Reimspiel

Konrad Weiß

(* 1. Mai 1880 in Rauhenbretzingen bei Schwäbisch Hall; † 4. Januar 1940 in München)

Aus der unvollendeten Dichtung „Largiris“

49

O Sonne,         Orte, die in mich vertrauen,         will
umfangen,        will ich ganz in Ehrfurcht bauen,    still
ihr Dunkel,      daß sie rein als Schmuck zu schauen, ich
vergangen,       Wesen sind, die Erde kauen,          mich.

Wer spricht so:  Immer soll Verwandlung dienen,       fort
in Hoffnung,     nicht Gesetze, Ringe, – Bienen,      Wort
um Wort, so      sind durchs Flugloch eingeschienen,  spricht,
der schaut und   sonnenselig Aug' und Mienen          bricht?

Und bricht so    Nun ich Schale, nun ich Härte,       Glanz
zerbrochen,      eingebrochen, weil ich werde,        ganz
vom Wuchse       ledig wachsend durch Beschwerde      bin
verkehrt ich,    bin ich Furche, Licht der Erde,      Sinn.

Aus: Konrad Weiß, Gedichte. Zweiter Teil. München: Hegner-Bücherei im Kösel-Verlag, 1949, S. 269

Eine Anmerkung zu den Teilen 48-50 des Zyklus besagt: „Sinn- und Reimspiele in aufgebrochenen Verszeilen“ (a.a.O. S. 303).

Man kann den Mittelblock als selbständiges Gedicht in trochäischem Versmaß mit Vierfachreim lesen. Liest man über die Blockgrenzen hinweg, ergibt sich ein anderes Gedicht mit anderen grammatischen Zusammenhängen, jambisch paargereimt. Man kann auch versuchsweise die kurzen Blöcke links und rechts als Gedicht lesen, die Reim- und Halbreimbindung der ersten beiden linken „Strophen“ legt es nahe, und selbst der Ein-Wort-Block rechts lässt sich dann als Gedicht lesen. Ich glaube, das geht – und ist reizvoll – auch ohne den vielleicht christlichen, katholischen Sinnzusammenhang des ganzen Zyklus.

Das Gedicht erinnert mich von der Bauart an die „embedded poems“, eingebetteten Gedichte des russisch-amerikanischen Dichters Philipp Nikolayev.

Ich bitte um Entschuldigung für die Unbequemlichkeit, dass dieses Gedichtspiel auf schmalen Smartphonebildschirmen nicht gut dargestellt werden kann – vielleicht hilft es, das Gerät zu drehen.

Vielleicht eine Anregung: Ich fand auch reiz- und sinnvoll, die Außenblöcke zusammenzulesen:

O Sonne, will
umfangen, still
ihr Dunkel, ich
vergangen, mich.

Wer spricht so: fort
in Hoffnung, Wort
um Wort, so spricht,
der schaut und bricht?

Und bricht so Glanz
zerbrochen, ganz
vom Wuchse bin
verkehrt ich, Sinn.

Was für ein ganz anderes Gedicht der bloße Rhythmus herzaubert! Und bedeutet es etwa nichts?

Jedenfalls eine Einladung zum spielenden Lesen.

Mund an Mund

Anise Koltz

(* 12. Juni 1928 in Eich, Luxemburg)

Die Erde atmet schwer

Die Erde atmet schwer
wir schlafen in eisernen Lungen
und berühren gegenseitig
unsere Haut
die uralt
und vom Wind
durchlöchert ist

es ist der Tod
der uns wach hält
und unser Blut jagt
mit den Hunden – –
Mund an Mund
stoßen wir Warnrufe aus

Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: Sigbert Mohn Verlag, o.J. (ca. 1965), S. 451

Briefe aus der Mitternacht

Walter Mehring

(* 29. April 1896 in Berlin; † 3. Oktober 1981 in Zürich)

X

(Marseille, Silvester 1940/41, in memoriam)

An meine Kammer, wo ich welk,
Pocht zwölfmal an das Neue Jahr,
Spricht zugig hohl: Es war ... es war ...
Hängt seinen Jahrkranz ans Gebälk,
Verblüht - von Lügenluft erstickt
Erschlagen - von der Not geknickt:
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

Mühsam: Poet und Promethid,
Erdrosselt wie ein räudiger Hund -
Ossietzky, den man so zerschund,
Daß er voltairisch lächelnd schied ...
Als man den Friedenspreis ihm bot,
Schloß er grad Frieden mit dem Tod ...
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

Es weht ein Blatt - kaum leserlich:
»Die Dummheit, die wir persifliert ...
Die macht Geschichte. Die regiert ...
Herzlichst Tucholsky... Ohne mich!...«
In Schweden, krank, doch unbekehrt,
Hat er den Schierlingstrank geleert ...
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

Ernst Toller, Freund aus Jugendland,
Bestimmt, um Bühnen, Meetings, Zelln
Mit ernster Tollheit zu erhelln,
Löschte sich aus mit eigner Hand ...
In Übersee, weitab der Schlacht
Warum hat er sich umgebracht ...?
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

Wo in der Welt wächst nun die Art
Von Stammtisch, nah dem Luxembourg,
Rechtspolitik und Linkskultur,
Die Joseph Roth um sich geschart ...?
Von dessen Bart Weissagung troff,
Sich weise drum zu Tode soff ...
  Welch edler Jahrgang reicher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

Kurz vor dem Fall der Stadt Paris,
Wo ich nach langer Haft Dich fand,
Besucht' uns oft der Emigrant
Ernst Weiss, der dort sein Leben ließ ...
Arzt, Dichter: mischt er Giftarznei,
Nahm sie beim ersten Hunnenschrei ...
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

Theodor Lessing, femgekillt ...
Und Hasenclever, einst vernarrt
In den esprit - im Camp verscharrt
Von Frankreich ... Welch Komödienbild!
Carl Einstein: auf der Flucht erhenkt ...
Olden, Vor Kanada versenkt ...
  Ein edler Jahrgang deutscher Reben,
  Nutzlos verschüttet, ließ sein Leben.

Doch Horváth, den ein Baum erschlug,
Damit solch Kleinod im Exil
Den Säuen nicht zum Fraße fiel,
Starb ganz er selbst: ein Satyr-Spuk ...
Die Türe knarrt ... zwölfmal pocht's an:
Die tote Elf - der Sensenmann ...
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

In dieser Kammer, wo ich welk, -
ich in Marseille, Du in New York
Wo ausgejätet und auf Borg
Und fruchtlos in Erinnrung schwelg,
Drauf wartend, daß die Freundes-Elf
Gelinde mir hinüberhelf ...
  Der beste Jahrgang deutscher Reben
  Ließ vor der Ernte so sein Leben ...

... wär mir ein Etwas noch vergönnt,
Weil Neu-Jahr ist, so sei's: ich könnt,
Sturmläutend jeden Nervenstrang,
Dich hautdicht, duftnah herbeschwörn,
Dich atmen, tasten, schauen, hörn
Dank einem rauschhaft heilenden Trank ...
  Aber der Wein, daß ich genese,
  Reift nicht, 
     zerstört längst vor der Lese ...

Aus: Walter Mehring, Staatenlos im Nirgendwo. Die Gedichte, Lieder und Chansons 1933-1974. Düsseldorf: claasen, 1981, S. 129ff

Vortrefflichkeit der Küsse

Daniel Casper von Lohenstein

(* 25. Januar 1635 in Nimptsch; † 28. April 1683 in Breslau)

Die vortrefflichkeit der küsse

Auszüge

1.
Nectar und zucker und safftiger zimmet/
Perlen-thau/ honig und Jupiters safft/
Balsam/ der über der kohlen-glut glimmet/
Aller gewächse versammlete krafft/
Schmecket/ zu rechnen/ mehr bitter/ als süsse/
Gegen dem nectar der zuckernen küsse.

2.
Hyble wird gerne der blumichten brüste/
Rosen/ narcissen und liljen verschmähn/
Wird er die freuden-geschwängerte lüste
Zweyer sich küssender seelen ansehn.
Da sich stets honig einsammlende bienen
Finden um ihre geküßte rubinen.

3.
Marmel und kisel und eiserne wercke/
Diamant und unzerbrüchlicher stein/
Stählerne/ noch alabasterne stärcke/
Schliessen so feste/ wie küsse/ nichts ein.
Küsse verknüpffen mit nährenden flammen
Zwischen zwey lippen zwey hertzen zusammen.

4.
Schätzt ihr nicht küssende küsse für winde/
Welche nicht über den lippen-pfad gehn?
Meynet ihr/ münde beküssen nur münde?
Nimmermehr wirds euch die liebe gestehn.
Wisset/ ihr eiß-kaltgesinnete/ wisset/
Hier wird die küssende seele geküsset.

5.
Küsse bewurtzeln sich schwerlich so seuchte;
Meynen die lippen/ daß küssen nur rauch?
Lippen und mund zwar empfinden das feuchte/
Den mit der wärme verschwisterten hauch.
Aber die seele bekömmet das beste/
Von dem mit liebe beseeleten weste.

6.
Küsse sind schweigende reden der lippen/
Seuffzer der seelen und strahlen der gunst;
Welche von ihren corallenen klippen
Sämen ins hertze die qvelle der brunst;
Derer gebraucht sich der wütende schütze/
Daß er mit ihnen gemüther zerritze.

7.
O der unendlich-erqvickenden schmertzen/
Wenn man die küsse mit seuffzern vermengt!
Bald die lieb-äugelnden sternen und kertzen
Auff die geküsseten rosen versenckt/
Wenn sich gemüthe/ gedancken und leben
Haben auff äuserste lippen begeben.

8.
Lachet ihr lippen/ ihr pförtner des lachens/
Schöpffer der worte/ du perlerner mund/
Schieß-platz der liebe/ des feurigen drachens/
Köcher der pfeile/ durch die man wird wund.
Höle/ wo Cypripor wangen erröthet/
Hertzen uns stiehlet/ und seelen uns tödtet.

9.
Lippen/ die scharlach und rosen bedecken/
Welche der marmel der wangen umflicht/
Rühret von purpurnem schaume der schnecken
Euere göttliche lieblichkeit nicht?
Nein/ nein/ ihr habt euch in thränen und aschen/
Und in dem blute der buhler gewaschen.

10.
Erstlich zwar wolten die milchernen wangen
Geben an farbe dem munde nicht nach;
Aber seit purpur die milch hat umfangen/
Und das vor lauter- und schneerne dach
Ward von halbfarbichter röthe besämet/
Stehet die prahlende hoffart beschämet.

11.
Wo denn die blutige wärme der glieder
Selber der wagen der seelen soll seyn/
Auch sie sich nirgend nicht schöner läst nieder/
Als in der lippen beblümeten schein/
Kan man die seele gewisser nicht finden/
Als auff mit blute beseeleten münden.

12.
Prüfet man ferner der lippen ihr kosen/
Muß man gezwungen bekennen/ man schau
Säugende bienen/ und säugende rosen/
Winckende nelcken/ und tränckenden thau;
Die wohl mit thaue die lippen beküssen/
Aber nach anderen dürsten auch müssen.

13.
Zwar in der augen gestirntem gerüste
Wird die uns marternde liebe gezeugt.
In den bemilcheten liljen der brüste
Wird sie mit feuer und flammen gesäugt/
Biß sie mit reiffender saate wird gelbe/
Zwischen der schooß alabaster-gewölbe.

14.
Aber man kan sie mit keinerley kosen/
Als mit gepfropfeten früchten erziehn/
Auff den mit seelen geschwängerten rosen/
Wo das begeisterte küssen wird grün/
Soll mit der zeit sie mit feuer und blitzen/
Können metallene hertzen zuritzen.

15.
Denn wie wird können die seele der seelen/
Die uns entseelende liebe bestehn?
Wird auff der lippen rubinenen hölen
Ihr nicht die säugende nahrung auffgehn?
Denn auff den lippen entstehen und stertzen/
Leben und sterben/ die seelen und hertzen.

16.
Hier find die seele den tod und das leben/
Auffgang und untergang/ wiegen und grab.
Hier wird die glut ihr zur speise gegeben/
Und was sie nehret/ das zehret sie ab.
Gleichwie der Phönix von neuem auch lebet/
Wenn er sich zwischen die flammen begräbet.

17.
Küsset demnach/ ihr geküsseten/ küsset/
Küsse mit küssen verwechseln steht fein.
Glaubet/ ihr geber und nehmer/ man büsset
Nicht an der küssenden waare hier ein.
Würde sich wer/ als bevortheilt/ beschweren/
Der wird dem nehmer sie doppelt gewähren.

[…]

55.
Küsse mich/ hertze mich/ liebste/ von hertzen/
Treibe das friedsame kämpffen fein scharff/
Gönne/ daß ich diß erqvickende schertzen
Allemahl zehnmahl vergelten dir darff.
Billig verwechselt man süsse für süsse/
Zucker für zucker/ und küsse für küße.

56.
Wirstu diß also beständig nur treiben/
Werden wir beyde beseeliget seyn/
Du/ Roselinde/ wirst meine verbleiben/
Wie ich ingleichen auch bleiben muß dein.
Denn die verknüpffenden küsse sind kertzen
Liebender seelen/ und kochender hertzen.

Hier mehr davon

Reisen

Hart Crane

(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 27. April 1932 im Golf von Mexiko)

Voyages (II)

And yet this great wink of eternity,
Of rimless floods, unfettered leewardings,
Samite sheeted and processioned where
Her undinal vast belly moonward bends,
Laughing the wrapt inflections of our love;

Take this Sea, whose diapason knells
On scrolls of silver snowy sentences,
The sceptred terror of whose sessions rends
As her demeanors motion well or ill,
All but the pieties of lovers’ hands.

And onward, as bells off San Salvador
Salute the crocus lustres of the stars.
In these poinsettia meadows of her tides,
Adagios of island, O my Prodigal,
Complete the dark confessions her veins spell.

Mark how her turning shoulders wind the hours,
And hasten while her penniless rich palms
Pass superscription of bent foam and wave,
Hasten, while they are true, – sleep, death, desire,
Close round one instant in one floating flower.

Bind us in time, O Seasons dear, and awe.
O minstrel galleons of Carib fire,
Bequeath us to no earthly shore until
Is answered in the vortex of our grave
The seal’s wide spindrift gaze toward paradise.

Reisen

Und doch der große Wink der Ewigkeit,
Randloser Fluten, schutzlos vor dem Wind,
Brokatbedeckt im Zuge dorthin, wo
Undinig groß zum Mond ihr Bauch sich streckt,
Und unsrer Lieb’ verhüllter Biegung höhnt.

Die See nimm’, die mit ihrer Stimmgabel
Auf Silberrollen schneeig Urteil klingt,
Der Schrecken ihres Zepterspruchs gewährt
— Je ob sie übel oder wohl bewegt —
Liebender Hände Wohltat nicht, sonst alles.

Und weiter wie vor Salvador die Glocken
Dem Krokusglanz wie Sterne salutieren,
In diesem Wolfsmilchanger ihrer Flut – –
Adagios der Insel, o verlorner Sohn,
Erfüllen ihrer Adern dunkle Beicht.

Sieh, wie ihr Schulterndrehn die Stunden bringt,
Und eil’, wenn sie mit leeren reichen Händen
Vorbei der Inschrift streicht auf Schaum und Wogen
Eile, solang sie gilt — Schlaf, Tod, Begehren
Sind einen Augenblick in einer Blume Trift.

In Zeit, ihr Zeiten klar, und Staunen bindet uns,
O Sänger-Galleoncn von Karibisch Feuer,
Vermacht uns keiner irdschen Küste bis
Der Strudel unsres Grabs die Antwort gibt
dem schaumgen Seehundsblick aufs Paradies.

Deutsch von Herta Elisabeth und Walther Killy, aus: John McCormick: Amerikanische Lyrik der letzten fünfzig Jahre. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1957, S. 34f

Anna

Hertha Kräftner

(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)

„ANNA“, sagte der Mann,
„ich fahre jetzt heim. Im Schlafwagen …
Ich wollte immer schon einmal
im Schlafwagen reisen,
aber es war mir zu teuer.
Anna? Freust du dich nicht?
Es ist ein langer Zug.
Kannst du die Wagen zählen?“
Er hob die Hand aus seinem Totenbett
und zeigte auf die lange Reihe
der Einmachgläser auf dem Kleiderkasten;
das ist in kleinen Wohnungen üblich.
Da standen Aprikosen in dicken Säften,
geschälte, gelbliche Birnen und rote Beeren,
und die zarten Pfirsiche
leuchteten grün und ein wenig rosa.
„Ein schöner Zug“, sagte der Mann.
„Weine nicht, Anna. Es ist ein Glück,
so zu reisen. Ich glaube,
die Fahrkarte ist sehr teuer gewesen,
aber ich hab sie umsonst bekommen.“
Und die Birnen und Beeren
und die saftigen Aprikosen
begannen zu dampfen und zischen
und rollten in die Ewigkeit.

Aus: Hertha Kräftner, Das Werk. Gedichte Skizzen Tagebücher. Eisenstadt: Burgenländischer PEN-Club, 1977, S. 30

Partikel

Berit Glanz

Eine Secession ist eine Abspaltung,
ist eine Trennung, ist eine Loslösung.
Wo einmal ein Ganzes war, sind nun Gegenüber

Warum sich in einer Gruppe auflösen,
wenn am Schluss die Teilung steht?

Die Zurückgewiesenen ziehen weiter
Aus der Secession wird eine Neue Secession
Aus Bildern mit Punkten
werden Bilder mit Kanten

Das Plakat der ersten Ausstellung
zeigt eine Amazone,
im Angriff auf die Alten

Moderne Wesen sind nicht Eindruck
sondern Ausdruck

Figuren tanzen durch Farben,
stark und flächig
und Alfred Partikel
wird Teil des Ganzen

Aus: Berit Glanz, Partikel. Gedichte. Leipzig: Reinecke & Voß, 2020, S. 18

Zum Aghet-Gedenktag

Am 24. April 1915 begann der Aghet, der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Es hatte in den Jahrzehnten zuvor Massaker mit vielen Zehntausend Todesopfern gegeben, aber an diesem Tag begann der Versuch, das armenische Volk planmäßig und systematisch zu vernichten. Es begann mit Razzien und Deportationen von armenischen Intellektuellen – fast alle prominenten armenischen Schriftsteller fielen dem Völkermord zum Opfer, viele wurden schon in der ersten Nacht verhaftet, gefoltert, deportiert, so auch Siamanto, ermordet wurde er im August 1915.

Das Gedicht, das ich aus diesem Anlass ausgewählt habe, überschreitet die Grenze des Erträglichen – aber das sind Krieg und Völkermord, die das tun. Siamanto hatte als Schüler die Massaker von 1896/97 erlebt und war ins Ausland geflohen. Nach der jungtürkischen Revolution von 1908 kehrte er in die Heimat zurück, aber schon 1909 gab es wieder Massaker, er schrieb darüber Gedichte, die das Geschehen aus Sicht einer Deutschen schildern. Der österreichisch-ungarische Konsul in Mersina telegrafierte am 27. April an seine Regierung: „Adana in Asche gelegt, fast alle Armenier massakriert.“

Siamanto

(Atom Jartschanjan, armenisch Ատոմ Եարճանեան, * 15. August 1878 in Eğin, Osmanisches Reich; † August 1915)

Der Tanz

Blauäugig, die Deutsche, kämpfte mit all ihren Tränen.
Da, wo ein Aschenkreis lag, wo ganz Armenien noch starb.
Sprach die Augen-Zeugin unseres Horrors, sie sprach:

Unaussprechlich ist diese Geschichte, doch sprech ich zu euch.
Ich sah, was geschah, erbarmungslos wie nur menschliche Augen,
Von meinem Höllenloch aus, dem Fenster im sicheren Haus.
Wie die Hölle knirschte mit meinen Zähnen und erbarmungslos stierte
Nach Eden hinein, das schon verkohlt war und fast nur noch Asche.
Die Toten türmten sich baumhoch, doch noch gab’s ein Rauschen
Wie Quelle, Bach und Fluß, die Rebellion,
Das Meeresrauschen eures Bluts, Armenier,
Mein Ohr ist noch voll davon, es schreit nach Vergeltung.

Unaussprechlich – bitte wendet euch nicht schaudernd ab…
Ein Mensch soll doch begreifen was ein Mensch dem Menschen antut.
Zwei Tage war die Sonne auf dem Weg zum Totenacker:
Was Menschen Menschen unaussprechlich antun können,
So laßt das doch von Herz zu Herzen weltweit gehen…
Die Morgenbrise blies der Tod an jenem Sonntag,
Am nutzlos aus den Leichenfeldern aufsteigenden Sonntag –-
Als ich nachtsüber übers Bett meiner Patientin
Gebeugt auch Tränen fallen ließ, wenn’s dämmerte,
Auf die so jung vom Dolch so sehr Getroffene …
Plötzlich gellte, von fern noch, ins Fenster die Schwärze, der Mob,
Zwanzig junge Frauen im Griff und mit knallenden Peitschen,
Hielt er mit seiner Beute geil grölend dort drüben im Garten.

Da ließ ich auf seiner Pritsche das halbtote Mädchen
Und schllich mich auf meinen Höllenbalkon,
Während der Garten sich schwärzer und schwärzer färbte vom Mob.
„Tanzt!“, bellte ein Barbar, „tanzt jetzt! Hört
Unsere Trommeln und tanzt, Totenbräute!“
Und sie peitschten die menschlichen Kreisel, die Frauen
Armeniens, die schnellen Tod nur herbeiwünschen konnten.

Zwanzig junge Frauen, Hand in Hand, verbluteten
Nun ihre Tränen im Reigentanz dort.
O wie beneidete ich da doch die Erstochene,
Als ich hörte und auch verstand die lärmverschleierten Schreie –
Die Schönste unter den Schönen verfluchte den Erdkreis.
Die Lilienseele dieser Taube, ach, stiege sie auf zu den Sternen.
Alles nur eitel, wie meine Fäuste dann drohten dem Pöbel.
„Ihr müßt tanzen, tanzen!!“, tobte dagegen der Mob,
„Bis zum Tod müßt ihr tanzen, Unverschleierte, tanzt jetzt,
Ihr schönen Huren, Titten raus, lächeln, hört doch bloß auf
mit eurem Jammern und Schleichen! Hopp-hopp! Seid schamlos
Wie Sklavinnen, los, macht euch nackich, ausziehen jetzt!
Geil sollt ihr tanzen, affengeil bis in den Tod!
Los, macht uns an mit euren Ärschen und eurem Sterben!“

Zwanzig schöne junge Frauen gingen bald zu Boden.
„Aufstehn!“ Nackte Säbel züngelten wie Schlangen …
Dann kam der Kerl mit dem Benzinkanister …
Gerechtigkeit der Welt? Ich spuck ihr in die Fresse …
Und schlampig parfümierte man die Zwanzig ein …
„Tanzt weiter!“, kreischte der Mob, „im schönsten arabischen Duft!“
Dann stießen sie die Fackeln in die nackten Leiber.
Und die Leiber tanzten, rollten kohlschwarz in den Tod …

Entsetzen, feuerhell! Ich schloß die Fenster wie beim Sturm
Und ging zu der Vereinsamten, zu meiner Toten, fragte:
Wo ist der Dolch, der meine Augen aussticht, sag’s mir, sag’s.

Deutsch von Wilhelm Bartsch, aus: Siamanto: Blutige Briefe einer Freundin. Oschersleben: Ziethen Verlag, 2015, S. 10f   ISBN 978-3-86289-112-2

Auch enthalten in: Eine Handvoll Asche. Texte armenischer Autoren, Opfer des Genozids 1915. Ziethen, 2015, S. 46f (Scan aus dieser Ausgabe, Originaltext aus der erstgenannten). 

Ich brannte, weinte, sang

Gaspara Stampa

(* um 1523 in Padua; † 23. April 1554[1] in Venedig)

Gaspara Stampa war eine italienische Dichterin und Kurtisane, sagt Wikipedia (deutsch). Die meisten anderen Fassungen des Onlinelexikons sagen bloß „Dichterin“. Die englische: „was an Italian poet. She is considered to have been the greatest woman poet of the Italian Renaissance, and she is regarded by many as the greatest Italian woman poet of any age.“

Die großartige und groß angelegte Anthologie der italienischen Renaissance, die Tobias Roth vor kurzem vorgelegt hat, sagt dazu, in ihren Gedichten gebe es vier männliche Gegenüber: „Vier! Unerhört! Entsprechend firmiert sie bis heute zuweilen als Kurtisane, wofür allerdings ansonsten (…) nichts aktenkundig ist.“ Und warnt: „der detektivische Versuch, Liebesgedichte in Erlebnisse rückzuübersetzen, geht in die Irre (…) Auch wo in einer Dichtung viel von Gefühl, Feuer und Liebe die Rede ist, kommen Verstand und Kalkül ins Spiel.“

Hier eins ihrer 311 Gedichte in der Übersetzung Roths und im Original.

Ich brannte, weinte, sang (Rime xxvi)

Ich brannte, weinte, sang; weine, brenne, singe;
werde weinen, brennen, singen für immer
(bis Tod, Fortuna oder Zeit zertrümmern
in Auge, Herz, Geist mir Glut, Weh und Stimme)

die Schönheit, den Wert, die zusammenklingen
durch Amor, Natur und Bildung im Innern
meines heiligen Lichtes, wo sie schimmern,
sich in Liebreiz, Klugheit, Ehre verbinden.

Denn wenn die Sonne kommt und wenn sie geht,
sommers, winters, Tag und Nacht jede Stunde,
wenn Licht, wenn Schatten schwindet oder entsteht,

sehe ich mit dem äußeren Auge und dem inneren
in dem, was er tut, gelegt
für Glanz und Süße und Anmut den Grund.

Aus: Welt der Renaissance. Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, S. 600

Originalausgabe von 1554: Rime Di Madonna Gaspara Stampa. In Venetia : per Plinio Pietrasanta, M. D. LIIII. [1554] (Universitätsbibliothek Basel, https://doi.org/10.3931/e-rara-5318 )

Das Jahr 1945

Das neuste Heft der immer noch famosen Lyrikheftreihe Poesiealbum – Gedichte von Christa Reinig auf 32 Seiten, ausgewählt von Matthias Biskupek, Grafik Angela Hampel. 5€

Das Jahr 1945
gesehen im Jahre 1945

Wir sind dabei, den Leibgurt zu zerkauen,
und keiner mehr, der noch Vergangenes schmähte,
die Freiheit ist ein Trug, den wir durchschauen,
nichts als der Knechtschaft aufgeplatzte Nähte

und alle, die der Hunger niedermähte,
die wollten Knechte sein und gut verdauen,
und manche schlüpfen durch die Stacheldrähte
und dürfen draußen neue Waffen bauen

da hört man Räuber aus der Bibel lesen
und Mörder über Menschenrechte schreien
und Vollgefressene sind höhre Wesen –

das können wir der Freiheit nicht verzeihen,
für uns bleibt alles, wie es stets gewesen,
und wieder wird uns wer erneut befreien.

Aus: Poesiealbum 360: Christa Reinig. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 2021, S. 3

Weil jetzt ein Gedicht

Dieter Roth

(* 21. April 1930 in Hannover; † 5. Juni 1998 in Basel)

Aus: Zwischen den Zeilen. Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. #4, August 1994, S. 98

Für Günter Bruno Fuchs

Jenny Schon

Für den Dichter und Graphiker
Günter Bruno Fuchs
(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 Berlin)

1969 zum Beispiel

…geöffnet fliegt Otto Lilienthal uns
entgegen auf einem Holzschnitt von dir
im Berlin-Jahrbuch der
Neuen Rabenpresse
von V.O. Stomps
Du montierst kunstvoll
alle Schrifttypen
um das Jahr 1969
zu schmücken

Was war nicht alles geschehn
kurz vorher Schüsse auf
Benno Ohnesorg von einem Polizisten
auf Rudi Dutschke von einem
Rechtsradikalen
zehntausende Studenten machen
sich nun an das Werk den
Muff von 100 Jahren aus den
Talaren zu entstauben

Reinhard Lettau erinnert
an die Ruhe in Berlin
die wäre
wenn Rentner Polizisten Taxichauffeure
ihresgleichen
denunzieren verprügeln erschießen…
Für Nicolaus Born ist
die Geduld am Ende
Du lässt zum Beispiel
Allen Ellender
Sergeant in der
Montgomery Kaserne
in Kladow sagen
er liebe Berlin so sehr
dass er froh ist
dass es zwei gibt
Gerald Bisinger betrauert
Johannes Bobroswki
der im andern Teil der Stadt
vor gut drei Jahren starb
Der Himmel ist
kein Lokal
von Peter Hille
kommt gleich danach
Robert Wolfgang Schnell
übt sich in der Anpflanzung
von Zitronenkraut
Auch Günter Grass äußert sich
als Bürger von West-Berlin
der behelfsmäßigen
Hauptstadt
wie unsere
Ausweise meinen
oder umgekehrt

Gerhard Rühm
Lothar Klünner
Yaak Karsunke
große Vergessene heute
Mit Johannes R. Becher
sitzen wir auf dem Klosett
und Günter Eich erinnert
an die Grippewelle von 1918
Das Weib ist Sonntag
Der Mann Alltag
steht auf der Seite
von Kurt Neuburger
Christa Reinig
1964 aus der DDR geflohen
Aldona Gustas
in Litauen geboren
die einzigen Dichterinnenstimmen
in diesem Jahr
die Siebzigerjahre Frauenbewegung
startet zum Sprung…

Mit deinem
wundervollen
Jahrbuch
verlassen wir
ein großes Jahrzehnt
so long
Günter Bruno Fuchs
ich habe es mit
Freude in meiner
Buchhandlung verkauft…

Aus: Jenny Schon, Lautes Schweigen, Gedichte, Geest Verlag, 2018

Was war er denn? Er ist gewesen.

Günter Bruno Fuchs

(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)

Fibel

1

Was war er denn? Er ist gewesen.

2

Was tat er denn? In einer Fibel lesen.

3

Was las er da? Ich weiß nicht mehr.

4

Besinn dich doch! Ist schon zu lange her.

5

Die Fibel wurde eingescharrt wie er.

Aus: Günter Bruno Fuchs, Gedichte und kleine Prosa (Werke in drei Bänden, Bd. 2). München Wien: Hanser, 1992, S. 97

Gedancken bey Antretung des funffzigsten Jahres

Christian Hofmann von Hofmannswaldau

(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)

Gedancken bey Antretung des funffzigsten Jahres.

1.
MEin Auge hat den alten Glantz verlohren /
  Ich bin nicht mehr / was ich vor diesem war /
Es klinget mir fast stündlich in den Ohren:
  Vergiß der Welt / und denck auf deine Baar /
Und ich empfinde nun aus meines Lebens Jahren /
Das funfftzig schwächer sind als fünff und zwantzig waren.

2.
Du hast / mein Gott / mich in des Vaters Lenden /
  Als rohen Zeug / genädig angeschaut /
Und nachmahls auch in den verdeckten Wänden /
  Ohn alles Licht / durch Allmacht aufgebaut /
Du hast als Steuermann und Leitstern mich geführet /
Wo man der Wellen Sturm / und Berge Schrecken spüret.

3.
Du hast den Dorn in Rosen mir verkehret /
  Und Kieselstein zu Cristallin gebracht /
Dein Seegen hat den Unwerth mir verzehret /
  Und Schlackenwerck zu gleichem Ertzt gemacht.
Du hast als Nulle mich den Zahlen zu gesellet /
Der Welt Gepränge gilt nach dem es Gott gefället.

4.
Ich bin zuschlecht / vor dieses Danck zusagen /
  Es ist zu schlecht was ich dir bringen kan.
Nim diesen doch / den du hast jung getragen
  Als Adlern itzt auch in dem Alter an.
Ach! stütze Leib und Geist / und laß bey grauen Haaren /
Nicht grüne Sündenlust sich meinem Hertzen paaren.

5.
Las mich mein Ampt mit Freudigkeit verwalten /
  Las Trauersucht nicht stören meine Ruh /
Las meinen Leib nicht wie das Eys erkalten
  Und lege mir noch etwas Kräffte zu.
Hielff das mich Siechthum nicht zu Last und Eckel mache /
Der Morgen mich bewein / der Abend mich verlache.

6.
Las mich die Lust des Feindes nicht berücken /
  Die Wermuth offt mit Zucker überlegt /
Verwirr ihn selbst im Garne seiner Tücken /
  Das der Betrug nach seinem Meister schlägt.
Las mich bey guter Sach ohn alles Schrecken stehen /
Und unverdienten Haß zu meiner Lust vergehen.

7.
Verjüng in mir des schwachen Geistes Gaben /
  Der ohne dich ohn alle Regung liegt /
Las mit der Zeit mich diesen Nachklang haben:
  Das Eigennutz mich niemahls eingewiegt /
Daß mir des Nechsten Gutt hat keinen Neid erwecket /
Sein Ach mich nicht erreicht / sein Weinen nicht beflecket.

8.
Hielff / das mein Geist zum Himmel sich geselle /
  Und ohne Seyd und Schmüncke heilig sey;
Bistu doch / Herr / der gute reine Quelle;
  So mache mich von bösen Flecken frey.
Wie leichtlich läst sich doch des Menschen Auge blenden!
Du weist / wie schwach es ist / es kombt aus deinen Händen.

9.
Denn führe mich zu der erwehlten Menge /
  Und in das Licht durch eine kurtze Nacht:
Ich suche nicht ein grosses Leichgepränge /
  Aus Eytelkeit / und stoltzer Pracht erdacht.
Ich wil kein ander Wort um meinen Leichstein haben /
Als diß: Der Kern ist weg / die Schalen sind vergraben.

Aus: Hofmannswaldau, Gedichte. Auswahl Manfred Windfuhr. Stuttgart: Reclam, 1983, S.132ff

Fakten und Meinungen zum Autor

Liebesgedichte der Ketschua

(5) Was ist bloß dieses Sichliebhaben
bei Frau und bei Mann,
wenn ein Herz in dem anderen nistet
und jedes in dem anderen Wurzeln schlägt?

(5) Imallachus kay munákuy
warmipipis, qharipipis,
sonqo pura thapachasqa,
sadi’a jina sapinchasqa.

(7) Ist denn Dein Herz
wie ein Mahlstein so hart?
Wo ich Dich so lieb habe,
sagst Du einfach: „nein“?

(9) Schwarzauge, Bogenbraue, komme,
seien wir beide ein Paar!
Und wenn Deine Mutter nicht will,
laß sie doch, zieh mit mir!

(29) Als der neue Mond erschien,
gab ich Dir mein junges Herz;
der Mond hat noch nicht abgenommen,
und schon sagt Dir mein Schmerz nichts mehr.

(45) Goldener Kolibri, lehre mich,
wie man die Süßigkeit trinkt,
und ich will Dich lehren,
wo man die schönste Blume sucht.

Aus: VOLKSDICHTUNG DER KETSCHUA. In den Tälern von Cochabamba gesammelt von Jesús Lara. Ketschua und Deutsch. Herausgegeben von Ludwig Flachskampf und Hermann Trimborn. Berlin: Reimer, 1959