Einflußreich

Wer sich für verworrene Grafiken interessiert, kommt hier auf seine / ihre Kosten. Sie stellt die einflußreichsten Schriftsteller der Geschichte vor. Es sind die üblichen Verdächtigen, wenn man die Einschränkung gelten läßt, daß sie allesamt auf Englisch schrieben. Aber unter ihren zahlreichen Einflußnehmern waren schon ein paar Französisch (Voltaire, Tzara, Éluard), Spanisch (Neruda) oder Deutsch Schreibende (Johann Wolfgang Goeth, Friedrich Nietzsche. Voltaire und Goeth sind von Shakespeare beeinflußt, Tzara und Éluard von Whitman, Neruda von beiden und Nietzsche von Edgar Allan Poe.

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Cornelia Schleime

1953 in Ostberlin geboren, überschreitet Cornelia Schleime seit fast vierzig Jahren Gattungsgrenzen, sie schrieb Gedichte und Songtexte, drehte Filme, baute Installationen und fotografierte, musizierte und sang, inszenierte Performances, malt. Eine Lehre als Friseurin, die Ausbildung als Pferdepflegerin und ein abgebrochenes Studium der Maskenbildnerei ergänzen sich mit ihrem Kunststudium in Dresden. Ein Jahr nach dem Studienabschluss führen ihr erweiterter Kunstbegriff und ihre freien wie unkontrollierbaren Auftritte (z.B. mit der Art-Punkband „Zwitschermaschine“) zu einem faktischen Ausstellungsverbot. Sie zieht zurück nach Ostberlin, dreht Super-8-Filme und kann 1984 nach mehreren Ausreiseanträgen in den Westen übersiedeln. Unter Verlust beinah ihres gesamten Werkes. Sie fängt neu an, malt und reist. Schreibt bis heute illustrierte Reise-Tagebücher. Zurzeit ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Berlin zu sehen, anlässlich der Verleihung des Hannah Höch Preises an die Künstlerin. / Anne Hahn, piqd (Literatenfunk)

Johnny Cash’s poems

Shortly before he died, Johnny Cash scrawled down eight short lines in a shaky hand, mortality clearly on his mind.

„You tell me that I must perish/Like the flowers that I cherish,“ he wrote. He considered the hell of „nothing remaining of my name,“ before concluding with an affirmation of his legacy:

„But the trees that I planted
Still are young
The songs I sang
Will still be sung“

That poem, „Forever,“ is part of a new collection, Forever Words: The Unknown Poems (Blue Rider Press, $25). Edited by Paul Muldoon, a Pulitzer Prize-winning poet and Princeton professor, the book includes 41 works from throughout Cash’s life — the earliest piece, „The Things We’re Frightened At,“ was done when he was 12 — that were among the papers left behind when Cash died in September 2003. / Democrat Gazette

L&Poe-Rückblende: Februar 2001

Walter Jens lebt und wäscht Angela Merkel den Kopf:

Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz , die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb… / Der Spiegel 2.2.01

,,Mein Tod macht mich unsterblich“

Rose Ausländer gilt heute, zwölf Jahre nach ihrem Tod, als die populärste Dichterin in Deutschland. Weit mehr als 100 Bücher von ihr sind erschienen, sie erreichten eine Auflage von 800000 Exemplaren – eine im Bereich der Lyrik sensationell hohe Zahl. Und diese Zahl wird wohl weiter steigen, denn noch sind an die 800 Gedichte unveröffentlicht. / Thomas Schuberth-Roth, Frankenpost 22.2.01

Donnergrollen der Seel

Quirinus Kuhlmann, der reisende Ekstatiker und Lyriker wird 350 Jahre alt. Der am 25. Februar 1651 in Breslau geborene Quirin Kuhlmann war ein wandelnder Widerspruch. äußerst begabt und belesen, hat er als Kind erhebliche Sprachschwierigkeiten. Polterer, Stotterer oder stark entwicklungsverzögert – die Quellenlage schwankt. Der Widerspruch ist auch das Element von Kuhlmanns Nachwirkung geblieben. Von seinen gut vierzig Werken sind heute gerade einmal zwei im Handel, das Frühwerk der „Himmlischen Libesküsse“ und die beiden Bücher des „Kühlpsalters“, jener Gedichtsammlung also, die das Hauptwerk Kuhlmanns darstellt. …

Der Dichter des „Kühlpsalters“ war ein fahrender Schreiber, der sich nach einem Erleuchtungserlebnis auf eine Tour begab, die ihn durch Europa und Kleinasien bis hin nach Moskau führte. Kuhlmann wird in London, Paris und Amsterdam, in Genf und Lausanne, in Leiden, Edinburg und York von den höchsten Würdenträgern empfangen, aber er wird am Ende 1689 in Moskau nach monatelanger Folter zum einzigen deutschen Dichter, den man ob seiner Kunst verbrennt. / Dieter Kief, Berliner Zeitung 24.2.01

Gestorben und vermeldet im Januar:

Am 17. Gregory Corso (70), US-amerikanischer Dichter der Beat Generation

Clown prince of the Beat Generation who survived a tough New York childhood to become the friend and rival of Kerouac and Ginsberg. The Beat Generation has lost the last of its heroes. / The Times JANUARY 22 2001

Willi Winkler zum Tod des Schriftstellers Gregory Corso / Süddeutsche Zeitung 20.1.01

Im Februar:

Der spanische Dichter Jose Garcia Nieto, Träger des Cervantes-Literaturpreises, ist am Dienstag im Alter von 87 Jahren in einem Madrider Krankenhaus gestorben. Seine in Themen und Struktur konservative Lyrik wird als „Neoklassizismus“ der Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) beschrieben. Häufig wiederkehrende Motive sind Gott, Vaterland und Familie. / Süddeutsche 28.2.01

Gestorben und nicht vermeldet im Januar 2001:

Am 10. der türkische Schriftsteller und Dichter Necati Cumalı (79)

Am 28. der russisch-sowjetische Schriftsteller und Dichter Juri Magalif (82)

Im Februar:

Am 7. der italienische Dichter Ettore Asticelli (geb. 1942)

Am 11. der polnische Dichter und Literaturwissenschaftler Józef Bujnowski (90) und die litauische Dichterin Judita Vaičiūnaitė (63)

Am 14. der britische Dichter Alan Ross (78)

Am 19. der kasachische Dichter Kuandyk Schangitbajew (Қуандық Төлегенұлы Шаңғытбаев)

Polnischer Rimbaud

Rafael Wojaczek gehörte als zorniger junger Dichter zu jenen Literaten, denen, wie einst Lenz oder Kleist, in diesem Leben nicht zu helfen war, 26-jährig nahm er sich das Leben, sein Nachruhm gründet auf der dunklen Tragik des früh vollendeten Genies; kein Zufall, dass er als eine Art polnischer Rimbaud gilt.

Lech J. Majewski hat sich mit seinem 1999 entstandenen Spielfilm „Wojaczek“, den das Freiburger Kommunale Kino in der deutsch untertitelten polnischen Originalfassung als Film des Monats präsentiert, diesem abgründigen Berserker und Formenzertrümmerer gewidmet. Krzysztof Siwczyk spielt den Wojaczek als einen von seinem literarischen Werk Besessenen, als einen von Depressionen und Todesphantasien gezeichneten Autor, von seiner Mitwelt gefürchtet, geliebt und gehasst. Hier hat einer seine lyrische Sendung mit rigoroser Absolutheit ernstgenommen, dass darob alle Normalität im Umgang mit Menschen zuschanden wird. / Badische Zeitung 17.2.01

Über konsonantische Verwerfungen berichtet Gernot Wolfram:

Bei Ernst Jandl kann man als Deutsch Sprechender eine einfache und zugleich schwierige Lektion lernen: Es gibt zwei Uferseiten im Flussbett unserer Sprache, eine vokalische und eine konsonantische. Und in Zeiten politischer Brutalität wie in Zeiten persönlicher Erstarrung ist es das harte, schneidende konsonantische Ufer, zu dem der Mensch übersetzt. / Die Welt 14.2.01

Schließlich ein erfundener Grieche

Über einen „hoax“ berichtet die New Yorker Zeitschrift “ Lingua Franca“. Im vergangenen Oktober [2000] erschien in Kanada ein Buch mit dem Titel „Saracen Island: The Poetry of Andreas Karavis“. Die Kritik rühmte ihn als „Griechenlands modernen Homer“. Aber offenbar ist alles eine Mystifikation seines „Übersetzers“ und Exegeten David Solway.

Poetopie

Geschenke werden erst zum Geschenk, wenn wir ihren Geldwert vergessen

Hansjürgen Bulkowski

Hermeneutik des A.es

(Zweites saturnalisches Gedicht)

Auf der Suche nach Lesestoff für die gestern eröffneten Saturnalien blättere ich in einem Buch von Paul Verlaine und entdecke recht verdutzt „Vierfache Lesbarkeit“. Aber nein, Freud läßt grüßen, da steht „Vierfache Lustbarkeit“. „Partie Carrée“, der Originaltitel, ist etwas verhüllend übersetzt, es bedeutet eigentlich einen fröhlichen oder flotten „Vierer“.  Aber warum ihn nicht vierfach lesen, ich buchstabiere: Viererbande. Quadratisches Teil. Breites Mittelteil. Eindeutiges Angebot. Na halt von allem etwas. Paßt zum heutigen Fest.

Das Buch heißt: Paul Verlaine: Frauen. Französische und deutsche Ausgabe des Buches „Femmes“. Verlag, Jahr und Übersetzer werden nicht genannt. Es findet sich lediglich auf Französisch die Mitteilung, daß die Auflage 100 Exemplare beträgt und daß es durch die „Gesellschaft der Bibliophilen zu Lausanne“ gedruckt worden sei. Antiquare vermuten, daß es um 1921 im Verlag Paul Steegemann in Hannover erschien, die Übersetzung ist die von Curt Moreck, eins der Pseudonyme von Konrad Haemmerling, die erschien nämlich 1919 in Hannover. Also vielleicht haben die Schweizer einen Raubdruck verübt?

Hier die Seite mit der Vierfachen Les- und Lustbarkeit:

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Lyrikzeitung wird 17

Zwei Zahlen steuern den Fortgang (!) der Lyrikzeitung: 16 (eigentlich 16,3) und 192. Vor 16,3 Jahren begann ich Lyriknachrichten zu veröffentlichen, zuerst auf der (heute nicht mehr existierenden) Seite von pom-lit.de. 16 Jahre ist eine lange Zeit, ein Riesen-Tortenstück selbst für ältere Leute wie mich. Anlaß für Bilanz und Korrektur. 192: so viele Monate (plus 3 nicht archivierte) habe ich fast täglich mehrere Lyriknachrichten in die Welt* geschickt. Den Plan, in 16 Tagen 16 Jahre Lyrikzeitung zu erinnern, mußte ich aufgeben, es wär Zwangsarbeit über die gesamte Saturnalien-Weihnachts-Rauhnachts-Zeit geworden. Also 1 Monat 1 Tag. Heute Januar 2001.

Thomas Kling lebt noch und wird so zitiert:

Der Lyriker Thomas Kling behauptet, es gebe seit neuestem ein „allgemeineres Interesse“ am barocken Gedicht, das so lange unter dem Vorwurf des Schwulstes leiden musste. Kling findet die in Deutschland „tiefsitzende Angst“ vor „dichterischer und also künstlicher Sprache“ falsch – ‚irrig zu glauben, Dichtung sei Natürlichkeit‘ / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.1.2001

Der Pfarrer und Dichter Kurt Marti wurde 80 (mittlerweile bald 96) und wird mit einem Gedicht zitiert:

„dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb.“ Als experimentierfreudiger Autor hat er seit Ende der 50er-Jahre die Lyrik und Prosa der deutschschweizerischen Literatur erneuert. Heute wird Kurt Marti 80 Jahre alt und mit einer Neuedition seiner „Leichenreden“ geehrt. / Aargauer Zeitung 31.1.01

Das westdeutsche Feuilleton, schreibt die Neue Zürcher (aber gibt es ein anderes?), hat ein neues Wort gelernt:

Poesie, radioaktiv. Lutz Seilers ungeheure Gedichte. Das westdeutsche Feuilleton hat ein neues Wort gelernt: „Pechblende“ Es bezeichnet ein uranhaltiges Erz, das, und auch dies buchstabieren Literaturkritiker mittlerweile erstaunlich geläufig, zu Zeiten der DDR im Osten Thüringens von der Wismut-AG für die UdSSR abgebaut wurde: Pechblende, auch Uranpecherz genannt, ist stark radioaktiv. „Pech & Blende“ der schmale Lyrikband des 1963 geborenen Lutz Seiler, signalisiert schon im Titel eine verloren gegebene Hochenergie-Provinz im deutschen Osten. /NZZ 28.12.2000

Was ich aus eigenem Erleben seit 1990 bestätigen kann:

Sammlerstücke für die Literaturwahnsinnigen . Alte neue LCB-Reihe / Tagesspiegel 19.12.2000

Nämlich die damalige Autorenbuchhandlung in Berlin, auch am Savignyplatz, aber am anderen Ende und unvergleichlich größer, hatte viele der alten Bände noch vorrätig. Sie haben auf die Literaturwahnsinnigen aus der DDR gewartet, löblich!

Wer es noch nicht kennt, ein Geheimtipp:

Neuausgabe des „roten Pflastersteins“: Das surrealistische Gedicht. (3. korr. u. erw. Auflage 2000)

fullsizerender-23Die neue Ausgabe hat (bei gleicher Ausstattung und gleichem Format) etwa 400 Seiten mehr als die erste und zweite von 1985/86. Zwei der ursprünglich drei Herausgeber haben die ursprüngliche Anthologie bis S. 1387 unverändert übernommen (von Maxime Alexandre bis Unica Zürn) und ihr unter Fortlassung des Nachwortes von Petr K. einen „Annex 2000“ angefügt, nun von Rudolf Altschul bis Aleksandar Vuco . Mit dabei jetzt u.a. K.O. Götz, Johannes Hübner und Lothar Klünner sowie Autoren aus den USA, Italien, Serbien, Chile, Kanada und zahlreichen weiteren Ländern.

Aus der Vorbemerkung zum „Annex“ von Heribert Becker:

„namentlich mit der beinahe explosionsartig angeschwollenen Sekundärliteratur in Form von Dissertationen, akademisch-professoralen Abhandlungen usw. ist weltweit ziemlich viel universitärer Müll unters Publikum gebracht worden. Das Resultat ist eine weitgehende Verzerrung und Verwässerung der surrealistischen Ideen. (…) Im Endeffekt läuft all das auf die Vereinnahmung des Surrealismus durch die bürgerliche Kulturindustrie hinaus. Ein Heer von Museumsleitern und Galeristen, Kunst- und Literaturhistorikern, Kritikern, Feuilletonisten, Jungakademikern usw. arbeitet oft eher bewußt als unbewußt daran, vor allem führende bildende Künstler des Surrealismus aus ihrer Verwurzelung in dieser Bewegung herauszureißen, einer Bewegung, die eine radikal antikapitalistisch-antibürgerliche, ja die gesamte abendländisch-christliche Kulturtradition in Frage stellende revolutionäre Bewegung war und ist.“

Ein Muß für „Einsteiger“ ebenso wie für Besitzer der Originalausgabe. Bei Zweitausendeins für DM 50. 1888 Seiten Poesie – gar mit Sprengkraft? (Unter dem Pflasterstein).

In der Türkei wird ein Kommunist rehabilitiert:

ISTANBUL (SN, AFP). Der türkische Dichter Nazim Hikmet (1902-1963) erhält im Jahr 2002, hundert Jahre nach seiner Geburt, posthum wieder die türkische Staatsbürgerschaft, die ihm 1959 aberkannt wurde. Das gab die Nazim Hikmet Gesellschaft für Kunst und Kultur in Istanbul bekannt. Der Dramatiker und Lyriker, der wegen seiner kommunistischen Gesinnung mehrmals verurteilt wurde und 1951 aus der Türkei floh, gilt als der bedeutendste türkische Dichter und Erneuerer der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts. / Stuttgarter Nachrichten 18.1.01

Schließlich eine Nachicht aus Amerika, Bush heißt der Präsident:

A poetry-free presidency. The lack of a poet at Bush’s Inauguration is a bleak omen of his administration’s attitude toward culture — but then again, what poet would agree to appear? … Think of Robert Frost reciting „The Gift Outright“ from memory at JFK’s Inauguration on Jan. 20, 1961. How remarkable that was…

By David Lehman / Salon.com 19.1.2001

*)

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Pound—Kommentar

(Erstes saturnalisches Gedicht)

Karl Mickel

Pound—Kommentar

1
Es gab eine Zeit, sagt Pound
Da die Historiker Lücken ließen in ihren Büchern
Für das, was sie nicht wußten.

2
Das goldene Zeitalter, sagt Maurer
War einmal wirklich.
Ich hielt diesen Satz für brutal.

3
Ich kannte einen Historiker namens Nichtweiß.
Er hat sich erhängt.

Aus: Karl Mickel, Geisterstunde. Gedichte. Göttingen: Wallstein, 2004, S. 35

Ezra Pound (1885-1972), Amerikanischer Dichter

Georg Maurer (1907-1971), Deutscher Dichter

Saturnalien

Wiki-Wissen:

Die Saturnalien waren zunächst nur ein römischer Festtag zu Ehren des Gottes Saturn, der als Herrscher des urzeitlichen goldenen Zeitalters galt. Er wurde ursprünglich als EN-Tag am 17. Dezember gefeiert und wechselte nach der julianischen Kalenderreform den Tagescharakter auf einen NP-Status. Die Saturnalien fanden erst nach 45 v. Chr. als mehrtägiges Fest zwischen dem 17. und 23. Dezember Anwendung, das später allerdings bis zum 30. Dezember ausgedehnt wurde.

Das Datum geht auf das Gründungsdatum des Saturntempels auf dem Forum Romanum zurück.

Die Feiern begannen mit einem Opfer vor dem Tempel des Saturn und einem öffentlichen Mahl. Öffentliche Einrichtungen waren während der Saturnalien geschlossen. Die Tempel veranstalteten öffentliche Speisungen. Es war üblich, sich zu den Saturnalien zu beschenken.

Wichtigster Aspekt der Saturnalien war die Aufhebung der Standesunterschiede, auch Sklaven wurden an diesem Tag von ihren Herren wie Gleichgestellte behandelt, teilweise wurden die Rollen sogar (scherzhaft) umgekehrt, so dass die Herren ihre Sklaven bedienten. Es wurde ein Saturnalienfürst (Saturnalicus princeps) gewählt, teilweise wurde dieser auch rex bibendi („König des Trinkens“) genannt. Dieser Name deutet auch auf den stark gesteigerten Weinkonsum während der Festtage hin. Nicht nur der Wein wurde während der Festtage in großem Maße getrunken, es war auch offiziell das Würfelspiel um Geld erlaubt und es konnten Festgeschenke, apophoreta, verlost werden. Auch sonst lockerte sich die Moral während der Feiertage erheblich.

Okay, die Feiertage sind eröffnet!

Kandinskys Gedichte

„Links oben in der Ecke ein Pünktchen./ Rechts unten in der Ecke ein Pünktchen./ Und in der Mitte gar nichts./ Und gar nichts ist viel. Sehr viel – jedenfalls/ viel mehr als etwas.“ Wassily Kandinsky (1866 – 1944) könnte mit dem Prosagedicht „Leer“ durchaus ein eigenes Bild beschrieben haben. Er war eben nicht nur Maler, sondern auch Dichter. Während ihn die Dadaisten sehr schätzten, sind seine literarischen Qualitäten heute fast vergessen.

Zum 150. Geburtstag des Künstlers haben jetzt Alexander Graeff und Alexander Filyuta einen kleinen Band herausgegeben: „Vergessenes Oval“ (Verlagshaus Berlin), in dem sie Gedichte aus Kandinskys Nachlass veröffentlichen. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung

150. Geburtstag Wassily Kandinsky: Alexander Graeff stellt „Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass“ vor, 16. Dezember, 20 Uhr, Literatur Moths, Rumfordstraße 48

Wassily Kandinsky: Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass: 1866 – 1944. Deutsch-Russisch. Hrsg. v. Alexander Graeff u. übers. v. Alexander Filyuta; Illustr. v. Christoph Vieweg. VERLAGSHAUS BERLIN (Edition Revers)  18,90 €

Elfjähriger Dichter

Iédijah ist ein elfjähriger Junge von der Antilleninsel Martinique, die ein französisches Überseedepartement ist. Er gilt als Wunderkind, der Gedichte in einer komplexen Spielform schreibt: Alexandriner mit Binnenreim („Leoninisch“) und Akrostichon. Sein Talent brachte ihm eine Einladung zum Wettbewerb der frankophonen Poesie „Les petits planétaires“ (vielleicht: „Die Kleinen weltweit“ oder „Die Kleinen des Planeten“) in Paris. Eigentlich kam sein Text zu spät, aber als die Jury ihn nach der Wahl der Sieger las, bekam er eine Einladung als Ehrengast und eine spezielle Erwähnung. Die Siegerehrung findet morgen in Paris statt.

– Frankophon ist eine Bezeichnung für Literatur in französischer Sprache aus anderen Ländern. Manche z.B. afrikanische Autoren kritisieren die Bezeichnung: entweder französisch oder gar nicht. Wie dem auch sei. Martinique ist keine ehemalige Kolonie, sondern ein französisches Departement, nur halt in Übersee. Pech dabei: die Reise von Martinique nach Paris ist teurer als als etwa von Chessy oder Serris (auf der Karte rechts). Der Ehrengast muß seine Reise selbst bezahlen. Zum Glück sprangen seine Heimatgemeinde Ducros und die Region CTM (Collectivité territoriale de Martinique) ein und beteiligen sich an den Kosten, damit er mit seinen Eltern nach Paris reisen kann. / martinique.franceantilles.fr

Les enfants s’engagent pour l’eau (Die Kinder engagieren sich für das Wasser)

La clef de notre vie, il faut lui dire merci
Eau de la vérité, aussi de la santé,
Si nous la recyclons, nous la protègerons.

Eau, source de la vie, qui est très rare ici,
Nageant dans son liquide qui bientôt sera vide.
Faisons des choses pour elle qui est même dans le ciel
Apprenons les bons gestes, nous sommes tout ce qu’il reste
Nous les enfants sereins, sommes son lendemain
Traçons une leçon pour nos générations
Soyons tous solidaires, ce n’est pas dur à faire.

S‘écrasant doucement sur ces rochers stagnants,
Elle devient destructrice à travers les sévices
Nanties de ces souffrances pour en faire des vengeances
Gagnons de sa confiance pendant cette grande enfance
Asséchée sur des îles, usée au domicile
Gare aux raz-de-marée qui n’ont pas de degrés
Engageons-nous pour l’eau sans huiles de bateaux
Nettoyons bien les plages de notre paysage
Touchant un héritage qui a un certain âge.

Préservons l’eau du monde et ses cryptes profondes
Oublions les métiers qui l’ont tant polluée
Un moment de pitié pour cette eau oppressée
Rageant dans l’océan de ses mauvais courants

L‘eau n’est pas une poubelle, allons la rendre plus belle,
Et même déshydratés, nous devons tous l’aider
Après il sera trop tard……
Un engagement à vie pour qu’elle nous remercie.

Iédijah Rosamond

Hirn

Ein Soldat wurde im Krieg wider die Araber mit einem Pfeil in den Kopff sehr gefährlich verwundet / wie nu der Barbierer die Wunde besichtiget / sprach er zu ihm : Er solte sich Gott befehlen / denn das Hirn wäre ihm tieff versehret / daß er nicht leben könte / aber der Soldat sagte : Ey was sagstu mir von der verletzung des Hirns / meynestu / wenn ich ein Hirn gehabt hätte / ich wäre so leichtfertig dem Krieg nachgezogen.

Samuel Gerlach: Eutrapeliarum philologico-historico-ethico-politico-theologicarum libri III : Das ist: Drey Tausend schöner, nützlicher nachdenklicher … Historien oder Geschicht und Reden. Leipzig: Riese, 1656. Liber II, #70

Marke Dichter

Wie entstehen Dichterbilder in den Medien? Wie prägt das öffentliche Bild eines Schriftstellers die Wahrnehmung seiner Werke?

Podiumsgespräch mit: Mara Genschel, Clemens Schittko, Thomas Podhostnik, Moderation: Bertram Reinecke

Texte von Schriftstellern haben individuelle Merkmale, sind aber auch vom Zeitgeist beeinflusst. Leser nähern sich Texten mit individuellen Bedürfnissen. Aber auch sie haben gemeinsame Merkmale und Bildungsgeschichten. Was passiert an der Interferenzstelle? Wie findet die je individuelle und gleichzeitig oft typische Begegnung von Leser und Text einen Niederschlag in der Öffentlichkeit? Ein Schriftsteller gewinnt z.B. einen Ruf. Für diesen Ruf spielt jedoch nicht nur das konkrete So-sein seiner Texte eine Rolle, sondern auch sein Habitus oder die Zufälle seiner Entdeckung. Teils mag so ein Ruf immer neu an den Texten überprüft werden. Er wird aber auch unabhängig davon tradiert. Was passiert, wenn ein Schriftsteller seinen Stil oder sein Themenfeld ändert? Wie geht die Öffentlichkeit mit der entstehenden Informationslücke um? Der Ruf eines Schriftstellers ist oft ein doppelter. Neben dem offiziellen gibt es oftmals ein inoffizielles, nur hinter vorgehaltener Hand weitergereichtes Bild des Schriftstellers. Wir wollen explorative Schnitte legen in dieses Problemfeld der Schriftsteller-Rolle zwischen dem Autor als Texthersteller, als Bühnengestalt und natürliche Person, zwischen Text und öffentlicher Debatte.

am 18. Dezember 2016, 19 Uhr, Hole of Fame, Königsbrücker Straße 39, 01197 Dresden, eine Veranstaltung des arts up e.V.

Für Rosenlöcher und Zander

Der Lyriker Thomas Rosenlöcher erhält die Ehrengabe 2017 der Deutschen Schillerstiftung. Der Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis 2017 geht an Judith Zander, meldet das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Beide Auszeichnungen sind mit jeweils 10.000 Euro dotiert. / Börsenblatt

Neue Erfolgstitel

Von Johannes Bobrowski

Unter geteiltem Himmel tritt Ole Bienkopp die Spur der
Steine im Herbstrauch, er ist (denkt er sich) Staub nicht im Wind.
Aber was ist er dann? Oben eiert der Große Wagen,
unten der Kabelkran steht, – nämlich der Peter ist blau.

Dieses Epigramm – „ganz neue Xenien, doppelte Ausführung“, also Doppeldistichen, erschien 1977 in dem Band „Literarisches Klima“. Bobrowski war da schon 12 Jahre tot. In der Rückschau wundert man sich, daß so manche freche Xenien in der DDR druckbar waren. Dieses hier erschien sogar 10 Jahre früher, als es fast noch aktuell war, in der Wochenzeitung „Sonntag“. Es verarbeitet die Titel von sieben preis“gekrönten“ DDR-Büchern der Jahre 1961-1963, es sind:

  • Christa Wolf, Der geteilte Himmel (Heinrich-Mann-Preis, Nationalpreis)
  • Erwin Strittmatter, Ole Bienkopp (Nationalpreis)
  • Erik Neutsch, Spur der Steine (Nationalpreis)
  • Bernhard Seeger, Herbstrauch (Heinrich-Mann-Preis)
  • Max Walter Schulz, Wir sind nicht Staub im Wind (Literaturpreis des Gewerkschaftsbundes FDGB, Nationalpreis)
  • Herbert Nachbar, Oben fährt der Große Wagen (Heinrich-Mann-Preis für einen früheren Roman)
  • Franz Fühmann, Kabelkran und Blauer Peter (Literaturpreis des FDGB)

Text in: J.B., Gesammelte Werke Bd. I, Berlin: Union Verlag, 1987, S. 237

Ich wünschte, wir hätten solche Epigramme für unsere aktuellen Siegertitel. Wenn man heute einen lorbeerisierten Titel kritisiert, spricht ja die halbe Gemeinde von „Neiddebatte“. Und hält es für unstatthaft.