Growing charm of Dada

The group, which became known as Dadaists, consisted of three Germans (Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Emmy Hennings), one Alsatian (Hans Arp), two Romanians (Marcel Janco and Tristan Tzara), and the Swiss Sophie Taeuber. They were soon joined by Walter Serner, an Austrian born in Bohemia. The youngest, Tzara, was twenty; Hennings was the oldest at thirty-one. All were united in their loathing of the war.

(…)

In spite of many statements to the contrary, most Dadaists seem to have wanted to create a new art that would have nothing to do with former styles and notions. In order to find it, they absorbed or invented many new means of expression: abstraction; photomontage; collage; assemblage; frottage; typography; glossolalia; phonetic, concrete, visual, and simultaneous poetry; conceptual art; the readymade; the drawing and painting of invented machines; happenings; performance art; and kinetic art, including film. No less crucial was the inspiration that came from African artifacts, from the art of the insane, and the drawings of children—an inspiration that proved fundamental to many visual artists of the twentieth century. There was an overwhelming need for the wild, the simple, and the unreflective. / Alfred Brendel, The New York Review of Books

EXHIBITIONS AND CATALOGS DISCUSSED IN THIS ARTICLE

Dadaglobe Reconstructed

an exhibition at the Kunsthaus Zürich, February 5–May 1, 2016; and the Museum of Modern Art, New York City, June 12–September 18, 2016
Catalog of the exhibition by Adrian Sudhalter and others
Scheidegger and Spiess/ Kunsthaus Zürich, 160 pp., $59.00 (distributed in the US by University of Chicago Press)

Dada Universal

an exhibition at the National Museum Zurich, February 5–March 28, 2016

Kurt Schwitters: Merz

an exhibition at the Galerie Gmurzynska, Zurich, June 12–September 30, 2016
Catalog of the exhibition edited by Krystyna Gmurzynska and Mathias Rastorfer
Galerie Gmurzynska, 174 pp., CHF60.00

Dada Africa: Dialogue with the Other

an exhibition at the Museum Rietberg Zürich, March 18–July 17, 2016; and the Berlinische Galerie, Berlin, August 5–November 7, 2016
Catalog of the exhibition edited by Ralf Burmeister, Michaela Oberhofer, and Esther Tisa Francini
Museum Rietberg Zürich/Berlinische Galerie/Scheidegger and Spiess, 243 pp., $40.00 (distributed in the US by University of Chicago Press)

Genesis Dada: 100 Years of Dada Zurich

an exhibition at the Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Germany, February 14–July 10, 2016
Catalog of the exhibition edited by Astrid von Asten, Sylvie Kyeck, and Adrian Notz
Scheidegger and Spiess, 247 pp., $45.00 (distributed in the US by University of Chicago Press)

Literaturpreise der Bretagne

Der Bretonische Schriftstellerverband vergab am 15.10. in Locquirec seine sechs Literaturpreise 2016. Der Poesiepreis Angèle Vannier (Prix de poésie Angèle Vannier) geht an Gérard Cléry für Roi nu(l), (Librairie-Galerie Racine). Erster Finalist des Prix Angèle-Vannier ist Guy Allix für Le sang le soir, 2. Finalist Christian Le Roy für Gaëls.

Der „Grand prix du roman“ geht an Gérard Prémel für L’été de l’exode (éditions Diabase), der Prix du breton an Riwal Huon pour Merc’hed gwisket e du (Al Liam), der Prix Pierre Jakez Helias an Isabelle Pirot für La chair et la grâce (Salvator) und der Prix Anne de Bretagne an Jérôme Lucas für La fée électricité entre dans les campagnes bretonnes (Récits). Der Prix du gallo (Gallo ist die romanische Sprache der Bretagne) wurde in diesem Jahr mangels geeigneter Kandidaten nicht vergeben. / Agence Bretagne Presse

Brigitta Falkner im Attico

Ungefähr im Monatsrhythmus präsentiert Theresia Prammer im „Attico“ Positionen zeitgenössischer Poesie. Marcel Beyer, Michael Donhauser, Monika Rinck, Ann Cotten, Paulus Böhmer, Tadeusz Dąbrowski, Farhad Showgi ua. waren schon da. Am 4.11. Brigitta Falkner

Freitag, 4. November 2016

SCHMUTZIGE TRICKS

von und mit

Brigitta Falkner

Beginn: 20h

Aus: TOBREVIERSCHREIVERBOT – Palindrome

Das Werk der Wiener Dichterin Brigitta Falkner, in dem Texte, Zeichnungen, Fotos, Kurzfilme und Comics einander wechselseitig erhellen, unterwirft sich regelhaften Schreibverfahren mit einer großen Ungezwungenheit sowie mit sicherem Instinkt für aberwitzige Fügungen und eingeschliffene Denkmuster. So erscheinen die Palindrome, Lipogramme und Anagramme in Tobrevierschreiverbot (1998), Fabula Rasa oder Die methodische Schraube (2001) und Bunte Tuben (2004) im Licht materialanalytischer Kombinatorik, während die aus realen Materialien kombinierten und sukzessive abfotografierten Spielformen der Populären Panoramen (2010) stets eine zugrundeliegende Grammatik erkennen lassen. In den schon älteren Comics schließlich erstrecken sich Falkners Sprachsensoren hintersinnig über Manifestationen des Alltäglichen, etwa wenn sie falsche Versprechen aus kommerziellen oder ideologischen Zusammenhängen treffsicher durch hellhörige Verbalattrappen entlarvt. So sucht sie das Individuelle im Seriellen, das Stereotype im Subjektiven sowie das Substituthafte im Authentischen auf, kurz: erntet stupend die Stilblüten, mit denen sich ein Verweilen in festgefahrenen Verhaltensmustern zu Sinn und Substanz zurechtlügen läßt. In ihrem aktuellen Projekt Strategien der Wirtsfindung richtet die Autorin ihren Blick auf mikroskopische Verschiebungen innerhalb bewusst gewählter Ausschnitte oder Sichtfenster, in denen sich ein beinahe blickdichtes, phantastisch vielschichtiges Geschehen entspinnt. Text und Bild stehen in einem parasitären Verhältnis, wobei das geheime Treiben der Zeichen durch die Feder der Zeichnerin über sich hinauswächst.

Im Attico wird Brigitta Falkner audiovisuelle Arbeiten aus den letzten Jahren, Kurzfilme und animierte Bildtexte zeigen.

Brigitta Falkner, geboren 1959 in Wien, lebt in Wien. Sie ist Autorin von Büchern, Kurzfilmen, Comics und Zeichnungen. Ihre Veröffentlichungen umfassen unter anderem die folgenden Bände: Anagramme Bildtexte Comics (Das fröhliche Wohnzimmer 1992); TOBREVIERSCHREIVERBOT – Palindrome (Ritter Verlag 1996); Fabula rasa oder Die methodische Schraube (Ritter Verlag 2001); Bunte Tuben (Urs Engeler Editor 2004); Populäre Panoramen I (Klever Verlag 2010). Mit ihrem bildnerischen Werk war sie auf zahlreichen Sammel- und  Einzelausstellungen vertreten (zuletzt: Literaturhaus Graz 2015, Literaturmuseum Wien 2016). Sie wurde ausgezeichnet mit dem Heimrad-Bäcker-Preis 2010, dem Preis der Stadt Wien für Literatur 2011 sowie dem Preis für Textfilm made in Austria 2014. Ihr Buch Strategien der Wirtsfindung erscheint im kommenden Frühjahr bei Matthes & Seitz in der Reihe „Naturkunden“.

ATTICO, Theresia Prammer
im Haus der Camaro-Stiftung
Potsdamer Straße 98a (Backsteingebäude im 2. Hof ganz hinten)
10785 Berlin

Dead at 84

Iconic poet, art critic, performance artist, and teacher David Antin has passed away at the age of 84, after a long struggle with Parkinson’s disease, reports the PennSoundDaily. (…)

Born in New York City in 1932, Antin’s body of work stretches across the last 50 years, addressing notions of literacy, poetry and the contemporary. He was most famously known for his “talk poems,” improvised, spoken-word performances that drew from his knowledge of philosophy and art theory, as well as his own autobiography.

He would later record these and transcribe them for publishing. These pieces are included in the widely-read poetry collections Talking (1972), Talking at the Boundaries (1976), and What it means to be Avant-Garde (1993). / Skye Arundhati Thomas, artnet, October 14, 2016

Gedichte auf Deutsch habe ich nicht gefunden, nur diese Aufsätze:
  • „Pop“ Ein paar klärende Bemerkungen. In: „Das Kunstwerk“ 10-12 1966
  • Die wesentlichen Charakteristika des Mediums. In: Bettina Gruner und Maria Vedder (Hg.): Kunst und Video. Internationale Entwicklung und Künstler. Köln 1983, S. 32 – 49
Online Works

David Antin Soundfiles at PennSound 

Charles Bernstein, A Conversation with David Antin and Album Notes (Granary Books, 2002): full book: pdf

Archive of Antin recordings at Getty (streamable)

Entdeckungsreisen zum tschechischen Surrealismus

Ein Abend mit Petr Král

Moderation: Raoul Eshelman
Rezitation: Helmut Becker

Am Mittwoch, 2. November 2016 um 20 Uhr
Stiftung Lyrik Kabinett, Amalienstr. 83a

Eine Veranstaltung aus der Reihe: Papagei auf dem Motorrad – Poesie ist immer Avantgarde! Tschechische Lyrik im 20. Jahrhundert. Ein Kooperationsprojekt von Café Fra (Prag), dem Tschechischem Zentrum München und der Stiftung Lyrik Kabinett.

Der Surrealismus ist keine abgeschlossene avantgardistische Bewegung der 1920er Jahre, er lebt – und zwar in Prag. Der Dichter, Übersetzer, Essayist und Filmtheoretiker Petr Král, dort 1941 geboren, schloss sich in den sechziger Jahren der Prager Surrealistischen Gruppe an, welche zwar die grundlegende Idee ihrer Vorgänger weitertrug, jedoch weiterhin Avantgarde blieb. Král ging 1968 nach Paris, schreibt auf Französisch und ist Herausgeber zahlreicher Anthologien. Heute lebt er wieder in Prag. 2010 erhielt er den französischen Orden Commandeur des Arts et des Lettres.

Am Mittwoch, 2. November 2016 um 20 Uhr wird Petr Král im Lyrik-Kabinett München über den tschechischen Surrealismus der Nachkriegszeit sprechen und seine Poetik der „Fußgänger Metaphysik“ erhellen. Helmut Becker rezitiert aus eigens für diesen Abend angefertigten Übersetzungen der Gedichte, die Moderation übernimmt Raoul Eshelman (Professor für Slavistik an der LMU).

Die Lesung mit Petr Král ist die zweite Veranstaltung der Reihe „Papagei auf dem Motorrad“. Bei insgesamt vier Poesieabenden im Lyrik Kabinett werden Persönlichkeiten und Strömungen der tschechischen Dichtung vom Poetismus der 1920er Jahre bis heute präsentiert und die eindrückliche Kontinuität ihres avantgardistischen Potentials gezeigt. Programmatisch sollen dabei vor allem die Lyriker selbst das Wort haben.

Die Konzeption und Koordination des Projekts obliegt Dr. Zuzana Jürgens (Bohemistin; 2009–2014 Leiterin des Tschechischen Zentrums München).

Projektpartner: Café Fra, Prag, Institut für Slavische Philologie der Ludwig-Maximilian-Universität München, Tschechisches Zentrum München, Generalkonsulat der Tschechischen Republik in München

Mit freundlicher Unterstützung des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds in Prag und des Kulturministeriums der Tschechischen Republik.

Foto: Petr Král © Radek Brousil
Foto: Petr Král © Radek Brousil

 


Stiftung Lyrik Kabinett
Amalienstr. 83 a  80799 München (U3/U6 Haltestelle Universität)
www.lyrik-kabinett.dewww.facebook.com/lyrikkabinett

Eintritt: € 7 / erm. € 5 / Mitglieder Lyrik Kabinett: frei / Abendkasse, freie Platzwahl

Berliner Literaturpreis 2017 für Ilma Rakusa

Die Schriftstellerin Ilma Rakusa wird mit dem Berliner Literaturpreis 2017 geehrt. Das entschied jetzt die Preisjury der Stiftung Preußische Seehandlung, wie die Freie Universität Berlin am Freitag mitteilte. Ilma Rakusa nehme die mit dem Preis verbundene Berufung der Freien Universität Berlin auf die Gastprofessur für deutschsprachige Poetik im Sommersemester 2017 an. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert; die Verleihung ist für den 20. Februar 2017 vorgesehen.

Die Jury urteilte, Rakusa sei eine maßgebliche Stimme „jener auch von Migrationserfahrung geprägten vielsprachigen mitteleuropäischen Literatur, die durch nationalistischen Terror und kommunistische Diktaturen marginalisiert und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurde“. In ihrem literarischen Schaffen werde auf sensible und poetische Weise die kulturelle Vielfalt und Vielstimmigkeit Europas thematisiert. / Tagesspiegel

Poetopie

pass auf, dass du auf dem zielstrebigen Weg zu dir nicht verloren gehst

Hansjürgen Bulkowski

Internationaler Lyrikwettbewerb Castello di Duino 2017

Teilnahmebedingungen

  • Der Wettbewerb ist jungen Autor-Innen bis zum Alter von 30 Jahren vorbehalten.
  • Die Teilnahme ist kostenlos.
  • Der Wettbewerb ist thematisch. Das Thema der Ausgabe 2017, XIII Auflage,  ist:

 

“Von Generation zu Generation”

(Menschenleben und Natur – Private und gemeinschaftliche Geschichten, permanenter  Dialog oder schockartige Veränderungen – Erinnerungen, Emotionen, Gedanken)

Das Thema kann vollkommen frei behandelt werden

  • Teilnahmeberechtigt ist ein unveröffentlichtes und bisher  nicht prämiertes Gedicht mit maximal 40 Versen
  • Man kann an einer oder mehreren der in Folge genannten Sektionen teilnehmen.
  • Die Gedichte werden auch in der Originalsprache bewerten; sie müssen jedoch von einer englischen und/oder italienischen und/oder französischen und/oder spanischen Übersetzung begleitet werden. Bei Werken in italienischer Sprache ist eine englische Übersetzung willkommen, jedoch keine Teilnahmebedingung.
  • Eine internationalen Jury aus mehrsprachigen Lyrikern und Kritikern wird bemüht sein, die Werke in der Originalsprache zu bewerten.
  • Einsendeschluss ist der 31 Oktober 2016 (Eingang der Texte beim Veranstalter) .

(Fristverlängerung wahrscheinlich)

Der Wettbewerb, dessen Preisverleihung jährlich in Duino, dem Inspirationsort für Rilkes Elegeien stattfindet, ist eine Schnittstelle für internationale Begegnungen.

Link home.castellodiduinopoesia.org/bandi-stranieri

Die Organisatorin führt auch eine Tagung für junge TeilnehmerInnen (unter 35 J.) durch – “Youth Culture and Institutions”, Trieste, 1 – 3 December 2016 – III Edition Mehr

 

Five poets

What poets do you dig?

Rimbaud, I guess; W. C. Fields; The family, you know, the trapeze family in the circus; Smokey Robinson; Allen Ginsberg; Charlie Rich – he’s a good poet.

Bob Dylan in an interview, 1967

Another clipping:

The criticism that you have received for leaving the folk field and switching to folk-rock hasn’t seemed to bother you a great deal. Do you think you’ll stick to folk-rock or go into more writing?
I don’t play folk-rock.

What would you call your music?
I like to think of it more in terms of vision music – it’s mathematical music.

Would you say that the words are more important than the music?
The words are just as important as the music. There would be no music without the words.

Which do you do first, ordinarily?
The words.

Do you think there ever will be a time when you will paint or sculpt?
Oh, yes.

(…) Bob, you said you always do your words first and think of it as music. When you do the words can you hear it?
Yes.

The music you want when you do your words?
Yes, oh yes.

Do you hear any music before you have words – do you have any songs that you don’t have words to yet?
Ummm, sometimes, on very general instruments, not on the guitar though – maybe something like the harpsichord or the harmonica or autoharp – I might hear some kind of melody or tune which I would know the words to put to. Not with the guitar though. The guitar is too hard an instrument. I don’t really hear many melodies based on the guitar.

Zwei amerikanische Stimmen

“I’m the first person who’ll put it to you,” Bob Dylan said in a 1978 interview, “and the last person who’ll explain it to you.”

The Swedish Academy, which awarded Mr. Dylan the Nobel Prize in Literature on Thursday, has put it to us, and it has no explaining to do to most readers and listeners, however much they might have been pulling for Philip Roth or Don DeLillo or Margaret Atwood.

This Nobel acknowledges what we’ve long sensed to be true: that Mr. Dylan is among the most authentic voices America has produced, a maker of images as audacious and resonant as anything in Walt Whitman or Emily Dickinson. / Dwight Garner, New York Times

Bob Dylan does not deserve the Nobel Prize in Literature.

He does deserve the many Grammys he has received, including a lifetime achievement award, which he won in 1991. He unquestionably belongs in the Rock & Roll Hall of Fame, into which he was inducted in 1988 along with the Supremes, the Beatles and the Beach Boys. He is a wonderful musician, a world-class songwriter and an enormously influential figure in American culture.

But by awarding the prize to him, the Nobel committee is choosing not to award it to a writer, and that is a disappointing choice.

Yes, Mr. Dylan is a brilliant lyricist. Yes, he has written a book of prose poetry* and an autobiography. Yes, it is possible to analyze his lyrics as poetry. But Mr. Dylan’s writing is inseparable from his music. He is great because he is a great musician, and when the Nobel committee gives the literature prize to a musician, it misses the opportunity to honor a writer. / Anna North, New York Times

*) Prose poetry? Okay, kann man gelten lassen. Aus: Bob Dylan: Tarantula / Tarantel. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Zweisprachig. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1976 (Neuaufl. Hannibal Verl., 1995)

Homer sang

Die frühesten Sammler und Vortragenden von poetischen Inhalten waren in jedem Kulturkreis Sänger und Rezitatoren. Die Schrift, also Buchstabensysteme, die Lautsysteme repräsentierten und damit Inhaltsspeicher wurden, erzählen eine andere Geschichte von den Geschichten, ihren Anfängen und Verbreitungen. Auch eine viel jüngere. Denn: Im Anfang war das gesprochene Wort.

Auch heute ist das noch so, denn längst ist nicht die ganze Welt alphabetisiert. Dass man das tatsächlich schreiben muss, wenn es um Literatur geht, gar meint, sich schützend vor einen grossen Sänger stellen zu müssen, weil der den wichtigsten Literaturpreis der Welt erhalten wird, befremdet mich.

Vergessen scheinen die Aoiden der vorhomerischen und homerischen Zeit, die die Odyssee bei Gastgelagen sangen und denen der Dichter Homer lauschte, dann – die Wissenschaft ist sich beinahe sicher, dass es so gewesen sein muss – die besten Vortragsversionen verband und den Text schuf, der uns mit seinen 24 Gesängen über die Irrfahrten des Listenreichen zur Weltlektüre wurde.

Homer hätten die meisten Menschen den Nobelpreis für Literatur wohl ohne Zögern gegönnt, Bob Dylan bekommt heftigen Gegenwind. Die Windmaschine zeigt auf, dass wir dem Buchstaben viel mehr zutrauen, uns zu erhellen, zu bilden und zu erheben.

Das gesprochene Wort dagegen und damit all seine ephemeren und verstetigenden Produkte wie Konzerte, Reden, Rezitationen, Gesänge, CD, Radioproduktionen stellen wir eilfertig in die Ecke der Unterhaltung, des Amüsements, der leichteren Muse. Ein Lied ist kein Kapitel von, sagen wir, José Saramago, wir loben den Romanautor aber, wenn er musisch, gar lyrisch zu schreiben versteht.

Aber wehe, es entstehen «nur» Gedichte, also Zeilen, die man vielleicht heute noch zur Lyrabegleitung singen könnte. Das wäre albern, allzu «gering». Vor allem Nachkriegsdeutschland hat sich im Spannungsfeld (selbst-)auferlegten Appells des Dokumentarischen und Adornos Absage an die Möglichkeit des Gedichtes nach Auschwitz ganz der Prosa narrativ ausholender Männer anvertraut: Böll, Grass, Lenz, später Walser. Wenig Experiment wurde zugelassen und wenn, dann fast übersehen.

Die einzigen Erfindungen und damit wirklichen Innovationen in der deutschsprachigen Literatur wurden im Bereich der Lyrik getätigt: Dada und Konkrete Poesie, die sich in vielem anlehnen an das Sprachverständnis des Barock, also nicht von ungefähr kommen, und den Leserinnen und Lesern eine genaue Kontaktaufnahme mit der Welt des 20. Jahrhunderts ermöglichen. (…) / Nora Gomringer, Neue Zürcher Zeitung

Nichts gegen Dylan als Musiker

Ein Kommentar von Felix Philipp Ingold

Rund zwei Dutzend Autoren standen in diesem Jahr auf der Wettliste für den Literaturnobelpreis. Da die anstehenden Kandidaten in aller Regel für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden, stellt man sich – rein rhetorisch – die Frage, wer von den akademischen Juroren (und wer überhaupt) in der Lage ist, das zur Beurteilung beziehungsweise zur Belobigung vorliegende Textmaterial auch bloss durchzublättern, geschweige denn kritisch gegenzulesen – es dürfte sich dabei alljährlich um mehrere zehntausend Druckseiten handeln. Dass ein solches Lektüreprogramm auch für einen bestallten Akademiker, der mitentscheiden soll, wer den global gewichtigsten Literaturpreis inkl. Laudatio erhalten soll, nicht zu schaffen ist, liegt auf der Hand. Klar auch, dass allein aus diesem Grund die Qualitätskriterien stillschweigen verlagert werden – weg von den Texten, hin zu nichtliterarischen, eher zufälligen, den Autor als Person betreffende Gegebenheiten wie nationale oder kontinentale Zugehörigkeit, Gender oder politische Korrektheit. Derartige Prämissen sind allemal leichter auszumachen als künstlerische Verdienste, die anhand der Texte – und nur der Texte – dargelegt werden müssten. Der Literaturnobelpreis sollte, meine ich, Leistungen honorieren, die für die Literatur als Kunst erbracht worden sind. Sicherlich ist es für einen Nobeljuror weit weniger aufwendig, sich ein paar „poetische“ CDs von Bob Dylan anzuhören als sich auf die unvergleichliche, widerständige, grossartig „instrumentierte“ Dichtung eines Dylan Thomas einzulassen, dem denn auch der Preis der Schwedischen Akademie ebenso versagt geblieben ist wie einer Marina Zwetajewa oder – im Bereich der Erzählkunst – einem Cesare Pavese, einer Clarice Lispector. Wer nun die Auszeichnung des US-amerikanischen Songpoeten zum Anlass nimmt, die Akademie zur „Erweiterung“ oder „Öffnung“ ihres Literaturbegriffs zu beglückwünschen, übersieht, dass Öffnung und Erweiterung gerade in den Künsten eher zur Verluderung denn zur Stärkung führt. Nichts gegen Dylan als Komponisten und Interpreten – den Grammy hat er wohl schon mehrfach bekommen, aber was eigentlich soll ihm (und der Literatur) der Nobelpreis bringen?

Ehrpusselig

KUNO hat einen ehrpusseligen Literaturbegriff und spricht den Songtexten von Bob Dylan das Lyrische ab: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=36281

Poetry is the most popular art form

Der brasilianische Autor Ricardo Domeneck schreibt über den Nobelpreis

Apologies in advance, but this subject is very close to my heart, so I might be returning to this a few times this week:

An anecdote first: I had been asked to write about the new Nobel Prize winner for Deutsche Welle as soon as it was announced, but I knew I would be in a car driving through the Alpes from the small village of Aiglun to Grenoble (where I perform tonight), so I tuned in the radio on „Culture“. The reception was terrible, the news were in French, every three seconds there was nothing but static, and everyone in the car was helping me, trying to make out the name. I seemed to catch a French-pronounced „Dilán“ and went „That can’t be Dylan Thomas, so it must be Bob Dylan!“. My friends in the car were incredulous, but I knew the man had been on the list since the 90s. We weren’t sure till my friend Joshua Leon sent me a text message that read simply „Bob Dylan“, as I had asked him to please do in case I missed the announcement. So there I was, driving through troubadour country, when Dylan was announced as the winner. First, I confess, I was just relieved, cuz that was someone I could write about even in a hurry. So my fellow travelers were kind and understanding, and we stopped the car in a small village called Mallemoisson and found a hotel/restaurant with internet so I could write the article and send it. In troubadour country. Would my reaction have been different if I were in minnesänger country, or literatura-de-cordel country? Probably not.

Irony that has not escaped my love for sarcasm: The author of „Masters of War“ has just received the highest literary accolade financed by DYNAMITE money. But that irony takes place every year when they award the Legacy-Make-Up-for-Alfred-Nobel (Peace) Prize. Of course, except when they awarded Barack Obama while he was waging war in a few countries.

And as Jörg Piringer has said: a recorded poet wins the Nobel, welcome to the 21st century!

So, yes, I am happy, not exactly for Bob Dylan, who does not need this prize (his work is loved, his legacy is secure), but for the recognition of the survival of the oral tradition among us. As I always say: poetry is the most popular art form in the planet, it has always been and will always be: but the poetry of the oral tradition, because the population of the planet never left it despite the silly fallacious historical narratives of old academics trying to say it died among us with the shipwreck of the troubadour tradition during the turmoils of the Great Plague. Nonsense. Sheer nonsense. The oral tradition is alive and well, while people discuss the „death of the novel“. What? You just arrived, dear novelists, a few of centuries ago and you’re already tired?! We poets have been working for millennia!

But Dylan does not need this prize, and here is where there is a catch for my joy: does the Swedish academy realize the world is bigger than its Northwest? Yet another white man composing in imperial English?

So, yes, I am happy, but not quite. Yes, yes, I know it is just a prize, it doesn’t mean much. But well, actually it does. These things have a lot of power: power that could be used to save things which are important and we are losing.

Let us forget about nations for a second. I do not care about nations, and therefore I don’t really care about national literatures. Yes, Sweden is a farm with 1 king plus 9 million subjects plus 7 Nobel prize winners in Literature. Brazil has 1 non-president plus 200000 subjects + 0 Nobel prize winners in Literature. There are more people in a couple of neighborhoods of São Paulo than in the entire country of Sweden, but as far as literature in the eyes of the Swedish Academy is concerned, Brazilians could all be trees. But, this is again talking in terms of nation.

What matters is language. What languages have won the prize? Here is the list (everyone loves lists):

English 27
French 16
German 13
Spanish 11
Swedish 7
Italian 6
Russian 6
Polish 4
Danish 3
Norwegian 3
Chinese 2
Greek 2
Japanese 2
Arabic 1
Bengali 1
Czech 1
Finnish 1
Hebrew 1
Hungarian 1
Icelandic 1
Provençal 1
Portuguese 1
Serbo-Croatian 1
Turkish 1
Yiddish 1

Let’s not even get started in terms of gender and race, cuz this will get embarrassing for the blonds up there in the farm. I mean, the Academy has turned their eyes to Africa 3 times. Twice, they managed to award white writers. I mean, with all due respect to Coetzee, who will argue this was an unquestionable choice?

We are losing languages and all the epics and lyrical poems therein at a maddening rate. Imagine all the Odysseys and Popol Vuhs we have lost FOREVER!

Imagine if the Stockholm academics scanned the world looking for poems and works we are overlooking, bringing these works to our goldfish-attention span, instead of getting all excited once a year about being on TV and having dinner with the King and a famous writer.

But the mentality of the Academy is still a 19th century mentality, it is colonialistic and at this point we can call it nothing short of downright racist.

I am probably killing my chances here, but oh well, with the melting of ice in the poles Stockholm will be under water anyway by the time I get to the right age.

Das ist die Krönung

Beitrag von Mario Osterland (Novastation)

Ich bin ja auf eine etwas schrullige Art und Weise ein Fan von lebenden Anachronismen, insofern sie sich auf Rituale und Prozedere beziehen. Das verbindet mich mit den unzähligen ungläubigen Vatikanfans. Was an sich eine makabere Note hat, denn somit bringt der Tod des Papstes (der ja auch (nur) ein Mensch ist) auch immer die Freude mit sich, das Konklave „mitzuerleben“. Ein Vorgang, der mich mehr interessiert und unterhält als 95% aller halbwegs interessanten Unterhaltungsprogramme.

Ähnlich geht es mir bei der alljährlichen Literaturnobelpreisvergabe. Die Webcam auf die immergleiche Tür der Schwedischen Akademie gerichtet, wie die Augen der Welt auf den Kamin der Sixtinischen Kapelle. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass im Vatikan schwarzer Rauch aufsteigt und keiner rauskommt oder weißer Rauch aufsteigt und einer rauskommt der verkündet. In Stockholm kommt erst eine/r raus, dann wird verkündet und dann entscheidet die (kulturelle) Welt, ob die Entscheidung nun schwarzen oder weißen Rauch verdient. Meistens grau.

Und als gestern Mittag punkt 1 und keine Minute früher (auch so ein herrliches Detail), die goldene Pforte sich öffnete und Sara Danius verkündete „Habemus Dylan!“ bin ich fast vom Stuhl gekippt. Gaudium magnum!

(Es sollte ähnlich wie bei der Papstwahl eine feste Verkündungsformel für den Nobelpreis geben.)

Damit hatte wohl keiner mehr gerechnet. (Mein Tipp war Adonis.) Umso größer war und ist meine Freude über diese Entscheidung. Und warum auch nicht? Dylan hat mehr gemacht als Lieder zu schreiben – und macht er ja immer noch (kein unwichtiges Detail; ich komm gleich drauf zurück) – nämlich eine eigene narrative Welt entworfen, inkl. Figuren, settings, plots, wiederkehrenden Symbolen und Motiven und fast unendlichen Variationen. Und! – mit lyrischen Ichs, die für Generationen als Identifikationsfiguren und Projektionsflächen funktioniert haben. So mitunter… Holden-Caulfield-mäßig. Das alles von Beginn an und ganz konsequent in einer Art Doppeltradition aus amerikanischem Songwriting und europäischer Literatur.

Auf die Überraschung der Bekanntgabe folge bei Facebook dann aber die Überraschung der Aufnahme. Zumindest meinerseits. „Eine Verhöhnung der echten Schriftsteller.“ „40 Jahre zu spät.“ „Nach Blood on  the Tracks (1975) wäre gerechtfertigt gewesen.“ „In einer Welt in der Dylan den Nobelpreis bekommt, kann auch Trump Präsident werden.“ Und – Obacht! „Dylan ist der Pegida des Pop.“ (sic!) [Kurzbegründung zum Pegida-Kommentar: Missbrauch afroamerikansicher Musikkultur.]

Uff.

Dabei dachte ich, dass gerade in der literarischen Welt (und hier vor allem unter Dichtern) ungeteilte Freude darüber herrschen müsste, dass die Jury in Stockholm endlich die Gattungsscheuklappen abgenommen hat. Ich meine, da diskutieren wir seit Jahren darüber was moderne Literatur ist oder sein kann oder nicht oder wie auch immer… und dann offenbart die Nobelpreisentscheidung, dass für manche Kollegen ein tiefer Graben zwischen „echter“ Literatur und narrativem Songwriting verläuft.

Lyrik, Prosa, Dramatik, Collage, Montage, Reportage, Essay, Soundpoetry… alles kann mit allem verbunden und gemixt werden. Sprache als Material. Keine Grenzen bei der Beschreibung/Bedichtung einer immer komplexer werdenden Welt etc. etc. – Aber Liedtexte? No way…!? Das finde ich schon arg… kleinlich.

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu äußerte sich so: „Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist […]. Aber es tut mir so leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten.“

Es scheint also einen Unterschied zu geben, zwischen „großen Dichtern“ und „wahren Schriftstellern“. Aha. Das ist absurd. Dass „wahre Schriftsteller“ Dylan nicht als einen von ihnen anerkennen wollen… weil er seine Texte auf CDs statt in Buchform veröffentlicht? Ich verstehe das einfach nicht. Verstehe die Trennung, den Ausschluss, die Kategorisierung nicht.

[Und da will ich nicht mal mit dem Lyrik-Lyra-Gesang-zum-Spiel-der-Leier-Ursprung anfangen. Wobei mich jetzt schon mal wieder die Frage interessiert, was in den Augen von Autoren und in den Ohren von Lesern/Hörern einen Dichter zum Dichter, Dichtung zur Dichtung macht. Und warum das Ganze von wahrer Schriftstellerei zu trennen ist…]

Vielleicht geht’s aber auch gar nicht um Dylan, sondern um den Literaturnobelpreis an sich. [Die Kritik an ihm ist ja bekanntlich mindestens so alt, wie der Preis selbst. 3 Euro ins Phrasenschwein – Ich weiß.] Die Angst, dass der jetzt aufgeweicht wird und nur noch gefällig poppige Leute die Medaille bekommen. Untergangsängste.

Dazu denke ich… Dylan ist nicht wirklich Pop. Also im Sinne von Helene Fischer oder Coldplay. War er vielleicht mal. Das kann ich schlecht einschätzen, weil ich in den 1960ern und 1970ern noch nicht gelebt habe. Ich glaube, gestern gab es nicht wenige Menschen deren erste Reaktion war: „Der lebt noch?“ (Ich komm gleich darauf, dass Dylan immer noch schreibt. Wirklich.)

Außerdem ist Dylan eine wirkliche Ausnahme in jeder Hinsicht. (Neben der Ausnahme Leonard Cohen natürlich, den ich nebenbei gesagt für den besseren Songwriter und größeren Dichter halte.) Und wird es gerade auch mit Nobelpreis immer bleiben. Er hat eben durch seine Art des experimentellen story tellings in einem Song überhaupt erst auf eine ganz andere Art des Hörens und Lesens von Songtexten aufmerksam gemacht. In einem großen, populären Rahmen – das gebe ich zu. So nehme ich das zumindest wahr.

Und eigentlich tut er das auch heute noch. In einem anderen Rahmen. Dylan lebt noch, schreibt noch (anders als Harold Pinter zum Zeitpunkt seiner Nobelpreisanerkennung – ä-häm) und hat sich auch im Alter noch ständig weiterentwickelt. Das kann man nun auch nicht unbedingt von allen wahren Schriftstellern behaupten. Nach Blood on the Tracks (1975) war ja nicht Schluss. Seine Alben in den 1980ern waren eben nicht so erfolgreich, die Songs einfach nicht so gut. Naja, auch ein wahrer Schriftsteller schreibt mal was Mittelmäßiges.

Dass Dylans Songwriting seit 2001 aber massiv unterschätzt und teilweise missachtet wird, liegt meiner Einschätzung nach einfach daran, dass viele Dylan-Hörer irgendwie in den Dylan-60ern/70ern stecken geblieben sind. Auch die später Geborenen. Klar, Highway 61 Revisited (1965) abzufeiern ist einfach. Weil es ein großartiges Album ist. Das ist z.B. „Love and Theft“ (2001) aber auch. Auf eine andere Weise natürlich, weil 35 Jahre später. Nicht ganz so zugänglich. Kein Pop. The times they are a-changin‘.

Der Preis kommt meiner Ansicht nach nicht zu spät, weil Dylan mitten in einem Spätwerk steckt, dass sich auf hohem literarischen Niveau abspielt. Das zu erklären würde diesen ohnehin etwas lang geratenen Artikel aber noch länger ziehen. Daher der Verweis auf ein Buch, das diese Behauptung unterstreicht.

Noch was? Ich bin kein Vorsitzender eines Dylan-Fanclubs. Verehre ihn eigentlich gar nicht so sehr – nicht mal annähernd so sehr wie Cohen. Aber Respekt habe ich vor diesem Werk schon ungemein. Nun ja… viele Andeutungen, Behauptungen, subjektive Einschätzungen hier. Vieles nur angerissen. Können wir drüber reden. Oder einfach ne Platte auflegen.