Zu sehn ein altes Buch

Emily Dickinson findet einen Zugang (zu Sappho, zu Dante) über alte Bücher. Seltsamerweise auch bei Ihr Moder, moulder, aber nicht abschreckend, sondern vergnügt:

Emily Dickinson

A precious — mouldering pleasure — ‚tis —
To meet an Antique Book —
In just the Dress his Century wore —
A privilege — I think —

His venerable Hand to take —
And warming in our own —
A passage back — or two — to make —
To Times when he — was young —

His quaint opinions — to inspect —
His thought to ascertain
On Themes concern our mutual mind —
The Literature of Man —

What interested Scholars — most —
What Competitions ran —
When Plato — was a Certainty —
And Sophocles — a Man —

When Sappho — was a living Girl —
And Beatrice wore
The Gown that Dante — deified —
Facts Centuries before

He traverses — familiar —
As One should come to Town —
And tell you all your Dreams — were true —
He lived — where Dreams were born —

His presence is Enchantment —
You beg him not to go —
Old Volumes shake their Vellum Heads
And tantalize — just so —

F569 (1863)

In der Übersetzung von Gunhild Kübler:

Ein kostbar — modriges Vergnügen –
Zu sehn ein Altes Buch —
Im Kleid seines Jahrhunderts –
Ein Privileg — denk ich –

Die ehrwürdige Hand zu fassen —
Dass unsre sie erwärmt —
Und ein – zwei Rückreisen zu tun —
In seine Jugendzeit –

Sein kurioses Urteil — prüfen —
Sein Denken zu erkunden
Zu Themen die uns alle angehn —
Die Literatur des Menschen –

Was die Gelehrten fesselte —
Was für ein Wettkampf lief
Als Plato sichre Größe – und
Ein Mann war – Sophokles —

Als Sappho — junges Mädchen war —
Und Beatrice getragen
Das Kleid das Dante — heilig sprach —
Stoff von viel hundert Jahren

Durchquert das Buch — vertraut –
Als käme Einer her –
Der lebte — als das Träumen aufkam —
Und nennt dein Träumen — wahr —

Seine Präsenz ist magisch —
Du bittest ihn – so bleib —
Den Pergamentkopf schütteln Bücher
So — foltert uns ihr Reiz —

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015

Modergrün aus Dantes Hölle

Goethe konnte mit Dante nicht viel anfangen. Kleine Auswahl von Dantebezügen in Goethes Werk:

Modergrün aus Dante's Hölle
Bannet fern von eurem Kreis,
Ladet zu der klaren Quelle
Glücklich Naturell und Fleiß.

Aus: Zahme Xenien III, Weimarer Ausgabe Bd. 3, S. 281, V. 756-759

Eine Anmerkung nennt den satirischen Hintergrund. Zu einer Berliner Ausstellung hatte der junge Maler Julius Schoppe ein Gemälde eingereicht, das abgelehnt wurde. Goethe beschreibt es so: »Lebensgroße Figur mit grüner Haut. Aus dem enthaupteten Halse sprützt ein Blutquell, die Hand des rechten, ausgestreckten Armes hält den Kopf bei den Haaren, dieser, von innen glühend, dient als Laterne, wovon das Licht über die Figur ausgeht.«

Weimar, den 23. Juli 1824.

Welch hoher Dank ist dem zu sagen,
Der frisch uns an das Buch gebracht,
Das allem Forschen, allem Klagen
Ein grandioses Ende macht.

Aus: Nachlaß. Zahme Xenien VIII, Weimarer Ausgabe Bd. 5-1, S. 113

Man nimmt an, daß sich das Gedicht auf den Dante-Übersetzer Streckfuß bezieht, der ihm im Juli 1824 seine Übersetzung des „Inferno“ übergeben hatte. Das Lob klingt zwiespältig.

Voß contra Stolberg. 1820.

Voß contra Stolberg! ein Proceß
Von ganz besonderm Wesen,
Ganz eigner Art; mir ist indes,
Das hätt' ich schon gelesen.
Mir wird unfrei, mir wird unfroh
Wie zwischen Gluth und Welle,
Als läs' ich ein Capitolo
In Dante's grauser Hölle.

Aus: Gedichte. 5. Teil. Nachlaß, Invectiven. Weimarer Ausgabe 5-1, S. 186

Voß hatte Stolberg heftig angegriffen („Wie ward Friz Stolberg ein Unfreier“). Goethe hatte zumindest Mitleid mit Stolberg (der kurz nach der Polemik starb, Goethe schloß nicht aus, daß die Attacke dazu beigetragen habe).

Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene erholten sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man war denn doch genötigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in der Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte, Verratene mit Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein.

Aus: Wilhelm Meisters Wanderjahre – Kapitel 10 (Schluß)

Noch ein Stück über Kunstgespräche, das auch unabhängig von Dante nicht unaktuell sein mag:

Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger Mann von Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem außerordentlichen Manne nahm meinen Beifall und Billigung nicht zum besten auf, indem er ganz unbewunden versicherte, jeder Ausländer müsse Verzicht tun auf das Verständnis eines so außerordentlichen Geistes, dem ja selbst die Italiener nicht in allem folgen könnten. Nach einigen Hin- und Widerreden verdroß es mich denn doch zuletzt, und ich sagte, ich müsse bekennen, daß ich geneigt sei, seinen Äußerungen Beifall zu geben; denn ich habe nie begreifen können, wie man sich mit diesen Gedichten beschäftigen möge. Mir komme die »Hölle« ganz abscheulich vor, das »Fegefeuer« zweideutig und das »Paradies« langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er daraus ein Argument für seine Behauptung zog: dies eben beweise, daß ich nicht die Tiefe und Höhe dieser Gedichte zum Verständnis bringen könne. Wir schieden als die besten Freunde; er versprach mit sogar einige schwere Stellen, über die er lange nachgedacht und über deren Sinn er endlich mit sich einig geworden sei, mitzuteilen und zu erklären.

Leider war die Unterhaltung mit Künstlern und Kunstfreunden nicht erbaulicher. Man verzieh jedoch endlich andern den Fehler, den man an sich bekennen mußte. Bald war es Raffael, bald Michelangelo, dem man den Vorzug gab, woraus denn am Schluß nur hervorging, der Mensch sei ein so beschränktes Wesen, daß, wenn sein Geist sich auch dem Großen geöffnet habe, er doch niemals die Großheiten verschiedener Art ebenmäßig zu würdigen und anzuerkennen Fähigkeit erlange.

Aus: Italienische Reise. Zweiter römischer Aufenthalt: Störende Naturbetrachtungen

„Und“-Material (2)

Zwei Gedichte von Günter Eich

Und

Und
macht die Welt begreiflich:
Der Schlieffenplan
und
eine Klingelanlage für Scheintote.

Günter Eich, Anlässe und Steingärten, »Nachträge zu Clausewitz«, in: Gesammelte Werke, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1991, Bd. 1, S. 148. Das Gedicht ist datiert: 24.6.64. Der Band Anlässe und Steingärten erschien 1966.


Und

Nebel Nebel Nebel
und in den Ohren
Haare, eine
unverbindliche
Freundlichkeit
und
und
Rajissas süßes Gelächter.

Was zusammengehört,
eine Erfahrung,
was mit und zusammengehört
nur mit und,
keine Begründungen.

Das wird anhalten
wenn mir das und nicht
mit den andern Wörtern entfällt.
Es reicht, es reicht, danke, es reicht.

Aus den zu Lebzeiten unveröffentlichten Gedichten, in: GW Bd. 1, S. 299f. Datiert: 31.10.71

Materialien zum Thema „Und“ (1)

Georg Büchner

Danton.
Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schönen
Dinge ins Werk setzen?

Philippeau.
Wir und die ehrlichen Leute.

Danton.
Das »und« dazwischen ist ein langes Wort, es hält uns ein wenig weit
auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem,
eh‘ wir zusammenkommen. Und wenn auch! – den ehrlichen Leuten kann man Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an
sie verheiraten, aber das ist alles!

Elisabeth Borchers

Die vielen Bücher

und ist ein langes Wort,
sagt Danton.
Da warten sie.
Diese vielen Bücher, denke ich.
Heine und Benn

und Brecht.
Die vielen zuvor.
Die vielen danach.
Verweilen, Lieben,
Vergessen.
Und das Leben,
sagt Danton.

Da mußte er sterben.
Ich sehe die weite Landschaft und
das die Wärme
und Kälte umfassende Haus.

Anarchie

Ohne besonderen Anlaß unterbreche ich die kleine Danteserie (die ab morgen weiter geht) für ein paar Zeilen von Goethe:

Warum mir aber in neuster Welt
Anarchie gar so wohl gefällt? —
Ein jeder lebt nach seinem Sinn,
Das ist nun also auch mein Gewinn.
Ich lass‘ einem jeden sein Bestreben,
Um auch nach meinem Sinne zu leben.

Aus: Zahme Xenien IV. Weimarer Ausgabe, Bd. 3, S. 296

An Dante

MICHELANGELO BUONARROTI

AN DANTE

VOM Himmel stieg er, sterblich noch, und hatte
Gerichtes Hölle wie des Heils durchfahren,
Dann lebend Gott erblickt, damit den wahren
Bericht er über alles uns erstatte.

Leuchtender Stern, der unverdienterweise
Dem Nest aus dem ich stamme, half zum Glanze!
Und war sein Preis die Welt, die arge, ganze:
Du nur, der du ihn schufst, genügst zum Preise!

Von Dante sage ich, daß seinem Sange
Dies undankbare Volk verschloß die Ohren
Das stets den Wackern läßt beiseite stehen.

Wär ich doch er — zu solchem Los geboren!
Für seinen bittern Bann samt seinem Range
Gab ich der Welt glückseligstes Ergeben.

Deutsch von Max Kommerell

Aus: Italienische Gedichte mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 115/117

Dal ciel discese, e col mortal suo, poi
 che visto ebbe l’inferno giusto e ’l pio
 ritornò vivo a contemplare Dio,
 per dar di tutto il vero lume a noi.
   Lucente stella, che co’ raggi suoi5
 fe’ chiaro a torto el nido ove nacq’io,
 né sare’ ’l premio tutto ’l mondo rio;
 tu sol, che la creasti, esser quel puoi.
   Di Dante dico, che mal conosciute
 fur l’opre suo da quel popolo ingrato10
 che solo a’ iusti manca di salute.
   Fuss’io pur lui! c’a tal fortuna nato,
 per l’aspro esilio suo, co’ la virtute,
 dare’ del mondo il più felice stato.

Das zwölfte Sonett

Bertolt Brecht

Das zwölfte Sonett
(Über die Gedichte des Dante auf die Beatrice)

Noch immer über der verstaubten Gruft
In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte
Sooft er auch um ihre Wege schlurfte
Erschüttert doch ihr Name uns die Luft.

Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken
Indem er auf sie solche Verse schrieb
Daß uns fürwahr nichts andres übrigblieb
Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken.

Ach, welche Unsitt bracht er da in Schwang
Als er mit so gewaltigem Lobe lobte
Was er nur angesehen, nicht erprobte!

Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang
Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert
Und was nie naß wird, als begehrenswert.

Aus: Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe XI. Gedicht 1. Berlin u. Weimar: Aufbau und Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988, S. 190

Entstanden: 1934. Brecht nahm dieses Sonett in die 1938 zusammengestellte Sammlung „Studien“ auf, ein Exemplar gab er Walter Benjamin zu lesen. Der Abdruck der „Studien“ in Versuche Heft 11, Berlin (West): Suhrkamp, 1951 weist folgende Varianten auf: Z. 2: vögeln] haben, Z 6: auf sie solche Verse] solche Verse auf sie, Z. 11: erprobte!] erprobte., Z. 13: aussieht und die Straße] aussieht, wenn’s die Straße

Divina Commedia

DIVINA COMMEDIA,
ein harter Film,
zentral gelegen,
aber ganz Western,
genügend selbstzufrieden
und in der Abwesenheit
des Mitleidens
wirklich divin.

Günter Eich, aus: Die Gedichte. Die Maulwürfe. Hrsg. Axel Vieregg (Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe, Bd. 1). Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981, S. 287

Dante

Heute vor 696 Jahren, am 14. September 1321, starb der Schöpfer der Comedia, die Boccaccio die Göttliche nannte. Zum Anlaß ein Danteporträt aus dem Jahr 1972. Karl Mickel schrieb ein reimloses Sonett im Maß Dantes und widmete es seinem Kollegen Wulf Kirsten.

Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten

Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.

Von Kirsten, der damals Lektor in Weimar war und Kommas korrigierte, handeln die ersten beiden Zeilen, er wird als melancholisch dargestellt. Die Zeichengebung gliedert das Sonett. Zwei Punkte: nach Vers 2 und 14. In jedem der beiden so markierten Sätze ein Doppelpunkt am Versende (hinzu kommt jeweils einer, der in der Versmitte Zitat und Rede anführt), die Doppelpunkte am Versende gliedern die ungleich langen Sätze wiederum in zwei Teile. Wir haben die klassische italienische Vierteilung des Sonetts, zwei ungleich lange Teile, die jeweils aus zwei Teilen bestehen und so gedankliche Schrittfolgen erlauben. So ist es zweifellos auch hier, nur mit extremer Verschiebung der Dimensionen und somit höchster Spannung. Ich kommentiere knapp die Abschnitte. A und B die beiden Sätze = Hauptabschnitte, 1 und 2 die Teile vor und nach dem Doppelpunkt.

A handelt in der Gegenwart in Weimar vom Dichter Kirsten, B in Dantes Zeit auf klassischem Boden vom Dichter Dante.
A1: Kirsten in Weimar ist melancholisch
A2 nennt den (oder einen) Grund, Einsatz mit „Denn“
B1 referiert eine Stelle aus dem 34. und letzen Canto des Inferno, Dante, begleitet von Vergil, der nicht genannt wird. Die beiden Dichter besichtigen den Mittelpunkt der Erde / der Welt. Nach christlicher Legende steckt dort Luzifer, der „Lichtbringer“, der wegen Ungehorsams gegen Gott in den Abgrund geworfen wurde. Man besichtigt den Teufel. Der Dichter Dante läßt sich alles genau zeigen. Nicht melancholisch ist er, sondern aktiv und wißbegierig.
B2 setzt mit „Aber“ ein. Keine nachgereichte Begründung wie in A2, sondern ein Trotz- und Widerwort. Dante, keuchend, frierend (sie stecken in schrundigem Eisloch), will es wissen.

Ein weiteres Satzzeichen, der einzige Gedankenstrich, bringt schließlich unvermittelt ein Fazit, der Fragenkaskade des mittelalterlichen Dichters folgt eine Wertung der Redeinstanz.

Die Widmung an Kirsten entpuppt sich als (poetologische) Kritik. Auch in widrigen Umständen möge der Dichter wahrnehmen. Wie Dante.

Hier noch einmal der Text.

 
Inferno XXXIV
Für Wulf Kirsten

Gips-Smog in Weimar, Kirsten melancholisch:
Denn er obliegt dort deutscher Zeichengebung.
Und als die Wandrer zu der Stelle kamen
Die Dante nennt: der Hüfte größte Wölbung
Kletterten sie, an Haare wie Gestrüpp
Sich klammernd, unter Keuchen aus dem Felsloch:
Aber Dante (ja, ich hatte Angst
Wer mich tadelt, denke, wo ich steckte!)
Eh er heraus war, setzte sich in eine
Schrunde und fragte: Wo ist das Eisfeld?
Warum hält Der den Kopf nach unten? und
Wie ging die Sonne so schnell von dem Abend
Zum Morgen über? – Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen.

1972

Wir aber grüßen den Frühling

Der tschechische Dichter Otokar Březina wurde am 13. September 1868 in Počátky, Böhmen geboren, er starb am 25. März 1929 in Jaroměřice nad Rokytnou, Südmähren). Zum Geburtstag zwei deutsche Fassungen eines Gedichts

Otokar Březina

Wir aber grüßen den Frühling

Wir aber grüßen den Frühling! Wenn er im Jubel der Wildbäche naht
und in der mütterlichen Regung der Erde, dem Schnellerwerden der Zeit und des Blutes!
Uns haben Winde in den Traum des Ruhmes gewiegt. Schon im berauschenden Atem verronnen,
zittern Rosen und Sonnen, der Rhythmus der Brüste und Lieder!

Und deiner Arbeit Frühling sei uns gegrüßt! Mit uns sind Hunderte
von unsichtbaren Händen am Werk. Ihrer Bewegungen Schatten sind wie das Funkeln des Lichts. –
Und der Insekten Stimmen, das Ticken unsichtbarer Uhren, tönen vom Kleefeld,
als stieße Becher an Becher, strömt der Duft der Kastanienblüten aus den Gemächern.

Wir aber grüßen den Gewitter bringenden Frühling! Und in der Glut seiner Blitze
die Kämpfe der Liebe, den schneeweißen Schein für ein Lächeln, und im Tau des Kristallbads die Stärke zum Leiden!
Denn mit dem Blick der Schönheit hält er die Hand, das Werkzeug zum Freitod, zurück,
und er erlaubt der Seele, vom Wahnsinn erhabenen Heldenmutes zu träumen.

Wir aber grüßen den Frühling als Tausender Frühlinge Stimme! Und hört ihr nicht ihre Antwort,
wie sie von allen Welten erbebt, ein All, das von seinen Hoffnungen singt?
Goldene Schlüsselblumen funkeln auf den azur-lichten Auen, Sterne wie Augen
öffnen sich, und die Ekstase der Liebe stürzte aus ihnen die Tränen der Lichter!

Wir aber grüßen den Frühling, die Knospen feurigen Dufts im Gedenken der Brüder!
In unserm Garten sind Vögel aus allen Gärten zu hören. Und unsere Worte
falln mit dem Schnee der Kirschblüten nieder zur Erde, und im Hochzeitsflug fliegen empor sie
wie eines Bienenvolks Königin, und kehren zurück, um Leben zu schenken.

Wir aber grüßen den Frühling! Katarakt des mystischen Flusses,
wie von Gletschern splittern hinab in die Tiefe Myriaden von Funken, und der Regenbogen ist deine Sonne,
und im wirbelnden Schaum der Jasmine strömt er in eins, und in der Zeitalter Schweigen
wie zwischen Felsen stürzt er zum Meer, von Licht überschwemmt.

Wir aber grüßen den Frühling! Tage wechseln mit Nächten,
Fenster, von Engeln bemalt mit symbolischen Bildern,
ins Unendliche aufgewölbt zu den Ätherbögen deiner Basilika,
wo du die Flammen all deiner Lüster zur Auferstehung entzündest.

Wir aber grüßen den Frühling! heißen die Ungeduld der Seele willkommen!
Und der gekräftigten Flügel Erbeben! Den Mut des erleuchteten Blicks!
Denn Unendlichkeiten warten auf uns, andere, ruhmvollere Frühlinge,
Befreiungen, Lieder, in der Unendlichkeit dröhnend!

(Übersetzt von Uwe Grüning, in: Die Sonnenuhr. Anthologie tschechischer Lyrik. Hg. Kundera, Ludvík. Leipzig: Reclam 1986. (2 Bd.), Teil 3: 1900-1950, S. 35f – Auch in: Ludvík Kundera, Eduard Schreiber (Hrsg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006 [Tschechische Bibliothek])

WIR GRÜSZEN DEN FRÜHLING
Wir grüßen den Frühling! Nahend im Jauchzen des Wildbachs,
in Mutterregung der Erde, im schleunigern Strömen der Zeit und des Blutes!
Wind wiegte uns ein in Träume vom Ruhm. Verschmolzen im täubenden Odem
erbeben Rosen und Sonne, Rhythmen der Brüste und Lieder!

Wir grüßen den Frühling deines! Werks! Es schaffen unsichtbar
hundert Hände mit uns. Des Lichtes Funkeln ist der Schatten ihrer Gebärde. —
Geheimnisvoller Uhrenschlag, tönen Insektenstimmen vom Kleefeld herüber,
aneinanderklingend wie Becher in den Duftkammern der Kastanienblüten.

Wir grüßen den Frühling, den Gewitterbringer! Er schafft Kämpfe der Liebe
im Blitzbrand, Blendung und Glanz dem Lächeln und Kraft für den Schmerz
im Kristallbad des Taus. Durch den Anblick der Schönheit bannt er selbstmörderische Hände
und läßt die Seele träumen vom erhabnen Wahnsinn der Heroismen.

Wir grüßen den Frühling, Rufer von tausend Frühlingen! Hört ihr ihre Antwort,
durchdröhnend das Weltall, das seine Hoffnungen singt?
Azurne Wiesen, mit Himmelsschlüsseln beglitzert, Sterne wie Augen
öffnen sich weit, Ekstasen der Liebe entströmen ihnen mit den weinenden Lichtern!

Wir grüßen den Frühling, duftige Feuerknospe im Denken der Brüder!
Vogelsang aller Gärten dringt herein in unsern. Und unsere Worte
fallen mit den Flocken blühender Kirschen zurErde und steigen empor
wie Bienenköniginnen zum Hochzeitsflug und kehren wieder, um Leben zu geben!

Wir grüßen den Frühling, Wasserfall des mystischen Stroms,
der niedersprudelt von Gletschern, Funkenmillion, Regenbogen in deiner Sonne,
und im Jasmin des wirbelnden Schaumes zerschmilzt und durch die schweigenden Zeiten
wie durch Felsen zum lichtüberfluteten Meere sich wälzt.

Wir grüßen den Frühling! Siehe, es wechseln Tage und Nächte
wie Fenster, von Engeln mit symbolischen Zeichnungen bemalt,
unendlich zu deines Tempels Ätherwolken gewölbt,
wo du alle Flammen deiner Lüster zur Auferstehung entfacht.

Wir grüßen den Frühling! Ungeduld der Seelen, willkommen!
Erstarkter Schwingen GeschWanke! Mut hellem Blicks!
Unendlichkeiten harren unser, andre, festlichere Lenze,
Der Ewigkeit donnernde Lieder, die Erlösung.

(Deutsch von Otto Pick. In: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie [Die Aktions-Lyrik, Hrsg. Franz Pfemfert]. Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert), 1916, S. 17f)

Krieg

Am 12. September 1985 starb Lajzer Ajchenrand, jiddischer Dichter (Polen, Frankreich, Schweiz, Israel). „Die Schweiz verweigerte ihm aus formalen Gründen die Staatsbürgerschaft.“

KRIEG

Wolkens grine speien mit Gall.
Toitlich Geher roischt durch Welder.
Varlosener Acker demert in Varfall —
Broine Durscht gießt iber Felder

Varloschene Sonn. Ziehen Hungertritt
Einsame Gaßn kalt un star —
Tiefer Schmerz! der Scheguen hit
Mutters Schotn in schweigendn Altar.

Varlorener Wind — von bloie Fliegl
Rinnen Troppens wie schwere Klagn —;
Schotns ziehen von zebrochene Spiegl
Varkrampte Finger wie dunkele Fragn.

In Eibikeit varsunkn alle Stufn —
Groisam wartn Kranke durch Necht —
Stolze Pein! Maluchem schwarze rufn
Starbende Krieger zum letztn Gefecht!

Varkoilte Oign umgehoier un schwer
In sei der glihender Bang —
A Faierschein in jeder Trer
Zittert oif un lescht sich lang . . .

Aus: Lajser Ajchenrand, Hörst Du nicht. Jiddische Gedichte. Zürich: Posen, 1947, S. 12f

Friedrich Schröder-Sonnenstern

Kalenderarbeit ist Arbeit am (Gegen-)Kanon. Nicht immer einfach, zwischen all den Brecht Goethe Quevedo Schlegel Brentano Mallarmé usw., die alle schätzenswert sind, Namen von Frauen aufzufinden. Oder Namen aus den sogenannt kleinen oder exotischen Sprachen, für die es außerhalb ihres Sprachraums nicht so viele Leser und Übersetzer gibt. Oder Namen, die in Vergessenheit gerieten oder die aus anderen Gründen durchs Raster fallen.  In den letzten Tagen fand ich im Kalender neben Stramm Cummings Artaud Friedrich Mörike… auch Constantijn Huygens, Oda Schaefer, Rachid Boudjedra, Edith Sitwell, Gala, Caroline Schelling, Charlotte Elisabeth Nebel, H.D. oder Helga M. Novak. Heute entscheide ich mich unter James Thomson, Joanna Baillie, Adam Asnyk, Peter Hille, Rainis, Caterina Albert, Subramania Bharati, Ernst Herbeck und Hannah Weiner für Friedrich Schröder-Sonnenstern. Um ihn als Künstler riß sich der Betrieb, bis er ihn fallenließ. Als Autor kommt er nie an kanonrelevanten Stellen vor. Allenfalls als „Randgruppenlyrik“ konsumierbar. Hier seine Biografie aus dem Wikipediartikel und dann ein paar Ausschnitte aus dem Band „Seelenerkennungsdienst. Sentenzen Gedichte Graphiken“ (BasisDruck 2006).

Friedrich Schröder Sonnenstern (* 11. September 1892 in Kaukehmen bei Tilsit als Emil Friedrich Schröder; † 10. Mai 1982 in Berlin) war ein deutscher Zeichner und Maler. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art Brut oder der Outsider Art.

Friedrich Schröder war eines von 13 Kindern, von denen allerdings zwei unmittelbar nach der Geburt starben. Sein frühes Leben war gekennzeichnet von Aufenthalten in Erziehungs- und Irrenanstalten, letzteres wegen angeblichen Jugendirreseins (Dementia praecox), was schließlich zu seiner Entmündigung führte. Als er 1919 nach Berlin floh, beschäftigte er sich mit Okkultismus, Wahrsagerei und Heilmagnetismus. Er gründete eine Sekte und verteilte seine Einnahmen in Form von Brötchen (Schrippen) bevorzugt an Kinder, was ihm den Titel „Schrippenfürst von Schöneberg“ einbrachte. 1933 wurde Sonnenstern – den Namen hatte er sich um 1928 zugelegt (Eliot Gnas von Sonnenstern) – in die Provinzial Irren- und Heilanstalt Neustadt in Schleswig-Holstein eingewiesen, wo er den Künstler Hans Ralfs kennenlernte, der ihn zum Zeichnen erster Bilder animierte. Nach der Entlassung folgte ein dreijähriger Gefängnisaufenthalt, anschließend der kurzzeitige Dienst im Luftwaffendepot und die Abschiebung ins Arbeitslager Himmelmoor bei Quickborn. 1942 gelang ihm die Flucht nach Berlin. Unter schwierigsten Umständen überlebte er die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und begann ab 1949 intensiv zu zeichnen. Die Surrealismus-Exposition in Paris 1959 feierte ihn als den beeindruckendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, international aufsehenerregende Ausstellungen folgten. Schröder-Sonnenstern zählte ab Anfang der 1970er Jahre zur Künstlergruppe der Berliner Malerpoeten. Er kam den Aufträgen nicht mehr nach, ließ von Gehilfen seine Bilder ausmalen und führte Details, Feinarbeiten und Korrekturen eigenhändig aus – bis die Gehilfen, teilweise angeregt und beauftragt von Galeristen und Händlern, auf vorsignierten Kartons Schröder-Sonnenstern-Motive kopierten, ausmalten, verkauften und ihn schließlich zum Opfer von Fälschercliquen degradierten. Als dies bekannt wurde, ließ ihn der Kunstmarkt konsequent fallen. Seriöse Galeristen und Sammler wendeten sich von ihm ab, er zog sich komplett zurück und starb, fast vergessen und verarmt, 1982 in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Friedrich Schröder-Sonnenstern
Seelenerkennungsdienst
Sentenzen Gedichte Graphiken
Herausgegeben von Jes Petersen
Mit einer Auswahlbibliographie von Ingrid Hägele

Sonnenstern. 3facher Weitmeister ailer freien angewandten nützlichen, schönen 7dimensionalen einzigen Künste und der größte Dichter, denn er sieht nur Holzköppe Arschlöcher und Gelichter.

Die rätselhafte Kraft

Ganz wider Willen zwingt mich eine unheimliche Kraft zum Dichten und Malen. Sie packt mich mit aller Gewalt, in den reißenden Strom zerrt sie mich pausenlos weiter und duldet keinen Stillstand zu Atempausen, Verschnaufen. Ich will aber singen, tanzen, dirigieren, denn nur das scheint meine Stärke zu sein.

Die moralische Dichtkunst
Für Studenten

Essays müßen kurz sein aber packend mitreissend beschwingend erfrischend erwärmend belebend fragend wirkend und was die Hauptsache ist zum freien Nachdenken anregen für Leser Lehrmittel sein und Freude vermehren Qual und Leid verringern und abwehren.

Aus: Gedächtnisschwachsimplizissimus
Satire

Die moralische Hirnstärkung
Hymne auf die Gehirndrüsenschaltwerkatome
Text, Musik und Bild:
Lachmeister Salutor Kommalvor Gnas von Eliot Sonnenstern
(Obergelstrat, Obersozialrat. Obermoralrat und geheimer Oberkulturmondnarr)

Prolog:
Seht euch doch diesen Mann mal an.
da war bestimmt doch alles dran.
was mancher so gebrauchen kann.
Nur sein Gehirn war krank und schwach,
das brachte ihm manch Ungemach:
So Kummer. Sorgen, sonstges Leid.
weil er mit Kälte, Wärme, Wetter.
so aller Dummheit einzige Retter.
nicht im Geringsten wußt‘ Bescheid (…)

Der moralische Wahrheitsmaler

Ein’n Wahrheitsmaler gibt es auch,
der hat jenen besonderen Brauch,
er malt die Wahrheit, wie sie ist,
so wie sie liebt, frisst, kackt und pißt.

Der moralische Zweck
Für Bellmer

Der moralische Zweck des Lebens ist, aus scheinbar unschönen Dingen durch richtige Mischungen, schöne zu schaffen, z.B. graue Erde = (Schmutz) = mit unschönem stinkend = Mist und kleinen Samenkörnern gibt blühende, duftende Sträucher, Blumen und Bäume.

Der melancholische Eulenspiegel!

Ich kam in die Welt und suchte nach Brot,
fand aber nur Elend, Trauer und Not.
Ich suchte nach himmlischer Liebe,
fand aber nur Nichtachtung und schmerzende Hiebe.
Ich suchte die Hoffnung,
fand aber nur die Seele folternde Tropfung.
Ich suchte leider auch den Glauben,
fand nur Gespenster, die Alles nur rauben.
Ich suchte sehr eifrig auch das Glück,
fand aber leider nur stets einen Strick.
So frage ich, vielleicht ist das das Glück? —
Man risz mir die Seele aus dem Leib.
beschmierte sie mit Dreck
und warf sie dann hohnlachend jauchzend weg.

MeeresRose

Heute was mit Blumen. Vielleicht nicht Rosen – Seerosen. Sea Rose heißt das erste Gedicht aus dem ersten Gedichtband der amerikanischen Autorin H. D. (eigentlich Hilda Doolittle). Das Buch erschien 1916 und trägt den Titel Sea Garden, Meeresgarten. 95 bzw. 100 Jahre danach erschien es auf Deutsch. 2011 übersetzt von Annette Kühn bei Luxbooks und 2016 als roughbook in der Übersetzung von Günter Plessow.

Zu ihrem 131. Geburstag das Gedicht Sea Rose im Original und die ersten zwei Strophen in den Übersetzungen von Kühn und Plessow. Von der ersten Zeile an macht das Gedicht deutlich, daß keine Blümchenpoesie zu erwarten ist. H.D. gehörte mit Ezra Pound und Richard Aldington zur Avantgarde der englischsprachigen Lyrik, die drei nannten sich die „drei Original-Imagisten“, original imagists.

Sea Rose

By H. D.

Rose, harsh rose,
marred and with stint of petals,
meagre flower, thin,
sparse of leaf,

more precious
than a wet rose
single on a stem—
you are caught in the drift.

Stunted, with small leaf,
you are flung on the sand,
you are lifted
in the crisp sand
that drives in the wind.

Can the spice-rose
drip such acrid fragrance
hardened in a leaf?

Annette Kühn

MeeresRose

Rose, rauhe Rose
gebrochen und geizig an Blüten,
spärliche Blume, dünn,
karg an Blättern,

kostbarer
als eine nasse Rose
einzeln auf einem Stengel —
bist du gefangen in der Strömung.

(…)

Günter Plessow

See Rose

Rose, harsche Rose,
entstellt und karg in der Blüte,
magre Blume, dürr,
blattlos fast,

kostbarer
als eine betaute Rose
einzeln am Stengel—
du bist erfaßt von der Drift.

(…)

  • MeeresGarten (Sea Garden). Gedichte. Übersetzt von Annette Kühn. Zweisprachig. luxbooks, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-939557-27-2
  • Sea Garden, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt u. hrsg. v. Günther Plessow. Berlin, Badenweiler, Schupfart: roughbook, 2016 (roughbook 038)

Weitere Bücher hier.

Das Fleisch ist traurig, ach!

Ein Gedicht von Stéphane Mallarmé in neun Varianten mit Bildanhang

(* 18. März 1842 in Paris; † 9. September 1898 in Valvins, Vulaines-sur-Seine bei Fontainebleau)

Seewind. Nach Mallarmé

Ach, kläglich das Fleisch! Alle Bücher gelesen!
Fliehen! Fliehen hinaus! Trunkene Wesen
Sind Vögel, ich weiß, zwischen Himmel und fremdem Geschäume! Nichts, nichts hält mehr dies Herz, daß zum Meere es träume,
Nicht mehr im Blicke von alten Gärten das Bild,
O Nächte! die Lampe nicht, einsam und klar und mild
 Über die Weiße der leeren Papiere gebeugt,
 Das junge Weib nicht, wenn sie das Kindlein säugt.
 Reisen will ich! Dampfer, wiege den Mast,
 Exotischen Sonnen zu hebe die Ankerlast!
 Ein Härmen, gequält durch der Hoffnungen Grausamkeit,
 ist noch ans letzte Lebwohl der Tücher zu glauben bereit.
 Vielleicht auch wollen die Maste Orkane locken,
 Vielleicht wollen Stürme sie quer verlorenen Wraken pflocken,
Mastlos, mastlos, nirgends ein lnselhang ...
 Doch‚ o mein Herz, höre Matrosengesang!

Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. 1. Band. München: O.C. Recht, 1922, S. 221

SEEBRISE

Das fleisch ist trauernd ach! und alle bücher las ich.
 O fliehen dorthin fliehn! ich weiss dass vögel trunken
 Inzwischen unbekanntem schaum und himmel sind.
 Nichts – auch die alten gärten die das auge spiegelt
 Nicht – hält dies herz zurück das sich im meere badet.
 O nächte! weder die verlassne helle meiner lampe
 Auf meinen leeren blättern die die weisse schüzt ·
 Noch auch die junge frau die ihren säugling stillt.
 Ich zieh ins ferne. Dampfer das getakel schaukelnd
 Den anker heb nach einer fremden heissen erde!
 Ein leid · um grausam hoffen in verzweifelung ·
 Vertraut noch auf der taschentücher lezten gruss.
 Vielleicht sind diese masten die die stürme laden
 Von denen die ein windstoss neigt auf die zerschellten
 Verlornen · ohne mast noch grüner insel flor ...
 Doch · o mein herz · horch horch auf der matrosen chor!

Deutsch von Stefan George, aus: Zeitgenössische Dichter. Übertragungen, Zweiter Teil, Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 16, Berlin 1929, S. 35.

MEERESWIND

Das Fleisch ist traurig, ach! und ich hab ausgelesen.
 Fliehn! Dorthin fliehn! Du Rausch von Flügelwesen,
 so zwischen unbekanntem Schaum und Himmel sein!
 Nichts, nicht im Aug’ der alten Gärten Widerschein
 hält mein ins Meer schon tauchendes, das Herz mir hier
 noch, o ihr Nächte! auf dem leeren Blatt Papier,
 es weigert mir sein Weiß, einsamer Lampe Licht,
 nein, auch die junge Frau, die dort ihr Kind stillt, nicht.
 Ich werde weggehn! Dampfer, Masten wiegend, schwanker,
 lichte nach fremden Wunderwelten deinen Anker!
 Weh, vor Qual grausamer Hoffnung, glaubt beim Blinken
 der Tücher noch, daß sie den letzten Abschied winken!
 Und, nach Gewittern rufend, diese Masten sind
 vielleicht wie sie auf Schiffbruch niederbeugt ein Wind:
 dann ohne Mast noch fruchtbar Eiland Untergang. . . .
 Doch, o mein Herz, halt ein, horch der Matrosen Sang!

Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Zweispr. Ausgabe. Deutsch von Richard von Schaukal. Mit Nachwort und Anhang. Freiburg i. Breisgau: Karl Alber, o.J. [1947] S. 45

ATEM VOM MEER

Die Sinne sind stumpf und die Bücher zerlesen.
 Fort, fort nur, ich fühle das trunkene Wesen
 Der Vögel, hintaumelnd durch Himmel und Schäumen.
 Nichts hält mehr ein Herz, drin Meere träumen:
 Du, Bild, nicht von Gärten, im Auge aufglänzend,
 Ihr Nächte auch nicht, mit Lampenlicht kränzend
 Mich, einsam auf leere Blätter gebeugt;
 Die Mutter auch nicht, die ihr Kindlein säugt.

Fort, Dampfer, fort! noch wiegend am Lande,
 Auf! lichte den Anker zu tropischem Strande!
 Ein Zögern, wenn auch die Hoffnungen sinken,
 Glaubt noch den letzten Tüchern, die winken.
 Vielleicht lädt das Takelwerk Stürme sich ein;
 Mag Tod auch und Schiffbruch mit ihnen sein —
 Verloren, ach — mastlos — die Inseln so weit —
 Und doch, mein Herz, sei dem Meerlied bereit!

Aus: Das französische Gedicht von André Chénier bis zur Gegenwart. Eine zweisprachige Anthologie mit Nachdichtungen von Max Rieple. Konstanz: Südverlag, 1947, S.127

MEERWIND

DAS Fleisch ist traurig. Alle Bücher hab ich ausgelesen.
 Fliehn, dorthin fliehn! Ich spüre tief
                          der Vögel trunknes Wesen
 In Weiten, wo aus Schaum der blaue Himmel bricht!
     Nichts spiegelt mehr das Aug:
                          die alten Gärten nicht ...
 Und nichts mehr hält dies Herz, das in die Meerflut taucht,
     Die Nächte nicht, da einsam noch die alte
                                      Lampe raucht,
 Mit ihrem Glanz die weissen, leeren Blätter füllt,
     Und nicht die junge Frau, die zart ihr Kindlein stillt. ‘
 Ich werde ziehn. O STEAMER, deine Masten schwingend,
     Die Anker lichte du, in fremde Weiten dringend!
 Verlorenheit, wo noch die trübe Hoffnung blinkt
     Und schon vertraut, ersehnt der letzte
                                      Abschied winkt...
 Ihr Maste tut es selbst und ruft den Sturm zu Gast,
     Wie ums verschollne Schiff die Gischt,
                                      der Meerwind rast.
Verloren, ohne Mast und Zuflucht, tief in Windes Tosen
     Hör dennoch, du mein Herz, das Weltlied
                                         der Matrosen!

Aus: Georg Schneider: Kleine französische Anthologie. Hamburg: Heinrich Ellermann, 1947, S. 5 (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung)

MEERESBRISE
 
Das Fleisch ist traurig, ach! und alle Bücher las ich:
 Fliehn, dahin fliehn! Wie fühl des Vogelglückes Maß ich,
 Nur zwischen Himmeln noch und Wellenschaum zu sein!
 Nichts hält dies Herz mehr: nicht der Gärten Widerschein
 Im Auge hält dies Herz, das Meeresschauer feuchten,
 O Nächte! noch der Lampe einsam-klares Leuchten
 Aufs leere Blatt, das seine Reinheit hat zum Schild,
 Und auch die junge Frau nicht, die ihr Kindchen stillt.
 Ich breche auf! — Licht’, Dampfer, unterm Masten—Schaukeln,
 Den Anker, dorthin, wo die bunten Fernen gaukeln!
 Ein Weh, das grausiges Hoffen quält, glaubt je und je
 NOCh an das letzte tücherschwingende Ade!
 Und Sind die Masten auch, die winken allen Wettern,
 Bestimmt‚ vielleicht, im Sturm und Schiffbruch zu zerschmettern,
 Zerspellt, zerspellt, fern allem grünen Uferhang...
 Hör, o mein Herz, doch, hör auf der Matrosen Sang!

Deutsch von Helmut Bartuschek, aus: Der gallische Hahn. Französische Gedichte von der Zeit der Troubadours bis in unsere Tage. In deutscher Nachdichtung von Helmut Bartuschek. Berlin: Aufbau, 1957, S. 225

Das Fleisch ist traurig, ach! und ich habe alle Bücher gelesen. Fliehen! dorthin fliehen. Ich spüre, daß Vögel trunken sind, zwischen unbekanntem Schaum und den Himmeln zu sein! Nichts, nicht die alten Gärten widergespiegelt von den Augen, wird dieses Herz zurückhalten, das ins Meer eintaucht, o Nächte! noch die öde Helle meiner Lampe auf dem leeren Blatt Papier, das das Weiß beschützt, noch die junge Frau, die ihr Kind stillt. Ich breche auf! Dampfer, dein Mastwerk schaukelnd, lichte den Anker für fremde Gefilde!
 Ein Ennui, erschüttert von dem grausamen Hoffen, glaubt noch an das letzte Winken der Taschentücher! Und vielleicht sind die Maste, die die Stürme einladen, von denen, die ein Wind über verlorene Wracks beugt, ohne Maste ohne Maste‚ noch fruchtbare Inseln... aber mein Herz hör den Gesang der Matrosen!

Prosaübersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander aus: Poesie der Welt. Frankreich. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein (Edition Stichnote), 1985, S. 222f

Deutsch von Carl Fischer aus: Stéphane Mallarmé: Sämtliche Gedichte. Frz. u. Dt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1984. S. 45 (Andere Fassung von Carl Fischer in: Stéphane Mallarmé: Sämtliche Dichtungen. Französisch und Deutsch. Mit einer Auswahl poetologischer Schriften. München, Wien: Hanser, 1992)

 
 Brise marine

La chair est triste, hélas ! et j'ai lu tous les livres.
 Fuir ! là-bas fuir! Je sens que des oiseaux sont ivres
 D'être parmi l'écume inconnue et les cieux !
 Rien, ni les vieux jardins reflétés par les yeux
 Ne retiendra ce coeur qui dans la mer se trempe
 Ô nuits ! ni la clarté déserte de ma lampe
 Sur le vide papier que la blancheur défend
 Et ni la jeune femme allaitant son enfant.
 Je partirai ! Steamer balançant ta mâture,
 Lève l'ancre pour une exotique nature !

Un Ennui, désolé par les cruels espoirs,
 Croit encore à l'adieu suprême des mouchoirs !
 Et, peut-être, les mâts, invitant les orages,
 Sont-ils de ceux qu'un vent penche sur les naufrages
 Perdus, sans mâts, sans mâts, ni fertiles îlots ...
 Mais, ô mon coeur, entends le chant des matelots !

Bildanhang

Ausgabe des Gesamtwerks von 1951 aus dem Besitz des Romanisten Hugo Friedrich mit handschriftlichen Notizen von Friedrich.  Signiert: H Friedrich Juli 1952. Gekauft vor 10 Jahren in der Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg

Doppelseite aus Stéphane Mallarmé. Objet trouvé. Ein Würfelwurf (Walter-Druck 10) / Eventail. Für Stéphane Mallarmé. [Kassette] Wien/Lana: Edition pro procura, 2000
Handschriftliche Notizen eines Vorbesitzers in: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Zweispr. Ausgabe. Deutsch von Richard von Schaukal. Mit Nachwort und Anhang. Freiburg i. Breisgau: Karl Alber, o.J. [1947]
 

Septembermorgen

Eduard Mörike (8. September 1804 Ludwigsburg – 4. Juni 1875 Stuttgart)

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.