Gestorben

Am 1. Dezember starb der indische Dichter und Aktivist Inkulab (Makkal Pavalar Inkulab, Inquilab, Inkulab oder Ingulab) (72). Er war ein tamilischer Autor.

Am 2. Dezember starben die Schauspielerin und Sängerin Gisela May (92) und der amerikanische Dichter und Romanautor James Reiss (75).

Am 3. Dezember der italienschweizer Dichter und Politiker Giovanni Orelli (88), ein Cousin von
Giorgio Orelli, sowie der indische Dichter Bekal Utsahi (88).

Am 4. der spanische Dichter und Kritiker Adolfo Cueto (47).

Am 15. Luis Alberto Arellano (40), mexikanischer Dichter und Essayist.

Am 17. Anne Ranasinghe (91). Sie wurde 1925 als Anneliese Katz in Essen geboren. 1939 schickten ihre Eltern sie nach England; nach dem Krieg erfuhr sie, daß beide von den Nazis ermordet wurden. Sie gehörte zu den bekanntesten englischsprachigen Autoren Sri Lankas.

Am 22. der argentinische Autor Alberto Laiseca (75) sowie der polnische Dichter Tadeusz Chabrowski.

Ebenfalls kurz vor Weihnachten starb der französische Dichter algerischer (berberischer) Herkunft Mustafa Hamlat im Alter von 64 Jahren. / La Depeche

Am 24. Felix Krivin (88), sowjetischer, ukrainischer und israelischer Autor von Gedichten und humoristischer Prosa. Seit 1998 lebte er in Beersheba (Israel). 2006 wurde er mit dem unabhängigen „Russischen Preis“ der subkarpathischen Rus ausgezeichnet.

Am 25. der sowjetisch-aserbaidschanische Dichter und Journalist Iljas Tapdyg (Тапдыг, Ильяс) (82).

Dresdner

Peter Wawerzinek: Wie gesagt: Sie sind beleidigt. Sie fühlen sich schlecht behandelt, auch von den ausbleibenden Touristen: Alles wegen so ein bisschen Pegida! Oder sie sagen: Gebt es doch zu, darauf habt Ihr doch nur gewartet! Oder es heißt: Das alles hat mit Dresden nicht viel zu tun, die kommen ja von außerhalb. Und sie tun eben fast nichts, um etwas dagegen zu setzen, wie es zu Beginn der „Spaziergänge“ einmal war. Da sind Menschen mit Kehrschaufeln hinter der Pegida-Demo hergezogen, um den Dreck aufzusammeln.

Dabei geht es den Leuten doch nicht schlecht?

Wawerzinek: Ja. Und sie hatten sich doch auch die Maueröffnung gewünscht, sie wollten raus, die Fremde und die Fremden kennenlernen. Das haben sie ausgekostet. Und nun fallen sie zurück in die alte Erstarrung. Und der, der das beobachtet und darüber schreibt, bekommt zu hören: Du irrst Dich, man hinkt hier gar nicht. Der Schreiber, der Fremde, ist der Nestbeschmutzer. Es gibt bei den Pegida-Anhängern, unter denen ja durchaus gescheite Leute sind, die Haltung, sie seien die Propheten, die vor der Flut der Fremden gewarnt hätten, die man stoppen müsse, um das Abendland zu retten: Ihr werdet schon sehen, sagen sie, wenn es dann schiefgegangen ist – wir werden Euch nicht helfen! / Mitteldeutsche Zeitung

L&Poe-Rückblende Mai 2001

8 gegen 58. Der Georg-Büchner-Preis für Männer

So überschreibt Iris Radisch einen Kommentar zum Büchnerpreis für eine Frau. Die Zahlen bezeichnen das Verhältnis weiblicher zu männlicher Preisträger. Wenn Frau Radisch schreibt: „Nachdem Grass, Walser, Enzensberger, Müller, Strauß und Handke schon dran waren, kamen sogar Autoren wie Wolf Biermann und Arnold Stadler zu Ehren.“, kann sie breiter (vielleicht nicht in jedem Fall liebsamer) Zustimmung sicher sein. Weniger vielleicht mit ihrer Meinung zu der diesjährigen Preisträgerin Friederike Mayröcker (die nicht zufällig so lange vergessen worden sei) und zum „Machismus“, der in dieser Preispolitik steckt. Dennoch oder deshalb ist dies der wichtigere Teil ihres Kommentars (in der Zeit vom 10.5.). Ein schöner Satz: „Nicht selten tun die Frauen, wovon die Männer nur reden: die Welt auf den Kopf stellen.“

Beim Lesen dieses Kommentars fällt mir ein Name ein, der ebenfalls lange „vergessen“ wurde und, täusche ich mich nicht, geringe Chancen auf Berücksichtigung im Büchnerclub hat. Es ist der Name eines – Mannes, der in einigen Tagen seinen 70. Geburtstag begeht:  Manfred Peter Hein, der in Ostpreußen geborene, in Finnland lebende Dichter. Was Frau Radisch schreibt, paßt auch hier: „Das Große wird klein, das Kleine groß, Poesie wird Politik, Politik Poesie. Ein Dummkopf ist, wer denkt, dass das einem Georg Büchner nicht gefällt.“

Herrenzimmer-Krampf

In der „Welt“ schreibt Eckhard Fuhr an Marcel Reich-Ranicki über sein Brecht-Duett so: „Seine herrlichen erotischen Gedichte, fügten Sie hinzu, hätte Brecht nicht schreiben können, wenn seine große Liebe zu den Frauen nicht gewesen wäre.

Geahnt hatte ich diesen Zusammenhang schon. Große Liebe, große Lyrik. Das funktioniert nicht bei jedem. Deshalb können wir den Dichter Brecht nicht genug bewundern. Trotzdem hat mich das, was sie sagten, irgendwie frustriert. Warum habe ich mir eigentlich all die Mühe mit Brecht gemacht? Wenn ich gewusst hätte, dass der Kern des Brechtschen Werkes der Versuch ist, das lyrisch festzuhalten, was er sonst nicht halten konnte – wie Sie das Wort Samenerguss aussprechen, das ist unvergleichlich – hätte ich mir das erspart. Gleichwie: Sie haben mich gut unterhalten. Nur eine Bitte am Schluss: Sprechen Sie nicht mehr von Damen, wenn Sie von Frauen reden. Das ist Herrenzimmer-Krampf.“ / Die Welt 30.5.01

Genie und Wahnsinn: Emily Dickinson

The connection between Dickinson’s moods and her poems has long been a subject of interest but has never before been quantified. In the new research, John F. McDermott, professor emeritus of psychiatry at the University of Hawaii School of Medicine in Honolulu, examined whether there was a seasonal pattern to when Dickinson (1830-1886) wrote her poems.
The analysis suggest that Dickinson’s „creative genius was ignited“ in 1862, in the middle of an eight-year period when she wrote most of her work, McDermott said. Generally, during this period, Dickinson was much more prolific during the spring and summer and much less productive in the winter, he found.
„One can speculate she had winter blues or depression, but at the same time, in the spring and summer, she had a flash of creative energy,“ McDermott said in a telephone interview. „There was an overriding of that winter lapse. She wrote all day long — she wrote a poem a day. If she saw the chestnut tree in bloom, she would say the sky was in bloom. She had more intensity and enthusiasm about life. She had a change in mood, a cognitive change.“ / Washington Post 14.5.01

Lyrikwart

Ein wenig anmaßend erscheint es zwar schon, wenn der selbst ernannte Lyrikwart Gernhardt in seiner privaten Versbau-Werkstatt ausgerechnet an einem Werk des vollendeten Stilisten Durs Grünbein herumbastelt, doch mit viel gutem Willen konnte man dabei noch einen selbstironischen Unterton heraushören. / Dies & andres meint Christoph Schröder in der FR über den Frankfurter Poetikdozenten Robert Gernhardt (31.5.01)

Robert Gernhardt spricht mit der „Weltwoche“ über die Lage der Lyrik. Statt alte oder neue Ordnungssysteme zu nutzen, produziere der „Mainstream“ ein „aufgeladenes Rauschen“. Für Anführer solchen Mainstreams erklärt er Thomas Kling sowie die diesjährige Büchnerpreisträgerin:

„Für einen komischen Autor ist es nahe liegend, die bewährten Techniken zu benutzen. Zudem: Keiner von ihnen käme mit diesem aufgeladenen Rauschen durch. Er will verstanden werden, und darauf kommt es beim Mainstream heutiger Lyrik überhaupt nicht an. Ich habe von der diesjährigen Büchnerpreisträgerin Friederike Mayröcker noch nie eine Zeile gelesen, die mich berührt, belehrt oder belustigt hätte. Aber ich kenne viele kluge Geister, die sich in   diese Texte rein- und sogar wieder rauslesen können.“ / „Weltwoche“ Nr. 21/01, 23.5.2001

Thomas Kling macht sich stark für die poetische Avantgarde

Er verabscheut die sichere Distanz nicht weniger als das gesponserte Experiment. Modische Posen für den risikolosen Erfolg sind ihm ebenso verhasst wie verklemmte Volksbildner. Wenn Thomas Kling vom allseits beliebten „Abqualifizieren der ästhetischen Avantgarden“ spricht, erfasst ihn, der von sich behauptet, gar kein „Avantgarde-Fetischist“ zu sein, heiliger Zorn. Denn die einst von der Gruppe 47 gesetzten literarischen Maßstäbe geisterten, so Kling in seinem Essayband „Botenstoffe“, immer noch durch Kritikerköpfe und seien dafür verantwortlich, dass die deutschsprachige Lyrik mindestens 15 Jahre auf der Stelle getreten sei.

Um dem von ihm konstatierten „Avantgarde-Bashing“ entgegenzutreten, entwickelt Kling auf mehr als 200 Seiten ein polyphones, sprach- und poesiegeschichtliches Netzwerk. Provokant und selbstbewusst schlägt er den Bogen vom Barock-Gedicht des 17. Jahrhunderts bis zur spoken poetry dieser Tage. Dabei spart er nicht mit Lob und Tadel. In teils kritisch-essayistischen, teils assoziativ-polemischen Betrachtungen und Notaten legt er seine poetischen Wurzeln frei, offenbart Affinitäten und Parallelen zu Vorbildern und Kollegen und demontiert Autoren bis zur Kenntlichkeit. / Thomas Kraft, Potsdamer Neueste Nachrichten 19.5.01

Wadî Saâdah

verzichtet radikal auf orientalische Emphase, entscheidet sich für teilweise surrealistisch anmutende Bilder, die er aber unzweideutig verbindlich einsetzt. Seine Qual breitet er nicht wortreich aus; der Schmerz sitzt in den Wurzeln des Textes. / Dieter M. Gräf, Die Welt 12.5.01

Zum 70. Geburtstag des Dichters Manfred Peter Hein

ein Artikel von Wulf Segebrecht. Über das Gedicht „Himmelsbleiche“ (aus dem Band „Hier ist gegangen wer“, soeben bei Ammann erschienen) heißt es da: Ein illusions-, aber doch nicht trostloses Resümee zu Beginn des neuen Jahrtausends. Manfred Peter Hein bezieht sich dabei („der Eisheiligen Kind / Mai einunddreißig“) auf seinen eigenen Geburtstag: Heute vor siebzig Jahren wurde er geboren. Höchste Zeit, ihm zu sagen: Wir zählen auf ihn. / FAZ 25.5.01

Auch die Neue Zürcher gratuliert: „Einmal hat dieser Dichter, der dem unseligen «Ostlandtraum» eine so produktive Wendung gegeben hat, indem er sich den poetischen Osten und Norden angeeignet und den deutschsprachigen Lesern zum Geschenk gemacht hat, einmal hat Manfred Peter Hein Ostpreussen besucht. Das Gedicht «Memorial» erzählt davon. «Liebe totgebettet lang schon vor Abend / Heimat kein Land mehr ringsverstreute Glieder / Disiectae Membra Patriae Heimwehland», heisst es darin. Von den Orten der Kindheit sind nur Fetzen geblieben, See, Strom, Bruch, Haff, Meer; ihre Beschwörung im Wort ruft keine Erinnerung hervor, nur die unabweisbare Erkenntnis: Das alles ist verloren, die Vergangenheit mit der Gegenwart. Ein anderes Gedicht, ein «Psalm», wird von zwei Imperativen unterbrochen. Der erste lautet «Sprich», der zweite «Schweig». Die Kunst Manfred Peter Heins liegt darin, beiden Anordnungen Folge zu leisten: Seine Texte sprechen schweigend, und sie schweigen in seiner Sprache.“

Manfred Peter Hein: Hier ist gegangen wer. Gedichte 1993-2000. Mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat. Ammann-Verlag, Zürich 2001. 112 S., Fr. 32.-. 25. Mai 2001 /Martin Ebel, NZZ 25.5.01

Eine „Renaissance der Deutschschweizer Lyrik“

beobachtet Reto Sorg in der NZZ vom 26.5. in der Gestalt von Christian Uetz, Raphael Urweider und Armin Senser:

1963 im thurgauischen Egnach geboren, ist Christian Uetz Dichter mit Leib und Seele. Wie die alten Rhapsoden kennt der studierte Altphilologe seine Texte par cœur . Wenn er vorträgt, hört und sieht man ihn, doch kein Papier. Die Emphase, die Uetz ins Werk setzt, kommt von Hölderlin und Celan her. Der sprachspielerische Furor erinnert an die Österreicher, an Jandl , an Artmann: «Hölder; schönsterrre Schwahn des Abelnlahn; / Könixkran Cselahn».

Uetz‘ sprachbesessene Aufstände, Urweiders luzide Erzählbilder und Sensers schillernde Lyrik- Ideen markieren avancierte Positionen zeitgenössischer Lyrik. Sie zeigen, was zurzeit im Gedicht möglich ist – und das ist nicht wenig. So bildet ihre Lektüre auch die besten Voraussetzungen zu erkunden, was im Gedicht noch möglich wäre. Die Zukunft gehört den Belesenen.

Das Gedicht hat heute wieder eine Chance. Vielleicht, weil man von ihm lange Zeit nichts mehr gefordert hatte. Jörg Drews spricht gar von der «neuen Unersetzlichkeit der Lyrik ». Tatsächlich leistet weder die erzählende noch die diskursive Prosa, was das Gedicht vermag: Zu affizieren, den Moment zu treffen und einzufangen und zu lösen, was untrennbar scheint: von den Wörtern die Bedeutungen.

Worte tanzen nackt: Pfingstwunder beim Bremer Lyrikfestival

Es sei gut zu wissen, so später der Bremer Autor Michael Augustin in einem pointensicheren Gedicht, „daß alle zwölf Sekunden / irgendwo auf der Welt / ein Gedicht geschrieben / aber nur alle einhundertdreißig Minuten / eines gelesen wird“. (…)
… der Koreaner Ko Un: „Zuletzt, verstummend, stirbt der Dichter, / um wiedergeboren zu werden als Gedicht. / Ist er für immer am Nachthimmel ein verläßlicher Stern.“ Ko Un, vom früheren südkoreanischen Regime gefangengenommen und gefoltert, heute Vorsitzender des südkoreanischen Schriftstellerverbandes, bot schon durch die furiose Art seines Vortragens einen Höhepunkt des Festivals. (…)

Der neunundsechzigjährige Autor Adrian Mitchell berät poetologisch Paul McCartney, tönte und bewegte sich stellenweise wie ein Blues-Sänger und sprach: „Lauter nackte Wörter und Leute tanzen zusammen. / Das gibt bestimmt Ärger. / Da kommt schon die Poesie-Polizei! / Einfach weitertanzen.“ Daß er schon 1965 in der Royal Albert Hall siebentausend Zuhörer begeisterte, konnte der Hörer sich auch im Bremer Schauspielhaus ausmalen.

Es handelte sich in Bremen um einen kairos des deutschen Literaturbetriebes. Und schließlich fällt auch der Rezensent erschöpft aus seinen prosaischen Schuhen und resümiert: Und mächtiger strömet die Weser / umgarnen sie Dichter und Leser. /MARTIN THOEMMES, Frankfurter Allgemeine Zeitung , 23.05.2001

„What is poetry?“

fragte auch der britische Lyriker Adrian Mitchell in einem Gedicht. Seine dionysische Antwort: „Naked words, dancing together“, nackte Wörter, die miteinander tanzen. /Thorsten Jantschek, Die Welt 21.5.01

Ein ganz anderer «Hans Heimatlos»

aus der Generation der lyrischen Nachgeborenen wird in der Literaturzeitschrift «die horen» (Nr. 201) vorgestellt: Es geht um Uwe Kolbe, der einst von Franz Fühmann zur grössten Hoffnung der jungen wilden DDR-Lyrik ausgerufen wurde. In einem ungeheuer materialreichen Gespräch – neben Kolbe werden in den «horen» noch fünf weitere Autoren mit DDR-Sozialisation vorgestellt – skizziert Uwe Kolbe die Urszenen seiner literarischen Biografie. Der naiv-enthusiastische Dichter, für den zehn Jahre lang der Prenzlauer Berg das Zentrum seines Lebens und seiner Poesie bildete, schien in der DDR trotz poetischer Aufsässigkeit und auch politischer Oppositionslust auf einem Königsweg zu wandeln. Es genügte aber eine kurze S-Bahnfahrt im April 1982 nach Westberlin, um das Weltbild des Dichters auf den Kopf zu stellen. Für die sozialistische Utopie war Uwe Kolbe fortan verloren. Seit er 1986 mit einem Dauervisum in die Welt des Westens aufbrach und schliesslich in Tübingen landete, haben sich seine Gedichte verändert. Das Aufgeregte und expressiv-Stürmische seiner frühen Gedichte ist einer lyrischen Gelassenheit gewichen, die nach weicheren Melodien und ruhigeren Rhythmen sucht. «Vielleicht», so Kolbe, «ist das Gedicht ein Moment der Aufmerksamkeit… Aufmerksamkeit ist das Gebet der Seele…» / Michael Braun, Basler Zeitung 19.5.01

Johannes Poethen gestorben

Der Lyriker und Essayist Johannes Poethen erlag gestern im Alter von 72 Jahren einer schweren Krankheit, teilte das Stuttgarter Schriftstellerhaus unter Berufung auf Familienangehörige mit. Poethen veröffentlichte mehr als 25 Gedicht- und Essaybände, die auch ins Englische, Polnische, Griechische und Arabische übersetzt wurden. Sein Werk ist vor allem von der griechischen Mythologie und moderner französischer Lyrik beeinflusst. /dpa 10.5.01

Aus: Meteorit

Meteorit bedroht die erde
ach diese außenseiter
wir machen das besser selbst.
* * *
Was wir hier sind
wir schießen ihn einfach weg
hei wie lachen da die sternlein.
* * *
So schnell kannst du gar nicht hinsehn
erst die saurier
dann die bäume
jetzt der homo sapiens sapiens.
* * *
So weit darf es nicht kommen
wachset und mehret euch
damit wir uns vorher
aufgefressen haben.
* * *
Vielleicht züchten sie doch noch
ganz große menschen
die tun dann großes
ganz großes.
* * *
Großer gott
rom wird auch nicht
an einem tag zerstört.
* * *
Auch dieser meteorit
flog an uns vorüber
da können wir wieder
richtig zuschlagen.

Zum Tode von Johannes Poethen: FAZ 10.5. (Harald Hartung)

Außerdem gestorben im Mai 2001

  • 4. Mai Rudi Strahl, DDR-Dramatiker, Erzähler und Lyriker (69)
  • 7. Mai Boris Ryshij (Борис Рыжий), russischer Dichter (26)
  • 10. Mai Lucifero Martini, italienischer Schriftsteller, Dichter, Journalist (* 1916)
  • 13. Mai Viktor Gontscharow (Виктор Гончаров), russischer Dichter, Künstler (80)
  • 19. Mai Hans Mayer, deutscher Literaturwissenschaftler, Jurist, Sozialforscher, Kritiker, Schriftsteller und Musikwissenschaftler (94)

 

Postfaktisch 1994

Karl Mickel

Das Beil von Wandsbek. Prolog. Gesprochen
vom jüngsten Schauspieler des Hauses.

Diese Historie ist von vorgestern –
Vorgestern sagt ich? — aus dem Kambrium
Oder Silur; wer will das wissen! —

Die Eiszeit war noch Zukunft jedenfalls —:
Damals regierte, raunen die Fossile
In Deutschland ein gewisser A Punkt Hiller
Oder Gittler (: A vermutlich Adolph)

Und wieder andre heißen ihn Schickelgruber
Der Erfinder der Autobahn. Der soll —
Doch das bestreiten Viele – auch abscheulich
Gemordet haben. Wir tappen im dunkeln.
Von einem Krieg ist sonderbar die Rede
Gegen das eigne, oder fremdes, Volk —
Ob der gewonnen worden, ob verloren:

Man weiß nicht recht. Zwar gab es wohl Ruinen.
Ein altes Buch nennt einen Fleischermeister

Als Täter. Oder Opfer. War das der Gittler?
Kein Mensch guckt durch. Von A bis Z Legende.
In diesen Abgrund jetzt uns zu verfügen

Sind wir gewillt und wünschen viel Vergnügen.

  1. Juni 94. (50 Jahre D—day)

Aus: Karl Mickel, Geisterstunde. Gedichte. Göttingen: Wallstein, 2004, S. 52

Obama’s literary presidency

“One cannot dispute that the president has been an exemplary ambassador for literature, a leader who has championed reading as a way to open our eyes to the world, to nurture understanding, to see ourselves in others.” Reflecting on Obama’s literary presidency. | San Francisco Chronicle

Poetopie

und so werden wir Jahr für Jahr aufs Neue geboren

Hansjürgen Bulkowski

L&Poe-Rückblende: April 2001

Am 15. April starb im Alter von 73 Jahren der Slawist Ralf Schröder, der 1956 wegen konterrevolutionärer Verschwörung verhaftet und zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. In den letzten Jahren der DDR reiste er als eine Art Wanderprediger in Sachen Perestroika durchs Land. Einmal in Greifswald fragte ein Besucher: „Und was wird mit der DDR?“ Seine Antwort: „Na, unsre Hornochsen wern sich anschließen müssen, wir sind doch nicht Enver Hodscha.“ Enver Hodscha war bis zu seinem Tod 1985 albanischer Partei- und Staatsführer einer bizarren Diktatur. Als ich Schröder so reden hörte, etwa 1988, war mir endgültig klar, daß Honeckers starrsinniger Sozialismus nicht mehr lange halten wird.

Im April starben außerdem, ebenfalls an der Lyrikzeitung vorbei:

  • Am 1. April Trịnh Công Sơn, vietnamesischer Komponist, Poet und Maler (62)
  • Am 12. April Harvey Ball, US-amerikanischer Erfinder des „Smileys“ (79)bela
  • Am 19. April der französische Dichter André du Bouchet (77)
  • Am 27. April der Goetheforscher Erich Trunz (95), dessen kommentierte Auswahl von Goethes Gedichten aus der „Hamburger Ausgabe“ auch in diesem Jahr als Weihnachtsgeschenk zu erwerben war. Vor etwa 35 Jahren las ich von ihm einen Aufsatz über Goethes Klo im Haus am Frauenplan.
  • Am 27. April der russische Dichter Juri Lednjow (71)

Der Thüringer Schriftsteller Harald Gerlach lebt noch und wandert Goethes Frühlingsreise von 1770 nach

Es gibt Wanderungen, deren Weg noch nach Jahrhunderten die einstige Bedeutung kenntlich macht. Goethes Frühlingsreise von 1770 ist ein solches bewegendes Beispiel. Erlebnis und Genuss überraschender Begegnungen kamen völlig neu in sein junges Leben. Und sie lösten die wohl gefährlichste Phase seines Lebens ab.
Es war der 4. April 1770, als Goethe zum Studium in Straßburg eintraf. Man könnte annehmen, dies sei bloß die logische Einlösung des bereits vor mehr als einem Jahr Angekündigten, dass er nun die Absicht habe, „nach Franckreich zu gehen, und zu sehen wie sich das französche Leben lebt, und um französch zu lernen!“. Hinter dem Plan steckte aber die schmerzvolle Erfahrung: „Mann mag auch noch so gesund und starck seyn, in dem verfluchten Leipzig, brennt man weg so geschwind wie eine schlechte Pechfackel.“ Krank an Körper und Seele, mit vertanem geistigen Gewinn und mit sinnlosem Verlust an viel Geld, ist der 19-Jährige aus Leipzig nach Frankfurt heimgekehrt. Zwei Jahre später wird Straßburg seine letzte Hoffnung auf Überwindung der Krisis. / Die Welt 14.4.01

Alltag in Österreich: „Kronenzeitung“ feiert Hitler

Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: „Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.“ Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den „Endreim“ nennen könnte. Der lautet nämlich: „Taxi Orange, der zweite Teil!“

Dieses „Gedicht“ erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der „Kronenzeitung“, verfaßt von ihrem berüchtigten „Hausdichter“ namens „Wolf Martin“. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von „Taxi Orange“, der österreichischen Version von „Big Brother“? Jene Kritiker der „Krone“, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01

Unter Strom im Frühlicht

haben Angelika Janz und Dieter Eidmann die Ausstellung genannt, die ab 27. April in der Neustrelitzer Galerie der Alten Kachelofenfabrik zu sehen ist. Angelika Janz wird Bildtextarbeiten und Textinstallationen vorstellen, während Dieter Eidmann Bildhauerzeichnungen und Kalligrafien präsentiert. Zur Eröffnung der Exposition beider Künstler, die in Aschersleben bei Ferdinandshof wohnen, wird Angelika Janz aus ihrem im Sommer im Verlag des Wiecker Boten erscheinenden Lyrikband gleichen Titels lesen.

Wusste Paul Celan ganz genau,

was er schrieb, als er seiner Frau am 23. Oktober 1962, wie immer in der großbürgerlich-französischen Sie-Form, das grandiose Pauschalkompliment machte: „Sie sind, und das wissen Sie genau, die Frau eines Poète maudit… Danke, Gisèle de Lestrange, dass Sie dies alles auf sich nehmen“? / KURT OESTERLE, Süddeutsche 20.4.01

LORD BYRON,

the poet who scandalised England with his hellraising exploits, was actually a psychopath, according to new research by a leading psychiatrist. / Telegraph 15.4.01

‚He’s beyond music, beyond lyrics‘

For me Bob Dylan was more important, way back then, than the Beatles or the Stones or anyone else. And though there are many great songwriters these days – Paul Simon, Tom Waits – I still think nobody comes close. / Salman Rushdie und andere schreiben über Bob Dylan / The Observer Sunday March 25, 2001

„Rimbaud-Preis“ für junge Literaten an Christian Filips

Aus 270 Einsendungen hatte eine fünfköpfige Jury vier Preisträger/innen in vier Kategorien gewählt. Der Hauptpreisträger dieses Jahres heißt Christian Filips, und es scheint eine sehr gute Wahl zu sein.
Das erkennt man schon an seiner souveränen Antwort auf die Frage des Moderators Martin Loew-Cadonna, wo die Halbgasse 8 aus seinem Gedicht denn liege. Darauf Filips: „Die gibt es, aber es hat keinerlei Bedeutung.“ Damit signalisiert er sofort: Seine komplexe, wendeltreppenartig sich durch Bildungs-Spiegelkabinette bewegende Lyrik ist nicht realistisch abbildend, sondern schafft einen eigenen und eigenständigen Sprach-Raum. Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder. / Richard Reichensperger: DER STANDARD Freitag, 27. April 2001, Seite 16

Lyrik im Mittelpunkt

Manuel Alegre, einer der bedeutendsten Lyriker des Landes, wurde im vergangenen Jahr mit dem Pessoa-Preis geehrt. Lyrik steht, allen Unkenrufen zum Trotz, auch im modernen Portugal in hohem Ansehen. Sie wurde unter Salazar ebenso wie heute vergleichsweise viel gelesen. Die Auflagen der Gedichtbände sind kaum geringer als die in Frankreich oder Spanien, beides Länder mit einer weitaus grösseren Einwohnerzahl. In Portugal verbindet sich die Blütezeit der Lyrik mit der Gruppe um die Zeitschrift «Orpheu», die während des Ersten Weltkriegs entstand. Ihr Zentrum beherrschte Fernando Pessoa , der in den Dreissigerjahren zu einem der einflussreichsten Dichter Portugals wurde. Andere aus dem Kreis von «Orpheu» – wie Almada Negreiros oder Márjo de Sá-Carneiro – wurden zwar auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt, haben aber nicht die nachhaltige Wirkung von Pessoa erreicht.  / Der Bund 23.4.01

Gefährliche Gedichte

Hannover. „In unserem Land bekommt man als kritischer Autor drei Warnungen, dann ist Schluss.“ Der das sagt, weiß, wovon er spricht: Ales Rasanau gilt in Weißrussland als bedeutend ster Lyriker. Als Redakteur einer Literaturzeitschrift veröffentlichte er einige kritische Artikel über die politischen Verhältnisse im Lande. Kurze Zeit später wurde er entlassen ? „auf Druck von oben“, wie er sagt. / JOACHIM GÖRES, Lippische Landes-Zeitung 23.4.01

Gott dem Ohnmächtigen

ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». / Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.01

Im Juni 2000 war Ernst Jandl gestorben. 2001 erschienen „Letzte Gedichte“, Luchterhand Literaturverlag (Sammlung Luchterhand), München,123 Seiten, 18,50 Mark. / dpa. Hamburger Abendblatt 18.4.01

Eine Polemik gegen Moderne und Bärte zum Schluß

Das Bemühen um deutliche Abgrenzung ist erkennbar, mit dem der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff seinen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne unternimmt. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger „, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. Petersdorff spricht in seinem Essayband „Verlorene Kämpfe“ vom „Zustand einer erschöpften Moderne“, die nur noch betrieblich intakt sei und Inhalte und Werte vermissen lasse. / Hannoversche Allgemeine   17.4.01

Die Äquinoktien

(Fünftes saturnalisches Gedicht)

Karl Mickel

Die Äquinoktien

In der Höhe in den Lüften
Wetter auf einander krachen
Und die Leiber in den Grüften
Sieh! was sie für Sprünge machen.

Ja, es schmettern Schädelknochen
gegen dicke Eisenplatten
Flüsse, Seen und Meere kochen
In die Schiffe flüchten Ratten.

Heißes Naß auf heiße Steine!
Kugelbäuche sich entladen!
Kind! jongliere die Gebeine
Oder trage du den Schaden

(1968)

Aus: Karl Mickel, Schriften 1. Gedichte 1975-1974. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1990, S. 147

Paterson

Jim Jarmusch (63) wollte Dichter werden, avancierte dann aber zum Wegbereiter des US-Independent-Kinos – ein Etikett, das ihm nicht gefällt. Er nennt sich lieber «artisan», Kunsthandwerker. «Paterson» ist eine Hommage an diese Stadt, welche Anarchisten, Künstler und Poeten aus dem ganzen Land angezogen hat – so lebte Jarmuschs Lieblingsdichter William Carlos Williams hier. Und an ein Kino, das ohne Effekte und gross angelegte Dramaturgie auskommt. «Ich wollte einen federleichten Film machen, etwas in der Tradition des japanischen Meisters Yasujiro Ozu, in dem Alltägliches zum Ereignis wird, etwa eine schöne Blume im Park», sagt Jarmusch im Interview des Kinomagazins «Frame». / Urner Zeitung

zwei zeilen an drei zeilen von inger christensen angehängt

die gewehre, und die klageweiber gibt es, satt
wie gierige eulen, den tatort gibt es;
den tatort, verschlafen, normal und abstrakt,
und verschwörungen gibt es, verschwörungen gibt es,
und verschwörungstheorien, die sogar in erster linie

Von Hermann Hesse,

erfahren wir aus dem SÜDKURIER

gibt es nicht nur Nacktfotos, sondern auch Romane und Gedichte („Seltsam, im Nebel zu wandern“).

Saturn und Jupiter

Friedrich Hölderlin

(Viertes saturnalisches Gedicht)

           Natur und Kunst,
                 oder
           Saturn und Jupiter.

Du waltest hoch am Tag' und es blühet dein
   Gesez, du hältst die Waage, Saturnus Sohn!
      Und theilst die Loos' und ruhest froh im
         Ruhm der unsterblichen Herrscherkünste.

Doch in den Abgrund, sagen die Sänger sich,
   Habst du den heilgen Vater, den eignen, einst
      Verwiesen und es jammre drunten,
         Da, wo die Wilden vor dir mit Recht sind,

Schuldlos der Gott der goldenen Zeit schon längst:
   Einst mühelos, und größer, wie du, wenn schon
      Er kein Gebot aussprach und ihn der
         Sterblichen keiner mit Nahmen nannte.

Herab denn oder schäme des Danks dich nicht!
   Und willst du bleiben, diene dem Aelteren,
      Und gönn' es ihm, daß ihn vor Allen,
         Göttern und Menschen, der Sänger nenne!

Und hab' ich erst am Herzen Lebendiges
   Gefühlt und dämmert, was du gestaltetest,
      Und war in ihrer Wiege mir, in
         Wonne die wandelnde Zeit entschlafen,

Dann hör' ich dich, Kronion! und kenne dich,
   Den weisen Meister, welcher, wie wir, ein Sohn
      Der Zeit, Gesetze giebt und, was die
         Heilige Dämmerung birgt, verkündet.

Letzte Fassung. Zweite Hälfte November 1800. Reinschrift ohne die fünfte Strophe:

Denn, wie aus dem Gewölke dein Bliz, so kommt
   Von ihm, was dein ist, siehe! so zeugt von ihm,
      Was du gebeutst, und aus Saturnus
         Frieden ist jegliche Macht erwachsen.

Das Motiv der ersten Zeile der weggefallenen Strophe erscheint im Neuentwurf der neunten Strophe von „An Eduard“.

Aus: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge („Bremer Ausgabe“), Bd. 9, S. 83 – Vgl. auch F.H.: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Bd.5, S. 408-414.

Die antiken Götter unterliegen geschichtlicher Veränderung. Saturnus, der römische Saatengott, wurde mit dem griechischen Gott Kronos gleichgesetzt und übernahm so dessen Eigenschaften, so wie Jupiter die des Zeus. Zeus-Jupiter, Kronos-Saturns Sohn, heißt im Gedicht korrekt Kronion (Sohn des Kronos), aufgrund einer zeitgenössischen Verwechslung von Kronos mit Chronos aber auch „Sohn der Zeit“, Saturn als Gott der „goldenen Zeit“.

Im Gedicht gibt es nichts Fratzenhaftes, aber viele Eigenschaften des widersprüchlichen Gottes Saturn. Da ist die politische Ebene – Saturn herrschte als milder König im Goldenen Zeitalter, es nimmt beinahe sozialistisch-anarchistische Züge an. Kronos-Saturn sprach kein Gebot aus und es „herrschte“, hier ein anachronistisches Ausdruck, Saturnus‘ Frieden. Dagegen wird Jupiter mit dem Wort Herrscherkünste charakterisiert. Der Dichter fordert hier den jetzigen Herrscher auf, den Älteren zu ehren und ihm zu gönnen, daß der Sänger jenen vor allen anderen nenne. So entsteht im Gedicht eine neue Ära, in der die milden, weisen Gesetze des Vaters wieder gelten. Im Entwurf stand zuerst „dem weisen gewaltigen Künstler Kronion“. Wenn Jupiter durch Besinnung auf den Vater zum Künstler geworden ist, dann kann er Gesetze geben und „alles scheiden und ordnen“ (so der erste Entwurf).

L&Poe-Rückblende März 2001

Inger Christensen lebt und schreibt über Zweifel an der Dichtung

Ich bin keine Sterndeuterin, ich bin eher eine Handwerkerin. Die Dichtung ist ja auch nur eine Stimme unter den vielen Stimmen der Welt. Und sie ist auch kein Medium, das besonders geeignet ist, auf Probleme aufmerksam zu machen. Aber man kann ja hoffen, dass Dichtung vielleicht ein Gesamtgefühl der Zustände erfahrbar machen kann. Dann und wann hat man den Eindruck, dass aus den vielen Punkten der Vergangenheit, aus den vielen Schichten des Lebens heraus etwas ausgedrückt werden kann, wovon man kaum etwas weiß. Ich glaube vor allem, dass man gerade deswegen schreibt, weil die Unlesbarkeit der Welt vorhanden bleibt. Man schreibt weiter. Während des Schreibens denkt man, dass man etwas entdeckt hat, man denkt, alles wird klar werden. Aber eigentlich ist es ja so, dass man nur schreibt, weil man weiß, dass alles unlesbar ist und bleibt. Man liest die Welt, um weiter zu lesen, und dabei bleibt immer dieser Rest. Über die Zukunft der Menschheit dagegen lässt sich überhaupt nichts sagen. Aber in jedem Moment gibt es eine Konstellation von Gedanken und Ausdrücken, die den Einzelnen auf die Spur von etwas bringen kann, das der Zukunft eine Form gibt. SZ vom 15.03.2001 Münchner Kultur

Über die „dunkleren“ Traditionen des Literarischen März schrieb Michael Braun

Zu den dunkleren Traditionen des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs, der ja dem Dichter-Nachwuchs gewidmet ist, gehört auch die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen. So konnte Thomas Kling, der diesmal als Ehrengast des „Literarischen März“ geladen war, in schöner Ironie den Darmstädter Mundartdichter Ernst Elias Niebergall paraphrasieren, um seine eigene Chancenlosigkeit in Erinnerung zu rufen: „Ich kumm in Darmstadt uff kahn grihne Ast“. / schreibt Michael Braun in der FR , 27.3.01

Entartet

Es begann mit einem Skandal. Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer „schizophren Stammelnden“ war die Rede, ja sogar einmal mehr von „entarteter Kunst“. / Christoph Schröder, FR 3.3.01

Deutschland als Wunderland für Lyrik

Als Lyrikerin seit ihrem 17. Lebensjahr – „in den wilden Jahren“ – und mit sechs Bändchen neben „fast sechs Romanen“ lobt die Isländerin Deutschland als das „Wunderland für Lyrik, das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist“, ebenso wie später für das hier vorhandene Umweltbewusstsein. (sagt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir in der Fuldaer Zeitung 27.3.2001)

Ansichten zu „Matthias“ BAADER Holst

„Matthias“ BAADER Holst. Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell. Das alles irgendwie. Und das alles irgendwie nicht.
Ein sicherlich singulärer Vorfall, der eine Symbiose mit seinen Texten eingegangen war und sie als Klangform der eigenen Unangepasstheit unters Volk schlug. Ein performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader „charismatische Begnadung“. / scheinschlag , 24.3.01

Gestorben & vermeldet

Am 17. März ist in St. Petersburg der Dichter und Essayist Viktor Kriwulin im Alter von 56 Jahren gestorben. Die Stadt an der Newa war für Kriwulin mehr als nur Wohnort – er trat während der siebziger und achtziger Jahre als eine der wichtigsten Figuren im literarischen Untergrund von Leningrad auf; in den neunziger Jahren engagierte sich Kriwulin in der Petersburger Demokratiebewegung, der auch die 1998 ermordete Abgeordnete Galina Starowojtowa angehörte. Es mutet wie eine körperliche Metapher der stabilitas loci an, dass Kriwulin seit seiner frühen Kindheit an einer Knochenkrankheit litt und deshalb an Krücken gehen musste – als ob das Schicksal sicherstellen wollte, dass der Dichter seine Stadt nicht verlassen konnte.  / NZZ 20.3.01

Gestorben & nicht vermeldet

  • Am 6. März der sowjetrussische Dichter und Übersetzer Sergej Podelkow (88)
  • Am 9. März der israelische Dichter Reuven Ben-Yosef
  • Am 12. März der niederländische Botaniker, Dichter und Naturschützer Victor Westhoff (84)
  • Außerdem laut russischer Wikipedia mindestens 16 „Helden der Sowjetunion“

Wenn die DDR gesiegt hätte

In „Bilder und Zeiten“ erinnert sich Volker Braun an Kindheitslandschaften und die Zeiten, als er in der DDR sein „Trotzki“-Stück schrieb und von der Stasi überwacht wurde und entwirft dieses Szenario:

Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, „keine Leute“ hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. „Die Zukunft sitzt“, wie der Dichter Kunze sagt, „am Tische“.
Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution./ FAZ 10.3.01

Es gibt sie noch,

die wagemutigen Verleger, die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern. (…)

Leiderprobt

Elke Erb (*1938)) sei eine leiderprobte (schreibt der Berner „Bund“) Lyrikerin aus der ehemaligen DDR. Sie versteht es, Erlebnisse aus dem vorsprachlichen Raum zu holen und in Sprache umzusetzen. Sie geht auch sonst, immer wieder nachhakend, der Sache auf den Grund. Nicht alles ist sofort eingängig, einiges sträubt sich im Nachvollzug. Ihr Aufruf «leibhaft lesen», sich mit Seele und Leib in die Sprache, dieses «Puzzle-Gebilde», hinein zu begeben, ist ernst zu nehmen. Dass auch ein Autor, der viel über Sprache und ihre Möglichkeiten und Grenzen nachgedacht hat, bei Urs Engeler Aufnahme findet, belegt Hans-Jost Frey (*1933) mit seinen «Vier Veränderungen über Rhythmus». Es ist wohltuend, einem derart gründlichen und subtilen Denker und Formulierer zu begegnen. Alle vier Essays («Verszerfall», «Der Gang des Gedichts», «Vertonung», «Das Unsagbare») untersuchen in einer intensiven Auseinandersetzung das Phänomen Rhythmus. / Der Bund 3.3.01

Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am  Samstag zwei Frauen gewonnen und dafür Lob und Kritik bekommen

Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann  … teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und  Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt  habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe  Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu  verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren  Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01

Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.

Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.
Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.

Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01

Gedicht & Roman

Gedichte liest man nicht so schnell runter wie Romane, das passt nicht zu unserer schnelllebigen Zeit.

Dichter und Musiker Frank Findeiß, General-Anzeiger

Saturnalische Gedichte

(Drittes saturnalisches Gedicht)

Der dritte Tag meiner Saturnalien. Da ich an den beiden ersten jeweils ein passendes Gedicht hatte, von Mickel und Verlaine, heute wieder ein Mickel. Irgendwie kommen mir viele Gedichte des Berliner Sachsen, frühe wie späte, passend vor. Ein widersprüchliches Fest zu Ehren eines widersprüchlichen Gottes, die Verkörperung von Ackerbau und Goldenem Zeitalter – der seinen Vater entmannt und seine Söhne verschlingt. So gehören für mich die wilden fratzenhaften Saturnalien und das besinnlich-friedliche Weihnachten zusammen. Fratzenhaftes gibt es in der frühen Gedichten manches, aber mit dem karnevalesken Einschlag vielleicht zuerst in „Die Äquinoktien“ von 1968. Ich spare es für den nahen entsprechenden Tag auf. Das nächste vielleicht „Ravenna“ von 1980. Ich google, um nicht abtippen zu müssen, und finde witzigerweise das postwendische „ND“ („Neuss Deutschland“), das mit Mickels Text Kasse machen will:

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Nette Idee, Zeitungsabo, um ein Gedicht zu eNDe zu lesen. Danke, greife ich eben ins Bücherregal!

Auch witzig, „hebe das Absurde“. Mein Gedächtnis sagt mir, es muß „liebe“ heißen: Ich LIEBE das Absurde.

Zwischenkommentar 21:20 Uhr. Nachdem ich soweit geschrieben und den Text gesucht hatte, schaue ich Nachrichten. In der türkischen Hauptstadt wurde der russische Botschafter erschossen. In der deutschen fuhr ein LKW offenbar mit Tötungsabsicht in die Menschenmenge eines Weihnachtsmarkts. Mindestens 9 Tote, 50 Verletzte.

Karl Mickel

Ravenna (1980)

Ja ich liebe das Absurde
Wie sichs öffentlich gebärdet
Denn verschweigt es, wie es wurde
Offenbart es, wie ihr werdet

Könntet ihr es nur entschlüsseln!
Doch nun fehlt euch die Geschichte
Und um leer- und volle Schüsseln
Hockt die Blindheit dicht bei dichte

Gar zu Limbo die Gehalte
So auf ihre Formen drängeln
Die vernimmt das Dergestalte
Als ein unzufriednes Quengeln

Da ich dieses doch nur sehe
Hoffnungsfroh im Trüben hausend
Höre ich aus nächster Nähe
Plötzlich meine Stimme grausend

In Boethii Figuren
Auf Latein gebrochen sächseln
Jahre tausend die Naturen
Hünd- und Hindin zu verwechseln

Das Gedicht erschien brühwarm in Nr. 4/1980 der Zeitschrift „Temperamente“ und im Jahr darauf im Heft 161 des „Poesiealbum“, dort gleich auf der ersten Seite. Statt es zu interpretieren, verweise ich auf die Tatsache, daß das nicht leicht verständliche Gedicht nicht im „elitären“ Raum eines Gedichtbands, sondern in einer Zeitschrift für junge Leser und einer populären Heftreihe erschien, welche damals noch am Zeitungskiosk für schlappe 90 DDR-Pfennige zu haben war. „Ja ich liebe das Absurde / Wie sichs öffentlich gebärdet“. Nicht jeder Leser mag da an Ravenna gedacht haben, wohin damals nur Rentner reisen durften. Ein paar Wortkommentare zum Schluß.

  • Ravenna: die Stadt im nördlichen Italien war ein paar Jahrhundertelang Hauptstadt eines Weltreichs und diverser Nachfolgerstaaten.
  • Limbo: Vorhölle
  • Boethius: der Philosoph schrieb gelehrte Bücher (Die Tröstungen der Philosophie) und bekleidete hohe politische Ämter in Ravenna, er wurde geehrt und hingerichtet und jahrhundertelang in Schulen und Universitäten gelesen.

Das Gedicht bietet viele Ansätze, es zu interpretieren oder auch zu dekonstruieren, in Lexik (Absurde, entschlüsseln, Geschichte, Gehalte und Formen, Figuren…), Sprachschichten (quengeln vs. das Dergestalte, Latein – sächseln), Metrum und wo noch. Man kann es aber auch einfach lesen und den saturnalischen Drive genießen.