Zitterspiegel

Der dänische Dichter Søren Ulrik Thomsen ist ein Liebhaber von Versen, die über sich selbst nachdenken. In seiner ironisch-melancholischen Parlandolyrik versammelt er Bilder davon, was das Gedicht denn sein könnte. Ein Gefüge aus schwarzen Insekten etwa, das sich von der Seite löst und davonfliegt. Aber auch eine Art von Gefäß, das die Dinge – Beobachtungen, Erinnertes, Gedanken – auffängt und bewahrt. Zugleich soll das Gedicht ein „Zitterspiegel“ sein, der die Phänomene nicht nur aufnimmt und zeigt, sondern eine neue Ordnung für sie findet. / Nico Bleutge, Tagesspiegel

Poetry and Stupidity

From the essay „Poetry and Stupidity“ by Lawrence Raab

from Plume, Issue 63

at poetry.daily:

One of the shortest and most provocative pieces in Paul Valéry’s “A Poet’s Notebook” reads in its entirety:

STUPIDITY AND POETRY. There are subtle relations between these two categories. The category of stupidity and that of poetry.

(…)

A poet fools around with words. And that’s one way of getting a poem started—just playing, not asserting a concept or an idea, because as Valéry says (also in “A Poet’s Notebook”), “If you want to write verse and you begin with thoughts, you begin with prose.” Redefining “stupidity” as “foolishness” feels both right and inadequate, as if the riddle’s answer were too easy. On the other hand, are we looking for an answer, or are we trying to discover those elusivve “subtle relations”? “The proper object of poetry,” Valéry writes, becoming oracular again, “is what has no single name, what in itself provokes and demands more than one expression.”

Poetopie

schreiben fällt immer leichter – schwerer fällt, all das umher verstreut Geschriebene zusammenzulesen

Hansjürgen Bulkowski

Metaphernvorrat

Herr Schrott, Goethe und Schiller sind sich in Jena nach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft begegnet. Es war der Anfang einer grossen Freundschaft. Könnten Sie sich heute eine ähnliche Begegnung mit Dichtern in Naturforschenden Gesellschaften vorstellen?

Raoul Schrott: Leider nein. Aber immerhin gibt es ein Fähnlein der Aufrechten, vielleicht ein Dutzend Schriftsteller, Thomas Lehr, Ulrich Woelk, Ulrike Draesner etwa, mit denen ich mich sowohl über Dichtung wie über Naturwissenschaften austauschen könnte. Mir steht aber immer das Beispiel des romantischen Dichters Samuel Coleridge vor Augen. Er ging regelmässig zu den Abenden der Königlichen Geologischen Gesellschaft, um «seinen Vorrat an Metaphern aufzustocken», wie er sagte. Wer würde das heute noch tun? / Neue Zürcher Zeitung

Freude an der Sache

Der Lyriker und Verleger Dinçer Güçyeter in einem Interview im Renk-Magazin:

Nein, wir betreiben den Verlag aber auch nicht aus lukrativen Gründen, sondern aus Freude an der Sache. Mittlerweile kann ich zumindest die Druckkosten decken und unseren wunderbaren Grafiker Ümit Kuzoluk bezahlen. Grundsätzlich ist alles, was bei uns im Verlag passiert, persönlich. Wir sind eher spontan und haben keine großen zukunftsorientierten Pläne. Wir wollen ja das Leben damit erleichtern und nicht noch komplizierter machen. Auch die Regeln des Literaturbetrieb nehme ich nicht besonders ernst. Ich schreibe natürlich Rechnungen und Emails, kommuniziere mit Institutionen und organisiere Lesungen, aber die meisten Vorschriften der Branche ignoriere ich einfach.

Gottfried-Keller-Preis

Der in Zürich lebende italienische Lyriker Pietro De Marchi erhält den Gottfried-Keller-Preis. Seine Gedichte erzählen in bestürzender Genauigkeit von den grossen und kleinen Schrecken des Daseins. / Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung
Die Preisverleihung findet heute, Samstag, 22. Oktober, im Kulturhaus Helferei in Zürich statt. Die Laudatio hält Vanni Bianconi (18 Uhr).

„Sind Sie verrückt?“

Berliner Zeitung: Sie sind Dichter und wissen, wie unmöglich es ist, mit Gedichten Geld zu verdienen. Im vergangenen Jahr haben Sie nun selber einen Verlag für Lyrik gegründet. Sind Sie verrückt?

Ulf Stolterfoht: Es ist ja noch schlimmer: Ich verdiene nicht nur mit dem Schreiben kein Geld, ich verdiene auch mit dem Übersetzen kein Geld. Da möchte man dann mit dem Verlegen natürlich auch nichts verdienen. Das berühmte dritte unrentable Standbein. Das Paradoxe an der Sache ist nun aber, dass ich trotzdem irgendwie davon leben kann, und das schon ziemlich lange. Diese ganzen nicht oder schlecht bezahlten Tätigkeiten haben, zumindest in meinem Fall, dazu geführt, dass eine indirekte Form der Vergütung stattfindet, also etwa in Form von Preisen, Stipendien, Lehrtätigkeiten, Lesungen und Moderationen. Und ich glaube, dass durch die Verlegerei das Spielfeld noch ein bisschen größer geworden ist. Das hat jedoch bei der Gründung des Verlags keine Rolle gespielt. Den Verlag gibt es, weil ich das schon sehr lange machen wollte. Schreiben tue ich ja auch, weil ich das schon immer wollte. Das reicht mir völlig aus als Begründung. Mehr braucht es nicht.

– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24944268 ©2016

Zum Gedichteabreißen

Aber mir ist auf einem Messefest im Frankfurter Literaturhaus auch etwas aufgefallen, das ich als Trend ohne Ambivalenzen sehr begrüßen würde: „Gedichte zum Mitnehmen.“

An der Wand hing ein gutes Dutzend Spiralblöcke voller Lyrik, neu und klassisch, bekannt und unbekannt, aus Gedichtbänden von verschiedenen deutschen Verlagen stammend. Man wurde dazu eingeladen, sich seinen latenten Gewaltphantasien hinzugeben und das eine oder andere Gedicht abzureißen.

Voller Befriedigung ging ich also nach Hause mit Werken von Jorge Luis Borges („Ein Buch“), Joachim Sartorius („Peinliche Pilze“) und einer gewissen Leonie Klendauer, deren schönes unbetiteltes Gedicht in einer Schreibwerkstatt für Jugendliche entstand („Kleine Flugzeuge werfen Schatten/Bunte Kleider platzen“, so die ersten Zeilen). / Eric Jarosiński, Süddeutsche

Meridian Czernowitz

Die Wandtafel im Leichenhaus des jüdischen Friedhofs von Czernowitz hat die Besatzung durch die Nationalsozialisten überstanden, den Stalinismus, die Sowjetunion, und deren Zerfall: Doch wenige Tage bevor in diesem Jahr das Poesie-Festival „Meridian“ in der ukrainischen Stadt begann, demolierten Unbekannte das historische Andenken aus dem Jahr 1905.

(…)
Pomeranzews Poesie-Festival „Meridian“ knüpft an die glorreichen Traditionen der 240.000-Einwohner-Stadt an, die von 1775 bis 1918 als Hauptstadt der Bukowina Teil von Österreich-Ungarn war: Ein Schmelztiegel der Nationen, der große Poeten hervorbrachte – wie Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger.

Seit 2010 treffen sich jedes Jahr Poeten aus ganz Europa in Czernowitz und verwandeln ein Wochenende lang die unterschiedlichsten Orte in der Stadt in Bühnen der Poesie: Im Postamt werden ebenso Gedichte gelesen wie auf dem jüdischen Friedhof, in der Leichenhalle, in der Herz-Jesu-Kirche, in der Universität, im Sitzungssaal des Stadtrats, auf dem Theaterplatz.

Und wie so oft in der wechselhaften Geschichte von Czernowitz, das sechs Namen hat – einen Ukrainischen, einen Russischen, einen Polnischen, einen Rumänischen, einen Jiddischen und einen Deutschen – liegen Schönheit und Schrecken, Freude und Angst zuweilen nahe beieinander.

(…)

„Ich bin in die Poesie erst hineingewachsen“, bekennt sein Swjatoslaw Pomeranzew.

Heute gehen die großen ukrainischen Schriftsteller und Poeten bei ihm ein uns aus. Männer wie Serhij Schadan. Der 42-Jährige Dichter, der im Oktober auch auf der Frankfurter Buchmesse auftreten wird, ist so populär in der Ukraine wie es in anderen Ländern nur Popstars sind. Wohl auch, weil er neue Wege geht.

Er verbindet Poesie mit Rock, schreibt Liedtexte, tritt mit der Band „Hunde im Kosmos“ auf. Die Herz-Jesu-Kirche in Czernowitz ist bis zum letzten Platz voll, als er dort im Kerzenlicht seine Gedichte vorträgt. Selbst vor den Toren tummeln sich noch die Menschen. „So viele Leute waren hier seit Ewigkeiten nicht mehr, bei keinem Gottesdienst“, wundert sich eine ältere Passantin: „Und alle so andächtig!“ / Boris Reitschuster, Huffington Post

Teure Lyrik

Unverschämt billig ist dieser Titel, erhältlich bei Amazon bei buchhandel.de (also aufs Konto der Lieblings-Buchhandlung in der Nähe):

Cloudpoesie. Dichtung für die vernetzte Gesellschaft

Cloudpoesie zeigt, was passiert, wenn das Gedicht seine gedruckte Form verliert, wenn es sich vom Schreibtisch aufmacht ins Mediale, Dialogische, zu Leuten und Künsten. Ist Poesie neu denkbar im permanenten Flow der Zeichen, Kontexte und Horizonte?

Erschienen am 12. Oktober 2016, hg. von KOOK e.V.
Ergebnis einer Workshop-Performance mit Andreas Bülhoff, Martina Hefter, Georg Leß, Katharina Schultens, Andreas Töpfer, Charlotte Warsen, bearbeitet von Tristan Marquardt
ca. 100 Seiten auf dem Smartphone, mit GIFs
ISBN 978-3-944543-34-5

Man fühlt sich ermuntert und stöbert*) ein wenig auf der Buchhandelsseite. „Lyrik“ ist keine eigene Kategorie, das sind nur Sachen wie Krimi und Thriller, Ratgeber oder, ach da versteckt sie sich: Romane und Literatur. Klickt man das an, kann man verfeinern zu: „Lyrik und Dramatik“, spezieller gehts aber nun wirklich nicht.

Gibt man „Lyrik“ im Suchfeld ein, erscheinen 43,596 Treffer. Allerdings nicht sehr „treff“sicher. Die ersten Titel sind Dramen und Prosa von Dürrenmatt, Schirach, Goethe und Brecht, bevor die ersten Verdächtigen im Fach Lyrik auftauchen: Ringelnatz und Rilke. Ich verfeinere zu „Lyrik“ + „E-Books“ und erhalte nur noch 14,390 Treffer. Auch hier wenig spezifisch. Titel wie „Alles nur weil ich dich liebe“, „Die Versuchstierpflegerin. Meine Ausbildung“  oder“Die Liga der Loser“ verheißen nicht unbedingt Gegenwartslyrik. Tatsächlich scheinen die meisten Titel englische zu sein, was okay ist, aber vielleicht kann man das Kategoriensystem noch verfeinern? Ist es wirklich nicht vertretbar, „Deutsche Gegenwartslyrik“ oder „Polnische Klassik“ zu verschlagworten?

Ich blättere mich ein wenig durch und werde schon auf der zweiten Seite fündig:

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Ein stolzer Preis. Der Verlag der Oxforder Universität muß vermutlich seine unterbezahlten Autoren subventionieren lassen. Von uns Lesern. Wie viele werden sie wohl davon verkaufen?

288 Seiten soll das e-Buch haben. Man erfährt:

This volume presents the most authentic Greek text of the 154 authorized poems ever published, together with a new English translation that conveys the accent and rhythm of Cavafy’s individual tone of voice.

Nur den Namen des Übersetzers nicht. Das ist leider im digitalen Zeitalter weithin Standard. Ich kann nicht von jedem Buchhändler verlangen, daß er alle Namen und Titel kennt, aber wenn der Verlag schon teure Bücher anbietet, kann man etwas mehr Sorgfalt beim digitalen Beschreiben und Verschlagworten erwarten. Schon oft (!) habe ich Bücher nicht bestellt, weil die Anzeige des Verlages auf Kleinigkeiten wie Namen der Übersetzer oder Angaben zum Inhalt wie „Unveränderter Nachdruck“, „dritte, leicht erweiterte Ausgabe“… allzu oft verzichtet.

Ich blättere weiter. Auch das wäre interessant, aber nie zu dem Preis:
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Zu dem Rimbaudband erfährt man außer dem Preis nur:

Titel: Collected Poems
Aus der Reihe: Oxford World’s Classics
ISBN/EAN: 9780191605406
Seitenzahl: 384
Produktform: E-Book

Zweisprachig dann vermutlich nicht, Name der Übersetzer Nebensache, haben sie wenigstens die Gedichte in Prosa dabei? (Buchhändlerin blickt ratlos; zu Recht.)

Der Preis ist schon in Ordnung, kauft eh keiner. Soll wahrscheinlich auch nicht; ich vermute, solche Verlage lehnen das e-Buch eigentlich ab und gestalten den Preis so, daß man es nicht kauft.

Irgendwann taucht ein deutschsprachiger Titel auf:

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Der Preis ist in Ordnung, 6 € weniger als das gedruckte Buch. Ich hätte es dafür gekauft, nicht nur wegen des Preises, sondern weil die Regalfläche knapp ist.

Liebe Verlage, mehr gute e-Bücher zu vernünftigen Preisen!

Lieber Buchhandel, verlange bitte von den Verlagen seriöse Annoncen!

Ende des Wunschkonzerts. Und nun zurück nach oben: das Schnäppchen muß man haben!

Mehr Gegenprotest!

Was hat Pegida mit Dresden gemacht? Den Ruf der Stadt ruiniert, beklagt der Autor Peter Wawerzinek und wünscht sich mehr Gegenprotest. Als Stadtschreiber dokumentiert er das Leben in einer gespaltenen Stadt. / Spiegel online

Wertekompass

Unter der Überschrift „Wertekompass: Gesetze reflektieren statt Gedichte lernen“ berichtet Die Presse:

An Schulen und Kindergärten in Oberösterreich werden künftig österreichische Werte vermittelt. Die Materialien stehen nun bereit, um Brauchtum und Gedichte geht es nicht.

Vor fünf Monaten verschickte Oberösterreich den Wertekompass für Schulenund Kindergärten als Orientierungsrahmen. Nun sind die Unterrichtsmaterialien fertig, mit denen hierzu gearbeitet werden kann. Der stellvertretende Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) präsentierte sie am Montag. Und betonte, dass es „nicht darum geht deutsche Gedichte auswendig zu lernen“. Das hatte etwa die FPÖ in Wels intendiert, wie „Die Presse“ berichtete.

Es gibt sieben Themengebiete, die in den Materialen behandelt werden: Humanistisches Menschenbild, Gleichberechtigung aller Menschen vor dem Gesetz, persönliche Freiheit und Verantwortung, Mündigkeit und Demokratie, Rechtssicherheit und Rechtsstaat, Bildungsbereitschaft und kulturelle Begegnung sowie Mensch und Natur. Die Materialien werden mit der Zeit noch ausgebaut und können online heruntergeladen werden. (…)

Spaltet das Publikum

Marcel Reich-Ranicki ließ keine Zweifel aufkommen, dass Biermann den Büchnerpreis auch als Liedermacher verdient habe:

„Seine Kunst wirkt nicht vereinigend, sie spaltet das Publikum. Und die Kritik? Oft bereitet er den Redaktionen Kummer. Wer soll denn darüber schreiben? Der Literaturkritiker will nicht recht, das sei doch etwas für den Musikkritiker; dieser wiederum meint, dessen sollte sich der Kollege annehmen, der für Unterhaltung und Kabarett zuständig sei. Einer schiebt es auf den anderen ab. Weshalb? (. . .) In Biermanns Werk bilden sie eine Einheit – die Musik und die Literatur, die Poesie und die Prosa. Viele seiner Verse haben jenen kräftigen prosaischen Ton, der aus der Werkstatt eines anderen stammt, der ihn auch nicht erfunden, wohl aber bis zur Vollkommenheit entwickelt hat – aus der Werkstatt Bertolt Brechts.“ / Süddeutsche Zeitung 

Für Patrioten verboten

Ich aber sage euch: es wird Friede auf Erden
Erst wenn aus Stahlhelmen Nachttöpfe werden . . .
Wenn an den Lokalen steht: Für Patrioten
Eintritt verboten.

wußte der junge Peter Rühmkorf. Lange her. 2016 marschieren die „Patrioten“ schon mal gemeinsam mit Gutmeinenden und Wirrköpfen für den Frieden.

Peter Rühmkorf: Sämtliche Gedichte. Hrsg. Bernd Rauschenbach. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 624 Seiten, 39,95 Euro.

Volkstribun

Der lyrische Volkstribun Peter Rühmkorf ist endlich in der Klassikerloge angekommen. Und die muss nun erst mal geschlossen werden, so gut sind seine „Sämtlichen Gedichte“ aus sechs Jahrzehnten. Seine wachsende sprachliche Aufrüstung ist ein Erlebnis.

schreibt Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung
Peter Rühmkorf: Sämtliche Gedichte. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 624 Seiten, 39,95 Euro