Emily Dickinson
(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)
731 (1863)
Ein Einfall stieg heut auf in mir —
Den hatt ich schon zuvor —
Doch — damals — nicht zu End gedacht —
Ich wüsst auch nicht das Jahr —
Wohin er ging — warum er kam
Das zweite Mal zu mir —
Mir fehlt auch das Geschick, präzis
Zu sagen, was es war —
Doch in der Seele — irgendwo —
Weiß ich — das Ding war hier —
Erinnert hat es mich — das war’s —
Und kam nie mehr zu mir —
A Thought went up my mind today —
That I have had before —
But did not finish — some way back —
I could not fix the Year —
Nor Where it went — nor why it came
The second time to me —
Nor definitely, what it was —
Have I the Art to say —
But somewhere — in my soul — I know —
I’ve met the Thing before —
It just reminded me — ’twas all —
And came my way no more —
Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. München: Hanser, 2015, S. 652-655
Hadayatullah Hübsch
Was keinen rührt
Die Bücher, die sie
Einst verbrannten,
Stehen heute sauber
Aufgereiht in der
Bibliothek und keiner
Will sie lesen. Die
Bücherverbrennung heute
Findet in den Köpfen
Statt, ungesehen, im
Verborgenen, dadurch,
Daß das Buch keine Stadt
Findet, in der es
Wirklich überleben könnte,
Wozu sich aufregen
Über Verse,
Sie rühren ja keinen
Mehr, weil keiner
Sie anrührt
Aus: Hadayatullah Hübsch: Das Vergessen ist die Mutter der Verwahrlosung. Mit Linolschnitten von Frank Wildenhahn. Berlin: Corvinus Presse, 2011
Rose Ausländer
Rose Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf; geborene Rosalie Beatrice Scherzer) war eine aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Sie lebte in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland. (Wiki) – Die Aufzählung der Länder ist unvollständig. 1940 fiel ihre Heimatstadt in Folge des Hitler-Stalin-Pakts an die Sowjetunion (Das NKWD verhaftete sie als „US-Spionin“). Das mit Hitler verbündete Rumänien „befreite“ die Stadt – und steckte die Juden ins Ghetto, wo sie Paul Celan kennenlernte. Heute gehört die Stadt zur Ukraine.
Einverstanden
Ich bin
mit allem einverstanden
sagt eine Minute
die nächste sagt
NEIN
die nächste
JA
Ach diese zanksüchtige
Zeit
Aus: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen. Gedichte. Mit einem Porträt von Jürgen Serke. Frankfurt/Man: S. Fischer, 1981, S. 79
Solon
(* um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) (dt. Wiki)
(c. 638 – c. 558 BC) (engl. Wiki) – (vers 640 av. J.-C. et mort sur l’île de Chypre vers 558) (frz.) – (между 640 и 635 до н. э., Афины — около 559 до н. э., Афины) (russ.) – (c. 638 a. C.–558 a. C.) (span.) – (περ. 639 – 559 π.Χ.) (griech.) – (ok. 635 – ok. 560 p.n.e.) (poln.)
1
Trag ich auch silbernes Haar, lern ich doch immer noch gern.
2
... Gar vieles lügen die Dichter
Aus: Solon: Dichtungen. Sämtliche Fragmente. Im Versmaß des Urtextes übertragen von Eberhard Preime. München: Heimeran, 1945, S. 47
(2., verbess. Aufl.; 1. 1939. Die Neuauflage 1945 wurde nach dem Heldentode des Herausgebers unter Berücksichtigung seiner eigenen Notizen bearbeitet)
Meine Anthologie ist keine Jungmädchen-, keine Jungherrenbibliothek von Lieblingsgedichten. Heute ein Blick auf die österreichische Autorin Gertrud Fussenegger, die am 8. Mai 1912 im damals österreichischen Pilsen geboren wurde. Gleich zweimal, 1933 und erneut 1938 beim „Anschluß“ ihrer Heimat trat sie in die NSDAP ein. Sie jubelte dem Führer zu und notiert auch widerliche antisemitische Betrachtungen. Ihrer Karriere nach 1945 tat das keinen Abbruch. Sie sammelt Auszeichnungen und zweimal, 1977 bis 1979 und 1984 bis 1985 war sie Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Ihre „Auseinandersetzung“ mit dem Nazireich war von Verstocktheit, Selbstmitleid und Verdrängung geprägt. Auch dieses 1986 in Österreich erschienene Gedicht ist davon gezeichnet. Ich rücke es zusammen mit einer kritischen Analyse Günter Kunerts ein. Ach Heine, ruft Kunert aus und ich ergänze: ach Österreich!
Aus: Günter Kunert: Lesarten. Gedichte der „Zeit“. München: Piper, 1987
Zum Geburtstag von Volker Braun ein Gedicht aus dem Band Langsamer knirschender Morgen, der 1987 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig erschien. Wie jedes Buch Brauns hatte es lang, jahrelang bei der Zensur gelegen. So erschien die Lizenzausgabe im Westen bei Suhrkamp früher als das Original. Im August schlägt der „Bücherminister“ Höpcke vor, zehn Exemplare des Buchs zu drucken, „damit er hier zuerst erschienen ist“. „Erschienen“ im Neusprech! Es erschien dann doch später, im November 87. Das Gedicht „Tagtraum“ fehlt in der Westausgabe. Die regelrechte Ode enthält zahlreiche Anspielungen u.a. auf Brecht und Hölderlin.
plötzlich stürzt du vom Rad – unsanft empfängt dich dein Heimatplanet
Hansjürgen Bulkowski
Karl Marx
Heute vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. In seiner Jugend schrieb er Gedichte wie diese Knittelverse.
In seinem Sessel
In seinem Sessel, behaglich dumm,
Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
Braust der Sturm herüber, hinüber,
Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
Zwischen die Blitze schlängelnd hin,
Das rührt es nicht in seinem Sinn.
Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget,
Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
Dann hebt´s sich und macht ein Geschrei,
Und schreibt ein Buch: „der Lärm ist vorbei.“
Fängt an darüber zu phantasieren,
Will dem Ding auf den Grundstoff spüren,
Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art,
Der Himmel spaße auch ganz apart,
Müsse das All systematischer treiben,
Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben,
Gebärd´t sich nun gar, wie ein Kind,
Sucht nach Dingen, die vermodert sind,
Hätt´indessen die Gegenwart sollen erfassen,
Und Erd´und Himmel laufen lassen,
Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang,
Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.
Brigitte Struzyk
Die andere Hälfte
Die Äpfel und Birnen sind abgenommen
wenn alles abgenommen wird
bewahre der Himmel
die Blüten im Winter
Zum Grunde gehen
kann dauern bedauern
die Blüten die Frucht
die Früchte aus Wachs
die Nachgebildeten
Ja gegen den Wind
wird dem Wachs entwachsen
eine neue noch dürftige Ernte
Wildwuchs
Aus: Brigitte Struzyk, Der wild gewordene Tag. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 124
Brigitte Struzyk
Am anderen Abend
Bind Besenbinder brauchbare Besen
Bald badet die Bachmann
Hitziger Hajnal halt ihr das Handtuch
Finde für Fühmanns Fächer Folianten
Wind winde Weiden wenn Weöres weint
Am anderen Abend atmet Anna auf
Grün glänzen die Grenzen im Garten von Vas
Die Donau drängt doch dort draußen
Die Träume die Tränen die Trennung nach Haus
Aus: Brigitte Struzyk, Der wild gewordene Tag. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 124
Bachmann, Fühmann: deutschsprachige Autoren
Hajnal, Weöres: ungarische Autoren
Vas: [ˈvɒʃ] (deutsch Eisenburg), ein Komitat (Verwaltungsbezirk) im Westen Ungarns
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