonders gelungen. Obwohl die Nachdichtung in Sachen Wörtlichkeit manches zu wünschen lässt, wird sie dem Original in klanglicher Hinsicht optimal gerecht.

Man beachte die gehäuften Alliterationen (mann/manisch/mache usw.) und die diskret verteilten lautlichen Entsprechungen (wörterns/möchten/örterns): «martert mann miron sich selbst martert | manisch seines wörterns unvermöchten | untauglicher mache | örterns». Aber eben: Dazu gibt es in dem Band dreizehn weitere Eindeutschungen zu lesen, die alle in irgendeiner Weise zum Original passen und es jeweils doch, ohne fehlerhaft zu sein, verpassen. Insgesamt: mehr als ein Lesevergnügen – ein Leseabenteuer; und nicht zuletzt ein Anstoss für weiterführende übersetzerische Dialoge mit Miron Bialoszewski.

Miron Bialoszewski: Wir Seesterne. Gedichte polnisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus. Verbesserte Neuauflage. Verlag Reinecke & Voss, Berlin 2016. 94 S., € 10.–. Miron Bialoszewski: Vom Eischlupf. Nachdichtungen polnisch und deutsch. Herausgegeben von Dagmara Kraus. Verlag Reinecke & Voss, Berlin 2015. 70 S., Fr. 18.90.

Gestorben

Im Alter von 88 Jahren ist in Luzern der Lyriker Hans Leopold Davi gestorben. Davi sprach Spanisch und Deutsch und hat fast alle Bücher zweisprachig herausgegeben. Nachruf von

Charles Linsmayer, Neue Zürcher Zeitung

In Kigali (Ruanda)

Kalume was born in Kigali, but grew up in the DRC. His mother was Rwandan while the father hailed from the DRC*.

Sadly, he lost his mother in the 1994 genocide against the Tutsi, the grief from which inspired his first poem – Death of a mother. In the poem, he pours out all his pain and sorrow following the death of his beloved mother.

One day while attending class, he was overwhelmed by emotions and memories of his mother and just started writing.

“After writing it I immediately started crying, and my teacher walked to me and took the poem to read it. Immediately, he also broke into tears and the whole class broke into tears. The whole class was crying so everyone left and went home.”

After that incident, his class teacher encouraged the young man to pursue poetry seriously, and he has never looked back.

He has won two online poetry competitions organized in Canada so far, and is also a budding author of short stories and a rapper and song writer, with four audio tracks to his name.

Kalume was one of the three winners at the fourth edition of the Kigali Vibrates with Poetry event that was staged in Kigali on July 30. / Moses Opobo, New Times

*) Demokratische Republik Kongo

Afrika (1)

In den frühen postkolonialen Jahren Afrikas stellte der amerikanische Dichter Langston Hughes die Anthologie „An African Treasury“ zusammen, Artikel, Essays, Geschichten und Gedichte schwarzer Afrikaner vornehmlich englischer und französischer Sprache. Sie erschien 1960. Hughes widmete sie „den jungen Autoren Afrikas“. In der Einleitung wünscht er, der Leser möge die Freude des Herausgebers am oft verblüffenden Umgang afrikanischer Autoren mit des Königs Englisch teilen. Besonders entzückte ihn der nigerianische Schriftsteller Amos Tutuola (sein Roman „Der Palmweintrinker“ erschien zuerst 1955 auf Deutsch), über den die biographischen Notizen mitteilen, er habe die Schule nur wenige Jahre besucht, dann als Schmied und Metallarbeiter gearbeitet und sei jetzt Regierungsangestellter. Vor etwa fünf Jahren habe er ihn gebeten, ihm einige seiner Geschichten für die Anthologie zu schicken. Es kam eine einzige Geschichte, handschriftlich mit abenteuerlicher Grammatik. Anbei ein Satz in absolut korrektem Englisch: „Was das Einschicken mehrerer Geschichten betrifft, schicken Sie mir Geld und ich schicke mehr.“

Afrika (1..n) ist kein Reisebericht, sondern eine lose Folge von Lese- und Augeneindrücken.

Kettendichtung geht weiter

Die Herstellung, auch der Genuss von Lyrik können ein kontemplativer Akt ebenso sein wie eine Performance, intimes In-sich-Gehen ebenso wie öffentliches Ereignis. Zwei Lyriker, von Herkunft und Alter könnten sie kaum unterschiedlicher sein, zeigen in dem gemeinsamen Projekt eines „48-Stunden-Gedichts“ den Variantenreichtum lyrischer Produktion und Rezeption.

Der Schweizer Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, machte sich als Mundart-Rapper und Sprechsänger „Kutti MC“ einen Namen. Er veröffentlichte neben seinen Büchern fünf Alben. Mehr als fünfzig Jahre vor Halters Debüt als Lyriker 2005 brachte der 1931 geborene Japaner Tanikawa Shuntarō seinen ersten Gedichtband heraus. Der Wegbereiter moderner, zukunftsorientierter Dichtung veröffentlichte bisher sechzig Lyrikbände, die in fünfzehn Sprachen übersetzt wurden.

2007 kam es bereits zu einer ersten Zusammenarbeit zwischen Halter und Shuntarō. 2012 veröffentlichten sie ihr Kettengedicht „Sprechendes Wasser“. War dieses noch mithilfe von E-Mails über Kontinente und einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg entstanden, so ist ihr jüngster lyrischer Dialog Resultat einer direkten Begegnung. / Carsten Hueck, DLR

Jürg Halter und Tanikawa Shuntarō: Das 48-Stunden-Gedicht. Ein Kettengedicht. Deutsch und Japanisch
Aus dem Deutschen von Niimoto Fuminari, aus dem Japanischen von Franz Hintereder-Emde
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
46 Seiten mit je vier Zeichnungen von Yves Netzhammer und Tabaimo, 22,90 Euro 

Poetopie

diesseits von Rio – warum nicht Langsamer, tiefer, näher?

Hansjürgen Bulkowski

Der Mastixbaum

Tuğçe Tekhanlı
(*1990, Nordzypern)

Der Mastixbaum

Dein Hals
weil er schwer verletzt wurde, dreht sich auf diese Seite

der Mastixbaum
zeigt beständig seine Wunden

ich gebe Cézanne Recht
die Bäume sollten mit ihren Gerüchen abgebildet werden
auf der Haut

Übersetzung: Achim Wagner

Sakız Ağacı

boynun
örselenmekten dönüyor bu tarafa

sakız ağacı
yaralarını gösterip duruyor

hak veriyorum Cézanne’e
ağaclar kokularıyla resmedilmeli
tene

Bachmann und Weigel

Am 5. September 1947 wurde [Hans] Weigel von der einundzwanzigjährigen Kärntner Studentin der Philosophie, Psychologie und Germanistik Ingeborg Bachmann interviewt. Sie verstanden sich auf Anhieb. Als er 1948 seine nach New York emigrierten Eltern besuchte, übernahm Bachmann für ihn notwendige Alltagstätigkeiten: Sie führte fällige Überweisungen durch, schickte ihm nicht nur Post nach, sondern auch sehnsuchtsvolle Briefe, die in seinem Nachlass in der Wienbibliothek erhalten sind. Die intensive Beziehung dauerte bis zu Weigels zweiter Ehe 1951 mit der Schauspielerin Elvira Hofer, die 1964 geschieden wurde. Den Niederschlag fand die Beziehung mit Ingeborg Bachmann in Weigels aus der Sicht einer Malerin geschriebenen und 1951 erschienenen Roman „Unvollendete Symphonie“. / Wolff A. Greinert, Der Standard

Anderes Verstehen oder Anderes als Verstehen

Sollte zutreffen, dass das Wesen des Literarischen gerade darin besteht, emphatisch über keines zu verfügen, sich in hakenschlagenden Fluchtbewegungen (preschen: ein Anagramm von sprechen) von allem Essentiellen, die Sprache zur Sprache, d.h., siehe oben, zur berstenden Streuung, kommenlassend, frei- und auszuschreiben? Die frühromantische Kunstkritik bis hin zu Blanchots Auslotungen des Literarischen Raums haben das, ohne dadurch je den vorherrschenden, mit ontologischen Präjudizien gerüsteten Rezensionsbetrieb nachhaltig zu stören, implizit zur Prämisse gehabt. Dann nämlich läge die vorrangige Aufgabe einer adäquaten Auseinandersetzung mit Geschriebenem, die, da ebenso auf literarische Mittel zugreifend, notwendig auch eine in ihm ist, womöglich nicht darin, zu kritisieren. Zumindest wenn darunter, wie meist, vulgär die mit Lob oder Tadel sanktionierende, zensurenvergebende Einschätzung einer Leistung, ihres Gelingens oder Mißlingens, verstanden wird. Gemessen an einem Maßstab, der festlegt, wie etwas nun einmal gattungs- oder genrespezifisch beschaffen sein müsse. Über den Wert oder Unwert literarischer Hervorbringungen, deren Gut-, Schlecht- oder gar Bösesein zu entscheiden, – man erinnert sich daran, dass Bataille eben in diesem Bezug aufs Böse, in dieser Teilhabe an devianter Delinquenz, ohnehin ein unvermeidliches Charakteristikum aller Literatur erblickt hat -, richterlich evaluierende Urteile zu fällen, erwiese sich als apriori insuffizient und defizitär hinsichtlich des Textuellen; hätte ihrerseits die Rüge zu gewärtigen, den Gegenständen, ihrem Niveau, das ihnen als Texten zukommt, nicht gerecht zu werden.

(…)

Entgegenkommend dünken dabei der Einübung in derartiges anderes Verstehen, oder ein Anderes als Verstehen, für das es sogleich nichts und unendlich viel zu erfassen gibt, weil Über- und Unterdetermination ununterscheidbar werden, solche Texte, die ihrem äußeren Erscheinungsbild nach (aber nichts als die reine Äußerlichkeit phänomenaler Non-Phänomenalität sind ja Texte) bereits mit einer, eingeschliffene hermeneutische Mechanismen aushebelnden Fremdartigkeit aufwarten, wie es für zwei Bücher zutrifft, die im Reinecke&Voss Verlag herausgegeben wurden.

(…)

Wie kann man vermeiden, in vernutzten Konventionen (Sitten sind öde, S.23), die mitunter nicht einmal als solche erkannt, sondern für die Freiheit selbst gelten wollen, zu sprechen und demgegenüber die Sprache genötigt werden, sich selbst unablässig zu überraschen? Vielleicht so wie [Titus] Meyers “Technik” des constrained writing – von der man, ähnlich wie von Zwölfton- oder Reihentechnik in der Musik sprechen könnte, um damit gleichzeitig die im techné Begriff gelegene Bedeutung des Know-How, savoir-faire und der Geschicklichkeit im Fügen zu bezeichnen – es in Szene setzt. Die strenge Form, die den Möglichkeitsraum des Sagbaren von einem ohnehin stets auf einen Fundus des standardmässig erlaubten bezogenen anything goes auf strenge Regularien hin restringiert, scheint quasi maschinenhaft-automatisch nicht gesuchte Findungen emergieren zu lassen. Serendipität kommt ex machina zum Zuge. Trouvailles, die sich dem Verfügungswillen des Autors, der bloß zum pflichtgetreuen Exekutor des entfesselten Gesetzes der Buchstabendrehungen und -wendungen degradiert ist, entziehen. (Im trobar, dem vom gr. tropos abstammenden altokzitanischen Wort fürs Dichten als Finden, findet sich dieses noch als ein Wenden und Drehen, trepein). Weshalb diesen als Silben-Artist im akrobatischen Sinne zu verstehen vielleicht zu kurz greift: die virtuose Akrobatik liegt eher auf Seiten der Sprache als findiger Drehung, Wendigkeit, Biegung, also Topos, und Flexion, und im Zuge dieser ständigen Überspanntheit: streuender Brechung, Atropie, denn in einem wie auch immer geniehaft über sie gebietenden, herrisch sie zu- und herrichtenden Dompteur.

(…)

Buchmanns barockes Büchlein Wahrhaftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals, sicher falschverstanden, wenn man es wohlwollend, doch zu possierlich als vergnügliche und unterhaltsame Novelle rezipiert und in damit in seiner gewaltigen Sprengkraft unterschätzt, ist zwar Kleinod, aber alles andere als harmlos. Es ist ungeheuer und unheimlich nicht wegen seiner zauberhaften Märchenerzählung mit kriminalistischem Anstrich, sondern aufgrund des Einblicks, den es im Kleide dieser inszenierten Affäre gewährt: in die Abgründe, die eine ausufernde Beschäftigung mit Lauten und Lettern eröffnen kann. / Tillmann Reik, fichue

Informationen zur Milchwuchtordnung und zum Wahrhafftigen Bericht.

Titus Meyer
„Andere DNA“
ISBN: 978-3-942901-20-8
60 Seiten, 10 Euro

Jürgen Buchmann
Wahrhafftiger Bericht über die Sprache der Elfen des ExterThals, nach denen Diariis Seiner Hoch Ehrwürden Herren Martinus Oestermann, weiland Pfarrer an St. Jakobi zu Almena
50 Seiten, 10 Euro (D) 10,40 (A)
ISBN: 978-3-942901-10-9