„Trauern um die Menschheit, die der Wahn erwürgt“

Christoph August Tiedge

(* 14. Dezember 1752 in Gardelegen; † 8. März 1841 in Dresden)

Elegie auf dem Schlachtfelde bei Kunersdorf

Nacht umfängt den Wald; von jenen Hügeln
Stieg der Tag ins Abendland hinab;
Blumen schlafen, und die Sterne spiegeln
In den Seen ihren Frieden ab.
Mich laßt hier in dieses Waldes Schauern,
Wo der Fichtenschatten mich verbirgt;
Hier soll einsam meine Seele trauern
Um die Menschheit, die der Wahn erwürgt.
Drängt euch um mich her, ihr Fichtenbäume!
Hüllt mich ein, wie eine tiefe Gruft!
Seufzend, wie das Atmen schwerer Träume,
Weh‘ um mich die Stimme dieser Luft.
Hier an dieses Hügels dunkler Spitze
Schwebt, wie Geisterwandel, banges Graun;
Hier, hier will ich vom bemoosten Sitze
Jene Schädelstätten überschaun.

Dolche blinken dort im Mondenscheine,
Wo das Erntefeld des Todes war;
Durcheinander liegen die Gebeine
Der Erschlagnen um den Blutaltar.
Ruhig liegt, wie an der Brust des Freundes,
Hier ein Haupt, an Feindes Brust gelehnt,
Dort ein Arm vertraut am Arm des Feindes. –
Nur das Leben haßt, der Tod versöhnt.
O, sie können sich nicht mehr verdammen,
Die hier ruhn; sie ruhen Hand an Hand!
Ihre Seelen gingen ja zusammen,
Gingen über in ein Friedensland;
Haben gern einander dort erwidert,
Was die Liebe giebt und Lieb‘ erhält.
Nur der Sinn der Menschen, noch entbrüdert,
Weist den Himmel weg aus dieser Welt.
Hin eilt dieses Leben, hin zum Ende,
Wo herüber die Cypresse hängt:
Darum reicht einander doch die Hände,
Eh‘ die Gruft euch aneinander drängt!

Aber hier, um diese Menschentrümmer,
Hier auf öder Wildnis ruht ein Fluch;
Durch das Feld hin streckt sich Mondenschimmer,
Wie ein weites, weißes Leichentuch.
Dort das Dörfchen unter Weidenbäumen;
Seine Väter sahn die grause Schlacht:
O sie schlafen ruhig, und verträumen
In den Gräbern jene Flammennacht!
Vor den Hütten, die der Asch‘ entstiegen,
Ragt der alte Kirchenturm empor,
Hält in seinen narbenvollen Zügen
Seine Welt noch unsern Tagen vor.
Lodernd fiel um ihn das Dorf zusammen;
Aber ruhig, wie der große Sinn
Seiner Stiftung, sah er auf die Flammen
Der umringenden Verwüstung hin.
Finster blickt er, von der Nacht umgrauet,
Und von Mondesanblick halb erhellt,
Über diesen Hügel, und beschauet,
Wie ein dunkler Geist, das Leichenfeld.

Mag, o Lenz, dein Angesicht hier lächeln?
Jeder Windstoß, der den Wald bewegt,
Ist ein großer Seufzer, der das Röcheln
Der Gefallnen durch die Wildnis trägt.
Diese Greisin, diese düstre Fichte
Zeigt die Narben, die auch sie empfing,
Weist dahin, wo blutig die Geschichte
Böser Zeiten ihr vorüber ging.
Als hier wild die Waffendonner stürmten,
War sie noch mit Jugendkraft umlaubt,
Und, wie Hände der Natur, beschirmten
Ihre Schatten ein geweihtes Haupt.

Hier sah Friedrich seine Krieger fallen. –
Herrscher deiner Welt, du warst so groß;
Aber doch – das härteste von allen
War dein Los, es war ein Königslos.
Mann des Ruhmes, konnten alle Blüten
Jenes Kranzes, der dein Haupt umfing,
Konnt‘ ihn dir die Musenhuld vergüten,
Diesen Weg, der über Leichen ging?
Menschen fielen, gleich gemähten Ähren,
Ach, sie fielen dir, du großer Mann!
Da, da war es, als dein Herz in Zähren
Auf den blutbespritzten Lorbeer rann. –

Hier der See, und dort des Stromes Fluten
Spiegelten zurück das Todesschwert;
Dieser Himmel sah das Opfer bluten;
Dieser Hügel war ein Opferherd;
Hier im Bach hat Menschenblut geflossen;
Wo der Halm im Monde zuckend nickt,
Hat vielleicht ein Auge, halb geschlossen,
Nach der Heimatgegend hingeblickt.
Da, wo die Cikad‘ im düstern Thale
Durch die Nacht der Ulmenwaldung tönt,
Da, da hat vielleicht zum letztenmale
Manches zarte Lebewohl gestöhnt.
Und der stille Wandrer, welcher traurig
Sich dem Grau’n der Gegend überläßt,
Fühlt ein dumpfes Ahnen, das so schaurig
Ihm den Atemzug zusammen preßt.

War es Klang von einer fernen Quelle,
Was so dumpf zu meinem Herzen sprach?
Oder schwebt Geseufz‘ um jede Stelle,
Wo ein Herz, ein Herz voll Liebe, brach?
Ist es Wandel einer düstern Trauer,
Was am Sumpf dem Hagebusch entrauscht,
Und nun schweigt, und, wie ein dunkelgrauer
Nebelstreif, im Nachtgeflüster lauscht?
Wandelst du dort, arme Mädchenseele,
Der die Wut den holden Freund entriß?
Schattest du dort um die Totenhöhle
Durch das Nachtgrau’n deiner Finsternis? –

Aber still! was flimmert durch die Zweige,
Wie ein weißer, schleierheller Geist?
Jeder rohe Laut der Wildnis schweige!
Diese Stell‘ ist heilig! hier fiel Kleist.
Wo den Raum die Ulmen überschleiern,
Sank der Frühlingssänger in den Staub;
Diese Stelle will ich heilig feiern;
Ach! und kann sie nur bestreu’n mit Laub.
Rinnen laß hier eine Silberquelle;
Winde deinen sanftern Blumentag,
Holder Frühling, um die rauhe Stelle,
Wo dein edler Sänger blutend lag.

Hier aus diesem wildernden Gesträuche,
Wo der deutsche Mann sein Blut verlor,
Hebe sich, im Schatten einer Eiche,
Grün‘ ein zartes Myrtenreis empor;
Und im dunkelgrünen Eichenlaube
Girre, wenn der Lenz vorüber zieht,
Klagend eine silberweiße Taube
Noch dem Sänger Lalages ihr Lied.
Aber in dem Myrtendunkel säume
Die Begeistrung einer Nachtigall,
Und die Waldluft schweb‘ um ihre Träume,
Wie ein sanft gehaltner Wellenfall.
Leise schwebe sie durchs Laub des Strauches,
Das der Boden dieser Stelle trieb,
Wie der Nachhall eines Flötenhauches,
Der uns aus des Dichters Leben blieb;
Und im zarten Weiß der sanftern Trauer
Nahe sich die Mondnacht diesem Raum,
Feiernd trete sie in seine Schauer,
Wie ein heiliger Erinnrungstraum.

Zwar den fernen Geist kann nichts erstatten;
Doch er schwand nicht ganz aus unserm Blick:
Der geweihte Mann wirft seinen Schatten
Dort noch aus Elysium zurück.
Viel der edeln Männer sind gefallen;
Aber, Kleist, dein Name tritt hervor,
Tritt hervor, und hebt, geweiht vor allen,
Aus der Flut der Zeiten sich empor.
Hier fand mancher Jüngling, welcher mutig
Einen Namen sucht‘, ein stummes Grab;
Manche Hoffnung riß der Tod hier blutig
Vom Idol der goldnen Zukunft ab.

Sagt, was ist, was gilt ein Menschenleben,
Was die Menschheit vor dem Weltengeist,
Wenn der wilde Tod aus den Geweben
Ihres Daseins so die Faden reißt?
Welche Faden sind hier abgerissen!
Und was fällt, wenn nur ein Haupt zerfällt! –
Hier steh’n wir, und hinter Finsternissen
Steht der hohe Genius der Welt!

Stürme fahren aus dem Schoß der Stille,
Und die Zeit, mit Trümmern wüst umringt,
Zählt am Uferrand der Lebensfülle
Jeden Tropfen, den der Sand verschlingt.
Schwankend irren wir im finstern Sturme;
Wechseltod beherrscht die Finsternis;
Er beraubt den Halm, und giebt dem Wurme,
Giebt dem Halm, was er dem Wurm entriß.

Luftig spielt das Laub des Ulmenbaumes
An den frischen Ästen um den Stamm:
Regt darin sich noch ein Rest des Traumes,
Der einmal in Nervensäften schwamm?
Jenen Kopf bewohnten einst Gedanken,
Stolz vielleicht und Dünkel seine Stirn:
Jetzt durchkriecht ein Nachtwurm ihn; und Ranken
Wilder Kräuter nährte sein Gehirn.
Dieser Staub am Wege hing um Seelen;
Wo ich trete, stäubt vielleicht ein Herz
Gott! und hier aus diesen Augenhöhlen
Starrete zu dir hinauf der Schmerz.

Welch ein Anblick! – Hieher, Volksregierer,
Hier, bei dem verwitternden Gebein
Schwöre, deinem Volk ein sanfter Führer,
Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.
Hier schau her, wenn dich nach Ruhme dürstet!
Zähle diese Schädel, Völkerhirt,
Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfürstet,
In die Stille niederlegen wird!
Lass‘ im Traum das Leben dich umwimmern,
Das hier unterging in starres Grau’n!
Ist es denn so reizend, sich mit Trümmern
In die Weltgeschichte einzubau’n?

Einen Lorbeerkranz verschmäh’n, ist edel!
Mehr als Heldenruhm ist Menschenglück!
Ein bekränztes Haupt wird auch zum Schädel,
Und der Lorbeerkranz zum Rasenstück!
Cäsar fiel an einem dunkeln Tage
Ab vom Leben, wie entstürmtes Laub;
Friedrich liegt im engen Sarkophage;
Alexander ist ein wenig Staub.
Klein ist nun der große Weltbestürmer;
Es verhallte, lauten Donnern gleich;
Längst schon teilten sich in ihn die Würmer,
So wie die Satrapen in sein Reich.

Fließt das Leben auch aus einer Quelle,
Die durch hochbekränzte Tage rinnt;
Irgendwo erscheint die dunkle Stelle,
Wo das Leben stille steht und sinnt.
Katharinas Lorbeerthaten zögen
Gern verhüllt den Lethestrom hinab;
Bess’re retten ihre Gruft, und legen
Sanftre Kronen nieder auf ihr Grab.

Dort, dort unten, wo zur letzten Krümme,
Wie ein Strahl, der Lebensweg sich bricht,
Tönet eine feierliche Stimme,
Die dem Wandrer dumpf entgegen spricht:
»Was nicht rein ist, wird in Nacht verschwinden;
Des Verwüsters Hand ist ausgestreckt;
Und die Wahrheit wird den Menschen finden,
Ob ihn Dunkel oder Glanz versteckt!«

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