David Rokeah
Eine Pinie sein
Eine Pinie sein in Jerusalem.
Eine Antenne für Stimmen
die zurückkehren aus dem Weltall.
Eine Säule von grünem Feuer
in Kreidezonen.
Eine Pinie sein. Harz speichern
für Tage der Bedrängnis;
Sich sträuben wie ein Igel;
Eine Pinie sein auf dem Scopusberg.
Hinunterblicken Stufe um Stufe
bis zum Toten Meer
Deutsch von Gerhard Schoenberner
Aus: David Rokeah: Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hebräischen. Hrsg./Nachwort Michael Krüger. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 13
So war das damals – z.B. 1975:
Kunert und Heine begegnen einander zwischenzeitlich
Wie wohl Übersicht erlangen
in der historischen Niederung
umgeben von engen Horizonten
in der Gestalt von Menschen
mit Plattheiten überhäuft
und so wenig Aussicht
auf bessere Aussichten.
Man braucht einen Gipfel!
„Ich baue am Berg…“
Das war sein letztes Wort
am Postwagen.
Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 88
Bertolt Brecht
Klage des Seami über den Tod seines Sohnes Motomasa
Ich erlernte meine Kunst von meinem Vater; er
Unterwies mich in den Vorschriften und Überlieferungen.
Sie waren geheim, es gab kein Buch.
Seami ist ein japanischer Autor und Schauspieler des 14. Jahrhunderts. Brecht las von ihm und seinem Sohn bei Arthur Waley: The No Plays of Japan (erschienen 1921 in London). Das vielleicht fragmentarische Gedicht wurde erstmals 1993 im 15. Band der Großen Kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe veröffentlicht, es steht dort auf S. 286
Heinrich Heine
Rationalistische Exegese
Nicht von Raben, nein mit Raben
Wurde Elias ernähret –
Also ohne Wunder haben
Wir die Stelle uns erkläret.
Ja, anstatt gebratner Tauben,
Gab man ihm gebratne Raben,
Wie wir deren selbst mit Glauben
Zu Berlin gespeiset haben.
Entstanden 1850
Aus der Bibel, 1. Könige 17:
Der Prophet Elia aus Tischbe in Gilead sagte eines Tages zu König Ahab: »Ich schwöre bei dem HERRN, dem Gott Israels, dem ich diene: Es wird in den nächsten Jahren weder Regen noch Tau geben, bis ich es sage!« 2 Danach befahl der HERR Elia: 3 »Du musst fort von hier! Geh nach Osten, überquere den Jordan und versteck dich am Bach Krit! 4 Ich habe den Raben befohlen, dich dort mit Nahrung zu versorgen, und trinken kannst du aus dem Bach.« 5 Elia gehorchte dem HERRN und versteckte sich am Bach Krit, der von Osten her in den Jordan fließt. 6 Morgens und abends brachten die Raben ihm Brot und Fleisch, und seinen Durst stillte er am Bach.
Rajzel Żychliński (* 27. Juli 1910 in Gąbin, damals Russisches Reich, heute Polen; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien), jiddischsprachige Dichterin.
OKTOBER
Der Hurensohn
Mojsche Drunterunddrüber
Fall tot um!
Eine alte Frau redet mit sich
und schimpft
mitten im Oktober-Blätterfall.
Die gelben Blätter fallen, fallen
von den Bäumen herab —
weil die alte Frau schimpft?
Oder weil sie müde sind?
Sie fallen, fallen gelb
vor ihre Füße.
oktober
The son of a bitch
mojsche kapojer
Drop dead!
an alte froj redt zu sich
un schilt
in mitn fun oktober-bleterfal.
di gele bleter faln, faln
fun di bejmer arop —
wajl di alte froj schilt?
zi wajl sej senen mid?
sej faln, faln gele
zu ire fiss.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 530f
Else Lasker-Schüler
Mein blaues Klavier
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür.
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.
Neu machen
Rabbi Eliezer said “prayer ‘fixed’? “his supplication bears no fruit ........................... the question next came up: what is F I X E D? Rabba & Rabbi Yosef answered “whatever blocks the will “to MAKE IT NEW (Talmud)
Aus dem Babylonischen Talmud, Berachot 28b / 29b. Übersetzt von Jerome Rothenberg und Harris Lenowitz aus: Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the Word: Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. With Commentaries by Jerome Rothenberg. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989.
Rabbi Eliezer sagte "Gebet 'festgelegt'? "dann wird sein Bitten nicht erhört ............................ als nächstes kam die Frage auf: was heißt festgelegt? Rabba & Rabbi Yosef antworteten "alles was uns hindert "es NEU ZU MACHEN (TALMUD)
Rothenberg und Lenowitz schreiben in einer Anmerkung: Vgl. Ezra Pound, Canto 53:
Tching prayed on the mountain and wrote MAKE IT NEW on his bath tub. Day by day make it new
Deutsch von Eva Hesse:
Tching betete auf dem Berge und schrieb MACH ES NEU auf seine Badewanne Tag für Tag mach es neu
Aus: Ezra Pound: Die Cantos. Hrsg. Manfred Pfister, Heinz Ickstadt. Zürich: Arche, 2012, S. 411/413
(Kaiser Tching Tang, 1766-1753 v.u.Z., schrieb „Mach es neu“ auf seine Badewanne. Er galt als guter Kaiser, der in einer Dürreperiode Geld drucken ließ, damit die Leute Getreide kaufen konnten. Aber erst nachdem der Himmel seine Gebete erhört und Regen gespendet hatte.)
Aktualisierte Version 1989/2017
Rabbi Elieser sagte wer am Wortlaut klebt dessen Wollen wird nicht erhört .............................. bleibt die Frage, was heißt am Wortlaut kleben? Rabba & Rabbi antworteten wenn wir es nicht mehr NEU MACHEN KÖNNEN
Etwas mehr originaler Kontext in einer anderen englischen Übersetzung des Talmud:
Rabbi Eliezer says: One whose prayer is fixed, his prayer is not supplication and is flawed. The Gemara will clarify the halakhic implications of this flaw.
We learned in the mishna that Rabbi Eliezer says: One whose prayer is fixed, his prayer is not supplication. The Gemara asks: What is the meaning of fixed in this context? Rabbi Ya’akov bar Idi said that Rabbi Oshaya said: It means anyone for whom his prayer is like a burden upon him, from which he seeks to be quickly unburdened. The Rabbis say: This refers to anyone who does not recite prayer in the language of supplication, but as a standardized recitation without emotion. Rabba and Rav Yosef both said: It refers to anyone unable to introduce a novel element, i.e., something personal reflecting his personal needs, to his prayer, and only recites the standard formula.
ר‘ אליעזר אומר העושה תפלתו קבע וכו‘: מאי קבע א“ר יעקב בר אידי אמר רבי אושעיא כל שתפלתו דומה עליו כמשוי ורבנן אמרי כל מי שאינו אומרה בלשון תחנונים רבה ורב יוסף דאמרי תרוייהו כל שאינו יכול לחדש בה דבר
שפּיל מיר א לידעלע אף ײדיש
schpil sä mir a lidele af jidisch
Text: Josef Kotliar (1908-1962)
Spiel mir ein Lied in Jiddisch,
erwecken soll es Freude, nicht eine Überraschung.
Weil alle groß und klein sollen das verstehen können,
von Mund zu Mund das Lied soll gehen, oj, oj, oj
Spiel, spiel, Musikant spiel,
weißt doch was ich mein und was ich will.
Spiel, spiel, spiel ein Lied für mich,
spiel ein Lied mit Herz und mit Gefühl.
schpil sä mir a lidele af jidisch,
derwekn sol es frejd nit kejn chidesch.
as ale grojs un klejn, soln kenen dos farschtejn.
fun mojl zu mojl dos lidele sol gejn, oj, oj, oj.
schpil, schpil, klezmer, schpil,
wejst doch wos ich mejn un wos ich wil.
schpil, schpil, schpil a lidele far mir,
schpil a lidele mit harz un mit gefil.
Play me a little song in Yiddish
May it wake joy and no surprises,
So everyone, young and old, can understand it.
Let the song go from mouth to mouth!
Play, musicians, play –
You know what I have in mind and what I want.
Play a little song for me –
Play a little song with heart and feeling.
Josef Kotliar (Iosif Solomonovich Kotlyar, Иосиф Соломонович Котляр), geboren in Berditschew (Russisches Reich, heute Ukraine). Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in Vilnius.
Jorge de Lima (1895-1953)
Demokratie
Hängematten wiegten meinen Gesang ein,
um mein Land zu versüßen, o Walt Whitman.
Jenipapo färbte meinen Körper gegen den bösen Blick,
Katechismus lehrte mich den Gast zu umarmen,
Kiefernnadeln nährten mich, als ich ein Kind war.
Negermutter erzählte mir Tiergeschichten,
Negerjunge brachte mir Schamlosigkeiten bei,
Panierfleisch, Tapioka, Puffreis, alles aß ich,
ich trank Zuckerrohrschnaps mit Cajúnüssen zur inneren Reinigung‚
bekam Wechselfieber, Frieseln und Lymphdrüsenschwellung,
Hakenwürmer, Sehnsucht, Gedichte;
ich wurde mondsüchtig, verhext und schwenkte die Negerrassel, ‚
redete Unsinn, spielte mit den halbschwarzen Mädchen,
sah Gespenster, Aberglauben, Wassermütter,
sprach mit den Verrückten, sprach mit mir allein,
schwängerte alles, was mir über den Weg lief,
umarmte die Schlange im Buschwald,
vermischte mich, versteckte mich, gab mir den Rest,
um eine gesegnete Seele zu retten
und meinen safranbemalten Leib, tätowiert mit Kreuzen, mit Herzen, mit verbundenen Händen,
mit Liebesnamen in allen Sprachen von Weißen, Mohren oder Heiden.
(1927)
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg./Ü Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1975, S. 50
CARLOS DRUMMOND DE ANDRADE
(31. Oktober 1902, Itabira, Minas Gerais, Brasilien – 17. August 1987, Rio de Janeiro)
Gedicht mit sieben Gesichtern
Als ich geboren wurde, sagte ein scheeler Engel,
einer von denen, die im Dunkeln hausen,
zu mir: Los, Carlos, sei linkisch im Leben!
Die Häuser belauern die Männer,
die hinter den Frauen herlaufen.
Der Nachmittag wäre vielleicht blau,
gäbe es nicht so viele Wünsche.
Vorbeifährt die Straßenbahn, voller Beine:
weiße schwarze gelbe Beine.
Wozu so viele Beine, mein Gott, fragt mein Herz.
Aber meine Augen
fragen nichts.
Der Mann hinter dem Schnurrbart
ist ernst, schlicht und stark.
Er redet kaum.
Wenige seltene Freunde hat der Mann
hinter der Brille und dem Schnurrbart.
Mein Gott, warum hast du mich verlassen,
wenn du wußtest, daß ich nicht Gott war,
wenn du wußtest, daß ich schwach war.
Welt Welt weite Welt,
Wär mein Name Türkenfeld,
nicht Lösung wär’s, nur Reim und Scherz.
Welt Welt weite Welt,
weiter aber ist mein Herz.
Ich dürfte es dir nicht sagen:
aber dieser Mond,
dieser Cognac,
machen einen teuflisch sentimental
(1925)
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg./Ü Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1975, S. 90
Cecília Benevides de Carvalho Meireles (* 7. November 1901 in Rio de Janeiro; † 9. November 1964 ebenda), brasilianische Lyrikerin
CECILIA MEIRELES
Porträt
Ich hatte nicht dieses Gesicht von heute,
so still, so traurig, so mager,
auch nicht diese leeren Augen,
nicht die bittere Lippe.
Ich hatte nicht diese kraftlosen Hände,
so reglos und kalt und tot;
ich hatte nicht dieses Herz,
das sich nicht einmal zeigt.
Ich habe die Veränderung nicht bemerkt,
die so einfach war, so genau, so leicht;
— In welchem Spiegel ging
mein Antlitz verloren?
1929
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg./Ü Curt Meyer-Clason. München: DTV, 1975, S.67
Konrad Bayer (* 17. Dezember 1932 Wien; † 10. Oktober 1964 Wien)
ein und
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ein und
ein und
ein und
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Konrad Bayer: Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Win:ÖBV / Klett-Cotta, 1996, S. 462
nachwort
alles kann dies und jenes heissen.
alles mag auch etwas anderes heissen.
der apfel zwischen den zähnen ist geschmack.
der stein auf meinem schädel ist ursache einer beule.
die dame vor deinen augen ist einstweilen noch ein anblick.
Ebd. S. 530
26 DOCH SIMPEL
26 Lautzeichen, I guess, allerdings als Handhabe errungenschaftlich simpel. Wer erwärmte sich nicht für sich, um rein dazustehen. Adonismus, jene verschämte Hilfsstellung der zwei Finger, mag hier als Infantilperversion das präejakulative Erkenntnis noch aufkitzeln. Auf jeden Fall: Was jene sozialen Fertigkeiten anbelangt, wird man sich doch wohl noch als Brennscheere denken können, und sieht sich zwangsläufig das Befriedigungsalphabet nach bestem Können zur Weltanschauung ondulieren. Es ist wesentlich, als Maßstab dort das Können tierstimmimitatorisch bauchzujodeln, wo es nur terminologisch vorhanden und als Reflexion (secretio interior impotentiae) gesellschaftswertet wird, um festzustellen, daß diesartige Reflexionen lediglich die lustreiberische Auskosung jener spärlichen Nurnochreizanläufe sind, die man sich noch für eine zeitlang mit verstohlener Koketterie zuspricht. Also von vulgärster Langeweile und bestenfalls erträglich verlogen.
(1920)
Johannes Theodor Baargeld: Texte vom Zentrodada. Hrsg. Walter Vitt. Nachwort Karl Riha. Siegen 1988 (Vergessene Autoren der Moderne XXX), S. 18
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tageszeitung, jetzt als Magazin mit Nachrichten aus der Welt der Poesie und der Poesie der Welt. Poetry is news that stays news, sagt Pound. Aktuelles: Gomringerdebatte: Was bisher geschah. Wer liest heute Arndt? Gestorben sind Kito Lorenc, John Ashbery und viele Lyriker aus allen Weltteilen. Neue Texte von Moritz Gause, Angelika Janz, Martina Kieninger und José F.A. Oliver. Dies und mehr: Lesen! Kommen Sie jeden Tag vorbei, täglich um 6 ein nicht immer neues aber frisches Gedicht.
Die Themen in dieser Ausgabe
[✺]
in der ubahn reden sie wieder
über politik, über kapitalkonzentration.
so schlecht sind wohl die zeiten nicht.
meine verlobte trennt sich von mir
wegen eines alten gedichts.
es scheint kein gedicht zu geben,
um es rückgängig zu machen,
ich kaufe etwas zu essen,
das ich nicht schmecken muss.
wir hatten pläne.
es war doch alles so gut.
am alex höre ich nur
das echo der durchsagen.
ich war noch nie so bereit
für eine schlägerei, wie heute.
doch die einzigen, die mit mir sprechen
sind ein verwirrter intellektueller
und zwei geflüchtete elektroingenieure
aus dem libanon
die hasch mit mir rauchen
und mir halt geben.

Es galt, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten. Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Es galt, die Grenzen des Sagbaren – oder Unsagbaren – immer weiter hinauszutreiben, in Regionen, in denen ihre Sprache eine eigene Wirklichkeit schuf. Das Wissen über den Glauben war verloren gegangen, der Glaube an das Wissen überlebte. Am Ende galt es, den Glauben an das Wissen durch das Wissen selbst zu verlieren.
Das Blatt, das die Kopiermaschine ansaugte, gemäß ihrer Bestimmung, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten, war leer. Oder nicht? Als es wieder hinaus glitt, war es ein anderes. Es war markiert. Die erwartete Kopie des Originals blieb aus. Die Maschine signalisierte einen Defekt.
Ich griff nach dem Original. Nach dem, was ich für das Original hielt. Dort gab es in der Mitte des Blattes eine dunkle Zeile, Buchstaben, die an den Rundungen unterbrochen waren, wieder ins Weiße hinein. Das Wort ließ sich lesen, es hieß Wiederholung. Das aber war nicht meine Wort.
Seit einigen Tagen kopierte ich in dem Büro am Mariannenplatz das Material für eine kleine Publikation visueller Poesie. Diesen Fragmenten ging es wie dem letzten Menschen eines ausgestorben geglaubten Stammes, den es erklärungslos in die westliche moderne Welt verschlagen hatte und der, von ein paar Sonnenstrahlen getroffen, dort erwacht. Ich hatte Monate zuvor einen Roman darüber geschrieben, ihn in eine kleine Holzkiste gepresst und diese für immer zugenagelt.
(…)
Den vollständigen Text von Angelika Janz finden Sie hier.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Ich schreibe Ihnen, während ich die Sendung von Anne Will zur Frage ostdeutschen AfD-Wahlüberhangs per Kopfhörer verfolge.
Dieser Brief soll kein „Jammerbrief“ werden, sondern Ihnen Analysen aus der betroffenen Region schildern – er richtet sich „eigentlich“ auch an JEDEN, der an der gegenwärtigen Stimmung in der BRD interessiert ist, der viele Details über eine ziemlich vergessene Region am Rande der Republik enthält, in der ich seit 25 Jahren lebe. So bitte ich Sie als ein Kenner sozio-kultureller Verhältnisse im Land, diesen Brief wirklich zu lesen.
Ich bin Ihnen für Ihre Rede zum Tag der Deutschen Einheit dankbar, weil Sie dem Begriff der „Heimat“ einen neuen Akzent im Hinblick auf die Zukunft nachfolgender Generationen hinzugefügt haben – gegen jene Mauern, von denen Sie gesprochen haben in unserem Land. So möchte ich Ihnen hier über eine Mauer zwischen der Realpolitik und Wirtschaft und dem ländlichen „Lebenswert-Raum“ berichten.
Aus dieser Wohnung, die vor einigen Jahren auch mir gehörte, die ich verlassen habe mit all ihrem Mobiliar, dem Sofa aus Kunstleder, der dunklen Kredenz, der Esszimmergarnitur – ein sehr geschontes Mobiliar, immer noch liegen die Schutzhüllen aus Plastikfolie über den rotsamtnen Sitzflächen der geschnitzten Stühle – aus unserer Wohnung zog ich zu ihr.
Es ist nicht einmal auszuschliessen, dass ich sie, meine Ex, wegen dieser Plastikhüllen über den Samtsitzen verlassen habe. Diese Hüllen: sie wirkten auf mich wie materialisierte Übervorsichtigkeit, eine Schonhaltung dem Leben gegenüber, abwaschbare Lebensangst, ein Leben wie nicht gelebt, das mich in die Zimmerfluchten des Palacio Salvo verschlug, in ein umfunktioniertes Hotelzimmer mit marmornen Mosaikböden, altmodisch hohen Zimmerdecken, schmalen Fenstern. / Weiter
[zurück]
[✺]
aldehyd alkahest –
lege die Tiere. Das stille Getier, sie sollen nicht wieder, sie sollen nicht kehren noch wissen von Mitteln (in Klammer: Formaldehyd), so lege. Sie sollen nicht kehren – nicht wieder. Im Quaderglas liegt wie in Armen das Haiweib, Formaldehyd trägt sie gleich einem Kinde, so ruht sie im Bade (Embryonenbad) schwebend. Sich jährend wie Fisch im Formaldehyd. Molekülgleich lösen sich Flügel und Schwanz zur vielfachen Aldehydfischverbindung, es gleiten die Menschen durch Zeit wie der Fisch durch die Lösung, im Lippenloch steckt noch dem Haiweib das Lachen wie ne schnelle Zigarette, und soll nicht. Die in Mitteln sich lösen, zum Wort zerfallen, sollen nicht kehren als Tiere aus Schlammaldehyd, sie sollen in Schlieren in Blasen und Blister ungenau flocken im Quader – nur Augen im Spiel, geworfen wie Würfel im sich trübenden Glas. Wort Zahl Kopf, das fällt wie ein Tier aus dem Tierkreis, Apothekenhai –, ein Tierkreistier zur Erbauung der Menschheit im Quader gelöst zum Tierschlamm, dort punzt die Zeit. Wie ein Stiefeltritt das Tieraldehyd in den Schlamm. Wo fängt das Tier an, so fragt sich, wo flockt Schlamm und die Flügel des Hais, Kraft der Poesie – so fragt sich und sagt es das Kind. Ein tiefes Kind sagt es der Tierform des unterm Stiefeltritt, hineingepunzt ins Quaderglas – Kopf, Schwanz, ganz – es soll aus den Teilen, den nieder, vom Stiefel in Schlamm getretnen, es solle werden und kehren aus Teilen das Tier – so zieht das Kind das Lyrik-Ich des sich Lösenden, des Stiefelgetretenen aus dem Quaderglas verspricht zwei Flügel ihm, der Fischschwanz hebt sich aus dem Schlamm und fliegt davon. Wie Vögel übers Meer so fliegt er so ewig wie Licht, das von Spiegel zu Spiegel geworfen nicht wieder wird kehren.
umherstreifendes gedicht abend verglückt mit diesem flammen- werfer / schattenstreuner [EL SOL] 1 maskulines 1 dürre hälfte buchstabiert sein weibliches feuer- pendant [DIE SONNE] lockt himmelsblätter vor & lichtgeronnen 1 lunares heft / sprachluftsaiten ungebunden. 1 pastellgüte der farben : mond & feminin. Irgendwo 1 schiffsschraube 1 weither / monotones ferneisen & die erzählbaren geschichten / „hör den vorüberheiten zu” sagte großvater: „dem meer die lautschrift abringen” siempre la mar & die kielspur [Machado] : die kielspur der lautschrift
straggling poem evening de:lights with this flame- thrower / shadows estray [EL SOL] 1 masculine 1 barren half spells his feminine fire- companion [DIE SONNE] elicits leaves from on high & lightclotted 1 lunar binder / wordwindnotes unbound. 1 pastel mallowness of colors : moon and feminine. Somewhere 1 ship propeller 1 afar / monotone tramping iron & the tellable stories / “listen to what past by” said grand-father: “to wrest the sounds of letters from the sea” siempre la mar & the fading wake [Machado] : the fading wake of written sounds
Deutschsprachiges Original aus: José F.A. Oliver. finnischer wintervorrat. Gedichte. Suhrkamp. Frankfurt a.M. 2005
Übersetzung: José F.A. Oliver. sandscript. Selected Poetry 1987-2018. Translated by Marc James Mueller. White Pine Press. Buffalo / New York 2018
Gedichte von Joan Maragall, Màrius Torres, San Juan de la Cruz, Luis de Góngora, Ramón de Campoamor, Antonio Machado und Charles Baudelaire.
Ode an Spanien
Hör, Spanien – die Stimme eines Sohnes,
der mit dir spricht – in nicht-kastillischer Sprache;
ich spreche in der Sprache – die mir
die rauhe Erde gab:
In dieser Sprache – redeten wenige mit dir,
allzu viele in der anderen.
Zu viel haben sie geredet – von den Saguntern*
und von jenen, die fürs Vaterland sterben:
dein Ruhm – und deine Erinnerungen,
Erinnerungen und Ruhm – stammen von Toten:
du lebtest traurig.
Ich will mit dir reden – auf ganz andre Art.
Warum nutzlos das Blut vergießen?
In den Adern – Leben ist das Blut,
Leben für die Heutigen – und für die Kommenden:
Vergossen, ist es tot.
Zu viel dachtest du – an deine Ehre
und zu wenig an dein Leben:
tragisch führtest du – zum Tod die Söhne,
hattest Gefallen – an Totenehrungen,
und deine Feste waren – die Begräbnisse,
trauriges Spanien!
Ich sah die Schiffe – randvoll auslaufen
mit deinen Kindern, die du – zum Sterben führtest:
sie gingen lächelnd – ins Ungewisse;
und du, du sangst – am Meeresufer
wie eine Irre.
Wo sind die Schiffe? – Wo sind die Söhne?
Frage den Westwind, die Sturmeswoge:
alles verlorst du – niemanden hast du.
Spanien, Spanien, kehr zurück zu dir,
brich aus in Mutterweinen!
Rette, oh rette dich – vor so viel Übel,
möge das Weinen dich fruchtbar machen, froh und lebendig;
denk an das Leben, das um dich ist:
hebe die Stirn,
lächle den sieben Farben zu, die in den Wolken sind.
Wo bist du, Spanien? – Ich seh dich nirgends.
Hörst du denn nicht mein lautes Rufen?
Verstehst du diese Sprache nicht – die in Gefahren zu dir spricht?
Hast du’s verlernt, deine Kinder zu verstehen?
Lebwohl, Spanien!
ODA A ESPANYA
Escolta, Espanya, – la veu d’un fill
que et parla en llengua – no castellana:
parlo en la llengua – que m’ha donat
la terra aspra:
en’questa llengua – pocs t’han parlat;
en l’altra, massa.
T’han parlat massa – dels saguntins
i dels que per la pàtria moren:
les teves glòries – i els teus records,
records i glòries – només de morts:
has viscut trista.
Jo vull parlar-te – molt altrament.
Per què vessar la sang inútil?
Dins de les venes – vida és la sang,
vida pels d’ara – i pels que vindran:
vessada és morta.
Massa pensaves – en ton honor
i massa poc en el teu viure:
tràgica duies – a morts els fills,
te satisfeies – d’honres mortals,
i eren tes festes – els funerals,
oh trista Espanya!
Jo he vist els barcos – marxar replens
dels fills que duies – a que morissin:
somrients marxaven – cap a l’atzar;
i tu cantaves – vora del mar
com una folla.
On són els barcos. – On són els fills?
Pregunta-ho al Ponent i a l’ona brava:
tot ho perderes, – no tens ningú.
Espanya, Espanya, – retorna en tu,
arrenca el plor de mare!
Salva’t, oh!, salva’t – de tant de mal;
que el plô et torni feconda, alegre i viva;
pensa en la vida que tens entorn:
aixeca el front,
somriu als set colors que hi ha en els núvols.
On ets, Espanya? – no et veig enlloc.
No sents la meva veu atronadora?
No entens aquesta llengua – que et parla entre perills?
Has desaprès d’entendre an els teus fills?
Adéu, Espanya!
*) „Nach dem im Vorfeld des Krieges zwischen Rom und Karthago geschlossenen Vertrag zur Aufteilung der Interessensphären (Ebro-Vertrag) fiel Sagunt in die karthagische Interessensphäre und die Karthager glaubten somit, das Recht zu haben, Sagunt zu erobern. Ihr monatelanger Widerstand, über den Livius berichtet, ist der eine kurze Strahl historischen Ruhms der Stadt. 218 v. Chr. eroberte Hannibal die Stadt und zog nach Italien weiter. Über den Fall von Sagunt handelnde lateinische Texte sind sehr häufig. (…) Die Stadt wurde auf Katalanisch Molvedre, auf Spanisch Morviedro genannt, beides nach dem Lateinischen muri veteres, alte Mauern. Sagunts Abstieg begann mit dem Aufstieg von Valencia. 1098 wurde sie kurz von El Cid besetzt, die endgültige Rückeroberung musste aber bis 1238 warten, bis zu König Jakob I. von Aragón.
Während der Napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besiegten am 25. Oktober 1811 in der Schlacht von Murviedro (Sagunto) die Franzosen unter Louis-Gabriel Suchet eine spanische Armee unter General Joaquín Blake y Joyes. Sie sollte die seit Monaten belagerte Festung entsetzen. Am Tag darauf kapitulierte Murviedro vor Suchet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Sagunt
NIT D’AGOST Ara, la nit s’acosta tant, al fons del meu cor, que el seu somriure sembla una resposta —una resposta que digués: Estem d’acord—. Però la ment ignora a què em respon així... —Oh, calla, dolça nit enganyadora; no és cert que ara de tot em diries que sí?—
Nacht im August Jetzt kommt die Nacht meinem Herzensgrund so nah, dass ihr Lächeln eine Antwort scheint – eine Antwort die etwa lautet: Abgemacht –. Aber der Kopf weiß nicht, worauf sie Antwort gibt … – Ach schweig, süße Nacht, so trügerisch; du würdest doch jetzt zu allem ja sagen, nicht? –
Màrius Torres (30.8.1910–29.12.1942) war ein katalanischer Lyriker.
Er stammte aus einer bürgerlichen Familie in der Bezirkshauptstadt Lleida; der Vater war Abgeordneter im katalanischen Parlament. Nach seinem Schulabschluss studierte Torres Medizin in Barcelona. Er interessierte sich schon früh für Literatur und schrieb in der Schul- und Studienzeit erste Stücke.
1935 erkrankte er an Tuberkulose und kam in das Puigdolena bei Sant Quirze de Safaja (Provinz Barcelona), das er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen sollte. Hier vertiefte er seine Beschäftigung mit Literatur und schrieb den größten Teil seines poetischen Œuvres. Er lernte Mercè Figueres kennen, eine Mitpatientin, der er die Gedichtfolge „Cançons a Mahalta“ widmete, die zu seinen berühmtesten Werken gehören. Über sie begegnete er dem Schriftsteller Joan Sales, zu dem eine enge Freundschaft entstand; Sales besorgte posthum die erste (und lange Zeit einzige) Ausgabe seiner Gedichte.
Màrius Torres wird als Postsymbolist bezeichnet, was meiner Ansicht nach, jenseits des Etikettierungszwangs, recht treffend ist. Er ist kein Treiber der Moderne, sondern ein eher kontemplativer Betrachter des Werdens und Vergehens, der seine eigene Vergänglichkeit deutlich spürte und thematisierte. Zugleich setzte er mit seiner Lyrik einen Kontrapunkt zur trostlosen, schäbigen Wirklichkeit der Bürgerkriegszeit und des beginnenden Franquismus. Ende der 1960er Jahre wurde Màrius Torres von einer breiteren Leserschaft im katalanischsprachigen Raum entdeckt.
Àxel Sanjosé hat das Lied des Heiligen Johann vom Kreuz / San Juan de la Cruz (Fassung siehe hier) neu übersetzt. Er schreibt dazu:
die vorgehensweise:
so viel an semantischen und syntaktischen strukturen wie möglich erhalten
die gebundenheit (im spanischen: silbenzahl und reim) durch entsprechend natürliche mittel im deutschen andeuten: jamben und alternanz von weiblichen und männlichen kadenzen, assonanz wenn möglich (auch erweiterte assonanz, z.b. hohe vs. tiefe vokale oder vordere vs. hintere)
hier die strophenform der »lira« (drei siebensilber und zwei elfsilber in der konstellation 7-11-7-7-11) auf versfüße übertragen: 3-5-3-3-5 jamben. der reim läuft aber a-b-a-b-b, was man in der übertragung natürlich weniger merkt. entscheidend jedoch ist die kurz-lang-rhythmik.
entscheidend ist für mich, dass ein gefühl vom originären text rüberkommt.


Die erste Strophe der „Soledades“:
Es war des Jahres Zeit der Blüten in der Europas lügenreicher Räuber – der halbe Mond die Waffen seiner Stirn, die Sonne ganz die Strahlen seiner Haare –, leuchtende Himmelsehre, auf Saphirfeldern Sterne grast, da jener, der wohl besser noch den Becher Jupiter reichen konnte als der Bursch aus Ida, schiffbrüchig, abgewiesen, in der Fremde voll Tränen Liebesklagen richtet süße ans Meer, bewegt es so, dass für die Wogen, für den Wind sein jammervolles Seufzen ein zweites wurde süßes Arion-Instrument.
Góngoras Originaltext:
Era del año la estación florida en que el mentido robador de Europa (media luna las armas de su frente, y el Sol todos los rayos de su pelo), luciente honor del cielo, 5 en campos de zafiro pace estrellas, cuando el que ministrar podía la copa a Júpiter mejor que el garzón de Ida, náufrago y desdeñado, sobre ausente, lagrimosas de amor dulces querellas 10 da al mar, que condolido, fue a las ondas, fue al viento el mísero gemido, segundo de Arïón dulce instrumento.
¡Ay! ¡Ay!
Más cerca de mí te siento
cuando más huyo de ti,
pues tu imagen es en mí,
es en mí,
sombra de mi pensamiento,
sombra de mi pensamiento.
¡Ay! Vuélvemelo a decir,
vuélvemelo a decir
pues embelesado ayer
te escuchaba sin oír
y te miraba sin ver,
y te miraba sin ver. ¡Ay!
Ach! Ach!
Näher fühl ich mich bei dir,
umso mehr ich von dir flieh,
denn dein Bild das ist in mir,
ist in mir,
Schatten meines eignen Denkens,
Schatten meines eignen Denkens.
Ach! Sag’s noch einmal zu mir,
sag es noch einmal zu mir,
gestern nämlich, ganz betört
lauscht ich dir, ohne zu hörn
schaut’ dich an ohne zu sehn,
schaut’ dich an ohne zu sehn. Ach!
die ausgangslage ist klar: achtsilber (bei männlicher kadenz, hier also in den geraden zeilen: siebensilber) angeordnet in der romance-form, also: nicht-reimende zeilen abwechselnd mit assonant, also lediglich durch übereinstimmung des betonten vokals reimende zeilen, hier auf [a]: nada más / andar / atrás / mirar / en la mar. dass de facto más/atrás und ebenso andar/mirar/mar reine (konsonante) reime sind, ist eher zufällig, liegt daran, dass es im spanischen einen haufen wörter mit diesen endungen gibt.
für das deutsche habe ich mich für folgendes entschieden: die ohnehin recht lose reimstruktur gebe ich durch abwechselne weibliche und männliche kadenz wieder (was auch der spanischen prosodie entspricht), ansonsten erlaube ich den zeilen entweder vierhebig trochäisch oder dreihebig daktylisch zu sein, was in meinen ohren durchaus geht. das wars dann schon.
Caminante, son tus huellas
el camino, y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino,
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino,
sino estelas en la mar.
Wanderer, hier deine Spuren
sind der Weg, ansonsten nichts;
Wanderer, ’s gibt keine Wege,
Wege macht man nur beim Gehn.
Nur beim Gehn macht man die Wege
und wirfst du den Blick zurück,
siehst du den Pfad, den du niemals
je wieder betreten wirst.
Wanderer, ’s gibt keine Wege,
außer Kielwasser im Meer.
ps: statt „Wanderer, ’s gibt keine Wege“ (Z. 3 u. 9) geht metrisch auch „Wand’rer, es gibt keine Wege“. wenn geschrieben, finde ich letzteres besser, gesprochen ersteres.
eine anmerkung zu den deutschsprachigen baudelaire-übersetzungen der eingangsstrophe von »les fleurs du mal« (vgl. L&Poe #21).
La sottise, l’erreur, le péché, la lésine,
Occupent nos esprits et travaillent nos corps,
Et nous alimentons nos aimables remords,
Comme les mendiants nourrissent leur vermine.
was auffällt: alle reimen den reinen reim. nur friedhelm kemp verweigert sich und übersetzt in kaum merklich rhythmisierter prosa.
beim näheren hinschauen sieht man: nur c. fischer und s. löffler bleiben sechshebig und somit dem alexandriner nah, die anderen sind fünfhebig, meist jambisch, hier und dort ein trochäus.
es scheint also einigkeit zu herrschen, dass der reim die struktur ist, die um jeden preis zu bewahren ist. besonders krass bei s. werle, der auf metrische regelmäßigkeit verzichtet, am reim aber festhält (was einen holpernden effekt hat, der dem fließenden klang des originals diametral entgegensteht). oder man muss – siehe f. kemp – auf klangliches verzichten und sich ganz auf die syntax und semantik konzentrieren.
warum nicht einmal versuchen, dieses entweder-oder zu überwinden? und vor allem die irrationale fixierung auf den reim?
ein möglicher weg scheint mir, die form des originals – den auf französisch lässig sitzenden alexandriner (weil der reim dort deutlich weniger anstrengung erfordert) – durch eine im deutschen lockerer zu bewerkstelligende form zu ersetzen. anders gesagt: gebundenheit zu bewahren, aber form nicht sklavisch zu reproduzieren. denn abgesehen davon, dass es zum scheitern verurteilt ist, weil spätestens die reimwörter andere sind (und sich z.b. die tiefe abgründigkeit von lésine/vermine schlicht nicht nachahmen lässt), ist der französische alexandriner nun einmal was anderes als der deutsche. schlicht und einfach, weil die abfolge der hebungen und senkungen dort (fast) keine rolle spielt, bei uns aber sehr wohl. bei uns stellt sie sich leichter ein, und das lässt sich nutzen.
ich versuche es mit einer (von mir verschiedentlich auch schon im zusammenhang mit katalanischen und spanischen texten vorgeschlagenen) vorgehensweise: gebundenheit im deutschen primär durch versmaß wiederzugeben (nicht unbedingt durch die gleiche silbenzahl, auch wenn es in diesem falle klappt), reimschema lediglich durch abwechseln von männlichen und weiblichen kadenzen möglichst oft anzudeuten. und wenn auch noch großzügig verstandene assonanzen mit dabei sind, umso besser. (eine spezialregelung hat sich mir mittlerweile als sinnvoll erwiesen: drei jambisch organisierte hebungen können je durch zwei daktylisch organisierte ersetzt werden).
das erhoffte ergebnis: durch die gewonnene bewegungsfreiheit mehr semantische treue im sinne kemps zu erreichen, dabei aber durch die formalen analogien trotzdem auch ein wenig mehr vom klanglichen eindruck herüberzuretten (also: etwas entspannter zu schielen).
auf die schnelle kommt bei mir heraus:
Die Dummheit, der Irrtum, die Sünde, der Geiz
besetzen unsren Geist, befallen unsren Körper;
wir füttern unsre liebenswürdigen Bedenken,
genauso wie die Bettler nähren ihr Gewürm.
Ins Niederländische übersetzt von Jacques Schmitz (Originaltext darunter)
Wie minnen wil / kan toch zo preuts niet zijn
Daar zit ik nu met mijn zo heet verlangen
Hier ligt mijn lief / daar ligt mijn andere ik, ‚t
Heeft mij volstrekt in het geluk verstrikt
Hier zou ‚k mijn lief het allerliefst ontvangen
Bedelven hem met kussen op z’n wangen
Oh Cupido, maak dat mijn bede wordt vervuld
En help een handje daarbij met geduld
‚k Weet niet met mijn geluk wat aan te vangen
Want Venus geeft mij wel een goed gevoel
Toch wil ik zelf niet / wat ik eigenlijk bedoel
Oh, kuisheid, wil toch verre van mij wijken
Zolang je hier bent, is ‚t mijn grootste pijn
Wie minnen wil / kan toch zo preuts niet zijn
Zo zal ‚t je nooit met liefde’s loon verrijken
HJer hab ich nun mein sehnliches Verlangen :
hier liegt mein Lieb / hier ligt mein ander ich :
hier giebt das Glück sich selbst gefangen mich :
hier mag ich nun mein Lieb vielmahl umfangen :
hier mag ich nun auch küssen seine Wangen :
Cupido hört mein Klagen inniglich /
und wil nun auch so hülffreich zeigen sich ;
Nun mag ich wohl mit meinem Glücke prangen ;
die Venus zeigt mir iezt ein guhtes Ziel /
ich wil nur selbst / nicht was ich gerne wil ;
O Blödigkeit / du must nur von mir weichen !
weil du hir bist / wärt meine grosse Pein ;
Wer lieben wil / mus nicht so blöde seyn /
sonst kan er nicht der Liebe Lohn erreichen.
Wir Kleingläubigen glauben ja gern, daß Lyrik heute keine Bedeutung hat, außer für den kleinen Kreis der Lyrikleser. Dabei müssen wir nur den Blick kurz aus der Blase ziehen. Aus in Greifswald gegebenem Anlaß beschäftigte ich mich mit Ernst Moritz Arndt. Hier gibt es seit über 550 Jahren eine Universität, etwa 470 davon kam sie ohne Namen aus, aber 1933 erhielt sie auf Antrag eines stramm deutschnationalen Theologieprofessors, Mitglied des Stahlhelm, des Kyffhäuserbunds und der DNVP (Deutschnationalen Volkspartei), aus den Händen Hermann Görings, damals preußischer Ministerpräsident, den Namen Ernst Moritz Arndt. 1945 wurde der Name buchstäblich durchgestrichen auf den Uni-Stempeln, aber 1954, die DDR gründete die „Nationale Volksarmee“ und brauchte „nationale“ Traditionen, wurde der Name wieder eingeführt. (Jener Professor war inzwischen Mitglied der regierenden SED). Seit 1991 wird über den Namen diskutiert, erst Anfang 2017 gab es im Senat eine Zweidrittelmehrheit für die Streichung des Namens. Und dann brach ein wahrer Volkessturm (das Volk steht auf, der Sturm bricht los!) über Greifswald aus, eine veritable Provinzposse mit Menschenkette, Luftballons, Rosen für Arndt, Demonstrationen und Dutzenden Leserbriefen, in denen beklagt wurde, daß Studenten (die ja nicht richtige Greifswalder sind, weil sie wieder weggehn, solln erst mal ordentlich arbeiten lernen!) beziehungsweise Westprofessoren (die auch nicht richtige Greifswalder sind, selbst wenn sie seit 20 Jahren in der Stadt leben) „uns unsere Identität nehmen“ wollen. / Weiter
Das aktuelle Heft der Zeitschrift manuskripte (No. 217) veröffentlicht u.a. Prosa von Sophie Reyer und Anja Utler sowie unter mehreren Beiträgen zum Literaturfestival im Rahmen des 50. Steirischen Herbstes Texte von Aslı Erdoğan, Jazra Khaleed und Serhij Zhadan. Von Olga Martynova gibt es Auszüge aus einem für 2018 geplanten Essayband mit dem Titel „Über die Dummheit der Stunde“ (Frühjahr 2018 bei S. Fischer). Abgedruckt ist ein Fragment aus „Probleme der Essayistik“. Die Ähnlichkeit des Titels mit einem Vortrag Gottfried Benns ist nicht zufällig. In Anlehnung an Benns „vier diagnostische Symptome“, anhand derer man erkennen könne, ob ein Text von 1950 „identisch mit der Zeit“ sei oder nicht (1. Andichten, 2. Wie-Vergleich, 3. Farbadjektive, 4. seraphischer Ton), lädt sie den Leser zu analogem Spiel mit der Gattung Essay ein. Lyrik und Essay hätten gemeinsam, daß der Leser zu aktivem Mittun eingeladen sei. „Sie belehren nicht, sie fordern auf, allein zu denken.“ / Besprechung hier
Zum Tod von John Ashbery
Der amerikanische Dichter John Ashbery war kein Revoluzzer, sondern ein stiller Moderner. Die ästhetischen Freiheiten, zu denen der 1927 im Bundesstaat New York Geborene mit seiner Lyrik vorstiess, haben jüngere Generationen von Dichtern nachhaltig beeinflusst, und zwar nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa, obwohl seine Dichtung erst spät und nur spärlich übersetzt wurde.
«Ich hatte meine Persona nie sonderlich stark empfunden», meinte Ashbery in einem Interview. Das lyrische Ich seiner Gedichte ist kein integrales Ich, sondern eher eine Hypothese, denn Ashbery zerlegt den Prozess der Wahrnehmung in ein zugleich atomisiertes und entgrenztes Sprechen. Das wilde Experimentieren seiner frühen Bände – vom Spiel mit traditionellen Versformen bis zu dadaistischen Eruptionen – hat sich in den späteren beruhigt: In der konzentrierten Beobachtung des gelenkten Zufalls hat Ashbery seine unverwechselbare Stimme gefunden. / Siglinde Geisel, Neue Zürcher Zeitung https://www.nzz.ch/feuilleton/nachruf-john-ashbery-unterkuehlte-ekstasen-des-bewusstseins-ld.1313287?mktcid=nled&mktcval=107_2017-9-3
Der sorbische Dichter Kito Lorenc ist tot. Wie der Domowina-Verlag Bautzen MDR KULTUR bestätigte, starb Lorenc am Sonntag im Alter von 79 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
Kito Lorenc galt als einer der bedeutendsten sorbischen Lyriker und Dramatiker der Gegenwart. Lorenc wurde 1938 in Schleife/Slepo nahe Weißwasser geboren und beschäftigte sich in seinem literarischen Werk auf Deutsch und Sorbisch immer wieder mit dem Heimatverlust durch den Braunkohleabbau. Sein Gedichtzyklus „Struga – Bilder einer Landschaft“ (1967) diente als Vorlage für einen Dokumentarfilm, der aber in der DDR nicht in die Kinos kam. (…) / MDR http://www.mdr.de/kultur/themen/kito-lorenc-gestorben-100.html
Vor ihm hat kein anderer Schriftsteller so virtuos das Deutsche und das Sorbische in einem Gedicht zusammengebracht. Die eine Sprache, meinte er, taugt für Behördengänge und philosophische Gedanken, die andere für Haus und Garten und den Nussbaum im Hof. Jede kann was, was die andere nicht kann. / Karin Großmann Sächsische Zeitung, 26.9.2017
Kito Lorenc ist ein Kind, ein Kind in umfassendem Sinn, der Landschaft an den Ostgrenzen Deutschlands, der Lausitz, Kind der Luzica, so wie seine Poesie deren Kind ist, der Bäche, Felder, Hügelwälder, Moore und Heide dort zum einen, des Aneinanderstoßen – auch das in vielerlei Sinn – dreier Länder, eines deutschen, eines polnischen, eine tschechischen zum anderen. / Peter Handke, Vorwort zu Kito Lorenc: Gedichte, Berlin 2013
Wolf Biermann: Hanns Eisler saß übrigens auch an diesem alten Tisch hier.
ZEIT: Wer saß noch auf diesen Stühlen, einst in der Chausseestraße?
Biermann: Margot Honecker. Ein einziges Mal, vor meinem Verbot 1965. Sie meinte es gut mit mir, sie wollte mich retten. Es verband unsere kommunistischen Familien die Erfahrungen vor und nach 1933. Margot wollte mich zurückreißen vom falschen Weg, sie wollte, dass ich ein DDR-Staatsdichter werde. Das misslang ihr vollkommen. Herbert Marcuse, der Philosoph, saß hier. Allen Ginsberg kam aus New York vorbei. Mein Kumpel Manfred Krug. Joan Baez, Grass, Böll, Wallraff, Huchel, Jurek Becker, Heiner Müller, Max Frisch, Uwe Johnson, Stefan Heym, Günter Kunert, die größte Dichterin der DDR Helga M. Novak, die kleine Sarah Kirsch, der rebellische Thomas Brasch, der Schweizer Franz Hohler, Maler wie Ronald Paris, Jazzer wie Baby Sommer. Es waren so viele. / Die Zeit 36, S. 40
Offener Brief von Walther Stonet
Es ist ein Armutszeugnis, wenn wir heute in Buchhandlungen neben den Bestsellern nur noch die Klassik vorfinden: Goethe, Schiller, ein bisschen Hesse und ein wenig Rilke. Die aktuelle, die moderne Lyrik findet de facto nicht statt. Ein Buchhändler verkauft, was man bei ihm nachfragt. Nachfragen kann man nur, wenn man weiß, dass es etwas gibt. So schließt sich der Kreis.
Es war einmal gute Tradition, in jeder Ausgabe eines Feuilleton wenigstens ein Gedicht einer aktuellen Poetin oder eines jungen Poeten zu präsentieren, meist mit einem kleinen Rahmen darum und dem Verweis auf den Band, in dem das Werk erschien. Im Feuilleton selbst wurde nicht nur Belletristik und Sachbuch besprochen, es gab auch immer wenigstens einen Gedichtband. Es gibt keinen wirklichen Grund, an dieser Tradition nicht wieder anzuknüpfen.
Wir haben uns die Freiheit genommen, mit dem heutigen Tag eine Petition https://www.openpetition.de/petition/online/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung an Sie zu veröffentlichen. Ab heute kann unterschrieben werden. Es würde uns freuen, wenn Sie selbst dieser Petition mit Ihrer Unterschrift Nachdruck verleihen und mit den Organen Ihres Verlagshauses vorangeben würden. Die deutschsprachige Poesie und die vielen, die sich ihr verschrieben haben, werden es Ihnen danken.
Es liegt an Ihnen und den Verlegern aus Ihrem Verband, dieser Idee den nötigen Rückenwind zu geben. Sie würden der modernen deutschen Lyrik einen großen Dienst erweisen und zeigen, dass es bei Ihren Presseobjekten um mehr geht als um Geschäftsinteressen. Kultur braucht Förderer. Die junge und die aktuelle deutschsprachige Poesie hätten Ihre Förderung verdient. / Mehr bei KuNo http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=44583
Poesiefest im Düsseldorfer Literaturhaus – Poesie-Debüt-Preis
Lyrik, die wohl anspruchvollste Herausforderung für einen Autor, steht vom 29. September bis 1. Oktober wieder im Mittelpunkt des Poesiefestes im Heine Haus in der Bolkerstraße.
In den letzten sieben Jahren trugen bekannte Schriftsteller wie Jürgen Becker, dort im Rahmen des Poesiefestes ihre Werke vor. Immer hatten die Veranstalter Rudolf Müller und Selinde Böhm von der Literaturhandlung im Heine Haus, auch den Nachwuchs im Blick und gaben Debütanten eine Bühne. Da erschien es nur folgerichtig den ersten Poesie-Debüt-Preis Düsseldorfs ins Leben zu rufen. Dieser wird zukünftig im Wechsel mit dem Heine-Preis alle zwei Jahre verliehen.
Mit 4000,- Euro ist er zudem ein sehr hoch dotierter Debütantenpreis, der damit auch die Wertschätzung der Lyrik durch die Landeshauptstadt ausdrückt, die diese Ehrung ermöglicht.
Der Poesie-Debüt-Preis geht in diesem Jahr an Maren Kames, die diese Ehrung am 1. Oktober im Heine Haus entgegen nehmen wird.
Nach zehn Jahren Engagement für das Geburtshaus des größten Düsseldorfer Dichters, entschied der städtische Kulturausschuss, das Heine Haus nun offiziell auch zum „Literaturhaus Düsseldorf“ zu ernennen und jährlich mit 60.000,- Euro zu fördern. lokalkompass.de https://www.lokalkompass.de/duesseldorf/kultur/poesiefest-im-duesseldorfer-literaturhaus-d792544.html
Die Veranstalter melden:
Die Teilnehmenden am Finale stehen fest.
Ruxandra Chişe (Berlin), Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Nancy Hünger (Erfurt), David Krause (Kerpen) und Saskia Warzecha (Berlin) werden am 21. Oktober um den Lyrikpreis München 2017 lesen. Und reden, denn die Besonderheit unseres Preises ist ja bekannt: Die Jury – in diesem Jahr Birgit Kreipe, Swantje Lichtenstein und José F.A. Oliver – wird mit allen Finalistinnen einzeln ein Gespräch führen über die Texte und ihre Konzeption. Das Publikum ist eingeladen, sich einzumischen.
Aus 252 anonymen Einreichungen wählte die Vorjury (Markus Hallinger, Àxel Sanjosé und Johanna Schumm) die fünf Finalistinnen aus. Außerdem auch Ulf Großmann, der leider verhindert ist. Sehr schade.
Finale des Lyrikpreises München 2017:
Samstag, 21. Oktober, 19:00 Uhr
HochX, Entenbachstraße 37, 81541 München
Lesende: Ruxandra Chişe, Dirk Uwe Hansen, Nancy Hünger, David Krause und Saskia Warzecha
Jury: Birgit Kreipe, Swantje Lichtenstein, José F.A. Oliver
Moderation: Àxel Sanjosé
Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro
1934 in Großpold geboren, absolvierte er das Gymnasium in Hermannstadt, die Pädagogische Mittelschule in Schäßburg und das Literaturinstitut „Mihai Eminescu“ in Bukarest. Seit 1951 war er Redakteur der Bukarester Tageszeitung „Neuer Weg“, seit 1993 „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“. Zwischen 1970 – 1980 war er stellvertretender Chefredakteur beim Rumänischen Fernsehen (TVR), verantwortlich für die Programme in deutscher Sprache.
Als Schriftsteller wurde er durch den Zyklus „Das wundersame Leben des Andreas Weißkircher“ (1983) bekannt, der auch Rumänisch erschienen ist. Er erhielt den Prosapreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes 1971 und 1982, zuletzt die Eminescu-Medaille für seine deutsche Eminescu-Ausgabe (2000).
Er ist der Autor mehrerer Anthologien der rumäniendeutschen Literatur: „Worte und Wege“ 1970, „Worte unterm Regenbogen“ 1973, „So lacht man bei uns“ 1989, „Aufs Wort gebaut“ 2003. / Allgemeine Deutsche Zeitung http://www.adz.ro/artikel/artikel/unermuedlich-am-werk/
Former Alaska writer laureate and influential Tlingit scholar Nora Keixwnéi Dauenhauer died Monday at the age of 90.
Dauenhauer, of the Haines-Yakutat Lukaaxádi (sockeye) clan, was a giant of Tlingit language scholarship and literature. (…)
“She really got people to examine the beauty of Tlingit,” Twitchell told the Empire on Monday. “She’s built the foundation (of Tlingit literature). Her and Richard. … She was an incredible poet. She was an incredible intellectual.” / Juneau Empire http://juneauempire.com/local/news/2017-09-25/native-scholar-writer-laureate-nora-dauenhauer-dies-90
https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Marks_Dauenhauer
https://de.wikipedia.org/wiki/Tlingit_(Sprache)
Ivo Vodseďálek (8. August 1931 in Prag – 19. September 2017), Dichter, Künstler und Ballonpilot.
Er war eine bedeutende Persönlichkeit des tschechischen künstlerischen, kulturellen und sozialen Underground. Samisdatveröffentlichungen mit Egon Bondy
Born in 1929, Ms. Pai was the daughter of noted writer-journalist ‘Acharya’ Pralhad Keshav Atre. She started writing ‘Haiku’ in 1975. She studied Japanese ‘Haiku’, its origin and nature and published five Marathi ‘Haiku’ books.
Ms. Pai also translated some Japanese ‘Haiku’ from English to Marathi. She also worked as a journalist in the Maratha newspaper and participated in the ‘Samyukta Maharashtra’ (United Maharashtra) movement.http://www.thehindu.com/books/books-authors/marathi-poet-activist-shirish-pai-passes-away/article19609880.ece
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Angelika Janz: Offener Brief
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Ich schreibe Ihnen, während ich die Sendung von Anne Will zur Frage ostdeutschen AfD-Wahlüberhangs per Kopfhörer verfolge.
Dieser Brief soll kein „Jammerbrief“ werden, sondern Ihnen Analysen aus der betroffenen Region schildern – er richtet sich „eigentlich“ auch an JEDEN, der an der gegenwärtigen Stimmung in der BRD interessiert ist, der viele Details über eine ziemlich vergessene Region am Rande der Republik enthält, in der ich seit 25 Jahren lebe. So bitte ich Sie als ein Kenner sozio-kultureller Verhältnisse im Land, diesen Brief wirklich zu lesen.

Ich bin Ihnen für Ihre Rede zum Tag der Deutschen Einheit dankbar, weil Sie dem Begriff der „Heimat“ einen neuen Akzent im Hinblick auf die Zukunft nachfolgender Generationen hinzugefügt haben – gegen jene Mauern, von denen Sie gesprochen haben in unserem Land. So möchte ich Ihnen hier über eine Mauer zwischen der Realpolitik und Wirtschaft und dem ländlichen „Lebenswert-Raum“ berichten.
Den Menschen gerade im ländlichen Raum wird „die Heimat“ unter den einst geerdeten Füßen weggezogen, und das wohl schon seit Wendebeginn. Heimat wird hier im äußersten Nordosten als ein Wort gehandelt, das im Alltag nicht mehr verwendet werden darf, weil es bei den Verwendern umweglos Rechtstendenzen vermuten lässt.
Seit 25 Jahren lebe ich als westdeutsche Kulturpädagogin im Nordosten. Ich habe eine Reihe von „Heimat-Projekten“ mit den Kindern meiner KInderAkademie realisiert. Z.B. ein Fotoprojekt mit Kita-Kindern „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ – und die Fotos zeigten Blicke in die Gärten und Endlosen Energiepflanzenfelder, auf übervolle Aschenbecher an Straßenrändern, die Cameras richteten sich aus den Fenstern der „Platte“ oder auf gegenüberliegende leergezogene Häuserfronten. Ausgestellt in den Schaufenstern des Pasewalker „Woolworth“. Ich arbeite als Einzelkämpferin nach sozio-kulturellem Konzept in kreativer und gewaltpräventiver außerschulischer Bildungsarbeit in verschiedenen Werkstätten auf den Dörfern im Kreis Vorpommern-Greifswald. Meine Eltern waren lebenslang in der SPD – in einem sauberen westlichen Eigenheimdorf. Wenn auch nicht Parteigängerin – so fühle ich mich seit jeher linken Haltungen zum Menschsein verpflichtet. Vom Neigungsberuf Autorin und Bildende Künstlerin habe ich viele Kunst- und Hörspielwerkstätten, 28 Jugendclubs nach der Wende hier im Altkreis Uecker-Randow, heute Vorpommern- Greifswald, wieder aufgebaut, Festivals wie Nordischer Klang, Polnische Woche und Tanztendenzen und viele Ausstellungen im Land M-V organisiert. Diese Arbeit wurde mehrfach überregional, gewissermaßen „platonisch“ (ohne finanzielle Förderung) ausgezeichnet, u.a. mit dem Dt. lokalen Nachhaltigkeitspreis und als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ – die Urkunde war von der Deutschen Bank ausgelobt (was ich mittlerweile als zynisch empfinde) und von Ihrem Vorgänger Joachim Gauck unterschrieben. Mit den Menschen hier teile ich nun eine 25jährige gemeinsame – solidarische – Geschichte. Das Glück, unterscheiden zu können zwischen den demokratischen Lernerfahrungen im Westen und der Erfahrung des „Wachsenmüssens demokratischer Strukturen“ schenkt mir den Blick für die Mängel und auch Vorzüge dieser nordostdeutschen Region. Ihrem Vorvor-Gänger Johannes Rau habe ich auf seinen Wunsch hin in den ersten Jahren nach meiner Übersiedlung aus dem Ruhrgebiet in mehreren Briefen über diese Erfahrungen berichtet, die wohl noch in Ihrem Archiv sein werden. Oft auch bedrückende Berichte, auf die er stets „mutmachend“ antwortete.
Doch mehr als ein Mal stehe ich vor den Abgründen westlich getönter, ignoranter Arroganz und der sie begleitenden zunehmend bedrückenden Hilflosigkeit der Bevölkerug gerade hier im ländlichen Raum am Rand der Republik. Ich hätte Ihnen, als Kennerin der umgebenden Dörfer, in denen ich mit meiner KinderAkademie im ländlichen Raum seit 12 Jahren überwiegend ehrenamtlich arbeite, voraussagen können, in welchen Dörfern AfD und NPD gewählt wird. Keine Überzeugungskreuze wurden da gesetzt. Diese Kreuze sind Synonyme für einen Satz wie „Da es jetzt noch schlimmer als früher ist, ist es sowieso egal, aber das Vertrauen ist schon lange verspielt.“
Denn: Der oft extreme Mangel an Empathie, an Zeichen von Zugehörigkeit/ Solidarität und Verständnis der Regierenden mit den Leuten hier auf dem Land ist nicht zu übersehen! Die Sehnsuchtsalternative „Landleben“ gibt es hier „nimmer“. Wie kann man hier weiter leben, wenn tagtäglich die Landmaschienen einige hundert Male durchs Dorf donnern, wo das Trinkwasser einige bedenkliche Grenzwerte aufweist, das Glyphosat ungehindert in die Gärten gespritzt wird, die sich an den Rändern der Felder befinden, wenn die letzten Natur- und Lebenswert-Räume mit monströsen Windenergieparks (mit 230 m hohen Mühlen) verstört und schließlich vernichtet werden ohne, dass die Betroffenen Einfluss nehmen, die Betreiber aber durchaus mit Vernichtung von Greifvogelhorsten Tatsachen schaffen können, wenn die Gülle und Gärreste aus Europas größten offenen Depots zum Himmel stinken ebenso wie die in den abgeholzten Waldgebieten einbetonierten Biogasanlagen wie Pilze in den Himmel schießen und Schlafen bei offenem Fenster ein Traum bleibt, ja, wenn Sie in der Dämmerung zu Erntezeiten der Energiepflanzen von nahen ohrenbetäubenden Schüssen aufgeschreckt werden, weil 10 Meter weiter mit den sich lichtenden Feldern durch Erntewagen das Wild in die Enge getrieben und in Massen von alljährlich herbei gereisten Westjägern – hier aus Vechta und Aachen – abgeschossen und in den Westen zum Verkauf fort transportiert wird. Ich erlebte es – erst gestern bei einer Geburtstagsfeier – vom Wohnzimmer meiner Nachbarn aus! Lebt man noch gern auf dem Lande, wenn wie in diesem Sommer einige Tage hintereinander Transall-Maschinen im Tiefflug – einen beim ersten Mal existenzialen Schock auslösend – über die Wälder, Häuser und Gärten jagen, ein Versuchsprojekt zwecks Vergrämung der Greifvögel für die geplante Installierung der großen Windparks, ging das Gerücht, nachdem die Flugaufsichtsbehörde dazu keine Angaben machen konnte.
„Meine“ Kinder kommen meist ohne Frühstück in die Werkstätten, verlieren ihren Hortplatz, wenn die Eltern nur minimal zu viel verdienen, werden als Begabte nicht wirklich gefördert, weil man sie in den zunehmend vor Schließung bedrohten Regionalschulen halten will. Man verzagt, wenn man Sie im Altherren- Club der betuchten Unternehmer der nächsten Kleinstadt – nach einem mit Publikationen und Ausstellung mit Arbeitsbeispielen illustrierten Vortrag über meine außerschulischen Werkstätten und Exkursionen – verächtlich ermahnt und regelrecht abbügelt, doch erstmal die Bildungsgutscheine der Hartz-Kinder auszufüllen, bevor Sie hier das Ansinnen formulieren, einen Zuschuss von wenigen hundert Euro für Museumsbesuche und Werkstätten zu erhalten. Weil halt gerade die Fahrkosten im ländlichen Raum am höchsten sind (Honorare, Aufwandsentschädigungen? Das erwarten wir hier schon lange nicht mehr!). Ja, und diese Herren sind zumeist Jäger, um aufs letzte Bild zurückzukommen – und einer der hier den Alltag der Leute beherrschenden Agronome, die hier intensive Landwirtschaft auf dem Rücken von Bevölkerung und Natur betreiben (in der Regel aus den „alten“ Bundesländern) – wird demnächst für die Villa seiner Jagdgesellschaft einige Kilometer weiter die Summe von 200.00 Euro aus EU-Mitteln erhalten, das wurde bereits mit Ausnahme von 2 Personen von der Jury abgenickt. (Auch für die Bearbeitung und Betreuung eines überaus umfangreichen Antrages braucht es Steuermittel.)
Ja, den Menschen wird „die Heimat“ (ein Wort, das hier nicht mehr verwendet werden darf und in Zusammenhang mit „Heimatpflege“ kürzlich aus einer soziokulturellen Dorf-Vereinssatzung gestrichen werden musste) unter den einst geerdeten Füßen der vielzitierten DDR-Mängelwirtschaft weggezogen. Sie werden verächtlich und zynisch von Politikern (teilweise immer noch die Wendehälse oder eben „Wessis“) und der Wirtschaft behandelt, stehen oft in gemeinsamer Front gegen die Bevölkerung wie bei der Durchsetzung monströser Windparks in unzerschnittenen Naturräumen. Die kleinen Bauern, zuvor nie politisch motiviert, stehen plötzlich schüchtern und stumm mit selbstgemalten Plakaten vor dem Gemeindesaal vor einer Sitzung ihrer Vertreter, die sie kaum eines Blickes würdigen. Wie sollen sich die Menschen hier fühlen? Für unsere wirklich vergessene und zunehmend hier und da kritisch auf Missstände zeigende Region wurde aus Schwerin ein „Vorpommern-Kommissar“ eingesetzt, ausgestattet mit 2 Millionen. Als ich ihn kürzlich mit einer ehrenamtlich mitarbeitenden Mutter besuchte und um einen Zuschuss für unsere Werkstätten bat, bot er mir als auch Vorsitzender der Volkssolidarität an, für das „sehr gute Honorar der Volkssolidarität“ Werkstätten in deren Kitas abzuhalten – sinngemäß: Von dem Honorar fallen dann die nötigen Gelder für Ihre Ausflüge mit den Kindern ab. * Ob auch er mit seinem Gehalt seine Projekte finanziert? Für mich als Autorin, Kulturarbeiterin und Bildende Künstlerin, als jemand aus dem politisch eher linken Spektrum ist nun bald „Schicht“ und die Kraft gegen diese Form undemokratischer Administration in nachhaltiger soziokultureller und existenzieller Unsicherheit nach zweieinhalb Jahrzehnten verbraucht. Die Geduld ist zu Ende und die Frage lautet: Weitertun? Wegziehen nach so vielen Jahren des Vertrautseins mit Region, Landschaft und Menschen? Die Kinder im ländlichen Raum, die Eltern oft arbeits- und mental mut- und orientierungslos, oft krank, als letzte Glieder dieser Gesellschaftskette, für die allein ich diese Arbeit tun konnte, im Stich lassen?
Mein Mann, der mich in meiner Arbeit immer beraten und begleitet hat, starb vor 4 Monaten plötzlich. Angesichts der derzeitigen Situation eine komplexe Herausforderung, hier zu bleiben.
Ich erwarte Ihre geschätzte Antwort mit Spannung.
Mit herzlichen Grüßen aus dem herbstlichen Aschersleben in Vorpommern
Angelika Janz
KInderAkademie im ländlichen Raum
Aschersleben 32
17379 Ferdinandshof
Fotos: Angelika Janz
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