Kantilene

Ursula Krechel

Kantilene, Abschiedsszene

Im Gedenken an Oskar Pastior

spricht in Zungensprachen
spricht aus Mündelmündern
kennt das Kindersingen‚ das Gelingen

schnippelt eine Pastinakentasche
näht den Wörtern Bändel, Laschen
ob er durchschlüpft? alle Sprachen überraschen

das Anatolische
das Kryptokatholische, Alkoholische
das Bukolische und das ganz Unsymbolische

(Ausnahmen sind:
das Ethische, das Etepetetische
das frisch entdeckte Genetische)

wie Buchstaben sich entzündcn
wie sie sich finden, Ströme münden
Wasser füllt kein Sieb aus guten Gründen

Aus: Ursula Krechel: Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2010, S. 27

Politisch Lied anno 1792

Johann Gottfried von Herder
(1744-1803)

(* 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen; † 18. Dezember 1803 in Weimar)

Coalition

„Politisch Lied, ein böses, böses Lied!“
So sagt das Sprichwort; und Du willst, o Freund,
Daß dichtend unsre Nation sogar
Politisire? Hör ein Märchen an,
Was ein politisch Wort, ein bloßes Wort,
Für mancherlei Besinnung dem Gemüth
Nur eines deutschen Hauses gab. Es hieß
Coalisirte Mächte.-Dir ist noch
Bekannt: man wiegte vor nicht langer Zeit
Die Kinder mit coa-coalisirt
In sanftern Schlaf. Das junge Fräulein fragte
Die gnädige Mama: „Was machen jetzt
Die gnäd’gen Tanten, die coalisirten
Puissancen wol?“ Der Informator hörte
Das Wort mit Aerger: „Wahrer Solöcism!
Coalui, coalitum! Es heißt
(Soll’s ja so heißen) einzig coalirt,
Und nicht coalisirt. Ein Emigré
Erfand das Wort, als ob die ganze Welt
Für ihn zusammenwachsen müßte.“ „Nein,“
Antwortete der Secretarius,
„Der stolze Berg erfand’s, als ob die Welt
Entgegen seinem Rath nichts mehr bedeute
Als eine Reichstags-Coalition.
Sie sangen ja den zweiten Psalm!“ „Woher
Es stamme,“ sprach der Informator, „fremd
Ist es und tauget nicht. Sonst nannte man’s
Verbündet, und da denk‘ ich mir den Bund.“
Es hieß auch alliirt; da denk‘ ich mir
Die Allianz. Doch das Zusammenwachsen
Der alliirten Mächte giebt kein Bild.
Ich schlug das Buch der Richter auf, wie Bäume
Sich um die Allianz und Monarchie
Besprachen: „Soll ich meinen süßen Most
Aufgeben?“ sprach der Weinstock. „Und soll ich
Aus meiner Wurzel treten, daß ich mich
Coalisire?“ sprach die Ceder. „Schlage
Der Herr nur den Propheten Daniel
Und Esra sammt der Offenbarung auf!
Da findet er so manches schöne Bild
Coalisirter Mächte: Adler, Leu
Und Lamm und Greif; es giebt ein schönes Kupfer!“
Die gnäd’ge Tante sprach’s. „Verzeihung!“ bat
Ein stattlicher Notarius; „allhier
Gilt nicht die Bibel. In politicis
Entscheiden wir; wir sind politici.“
„So lange darfst Du Deines Landes Baum
Und Kruste von dem Meinigen zurück-
Begehren, als sie mit dem Boden noch
Nicht coalirten.“ Also spricht Alfenus
Und Ulpian. „Getroffen!“ riefen Alle,
„Und gar politice.“ „Doch noch nicht g’nug
Bestimmt!“ sprach ein Geheimer Rath; „die Kruste,
Der Baum coalescirt; doch hohe Mächte
Coalisiren sich. Sind’s freie Staaten,
So heißt es Union; und schließen sie
Ein Bündniß, heißt’s Conföderation;
Coalisiren Cabinette sich,
So folgt darauf Incorporation,
Der fremden Erdenkruste Einverleibung
Ein angenehmer Actus.“ Endlich ward
Dem Herrn des Hauses dieser Tummelplatz
Zu eng. „Ich dächte, Jedermann von uns
Coalescirt‘ und coalirte nur
Zuerst mit sich und seiner Kruste.“ „Das
Ist’s eben, gnäd’ger Herr,“ sprach ein Statist-
Iker, der ex professo sich darauf
Geleget hatte. „Als vor Jahren ich
Mit meinem jungen Herrn auf Reisen war,
Da fiel mir auf der letzten Station
In Frankreich an der Grenze schwer es auf,
Wie Alles dort so bald coalescire.
Vor wenig Jahren waren Hennegau
Und Flandern flämisch, Lothringen war deutsch;
Und jetzt ist bis zur letzten Station
Alles französisch, um- und umgewandt,
Bekleibet, neugeschaffen, coalirt.“
Und dicht daneben hängt, an Wulst und Leib
Und Sprach‘ und Sitten gleich, das Brabant an,
Das Deutschland! „Wie coalescirt ein Reich?“
Fragt‘ ich mich selbst, „und wie coalisirt
Es sich Provinzen, die’s incorporirt?
Ein schweres Staatsproblem!“ Hier sehen Sie
Die große Länderkarte. Ostwärts dort
Das ungeheure Kaiserthum Groß-Tschni,
Tschong-Ku, Tschong-Hoa! Leider nennen wir’s
Mit falschem Namen China! Dieses Reich
Mit seinen tausendundvierhundertzwei-
Undvierzig Strömen, vielen Brücken und
Zweitausend Bergen, hundertneunundvierzig
Millionen und sechshundertzweiundsechigtausend Menschen,
Dort von der Mauer bis nach Canton zu,
Ja bis nach Lao-Tschua, Cotschin-Tschina,
Cambotscha, Tunkin, ist, wie ein Gewächs,
Mit seinem Boden trefflich coalirt.
Ein jeder Mandarin hat seinen Platz
Und seine Feder. Kommt ein fremder Lord,
Mit Freudenfeuern führt man ihn hinein,
Und bald hinaus, daß er nicht coalire.
Dagegen Hindostan, das arme Land,
Ist elend coalirt. Bramanen, Schattri,
Banjanen, Schutter, und die Fremden gar,
Seiken, Dschaten, Gebern und Afghanen,
Mongolen, Juden, Perser, Araber,
Und Europäer aller Art, Maratten,
Rasbatten; darum geht’s den guten Hindus
Auch so erbärmlich. – Nun spazieren Sie
Von den Fuchsinseln bis nach Kexholm hin;
Wie hängt’s zusammen! Samojeden und
Tungusen, Tatern, Kamtschadalen; da
Lebt Jeder, wie er will, wenn er nur Pelze
Und seinen Rubel giebt. – Das arme Polen,
Warum denn ward’s zertheilt? Es war mit sich
Nicht coalirt; drum schnitt man es entzwei;
Nun wachsen seine Stücke neu und frisch
Zusammen durch die Cur der Sympathie.
„Das große Deutschland (warum liegt es doch
So nah an Polen?), Holland, Engeland
Mit Schottland, Irland, Caledonien,
Italien und Griechenland, Türkei
Und Walachei und Moldau -“ „Ist’s denn noch
Nicht aus?“ rief der Baron. – „Das Beste kommt
Anjetzt. – Nun treten Sie in Frankreich ein!
Da weht französische Luft; da essen sie
Und trinken, jauchzen, reden, singen ganz
Französisch. Schon das Kind in Mutterleib,
Ich glaub‘, es denkt und spricht französisch. Selbst
Latein und Griech’sch spricht man französisch aus,
Und Alles mit Geschmack. Sie ziehn den Fremden
So an sich, daß er mit coalescirt.
Oft hab‘ ich dran gedacht, warum denn Griechen
Und Römer auch nicht so zusammenwuchsen.
Was half den Griechen ihr Achäerbund,
Ihr Panionium, Amphiktyonenhof,
Ihr Panätolium? Was halfen den
Etruriern die Lucumonen? was
Den Römern ihr jus civitatis? und
Den Celtiberiern -“ „Ist’s noch nicht aus?
Da seh‘ der Herr die sieben Pfeile auf
Holländischen Ducaten mit der Aufschrift
Concordia!“ „Ach, leider sind sie nur
Im Golde des Ducaten coalirt!“
„Nun so coalisir‘ Er denn!“ „Er wird,“
Antwortete der Arzt, der bis dahin
Geschwiegen hatte, „jetzt erzählen, wie
Man die in Eins Gewachsenen curirt.
Dem Einen Schnupftobak, der Andre niest;
Purgirt den Einen – denn wie Haller sagt,
Kommt’s bei in Eins Gewachsnen nicht auf Köpfe
Und Mägen an, sie sind ein Herz und Geist.“
„Nicht also!“ sprach ein Casuist; „nach Köpfen
Wird ein Coalitum getauft; was ist
Da viel zu herzen?“ Der Baron
War dieses Streites müde. „Seht, Ihr Herrn,
Ihr selber seid in Euern Meinungen,
Ein Wort betreffend, weder coalirt,
Noch wollt Ihr Euch coalisiren; und
Coalisirt die Welt? Nutzlose Müh!
Sei Jeder erst mit seinem Stand und Land
Und Haus und Hof und Weib und Kind und Amt
Und Pflicht, ja mit sich selbst recht coalirt;
Er wird Tschin-Tschin vergessen. Lerne doch,
Was Euch der Haushahn in der Fibel sagt,
Ein Jeder seine Lection, so steht
Es wohl in Hause, Stadt und Land und Welt.“ –
Sieh, Freund, so spricht die deutsche Politik
Vom Fernsten immer und vom Weitesten,
Nur nicht von sich. Und lohnt es wol der Müh,
Die Musen mit dem Wuste zu entweihn?
Verbannt aus Deutschland ist die Politik;
Verbannet sei nur nicht die Menschlichkeit!

Barca oder Berserk

Momodou Sallah

(Gambia)

Barca or Berserk

I must go to Barca or Berserk
I must go
I must fly away
From this jail
And look for bail
I drink the Atlantic
And eat the Sahara
I swim with sharks
To escape the economic barks
I must go to Barca or Berserk

Aus Innocent Questions (2012)

Mein Übersetzungsversuch:

Barca oder Berserk

Ich muss nach Barca oder Berserk
Ich muss gehn
Ich muss
Diesem Gefängnis entfliehn
Und Auslöse suchen
Ich trinke den Atlantik
Und esse die Sahara
Ich schwimme mit Haien
Um zu entkommen
Ich muss nach Barca oder Berserk

Ich fand das Gedicht bei Asymptote, „the premier site for world literature in translation“. Dort heißt es:

In addition to “push factors”—joblessness at home, hunger, civil conflict, climate change, limited political space, and above all, hopelessness—which the poet describes ominously as “jail,” this migration also has “pull factors”—the promise of economic security and a better life. However, the journey to Europe involves risky, unsafe stowaway boats over the shark-filled Atlantic or crossing the Sahara Desert, playing hide and seek with religious and tribal extremist militias, and transiting through the “failed state” of Libya to get to “Barca” or “Barcelona.” The poem has even more relevance and urgency now as we watch the news of desperate migrants being captured while on transit and sold as slaves in open auctions in Libya.

When I asked Sallah what inspired the “Barca or Berserk” poem, he noted that above all he wanted to subvert the dominant, erroneous narrative that those making these journeys are “idle and idiotic, aimless, young people.” To Sallah, a poet sensitive to the plight of young people, these push factors, which are only becoming worse, must be recognized. The poem’s title and refrain is a pun. “I must go to Barca or Berserk” demonstrates the unquenchable compulsion that drives the youth to get into Europe. “Barca” may be a reference to Barcelona, or an allusion to any of the migrant-receiving nations of Southern Europe. “Berserk” seems to play with multiple, though similar meanings—whether it means, as in English, “uncontrollable or destructive rage” or “going crazy”; or whether it is a play on the Wolof word, Barsak, which means “afterlife.” Either way, the choices are extreme: the persona in the poem must go to Europe or to craziness; must go to Europe or to death. It is a sinister, youthful calculus. / Tijan M. Sallah

Finis

Dorothy Parker

Finis

Schluß — vorbei! Und aus der Traum!
Warum hat sich nichts verändert?
Jedes Ding steht goldberändert,
Sonne merkt den Abschied kaum.
Leute rennen, flennen, grienen —
Grab und Heirat, Bier und Brot —
Weiß denn keiner unter ihnen:
unsre Liebe ist ja tot — —

Paare flirten, Kinder lachen,
Straßen brausen im Verkehr.
Keinem scheint’s was auszumachen:
Unsre Liebe ist nicht mehr!
Keiner weiht ihr eine Träne,
niemand stoppt bei ihrer Qual —
Schatz von gestern, notabene‚
ich bin auch schon ganz normal!

Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 82

Wohl oder übel

Dorothy Parker

( * 22. August 1893 in Long Branch, New Jersey, USA; † 7. Juni1967 in New York)

Faute de Mieux

Reisen, Trubel, ein Gedicht,
ein Kuß, Musik, ein Kleid —
Gott — Herzensnahrung ist das nicht ——
doch es vertreibt die Zeit.

Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 85

Travel, trouble, music, art,
A kiss, a frock, a rhyme-
I never said they feed my heart,
But still they pass my time.

Automatische Übersetzung von Google:

Reisen, Ärger, Musik, Kunst,
Ein Kuss, ein Kittel, ein Reim
Ich habe nie gesagt, dass sie mein Herz füttern,
Aber sie vertreiben immer noch meine Zeit.

Die französische Redewendung des Titels bedeutet: notgedrungen, wohl oder übel

Auf den Straßen Amsterdams

Elisabeth Alexander

(* 21. August 1922 in Linz am Rhein; † 17. Januar 2009 in Heidelberg)

Aus: Poesie als Auftrag: Festschrift für Alexander von Bormann. Hrsg. Dagmar Ottmann, Markus Symmank. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001, S. 21

Wald

Maria Luise Weissmann
* 20. August 1899 in Schweinfurt; † 7. November 1929 in München
Wald

Die Toten meiner Jahrtausende
Sind auferstanden. Meines Vaters Blick
Ging über mich, es wandelte
Leicht die Nähe der erwachenden.

Im abend aber entschliefen sie
Plötzlich, aus ihren Augenhöhlen
Brachen Blumen, ihres Atems Stille griff
Nach meinem Herzen, eine blaue Hand.

Aus:
Maria Luise Weissmann: Ausgewählte Gedichte. Potsdam : Udo Degener Verlag, 2010 (edition grillenfänger 8).

Spitze Äpfel

Heute vor einem Jahr starb der Maler und Dichter K.O. Götz

Spitze Äpfel

Ein Apfel fällt und steigt empor
Begegnet einer Nadel
Am Horizont bei Tageslicht
Ein Riesenmesser rostet

Ein Apfelbaum zieht Nadeln an
Sie stechen nicht sie grünen
Sie blähn sich auf und fallen ab
Kein Messer nimmt sich ihrer an

Ein Apfel spitzt sich zu und rostet
Die andern gleiches tun
Sie schweben fern am Horizont
Und träumen von den Nadeln

Sie schlagen Wurzeln in der Luft
Und denken nicht ans Rosten
Das Messer schält sich selbst und grünt
Die spitzen Äpfel heulen

1951

Aus: K.O. Götz: Zungensprünge. Gedichte 1945-1991. Aachen: Rimbaud,  1992, S. 47

Brennende Sehnsucht dir ins Blut

Alma Johanna Koenig


Brennende Sehnsucht dir ins Blut,
brennenden Traum in deine Nacht!
Brennende Wollust‚ hochentfacht,
in deine Seele, die nun ruht:

Tröpfelndes Gift in deinen Trank,
fressende Krankheit dir ins Mark,
lähmender Zauber, urweltstark,
dich zu versehren, lebenslang!

Täglich dies Lustermüdetsein,
nächtlich Gesicht, das süß versucht,
stündlicher Selbstverdammnis Pein.

Ewig Verlangen, schlaff, verrucht,
all dieser Hölle Qualen dein,
die ich erleide, ich, die flucht!

Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 110

Alma Johanna Koenig (Pseudonym Johannes Herdan; * 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez)

Alles was wir gesagt haben

Gabeba Baderoon

Ein Gedicht, das man nicht übersetzen muss:

Aus: Gabeba Baderoon: The History of Intimacy. Poems. Kapstadt: Kwela Books, 2018

Gabeba Baderoon (* 21. Februar 1969 in Port Elizabeth, Südafrika) ist eine südafrikanische Dichterin und Wissenschaftlerin. Sie lebt in Kapstadt und Pennsylvania, wo sie Professorin für Frauenforschung und Afrikanische und Afroamerikanische Studien ist.

Kalter Augusttag

Kalter Augusttag

1.
Wir standen unter alten Riesenulmen,
An unsers Gartens Rand. Mein Arm umschlang
Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt,
Das schöne, blasse, still an meiner Schulter.
Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd
Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.
In grauer Luft, unübersehbar, lag
Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet.
Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten
Auf seine Kühe, deutlich hör‘ ich noch
Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden,
Vom Winde hergetragnen Worte trafen.
Und eine Oede, nordisch unbehaglich,
Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten,
Laut krächzend, über’n Garten. Schläfrig zog
Am Horizont die Mühle ihre Kreise.
Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah
Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks.
Und langsam kehrten wir zurück ins Haus.

2.
Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,
Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus
In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff
Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend
Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume,
In blauer Luft schaut‘ ich am Horizont
Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn.
Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,
Und teilnahmlos kehrt‘ ich zurück ins Haus.

In: Detlev von Liliencron: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig 1883

Amnesiefarben

Olga Orozco
* 17. März 1920 in Toay, La Pampa, Argentinien; † 15. August 1999 in Buenos Aires

Para este día

Reconozco esta hora.
Es esa que solía llegar enmascarada entre los pliegues de otras horas;
la que de pronto comenzaba a surgir como un oscuro arcángel detrás de la neblina
haciendo retroceder mis bosques encantados,
mis rituales de amor, mi fiesta en la indolencia,
con sólo trazar un signo en el silencio,
con sólo cortar el aire con su mano.
Esa, la de mirada como un vuelo de cuervo y pasos fantasmales,
que venía de lejos con su manto de viaje y las mejillas escarchadas,
y se iba bajando la cabeza, de nuevo hasta tan lejos
que yo buscaba en vano la huella del carruaje en el pasado.
Hora desencarnada,
color de amnesia como dibujada en el vacío del azogue,
igual que una traslúcida figura enviada desde un retablo del olvido.
¿Y era su propio heraldo,
el fondo que se asoma hasta la superficie de la copa,
la anunciación de dar a luz las sombras?
No supe descifrar su profecía,
ese susurro de aguas estancadas que destilan a veces los crepúsculos,
ni logré comprender el torbellino de plumas grises con que me aspiraba
desde un claro de ayer hasta un vago anfiteatro iluminado por lluvias y por lunas,
allá, entre los ventisqueros del irreconocible porvenir;
aquí, donde ahora se instala, maciza como el demonio del advenimiento,
en su sitial de honor en medio de la asamblea de otras horas, pálidas, transparentes,
y me dice que mis bosques son luces extinguidas y aves embalsamadas,
que mi amor era erróneo, como un espejo que se contempla en otro espejo,
que mi fiesta es un cielo replegado en el sudario de mis muertos.
Y se queda esta vez, sin bajar la cabeza.


Für diesen Tag

Ich erkenne diese Stunde wieder.
Es ist diese, die vermummt zu kommen pflegte zwischen den Faltungen
der anderen Stunden;
die plötzlich hervorzutreten begann wie ein dunkler Erzengel hinter dem leichten Nebel,
so dass meine verzauberten Wälder zurückwichen,
meine Liebesrituale, mein Fest in der Gleichgültigkeit,
durch bloßes Hinmalen eines Zeichens in der Stille
durch bloßes Schneiden der Luft mit ihrer Hand.
Diese da, die einen Blick hat wie ein Rabenflug und geisterhafte Schritte,
die von fern kam mit ihrem Reiseumhang und den Rauhreifwangen
und wegging, den Kopf senkend, erneut bis so fern,
dass ich vergebens die Spur des Gefährts in der Vergangenheit suchte.
Entfleischte Stunde,
amnesiefarben, wie ins Leere des Quecksilbers gezeichnet,
wie eine durchscheinende Gestalt, aus einem Altar des Vergessens hergesandt.
Und war sie ihr eigener Herold,
der Boden, der hervorschaut bis zur Oberfläche des Glases,
die Verkündigung, dass die Schatten ans Licht gebären werden?
Ich wusste ihre Prophezeihung nicht zu entziffern,
dieses Flüstern von stehenden Gewässern, das die Sonnenuntergänge manchmal
ausdünsten,
noch gelang es mir, den Wirbel grauer Federn zu begreifen, mit dem sie mich aufsog,
von einer Lichtung des Gestern hin zu einem vagen Amphitheater, beleuchtet von
Regen und Monden,
dort, zwischen den Windpässen der nicht wiederzuerkennenden Zukunft;
hier, wo sie sich jetzt einrichtet, massiv wie der Teufel der Herankunft,
auf ihrem Ehrensitz mitten in der Versammlung anderer – blasser, durchsichtiger –
Stunden,
und mir sagt, dass meine Wälder ausgelöschte Lichter sind und einbalsamierte Vögel,
dass meine Liebe ein Irrtum war wie ein Spiegel, der sich in einem anderen Spiegel
betrachtet,
dass mein Fest ein Himmel ist, zürückgefaltet in das Leichentuch meiner Toten.
Und sie bleibt dieses Mal, ohne den Kopf zu senken.

[Aus dem Spanischen v. Àxel Sanjosé]

Nearer, My God, to Thee

Sarah Fuller Flower Adams
* 22. Februar 1805 in Old Harlow, Essex; † 14. August 1848 in London

 

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
E’en though it be a cross that raiseth me;
Still all my song shall be nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
Though like the wanderer, the sun gone down,
Darkness be over me, my rest a stone;
Yet in my dreams I’d be nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
There let the way appear steps unto heav’n;
All that Thou sendest me in mercy giv’n;
Angels to beckon me nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
Then with my waking thoughts bright with Thy praise,
Out of my stony griefs Bethel I’ll raise;
So by my woes to be nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
Or if on joyful wing, cleaving the sky,
Sun, moon, and stars forgot, upwards I fly,
Still all my song shall be, nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!

 

Eines der bekanntesten christlichen Lieder im englischsprachigen Raum, angeblich von der Band auf der sinkenden Titanic als letztes Stück gespielt. Die anderen Werke der Autorin – teils ebenfalls mit christlichen, teils mit emanzipatorischen Inhalten – sind weitgehend vergessen.

 

Das Herz des Herbstes welkt schon

Bartomeu Rosselló-Pòrcel
* 13. August 1913 in Ciutat de Mallorca [auch: Palma]; † 5. Januar im Sanatori del Brull, (Provinz Barcelona)

A Mallorca, durant la guerra civil

Verdegen encara aquells camps
i duren aquelles arbredes
i damunt del mateix atzur
es retalles les meves muntanyes.
Allí les pedres invoquen sempre
la pluja difícil, la pluja blava
que ve de tu, cadena clara,
serra, plaer, claror meva!
Sóc avar de la llum que em resta dins els ulls
i que em fa tremolar quan et recordo!
Ara els jardins hi són com músiques
i em torben, em fatiguen com en un tedi lent.
El cor de la tardor ja s’hi marceix,
concertat amb fumeres delicades.
I les herbes es cremen a turons
de cacera, entre somnis de setembre
i boires entintades de capvespre.

Tota la meva vida es lliga a tu,
com en la nit les flames a la fosca.

 

An Mallorca, während des Bürgerkriegs

Noch grünen jene Felder
und bestehen jene Haine
und auf demselben Azur
zeichnen sich meine Berge ab.
Dort rufen die Steine immer
den seltenen Regen an, den blauen Regen,
der von dir kommt, helle Bergkette,
du meine Hochebene, Lust, Helligkeit!
Ich geize mit dem Licht, das mir in den Augen bleibt
und das mich beben lässt, wenn ich dich erinnere!
Jetzt liegen die Gärten dort wie Musikstücke
und verwirren mich, ermüden mich wie in quälendem Überdruss.
Das Herz des Herbstes welkt schon dort,
im Einklang mit zarten Rauchwolken.
Und die Gräser brennen in Haufen
für die Jagd, zwischen Septemberträumen
und abendgefärbten Nebelschwaden.

Mein ganzes Leben verbindet sich mit dir
wie nachts die Flammen mit der Dunkelheit.

[Aus dem Katalanischen: àxel sanjosé]

Und als wir voneinander schieden

Am Puschkin-Denkmal, bei den Stufen,
sind wir uns dann zuletzt begegnet.
Dies Moskau hatte unsre Köpfe
mit roten Sternen zugeregnet.
Und als wir voneinander schieden,
die Lippen zuckten ein »Mach’s gut«,
sahn wir: der bronzne Alexander
verbarg die Wunde und das Blut.

Das ist die erste Strophe des Gedichts »Perez Markisch« von Abraham Sutzkever, aus dem Jiddischen übersetzt von Hubert Witt (in: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Zürich: Ammann Verlag 2009). Das vollständige Gedicht fand ich in planet lyrik.

Am 12. August 1952 wurden in der »Nacht der ermordeten Dichter« im Zuge einer der sog. stalinistischen Säuberungen zwölf jüdische Intellektuelle hingerichtet, darunter die jiddischen Schriftsteller David Bergelson, Itzik Feffer, David Hofstein, Leib Kwitko und Perez Markisch. Ich dachte, es würde ein Leichtes sein, im www ein Gedicht eines der Ermordeten zu finden. Es war aber nicht so. Die Schreibweise der Namen (Itzik/Itsik, Feffer/Fefer, David/Dovid, Leib/Leyb, Kwitko/Kvitko, Perez/Peretz etc.) schwankt (s. Lyrikkalender), aber Google berechnet das mit ein. Mein Ergebnis: es scheint kaum Online-Texte zu geben. Ich fand drei von vierzehn Strophen des Gedichts »Ikh bin a yid« von Feffer (s. Nr. 3 des verlinkten Dokuments, allerdings auf Jiddisch, dessen ich nicht mächtig bin:

Der vayn fun doyresdikn doyer
Hot mir geshtarkt in vanderveg,
Di beyze shverd fun payn un troyer
Hot nit farnikhtet mayn farmeg.
Mayn folk, mayn gloybn un mayn blien,
Zi hot mayn frayhayt nit geshmidt.
Fun unter shverd hob ikh geshrien:
Ikh bin a yid!

Der kluger kneytsh fun Reb Akive,
Di khokhme fun Yeshayes vort
Hobn gebert mayn dursht, mayn libe,
Un zi mit has tsunoyfgeport.
Der shvung fun makabeyer heldn,
Bar Kokhbas blut in maynem zidt,
Fun ale shtayers fleg ikh meldn:
Ikh bin a yid!

Un oyf tsepikenish di sonim,
Vos greytn kvorim shoyn far mir,
Vel ikh unter di fraye fonen
Nokh hobn nakhes on a shir.
Kh'vel mayne vayngertner farflantsn
Un fun mayn goyrl zayn der shmid,
Kh'vel nokh oyf di sonims keyver tantsn!
Ikh bin a yid!

Ein kurzer Blick in die Online-Kataloge der Deutschen Nationalbibliothek und der Bayerischen Staatsbibliothek bestätigt, dass es – zumindest im deutschsprachigen Raum – keine Bände der genannten Autoren gibt jenseits derjenigen, die zu ihren Lebzeiten (überwiegend in den 1910er bis 1930er Jahren) erschienen. Falls dem nicht so ist, bitte ich um Hinweis. [ich = für ein paar Tage stellvertretend: à. sanjosé]