Around the turn of the century, a poet working at the Poetry Society of America asked me to do her, and PSA, a favor, and meet with the PSA board president, a businessman named William Louis-Dreyfus. The idea was that his taste in poetry was too conservative even for PSA and that perhaps I could open his ears a bit on that score.
I was intrigued by the offer, curious if I could turn a stone-cold agent of Official Verse Culture, in the manner of Mission Impossible. I knew almost no one remotely like Dreyfus, who was a lawyer born in France but who headed a promient financial firm. I met with William several of times at his office in what I still like to call the PanAm building, the big one that towers over Grand Central Station.
William loved Frost, knew the poems by heart, and he was very suspicious of poetry that did not have the values he admired in Frost, though he also admired Stevens. I knew William liked modernist visual art so I thought that might be a place to begin my intervention. We read, line for line, Stein’s „If I Told Him: A Completed Portrait of Picasso.“ He was skeptical at first, but once he saw how the poem worked, and saw its connection to Picasso, he was intrigued. And after a while he turned, if not into an agent for the new, at least into less of an enemy.
I wouldn’t say I got him to like Stein as much as Frost, but he did go from a very negative view of her approach to poetry to some serious admiration. / Charles Bernstein über William Louis-Dreyfus, der am 16. September diesen Jahres starb
Louis-Dreyfus was chairman of the Poetry Society of America from 1998 to 2008. He was also a poet who has had poems published in publications such as The Hudson Review. / Wikipedia
Der Literaturnobelpreis für Bob Dylan ist auch ein Nobelpreis für den Pop – obwohl Wolfgang Kraushaar in seinem großen Gespräch über Pop und Protest, das wir gerade auszugsweise aus Mittelweg 36 übernehmen konnten – zu Recht betont, dass Pop und Folk aus unterschiedlichen Quellen fließen. Und auch Pop und Protest, so Kraushaar waren getrennte Ströme, die erst nach 1968 zusammenflossen.
In Amerika aber, das sagt Kraushaar auch, war das anders: Dort hatten die Proteste bereits 1962 angefangen – und vorher, denn sie hatten ihre Wurzel zum Teil in der Bürgerrechtsbewegung. Und mit dieser frühen Protestbewegung war auch Bob Dylan verbunden. / Weiter beim Perlentaucher
Bei der dritten Vorrundenlesung hat die Jury – Jan Kuhlbrodt, Ulrich Schäfer-Newiger und Christel Steigenberger (für die erkrankte Johanna Schumm) – die Autor/inn/en Pega Mund und Rainer Komers für das Finale nominiert.
Damit ist die Besetzung komplett:
Daniel Bayerstorfer
Rainer Komers
Arnold Maxwill
Pega Mund
Christian Schloyer
Sibylla Vričić Hausmann
Die Finallesung findet am Montag, den 14. November ab 19 Uhr im Kulturzentrum Giesinger Bahnhof (München) statt. Die Finaljury steht auch schon fest: Konstantin Ames, Birgit Kreipe und Anja Utler.
Pierre Chappuis als Dichter des Übergänglichen
Auf der Backlist seines Pariser Hausverlags, José Corti Éditeur, ist der welschschweizerische Dichter Pierre Chappuis mit mehr als einem Dutzend Einzeltiteln vertreten. Er steht dort in einer Reihe mit führenden internationalen Autoren wie John Ashbery, Paul Celan, René Char, Roberto Juarroz oder Andrea Zanzotto, die ihn an Bekanntheit und Anerkennung wohl übertreffen, denen er aber an künstlerischem Rang durchaus gleichkommt.
Dass und wie der heute 86jährige Chappuis diesen Rang behauptet, belegt nun auch seine jüngste Veröffentlichung, eine bescheidene, ja unansehnliche Broschüre, die unter dem Titel „Dans la lumière sourde de ce jardin“ (Im dumpfen Licht dieses Gartens) eine Handvoll neuer Gedichte und darüber hinaus viel weissen Leerraum enthält. Was sich so leicht darbietet, ist ein gewichtiges Alterswerk von staunenswerter Form- und Ausdruckskraft, streng strukturiert in seiner Gesamtheit (je drei Gedichte in vier Sektionen, dazu ein Auftakt und ein Finale in lyrischer Prosa), präzise ausgearbeitet in jedem Detail und auf allen Textebenen – von der Typographie über die hochkomplexe Syntax bis zur Metaphorik.
[…]
Das schmale Buch bietet eine diskrete Synthetisierung all der Themen, Motive und Verfahren, die der Autor im Verlauf vieler Jahrzehnte immer wieder eingesetzt und dabei laufend differenziert und fortentwickelt hat. Die Natur hat bei Chappuis kein idyllisches und auch kein dramatisches oder exotisches Gepräge, sie bietet sich zumeist in vordergründiger Unscheinbarkeit dar, mit Feldern und Wäldern, Gewässern und Hügeln, Felsen und Pfaden, eine in sich ruhende, weitgehend unbeschadete Welt, die freilich durch jäh klaffende Abgründe oder durch zivilisatorischen Lärm aus der Ferne – Autobahn, Eisenbahn, Fabrik – bisweilen auch bedrohliche Komponenten erkennen lässt. Doch nicht dem Entweder-oder gilt das Interesse des Dichters, nicht dem Gegensatz zwischen Natur und Kultur, Erde und Himmel, Ufer und Strom, Tag und Nacht, vielmehr fasziniert ihn das Dazwischen – Zwischenräume, Zwischenzeiten, Zustände der Schmelze oder der Erstarrung, die abendliche oder morgendliche Dämmernis, der Wandel von Wolken und Schatten in ihrem Aufkommen und Vergehen, kurzum: das Sowohl-als-auch des Gegensätzlichen, wie es sich in Phasen der Übergänglichkeit vollendet, sei’s als stetiger, sei’s als sprunghafter Prozess.
Pierre Chappuis versucht solch naturhafte Übergänglichkeiten – Nieselregen, Dunst, Gegenlicht, schattenlose Trübnis („grisaille“), stockende Luft, das Rauschen von Wasser oder von wehendem Laub – so präzise wie möglich in Worte zu fassen, sie aber nicht bloss, wie realistisch auch immer, darzustellen, sondern sie in der Struktur der Verse und Strophen nachzuvollziehen: syntaktisch, rhythmisch, lautmalerisch. Es geht dabei weder um die Dinge noch um die Worte als solche, es geht vielmehr um die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Dingen und Dingen, Worten und Dingen, Worten und Worten. Das Phänomen der Übergänglichkeit bringt Chappuis auf formaler Ebene unter anderm dadurch zur Geltung, dass er die meisten seiner Texte zwischen freien Versen und poetischer Prosa so diskret oszillieren lässt, dass ein Unterschied kaum noch auszumachen ist.
[…]
Pierre Chappuis, 1930 geboren in Tavannes (Berner Jura), hat während Jahrzehnten in Neuchâtel (wo er noch heute ansässig ist) als Lehrer für französische Sprache und Literatur gewirkt. Als Dichter ist er erst ab 1969 in Erscheinung getreten, hat zunächst ohne merkliche Resonanz in verschiedenen westschweizerischen Kleinverlagen und Zeitschriften publiziert, bis er um 1990 bei José Corti in Paris zum Hausautor avancierte. Seither hat er dort in regelmässigem Wechsel seine schmalen Lyrik- und Essaybände vorgelegt, die inzwischen, weit über die Schweiz hinaus, zu den grossen Errungenschaften zeitgenössischer Poesie und Poetik zu zählen sind.
/ Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung 9.10.
Das Buch, dem legendären russischen Lyriker Dmitri Venevitinov (1805–1827) gewidmet, ist eine sehr erfreuliche Erscheinung. Denn ein Stückchen Oligarchengeld ist nicht für Yachten, Fußball-Klubs und Villen ausgegeben worden, sondern für die Kultur – in diesem Falle für die deutsche, weil Michail Prochorows Stiftung „Transcript“ die Bekanntschaft des deutschen Lesepublikums mit einer sehr interessanten Episode der russischen Kulturgeschichte sponserte. Seien wir gerecht, Prochorow hat auch im Inland große Verdienste – durch seine Unterstützung existiert seit 25 Jahren die beste russische philologische Zeitschrift, „Neue Literaturrundschau“, von Prochorows Schwester Irina geleitet. (…)
Die Gedichte in unserem Band sind in freier Nachdichtung von Hendrik Jackson vorgelegt. Sehr viele schöne Stellen, die vom lyrischen Talent Jacksons zeugen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die poetische Technik von Venevitinov eine ganz andere war – eine Romantik halt, mit gängigen Wortwendungen, „normalen“ Reimen und Metren und meist weniger originellen Bildern. Die Rohübersetzungen der Gedichte gibt es auch, man kann sie im Kommentarteil nachlesen. Aufsätze, Briefe – alles, was dieses kurze Leben an Spuren hinterlassen hat … / Oleg Jurjew, Frankfurter Rundschau
Dmitri Venevitinov: Flügel des Lebens. Lyrik, Prosa, Briefe: Gesammelte Werke. A. d. Russ. v. Hendrik Jackson u. Dorothea Trottenberg. Ripperger & Kremers, Berlin 2016. 264 S., 22,90 Euro.
Die Mallorcazeitung sprach mit dem polnischen Dichter Adam Zagajewski, der im September in Capdepera lebte. Auszug:
Für viele Menschen ist Mallorca ein Zufluchtsort, an dem sie ein wenig aus der realen Welt ausbrechen können. Haben Sie das auch so empfunden?
Nein, man kann nicht aus der realen Welt flüchten. Ich habe ja auch hier Internet und lese jeden Morgen, was in Aleppo vor sich geht. Das kann man nicht vergessen. Man sollte es auch nicht vergessen. Denn wir baden hier, wir essen, wir trinken Wein. Und in Aleppo werden Menschen ermordet. Diese Gleichzeitigkeit ist nur schwer zu ertragen. Es ist sehr schwer, etwas zu tun für diese Menschen, aber man sollte es wenigstens wissen. Und man sollte versuchen zu helfen. Und ich kann genauso wenig etwas dafür wie Sie. Aber ich leide sehr
darunter.
Kann die Poesie helfen?
Nein, die Lyrik kann nicht helfen. Um es symbolisch zu sagen: Die Poesie ist etwas für Leute, die nicht in Aleppo sind. Sie ist für Menschen, die eine gewisse Sicherheit genießen. So war es schon immer.
Zwar vermag auch Eugen Gomringer, der heute ebenso wie seine Tochter in Bayern lebt, suggestivkräftig zu rezitieren, wie bei der Vernissage zur aktuellen Strauhof-Schau „Gomringer & Gomringer“ in Zürich eindrücklich zu erfahren war. Bei der 1980 geborenen Nora Gomringer sind das Auditive und Performative indes noch wichtiger, verbindet Sprache sich noch mehr mit dem Gehörsinn und mit Mimik und Gestik. Jahrelang ist sie als Spoken-Word-Performerin und im spielerischen Dichter-Wettstreit auf Poetry-Slam-Bühnen aufgetreten, und diese Rezitationskunst hat sich fortgepflanzt in Audio-Aufnahmen ihrer Gedichte – nun zu hören und zu sehen im ersten Stock des Strauhofs. Eine Dunkelkammer lädt da ein ins poetische Horrorkabinett der „Monster Poems“ (2013), und auf Stühlen, die an ein Wartezimmer erinnern, sind Gedichte aus dem Zyklus „Morbus“ (2015) zu hören, die sich mit Krankheiten befassen. / Torbjörn Bergflödt, Südkurier
Sie sehen, Osten und Westen sind wie durch kommunizierende Röhren miteinander verbunden. Die menschliche Dummheit ist gerecht auf Ost und West verteilt. Die hysterische Existenzangst ist besonders obszön in einem Land, das so reich ist wie Deutschland. Wir könnten zehn Mal so viele Flüchtlinge durchfüttern. Das muss man erst einmal ganz nüchtern konstatieren. Man kann dann immer noch darüber streiten, was das kulturell und seelisch und sprachlich und sexuell bedeutet. Mir kommt diese ganze Hysterie gegen Merkels Flüchtlingspolitik würdelos vor.
Wolf Biermann im Gespräch mit der Berliner Zeitung
Die Finalistinnen und Finalisten des 24. open mike
Lyrik
Sandra Burkhardt (Leipzig/D)
Lisa Goldschmidt (Frankfurt am Main/D)
Marit Heuss (Leipzig/D)
Cornelia Hülmbauer (Wien/AT)
Arnold Maxwill (Dortmund/D)
Felix Schiller (Freiburg im Breisgau/D)
Saskia Warzecha (Berlin/D)
24. open mike 2016 – alle Veranstaltungen
Freitag, 11.11. 14 -18.30 Uhr
Autorenworkshop „Schreibverfahren“
– Nur auf Einladung –
Tutoren: Lucy Fricke (Autorin, Berlin) & Matthias Teiting (Lektor, Dresden), Anselm Neft (Autor, Hamburg), Anja Utler (Autorin, Regensburg), Florian Kessler (Lektor, München)
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin & Jugendkunstschule Neukölln, Alte Post, Donaustraße 42, 12043 Berlin
Freitag 11.11. 19.30 Uhr
open mike – Auftakt: Debütlesungen
Mit:
Maren Kames (Autorin, Berlin) und Alexander Weidel (Secession Verlag)
Isabelle Lehn (Autorin, Leipzig) und Dominique Pleimling (Eichborn Verlag)
Jan Snela (Autor, Tübingen) und Michael Zöllner (Verlag Klett Cotta)
Mod.: Gesa Ufer (Radiojournalistin/Moderatorin, Berlin)
Ort: Heimathafen Neukölln (Saal), Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin
Eintritt 5 EUR/erm. 3 EUR
Der 24. open mike – Wettbewerb für junge Literatur
Samstag 12.11. ab 14 Uhr und Sonntag 13.11. ab 11 Uhr
Jury: Inger-Maria Mahlke, Lutz Seiler, Saša Stanišic
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin
Eintritt frei!
Der Dichter und Dramatiker Kurt Drawert erhält den mit 13.000 Euro dotierten Lessingpreis 2017. Mit der Auszeichnung würdigt das Land Sachsen Menschen, die sich dem Schaffen Gotthold Ephraim Lessings verpflichtet fühlen, wie das Kunstministerium am Montag in Dresden mitteilte. In seinen Texten frage Drawert in aufklärerischer Haltung nach der Zerstörbarkeit des Individuums, so die Jury. / Die Presse
Der Lessing-Preis des Freistaates Sachsen wurde 1993 von der Regierung des Freistaates Sachsen gestiftet und wird alle zwei Jahre verliehen. Er besteht aus einem Hauptpreis, der herausragende Leistungen im Geiste Lessings, vornehmlich auf dem Gebiet der Literatur, der Literaturkritik und des Theaters (Satzung) würdigen soll; er ist mit 13.000 Euro dotiert. Zusätzlich werden zwei Förderpreise zum Lessing-Preis verliehen, die vielversprechende Anfänge auf diesen Gebieten öffentlich anerkennen und fördern wollen; diese sind mit jeweils 5.500 Euro dotiert.
Die Verleihung durch den Ministerpräsidenten findet in der Regel am 21. Januar, dem Vorabend von Lessings Geburtstag (22. Januar 1729), im Rahmen der vom Lessing-Museum organisierte Lessing-Tage in seiner Geburtsstadt Kamenz statt.
Die Auszeichnung knüpft an die Tradition des Lessing-Preises der DDR an, der von 1955 bis 1989 vom Kulturministerium der DDR vergeben wurde. / Wikipedia
Die fünf Nominierten für den ersten Österreichischen Buchpreis stehen fest: Sabine Gruber („Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“), Peter Henisch („Suchbild mit Katze“), Friederike Mayröcker („fleurs“), Anna Mitgutsch („Die Annäherung“) sowie Peter Waterhouse und Nanne Meyer („Die Auswandernden“) haben noch Chancen auf die Auszeichnung, die am 8. November in Wien verliehen wird. / orf
Natürlich war der Gott, an den Gryphius glaubte, nicht schizophren oder ein beliebiger Gott. Aber Gryphius nahm in seinen literarischen Texten das Problem ernst, dass Gottes Wille auch für Gläubige nicht eindeutig erkennbar ist. Krieg oder Terror im Namen Gottes war für Gryphius daher nicht zu rechtfertigen. Er wagte es, als Gläubiger die von Fundamentalisten jeglicher Couleur stets vermiedene Frage zu stellen: »Wie? (…) stellt des Höchsten Macht / Ein unerhörtes ändern an? / Hat sich sein Geist auff was bedacht / Das kein Gemütt ersinnen kan?«
Gryphius ist ein sperriger Autor, weil sich sein Werk einer ideologischen Vereinnahmung verweigert. Viele Texte von Gryphius leben von Ambivalenzen, um derentwillen es sich aber lohnt, noch heute die Anstrengung der Lektüre auf sich zu nehmen. Das gilt auch, wenn es nicht um Politik geht.
So propagiert »Cardenio und Celinde« (1657) nicht nur die »keusche / sitsame und doch inbrünstige« Liebe, sondern es zeigt sich hier auch ein überraschendes Verständnis für die durch Sexualität getriebene »rasende / tolle und verzweifflende« Liebe. / Arnd Beise, junge Welt
Das Problem ist nicht die Berühmtheit von Christiaan [Huygens], sondern unser ganz hiesiges deutsches Unwissen. Wir interessieren uns nämlich nicht wirklich für die Kulturen und Literaturen unserer Nachbarn. Und da spreche ich noch gar nicht von den unbelesenen Deppen, die uns ihre „Kultur“ als Leitkultur überhelfen wollen. Bei denen fällt einem sowieso nur Georg Christoph Lichtenberg und sein vorwitziger Spruch von dem Buch und dem Kopf ein, die da zusammenstoßen – und irgendwas klingt hohl.
Wie aufgeklärte Geister auch schon im Zeitalter der frühen Aufklärung wussten, dass sie in einer Welt unterschiedlichster Kulturen leben, dass der geistige Austausch (man tauschte sich noch vorwiegend auf Latein aus) erst dann lebendig wurde, wenn unterschiedliche Haltungen, Blickwinkel, Prägungen aufeinander prallten. Dann konnten Briefwechsel in Gelehrtenstreite ausarten, manchmal auch in regelrechte Fehden mit spitzer Feder. Nicht nur die barocken Dichter beherrschten das, wie das im Bändchen „Episteln und Pistolen“ nachlesbar war. Die Grenzen waren ja sowieso fließend. Wer studiert hatte, dem standen alle Wege offen – in den Staatsdienst, in die Juristerei, in die Wissenschaft. Die Männer waren zwar nicht unbedingt Universalgenies, wie man es dem Leipziger Leibniz gern anheftet. Aber sie waren vielbelesen, vielgereist und vielseitig interessiert. So wie Christiaan Huygens, den die Holländer auch mit gutem Grund ihr ureigenstes „letztes“ Universalgenie nennen können.
Und was hat das mit Constantijn Huygens zu tun? Der war der Vater von Christiaan. Multitalent nennt ihn Ard Posthuma, der hier eines seiner Gedichte übersetzt und herausgegeben hat. Der Mann war Geheimschreiber zweier Oranierprinzen, Jurist und Schriftsteller. Er hat ein dickes schriftstellerisches Werk hinterlassen. Er schrieb in sieben Sprachen, nahm im Gefolge der Statthalter an etlichen Schlachten teil, war überzeugter Calvinist und feierte einen gewissen Rembrandt, als der Bursche gerade mal 23 Jahre alt war. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung
Constantijn Huygens
Euphrasia. Augentrost
Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma.
Leipzig: Reinecke & Voß, 2016
Constantijn Huygens (1596 – 1687) war nicht nur ein erfolgreicher Diplomat, Musiker und Vater des berühmten Physikers Christiaan Huygens sondern ist vor allem ein Klassiker der holländischen Literatur, der sich in mehreren alten und neuen Sprachen dichterisch auszudrücken wusste. Die literarischen Konventionen des Barocks ließ der auch als Stegreifdichter zur Legende gewordene Huygens hinter sich, wenn er z.B. die Natur nicht in idealischen Bildern aufnahm, sondern konkrete Orte samt ihren zivilisatorischen Einrichtungen schilderte.
Sein Augentrost, einer erblindenden Jugendgefährtin gewidmet, nutzt den Schreibanlass ähnlich wie Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ dazu, ein versöhnlich ironisches Tableau der Gebrechen seiner Mitmenschen zu entwerfen. Beiläufig erweist sich dabei der Freund von Descartes als intimer Kenner der intellektuellen Debatten seiner Zeit. Das Werk liegt hiermit erstmals vollständig auf Deutsch vor.
Dem Leser
‚Ich muss lachen über die Schwierigkeit, die man in meinen Gedichten findet. Ich habe absolut keine Vorliebe fürs Dunkle, wohl aber für ungebräuchliche Wörter, die zugleich kräftig sind, so dass mein Leser, falls er Lust hat, in meine Gedanken vorzudringen, sich für seine Aufmerksamkeit nicht enttäuscht finden wird. Ohne Anstrengung ist die Poesie nur eine fade Sache, die auch den Dümmsten gefällt.‘
(Huygens an seine Eltern, den 8. Juni 1622)
Augentrost ist ein langes Gedicht, für die Lektüre seiner 1002 Alexandriner rechnet Huygens zwei bis drei Stunden (Vers 138). Die Übersetzung katapultiert es in unsere kurzatmige Zeit, in der Kontaktlinsen und Laseroperationen den Trost in Gedichtform in vielen Fällen erübrigen. Die Frage jedoch, ob was wir sehen Wahrheit ist oder Trug, ist nach wie vor aktuell. Das fanden auch die Bürger im Archipel-Viertel Den Haag, als sie sie sich 2015 für ein Mauergedicht von Constantijn Huygens entschieden. Ein kurzes diesmal:
Dromen
Ick denck ’s daeghs of ick droomd‘, ick droom ’s nachts of ick saegh:
Waer ‚t ’s nachts soo doncker niet, en niet soo licht by daegh‘,
‚Ksagh qualick uyt den droom van desen droom te komen,
Of mijn droom dencken is, of mijn‘ gedachten droomen.
(Huygens, Korenbloemen)
Träumen
Wenn Tag ist, denke ich, ich hätt‘ geträumt.
Wenn Nacht ist, träum‘ ich, es wär heller Tag.
Wär Nacht so dunkel nicht und nicht so licht der Tag,
Wer hülfe mir da aus dem Traume dieses Traums?
(Übersetzung Ard Posthuma)
Auszug aus dem Gedicht
Die Maler (jetzt wird’s Ernst!), die Maler, Parthenine,
obgleich aus einer Zunft, der ich mit Achtung diene,
die Maler nenn‘ ich blind, wie scharf ihr Blick auch sei,
sie sind nur schöpferisch durch ihre Pinselei.
Sie spiegeln die Natur und deren schönes Wesen
auf angenehme Art, doch geben sie zu lesen
was echt das Wesen ist, nach ihrem Augenmaß,
der Mutter aller Welt!? Gasse ist auch ’ne Straß‘,
und Hütte auch ein Haus, und Sträucher sind auch Bäume,
doch Gasse, Hütte, Strauch sind Schatten nur und Träume
von Straße, Haus und Baum; wer setzt schon im Vergleich
das Werk von Gottes Hand dem Menschenwerke gleich,
nur weil sie ähnlich sind? Was will man uns da lehren?
Sind sich zwei Tropfen gleich? zwei Äpfel und zwei Beeren?
Und zwei Gesichter erst! Nein, durch Verschiedenheit
in dem was ist und wird und sein wird nach der Zeit,
zeigt sich der Erste Schöpfer über uns erhaben.
Sollte der Mensch für Gott so wenig Achtung haben,
dass sie gar glauben, sie vermöchten, wozu Er
als Künstler, Schöpfer leider nicht imstande wär?
Wie diese braven Leut‘ das Ganze missverstehen!
Solltest mit denen mal im Wald spazierengehen:
bald schwärmen sie dir vor, wie malerisch der sei.
Das ist doch – tut mir Leid – die reinste Blödelei,
als wäre Gott, so klingt’s, ein Meister im Kopieren,
und wir die Schöpfer, die ihm dazu gratulieren,
dass er so schön gemalt, was stammt aus unsrer Hand
und gar noch schöner wär als Wolke, Meer und Land.
Lass‘ von der Schöpferzunft dich einmal porträtieren,
gönn‘ ihnen Ruh und Zeit, dein Antlitz zu studieren,
wie’s Gott geschaffen hat, wie sich ein solcher quält!
Und bist du endlich eingerahmt, dann ist’s total verfehlt!
Ein Etwas schaffen sie, den Bruder, könnt’man meinen,
Du? Deine Frau? Sie wird als Tochter dir erscheinen,
der Vater wie der Sohn, niemals erblickst du: Dich!
Versuch’s ein zweites Mal – genau so ärgerlich!
Wieder ’ne neue Nichte wird man dir bescheren,
und du verzweifelst bald, wer da die bessre wäre.
Der Maler schafft – sieh nur! – mit einem blinden Auge,
sag mir, was neben Gott ein solcher Künstler tauge!
Aus dem Nachwort
Wurde in der ersten handschriftlichen Fassung die Freundin damit vertröstet, dass es auch unter den Sehenden zahlreiche Blinde gebe, wurde im zweiten Zug der ‚Katalog‘, der dem Dichter im Vers 131 bereits vorschwebte, im Nachhinein um zwanzig Figuren erweitert: zu den Geizigen gesellten sich die Prasser, die ganze Reihe von den Fröhlichen bis Eifersüchtigen wurde eingeschoben und zuletzt noch um eine Viererreihe (Gesunde, Kranke, Müßige und Hastige) bereichert. Das Trostgedicht hatte sich zu einem regelrechten Narrenspiegel ausgedehnt.
Ob eine solche Blindenschelte tatsächlich handfesten Trost verspricht, sei dahingestellt. Aber das wirklich Tröstliche dieser Blindenparade verdankt sich wohl weniger der Überzeugungskraft der Argumente als der Tatsache, dass Huygens als Freund sich die Mühe genommen hat, seiner Freundin für zwei bis drei Stunden geistvolle Ablenkung zu bieten. Zu dem Zweck werden nebenher Streitfragen im Bereich der Mathematik, Astronomie, Chemie aufs Tapet gebracht, Unsitten aus dem Bereich der Politik, Mode, Kunst und Zeitgeschichte, bis zu den kleineren Lastern des täglichen Lebens, vom Duellieren bis zur Gewohnheit, beim Lesen die schwierigen Stellen zu überspringen oder beim Dichten sich durch den Reim zu Abschweifungen verführen zu lassen. Das ganze gespickt mit zahlreichen plastischen Vergleichen aus allen Bereichen: Ballspiel, Schifffahrt, Orgelbau und und und. Sie beleben die Darstellung ungemein. Und immer wieder stößt man auf Alltagserfahrungen, die offenbar zeitlos sind.
Constantijn Huygens
Euphrasia. Augentrost
Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma.
Leipzig: Reinecke & Voß, 2016
Den diesjährigen Andreas-Gryphius-Preis erhält Jenny Schon. Die feierliche Übergabe erfolgt im Gerhart Hauptmann-Haus in Düsseldorf am 18.11.2016.
Über den Andreas Gryphius-Preis
Der große Literaturpreis der KünstlerGilde e.V. Esslingen wird seit 1957 vergeben. Er zeichnet Autorinnen und Autoren aus, deren Veröffentlichungen in Prosa, Lyrik, Drama, Essay, Hörspiel, Drehbuch deutsche Kultur in Mittel- und Südosteuropa reflektieren oder zur Verständigung zwischen Deutschen und ihren östlichen Nachbarn beitragen.
Die Verleihung erfolgt in Würdigung eines Gesamtwerks. Die Vergabe erfolgt jährlich durch eine Fachjury; die Verkündung geschieht im Gerhart Hauptmann-Haus Düsseldorf.
Eigenbewerbung ist möglich, Bewerbungsschluss ist jeweils der 1. April des Jahres.
Zu den bisherigen Preisträgern gehören u.a.:
Horst Bienek, Jiři Gruša, Peter Härtling, Peter Huchel, Wolfgang Koeppen, Reiner Kunze, Siegfried Lenz, Heinz Piontek, Otfried Preußler, Sigismund von Radecki, Edzard Schaper, August Scholtis, Andrzej Szczypiorski, Ilse Tielsch, Johannes Urzidil, zuletzt
2009 Arno Surminski
2010 Renata Schumann
2011 Michael Zeller
2012 Monika Taubitz
2013 Hans Bergel
2014 Therese Chromik und Leonie Ossowski.
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