Wenngleich man verliebten Dichtern nicht aufs Wort trauen soll

Michael Gorlin

(Geboren 1909, Verließ Rußland 1919; ab 1922 in Berlin, 1933 zweite Emigration nach Paris, dort 1942 von den Deutschen deportiert)

WENNGLEICH MAN VERLIEBTEN DICHTERN NICHT AUFS WORT TRAUEN SOLL…

Wenngleich man verliebten Dichtern nicht aufs Wort trauen soll,
Ich weiß: es ist wirklich so gewesen.
Bucklig und krumm fielen – schien es – über­einander die Straßen des Ghetto,
Und auf dem Dachboden des fahlen gelben Hauses wohnte ich.
Man hielt mich für einen sehr begabten Kabbalisten.
Rabbi Nachum ben Joschia selbst auf der Reise durch unser Städtchen
Beehrte mich mit einem Gespräch über den Gehei­men Weg.
Ich erinnere mich: er hatte einen braunen, zer­schlissenen Kaftan an.
Und er erzählte, daß er den Raben des Propheten Elias begegnet sei.
Einmal in der engen Stille meines Zimmers (gelb leuchteten die Kerzen)
Tat ich Beschwörungen nach dem Buche Rasiel und sah dich plötzlich vor mir.
Ich wollte dich nicht hervorrufen, ich wußte nicht einmal, wer du warst.
Deine Augen waren wie ein paar Tauben – so steht es im Lied der Lieder –
Und deine Lippen eine Seidenschnur – so steht es ebenfalls dort.
Seitdem sind vielleicht dreihundert Jahre ver­gangen.
An einem Abend des XXten Jahrhunderts begeg­nete ich dir.
Ich wußte nichts weder von dir noch von dem Ghetto.
Ich war ein anfangender Dichter; ich verwechselte Traum und Wirklichkeiten,
Und ich las meine Gedichte nur gezwungen, weil ich fürchtete, daß man mich verlacht.
Es gibt Kommoden: man sucht, drückt nachlässig irgendwo,
Und plötzlich geht ein Fach auf, worin Briefe, Moneten und Staub.
So geschah es auch mir. Einmal waren wir zu­sammen;
Die Tischlampe leuchtete, wie eine Kerze, gelb, altertümlich und sanft.
Auf ging plötzlich von selbst das geheime Fach in den Tiefen,
Und ich sah das fahle Haus im Ghetto und sah, wie du mir erschienen
Und glaubte an dich, wie früher ich nur an Träume geglaubt.

Aus: Michael Gorlin, Märchen und Städte. Gedichte. Teil-Nachdruck der Erstausgabe von 1930. Aus dem Russischen von D. Mirajew. Nachwort Helmut Kreuzer, . S. 14f (Vergessene Autoren der Moderne X, Siegen 1985)

Wider das Sauffen

Georg Neumark

(* 16. März 1621 in Langensalza; † 8. Juli 1681 in Weimar)

Der nächste Jubilar: Georg Neumark, ein Dichter aus der Generation von Sibylla Schwarz, wurde heute vor 400 Jahren geboren. Man kennt von ihm das Kirchenlied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Ich bringe zur Geburtstags-Jubelfeier ein Sonett und zwei Epigramme über das Saufen, das ein Problem war.

Sonnet/
An die unmässigen Weinsäuffer. 

Ihr Helden / die ihr Euch selbst saufft vom Witz und Sinne /
  Die ihr euch spät und früh mit vollem Glas' ergetzt/
  Die ihr anstatt der Kirch euch in ein Weinhaus setzt /
Die ihr an GOttes statt die geile Lustgöttinne
Und euren Bachus ehrt / bedenkt/ was Sauffen könne /
  Hat nicht der Wein den Loht zur Unzucht angehetzt?
  Hat Alexander nicht den Klitus hingemetzt
Jn voller Trunkenheit? O Seelenmörderinne!
O Lasterquell'! es ist mit Thränen zu beklagen /
  Wie mancher Mord / Verraht / wie manche Hurerei/
  Wie mancher Diebstahl auch durch dich verübet sei.
Bedenk dieß Trunkenbold. Dieß muß ich dir noch sagen:
  Der Wein der ist gesund / wenn man ihn recht geneust /
  Ein Gift/ im fall man ihn / wie Wasser / in sich geust.

Aus: G. Neumarks von Mühlhausen aus Thüringen Fortgepflantzter Musikalisch-Poetischer Lustwald / Zweite Abtheilung : Jn welcher so wohl geist- als weltliche weitläuftigere poetische Gedanken, Glükkwünschungen, Lobschriften, Leichreden, Trauer- und Hochzeitsversche neben etlichen Geschichtreden begriffen sind. Jehna : Georg Sengenwald, 1657, S. 297

An einen Vielsäuffer.

Du praalst: Ich sauffe viel / krieg aber keinen Dummel /
  Und söff' ich auch das Bier bei halb-und gantzen ein/
So werd ich doch nicht voll. Hör du / versoffne Hummel/
  Gleich solch' ein' Heldenthat kan auch ein volles Schwein.

Aus: G. Neumarks von Mühlhausen aus Thüringen Fortgepflantztes Musikalisch-Poetisches Lustwaldes Dritte Abtheilung/ In welcher allerhand kurtze Getichte / Überschriften / Sinn-Lehr-Trost-Straf-und Wahlsprüche/ Geist-und Weltlich zu befinden sind. Jehna: Georg Sengenwald, 1657,  S. 21

Gegenverweiß des Teutschen
und Spaniers.

LAß ab / du Teutsche Sau / von deinem großen Sauffen!
Und du / du Spanscher Hund / vom Raub' und Hurenlauffen!

Ebd. S. 39

Auch die Troer also

Es gibt nicht die eine gültige Übersetzung. Sehen wir einmal von individuellen Auffassungen ab (es ist bekannt, dass Shakespeare, Rimbaud & Co. in den deutschen Fassungen von George, Rilke oder Celan immer auch Ähnlichkeiten mit dem Werk ihrer Übersetzer haben). Mindestens müsste jede Generation das ihr wichtige neu übersetzen – aber wie findet man heraus, was wichtig ist, wenn es keine aktuellen Übersetzungen gibt?

Haben wir gute, aktuelle Übersetzungen von Puschkin, Keats, Eminescu, Petöfi, Majakowski?

Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich sehe mein Bücherregal durch nach Übersetzungen eines Gedichts von Konstantin Kavafis (vgl. gestern aus einer aktuellen Übersetzung). Kavafis hat wahrscheinlich Glück gehabt bei seinen deutschen Lesern, weil er seit Jahrzehnten immer wieder neu übersetzt wurde. Dieses Gedicht wurde bei deutschen Lesern (oder mindestens bei Brechtforschern) relativ berühmt, weil Bertolt Brecht eine Übersetzung von seinem Verleger bekam und daraus ein eigenes Gedicht bildete, das Teil des Zyklus „Buckower Elegien“ von 1953 wurde. Ich reihe es hier chronologisch mit ein, obwohl es keine Übersetzung ist.

1905

Geschrieben im Juni 1900, gedruckt 30.11.1905

1928

Troer

Mit unserm Trachten geht’s uns wie den Troern:
Wir kommen ein Stück vorwärts, glauben gleich
uns obenauf, und alsobald beginnen
sich Mut und Hoffnungen in uns zu regen.

Doch etwas tritt sofort uns in den Weg:
Im Graben vor uns ein Achill emporwächst,
der uns mit lautem Rufen treibt zurück.

Ja, wie den Troern geht es unserm Trachten:
Wir glauben, daß mit Willenskraft und Kühnheit
wir des Geschickes Schlägen wehren können,
und stehn schon draußen, fertig, kampfgerüstet.

Doch naht die große Stunde der Entscheidung,
dahin alsbald ist Willenskraft und Kühnheit.

Verwirrt wird unsre Seele und erlahmet,
wir jagen sinnlos um den Mauerring
und suchen nur noch Rettung in der Flucht.

Doch unser Fall steht unumstößlich fest:
Dort auf den Mauern hebt schon an die Klage;
beweinend denkt man unsrer großen Tage,
Laut jammern Priamos und Hekuba.

Deutsch von Karl Dieterich, aus: Neugriechische Lyriker. Mit einem Geleitwort von Gerhart Hauptmann. Leipzig: Haessel, 1928, S. 71

1953 (1)

TROER

Unsre Bemühungen, die von Schicksalsduldern,
Unsre Bemühungen sind wie jene der Troer.
Stückchen richten wir grade, Stückchen
Nehmen wir über uns und beginnen,
Mut zu haben und gute Hoffnungen.

Immer doch steigt etwas auf und heisst uns stillstehn.
Aufsteigt in dem Graben uns gegenüber
Er, Achill, und schreckt uns mit grossen Schreien. –

Unsre Bemühungen sind wie jene der Troer.
Kühn gedenken wir, mit Entschluss und Wagmut
Fallenden Schlag des Geschickes zu ändern,
Und wir stellen uns draussen auf zum Kampfe.

Aber sobald die grosse Entscheidung nahkommt,
Geht uns der Wagmut und der Entschluss verloren,
Unsere Seele erbebt, fühlt Lähmung,
Und in vollem Kreis um die Mauern laufen wir,
Durch die Flucht zu entrinnen bestrebt.

Dennoch ist unser Fall gewiss. Dort oben
Auf den Mauern begann schon die Totenklage.
Unsrer Tage Erinnrungen weinen, Gefühle weinen.
Priamos bitter um uns und Hekabe weinen.

Deutsch von Hellmuth von den Steinen, aus: Gedichte des Konstantin Kavafis. Berlin 1953, S. 15

1953 (2)

Bertolt Brecht

Bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters

In den Tagen, als ihr Fall gewiß war
Auf den Mauern begann schon die Totenklage
Richteten die Troer Stückchen grade, Stückchen
In den dreifachen Holztoren, Stückchen.
Und begannen Mut zu haben und gute Hoffnung.

Auch die Troer also…

Aus: Brecht, Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 12, Berlin u. Frankfurt/Main, 1988, S. 312

1997

Trojaner

Unsere Anstrengungen, wir Unglücklichen,
Unsere Anstrengungen sind wie die der Trojaner.
Wir erreichen schon einiges,
Fassen etwas Vertrauen und fangen an,
Mutig und voller Hoffnung zu sein.

Doch stets erscheint ein Hindernis und hält uns auf.
Aus dem Graben erhebt sich vor uns Achilles
Und erschreckt uns mit lautem Geschrei.

Unsere Anstrengungen sind wie die der Trojaner.
Wir glauben, daß mit Entschlossenheit und Kühnheit
Wir den Schlägen des Schicksals entgehen,
Und kampfbereit stehen wir draußen vor den Mauern.

Aber im entscheidenden Augenblick
Verlassen uns Kühnheit und Entschlossenheit,
Und unser Mut wird erschüttert, gelähmt
Wir laufen rings um die Mauer
Und suchen in der Flucht unser Heil.

Unser Untergang ist jedoch sicher. Oben
Auf den Mauern beginnt schon der Klagegesang.
Es jammern die Erinnerungen und Gefühle unserer Vergangenheit.
Bitterlich beweinen uns Priamos und Hekuba.

Aus: Konstantinos Kavafis, Das Gesamtwerk. Griechisch und Deutsch. Aus dem Griechischen übersetzt von Robert Elsie. Zürich: Ammann, 1997, S. 75

2001

TROER

Unsere Mühen sind die von Stürzenden.
Wir mühen uns wie die Troer.
Stückwerk gelingt uns; Bruchmauern
Richten wir über uns auf, fangen an.
Uns selbst zu vertrauen und guter Hoffnung zu sein.

Immer drängt uns etwas vom Weg und bringt uns zum Stehen.
Aus seinem Graben stürmt Achill
Vor und erschreckt uns mit lauter Stimme.

Wir mühen uns wie die Troer.
Glauben, entschlossen und mutig,
Uns der Schläge des Schicksals erwehren zu können.
Wir stellen uns draußen auf und wollen kämpfen.

Doch wenn der große Kampf kommt.
Sind wir verlassen von Wagemut und Entschlossenheit.
Angstgeschüttelt und starr ist unser Herz.
Wir laufen um die Mauern
Und suchen das Heil in der Flucht.

Und trotzdem fallen wir ganz gewiß. Droben auf den Zinnen
Hat schon die Totenklage begonnen,
Weint die Erinnerung unserer Tage, weinen die Gefühle.
Bitter weinen um uns Hekabe und Priamos.

Aus: Konstantinos Kavafis, Gefärbtes Glas. Historische Gedichte. Griechisch und Deutsch. Übersetzung und Nachwort Michael Schroeder. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2001, S. 15

Dezember 1903

Konstantínos Kaváfis,

(Κωνσταντίνος Πέτρου Καβάφης; * 29. April 1863 in Alexandria; † 29. April 1933 ebenda)


Aus: Konstantinos Kavafis, Im Verborgenen. Übersetzung Jorgos Kartakis & Jan Kuhlbrodt, Illustration Anja Nolte, Nachwort Ricardo Domeneck. Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2014, S. 47

Deutschland, alte Mutter

Inge Müller

(* 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)

MEINE MUTTER WOLLT MICH NICHT HABEN
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.

Deutschland, alte Mutter
Wollte einen Sohn
Und da kamen Kanon’
Immer wieder Kanonen statt Butter.

Fritz und Krupp und Karl der Starke
Geheiligte Nation
Ja wir wissen schon
Das ist unsre Welt: Weltmarke.

Und die Welt ging in Scherben
Deutschland, eine Scherbe davon
Die Scherbe der Nation’
Favorit beim großen Sterben.

Unsre Denker und Dichter
Mußten immer gehn
Die Mutter blieb am Grabstein stehn
In Nürnberg am Trichter.

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Ich wollt die Mutter nicht
Drum hab ich kein Gesicht
Bis sie mich begraben.

Aus: Inge Müller, Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 19

Adelaide

Friedrich von Matthisson

(* 23. Januar 1761 in Hohendodeleben bei Magdeburg; † 12. März 1831 in Wörlitz bei Dessau)

Adelaide.

Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten,
Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen,
Das durch wankende Blüthenzweige zittert,
     Adelaide!

In der spiegelnden Flut, im Schnee der Alpen,
In des sinkenden Tages Goldgewölken,
Im Gefilde der Sterne stralt dein Bildnis,
     Adelaide!

Abendlüftchen im zarten Laube flüstern,
Silberglökchen des Mais im Grase säuseln,
Wellen rauschen und Nachtigallen flöten,
     Adelaide!

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe,
Eine Blume der Asche meines Herzens;
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:
     Adelaide!

Aus: Friedrich Matthissons Gedichte. Hrsg. Johann Heinrich Füssli,  Vermehrte Auflage. Zürich: Orell, Gessner, Füssli & Co., 1792, S. 19 (Das Buch als Digitalisat in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern)

Goethes Faust

Georg Maurer (* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam)

Aus: LAUFEN

Komplizierter als Goethes „Faust“,
sag ich frech, ist jedermanns Bein
(ach, was kann ich von Beinen sagen,
als daß sie laufen und uns tragen)
und komplizierter noch Goethes Faust,
als sie aufs Pult niederschlug
in die Finsternis:
„Um Mitternacht wohl fang ich an,
spring aus dem Bette wie ein Toller;
nie war mein Busen seelenvoller,
zu singen den gereisten Mann …
Und ich, mir fehlt zur Nacht der Kiel,
ergreif wohl einen Besenstiel…“

(…)

Aus: Georg Maurer: Bäume im Rosental. Gedichte. Hrsg. Heinz Czechowski. Leipzig: Reclam, 1987, S. 107

Der große Regenmacher EA

Jürgen Rennert

(* 12. März 1943 in Berlin-Neukölln)

Der große Regenmacher

Für Erich Arendt

Der große Regenmacher aber macht es
Mit Steinen, die er dreht und wendet, bis
Sie nichts sind als Metaphern, Niederschlag,
Traumhaftes Regnen in
Vulkanisch eruptiver Landschaft.

Des Regenmachers Zuflucht: Felsenbuchten,
Darin sich die Geschichte ihm
Als Muschelrauschen offenbart.
Steinlippiges Orakel, die behende
Meerzunge zischelt welchen Spruch?

Allein der große Regenmacher weiß es
Von Bildern, die er dreht und wendet, bis
Sie nichts mehr sind als Steine, Tropfen,
Gischtspritzer der befreiten Brandung
Cala Monjoys, der Bucht am Herzen.

Aus: Jürgen Rennert, Märkische Depeschen. Gedichte. Berlin: Union, 1976, S. 28

Alles wird gedenken

Rajzel Żychliński

(רייזל זשיכלינסקא . Geboren 27. Juli 1910 in Gąbin; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)

alz wet gedenken

alz wet gedenken
as ich bin do gewen.
di schifn weln hobn dem kolir
fun majne klejder,
di fejgl weln rufn mit majn kol,
der fischerman ojfn schtejn
wet trachtn majn lid,
der tajch
wet nochgejn majne trit.

ALLES WIRD SICH ERINNERN

Alles wird sich erinnern,
dass ich da war.
Die Schiffe werden die Farben
meiner Kleider tragen,
die Vögel werden rufen mit meiner Stimme,
der Angler auf dem Stein
wird mein Gedicht bedenken,
der Fluss
wird meinen Tritten folgen.

Deutsch von Hubert Witt. Aus: Rajzel Zychlinski, di lider. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 832f

Erfinder des Concerto

Klopstock klagte, dass der Name großer Erfinder zu oft in ewiger Nacht begraben sei. Hier ein Epigramm des Barockdichters Johann Rist, erschienen 1638, in dem drei mythische Musiker und ein sie übertreffender neuzeitlich-realer Erfinder benannt werden. Ludovicus Viadana heißt er, laut Rist „erster Erfinder der Concerten“ (gemeint ist vermutlich die bis heute beliebte Musikgattung, bei der Solist und Orchester miteinander spielen). Er lebte zwischen etwa 1560 und 1627 (siehe Wikipedia).

Johann Rist

(* 8. März 1607 in Ottensen / Hamburg); † 31. August 1667 in Wedel, Holstein)

LUDIVICUS VIADANA, der
vortrefflicher vnd weitberühmter
Musicus, erster Erfinder der
Concerten.

Der Orpheus konte zwar die Bäum und Thier erregen /
Amphion wuste Stein vnd Berge zu bewegen /
Vnd als Arion schwamm halb todt im grünen Meer
Da hielt ein wasserschwein jhm seinen Rücken her.
Noch müssen sie zumal dem Viadana weichen
Als der die Erden / Lufft und Meer thut überreichen /
Der Himmel lobt jhn selbst / drumb zeugen diese drery
Daß Viadana lengst jhr Printz vund Meister sey.

Aus: Johannis Ristii Holsati Poetischer Lust-Garte Das ist: Allerhand anmuhtige Gedichte auch warhafftige Geschichte auß Alten vnd Newe[n] beglaubten Geschichtschreiberen : mit fleiß außerlesen vnd benebenst mancherley Elegien, Sonnetten, Epigrammaten Oden, Graabschrifften, Hochzeit- Lob- Trawr- vnd Klaag-Gedichten … an den Tag gegeben. Hamburg: Hertel, 1638, S. 134 (Zu finden im vorzüglichen Münchner Digitalisierungszentrum).

Zwei Gedichte Philanders von Sittewald

Johann Michael Moscherosch

(* 7. März 1601 in Willstätt; † 4. April 1669 in Worms)

Vnd kam in einen grossen Hof, allda durch viel Werckleutte ein runder Thurn vier Stock-werck hoch aufgeführet ward; vnd alß ich an die Thür kame, stunden volgende Verse darüber eingehauen:

Nicht lieben, ist nicht Leben.

Ein schönes Junges Weib ohne Lieb,
Ein großer Jahrmarck ohne Dieb,
Ein alter Wuchrer ohne Guth,
Ein Junger Mann ohn freud vnd muth,
Ein alte scheuer ohne mäus,
Ein alter Beltz ohn Flöh vnd Läus,
Ein alter Geisbock ohne Bart
Ist alles wider seine art.

Hastu jeeinen Vogel blärren, eine Kuh pfeiffen hören? vnd ihr wollet die edele Sprach, die euch angeboren, so gar nicht in obacht nemmen in ewrem Vatterland. Pfuy dich der schand!

Fast jeder Schneider will jetzund leyder
Der Sprach erfahren sein und redt Latein,
Wälsch vnd Frantzösisch halb Japonesisch,
Wan er ist doll vnd voll, der grobe Knoll.
Der Knecht Matthies spricht bonae dies,
Wan er gut morgen sagt vnd grüst die Magd;
Die wend den Kragen, thut ihm danck sagen,
Spricht Deo gratias Herr Hippocras.
Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,
Das ihr die Muttersprach so wenig acht.
Ihr liebe Herren das heist nicht mehren,
Die Sprach verkehren vnd zerstören.
Ihr thut alles mischen mit faulen fischen
Vnd macht ein misch gewäsch, ein wüste wäsch,
Ich muß es sagen, mit vnmuth klagen,
Ein faulen Haaffen käß ein seltzams gfräs.
Wir hans verstanden mit spott vnd schanden,
Wie man die Sprach verkehrt vnd gantz zerstöhrt.
Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,
In unserm Vatterland; pfuy dich der schand!

Aus: Johann Michael Moscherosch: Gesichte Philanders von Sittewald (1640)

O Nacht

Michelangelo Buonarroti

(* 6. März 1475 in Caprese, Toskana; † 18. Februar 1564 in Rom)

Die Nacht II

O Nacht, zwar schwarze, aber linde Zeit,
Mit Frieden überwindend jedes Streben,
Wer recht sieht und versteht, muß dich erheben,
Und wer dich ehrt, ist voll Verständigkeit.

Du brichst das matte Denken ab, zersägst
Und nimmst es ein mit feuchter Ruh und Schwere,
Während du mich, wohin ich oft begehre,
Im Traum von unten ganz nach oben trägst.

Schatten des Sterbens, nur vor dir macht halt,
Was Herz und Seele feind ist, immer wieder;
Letzte, Bedrückten, gute Arzenei.

Du heilst die schwache fleischliche Gestalt,
Machst Tränen trocknen, legst das Müde nieder,
Und Zorn und Ekel geht durch dich vorbei.

Deutsch von Rainer Maria Rilke. Aus: Poesiealbum 67: Michelangelo. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 11

AN DIE NACHT

O NACHT, trotz Deiner Schwärze süße Zeit,
Die alles Tun zum Ziel des Friedens führt,
Gut sieht, wer Dein erhabnes Sein verspürt,
Gut denkt, wer Deinem Ruhm die Stimme leiht.

Du löst des Denkens tiefe Müdigkeit,
Dein Schatten spendet Ruhe, mild und kühl.
So hebst Du mich aus irdischem Gewühl
Empor, wo Traumes Hoffnung mich befreit.

Du Schattenbild des Todes, vor Dir endet
Der Erde Qual und alles, was uns Feind,
Du machst dem Traurigen die Schmerzen linde,

Du bist’s, die krankem Leib Gesundheit spendet,
Du stillst die Tränen, die der Kummer weint,
Daß des Gerechten Zorn Versöhnung finde.

Deutsch von Edwin Redslob. In: Michelangelo, Gedic ht und Zeichnung. Potsdam: Stichnote, (1944) unpag.

AN DIE NACHT.

O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,
Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,
Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,
Und wer dich würd’gen kann, der weiss Bescheid.

Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,
Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;
Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt
Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.

Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,
Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,
Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.

Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,
Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,
Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.

Deutsch von Bettina Jacobson.

O notte, o dolce tempo, benché nero,
con pace ogn’ opra sempr’ al fin assalta;
ben vede e ben intende chi t’esalta,
e chi t’onor’ ha l’intelletto intero.

Tu mozzi e tronchi ogni stanco pensiero;
ché l’umid’ ombra ogni quiet’ appalta,
e dall’infima parte alla più alta
in sogno spesso porti, ov’ire spero.

O ombra del morir, per cui si ferma
ogni miseria a l’alma, al cor nemica,
ultimo delli afflitti e buon rimedio;

tu rendi sana nostra carn’ inferma,
rasciughi i pianti e posi ogni fatica,
e furi a chi ben vive ogn’ira e tedio.

O die Frauen

Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg)

Aus: Russisch-Polnische Kleinigkeiten. Zweite Reihe

III.

Mutter gab mich ihm zum Weibe,
  Welcher mir im Sinne lag,
Dennoch, ach, auf meinem Leibe
  Rauscht die Geisel Tag für Tag.

IV.

O wie warm ist's in der Hecke,
  Wo Verliebte wühlen!
Mit dem Stocke rennt die Mutter,
  Peinlich abzukühlen.

V. 

O die Frauen, o die Frauen,
  Wie sie Wonne thauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
  Wären nicht die Frauen!

Aus: Polydora : ein weltpoetisches Liederbuch . Autor / Hrsg.: Daumer, Georg Friedrich. Frankfurt am Main: Literarische Anst., 1855, Bd. 2, S. 72

„Dergleichen Liederchen sind namentlich solche, die zu den Tanzbelustigungen der genannten Völker gehören.“ Ebd. S. 64  (Er nennt dort „Tanzliederchen“ von Kosaken und Polen).

Wer Ohren hat zu hören

A. E. Baconsky

(* 16. Juni 1925 Cofa, Bessarabien, heute Konovka, Ukraine; † 4. März 1977 Bukarest)

WER OHREN HAT ZU HÖREN…

Brennen wollt’ ich, mich erheben, lieben, zerstören,
weinen wollte ich, kämpfen, töten –
gibt es ein Land, eine Zeit, ein Gefild?…
eine Wand überall, eine Wand.

So werde ich fortgehn, hinterlassend als Erbschaft eine lange
Schleppe aus Blut, aus Schlacke, aus Rauch –
die wenigen, die dereinst mich erreichen,
zeichnet jetzt schon mein Wundmal.

Vergiftet euer Fleisch! Dem einbalsamierten Aas
entsprießt weder Ähre noch Blüte noch Weide!
Hör von fern die Geschichte brüllen –
Wer Ohren hat zu hören, der höre!…

Aus dem Rumänischen von Alfred Kittner, in: Neue Literatur (Bukarest) 5/ 1977, S. 40

Unter dem Gedicht steht: „Der Dichter A. E. Baconsky kam beim Erdbeben vom 4. März in Bukarest ums Leben.“

Im gleichen Heft der Zeitschrift gibt es ebenfalls von Alfred Kittner übersetzte Gedichte von Veronica Porumbacu, die ebenfalls bei dem Erdbeben ums Leben kam. Außerdem Gedichte von Klaus Kessler, Ilse Hehn und Hans Magnus Enzensberger und Prosa von Wolfgang Koeppen, Adolf Meschendörfer und Nicolae Ceauşescu. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Musique Légère

Alexandru Vona

(* 3. März 1922 in Bukarest; † 12. November 2004 in Neuilly bei Paris)

Aus: Musique Légère

Wen liebte Dante:
Beatrice.
Und Petrarca?
Laura.
Und der arme Edgar Poe
Und der erschöpfte Charles Baudelaire,
wie brav sie immer zu zweit hervortreten, wenn man sie ruft,
ganz wie die beiden Bourgeois aus Wildapfelholz
die zur vollen Stunde aus dem Häuschen der alten Wanduhr
hervortreten und würdevoll grüßen.
Nur 100 Jahre noch
und du wirst in Illustrierten lächeln.


Ja, das ist unser Geschick:
Angefangen hab ich mit Robinson Crusoe
(doch das erschien uns zu wenig)
und ich war nacheinander
freundlicher und vielseitiger als der berühmte Fregolini
und war Werther und Adolphe und alle romantischen Helden
und Myschkin und einmal nur der Graf von Almaviva
(es war ein absolut dummes Weib und das Kavalleristenkorsett zwängte mir schrecklich die Lenden ein).
Und ich war geheimnisvoll wie der Mann mit der Tulpe
und jung wie auf dem Porträt von Giorgione
und auf wie viele Arten bin ich bisher schon gestorben!

Deutsch von Alexandru Bulucz, aus: Alkexandru Vona, Vitralii. Frühe Gedichte und Prosa 1940-1947. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2014, S. 29

Pe cine a iubit Dante:
Pe Beatrice.
Şi Petrarca?
Pe Laura.
Şi sărmanul Edgar Poe
Şi extenuatul Charles Baudelaire,
ce cuminţi ies câte doi, când îi chemi,
ca perechea de burgheji din lemn de merişor
care salută grav la ore fixe
ieşind din căsuţa ritmică a ceasornicului vechiu.
Numai 100 de ani
şi ai să zâmbeşti în ediţiile ilustrate.