Was soll „dichterisch“ an deinem Leben sein, wenn du das Mädchen, das du küßtest, und die dunkle Gasse, in der du es küßtest, und die Musik, die aus der Ferne zu dir drang, als du es küßtest, in Wörterbüchern suchen mußt, um sie zu finden?
Odysseas Elytis, aus: Äußerste Ruhé voraus. In: Lettre International 114/2006, S. 7
Heute vor 105 Jahren, am 2.11. 1911, wurde der griechische Dichter auf Kreta geboren.
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Dort findet man auch viele Gedichte und Sprüche.
Natürlich kann man auch einfach Bücher lesen. Viel Spaß!
Eine Nachbemerkung zur Nobelpreisvergabe an Bob Dylan
Von Felix Philipp Ingold
Wieso verweigert sich Bob Dylan so konsequent und regelwidrig* dem Ansinnen der Schwedischen Akademie, ihn mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen? Tut er es aus grundsätzlicher Ablehnung offizieller Belobigungen oder des Literaturbetriebs generell? Oder vermutet er beim Stockholmer Komitee ein Missverständnis, das sich zwar zu seinen Gunsten auswirkt, seinem Selbst- und Kunstverständnis aber nicht entspricht? Ist es doch das erste Mal, dass der Nobelpreis nicht für Literatur als Text, sondern für „Literatur als Gesang“ vergeben wird. Nicht nur in literarischen Feuilletons, auch in Editorials, in Kolumnen, in zahllosen Blogs wird ausser dem Preisträger auch die zuständige Jury dafür belobigt, den hergebrachten Literaturbegriff „erweitert“, ihn nun auch für populäre intermediale Kunstformen „geöffnet“ zu haben. Nora Gomringer hat in einem launigen Kommentar hochgemut auf Homer verwiesen, um die Grandiosität des dichterischen „Gesangs“ beziehungsweise der „gesungenen“ Dichtung herauszustellen und damit die Auszeichnung für den US-amerikanischen Songpoeten auf höchstem Niveau zu rechtfertigen.
Dass wir von Homer heute nichts mehr wüssten, wenn sein mündlich tradiertes Werk nicht auch schriftlich gefasst und als Text überliefert worden wäre, lässt sie unerwähnt. Wollte man den kühnen Vergleich zwischen den beiden Barden aufrecht erhalten, müsste man also fragen, was Dylans Lieder in Schriftform zu bieten und zur Literatur als solcher beizutragen haben. Davon war bisher noch kaum die Rede, und ob unter diesem Gesichtspunkt nicht vielleicht auch andere Liedermacher, etwa Leonard Cohen oder, viel früher schon, Wladimir Wyssozki, die hohe Auszeichnung ebenso (wenn nicht gar ein bisschen mehr) verdient hätten als Dylan, bleibe dahingestellt.
Rund zwei Dutzend Autoren standen in diesem Jahr auf der Wettliste für den Literaturnobelpreis. Da die anstehenden Kandidaten in aller Regel für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden, stellt man sich – rein rhetorisch – die Frage, wer von den akademischen Juroren (und wer überhaupt) in der Lage ist, das zur Beurteilung beziehungsweise zur Belobigung vorliegende Textmaterial auch bloss durchzublättern, geschweige denn kritisch gegenzulesen – es dürfte sich dabei alljährlich um Tausende, womöglich Zehntausende von Druckseiten handeln. Dass ein solches Lektüreprogramm auch für einen bestallten Akademiker, der mitentscheiden soll, wer den global gewichtigsten Literaturpreis inkl. Laudatio erhalten soll, nicht zu schaffen ist, liegt auf der Hand. Klar auch, dass allein aus diesem Grund die Qualitätskriterien stillschweigend verlagert werden – weg von den Texten, hin zu nichtliterarischen, eher zufälligen, den Autor als Person betreffende Gegebenheiten wie nationale oder kontinentale Zugehörigkeit, Gender oder politische Korrektheit. Derartige Prämissen sind allemal leichter auszumachen als künstlerische Verdienste, die anhand der Texte – und nur der Texte – dargelegt werden müssten.
Der Literaturnobelpreis sollte, meine ich, Leistungen honorieren, die für die Literatur als Kunst erbracht worden sind. Sicherlich ist es für einen Nobeljuror weit weniger aufwendig, sich ein paar „poetische“ CDs von Bob Dylan anzuhören als sich auf die unvergleichliche, widerständige, grossartig „instrumentierte“ Dichtung eines Dylan Thomas einzulassen, der bekanntlich auch ein begnadeter Sänger war, dem jedoch der Preis der Schwedischen Akademie ebenso versagt geblieben ist wie einer Marina Zwetajewa oder – im Bereich der Erzählkunst – einem Cesare Pavese, einem Danilo Kiṧ, einer Clarice Lispector.
Wer die Auszeichnung des betagten Liedermachers zum Anlass nimmt, die Akademie zur „Erweiterung“ oder „Öffnung“ ihres Literaturbegriffs zu beglückwünschen, übersieht, dass Öffnung und Erweiterung gerade in den Künsten eher zur Verluderung denn zur Stärkung führt. Nichts gegen Dylan als Komponisten und Interpreten – den Grammy hat er wohl schon mehrfach bekommen, aber was eigentlich soll ihm der Nobelpreis bedeuten und was kann, was wird diese Preisvergabe für die Sache der Literatur künftig bewirken?
*) Aber wieso regelwidrig? Das wäre es nur, wenn im Statut stünde, daß man den Preis nicht ablehnen und Anrufe der Akademie nicht verweigern darf, darf man? (fragt Lyrikzeitung)
Jan Böhmermann on Twitter: „Wer sich zum Beweis seiner Intelligenz wie 1952 vor einer Bücherwand filmen lässt, überrascht nicht, wenn er Ansichten von 1952 vertritt.“ – Sagt mal einer Herrn Böhmermann, daß der Buchdruck nicht 1952, sondern 400 Jahre früher erfunden wurde und die Bücherwand wahrscheinlich noch viel älter ist. In all diesen Jahren gabs originelle Ansichten zuhauf und sogar bessere Schmähgedichte als heute. Hier ein Beispiel von 1522 von Thomas Murrner (es ist nur der Anfang):
(Da gerade kein Filmteam da ist, grüße ich in Worten zwischen drei Bücherwänden sitzend, herzlich Ihr Michael Gratz)
Der dänische Dichter Søren Ulrik Thomsen ist ein Liebhaber von Versen, die über sich selbst nachdenken. In seiner ironisch-melancholischen Parlandolyrik versammelt er Bilder davon, was das Gedicht denn sein könnte. Ein Gefüge aus schwarzen Insekten etwa, das sich von der Seite löst und davonfliegt. Aber auch eine Art von Gefäß, das die Dinge – Beobachtungen, Erinnertes, Gedanken – auffängt und bewahrt. Zugleich soll das Gedicht ein „Zitterspiegel“ sein, der die Phänomene nicht nur aufnimmt und zeigt, sondern eine neue Ordnung für sie findet. / Nico Bleutge, Tagesspiegel
from Plume, Issue 63
at poetry.daily:
One of the shortest and most provocative pieces in Paul Valéry’s “A Poet’s Notebook” reads in its entirety:
STUPIDITY AND POETRY. There are subtle relations between these two categories. The category of stupidity and that of poetry.
(…)
A poet fools around with words. And that’s one way of getting a poem started—just playing, not asserting a concept or an idea, because as Valéry says (also in “A Poet’s Notebook”), “If you want to write verse and you begin with thoughts, you begin with prose.” Redefining “stupidity” as “foolishness” feels both right and inadequate, as if the riddle’s answer were too easy. On the other hand, are we looking for an answer, or are we trying to discover those elusivve “subtle relations”? “The proper object of poetry,” Valéry writes, becoming oracular again, “is what has no single name, what in itself provokes and demands more than one expression.”
schreiben fällt immer leichter – schwerer fällt, all das umher verstreut Geschriebene zusammenzulesen
Hansjürgen Bulkowski
Herr Schrott, Goethe und Schiller sind sich in Jena nach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft begegnet. Es war der Anfang einer grossen Freundschaft. Könnten Sie sich heute eine ähnliche Begegnung mit Dichtern in Naturforschenden Gesellschaften vorstellen?
Raoul Schrott: Leider nein. Aber immerhin gibt es ein Fähnlein der Aufrechten, vielleicht ein Dutzend Schriftsteller, Thomas Lehr, Ulrich Woelk, Ulrike Draesner etwa, mit denen ich mich sowohl über Dichtung wie über Naturwissenschaften austauschen könnte. Mir steht aber immer das Beispiel des romantischen Dichters Samuel Coleridge vor Augen. Er ging regelmässig zu den Abenden der Königlichen Geologischen Gesellschaft, um «seinen Vorrat an Metaphern aufzustocken», wie er sagte. Wer würde das heute noch tun? / Neue Zürcher Zeitung
Der Lyriker und Verleger Dinçer Güçyeter in einem Interview im Renk-Magazin:
Nein, wir betreiben den Verlag aber auch nicht aus lukrativen Gründen, sondern aus Freude an der Sache. Mittlerweile kann ich zumindest die Druckkosten decken und unseren wunderbaren Grafiker Ümit Kuzoluk bezahlen. Grundsätzlich ist alles, was bei uns im Verlag passiert, persönlich. Wir sind eher spontan und haben keine großen zukunftsorientierten Pläne. Wir wollen ja das Leben damit erleichtern und nicht noch komplizierter machen. Auch die Regeln des Literaturbetrieb nehme ich nicht besonders ernst. Ich schreibe natürlich Rechnungen und Emails, kommuniziere mit Institutionen und organisiere Lesungen, aber die meisten Vorschriften der Branche ignoriere ich einfach.
Berliner Zeitung: Sie sind Dichter und wissen, wie unmöglich es ist, mit Gedichten Geld zu verdienen. Im vergangenen Jahr haben Sie nun selber einen Verlag für Lyrik gegründet. Sind Sie verrückt?
Ulf Stolterfoht: Es ist ja noch schlimmer: Ich verdiene nicht nur mit dem Schreiben kein Geld, ich verdiene auch mit dem Übersetzen kein Geld. Da möchte man dann mit dem Verlegen natürlich auch nichts verdienen. Das berühmte dritte unrentable Standbein. Das Paradoxe an der Sache ist nun aber, dass ich trotzdem irgendwie davon leben kann, und das schon ziemlich lange. Diese ganzen nicht oder schlecht bezahlten Tätigkeiten haben, zumindest in meinem Fall, dazu geführt, dass eine indirekte Form der Vergütung stattfindet, also etwa in Form von Preisen, Stipendien, Lehrtätigkeiten, Lesungen und Moderationen. Und ich glaube, dass durch die Verlegerei das Spielfeld noch ein bisschen größer geworden ist. Das hat jedoch bei der Gründung des Verlags keine Rolle gespielt. Den Verlag gibt es, weil ich das schon sehr lange machen wollte. Schreiben tue ich ja auch, weil ich das schon immer wollte. Das reicht mir völlig aus als Begründung. Mehr braucht es nicht.
– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24944268 ©2016
Aber mir ist auf einem Messefest im Frankfurter Literaturhaus auch etwas aufgefallen, das ich als Trend ohne Ambivalenzen sehr begrüßen würde: „Gedichte zum Mitnehmen.“
An der Wand hing ein gutes Dutzend Spiralblöcke voller Lyrik, neu und klassisch, bekannt und unbekannt, aus Gedichtbänden von verschiedenen deutschen Verlagen stammend. Man wurde dazu eingeladen, sich seinen latenten Gewaltphantasien hinzugeben und das eine oder andere Gedicht abzureißen.
Voller Befriedigung ging ich also nach Hause mit Werken von Jorge Luis Borges („Ein Buch“), Joachim Sartorius („Peinliche Pilze“) und einer gewissen Leonie Klendauer, deren schönes unbetiteltes Gedicht in einer Schreibwerkstatt für Jugendliche entstand („Kleine Flugzeuge werfen Schatten/Bunte Kleider platzen“, so die ersten Zeilen). / Eric Jarosiński, Süddeutsche
Die Wandtafel im Leichenhaus des jüdischen Friedhofs von Czernowitz hat die Besatzung durch die Nationalsozialisten überstanden, den Stalinismus, die Sowjetunion, und deren Zerfall: Doch wenige Tage bevor in diesem Jahr das Poesie-Festival „Meridian“ in der ukrainischen Stadt begann, demolierten Unbekannte das historische Andenken aus dem Jahr 1905.
(…)
Pomeranzews Poesie-Festival „Meridian“ knüpft an die glorreichen Traditionen der 240.000-Einwohner-Stadt an, die von 1775 bis 1918 als Hauptstadt der Bukowina Teil von Österreich-Ungarn war: Ein Schmelztiegel der Nationen, der große Poeten hervorbrachte – wie Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger.
Seit 2010 treffen sich jedes Jahr Poeten aus ganz Europa in Czernowitz und verwandeln ein Wochenende lang die unterschiedlichsten Orte in der Stadt in Bühnen der Poesie: Im Postamt werden ebenso Gedichte gelesen wie auf dem jüdischen Friedhof, in der Leichenhalle, in der Herz-Jesu-Kirche, in der Universität, im Sitzungssaal des Stadtrats, auf dem Theaterplatz.
Und wie so oft in der wechselhaften Geschichte von Czernowitz, das sechs Namen hat – einen Ukrainischen, einen Russischen, einen Polnischen, einen Rumänischen, einen Jiddischen und einen Deutschen – liegen Schönheit und Schrecken, Freude und Angst zuweilen nahe beieinander.
(…)
„Ich bin in die Poesie erst hineingewachsen“, bekennt sein Swjatoslaw Pomeranzew.
Heute gehen die großen ukrainischen Schriftsteller und Poeten bei ihm ein uns aus. Männer wie Serhij Schadan. Der 42-Jährige Dichter, der im Oktober auch auf der Frankfurter Buchmesse auftreten wird, ist so populär in der Ukraine wie es in anderen Ländern nur Popstars sind. Wohl auch, weil er neue Wege geht.
Er verbindet Poesie mit Rock, schreibt Liedtexte, tritt mit der Band „Hunde im Kosmos“ auf. Die Herz-Jesu-Kirche in Czernowitz ist bis zum letzten Platz voll, als er dort im Kerzenlicht seine Gedichte vorträgt. Selbst vor den Toren tummeln sich noch die Menschen. „So viele Leute waren hier seit Ewigkeiten nicht mehr, bei keinem Gottesdienst“, wundert sich eine ältere Passantin: „Und alle so andächtig!“ / Boris Reitschuster, Huffington Post
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