Digest 27.-30.6.

In Hausach

„Ich bin beseelt von dem heutigen Nachmittag“, schwärmte dann auch José F. A. Oliver als Macher des Leselenzes. Das Publikum sei Zeuge „von Literatur der Welt und Weltliteratur“ geworden. Mit beeindruckender und junger deutscher Lyrik ging der sehr schöne Poetik-Marathon auf die Zielgerade. (…)

„Ich beginne mit der Theorie des Waldes, die ich erstmals den Praktikern im Schwarzwald vorstelle“, eröffnete Tim Holland seine Lesung. Leicht und ohne Schnörkel las er: „Vollwertiger Wald ist umbaumter Raum; wer am Fluss sitzt sollte mit Steinen werfen; Wasser gibt es wie Sand am Meer; vor lauter Lichtung sieht man den Wald nicht mehr.“

Die tiefgreifende Erkenntnis: „Der Maulwurf sieht nur mit den Händen gut – das wiesentliche ist für den Maulwurf unsichtbar“ amüsierte das Publikum. Für die abschließende Erkenntnis: „Wald ist die neue Weltordnung“ gab es viel Applaus.

Der glänzende Schlusspunkt dieses Leseblocks im tagfüllenden Format „Vom poetischen Wort“ oblag Dagmara Kraus, deren Texte durch ihren Leserhythmus einen besonderen Klang bekamen. / Christine Störr, Schwarzwälder Bote

Umtriebe in Zürich

Die Frankfurter Rundschau meldet, daß ein Redakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor 65 Jahren über die Veranstaltung mit drei DDR-Dichtern im Lokal „Zur Eintracht“ berichtete – nicht für seine Zeitung, sondern für den Nachrichtendienst der Züricher Stadtpolizei, der ihn wiederum an die Schweizerische Bundesanwaltschaft weiterleitete.

Der erste Eintrag in den Überwachungsakten der Bundesanwaltschaft über Johannes R. Becher etwa stammte bereits vom Dezember 1919. Das damalige Politische Department der Schweiz hatte einen Vermerk über den „kommunistisch eingestellten Schriftsteller“ verfasst.

Anlass war seine Erwähnung in einer Korrespondenz, die der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin vom preußischen Staatskommissär für öffentliche Ordnung zugegangen war. Bis 1935 entstanden dann noch weitere Berichte über Becher. Darin ging es etwa um zwei Gerichtsverfahren, die in Deutschland 1925 und 1927 gegen den Dichter „wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Veröffentlichung revolutionärer und gotteslästerlicher Schriften durchgeführt“ wurden, sowie um seine Mitgliedschaft im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“. 1947 wurde in den Akten vermerkt, dass sich Becher während der Nazizeit in Moskau aufgehalten habe und als „Vertrauensmann“ der Russen gelte.

Auch in Stephan Hermlin vermuteten die Behörden in Bern stets einen kommunistischen Umstürzler. Hermlin, der eigentlich Rudolf Leder hieß und aus einer jüdischen Familie stammte, hatte sich schon frühzeitig den Kommunisten angeschlossen. 1936 ging er ins Ausland, sieben Jahre später floh er in die Schweiz. Dort steckten ihn die Behörden bis Kriegsende ins Internierungslager bei Wallisellen.

Arnold Zweig hingegen, 1951 längst ein hochberühmter Schriftsteller („Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „Erziehung vor Verdun“), war den im Berner Bundesarchiv überlieferten Akten zufolge für die Schweizer Staatsschützer ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Über den jüdischen Dichter und Pazifisten vermerkte die Züricher Stadtpolizei lediglich, er sei ein kommunistischer Schriftsteller, „welcher in der kryptokommunistischen Friedensbewegung eine maßgebende Rolle spielt“.

(…) Wie die Akten belegen, wurden die drei Schriftsteller während ihres Schweiz-Aufenthaltes bis ins Hotel hinein observiert, auch über ihre Gesprächspartner sind Vermerke gefertigt worden. Anfang Juli 1951 reisten die drei Autoren schließlich unbehelligt in die DDR zurück.

Becher kam danach bis zu seinem Tod 1958 nicht mehr in die Schweiz. Hermlin hingegen reiste öfter ein, auch zu Lesungen. Ab den 70er Jahren machte er zudem regelmäßig Urlaub mit der Familie im Sommerhaus von Verlegerfreund Klaus Wagenbach im Tessin. Jeder Aufenthalt Hermlins, das lässt sich im Bundesarchiv in Bern nachlesen, wurde vom Schweizer Staatsschutz sorgsam überwacht und in den Akten protokolliert.

Auch Arnold Zweig, dessen Sohn Adam in Zürich lebte, kehrte noch ein paar Mal zu Urlaubsaufenthalten in die Schweiz zurück. Den Akten zufolge soll sich der bereits schwerkranke Schriftsteller nach dem niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR sogar mit dem Gedanken einer Übersiedlung in die Schweiz getragen haben. Doch die eidgenössischen Behörden lehnten das ab – „aus Überfremdungsgründen“ und weil es sich bei Zweig um einen „bekannten linksgerichteten Schriftsteller“ handele. „Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Dr. Thomas Mann, Kilchberg, als Referenz angegeben wird“, heißt es in einem Vermerk der Züricher Stadtpolizei.

Ein Gedicht darf alles

Die Siebenbürgische Zeitung sprach mit Horst Samson:

Sind Sie ein politischer Dichter? Soll bzw. darf Poesie politisch sein?

Dichtung ist allein schon durch ihre Existenz und gesellschaftliche Präsenz ein Politikum. Ich bin in meinem Schreiben der Welt und mir zugewandt und reibe mich als Subjekt an den mich umgebenden, prägenden, inspirierenden auch provozierenden Zuständen und an der grundsätzlichen Verfasstheit unseres Lebens. Wenn wir der Vokabel Politik nicht Agitation, Propaganda, Reklame subsummieren, dann bin ich auch ein politischer Dichter. Prof. Johann Holzer aus Inns­bruck, der einen exzellenten Aufsatz über mein Buch „La Victoire. Ein Poem“ geschrieben hat, ein großes poetisches, aber auch ein dezidiert politisches Buch, bringt in diesem Zusammenhang unter anderem Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ins Spiel. Das hat mich nicht nur gefreut, sondern auch stark bewegt. Die Bewunderung für den Meister des politischen Gedichtes versuchte ich ja nicht von ungefähr auch schon im Titel meines Buches anklingen zu lassen: „Ein Poem“. Zur Frage also, ob Poesie politisch sein dürfe, ein eindeutiges Ja. Warum auch nicht? Es sollte aber nicht plakativ, billig oder flach sein, etwa wie das von Günter Grass als Gedicht deklarierte agitatorische Pamphlet „Was gesagt werden muss“. Trotz des Agitprop aber bleibt gültig: Ein Gedicht darf alles, es ist frei, frei zu sein, wie es ist. Alles andere ist nachrangig.

Vietnam-amerikanische Schriftsteller gegen Marginalisierung

Linh Dinh, geboren 1963 in Saigon, kam mit 11 nach Philadelphia. Entfremdung und Gewalt waren seine ersten Erfahrungen in der neuen Heimat. Er berichtet über die Frustrationen beim Versuch, die oft ignorierten Stimmen aus Vietnam zu Gehör zu bringen. „Es gibt eine Faszination für den nordvietnamesischen Soldaten und eine komplette Ignoranz, wenn nicht Verachtung für den südvietnamesischen. Aber so ist das Schicksal des Verlierers.“ In der amerikanischen Kultur, in Filmen wie Apocalypse Now, Full Metal Jacket  und Platoon, kommen Vietnamesen nur als gesichtslose Nullen vor, die GIs durch den Dschungel jagen. / Southeast Asia Globe

Ich, Bertolt Brecht

… bisher kannte man drei Gedichte von Brecht, die mit diesen Worten beginnen. Nun wurde ein weiteres entdeckt und in der Akademiezeitschrift „Sinn und Form“ erstveröffentlicht: Es ist die Urform der später erschienenen Gedichte. Brecht schrieb es im Sommer 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, als er vom Kriegsdienst befreit war und angesichts des Elends in Europa seine Empörung ausdrücken wollte: „Von Kind an eher scheu als frech,/ich, der ich Wohlleben gewohnt war,/noch beinah nichts vom Leben litt/eh’r wie ein rohes Ei geschont war/beschwere ich mich dennoch hiermit.“ / Die Presse

Gestorben

Die irische Autorin Leland Bardwell starb im Alter von 94 Jahren. Sie veröffentlichte Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und Kurzgeschichten. 1975 gründete sie mit Eiléan Ní Chuilleanáin, Pearse Hutchinson und Macdara Woods die Zeitschrift Cyphers. / Irish Times

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