„Trauern um die Menschheit, die der Wahn erwürgt“

Christoph August Tiedge

(* 14. Dezember 1752 in Gardelegen; † 8. März 1841 in Dresden)

Elegie auf dem Schlachtfelde bei Kunersdorf

Nacht umfängt den Wald; von jenen Hügeln
Stieg der Tag ins Abendland hinab;
Blumen schlafen, und die Sterne spiegeln
In den Seen ihren Frieden ab.
Mich laßt hier in dieses Waldes Schauern,
Wo der Fichtenschatten mich verbirgt;
Hier soll einsam meine Seele trauern
Um die Menschheit, die der Wahn erwürgt.
Drängt euch um mich her, ihr Fichtenbäume!
Hüllt mich ein, wie eine tiefe Gruft!
Seufzend, wie das Atmen schwerer Träume,
Weh‘ um mich die Stimme dieser Luft.
Hier an dieses Hügels dunkler Spitze
Schwebt, wie Geisterwandel, banges Graun;
Hier, hier will ich vom bemoosten Sitze
Jene Schädelstätten überschaun.

Dolche blinken dort im Mondenscheine,
Wo das Erntefeld des Todes war;
Durcheinander liegen die Gebeine
Der Erschlagnen um den Blutaltar.
Ruhig liegt, wie an der Brust des Freundes,
Hier ein Haupt, an Feindes Brust gelehnt,
Dort ein Arm vertraut am Arm des Feindes. –
Nur das Leben haßt, der Tod versöhnt.
O, sie können sich nicht mehr verdammen,
Die hier ruhn; sie ruhen Hand an Hand!
Ihre Seelen gingen ja zusammen,
Gingen über in ein Friedensland;
Haben gern einander dort erwidert,
Was die Liebe giebt und Lieb‘ erhält.
Nur der Sinn der Menschen, noch entbrüdert,
Weist den Himmel weg aus dieser Welt.
Hin eilt dieses Leben, hin zum Ende,
Wo herüber die Cypresse hängt:
Darum reicht einander doch die Hände,
Eh‘ die Gruft euch aneinander drängt!

Aber hier, um diese Menschentrümmer,
Hier auf öder Wildnis ruht ein Fluch;
Durch das Feld hin streckt sich Mondenschimmer,
Wie ein weites, weißes Leichentuch.
Dort das Dörfchen unter Weidenbäumen;
Seine Väter sahn die grause Schlacht:
O sie schlafen ruhig, und verträumen
In den Gräbern jene Flammennacht!
Vor den Hütten, die der Asch‘ entstiegen,
Ragt der alte Kirchenturm empor,
Hält in seinen narbenvollen Zügen
Seine Welt noch unsern Tagen vor.
Lodernd fiel um ihn das Dorf zusammen;
Aber ruhig, wie der große Sinn
Seiner Stiftung, sah er auf die Flammen
Der umringenden Verwüstung hin.
Finster blickt er, von der Nacht umgrauet,
Und von Mondesanblick halb erhellt,
Über diesen Hügel, und beschauet,
Wie ein dunkler Geist, das Leichenfeld.

Mag, o Lenz, dein Angesicht hier lächeln?
Jeder Windstoß, der den Wald bewegt,
Ist ein großer Seufzer, der das Röcheln
Der Gefallnen durch die Wildnis trägt.
Diese Greisin, diese düstre Fichte
Zeigt die Narben, die auch sie empfing,
Weist dahin, wo blutig die Geschichte
Böser Zeiten ihr vorüber ging.
Als hier wild die Waffendonner stürmten,
War sie noch mit Jugendkraft umlaubt,
Und, wie Hände der Natur, beschirmten
Ihre Schatten ein geweihtes Haupt.

Hier sah Friedrich seine Krieger fallen. –
Herrscher deiner Welt, du warst so groß;
Aber doch – das härteste von allen
War dein Los, es war ein Königslos.
Mann des Ruhmes, konnten alle Blüten
Jenes Kranzes, der dein Haupt umfing,
Konnt‘ ihn dir die Musenhuld vergüten,
Diesen Weg, der über Leichen ging?
Menschen fielen, gleich gemähten Ähren,
Ach, sie fielen dir, du großer Mann!
Da, da war es, als dein Herz in Zähren
Auf den blutbespritzten Lorbeer rann. –

Hier der See, und dort des Stromes Fluten
Spiegelten zurück das Todesschwert;
Dieser Himmel sah das Opfer bluten;
Dieser Hügel war ein Opferherd;
Hier im Bach hat Menschenblut geflossen;
Wo der Halm im Monde zuckend nickt,
Hat vielleicht ein Auge, halb geschlossen,
Nach der Heimatgegend hingeblickt.
Da, wo die Cikad‘ im düstern Thale
Durch die Nacht der Ulmenwaldung tönt,
Da, da hat vielleicht zum letztenmale
Manches zarte Lebewohl gestöhnt.
Und der stille Wandrer, welcher traurig
Sich dem Grau’n der Gegend überläßt,
Fühlt ein dumpfes Ahnen, das so schaurig
Ihm den Atemzug zusammen preßt.

War es Klang von einer fernen Quelle,
Was so dumpf zu meinem Herzen sprach?
Oder schwebt Geseufz‘ um jede Stelle,
Wo ein Herz, ein Herz voll Liebe, brach?
Ist es Wandel einer düstern Trauer,
Was am Sumpf dem Hagebusch entrauscht,
Und nun schweigt, und, wie ein dunkelgrauer
Nebelstreif, im Nachtgeflüster lauscht?
Wandelst du dort, arme Mädchenseele,
Der die Wut den holden Freund entriß?
Schattest du dort um die Totenhöhle
Durch das Nachtgrau’n deiner Finsternis? –

Aber still! was flimmert durch die Zweige,
Wie ein weißer, schleierheller Geist?
Jeder rohe Laut der Wildnis schweige!
Diese Stell‘ ist heilig! hier fiel Kleist.
Wo den Raum die Ulmen überschleiern,
Sank der Frühlingssänger in den Staub;
Diese Stelle will ich heilig feiern;
Ach! und kann sie nur bestreu’n mit Laub.
Rinnen laß hier eine Silberquelle;
Winde deinen sanftern Blumentag,
Holder Frühling, um die rauhe Stelle,
Wo dein edler Sänger blutend lag.

Hier aus diesem wildernden Gesträuche,
Wo der deutsche Mann sein Blut verlor,
Hebe sich, im Schatten einer Eiche,
Grün‘ ein zartes Myrtenreis empor;
Und im dunkelgrünen Eichenlaube
Girre, wenn der Lenz vorüber zieht,
Klagend eine silberweiße Taube
Noch dem Sänger Lalages ihr Lied.
Aber in dem Myrtendunkel säume
Die Begeistrung einer Nachtigall,
Und die Waldluft schweb‘ um ihre Träume,
Wie ein sanft gehaltner Wellenfall.
Leise schwebe sie durchs Laub des Strauches,
Das der Boden dieser Stelle trieb,
Wie der Nachhall eines Flötenhauches,
Der uns aus des Dichters Leben blieb;
Und im zarten Weiß der sanftern Trauer
Nahe sich die Mondnacht diesem Raum,
Feiernd trete sie in seine Schauer,
Wie ein heiliger Erinnrungstraum.

Zwar den fernen Geist kann nichts erstatten;
Doch er schwand nicht ganz aus unserm Blick:
Der geweihte Mann wirft seinen Schatten
Dort noch aus Elysium zurück.
Viel der edeln Männer sind gefallen;
Aber, Kleist, dein Name tritt hervor,
Tritt hervor, und hebt, geweiht vor allen,
Aus der Flut der Zeiten sich empor.
Hier fand mancher Jüngling, welcher mutig
Einen Namen sucht‘, ein stummes Grab;
Manche Hoffnung riß der Tod hier blutig
Vom Idol der goldnen Zukunft ab.

Sagt, was ist, was gilt ein Menschenleben,
Was die Menschheit vor dem Weltengeist,
Wenn der wilde Tod aus den Geweben
Ihres Daseins so die Faden reißt?
Welche Faden sind hier abgerissen!
Und was fällt, wenn nur ein Haupt zerfällt! –
Hier steh’n wir, und hinter Finsternissen
Steht der hohe Genius der Welt!

Stürme fahren aus dem Schoß der Stille,
Und die Zeit, mit Trümmern wüst umringt,
Zählt am Uferrand der Lebensfülle
Jeden Tropfen, den der Sand verschlingt.
Schwankend irren wir im finstern Sturme;
Wechseltod beherrscht die Finsternis;
Er beraubt den Halm, und giebt dem Wurme,
Giebt dem Halm, was er dem Wurm entriß.

Luftig spielt das Laub des Ulmenbaumes
An den frischen Ästen um den Stamm:
Regt darin sich noch ein Rest des Traumes,
Der einmal in Nervensäften schwamm?
Jenen Kopf bewohnten einst Gedanken,
Stolz vielleicht und Dünkel seine Stirn:
Jetzt durchkriecht ein Nachtwurm ihn; und Ranken
Wilder Kräuter nährte sein Gehirn.
Dieser Staub am Wege hing um Seelen;
Wo ich trete, stäubt vielleicht ein Herz
Gott! und hier aus diesen Augenhöhlen
Starrete zu dir hinauf der Schmerz.

Welch ein Anblick! – Hieher, Volksregierer,
Hier, bei dem verwitternden Gebein
Schwöre, deinem Volk ein sanfter Führer,
Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.
Hier schau her, wenn dich nach Ruhme dürstet!
Zähle diese Schädel, Völkerhirt,
Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfürstet,
In die Stille niederlegen wird!
Lass‘ im Traum das Leben dich umwimmern,
Das hier unterging in starres Grau’n!
Ist es denn so reizend, sich mit Trümmern
In die Weltgeschichte einzubau’n?

Einen Lorbeerkranz verschmäh’n, ist edel!
Mehr als Heldenruhm ist Menschenglück!
Ein bekränztes Haupt wird auch zum Schädel,
Und der Lorbeerkranz zum Rasenstück!
Cäsar fiel an einem dunkeln Tage
Ab vom Leben, wie entstürmtes Laub;
Friedrich liegt im engen Sarkophage;
Alexander ist ein wenig Staub.
Klein ist nun der große Weltbestürmer;
Es verhallte, lauten Donnern gleich;
Längst schon teilten sich in ihn die Würmer,
So wie die Satrapen in sein Reich.

Fließt das Leben auch aus einer Quelle,
Die durch hochbekränzte Tage rinnt;
Irgendwo erscheint die dunkle Stelle,
Wo das Leben stille steht und sinnt.
Katharinas Lorbeerthaten zögen
Gern verhüllt den Lethestrom hinab;
Bess’re retten ihre Gruft, und legen
Sanftre Kronen nieder auf ihr Grab.

Dort, dort unten, wo zur letzten Krümme,
Wie ein Strahl, der Lebensweg sich bricht,
Tönet eine feierliche Stimme,
Die dem Wandrer dumpf entgegen spricht:
»Was nicht rein ist, wird in Nacht verschwinden;
Des Verwüsters Hand ist ausgestreckt;
Und die Wahrheit wird den Menschen finden,
Ob ihn Dunkel oder Glanz versteckt!«

Zwey Grenadier‘

Heinrich Heine

(* 13. Dezember 1797 Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Die Grenadier

Nach Frankreich zogen zwey Grenadier‘,
Die waren in Rußland gefangen.
Und als sie kamen in’s deutsche Quartier,
Sie ließen die Köpfe hangen.

Da hörten sie beide die traurige Mähr:
Daß Frankreich verloren gegangen,
Besiegt und zerschlagen das große Heer, —
Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.

Da weinten zusammen die Grenadier‘
Wohl ob der kläglichen Kunde.
Der Eine sprach: Wie weh wird mir,
Wie brennt meine alte Wunde!

Der Andre sprach: das Lied ist aus,
Auch ich möcht mit dir sterben,
Doch hab‘ ich Weib und Kind zu Haus,
Die ohne mich verderben.

Was scheert mich Weib, was scheert mich Kind,
Ich trage weit bess’res Verlangen;
Laß sie betteln gehn wenn sie hungrig sind, —
Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!

Gewähr‘ mir Bruder eine Bitt‘:
Wenn ich jetzt sterben werde,
So nimm meine Leiche nach Frankreich mit,
Begrab‘ mich in Frankreichs Erde.

Das Ehrenkreuz am rothen Band
sollst du auf’s Herz mir legen;
Die Flinte gieb mir in die Hand,
Und gürt‘ mir um den Degen.

So will ich liegen und horchen still,
Wie eine Schildwacht, im Grabe,
Bis einst ich höre Kanonengebrüll
Und wiehernder Rosse Getrabe.

Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,
Viel Schwerter klirren und blitzen;
Dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab,
Den Kaiser, den Kaiser zu schützen.

Aus: Gedichte von H. Heine. Berlin 1822, S. 77f

Cynewulf

Der altenglische Dichter Cynewulf

(Erste Hälfte des 9. Jahrhunderts)

Gedichtet in Langversen mit Stabreim und gleichzeitig Endreim zwischen den Halbversen. Zur Markierung der Mittelzäsur habe ich | eingefügt.

Aus  „Elene“ (Helena)

1236 So habe ich betagt und todbereit | in meinem tatenlosen Körper jederzeit
Wortkunst gedichtet | und Wunder gesichtet.
Zuzeiten überdachte ich, | und meine Gedanken überwachte ich
Nachts nachhaltig. | Noch war ich nicht kundig,

1245 Bis mir Weisheit zuteil ward, | in wunderbarer Art,
Dem Betagten zum Trost, | eine teure Gabe,

Meinen Körper befreite, | meinen kleinen Geist weitete,
1250 Liedkunst erschloß, | die ich lustvoll genoß,
Mit Freuden in der Welt.

Aus: Hier hatte ich einst viel Pläsier. Volkstümliche englische Dichtung des Mittelalters. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. übers. von Martin Lehnert. Frankfurt/Main: Insel, 1980, S. 31

Textfassung aus Cynewulf’s Elene. Ed. P.O.E. Gradon. NEW YORK: APPLETON-CENTURY-CROFTS, 1966:


 

Übersetzung in moderne englische Prosa von Charles W. Kennedy (inclusive der in der Inselausgabe ausgelassenen Zeilen):

Thus have I spun my, lay with craft of word and wrought it wondrously, aged and nigh unto death by fault of this mouldering house; at times I mused upon it and sifted my thoughts in the dungeon of night. I knew not clearly of that rood aright, ere wisdom in ample power imparted wider counsel in the thought of my heart… I was stained by my deeds of evil, shackled in sin, harried by sorrow, bound with bitterness, compassed about by trouble ere that in majesty the King of might granted me knowledge to console old age, ere that He meted out to me His radiant grace, instilled it in my heart, revealed its glory, made it more ample, loosed my body, undid the bolts of my breast and taught me song−craft, which in the world I have used with will and gladness.

Verborgene Schrift

Christopher Morley

(* 5. Mai 1890 in Haverford, Pennsylvania; † 28. März 1957)

Deutsch von Julius Bab (* 11. Dezember 1880 in Berlin; † 12. Februar 1955 in Roslyn Heights, New York)

Die Geheimschrift

Da ist in jedermanns Herz
chinesische Schrift –
eine Geheimschrift, eine heimliche Sprache:
die dunklen Zeichen des Geistes,
überschrieben, halb verwischt
durch die Schnellschrift des Alltags.

Niemand kann so leicht diese Herzensschrift entziffern,
diesen verwischten Text, verdorben durch Angst und Torheit,
doch hin und wieder,
wenn man im eigenen Herzen liest
(so selten erforschte, so zarte Schrift!),
da sieht man Fragmente der Grundschrift hindurchscheinen –
alte Worte von Wahrheit und Wirrnis,
fein angelegt in Rot und Gold.
Das Studium dieser verborgenen Schrift,
das nenne ich: Übertragung aus dem Chinesischen.

Aus: Julius Bab, Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 41

THE PALIMPSEST

There is, in each mans heart,
Chinese writing—
A secret script, a cryptic language:
The strange ideographs of the spirit,
Scribbled over or half erased
By the swift stenography of daily life.

No man can easily decipher this cordiscript,
This blurred text corrupted by fears and follies;
But now and then,
Reading his own heart
(So little studied, such fine reading matter!)
He sees fragments of rubric shine through—
Old words of truth and trouble
Illuminated, red and gold.
The study of this hidden language
Is what I call
Translating from the Chinese.

His obituaries were published with the following message, written by Morley himself: “Read, every day, something no one else is reading. Think, every day, something no one else is thinking. Do, every day, something no one else would be silly enough to do. It is bad for the mind to continually be part of unanimity.” / Poetry Foundation

Bereit sind alle Länder

Nelly Sachs

(geboren am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg, gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm)

BEREIT SIND ALLE Länder aufzustehn
von der Landkarte.
Abzuschütteln ihre Sternenhaut
die blauen Bündel ihrer Meere
auf dem Rücken zu knüpfen
ihre Berge mit den Feuerwurzeln
als Mützen auf die rauchenden Haare zu setzen.

Bereit das letzte Schwermutgewicht
im Koffer zu tragen, diese Schmetterlingspuppe,
auf deren Flügeln sie die Reise einmal
beenden werden.

Geschrieben im Winter 1951

Aus: Nelly Sachs, Gedichte 1951-1970. Hrsg. Ariane Huml und Matthias Weichelt (Werke Band II). Berlin: Suhrkamp, 2010, S. 26

Des Seeräubers Morgenlied

Fritz Graßhoff

(nach seiner Auswanderung auch: Fritz Grasshoff, * 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

Aus: Fritz Graßhoff: Seeräuber-Report. Songs, Lieder & Balladen für den Haus- und Marktgebrauch. Mit Zeichnungen des Autors. München: DTV, 1976, S. 12

Jede Zeit hat ihren Horaz

… behaupte ich einfach mal so. Vielleicht gelingt es nicht jeder? Immerhin Opitz dichtete: „Ich hab ein Werk vollbracht, dem Erz nicht zu vergleichen, / Dem die Pyrámides an Höhe müssen weichen“ (Betonungsstrich von mir, M.G.) – hat es Opitz genützt? Horaz geschadet?

Hier zum 1954. Geburtstag des Römers zwei Versionen der Ode 1, 31 (Für Hardcorefans darunter das Original zum Vergleichen… gefolgt von einem persönlichen Nachtrag, sozusagen für die weniger Harten.)

Friedrich von Hagedorn

(* 23. April 1708 in Hamburg; † 28. Oktober 1754 ebenda)

Die einunddreißigste Ode des Horaz im ersten Buche.

Was mag der Wunsch des Dichters sein,
Der den geweihten Phoebus bittet?
Und was ruft er ihn an, da er den neuen Wein
Aus seiner Opferschale schüttet?
Er wird den Reichthum voller Aehren
Nicht aus der feisten Flur Sardiniens begehren,
Auch nicht um den Besitz der schönen Heerden flehn,
Die in Calabriens erhitzten Triften gehn.

Kein indisch Elfenbein noch Gold
Sind das, warum er Bitten waget,
Auch Felder nicht, um die der stumme Liris rollt,
Der sie mit stillem Wasser naget.
Der, dem ein günstig Glück bei Cales Wein gegeben,
Beschneid' und keltre sich die ihm gegönnten Reben!
Die güldnen Kelche leer' ein reicher Handelsmann
Von Weinen, die sein Tausch in Syrien gewann!

Der Götter Liebling sei nur Er!
Daß drei- ja viermal alle Jahre
Er straffrei und verschont des Atlas breites Meer
Mit sichern Frachten überfahre!
Mir sind Cichorien, mir sind des Oelbaums Früchte
Und leichte Malven stets vergnügende Gerichte.
Gib mir, Latonens Sohn, bis zu des Lebens Schluß,
Zum Gegenwärtigen Gesundheit und Genuß.

Nur etwas wünsch' ich mir dabei,
Verweil' ich länger auf der Erde:
Daß auch mein Alter noch ein Stand der Ehre sei
Und mir zu keinem Vorwurf werde.
Alsdann vermindre mir kein Kummer, kein Geschäfte,
Und keiner Krankheit Gift die mindern Seelenkräfte,
Und, wie der Dichter Kunst mir immer wohlgefiel,
So sei der Saiten Scherz auch meines Alters Spiel.

Friedrich Gottlieb Klopstock

(* 2. Juli 1724 in Quedlinburg; † 14. März 1803 in Hamburg)

Was wünscht der Dichter von dem geweiheten
Apoll? der Schal entströmend den neuen Wein,
  Was fleht er? Nicht gesenkte, volle
    Ähren Sardinias ...

Nicht schöne Herden, wie in Kalabrien,
Gedeihn der Sonne; Gold nicht noch Elfenbein;
  Nicht Fluren, die mit stiller Welle
    Lockert die leisere Liris ...

Calenersicheln führe, wem gab das Glück
Die Traube. Goldnen Kelchen entschlürfe der
  Lastreiche Segler Weine, die er
    Tauschte für Syrias Wohlgerüche,

Lieb selbst den Göttern; denn auch das vierte Mal
Im Jahr durchschifft er sicher des Atlas Meer.
  Endivien, die leichte Malve
    Labe mich, mich die Olive ...

Gib mir, Latous, daß dem Gesunden sei
Genuß sein Tibur, gib auch dem Geiste Kraft,
  Daß nicht vom Gram entstellt mein Alter
    Sei, noch der Zither entbehre ...

Persönlicher Nachtrag

Beide Fassungen fand ich vor Äonen in einem Buch, das mir ausweislich beiliegender Urkunde am 29. Juni 1968 geschenkt wurde. Der Anthologie (Aufbau 1968) verdanke ich nicht nur das stilisierte Logo der Lyrikzeitung. In ihr gibt es die Ode auch noch in der Fassung Herders. Ob jede Zeit ihren Horaz hat? Zumindest das 18. Jahrhundert hatte gleich mehrere.

Di Muse

פּרץ מאַרקיש — די מוזע

Perez Markisch

Der jüdische Byron nannte man ihn und auch: der jüdische Majakowski. Er wurde am 7. Dezember 1895 in Polonnoje, Gouvernement Wolhynien [heute Polonne, Ukraine] geboren und in der „Nacht der ermordeten Dichter“ vom 12. zum 13. August 1952 in Moskau erschossen. Man findet nicht viel auf Deutsch. Etwas mehr auf Englisch, Jiddisch und auch auf Russisch (auch Anna Achmatowa hat ein paar seiner Gedichte übersetzt).

Heute das Gedicht di muse (zu deutsch: Die Muse).

די מוזע

איך געדענק ניט, װאָס שפּעטער, װאָס פֿריִער,
אױף אַ כװאַליע אין חלום פֿאַרשװינד איך. ―
נאָר די מאַמע, ― זי שטײט נעבן מיר.
װי אַ מאָל. װי בײַ נאַכט. אין דער קינדהײט.

װען זי האָט ניט געװוּסט צי איך שלאָף.
װען זי האָט ניט געהערט, צי איך אָטעם ―
און איז באָרװעס אַראָפּ פֿונעם בעט און אַ לאָף,
און פֿון שרעק ניט געװוּסט ― װוּ אַ טראָט טאָן.

אױף דער כװאַליע ― איר בלאַסלעכע האַנט
מיט אַ צערטלעכן ריר מיט אַ מילדן;
אָ, איך האָב זיך איר ניגון דערמאָנט,
װאָס מיט אים זי פֿאַרװיגט אירע קינדער.

אַז איך קאָן ניט דעריאָגן איר קול
אַז אַראָפּגעלאָזט ערגעץ איר בליק איז;
נאָר זי װיגט מיך און זינגט װי אַ מאָל
און איך ― איך גײ אױס פֿון מתיקות.

ס’יאָגן װינטן זיך אָן, אָן אַ שיעור.
זײ באַפֿאַלן דאָס ליד, דאָס באַגינטע;
נאָר די מאַמע… זי שטײט נעבן מיר.
װי אַ מאָל, װי בײַ נאַכט אין דער קינדהײט.

1948

Deutsche Transkription
s = stimmhaft, ss = stimmlos, z wie deutsches z, ch immer (auch am Wortanfang) wie in ach; ie ist kein langes i, sondern die beiden Laute nacheinander: fri-er (früher)

DI MUSE

Ich gedenk nit, woss schpeter, woss fri-er,
Ojf a chwalje in cholem farschwind ich. — chwalje: Welle, cholem: Traum
Nor di mame, — si schtejt nebn mir. nor: nur
Wi a mol. Wi baj nacht. In der kindhajt. – a mol: einmal

Wen si hot nit gewusst zi ich schlof. – zi: ob
Wen si hot nit gehert, zi ich otem (atme)
Un is borwess arop funem bet un a lof, – lof: Spurt (barfuß aus dem Bett gejagt)
Un fun schrek nit gewusst — wu a trot ton. – vor Schreck. wu: wo; trot ton: Schritt tun

Ojf der chwalje — ir blassleche hant
Mit a zertlechn rir mit a mildn; – rir: Bewegung
O, ich hob sich ir nign dermont, – nign: Melodie, dermont: erinnert (ich hab mich an ihre Melodie erinnert)
Woss mit im si farwigt ire kinder. (mit der sie ihre Kinder in Schlaf wiegt)

As ich kon nit derjogn ir kol – derjogn ir kol: ihre Stimme einholen
As aropgelost ergez ir blik is; – as: wenn, dass; aropgelosst: aufgelöst; ergez: irgend
Nor si wigt mich un singt wi a mol
Un ich — ich gej ojs fun metiket. (? ich vergeh vor Entzücken)

S’jogn wintn sich on, on a schir. – on a schir: zahllos
Sej bafaln doss lid, doss baginte;
Nor di mame… si schtejt nebn mir.
Wi a mol, wi baj nacht in der kindhajt.
1948

Wenn man nicht jeden Vers genau versteht – geht es nicht bei Hölderlin manchmal genau so? Es ist trotzdem schön. Hier kann man es gesungen hören (und in englischer Transkription und englischer Übersetzung lesen).

Ungefähr frei und reimlos übersetze ich es so:

Ich weiß nicht, was später, was früher.
Auf der Welle verschwind ich im Traum.
Nur die Mama, sie steht neben mir
Wie schonmal. Wie bei Nacht. In der Kindheit.

Und sie hat nicht gewusst, ob ich schlaf.
Und sie hat nicht gehört, ob ich atme.
Und sie springt aus dem Bett mit nem Satz
und vor Schreck nicht gewusst wo sie hintritt.

Auf der Welle – die blässliche Hand
die sich zärtlich bewegt und sehr sanft.
Und das Lied schlägt ins Ohr mir mit dem
sie uns Kinder gelullt bis wir schliefen.

Und ich kann nicht erjagen die Stimme
und den Blick nicht in dem sie sich auflöst.
Doch sie wiegt mich und singt wie schon mal
und ich, ich vergehe vor Wonne.

Winde jagen sich endlos und kalt
und befallen das Lied das mir träumte
Nur die Mame, sie steht neben mir
wie schon mal, wie bei Nacht in der Kindheit.

Amazonen

KRIEGSLIED DER AMAZONEN VON DAHOMEY

Auf! Laß uns die Erde aufreißen, umdrehen, umwerfen, –
Mögen die Männer dafür die Schmerzen der Kreißenden fühlen!
Auf! Laßt uns graben und arbeiten! Auf! Laßt uns die Erde aufreißen, umdrehen, umwerfen, –
Mögen die Männer dafür die Schmerzen der Kreißenden fühlen!
Auf! Amazonen! Laßt uns die Erde aufwühlen, aufreißen, bearbeiten, umwerfen, –
Mögen die Männer dafür die Schmerzen der Kreißenden fühlen!
Bis daß der Mund sich öffnet, um zu essen, bahnt eine blutige Hacke sich einen blutigen Weg.
Auf! Laßt uns die Erde aufwühlen, aufreißen, umwerfen,
Mögen die Männer dafür die Schmerzen der Kreißenden fühlen!
Auf! Amazonen! Laßt uns die Erde aufwühlen, aufreißen, umwerfen, –
Mögen die Männer dafür die Schmerzen der Kreißenden fühlen!

Aus: Dichtungen der Naturvölker. Religiöse, magische und profane Lyrik. Gesammelt, gesichtet und in deutscher Sprache hrsg. v. Eckart von Sydow. Wien: Phaidon, 1935, S. 170

Dahomey oder auch Dahome (französisch Dahomé) war ein westafrikanisches Königreich, das etwa 260 Jahre lang an der Küste der Bucht von Benin bestand.

1960 gründete sich unter Bezugnahme auf das alte Königreich der moderne Staat Dahomey, dessen Staatsgebiet sich in Teilen mit dem Gebiet des alten Königreiches deckte, in den nördlichen Teilen aber weit darüber hinausreichte. 1975 wurde dieser Staat in Volksrepublik Benin umbenannt (seit 1990 Republik Benin).

Das Königreich Dahomey grenzte zum Ende des 19. Jahrhunderts hin im Osten an das Land der Yoruba und reichte im Westen bis zum Volta. Somit umfasste es ein Gebiet, das sich auf einer Länge von knapp 300 km vom heutigen West-Nigeria bis ins heutige Ghana erstreckte. (…)
Das Königreich Dahomey wurde im 17. Jahrhundert gegründet und bestand bis Ende des 19. Jahrhunderts, als es von französischen Truppen von Senegal aus erobert und später Teil von Französisch-Westafrika wurde. (Wikipedia)

Hajlik

Itzik Manger

(geboren 30. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; gestorben 21. Februar 1969 in Gedera, Israel)

Vagabunden

Sie schlafen in den Parks und sie sind heilig
Mit Heiligkeit der unbestirnten Nacht.
Streift barfuß Wind vorüber, hört er sacht
Im Schlaf sie reden. Und dann weiß er: Heilig!

Die Heimat haben sie bewahrt im Traum
Und lieben sie mit jener großen Liebe,
Die auf Sandalen (ist die Herbstnacht trübe)
Auch Lehmhütten umzieht mit goldnem Saum.

Sie sind per Du mit Wolken und dem Regen
Und enge Freunde, wahrlich gute Brüder,
Von allen rechten wie auch krummen Wegen.

Und packt sie Schwermut, singen sie die Lieder
Zusammen mit den schönen Herbstballaden
Von Itzik Manger – oh, ihr treuen Kameraden!

Aus dem Jiddischen von Andrej Jendrusch. Aus: Itzik Manger: Ich, der Troubadour. Lieder, Balladen und Prosa. Berlin: Edition Dodo, 1999, S. 53

Original und annähernde Transkription der ersten Strophe:

Wagabundn

sej schlofn in di parkn un senen hajlik
mit jener hajlikajt fun necht on schtern.
e barweßer wint nor ken amol derhern
sejer rejdn funem schlof un wißn: hajlik!

s = stimmhaft; necht: ch wie in ach

So als wär es nicht auf meiner Seite

Rainer Maria Rilke

(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

EIN VERLEUGNETER der eignen Hände,
und vergessen wie ein totes Tier, –
und die vielen fremden Widerstände,
und der Aufstand gegen mich in mir.
Ob aus alle diesem etwas Neues,
Wirkliches und Weites kommen kann,
oh, mein Herz ist ein unendlich scheues,
ängstlicher als Traum und Talisman.
So als wär es nicht auf meiner Seite
ist das Leben täglich aufgelehnt,
und ich weiß noch wie ich mich ins Weite
und als Knabe von ihm fort gesehnt…
Und es ist die Jahre so geblieben
wie es wurde, da ich zag begann,
hülflos sind und traurig die mich lieben,
und die Fernen schaun mich grausam an.
Und ich gehe und ich weiß nicht weiter,
ich vergaß, was ich zu sagen kam;
alles will von mir ich soll ein Streiter
werden und ich bin ein Bräutigam…

Im nächsten wirds besser

Johann Martin Miller

(* 3. Dezember 1750 in Ulm; † 21. Juni 1814 ebenda)

Säkulargesang beim Anfang des neunzehnten Jahrhunderts

Wirf, schrecklichstes von allen, die noch waren,
Wirf, blutbeflecktestes von allen Jahren,
Wirf, o Jahrhundert, mir noch einen Blick,
Eh‘ du entfleuchst, in unsre Welt zurück.

Hör einmal noch der Menschheit banges Stöhnen!
Blick nieder auf die Millionen Thränen,
Die Deutschlands Flur, von Leichnamen gedüngt,
Und Rhein und Donau blutgerötet trinkt.

Hör, an der Hütt‘ und des Palastes Trümmern
Hinauf zu Gott die Halberstarrten wimmern!
Vernimm mit Schaudern, wie auf banger Flucht
Der eine betet, dort der andre flucht!

Und nun erheb, hinauf vom Kriegsgewimmel,
Dich wieder zu des Allerbarmers Himmel,
Der, uns zu zücht’gen, dich herabgeschickt!
Auf, und erzähl ihm, was dein Aug‘ erblickt!

Sag ihm, daß unter all den Millionen
Von Bösen auch noch gute Menschen wohnen,
Die, schlecht und recht, das Eine sich erflehn,
Ringsum beglückt die ganze Welt zu sehn.

Leg, an der Seite deiner ältern Brüder,
Vor seinem Thron die tausend Seufzer nieder,
Die, Jahre schon vom Kriegessturm verweht,
Umsonst den Frieden uns herabgefleht.

Dann senket sich im hellsten Morgenglanze,
Die Schläf‘ umgrünt vom frischen Myrtenkranze,
Den Palmzweig in der hochgehobnen Hand,
Der Friedensengel aufs verheerte Land.

Die Menschheit jauchzt mit lauten Herzensschlägen
Dem Kommenden ihr Jubellied entgegen.
Der Krieg durchbohrt wutknirschend sich die Brust,
Und alles schwimmt in neuer Lebenslust.

Jenseits (der Bedeutung?)

Weiter über Übersetzen.

In einem Reclambändchen steht dieser Vierzeiler (Rubaiyat) von Rumi (1207-1273). Die Übersetzerin Annemarie Schimmel hat neben einer sechsbändigen Ausgabe des Diwan und einem weiteren Buch die Handschrift Istanbul Esad (2936 Blätter) benutzt, die „älteste[…] Vierzeilerhandschrift“.

Von Glauben und Unglaub‘ liegt jenseits ein Land,
Uns liegt eine Leidenschaft dort an dem Strand.
Der Wissende, der dorthin kommt, beugt sein Haupt,
Nicht Glaub‘ ist, nicht Unglaub‘, nicht Ort dort bekannt.

R 318 b 1

Aus: Maulana Dschelaladdin Rumi: Aus dem Diwan (UNESCO-Sammlung repräsentativer Werke, Asiatische Reihe). Aus dem Persischen übertragen und eingeleitet von Annemarie Schimmel. Stuttgart: Reclam, 2000 (zuerst 1964), S. 62

Einmal war ich am Grab in Konya in Anatolien, ein Wallfahrtsort, wo neben einem prächtigen Rumiband (den der schriftunkundige Westler zuerst für den Koran hält) auch eine Haarlocke des Dichters ausgestellt und von Menschenmassen belagert wird. In einer anderen Stadt, vor einer Moschee in einer früheren Karawanserei, verkaufte der Imam persönlich Bücher und Devotionalien, für mich zwei Hefte auf Englisch, er freute sich über die Anteilnahme und fragte mich ein wenig aus. Zufällig befindet sich in einem davon eine englische Fassung just dieses Vierzeilers, übersetzt vom Herausgeber der Broschüre, Talat Sait Halman (Love is all. Rumi’s life and poems of ecstasy. Istanbul 2011).

Beyond belief and faithlessness there lies the space
In whose heartland this love of ours has found its place:
It holds no room for religion and sacrilege –
That’s the ground where the man of wisdom rubs his face.

Man braucht vielleicht ein bisschen Phantasie, um zu erkennen, dass es sich um das gleiche Gedicht handelt. Hier noch einmal beide Fassungen parallel, die zweite nach dem englischen Text von mir in Prosa übersetzt:

Von Glauben und Unglaub‘ liegt jenseits ein Land,
Uns liegt eine Leidenschaft dort an dem Strand.
Der Wissende, der dorthin kommt, beugt sein Haupt,
Nicht Glaub‘ ist, nicht Unglaub‘, nicht Ort dort bekannt.

Jenseits von Glauben und Unglauben liegt die Gegend
in deren Kernland diese unsere Liebe ihren Platz gefunden hat:
In ihr ist kein Raum für Religion und Entweihung –
Das ist der Boden, auf dem der Weise sich das Gesicht reibt.

Ohne das Original zu kennen, meint man zu verstehen, dass die englische Fassung diesem näher sein wird. Es fällt auf, dass der Übersetzer ins Englische in den vier Zeilen fünf verschiedene Substantive für den Ort verwendet: space, heartland, place, room, ground. Wie Stäbe halten diese fünf Substantive das kurze Gedicht und den mystischen Inhalt fest im Griff. Ein starkes Gedicht (in der Nachdichtung Annemarie Schimmels war mir das nicht deutlich).

Der türkische Professor leitet das Zitat mit einem kurzen Satz und zwei weiteren Zeilen Rumis ein – aus dem Kontext scheint sich zu ergeben, dass diese zu dem unmittelbar vorhergehenden Vierzeiler gehören:

Er betont den Vorrang der Liebe vor formaler Religionsausübung:

Nur Narren loben und verherrlichen die Moschee
Während sie Herzen voll von Liebe und Glauben unterdrücken.

Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, kurz Rūmī oder Rumi, persisch جلال الدین محمد بن شيخ بهاء الدين محمد بن حسين بلخى رومی, in Iran meist Maulawī (مولوی) genannt, geboren am 30. September 1207 entweder in Balch, heute Afghanistan, oder Wachsch, heute Tadschikistan, gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya.

Hoffnung 1839

Mihály Vörösmarty

(* 1. Dezember 1800 in Kápolnásnyék/Pusztanyék; † 19. November 1855 in Pest)

In ein Gutenberg-Album

Wenn einst die Nacht sich erschöpft und der Trugträume Priester verschwinden
und das erstrahlende Licht Wahnwissenschaft nicht mehr zeugt;
wenn einst das Schwert der Gewalt den rohen Händen entgleitet
und der Dolch nicht den Tag heiligen Friedens befleckt;
wenn einst das darbende Volk und der völkeraussaugende Reiche
sich aus Teufel und Vieh zu einer Menschheit erhöhn;
wenn einst Erhellung fortschreitend von West aus nach Osten sich breitet
und den Verstand dann ein Herz adelt das opfern noch kann;
wenn einst zum Rat mit sich selbst des Erdenrunds Volk sich versammelt
und seine Stimme zum Schrei eint der den Himmel bestürmt,
daß dem Getöse dann donnernd das Wort GERECHTIGKEIT ausfährt
und sie, die so lang ersehnt, endlich der Himmel uns schickt:
Dieses erst wird ein Triumph sein, der deinem Namen gemäß ist,
dann erst stiftet die Welt dir ein dir würdiges Mal.

1839

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Mihály Vörösmarty, Wenn einst die Nacht sich erschöpft. Gedichte und dramatische Lyrik. Nachdichtung von Franz Fühmann. Berlin: Rütten & Loening, 1982, S. 12f

Poetische Abgründe

Aus: ÜBER DICHTUNG: EINE RHAPSODIE

Hobbes zeigt, daß jede Kreatur
Im Krieg lebt – so wills die Natur.
Die Größern nach den Kleinern greifen,
Doch selten je nach ihresgleichen:
Dem Wal bescheidner Größe auch
Mästet ein Heringsschwarm den Bauch;
Mit Gänsen stopft der Fuchs sich voll,
Und tausend Lämmer reißt der Wolf.
Doch anders bei der Dichterrasse:
Da droht die niedrige der höheren Klasse.
Sitzt du auf des Parnassus Spitzen,
Beißt selten Du, wirst viel gebissen;
Ein jeder Dichter mindrer Größe
Wird kritisieren, schmähn Dich böse,
Wird Dich zu fleddern sich bemühn,
Wie andre über ihn herziehn.
Dieses Geschmeiß zwickt ränkevoll
Nur Feinde größer um ein Zoll.
Denn jeder Floh, sagt der Zoolog,
Dient kleinern Flöhn als Futtertrog,
Und wieder kleinern dienen diese –
Ad infinitum, die Devise.
Genauso wird der Dichter dann
Gebissen auch vom Hintermann,
Der, ist er auch fürs Aug zu klein,
Doch peinigen kann und giftig sein:
Schreit: Dummkopf, Tölpel, Hurensohn,
Der Schmierfink schreibt um Gossenlohn!
Verherrlicht Roms und Hellas‘ Meister,
Und schimpft die Neuern Reimekleister;
Wird, alten Barden gleich, beklagen,
Wie am Hungertuch Genies heut nagen:
Wie Ungeschmack bei uns regiert,
Der Ahnen Sang uns schwer blamiert;
Und schneidet plumpe Spottgesichter
Denen, die nicht geboren zum Dichter;
Will dreist die Brudernarrn verklopfen,
Da sie mit Dreck stündlich die Druckerei verstopfen.

Der poetische Abgrund

Nicht mehr und feinere Größengrade
Gibts zwischen Elefant und Made,
Als sich dem Forscher offenbart
Bei Kreaturn der Reimer-Art:
Von schlecht zu schlechter gehts hinunter –
Doch wo erreicht des Schlechten Grund er?
Wo Hoch wie Tief in allen Welten
Natürlich als unendlich gelten,
Kennt man der Poesie Zenith –
Nach unten nur gehts infinit.

Deutsch von Manfred Pfister aus: Englische Dichtung. Von Dryden bis Tennyson. (Englische und amerikanische Dichtung II). München: Beck, 2000, S. 93ff

From: ON POETRY. A RHAPSODY.

Hobbes clearly proves, that ev’ry creature
Lives in a state of war, by nature.
The greater for the smallest watch,
But meddle seldom with their match.
A whale, of mod’rate size, will draw
A shoal of herrings down his maw.
A fox with geese his belly crams,
A wolf destroys a thousand lambs.
But, search among the rhiming race,
The brave are worried by the base.
If on Parnassus‘ top you sit,
You rarely bite, are always bit.
Each poet of inferior size
On you shall rail and criticise;
And strive to tear you limb from limb,
While others do as much for him.
The vermin only teaze and pinch
Their foes superior by an inch.
So, nat’ralists observe, a flea
Hath smaller fleas that on him prey,
And these have smaller still to bite ‚em,
And so proceed ad infinitum.
Thus ev’ry poet, in his kind,
Is bit by him that comes behind;
Who, though too little to be seen,
Can tease, and gall, and give the spleen;
Call dunces fools, and sons of whores,
Lay Grub-street at each other’s doors;
Extol the Greek and Roman masters,
And curse our modern poetasters.
Complain, as many an ancient bard did,
How genius is no more rewarded;
How wrong a taste prevails among us;
How much our ancestors out-sung us;
Can personate an aukward scorn
For those who are not poets born;
And all their brother dunces lash,
Who croud the press with hourly trash.

[…]

In bulk there are not more degrees,
From elephants to mites in cheese,
Than what a curious eye may trace,
In creatures of the rhiming race.
From bad to worse, and worse they fall;
But who can reach the worst of all?
For though, in nature, depth and height
Are equally held infinite,
In poetry the height we know;
‚Tis only infinite below.

Das vollständige lange Gedicht hier