Wer eine Kultur verstehen will, der liest ihre Literatur. Um Deutschland zu verstehen, liest man seine Romane und Erzählungen. Der persischen Kultur hingegen nähert man sich am besten durch ihre Gedichte, ihnen kommt dort eine bedeutendere Rolle zu als bei uns. Ganze Generationen schreiben in lyrischer Sprache am Zeitgeschehen mit. Sie äußern ihre Gedanken und Gefühle zur Geschichte und Politik des Landes, aber auch zu Alltäglichem. Bei Festessen werden selbstgeschriebene Verse vorgetragen, genauso den Geliebten, und auch Familiengeschichten werden in ihnen festgehalten. Schon im Kindesalter nähern sich die Menschen auf diese Weise der Versform und Geschichte. Was erinnert werden soll, wird zum Gedicht, und was zum Gedicht wird, bleibt in Erinnerung.
Dass man dafür kein gestandener und prominenter Dichter sein muss, zeigen acht Jugendliche aus dem Iran und Afghanistan. Sie alle sind zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt und allein nach Berlin geflohen. In einem wöchentlichen Poesie-Workshop des Anwalts Aarash D. Spanta, der Journalistin Susanne Koelbl und des Künstlers Rottkay reflektierten sie ihre eigene Geschichte in Gedichtform. / Jan Russezki, FAZ
Acht Monate lang haben sich die 14- bis 18-jährigen Jugendlichen aus Afghanistan und Iran regelmäßig für einen Workshop mit ihren Poesie-Mentoren in Berlin getroffen. Sie alle hatten eine Erfahrung gemeinsam: Sie sind allein geflüchtet, einige von ihnen zunächst aus Afghanistan in den Iran, wo es ihnen schlecht erging, später nach Europa. „Sei neben mir und sieh, / was mir geschehen ist“, so beginnt ein Gedicht von Yasser Niksada, des Jüngsten aus der kleinen Gruppe. Und in der Tat, mit den Worten und Versen, in die sie das Erlebte fassen, gelingt es den Geflüchteten, nicht nur den Kopf, sondern auch die Gefühle ihrer Zuhörer zu erreichen. Sie setzen sich aus, und das Publikum begreift.
Susanne Koelbl, Auslandskorrespondentin des Spiegel mit Afghanistanerfahrung, sieht in dem Projekt eine Zwiesprache „zwischen denen, die hier geboren sind und jenen, die aus einem Land kommen, in dem allein an diesem Tag fünf Autobomben explodiert sind, die Dutzende Menschen in den Tod gerissen haben.“ Sie hat das Projekt ins Leben gerufen, gemeinsam mit dem Rechtsanwalt und Übersetzer Aarash D. Spanta regelmäßig mit den Jungs gearbeitet. Mädchen fanden sie nicht für ihr Vorhaben, denn die werden von ihren Familien nicht auf die gefährliche Reise geschickt. / Deutsche Welle
Die Gedichte von Ali Ahmade, Ghani Ataei, Kahel Kaschmiri, Mehdi Hashemi, Mohamad Mashghdost, Samiullah Rassouli, Shazamir Hataki und Yasser Niksada wurden 2016 in der Reihe „Berliner Anthologie“ unter dem Titel „The Poetry Project“ veröffentlicht.
Ich möchte – wie schon immer – durchaus nicht jedem Satz von Tilman Krause zustimmen, z.B. was er so Paternalistisches über die Pflicht „der Deutschen“ daherredet, „den Syrern“ ihre eigene Kultur nahezubringen; aber dies zitiere ich mal:
Die Deutschen sind seit den Tagen des großen Sprachwissenschaftlers Hammer-Purgstall, seit Goethe, der mit dem „West-östlichen Diwan“ die erste deutsche Anverwandlung arabischer Lyrik leistete, seit dem Dichter und Übersetzer Friedrich Rückert, der sich 44 orientalische Sprachen erschloss, die Orientversteher schlechthin unter den Europäern.
Ja, es gehört geradezu zu unserem Selbstverständnis als Kulturvolk, dass wir uns den Sitten, Gebräuchen, Kunstleistungen des Islam, seinen großartigen Garten- und Parkarchitekturen, seiner Mystik, seiner fantasievollen Ornamentästhetik, seiner raffinierten Kulinarik mit Aufgeschlossenheit und Neugier nähern. / Die Welt
Etwa zur gleichen Zeit wurde in München eine Buchhandlung namens »Lyrik Kabinett« gegründet, die sich ganz auf Gedichte konzentrierte. Das fand ich eine sinnvolle Sache, und ich beteiligte mich, indem ich dafür sorgte, dass auch hebräische und arabische Lyrik, alte wie moderne, vertreten war. Das »Lyrik Kabinett« gibt es bis heute.
Karl Neuwirth, Jüdische Allgemeine
Die zweisprachige (Irisch/Englisch) Dichterin Doireann Ní Ghríofa erhält den mit €10,000 dotierten Rooney Prize for Irish Literature. Der seit 40 Jahren vergebene, von Dan und Patricia Rooney gestiftete Preis für aufstrebende junge Dichter ging an viele der heute führenden irischen Autoren. Dan Rooney war ein früherer US-Botschafter in Irland. In ihrer Dankrede forderte Ní Ghríofa eine Volksabstimmung über das Eighth Amendment, das 1983 in Irland Abtreibungen verbot, und widmete eins ihrer Gedichte den irischen Frauen, die für eine Abtreibung nach Großbritannien reisen müssen.
Nach zwei irischen Gedichtbänden veröffentlichte sie vor kurzem einen englischsprachigen, Clasp. Ní Ghríofa hat in diesem Jahr bereits den Michael Hartnett Poetry Award erhalten und ist auf der Shortlist des Irish Times Poetry Now-Award. / Martin Doyle, The Irish Times
Die russische Dichterin Novella Matwejewa (russ. Нове́лла Никола́евна Матве́ева, engl. Novella Matveyeva; auch Matveeva) starb am Sonntag im Alter von 82 Jahren. Sie wurde 1934 im Leningrader Gebiet geboren. 1968 erschien auf Deutsch eine Auswahl in einem der ersten Hefte des legendären Poesiealbum, ausgewählt von Fritz Mierau, übersetzt von Sarah Kirsch und Eckhard Ulrich. Es ist das einzige ihrer Bücher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Auch Wolf Biermann, Nathalie Sinner, Rainer Kirsch und Annemarie Bostroem haben etwas von ihr übersetzt, mehr konnte ich nicht finden.
Wikipedia (russisch, englisch, ukrainisch, polnisch, tschechisch, ungarisch, vietnamesisch)
In Anthologien:
Und was war – ist längst vergessen
Und was kommt – kann keiner wissenВсё, что было, — позабыла, Всё, что будет, — позабудет.Aus: Das Moldaumädchen (Ü Wolf Biermann)
Das Gemetzel in der Türkei und Syrien, schreibt der Guardian, habe zum Aufblühen der Lyrik geführt, an dem Frauen führend beteiligt sind. Er stellt zwei Frauen vor, die zu dieser aufstrebenden Schule neuer Dichtung gehören: die Kurdin Bejan Matur, die aus dem Südosten der Türkei stammt, und die Syrerin Maram al-Masri.
Beim Studium in Ankara geriet Matur in die Mühlen der Justiz, sie wurde für 12 Monate ins Gefängnis gesteckt. Dort begann sie Gedichte zu schreiben. Während 28 Tagen Einzelhaft in völliger Dunkelheit, wo man nicht einmal die Tage zählen kann (sie meinte, es waren 18, ihr Vater korrigierte sie), begann sie im Kopf Gedichte zu komponieren. Es ging darum, eine Existenz ins Leben zurückzurufen, die „sie“ auslöschen wollten. Ihre Gedichte, sagt sie, „handeln vom Wiederaufbau eines zertrümmerten Daseins“. Sie sprach die Worte im Kopf zu sich selbst. Ihrer mündlichen Tradition entsprechend hatten die Worte Rhythmus, Musik. „Man kann im Gefängnis nicht laut singen, aber die Worte gaben mir in der Dunkelheit das Gleichgewicht zurück. Ich gehörte nicht mehr ihnen.“
Maram al-Masri sagt: „Ich glaube nicht, daß Lyrik eine Waffe ist. Warum sollten Gedichte Waffen sein? Wenn das stimmt, bringen sie uns nur in den Krieg zurück. Lyrik sollte eine Antiwaffe sein, ein Mittel, um Waffen abzuschaffen.“ Der Zusammenbruch ihres Landes zerrt an ihr Tag und Nacht. „Ich bin dort“ (sie lebt in Paris, ihre Familie in Syrien) „und nicht dort. Ich träume vom Krieg.“ / Ed Vulliamy, The Guardian
Sagawa Chika, born Kawasaki Ai in 1911, died of stomach cancer in 1936, before her twenty-fifth birthday. Even with such a brief career, she was one of the most innovative and prominent avant-garde poets in early-twentieth-century Japan. At the time, few women in Japan wrote poetry, and those who did typically used traditional forms to address domestic concerns. Sagawa sounded different: she wrote in free verse, not tanka or haiku, and her images were shockingly new. “A chef clutches a blue sky,” begins one of her many short, lyric poems, “Illusory Home.” “Four fingerprints are left; gradually / the chicken bleeds. Even here the sun is crushed.” / Adrienne Raphel, The New Yorker, AUGUST 18, 2015
nicht nur nach Frankfurt am Mainstream – wohin drängt uns die Masse der Medien?
Hansjürgen Bulkowski
Mohammad Ebrahim Rahimi packt die Sehnsucht nach seinen Lieben in Gedichtzeilen. Aber nicht nur diese. Seine langjährige Auseinandersetzung mit Themen wie Gott, Religion, Satan, Mensch, Geist und nicht zuletzt Regierungen, die offene geistige Auseinandersetzung unterbinden, verbieten, Menschen dafür einsperren und sogar töten schreibt er ebenfalls poetisch nieder. Auch ihm wurde mit Tötung gedroht und die Firma in der er arbeitete in Brand gesteckt. In manchmal fast zu schön klingenden Zeilen – auf Persisch. Seit zehn Monaten lebt er in Österreich in einer Flüchtlingsunterkunft in der Donaustädter Polgarstraße – mit rund 80 Mitbewohnern. Der Deutschkurs allein zeichnet bei weitem nicht für seine Sprachkenntnisse verantwortlich. „Oft schau und such ich im Internet nach Worten, wenn ich versuche, meine Gedichte zu übersetzen. Und noch mehr lerne ich, wenn ich mit Menschen spreche und sie nach der Bedeutung einzelne Wörter frage“, erzählt der junge Mann dem Kinder-KURIER. Sein Gedicht Unvaterland reichte er beim Bewerb „Enjoy.Austria“ ein, am Montag, 5. September wird er einige Zeilen daraus in der Mittags-Zeit-im-Bild vor der Hofburg vorlesen.
„Bei uns im Persischen sagen wir übrigens manchmal Vater- und manchmal Mutterland. Ich hab das Gedicht für den Bewerb ja auf Persisch geschrieben Und da hab ich es „Sarzamine gheyre Madari“ genannt – Un-Mutterland. Wir verwenden das gleichwertig, einmal so, einmal anders mit „Pedari“ (Vater).“ / Kurier
The death of Veronica Forrest-Thomson in 1975, aged just 27, is among the most galling and tragic losses to modern British poetry. Born in Malaya and raised in Glasgow, she published a first poetry collection at 20 and gravitated to Cambridge, where she was taught by JH Prynne. Heavily influenced by the close reading tradition of IA Richards and William Empson, her criticism also drew on French structuralist and poststructuralist theory, then much in the air.
Published posthumously in 1978 and now reprinted for the first time, her classic study Poetic Artifice marked a provocative intervention. There is a widespread and mistaken assumption, Forrest-Thomson argues, that poetry is important for what it tells us about the external world. Not so: poetry is important for its vindication of “all the rhythmic, phonetic, verbal and logical devices” that make it what it is, and the production of “alternative imaginary orders”. Anything else is flim-flam. It is not the job of poetry to deliver states of “inarticulate rapture”, but to be the articulation of that rapture.
Contemporary poetry is full of writers convinced they have access to “reality in its unmediated state”, under a process Forrest-Thomas calls “naturalisation”. Philip Larkin’s “Mr Bleaney” is “almost embarrassingly lucid”, and the thought that it represents the work of an “important poet” is “without foundation”. Ted Hughes fares no better, desiring to be mysterious “without letting it affect his technique”. We have naturalisation to thank for Larkin and Hughes being famous, and for Prynne and Andrew Crozier languishing where they do. / David Wheatley, The Guardian
Poetic Artifice is published by Shearsman (£16.95).
Felix Philipp Ingold zu seiner Neuübersetzung von Fjodor Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ (Dörlemann Verlag, Zürich 2016).
Im Unterschied zu früheren Eindeutschungen wurde vorrangig auf die sprachliche beziehungsweise stilistische Eigenart der „Aufzeichnungen“ geachtet, um der ungewöhnlichen Rhetorik des Erzählers optimal gerecht zu werden. Dazu gehört nicht nur die Ausdifferenzierung gesprochener und geschriebener, eigener und fremder sowie direkter und indirekter Rede, sondern auch die Wiedergabe der zwischen krudem Alltagsjargon, hochtrabender Intellektualität und hysterischer Selbstanklage ständig schwankenden stilistischen Register. Syntax und Rhythmus sollten mit all ihren Irregularitäten ‒ Defekten, Flüchtigkeiten, gewollten (oder auch ungewollten) Bruchstellen und Wiederholungen – möglichst authentisch erhalten werden. Auch die relative Unschärfe beziehungsweise die uneinheitliche Verwendung zentraler Begriffe in den Bedeutungsbereichen Verstand/Vernunft und Bewusstsein/Wahrnehmung/Erkenntnis wurden beibehalten. Übernommen wurden ausserdem die Besonderheiten von Dostojewskijs Interpunktion, die für die Akzentuierung und Rhythmisierung der polyphonen Rede bestimmend ist.
Im Deutschen kennt man den Text bisher mehrheitlich als „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ oder „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“. Die erste Übersetzung erschien 1897 unter dem willkürlich abgeänderten Titel „Aus dem Dunkel der Grossstadt“ (Aufzeichnungen eines Paradoxen) und 1923 folgte, fast ebenso willkürlich, „Die Stimme aus dem Untergrund“ (Aus den Papieren eines Untergrundmenschen). Mit den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ lag allerdings schon früher – im Rahmen der populären Piperschen Werkausgabe (1906-1919) ‒ eine Titelfassung vor, die nachmals für weitere deutsche Übersetzungen verwendet und entsprechend häufig zitiert wurde. In der umfangreichen Sekundärliteratur zu Dostojewskij hat sich keine klare Präferenz herausgebildet – „Kellerloch“ und „Untergrund“ sind noch heute gleichermassen akzeptiert, ebenso die Bezeichnung des anonymen Ich-Erzählers als „Kellerlochmensch“ beziehungsweise „Untergrundmensch“.
Wenn hier nun mit den „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ ein neuer, bisher nicht verwendeter Titel eingeführt wird, ist dies begriffskritisch wie folgt zu erklären und zu rechtfertigen. Wohl bezeichnet das Wort podpol’e eine Örtlichkeit, die „unter“ (pod) dem „Boden“ (pol) gelegen ist, doch ist der Begriff im Russischen durchweg politisch konnotiert, steht also generell für einen geheimen, einen versteckten Ort, der – wie im Deutschen – „Untergrund“ genannt wird und an dem sich in aller Regel nicht Einzelpersonen, sondern „untergetauchte“ Kampf- oder Diskussionsgruppen zusammenfinden; das davon abgeleitete Eigenschaftswort (podpol’nyj) bedeutet denn auch nichts anderes als „illegal“ (vorab „anarchistisch“, „revolutionär“) oder ganz einfach „verboten“.
Als „Untergrund“ lässt sich der Aufenthaltsort von Dostojewskijs Ich-Erzähler also nicht bezeichnen. Denn dieser haust – völlig legal ‒ in einer schäbigen Mietwohnung am Stadtrand Petersburgs und hat mit der dissidenten oder kriminellen Szene nichts zu schaffen. Auch liegt seine Wohnung (wie aus dem Text hervorgeht) keineswegs „unter dem Boden“, also im Soussol oder Kellergeschoss, vielmehr scheint es sich um das Hochparterre zu handeln, so dass von „Kellerloch“ keine Rede sein kann. Es ist kaum nachvollziehbar, dass und weshalb der Protagonist, der als Kanzleibeamter und Uniformträger einen eigenen Hausdiener beschäftigt, in den meisten bisherigen Übersetzungen und Analysen der „Aufzeichnungen“ in einem unterirdischen Verlies verortet wird – er richtet sich nicht in einer Unterwelt ein, um mit Gleichgesinnten eine wie immer geartete, auf gesellschaftspolitischen Wandel angelegte Opposition zu bilden, vielmehr vertritt und rechtfertigt er eine radikal egozentrische Gegenwelt, die jeglicher System- und Normbildung, jeglichem common sense, jeder Konvention und jedem Kompromiss abgeneigt ist.
„Untergrund“ und „Kellerloch“ sollen in dieser Neuausgabe der „Aufzeichnungen“ durch den allgemeiner geltenden Begriff des Abseits ersetzt werden. Es handelt sich dabei um einen selbstgewählten abgelegenen Aufenthaltsort, einen Ort des Rückzugs wie auch der Selbstbesinnung, der bei seinem Bewohner gleichermassen soziale Distanzierung (oder Inkompetenz) und individuelle Überheblichkeit vermuten lässt. Der Erzähler wird damit von falschen politischen Konnotationen befreit, er ist kein regimefeindlicher Verschwörer oder Untergrundkämpfer, sondern ein ebenso konsequenter wie exzentrischer Einzelgänger, ein Querdenker und Provokateur, man könnte auch sagen – ein typischer, nirgendwo behauster Intellektueller, der (wie er selbst eingesteht) unentwegt „spricht und spricht und spricht“, sich aber zu keinerlei produktiver Tätigkeit von gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Nutzen aufraffen kann. Die „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ sind das beredte, noch heute gültige Zeugnis dafür.
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
18
SHall I compare thee to a Summers day? Thou art more louely and more temperate: Rough windes do shake the darling buds of Maie, And Sommers lease hath all too short a date: Sometime too hot the eye of heauen shines, And often is his gold complexion dimm’d, And euery faire from faire some-time declines, By chance, or natures changing course vntrim’d: But thy eternall Sommer shall not fade, Nor loose possession of that faire thou ow’st, Nor shall death brag thou wandr'st in his shade, When in eternall lines to time thou grow’st, So long as men can breath or eyes can see, So long liues this, and this giues life to thee,
Einige Anmerkungen zum Text:
2 temperate a) mild, ausgeglichen b) lauwarm, nicht zu heiß und nicht zu kalt
3 Rough rauh
4 lease Pachtzeit, Ablaufdatum date Dauer
5 eye of heauen Himmelsauge, Sonne
6 complexion a) Gesicht, Antlitz b) Farbe, Aussehen
7 faire from … declines jedes Schöne verliert einmal seine Schönheit
8 vntrim’d der Schönheit (trimness) beraubt
10 ow’st ownest (besitzt) die Zeile bedeutet also „noch wirst du die Kontrolle über die Schönheit die dir eigen ist, verlieren“
11 brag prahlen wandr’st in his shade Anspielung auf Psalm 23, 4: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (King James Bible: Yea, though I walk through the valley of the shadow of death, I will fear no evil: for thou art with me; thy rod and thy staff they comfort me.)
12 eternall lines a) haltbare Verse b) Abstammungslinien. Die Lobverse und die Nachkommenschaft zusammengewachsen. to time thou grow’st du wächst zu einem lebendigen Teil der Zeit heran.
14 this dieses Sonett
Deutsche Fassung von Stefan George:
Soll ich vergleichen einem sommertage
Dich der du lieblicher und milder bist?
Des maien teure knospen drehn im schlage
Des sturms und allzukurz ist sommers frist.
Des himmels aug scheint manchmal bis zum brennen ˙
Trägt goldne farbe die sich oft verliert ˙
Jed schön will sich vom schönen manchmal trennen
Durch zufall oder wechsels lauf entziert.
Doch soll dein ewiger sommer nie ermatten:
Dein schönes sei vor dem verlust gefeit.
Nie prahle Tod – du gingst in seinem schatten..
In ewigen reimen ragst du in die zeit.
Solang als menschen atmen ˙ augen sehn
Wird dies und du der darin lebt bestehn.
Neu: Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas
Heft 1/2016, Jg. 11 (65), Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
17,00 EUR
Der wissenschaftliche Schwerpunktteil dieser Ausgabe verhandelt und perspektiviert das Thema „Rumäniendeutsche und Nationalsozialismus“. In den zugehörigen Beiträgen wird das bislang häufig umgangene Forschungsgebiet theoriebasiert kartiert und anhand von Fallbeispielen beleuchtet. Im Ressort Literatur sind mit Franz Hodjak, István Kemény oder Tom Schulz namhafte Lyriker mit bislang unveröffentlichten Texten vertreten. Zweisprachig abgedruckt sind Lyrik- und Prosa-Übertragungen von Orsolya Kalász und Monika Rinck aus dem Ungarischen. Die Faszinosa der Raum- und Sprachvernetzung setzen sich im Kulturteil der Spiegelungen fort: Betrachtungen richten sich auf bildende Kunst, Musikleben, Theaterlandschaft und Aspekte der Kulturpolitik im Donau-Karpaten-Raum – etwa in einem ausführlichen Interview mit dem Bildhauer Ingo Glass oder einem Widmungsgedicht von Eugen Gomringer.
Aus dem Inhalt
Wissenschaftlicher Themenschwerpunkt: Timo Hagen: Die Führung der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien im Umgang mit Opposition und völkischem Gedankengut zwischen 1919 und der Etablierung des Nationalsozialismus 1933 / Ulrich A. Wien: Kirche und Politik im Verständnis der Bischöfe Viktor Glondys und Wilhelm Staedel / Dirk Schuster: Siebenbürgen im überregionalen Kontext. Thesen für einen Paradigmenwechsel – am Beispiel der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien für die Zeit des Nationalsozialismus / Hannelore Baier: Dubiose Konkurrenz: Arisierung versus Rumänisierung in der Zeit des Antonescu-Regimes / Corneliu Pintilescu: NS-Propaganda in der siebenbürgisch-sächsischen landwirtschaftlichen Presse. Fallstudie: Landwirtschaftliche Blätter
Quellen / Projektwerkstatt / Rezensionen / Berichte
Literarische Texte: Lyrik von Franz Hodjak, Kristiane Kondrat, Horst Samson, Tom Schulz, Orsolya Kalász, István Kemény, Katalin Ladik und Mário Z. Nemes / Prosa von Janos Háy und Tom Schulz / Illustrationen von Annemarie Otten
Kultur: Eugen Gomringer: ingo glass (Gedicht) / Borbála Cseh: Der Bildhauer Ingo Glass / Georg Aescht: Peter Motzan zum Siebzigsten / David Denk: Wilhelm Droste hat mich bekehrt / Franz Csiky: Bretter, die die Zeit bedeuten / Horst Samson: Das Ende vom Lied / Claudia Maria Riehl: Schaufenster „Enkelgeneration“ / Besprechungen / Rundschau / Aus dem IKGS
Herausgegeben von Florian Kührer-Wielach unter Mitwirkung von Juliane Brandt, Enikő Dácz und Angela Ilić im Auftrag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Redaktion: Georg Aescht (Ressortleitung Literatur), Juliane Brandt, Enikő Dácz (Ressortleitung Wissenschaft), Sarah Hummler, Angela Ilić, Florian Kührer-Wielach (verantwortlicher Redakteur und Ressortleitung Kultur), Doris Roth (Besprechungen), Joachim Schneider, Anton Sterbling.
Der Schriftsteller und Surrealist Raymond Queneau ließ in seinen „Stilübungen“ hundert Mal dieselbe Szene in der Metro stattfinden – als Haiku, Ode, Schauerroman. Das Werk ist jetzt neu übersetzt worden. (…)
Queneau, der späte Surrealist und erklärte „Pataphysiker“ (im Geist des Frühabsurden Alfred Jarry), der hauptberuflich im Pariser Gallimard Verlag für die große lexikalische Encyclopédie de la Pléiade die Bände zur Weltgeschichte der Literatur verantwortet hat, er ist nun durch eine ambitionierte Neuübersetzung wiederzuentdecken. Was in Helmlés erster Version der „Stilübungen“ mit dem Titelzusatz „Autobus S“ im Jahr 1961 noch eine gerade 165-seitige Broschur im Taschenbuchformat war, ist nun zu einem schmalen, doch ausgewachsenen Hardcover-Bändchen geworden … / Peter von Becker, Tagesspiegel
Raymond Queneau „Stilübungen“. (Erweitert und neu übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Suhrkamp Verlag, Berlin, 215 Seiten, 22 €).

Die Jury hat getagt:
Andra Schwarz, Sylvia Geist und Thomas Kunst
sind die Favoriten für den „poet in residence 2017“
und stellen sich am
05.11.2016 um 19 Uhr
im KulturHaus Loschwitz
dem Publikum zur Wahl!
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