Johannes Jørgensen (* 6. November 1866 in Svendborg; † 29. Mai 1956 ebenda)
ARKTURUS Über den dunkeln Bäumen Erblinkt ein Stern allein. Er blinkt und brennt so seltsam Mit sonderbar wechselndem Schein. Er blaut und leuchtet blutig Aus den Tiefen der Nacht heraus. Ich sah ihn so manchen Abend Funkeln* über mein Haus. Mein Haus, mein Haus in der Ferne Und der Träume versunkene Pracht, Der zitternde Stern meiner Jugend In heller Sehnsuchtnacht.
Aus dem Dänischen von Otto Hauser aus: Lyrik der Welt. Lyrik und Weisheit des Auslandes. Hrsg. Reinhard Jaspert. Berlin: Safari-Verlag, 1953, S. 516
*) im Buch steht wirklich Dunkeln statt Funkeln – aber es muss wohl ein Druckfehler sein. Danke dem aufmerksamen Leser!
Arkturus Det blinker en enlig stjerne over de mørke træ'r, den blinker og brænder så sælsomt med skært og skiftende skær. Den blåner og blusser blodig af nattedybderne frem, jeg såe den så mangen aften funkle over mit hjem. Mit hjem, mit hjem i det fjærne og drømmenes sunkne skat. Min ungdoms skælvende stjerne i længslernes lyse nat.
Die Johannes-Jørgensen-Gesellschaft

Arkturus (Arktur), Hauptstern des Sternbilds Bärenhüter (Bootes) ist oft „ein Stern allein“, weil er zu den hellsten Fixsternen gehört, den man oft auch über einem Stadthaus sehen kann. Man findet ihn leicht ein Stück in Richtung vom Großen Wagen über die Deichsel. Der Große Wagen ist ja eigentlich der Große Bär, Ursa major, und der Bärenhüter führt den großen und den kleinen Bären an der Leine. Mein Symbolbild zeigt viele helle Sterne, also ist es nicht Arktur. Es ist das Sternbild Perseus, etwa 10 Minuten belichtet. Die Sterne drehen sich um den Polarstern, links oben über den Bildrand. Da in der Ecke sieht man eine kleine Sternschnuppe, der kleine Strich quer zu den Sternbahnen. Es war am 8. August 2019, Hochzeit des Perseidenstroms, der vom Perseus aus in alle Richtungen geht. Durch die Bildmitte geht ein Flugzeug. Hinten die Küste von Rügen mit zwei Leuchtfeuern. Das detailreiche Bild passt nicht richtig zu dem ruhigen Gedicht, oder es passt als Kontrast. Das wichtigste Detail habe ich noch gar nicht erwähnt. Das Geflacker rechts über der Ostsee ist ein Gewitter in der Ferne, eine echte Lichtshow, wenn man weit genug weg ist. Jetzt könnten Sie das Gedicht noch einmal lesen. (Und der Stern, der ist auch im Alter noch da, sofern man sich auf der Nordhalbkugel aufhält.)
Friedrich Müller, genannt Maler Müller oder Teufelsmüller
(* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)
Der Jüngling und der Waffenhändler Einst zu dem berühmten Waffenhändler Kam ein Jüngling. Lehre mich gebrauchen, Bat er, deine starken, schönen Kriegerwaffen, Daß ich tapfer sie mit Anstand führe, Wenn zum Kampfe die Trommete ruft. Drauf der Alte, mit dem Kopfe schüttelnd: Sieh', die Waffen stehn hier zum Verkaufe, Schmieden lernt' ich sie, doch nimmer führen. Anders ist's nicht mit den Theorien, Von den Meistern fein und klug ersonnen. Anzuwenden, praktisch zu bewähren Fehlt die Kraft den Meistern, und je blanker Ihre Waffen glänzen, desto seltner Taugen sie, wenn's gilt, im Waffentanze. Quelle: Friedrich Müller (Maler Müller): Werke. Band 1, Mannheim und Neustadt/Hdt. 1918, S. 93. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005413028
Friedrich Schlegel
(* 10. März 1772 in Hannover; † 12. Januar 1829 in Dresden)
Schiller [1.] Geschritten in die Welt kam Schiller, Und da ward's still und immer stiller. Erstaunt frug die Natur: »Was will er?« Und dreimal tönte laut der höchste Triller. [2.] Schick dein Schicksal in die Saale! Es gereicht uns nur zur Quale. [3.] Ach wie gefällt die Glocke dem Volk und die Würde der Frauen! Weil im Takte da klingt alles, was sittlich und platt. [4] Welches Schicksakel! Es heißt Piccolomini; dennoch ist keiner Piccol uomo so sehr, als der es pickelte selbst. [5] Wallenstein hast du, die Stuart sodann zu Dramen geschichtet, Mach nun den Robinson auch sauber zum tragischen Stück. [6.] Schändlich, geehrter Baron, hast du Macbeth den hohen verschimpfet; Doch was geschehn, ist geschehn, bleibe nur künftig davon. [7] Wahrlich, es stachen den Fuß ihm Taranteln, dem alten Pedanten. Närrisch da rannt' es mit ihm, wurde Turandot zuletzt.
In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts schickte der französische Dichter, Filmregisseur und Maler Jean Cocteau ein paar Gedichte in deutscher Sprache an den Komponisten Kurt Weill, „Mon cher Kurt“. Er erinnere sich nur an das Deutsch seiner Kindheit. „Leider kenne ich eure Dichter nicht. Ich bin mit Erlkönig und Struwwelpeter erzogen worden. Verzeihen Sie mir daher, dass ich Ihnen diese naiven Gedichte anbiete. Ihre einzige Entschuldigung ist, dass Sie mich gebeten haben.“ Der Brief und 6 kurze Gedichte wurden in der in Amsterdam von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift „Die Sammlung“ gedruckt.
Jean Cocteau
(* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris)
BLUT Wir haben mehr Blut als wir denken. So schnell macht die Liebe nicht tot! Viel Schmerzen kann uns die Liebe schenken, Unser Blut aber bleibt noch sehr lange rot. Und wenn wir gar kein Blut mehr haben, Wenn man uns in die Grüfte tut; Und sind wir noch so lang vergraben, Für Schmerzen bleibt noch etwas Blut.
Die Sammlung. Literarische Monatsschrift. 1. Jahrgang, 1934, Heft X, S. 532 (Nachdruck: Roger und Bernhard bei Zweitausendeins, 1986. – 3. Auf., 1993, S. 532.
Nachsatz zur Zeitschrift
Das erste Heft erschien im September 1933 und wurde im nationalsozialistischen Deutschland zwar nicht verkauft, aber aufmerksam gelesen von den Schergen des Regimes. Im Oktober schrieb Hanns Johst an seinen „lieben Heinrich Himmler“: „Als Herausgeber zeichnet der hoffnungsvolle Sproß des Herrn Thomas Mann, Klaus Mann. Da dieser Halbjude schwerlich zu uns herüberwechselt, wir ihn also nicht aufs Stühlchen setzen können, würde ich in dieser wichtigen Angelegenheit doch das Geiselverfahren vorschlagen. Könnte man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein bißchen inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden (…)“. Es kam nicht dazu – dem Büttel war entgangen, dass Thomas Mann schon im Februar Deutschland verlassen hatte. (Er wollte zurückkehren, aber seine Kinder überredeten ihn dringend, im Ausland zu bleiben).
Heute vor 225 Jahren geboren:
Annette von Droste-Hülshoff
(* 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg)
Mondesaufgang An des Balkones Gitter lehnte ich Und wartete, du mildes Licht, auf dich; Hoch über mir, gleich trübem Eiskrystalle, Zerschmolzen, schwamm des Firmamentes Halle, Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, – Zerfloßne Perlen oder Wolkenthränen? – Es rieselte, es dämmerte um mich, Ich wartete, du mildes Licht, auf dich! Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm, Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm, Im Laube summte der Phalänen Reigen, Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen; Und Blüthen taumelten wie halb entschlafen; Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen, Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid, Und Bildern seliger Vergangenheit. Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein, – Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein! – Sie drangen ein, wie sündige Gedanken, Des Firmamentes Woge schien zu schwanken, Verzittert war der Feuerfliege Funken, Längst die Phaläne an den Grund gesunken, Nur Bergeshäupter standen hart und nah, Ein finstrer Richterkreis, im Düster da. Und Zweige zischelten an meinem Fuß Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß, Ein Summen stieg im weiten Wasserthale Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale; Mir war, als müsse etwas Rechnung geben, Als stehe zagend ein verlornes Leben, Als stehe ein verkümmert Herz allein, Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein. Da auf die Wellen sank ein Silberflor, Und langsam steigst du, frommes Licht, empor; Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise, Und aus den Richtern wurden sanfte Greise, Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken, An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken, Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein, Drin flimmerte der Heimathlampe Schein. O, Mond, du bist mir wie ein später Freund, Der seine Jugend dem Verarmten eint, Um seine sterbenden Erinnerungen Des Lebens zarten Widerschein geschlungen, Bist keine Sonne, die entzückt und blendet, In Feuerströmen lebt, in Blute endet – Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht, Ein fremdes, aber o ein mildes Licht! Phalänen/Phaläne] Spanner aus der Schmetterlingsfamilie der Phalaenidae. Verzittert] verzittern: hier: „von optischen erscheinungen ‚zitternd verzucken, verblassen‘“ (Grimm, Deutsches Wörterbuch). Silberflor] Flor: zartes Gewebe, Schleier.
Quelle: Droste-Portal

Daniel Heinsius
(* 9. Juni 1580 in Gent; † 25. Februar 1655 in Den Haag)
Der Niederländer Daniel Heinsius galt als bedeutender humanistischer Gelehrter (auf Latein) und großer Dichter (auf Niederländisch) und wurde Pate der Reform der deutschen Dichtung der Schlesischen Schule. Opitz und andere übersetzten und adaptierten seine Gedichte als beispielgebend für eine deutsche Literatur in der Volkssprache. Die junge Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz schloß sich an und übersetzte unter anderem dieses Gedicht.
Sibylla Schwarz
(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 Greifswald)
Eine Tochter säuget ihre Mutter. Auß dem Holländischen. JN Eisen und in Stahl / mit Füssen und mit Handen / ligt Jhr / O Mutter hier / in so viel schweren Banden / durch Hunger und durch Durst / gebracht in grosse Noht / davohn euch nichtes hilfft / als endlich nuhr der Tod. was soll ich für euch tuhn ? Jhr habt mich auff erzogen / Jch geb euch widrüm das ; Jch hab euch einst gesogen / kompt / saugt mich widerümb / kompt / nempt hier Brodt und Wein / Wir wollen Töchtern beed’ / und beede Müttern seyn.
Aus: Sibylla Schwarz (1621-1638), Werke Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Hrsg. Michael Gratz. Bd. 1. Leipzig: Reinecke & Voß, 2021, S.205
Großteils fast wörtliche Übersetzung eines Gedichts von Daniel Heinsius 1606, unpag., 4. Zu einer Grafik von Jacob de Gheyn (II), gedruckt von Zacharias Dolendo. Auf der rückseitig gedruckten Grafik des niederländischen Originals sieht man eine alte Frau im Gefängnis in Eisenketten und eine junge Frau, die ihr die Brust zum Trinken reicht. Das oft gestaltete Motiv kommt bei Valerius Maximus vor, einem Zeitgenossen Ovids. Dessen Werk Factorum et dictorum memorabilium libri IX (Neun Bücher denkwürdiger Taten und Worte) war in der Renaissance eine wichtige Quelle für antike Themen.

De dochter die de moeder in de ghevanghenisse met haer borsten onderhouden heeft. IN yser ende Stael met voeten ende handen, Licht ghy hier Moeder vast in soo veel swaere banden, Door hongher ende dorst ghebracht in groote noot, En endelick daer door ghedwonghen tot de doot. Wat sal ick voor u doen? ghy hebt my opghetoghen, Ick ghev' u dat weerom: ick hebb' u eens ghesoghen, Comt suycht my wederom, comt neemt hier broot en wijn, Wy sullen Dochter beyd' en beyde Moeder zijn.
Wird mal wieder Zeit für
Boris
Vian!
(* 10. März 1920 in Ville-d’Avray; † 23. Juni 1959 in Paris)
Wären die Dichter nicht so dumm Und wären sie auch nicht so faul Sie machten alle Menschen glücklich Um sich zu kümmern ganz in Ruh Um ihren literarischen Schmerz Würden sie gelbe Häuser bau’n Und davor große Gärten Und Bäume voller Vögel Mit Mirliflöten Wasserlilien Mit Meisegen und Grüngelichter Mit Federwichten, Tellerpickern Und kleinen Raben die ganz rot Die außerdem die Zukunft sagen Springbrunnen gäb es große Mit vielen Lichtern drin Es gäbe mehr als hundert Fische vom Kruspen bis zum Ramusson Von der Libelle bis zum Fokenmuli Vom Hornfisch bis zum raren Kuli Vom Hager bis zum Klepper hin Es gäbe neue Luft Vom Duft der Blätter parfümiert Man würde essen wann man wollte Arbeiten würd man ohne Hast Man würde Treppen bauen Von nie gesehener Form Aus Holz das blau gemasert Und glatt ist in der Hand wie sie Doch die Dichter sind sehr dumm Sie fangen erst mal an zu schreiben Statt an die Arbeit sich zu machen Dann kommen die Gewissensbisse Die bis zum Tod sie nicht mehr missen Froh daß sie so gelitten haben Hält große Reden man an ihrem Grab Vergißt sie dann nach einem Tag Doch wär’n sie nicht so faul gewesen Man hätt’ sie erst nach zwei vergessen.
Deutsch von Eugen Helmlé, aus: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1985, S. 171/173
Si les poètes étaient moins bêtes Et s’ils étaient moins paresseux Ils rendraient tout le monde heureux Pour pouvoir s’occuper en paix De leurs souffrances littéraires. Ils construiraient des maisons jaunes Avec de grands jardins devant Et des arbres pleins de zoizeaux De mirliflûtes et de lizeaux Des mésongres et des feuvertes Des plumuches, des picassiettes Et des petits corbeaux tout rouges Qui diraient la bonne aventure Il y aurait de grands jets d’eau Avec des lumières dedans Il y aurait deux cents poissons Depuis le croûsque au ramusson De la libelle au pépamule De l’orphie au rara curule Et de l’avoile au canisson Il y aurait de l’air tout neuf Parfumé de l’odeur des feuilles On mangerait quand on voudrait Et l’on travaillerait sans hâte A construire des escaliers De formes encore jamais vues Avec des bois veinés de mauve Lisses comme elle sous les doigts Mais les poètes sont très bêtes Ils écrivent pour commencer Au lieu de s’mettre à travailler Et ça leur donne des remords Qu’ils conservent jusqu’à la mort Ravis d’avoir tellement souffert On leur donne des grands discours Et on les oublie en un jour Mais s’ils étaient moins paresseux On ne les oublieraient qu’en deux.
Erschienen 1962, entstanden 1951/52
Bai Li – 白立 ICH BIN BAI LI Familienname Bai, Rufname Li. Beide Zeichen nicht viele Striche, schön einfach! Gut zu merken. Manche Leute nennen mich Li Bai, mit denselben Zeichen. Klingt wie ein Waschmittel: Stante pede weiß! Die Dichterin Xi Wa nennt mich überhaupt nur so. Ich sag: Du nennst mich Li Bai wie Li Taibai, Li Taibo, der größte Dichter. Aber so vielen anderen passt mein Name sowieso nicht. Sie sagen, ich stehe ewig nicht auf, und wenn ich aufstehe, ist es vergebens, weiß aufgestanden, so heißt es wörtlich. Also lass mich meinen Namen ändern! Ich will ewig stehen, ganz gerade stehen, was kann ich tun? Zhang Li, Wang Li, Li Li, wie kann ich heißen? Mit einem anderen Namen, steh ich dann wie ein Riese? Ich heiße immer noch Bai Li, hab nicht einmal einen Künstlernamen. Übersetzt von Martin Winter im Februar 2021

NPC steht für New Poetry Canon, eigentlich New Century Poetry Canon, 新世纪诗典. Abgekürzt als NPC. NPC steht sonst für National People’s Congress, also der Nationale Volkskongress, Chinas Parlament, das allerdings nur einmal im Jahr im März zwei Wochen lang zusammentritt. Seit 2011 wird von Yi Sha 伊沙 im NPC-新世纪诗典 jeden Tag ein Gedicht vorgestellt, in mehreren chinesischen sozialen Medien zugleich. Oft wird ein einziges Gedicht schon in den ersten zwei Tagen zehntausende Male angeklickt, kommentiert und weitergeleitet. Ein nationaler Poesiekongress und eine umfangreiche Studie der heutigen Gesellschaft.
Lieferbar: BRETT VOLLER NÄGEL 布满钉子的木板 NPC-Anthologie 新世纪诗典 Band 1: A–J. Gedichte Chinesisch/Deutsch Übersetzt von Martin Winter Herausgegeben von Juliane Adler und Martin Winter € 24.00 Bestellen
Carl Sandburg
(* 6.Januar 1878 in Galesburg in Illinois; † 22. Juli 1967 in Flat Rock, North Carolina)
Gras
Türm Leichen auf bei Austerlitz und Waterloo,
grab sie ein und laß mich machen –
ich bin das Gras, ich decke alles.
Türm sie hoch bei Gettysburg,
und türm sie hoch bei Ypern und Verdun,
grab sie ein und laß mich machen:
Zwei Jahre — zehn — und alle Passagiere
fragen den Fahrer:
Was ist das hier für eine Gegend?
Wo sind wir ?
Ich bin das Gras.
Laß mich machen.

Aus: Deutsch von Julius Bab, aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 19
Grass
Pile the bodies high at Austerlitz and Waterloo.
Shovel them under and let me work—
I am the grass; I cover all.
And pile them high at Gettysburg
And pile them high at Ypres and Verdun.
Shovel them under and let me work.
Two years, ten years, and passengers ask the conductor:
What place is this?
Where are we now?
I am the grass.
Let me work.
白立 Bai Li
VOLKSPOLIZIST LÖST EINEN FALL Einer kommt eine Anzeige machen, er hat etwas verloren. Was hat er verloren, fragt der Polizist. Er sagt, er hat Flaschen verloren, Alkohol und Getränke, weit über 100. Und er hat eine Spur! Es waren Kollegen, die haben sie gestohlen! Das war ein ganzer Arbeitstag! Der Polizist sagt müde: Ihr Müllsammler müsst schon selbst auf eure gesammelten Sachen aufpassen. Wenn du weggehst, glauben die anderen, du willst es nicht mehr. Da können wir wirklich nichts machen. Der Müllsammler dreht sich stumm um und geht grimmig weg. Übersetzt von Martin Winter im Dezember 2021 Lieferbar: BRETT VOLLER NÄGEL 布满钉子的木板 NPC-Anthologie 新世纪诗典 Band 1: A–J. Gedichte Chinesisch/Deutsch Übersetzt von Martin Winter Herausgegeben von Juliane Adler und Martin Winter € 24.00 Bestellen 14 x 22,4 cm, Softcover 510 Seiten, 3 s/w-Abbildungen Erschienen im März 2021 ISBN 978-3-903267-00-8 NPC steht für New Poetry Canon, eigentlich New Century Poetry Canon, 新世纪诗典. Abgekürzt als NPC. NPC steht sonst für National People’s Congress, also der Nationale Volkskongress, Chinas Parlament, das allerdings nur einmal im Jahr im März zwei Wochen lang zusammentritt. Seit 2011 wird von Yi Sha 伊沙 im NPC-新世纪诗典 jeden Tag ein Gedicht vorgestellt, in mehreren chinesischen sozialen Medien zugleich. Oft wird ein einziges Gedicht schon in den ersten zwei Tagen zehntausende Male angeklickt, kommentiert und weitergeleitet. Ein nationaler Poesiekongress und eine umfangreiche Studie der heutigen Gesellschaft. Band 1 präsentiert 81 Autorinnen und Autoren.
民警断案 @白立 派出所来了个报案的 说自己丢东西了 警察问他丢了什么 他说丢了一堆酒和饮料瓶子 一百多个呢 并说有线索 是拾荒同伙偷去的 那可是他一天的劳动成果 警察无奈地说: 你那些拾的东西 要自己看好的 你离开了 他们还以为你不要了 这事我们真管不了 拾荒者二话没说 转身悻悻地走了
Das Lyrikjahr 2022 hat begonnen, das Jubeljahr 2021 (Sibylla Schwarz 400) ist vorbei. Seit 1.1.21 habe ich jeden Tag einen Tweet mit dem Werk der Dichterin abgeschickt, wer dem folgte, konnte das gesamte Lied- und Sonettwerk und etliches andere in Zwitscherportionen lesen. Es läuft noch ein paar Tage aus. Aber meine Anthologie geht weiter – viele Jubiläen heuer. 400 Jahre Molière, 300 Jahre Karsch(in), 225 Droste und Heine, 250 F. Schlegel und Novalis, 200 Jahre Weerth, 100 Jahre: B. Dimitrowa, Ágnes Nemes Nagy, Fühmann (überhaupt noch viele DDR-Lyriker, das Land ist in die Jahre gekommen: W. Werner, H. Zenker, Sabais, Bostroem, Stengel, Deicke, Wiens), Skácel, E. Burkart, Pasolini, V. Bratesch, Kipphardt, Kerouac, Klünner, Hirsh Glik, Stefan August Doinas, Raeber, Popa, Białoszewski, Kreisler, Larkin, Neto, Plath, Borowski, Saramago, Höllerer, Mekas… Etlichen davon werden Sie in diesem Jahr hier begegnen, wir fangen gleich mit Ágnes Nemes Nagy an, der großen ungarischen Dichterin, die heute vor 100 Jahren geboren wurde. Franz Fühmann, der sie übersetzt hat, folgt ihr in einigen Tagen.
Ágnes Nemes Nagy
(* 3. Januar 1922 in Budapest; † 23. August 1991 ebenda)
Vergleich Wer, da ein Sturm aufzog, gerudert ist, seinen Quadrizeps zum Zerreißen spannend, fort der Fußstützen Felsen stemmend, und wem da unvermutet jäh die rechte Hand gewichtslos blieb, da vom ge- splitterten Holz das Blatt nach hinten wegbrach, und wer in seinem ganzen Körper dann kippte – weiß, was ich weiß.
Deutsch von Franz Fühmann, aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. Leipzig: Insel, 1986, S. 41. (In dem Buch viele Anstreichungen, einige Gedichte kannte ich da schon aus zwei früheren Büchern: seufz, war ich da jung and sure to have my way).
Nachtrag: Heute erreicht mich die Ankündigung einer Neuübersetzung der Dichterin bei Urs Engeler (roughbook) (hier):
Ágnes Nemes Nagy: Mein Hirn: ein See, herausgegeben und aus dem Ungarischen übersetzt von Christian Filips und Orsolya Kalász
Franz Fühmann nannte die ungarische Dichterin eine „Königin der magyarischen Poesie“ und forderte bei der ersten deutschsprachigen Ausgabe ihrer Gedichte: „Die Buchhandlungen und Bibliotheken sollten flaggen, mit Bannern und Wimpeln und Standarten, in den Traumfarben der Poesie.“
Yari Bernasconi
(Geboren 1982 in Lugano)
Ich weiß nicht Ich weiß nicht, ob ihr gewonnen oder verloren habt. Euer Kampf je wirklich begonnen hat. Aber jeden Tag in der Früh, im gewohnten Waggon am Zugende, treffe ich einen Mann, der endlos vor sich hin murmelt. Es hätte nicht so sein sollen, sagt er, es sei ein Fehler, ein Witz. So viele Worte um sich im Vakuum wiederzufinden, hinter dem Kunstglas eines Aquariums. Reduziert auf dieses triste Dahinvegetieren. Immer antwortet ihm eine Alte mit blauen Augen und gepflegten Händen: War es vor uns schon anders? Ich weiß fast nichts über euch, noch ihr über mich. Ich weiß trotzdem, dass ihr da seid: Ihr seid nah. Und standhaft auf eure Weise.![]()
Non so Non so se abbiate vinto o perso. Né se la vostra lotta sia mai iniziata veramente. Tutte le mattine, però, nel solito vagone in coda al treno, incontro un uomo che borbotta senza fine. Non doveva andare così, dice, è uno sbaglio, uno scherzo. Tante parole per ritrovarsi sottovuoto, dietro il vetro artificiale di un acquario. Ridotti a questo triste vivacchiare. Gli risponde sempre un’anziana con gli occhi azzurri e le mani curate: prima di noi è già stato diverso? Non so quasi nulla di voi, né voi di me. So tuttavia che ci siete: siete vicini. E a modo vostro resistete.
Aus: Yari Bernasconi: Neue staubige Tage. Nuovi giorni di polvere. Gedichte Italienisch und Deutsch. Übersetzt von Julia Dengg. M.e. Nachwort von Fabio Pusterla. Zürich: Limmat, 2021, S. 138f
Christiane Grosz
(* 7. Januar 1944 in Berlin, † 10. November 2021)
Alte Katze Katzenliteratur ist ihr ein Begriff. Gleich nach Grenzöffnung suchte sie die esoterischen Teestuben auf kaufte wenig aber hörte gern die Vogelstimmen mit Kopfhörern, um sich in die Stimmung einer Kontemplativen zu versetzen. Auf einer Pelztrommel saß sie ohne zu stören trank grünen Tee, nachdem sie gehört hatte daß er Körper und Geist beflügelt. Langmütig wartete sie auf ihre Beflügelung um den Vögeln nicht nur seelisch nah sein zu können.
Aus: Christiane Grosz: Schwarz am Meer. Gedichte. Friedrichshagen: Corvinus Presse, 2002 (Corvinus, 105. Druck. Reihe Welt statt Berlin, Bd. 12). Mit Zeichnungen der Autorin. (unpag.)
2021 wäre Lothar Walsdorf 70 geworden. Er starb vor 17 Jahren mit nicht einmal 53.
Lothar Walsdorf
(* 16. Oktober 1951 in Zittau; † 5. Juli 2004 in Berlin)
Angst mein kummerstein mein guter clown mein herz mein bibabutzelmann mein haus aus glas was klopfst du da was klopfst du da an deine wand was klopfst du da an deinen bau ...? will raus will fort auf reisen gehn
Aus: Lothar Walsdorf: Der Wind ist auch ein Haus. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, S. 172
Vgl. hier.
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