Jan Skácel 100

Jan Skácel 

(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brno) 

NICHTGEDICHT

In gegenwart dieses nichtgedächtnisses 
wenn das gedicht nein und nicht anders sagt 
und das nichtsagen herrscht 
und das nichtabsehen der worte 
und der vers ist das nichterlangbare 
wird uns das nichtachten zum nichtgedicht führen

Und die nichtscham solcher behauptung 
zwingt uns in nichthäusern zu wohnen 
Der nichtvogel unter den fenstern 
so eingeschneit im nichtlaub 
singt nicht vergebens singt nicht

(Wenn das gedicht nein und nicht anders sagt 
und das nichtsagen herrscht 
und das nichtabsehen des wortes 
und das nichtsterbliche 
in gegenwart dieses nichtgedächtnisses)

Aus: Jan Skacel: wundklee. gedichte. Ins deutsche übertragen von Reiner Kunze. Mit der laudatio zur Verleihung des Petrarca-Preises 1989 von Peter Handke. Frankfurt/Main: Fischer, 1989, S. 59

„Authentisch lehne ich ab!“

Dirk Skiba über seine Dichterporträts

Es ist eine gängige medienwissenschaftliche Lehrmeinung, Autorenporträts (w/*/m) als Teil des Epitextes von Publikationen zu werten.

SKIBA Es gefällt mir, dass Du Porträts als Texte betrachtest. Das ist auch meine Meinung. Ich gehe aber noch etwas weiter: Es kommt auch darauf an, wo das Bild veröffentlicht wird; im Buch ist es ein Paratext, der die Rezeption lenkt und der das gedruckte Wort begleitet; Paratexte sind damit Teil eines Buches. Epitext wäre – wenn ich es richtig verstehe – eher das Drumherum (Verlagswerbung, Flyer, etc.), und damit hat das Bild eine andere Funktion. Vielen Autoren ist das bewusst, sie fragen beispielsweise gezielt nach einem Bild für eine Buchklappe oder für eine Lesung – das müssen nicht immer die gleichen Bilder sein. Es  können verschiedene Fotos zu verschiedenen Zwecken sein.

Ist dieser mediatisierenden Perspektive nicht entgegenzuhalten, dass eine Dichterlesung bereits mit dem Betrachten eines Autorenporträts beginnt? Die Fotografie wäre dann nicht Teil einer Inszenierungsstrategie (eines Verlages, einer anderen kulturellen Agentur) oder eine Selbstinszenierung des Autors, sondern substanzieller Teil der Performance.

SKIBA Hier geht es um Lesungen. Das ist was anderes als die Publikation, oder?

AMES Das ist wiederum die gängige Auffassung. Problematisch daran ist, dass in solcher Perspektive nur der distributiv-ökonomische Blickwinkel eingenommen wird; und nicht der ästhetische Eigensinn der Veranstaltung erfasst wird.

SKIBA Wir leben in einer Zeit, in der Lesungen sich zu einer eigenen Kunstform entwickeln. Das war früher nicht immer der Fall. Und man sieht, dass es hier sehr große Unterschiede gibt. Es gibt Dichterlesungen, die bewusst gestaltet sind, wo Dichter mit ihrer Stimme ihre Texte interpretieren. Die Performance ist dann eine eigene Dimension, die zum Text hinzutritt. Jede Lesung ist im Grunde eine Interpretation des geschriebenen Textes. Natürlich wird manchmal einfach vorgelesen, ohne Übung, ohne Überlegungen zu einer angemessenen Wirkungsweise. Lesungen und Bücher sind zwei verschiedene Dimensionen. – Wenn für Lesungen geworben wird, dann ist das Bild Teil einer Inszenierungsstrategie, da stimme ich Dir zu. Nach meiner Erfahrung kommt es dabei sehr auf die Autoren an. Performancekünstler lassen sich tatsächlich anders fotografieren. Wenn es sich anbietet und ich weiß, dass ich einen Performer vor mir habe, dann bitte ich während des Fotografierens um einen Textvortrag. Dann entstehen andere Bilder, weil das Inszenierungsstrategien sind. Strategien im wertneutralen Sinn. Eine Nora Gomringer lässt sich anders fotografieren als ein Volker Braun.

AMES Poetry Slammer klammere ich nicht aus, im Gegenteil.

SKIBA Natürlich hat Porträtfotografie etwas zu tun mit Inszenierung, es geht um Selbstinszenierungen von Autoren. Ich arbeite nicht für Verlage oder kulturelle Agenturen. Ich merke, dass ich eine Vorstellung habe, wie man jemanden zeigen kann. Die Selbstinszenierung des Autors hat dann wiederum mit seinem Selbstbild etwas zu tun. Es entsteht so etwas wie ein gemeinsamer Text. Alle meine veröffentlichten Bilder sind vom Autor autorisiert. Ich treffe eine Vorauswahl, und dann kann ein Autor Vetos einlegen. Er sucht sich die Bilder aus, die seinem Selbstbild nahekommen.

Es gibt sehr große Unterschiede zwischen den Autoren. Einige überlassen mir die Auswahl. Da kann es sich um Bilder handeln, in denen der selbstinszenatorische Anteil nicht so hoch ist. Viele, gerade Lyriker, gerade die der mittleren Generation, sind sehr bewusst. Als öffentliche Person wollen sie genau kontrollieren, welche Bilder von ihnen im Umlauf sind.

AMES Da Autorschaft von auctoritas kommt, eine Herrschaftsform meint, ist das wenig verwunderlich.

SKIBA Ich kann sagen, dass der Wille zur Selbstinszenierung unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Ich reise sehr viel und möchte auch die literarische Szene in anderen Ländern dokumentieren. Dabei fiel mir auf, dass die Selbstinszenierung deutscher Autoren eine andere ist als diejenigen in afrikanischen oder asiatischen Ländern. Selbst im europäischen Vergleich scheint mir die Genieästhetik in Deutschland noch erstaunlich verbreitet zu sein.

AMES Wieso ist das erstaunlich?

SKIBA Seit Heinrich Heine, dachte ich, hat sich doch ein anderes Konzept von Autorschaft etabliert. Und heutzutage haben sich durch die Schreibschulen doch auch Modelle kollaborativen Schreibens als Alternativen zum Geniegedanken entwickelt. Dennoch fällt mir auf, dass sehr viele Autoren, wenn ich sie treffe, vorschlagen, in einen Park zu gehen … Das lehne ich dann immer ab, denn ich möchte diese Vorstellung nicht bedienen … ich bin von einigen sogar eingeladen worden, auf einen Friedhof zu gehen …  Das sagt ja etwas …

AMES … über kulturelle Schablonen, ich weiß schon, was Du meinst.

SKIBA Das ist nicht despektierlich gemeint. Das sind Images. Das hat etwas zu tun mit Selbstbild: Die Bücherwand; der Blick ins Buch, der lesende Autor; der Autor vor dem kulminierten Wissen in seiner Bibliothek; der Autor im Zwiegespräch mit der Natur: Das sind Schablonen, die aber nicht universell sind.

AMES Wie ist es denn in einem afrikanischen Land eine typische Szenerie?

SKIBA Viele afrikanische Autoren haben eine europäische Prägung; insofern wäre die Frage zu stellen, was genuin afrikanisch sein könnte. Ich weiß es nicht. Generell waren die afrikanischen Autoren, die mir begegnet sind, gelassener, wollen nicht so genau kontrollieren, was im Umlauf ist.

Ganz wenige Autoren in Deutschland lassen sich gern fotografieren. Das ist ein ganz erstaunliches Zusammentreffen: niemals zuvor wurden so viele Fotografien produziert wie heute – mit Smartphonecams lassen sich die Leute sehr gern aufnehmen. Wenn aber jemand kommt mit einer anderen Idee, wenn jemand wirklich Porträts machen will, dann ist doch die Sorge groß, ob die eigenen Vorstellungen erfüllt werden. Bei Porträts ist Vertrauen eine Grundvoraussetzung. So werde ich oft in der Szene weiterempfohlen: man könne sich  darauf verlassen, dass ich den Autoren die Fotos vor Veröffentlichung vorlege. Leider gibt es auch Autorenfotografen, die Bilder unautorisiert ins Netz stellen. Dieses Verhalten führt natürlich zu verständlichen Vorbehalten aufseiten der Autoren. Deshalb ist eine klare Absprache im Vorfeld, wie mit den Porträts zu verfahren ist, vonnöten.

Welche Kriterien sind für Dich ausschlaggebend dafür, Autorinnen* und Autoren* einzuladen, sich von Dir fotografieren zu lassen?

SKIBA Hier muss ich wieder unterscheiden zwischen deutschen und ausländischen Autoren. Eine eindeutige Antwort darauf zu gehen, ist mir nicht möglich. Es gab das Buchprojekt; da sollten natürlich einige drin sein, die ich vorher nicht besucht hatte. Es gab Vorschläge vonseiten der Herausgeber. Ich habe auch gezielt Autorinnen und Autoren angesprochen bzw. die Herausgeber  haben das getan. Das ist alles im Rahmen des Projekts geschehen, es sollten verschiedene Altersgruppen und verschiedene deutschsprachige Länder vertreten sein. Das unterscheidet sich von meiner sonstigen Vorgehensweise. Es gibt verschiedene Recherchewege. Ich informiere mich auf den entsprechenden Sites, die »Lyrik-Empfehlungen« sind ebenso eine Informationsquelle wie »Signaturen«, beide verschaffen einen verlässlichen Überblick; außerdem ist Lyrikline zu nennen, v.a. wenn es sich um Lyrik aus dem Ausland handelt. Es ist auch so, dass ich die Autoren, zu denen ich Kontakt habe, frage, wer noch zu berücksichtigen wäre, dann wird man weitergereicht. Wenn es um Autoren aus dem Ausland geht, sind Vertraute, die ich dort habe, wichtig. So entstehen Listen. Entscheidend ist dann, wer in der betreffenden Zeit vor Ort erreichbar ist. Und dann muss man davon ausgehen, dass nicht alle, die ich fotografieren möchte, auch bereit sind, sich ablichten zu lassen. Ich weiß, dass diese Kriterien anfechtbar sind. Gerade mit Blick aufs Ausland sind Literaturpreise eine zunehmende Größe, v.a. in Ländern Südamerikas oder Afrikas; da sind eine Menge interessanter Leute darunter. Es ist auch so, dass ich schaue, wer ist ins Deutsche übersetzt worden. Es hängt insgesamt also von vielen Zufällen ab. So würde ich beispielsweise mit Blick auf »Das Gedicht und sein Double« nicht von einer repräsentativen Auswahl sprechen; das wäre vermessen.Ausschlaggebend ist auch die eigene Intuition hinsichtlich des Bildpotentials; gute Hinweise darauf gibt der Umstand, wie sich jemand im Netz in Szene setzt. Auch das hat für mich einen hohen Informationswert. Wenn jemand sehr ernst dreinblickt, ist es anders, als wenn er sich extrovertiert zeigt.

AMES Und dich interessiert eher das Extravertierte?

SKIBA Nicht unbedingt! Ich versuche immer, die Leute auf eine Art und Weise abzubilden, die ihnen entspricht. Ich kann zum Beispiel nicht einen etwas älteren Philosophen auffordern, irgendwelche Gesten zu machen … Das verbietet sich.

AMES Wonach suchst du? Was ist für dich ein hartes Auswahlkriterium: Authentizität oder Anmut?

SKIBA Oh, mit diesen Worten arbeite ich nicht.

AMES Authentizität ist für dich ein Unwort?

SKIBA Du fragst, was ich versuche abzubilden? Authentisch‹ lehne ich ab. Wir sprachen vorher davon, dass Fotos Texte sind, dennoch haben sie etwas mit dem zu tun, der vor der Kamera war. Wenn ich es mit einem Wort benennen müsste, dann wäre es: gültig. Ich möchte ein gültiges Porträt machen, d.h. eines, das die Zeit überdauert, das strebe ich an. Und welches das ist, lässt sich meistens im gemeinsamen Nachgespräch mit den Autoren finden. Bei älteren Autorinnen und Autoren geht es mir auch um Würde. Mein Ethos verbietet es mir, jemandes Gebrechlichkeit zu zeigen.

AMES Auch wenn sie oder er das wollte?

SKIBA (Pause) Das habe ich noch nicht erlebt. Ein Beispiel wäre Friederike Mayröcker. Ich habe – zumindest außerhalb von öffentlichen Veranstaltungen – wahrscheinlich eines der letzten Bilder von ihr gemacht. Darauf ist auch ihr hohes Alter zu sehen. Ich habe bei unserem Treffen ungefähr 200 Bilder gemacht. Aber nur mit einem war ich wirklich zufrieden. Das zeigt sie in ihrer Würde. Ich möchte niemanden bloßstellen oder lächerlich machen.

AMES Es muss sich ja nicht mal um solche Extremfälle handeln; schon bloße Gedankenlosigkeit kann sehr ärgerlich sein. Ich habe als Autor genau diesen Fall mehr als einmal erlebt: Dass ein Pressefotograf einfach draufgehalten hat, und mich in die Auswahl überhaupt nicht einbezogen hat. Einige dieser Fotos stehen seit Jahr und Tag im Netz. Natürlich muss ich das jeweils verkraften, aber fröhlich stimmt es im ersten Augenblick nicht, so gezeigt zu werden!

SKIBA Es kommt immer darauf an, welche Absprachen bestehen. Aber selbst dann, wenn Autoren mir freie Hand lassen, möchte ich nicht, dass Bilder in Umlauf kommen, von denen ich annehmen muss, dass sie die Person lächerlich wirken lassen. Ich spüre, dass andere Fotografen selbst in den Bildern sein wollen. Es gibt Bilder von César Aira in der Badewanne. Und ich weiß genau, dass das eine Inszenierung des Fotografen war. Und es gibt andere Fotografen, die lustige Bilder machen möchten, vielleicht finden das die Autoren selbst gut. Aber (lacht) das ist nicht so mein Ansatz.

AMES Hierzu noch eine allerletzte Rückfrage noch. Wenn ich das richtig beobachte, dann sind es eher Festivals, die dich interessieren; Du hattest nämlich auch Literaturpreisveranstaltungen genannt …

SKIBA Nein. Ich besuche zwar ausgewählte Festivals; ich fahre auch sehr gerne zur Prager Buchmesse, weil dort einige Bekannte und Freunde tätig sind, das erleichtert die Arbeit, ich kann Autoren treffen, die sonst nicht so leicht erreichbar sind. Auf Festivals sind viele Autoren aber ganz anders als in ihrer vertrauten Umgebung, deshalb ziehe ich es vor, Leute dort zu besuchen, wo sie auch ein wenig Zeit haben.

AMES Was bedeutet denn ein wenig Zeit?

SKIBA Meistens eine Stunde. Das ist sehr unterschiedlich, manchmal auch länger, aber nie länger als zwei Stunden. Dann ist die Spannung weg.

Ist Fotografie von Dichtern eine Art Rückübersetzung der Kunst (lyrisches Ich) ins Leben (Autobiografie). Ist es genau umgekehrt?

SKIBA Das lyrische Ich hat mit der Person des Autors nur sehr wenig zu tun. Das ist literaturwissenschaftliches Wissen, Stand: erstes Semester …

AMES Vielen Lesern mag genau dieses Wissen aber fehlen …

SKIBA Auch die in der Frage mitschwingende These, dass das Autorenbild mit der Person etwas zu tun hat, ist nur bedingt richtig. Das entstandene Porträt ist ein Text und auch ein Bild von mir. Das Bild ist nicht die Person, nein, es ist ein Text. Insofern stimme ich der These von der Rückübersetzung nicht zu. Wobei die Grenzen zwischen Leben und Fiktion – Beispiel Knausgård – im Genre der Autofiktion aufgeweicht werden. Damit spielt auch »Das Gedicht und sein Double«. Wenn im Text ein Ich steht und Bild dazu gegeben wird, dann fragt man sich: was ist jetzt Text, was ist Person, was ist eigentlich Ich‹ …?

Wonach bemisst sich für Dich die Stimmigkeit zwischen fotografierter Person und dahinterstehendem Werk. Gibt es tote Gesten?

SKIBA Ich kenne zwar das Werk von einigen Autorinnen und Autoren, aber ich kenne nicht von jeder Person, die ich fotografiert habe, das Werk.

AMES Das ist doch eine ganz wesentliche Aussage.

SKIBA Wenn ich das Werk kenne, beeinflusst es natürlich meinen Blick auf den Autor. Ich will aber auch nicht illustrieren. Wenn ich eine Krimischriftstellerin treffe, dann gehe ich mit dieser Autorin nicht in ein dunkel ausgeleuchtetes Schloss (lacht). Und zu toten Gesten (Pause) … Ja, schwierig ist es mit Händen … Die Denkerpose ist eine tote Geste … In uns sind ganz viele Bilder abgespeichert … Es gibt tote Ambiente, die ich vermeide. Wie schon gesagt: ich vermeide Parks.

Welche Erwartung verbinden sich für Dich hinsichtlich der Betrachter (m/*/w) Deiner Autorenporträts? Welche Erwartungen und Idealvorstellungen hast Du als Porträtfotograf?

SKIBA Ich hoffe, dass Betrachter verweilen; dass so etwas wie Stimmigkeit und Gültigkeit gespürt wird. Ich mag besonders Bilder mit kleinen Momenten des Unerwarteten. Vielleicht ein Haar, das nicht richtig liegt. Das sind wahrscheinlich meine besten Bilder: wo kleine Irritationen drin sind. (Pause) Man darf sich auch nichts vormachen: Fotobücher werden durchgeblättert. Da hat man keine Sekunde pro Bild. Ich habe keine Erwartung, aber ich habe die Hoffnung, dass einige Bilder etwas länger angeschaut werden. Das hat auch zu dieser Kombination von Gedicht und Bild im o.g. Sammelband Anlass gegeben. Man liest den Text, schaut auf das Bild, oder umgekehrt.

In welchem Fall erscheint Dir eine Fotografie misslungen?

SKIBA Ich habe ganz viele misslungene Fotografien … Deshalb gibt es ja den Prozess des Auswählens, der sehr intuitiv ist.

AMES Ich dachte nicht an das Material, sondern an veröffentlichte Fotos, und ich dachte weniger an Dich, sondern an Porträtfotografie als solche.

SKIBA Wenn der Fotograf sich sehr in den Vordergrund spielt, empfinde ich das als übergriffig.

Welche Fotografinnen* (m/w) waren für Dich stilbildend?

SKIBA Isolde Ohlbaum und Renate von Mangold haben das Genre geprägt. Ich schau mir mit großem Interesse an, wie die beiden gearbeitet haben. Aber wenn ich Vorbilder nennen soll …

AMES Ich möchte nochmal betonen: ich frage nach Vorbildern für dich; nicht danach, was in öffentlicher Geltung steht …

SKIBA Sicher! Mit Cato Lein bin ich in gutem Kontakt. Erst kürzlich hat er eine Serie von Autorenporträts in Rumänien angefertigt. Das ist großartig, das ist eine ganz spezielle skandinavische Bildsprache, die mir sehr zusagt. Mir gefallen auch sehr die Arbeiten von Anton Corbijn (bekannt geworden durch die Bilder von Tom Waits) und die Künstlerporträts von Barbara Klemm. Im deutschen Kontext fallen mir noch ein Roger Melis und Stefan Moses. Letzterer hat stark konzeptionell gearbeitet. In einer Serie hat er alles vorab arrangiert, Spiegel aufgestellt, dann hat er den Autoren bzw. Philosophen einen Selbstauslöser in die Hand gegeben. Das finde ich faszinierend, weil du dir unweigerlich die Frage nach Autorschaft stellst.

AMES Hast du selbst probiert, im Rahmen eines solchen Arrangements mit Autoren zu arbeiten?

SKIBA Ich fände es albern, die gleiche Idee nochmal umzusetzen. Es fasziniert mich einfach. – Bezüglich der Autorenfotografie ist mir die Unterscheidung wichtig zwischen freien Arbeiten und Auftragsarbeiten (v.a. für Verlage), meist sehr kommerziell, und nach Vorgaben und Idee der Auftraggeber zu erledigen. Das heißt nicht, dass Auftragskünstler schlechtere Arbeit leisten. In den USA gibt es einen enorm avancierten Fotografen namens Beowulf Sherman, der über eine entsprechende Infrastruktur (Studio, Assistenten) verfügt. Das sind ganz andere Bilder. Die sind (Pause) einfach nur schön; da fehlt mir – ein wenig plakativ ausgedrückt – die Tiefe.

Es gibt anonyme Formen des Poesie-Events, zum Beispiel Konzept*Feuerpudel (URL: http://gleiswildnis.de). Was wäre dazu die passende Art von Porträtfotografie?

SKIBA Ich kann dazu nur sagen, dass es viele Lyrikerinnen und Lyriker gibt, die Schwierigkeiten haben mit dem Genre Autorenporträt.

AMES Bei manchen Kollegen ist nicht auszuschließen, dass ihnen der Reim von Gedicht auf Gesicht nicht gefällt.

SKIBA Ich kann und will niemanden gegen seinen Willen fotografieren.

AMES Es bestünde aber die Möglichkeit, Substitute bereitzustellen … Die Autoren könnten Artefakte bereitstellen.

SKIBA Es gäbe auch die Möglichkeit, mit Stativ zu arbeiten und unscharfe Bilder zu produzieren. Das kann man machen. Das hatte ich schon mal angedacht, aber dann nicht realisiert.

AMES Warum eigentlich nicht? Es würde sich dann nicht mehr um Porträtfotografie handeln, sondern um Dichterfotografie; dies durchaus in mehrerlei Hinsicht. Lyrik steht ja durchaus im Ruf, opak zu sein … und diese Opazität wäre durch Artefakte oder Verschwommenheit umzusetzen … Reizt Dich so etwas?

SKIBA Durchaus. Ich würde dann aber die Dokumentation von Performances in Betracht ziehen … Damit wären wir auch bei der letzten Frage.

Müssten sich Dichterinnen (w/*/m) nicht konsequenterweise im Akt fotografieren lassen. Und welcher wäre das; welcher wäre der für Dich als Fotografen paradigmatische? Der Akt des Schreibens oder der Akt des Vortrags des Geschrieben?

SKIBA Es gibt wieder verschiedene Möglichkeiten. Ich antworte mit Verweis auf ein Beispiel: Gerhard Rühm und seine Frau machen Sprechduette. Diese Kunstform wirkt sehr modern, ist aber wohl schon in den 1950ern entstanden. Hier bestünde die Möglichkeit, im Rahmen einer Lesung zu fotografieren. Nur ist der Fotograf in dieser Situation sehr limitiert. Er sitzt irgendwo, das Licht ist meist sehr schlecht, meistens Kunstlicht; es ist toll, wenn so etwas dokumentiert ist. Für meine Art der Fotografie ist es besser, wenn ich die Autoren bei einem Treffen einlade, etwas zu lesen. Ich habe meistens einen tragbaren Hintergrund dabei. Und in Köln haben Herr Rühm und seine Frau in meiner Gegenwart vor dem schwarzen Hintergrund Sprechduette aufgeführt; das habe ich dokumentiert, und ich glaube auch, dass die Bilder ganz gut geworden sind. Ich habe die beiden zwar beim Vortrag fotografiert, aber es war kein Vortrag vor Publikum.

Diese Vorträge während des Shootings haben einige Autoren gemacht; erstaunlich war die Angabe des Ehepaars Rühm, dass im Rahmen von Autorenporträts noch nie jemand danach gefragt hatte; Gerhard Rühm sagte, es existierten keine derartigen Fotos. Das hätte ich nicht gedacht. – Ein anderes Beispiel wäre Adonis, der mit großer Inbrunst seine Gedichte vorträgt. Er rezitierte ein Gedicht, dabei habe ich ihn dann fotografiert. Das ist für mich dann etwas anderes, als wenn ich jemanden fotografiere, der sich gegen eine Wand lehnt.

AMES Was ist aber für Dich als Fotograf die paradigmatische Situation, wenn es um Dichterfotografie geht, um von der Porträtfotografie wegzukommen, wo es offenbar klare Vorgaben gibt. Was ist im Kontext der Dichterfotografie die paradigmatische Situation: Der Schreibakt, der Akt des öffentlichen Vortrags oder das völlige Beiseite-Lassen beider?

SKIBA Das Schreiben ist eine sehr ruhige und sehr persönliche Sache. Ich könnte versuchen, das zu fotografieren, das hätte dann aber vielleicht eine voyeuristische Komponente; das hätte vielleicht auch etwas von Homestory … Autoren in ihren Arbeitsräumlichkeiten zu fotografieren, das vermeide ich eher. Der Vortrag vor Publikum wäre eine paradigmatische Situation, aber es ist nicht meine paradigmatische Situation. Meistens ist es ein Dialog, der sich entwickelt. Und während dieses Dialogs nähere ich mich der jeweiligen Person an. Grundsätzlich lasse ich mir dann gern in die Karten schauen. Autorenfotografie erlebe ich als Tätigkeit auf mehreren Ebenen. Eine Ebene ist das Gespräch; ich unterhalte mich mit den Porträtierten; das ist eine sehr ruhige Konversation. Es geht vielleicht um Literatur oder um Autorenporträts. Das ist ganz wichtig, um eine Atmosphäre zu kreieren, die ein Verkrampfen verhindert. Auf einer anderen Ebene bin ich höchst konzentriert; muss auf verschiedene technische Details achten und auf die Bildkomposition. Einige Vorgänge sind weitgehend automatisiert, trotzdem kann ich die Spannung zwischen beiläufigem Gespräch und voller Konzentration nicht lange durchzuhalten. Das führt in kurzen Passagen dann dazu, dass ich ein unaufmerksamer Zuhörer bin. Dann entschuldige ich mich kurz.

AMES Herzlichen Dank für Deine äußerst hilfreichen Antworten!

***

Das Telefoninterview mit Dr. Dirk Skiba vom 19.07.2021 entstand im Rahmen der Forschungsarbeit Ritual – Artikulation – Aktion: Die ›Dichterlesung‹ seit den 1950er Jahren

Frauentag

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Silke Peters

Frauentag

Schreiben verändert die Wahrnehmung, ist eine heftige Trance. Bilder verschmelzen bei über eintausend Grad im Lagerfeuer. Meine Gedanken brennen, meine Gefäße sind aus Lehm. Ich klaube ihn unter der Wurzel eines im Winter umgestürzten Baumes am Strand hervor. Stampfe die Klumpen mit den nackten Füßen zu Brei.

Wem gehört der Fingerabdruck auf der Venus von Dolní Věstonice. Lößstaub und Knochenmehl sind auf lange gebunden. Die Venus ist weggeschlossen im Tresor einer Aufbewahrungsanstalt in Brünn. Für immer. Steinzeit. Ich koche in einem Tontopf über dem wintermüden Feuer die Wurzeln aus und brate die Austernpilze am Spieß.

Der Lehm wartet unter einem feuchten Tuch. Ich werfe die geformten Perlen ins Feuer. Sie bedecken meine Stirn, schwanken, rascheln, klingeln über meinem halluzinierenden Blick.

Ringe Jahresringe Saturnringe zähle ich an den noch hastig im Februar gefällten Bäumen überall im Stadtgebiet. Gefallene Riesen. Sie schauten aufs Meer.

Das sind klimatische oder klimakterische Probleme. Oder Probleme mit dem Router, wer weiß? Bei mir liegt eine Glasfaserleitung an, sagt der nette Fernmeldemechaniker am Telefon. Und am Dienstag wird an der Wasserleitung gebaut. Mein Haus schwankt, ich kann in die Ferne sehen. Zur Not habe ich ein Beißholz aus einer Pferderippe dabei.
Silke Peters spricht ihren Text

Kerben

Jayne-Ann Igel

diese busfahrt mit mutter nach w., nächtliche fahrt mit lichtern, trügt mich die erinnerung oder hat sie im kurhaus übernachtet und mich tags darauf in einem bett hinterlassen, an dessen fußende die abbildung eines tiers befestigt, und das kind nun antilope, hase oder fuchs vorstellte, die tröstlichere variante. Trügt die erinnerung nicht, lag das kurhaus am rande einer siedlung im vogtländischen, und es bedurfte nur weniger schritte, in die innung des forstes einzutauchen, in der die kiefern mit kerbschnitten versehen, der harzgewinnung wegen. Zählte das kind die kerben, die ihm selbst beigebracht dünkten, und wer sprach von heilung, abends unter der höhensonne. War es herbst, der wald wirkte so, doch kein laub, nur das wispern der kiefern, unübersetzbar, nachts noch im schlafsaal, aber nicht im traum, es schien keine träume zu geben, an diesem ort – [28/XI/2021]

Journalmonat

Viel Zeit verstrich und viel Wasser floß in die dänische Wiek, seit das L&Poe Journal Numero 1 erschien und ich eine Fortsetzung ankündigte. Die erste Ausgabe war ein Fest für Christian Morgenstern, das ich am 15. Februar 2021 zusammen mit Konstantin Ames ins Licht gab, 16 Beiträge zu Morgenstern (ein paar von ihm waren auch darunter). Nummer 2 hat kein spezielles Thema, es besteht aus den Rubriken #1: Neue Texte, #2: Alter Text, #3: Betrachtung und Kritik und #4: Tabu. Die neuen Texte, es hat sich so gefügt, sind Texte von Frauen. Vor allem aber, ich habe es indirekt schon angekündigt, erscheinen sie nicht alle auf einmal, sondern auf die nächsten vier Wochen verteilt. Jeden Tag ein oder, wie es sich fügt, mehrere Happen, aus denen sich allmählich das Journal aufbaut. So bekommt hoffentlich jeder Beitrag sein Quäntchen Aufmerksamkeit und alle zusammen sollen sich zu einem Strauß fügen, der L&Poe Journal #2 heißen wird. Erwarte also, günstiger Leser & liebe Leserin, in kurzem auch der anderen Teile!

Taback

Hans Aßmann von Abschatz

(* 4. Februar 1646 in Breslau; † 22. April 1699 in Liegnitz)

Taback: überſezt aus dem Barclayo.

Pflantze/ deren Rauch das Gifft
Bunter Schlangen übertrifft/
Welche die Natur verbannt
In ein weit-entlegnes Land.
Wo der Wilden tummer Geiſt
Seine Larven Götter heiſt/
Wo der Barbarn freche Schaar
Weyland unbeherrſchet war.
Wer/ o mehr als Höllen-Kraut/
Hat der Fichte dich vertraut?
Weſſen unbehirntes Haubt
War der Sinnen ſo beraubt/
Daß es dich in unſer Land
Durch die weite See geſandt?
Kunte nicht Neptun das Schiff/
So durch ſeine Wellen liff/
Und dergleichen ſchnöde Laſt
Hielt gefangen um den Maſt/
Durch der Winde raſend Heer
Stürtzen in das tieffſte Meer/
Treiben auff erhöhten Sand/
Schlagen an der Klippen Wand/
Führen auff ein falſches Bay
Schmettern in viel Stück entzwey!
Konte nicht der Jupiter
Aller Sternen Ober-Herr/
Auff das ſchwancke Waſſer-Hauß
Blitz und Donner ſchütten aus/
Und verzehren durch die Glutt
Schneller Flammen Schiff und Gutt.
Aber/ ach! als Streit und Krieg
Uberall behielt den Sieg/
Als ſich unſer Vaterland
Richte hin mit eigner Hand/
Als das Blutt aus naher Schoß
Durch des Freundes Hände floß/
Als die Mutter ihrem Sohn
Halff durch arge Gifft davon/
Fehlte bey dem Krieges-Joch
Dieſe Peſt/ diß Ubel noch.
Dieſes muſt auff friſcher Bahn
Seyn den Fremden nachgethan/
Dieſes muſt in kurtzer Zeit
Seyn gelitten weit und breit/
Biß es worden ſo gemein
Daß es ärger nicht kan ſeyn.
O verkehret-neuer Brauch!
O beſchwerter Höllen-Rauch/
Wer kan deinen Nebel-Dunſt
Uns beſchreiben nach der Kunſt?
Wer kan bringen auffs Papir
Was für Schaden ſteckt in dir?
Des Avernus ſchwartzer See
Schicket nimmer in die Höh
Aus dem faulen Schwefel-Bruch
Einen ſolchen Mord-Geruch;
Wenn ſie Flegeton bewegt
Und Cocytus überſchlägt.
Wann in Radamantus Haus
Ihre Fackeln löſchet aus
Die um Schultern Haubt und Haar
Viel-beſchlangte Schweſter-Schaar/
Findet ſich kein ſolcher Rauch
Als auff dieſes Krautes Brauch/
Welches um die Stirne flieht
Und den tollen Kopff durchzieht/
Welches den Verſtand bekriegt/
Angebohrnes Naß beſiegt.
O Gewächſe/ deſſen Gifft
Baſiliſcen übertrifft/
Hätte bey der alten Welt
Herculem den kühnen Held
Cacus der verſchlagne Mann
Mit Tabac geblaſen an/
Seiner Helden-Armen Krafft
Hätte nichts an ihm geſchafft.
Hätte deinen Nutz erkannt
Das berühmte Grichen-Land/
Würde man/ ſtatt andrer Gifft/
Haben deinen Brauch geſtifft/
Würdeſtu der Dichter Schaar/
So damahls im Leben war/
Von des Höllen-Hundes Speyn
Zweiffels-frey entſproſſen ſeyn.
So den Vater denn durch Mord
Hätt ein Sohn geſchicket fort/
Würde für ihn Brand und Glutt/
Hahn und Affe/ Sack und Flutt/
Creutz und Galgen/ Rad und Strang/
Schweffel/ Pech und Folter-Banck/
Geiſſel/ Bley und andre Pein/
Allzuſchlecht geweſen ſeyn:
Des Tabackes Nebel-Nacht
Würd ihn haben umgebracht.

Antwort.

Warum verweiſt man uns der edlen Blätter Brauch?
Spielt nicht der kluge Hof/ die meiſte Welt mit Rauch?
Manch gutter Einfall glimmt aus unſer Pfeiff herfür.
Wer ſpielt und buhlt verderbt mehr Zeit und Geld/ als wir.

Hans Aßmann von Abschatz: Gedichte. Leipzig und Breslau (Christian Bauch) 1704.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Abschatz,+Hans+Aßmann+von/Gedichte/Gedichte/Vermischte+Gedichte/Taback%3A+übersezt+aus+dem+Barclayo

Ein bayrischer Tyrtaios?

Heute vor 300 Jahren wurde Matthias Ettenhuber (oder Mathias Etenhueber) in München geboren, er starb ebendort 1782. Er war (130 Jahre zu spät) ein geschickter lateinischer Dichter, unter dem Einfluß von Dichtern wie Klopstock und Gellert ging er zum Deutschen über. Er machte sich einen Namen, die Kaiserin Maria Theresia verlieh eine goldene Ehrenmedaille, er wurde Hofpoet (unbezahlter). Dann sank sein Stern, er schlug sich mit Gedichten über Hinrichtungen für Wochenblätter durch. Man hält ihn für das Vorbild von Spitzbergs armem Poeten. Seine Gelegenheitsgedichte in Alexandrinern sind nicht state of the art. Kein Klopstock noch Gellert, zu schweigen von Schubart oder den Neutönern Goethe und Lenz. Auf mich wirkt er wie im falschen Jahrhundert geboren (oder im falschen Landstrich oder beides). – Gibts heute in Bayern eine Feier?

Hier ein paar Strophen aus einem Gedicht, für das er sogar ins Gefängnis kam, weil es als „regierungskritisch“ empfunden wurde. Darin beklagt sich das arme Bayern beim undankbaren Österreich.

Vor der Leseprobe ein Zitat aus einem Nachruf

„Er wurde vielleicht zum Dichter geboren, blieb aber, von seinem Zeitalter und seinem Schicksal, das unser ganzes Mitleid verdient, niedergedrückt, meistens nur Versemacher, deren er weit über hunderttausend geliefert hat. […] Zuletzt war er (nicht zu unserm Ruhm) ein Gegenstand der Dürftigkeit und des einzigen Mitleids. […] Dennoch gehören seine Schriften in die Literaturgeschichte – als Werke, die gefallen haben.“

– Nachruf von Lorenz von Westenrieder (aus: Wikipedia)

Aus: Das sich beschwerende Baiern. In einer Ode.

So lang der Baier wird gebraucht, 
   heißt es: der brave Mann!
ist einmal die Gefahr verraucht,
   schaut ihn kein Hund mehr an. 
sein Blut, sein Schweiß, Müh, Geld, und Treu 
   sind in der Noth wie Gold, 
nach dieser aber Stein , und Bley , 
   der Undank ist sein Sold.

Da spricht der aufgeblaßne Pfau:
   ( der Ausdruck fällt mir schwer: ) 
such deinen Stall du bair'sche Sau ! 
   man braucht dich jetzt nicht mehr.  
Renn fort zu deinen Eichelnschmauß, 
   und wasche dir mit Bier
den vollgestampften Magen aus,
   dein Bleiben ist nicht hier. 

Was hast den denn bey mir zu thun,
   du ungebethner Gast ? 
gelüstet dich der Würste nun , 
   und meiner Schweine Mast ? 
o laß dir doch den Appetit 
   auf eine Zeit vergeh'n!
sonst dörfte wohl dein kühner Schritt
   zu letzt auf Krücken geh'n. 

Wie oder schmeckt das bair'sche Brod 
   dir gar so treflich wohl ? 
gesegne dir’s der liebe Gott 
   Iß dich dran satt, und voll! 
doch sag ich dir's in's Angesicht, 
   hast du einmal genug; 
laß dich begnügen , fordre nicht 
   den Acker sammt dem Pflug!

Jetzt steckt das Schwerdt noch in der Scheid: 
   geh , Schwester ! geh in dich ! 
sehr kurz ist die Bedenkenszeit: 
   es blitzt schon fürchterlich. 
Der Sieg ist allzeit ungewiß, 
   spar deiner Völker Blut ! 
doch bleibet nichts so wahr, als dieß,
   Der Undank thut kein Gut. 

Das Gedicht erschien 1778 anonym.

Noch einmal Erinna

Der hashtag #Erinna, den ich vor ein paar Tagen verwendete, spülte einen Tweet meines Freundes Dirk Uwe Hansen heran, den ich gern auch hier weitersende.

Hier ein paar Fakten und Vermutungen über die griechische Dichterin, die wohl um das Jahr 350 vor unserer Zeitrechnung lebte und im Altertum berühmt war.

Jemand

Heute vor zehn Jahren starb die polnische Dichterin Wisława Szymborska (Literaturnobelpreis 1996).

Wisława Szymborska

(* 2. Juli1923 in Prowent; † 1. Februar 2012 in Krakau)

Jemand, den ich seit einiger Zeit beobachte

Er kommt nicht haufenweise. 
Versammelt sich nicht in Scharen. 
Nimmt nicht massenhaft teil. 
Feiert nicht rauschend.

Er bringt aus sich 
keine Chorstimme hervor. 
Verkündet nicht allseits. 
Behauptet nicht im Namen. 
Nicht in seiner Anwesenheit 
die Ausfragerei –
wer ist für, wer dagegen, 
danke, ich sehe keinen.

Sein Kopf fehlt, 
wo Kopf an Kopf, 
wo Schritt für Schritt, Schulter an Schulter 
vorwärts zum Ziel 
mit Flugblättern in der Tasche 
und dem Hopfenprodukt aus der Flasche.

Wo’s nur am Anfang 
himmlisch idyllisch ist, 
weil bald ein Reich 
mit dem andern sich mischt 
und keiner mehr weiß, 
von wem, ach, von wem 
Steine und Blumen, 
Jubel und Schläge kommen.

Unerwähnt.
Unspektakulär.
In der Stadtreinigung angestellt.
Im Morgengrauen, 
an dem Ort, wo es stattfand, 
sammelt er, trägt weg, wirft in den Anhänger, 
was angenagelt an halbtote Bäume, 
was plattgetreten im geplagten Gras.

Zerrissene Transparente, 
zerschlagenes Glas, 
verbrannte Puppen, 
abgenagte Knochen, 
Rosenkränze, Trillerpfeifen und Präservative.

Einmal fand er im Gebüsch einen Taubenkäfig. 
Er nahm ihn mit 
und hat ihn behalten, 
damit er leer bleibt.

Deutsch von Renate Schmidgall, aus: Wisława Szymborska, Glückliche Liebe und andere Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski. Berlin: Suhrkamp, 2012, S. 77f

Beschwichtigter Zweifel

Friedrich Rückert 

(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)

Beschwichtigter Zweifel

Über meinen eignen Kopf
Bin ich nicht im reinen,
Hab' ich, wie ein andrer Tropf,
Einen oder keinen?

In der Schenke, wann der Wein
Mir zu Kopfe steiget,
Fühl' ich erst der Kopf ist mein,
Und der Zweifel schweiget.

Quelle: Friedrich Rückert: Werke, Band 1, Leipzig und Wien [1897], S. 342.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005564719

Taglied

Tuvia Rübner wurde 1924 in Bratislava geboren. Seine Muttersprache war Deutsch, Slowakisch lernte er privat, 1938 Ausschluss vom Schulunterricht wegen seiner jüdischen Herkunft. 1941 gelangte er als einziger seiner Familie mit dem letzten Flüchtlingstransport aus der Tschechoslowakei nach Palästina. (Aus: Stein will fließen, 1999)

Tuvia Rübner 

((טוביה ריבנר), geboren als Kurt Erich Rübner am 30. Januar 1924 in Bratislava, Tschechoslowakei; gestorben am 29. Juli 2019 in Merchavia, Israel)

Taglied

Das schmale Licht auf meiner Stirn, 
das Blütenblatt auf deiner Stirn, 
wie ruhig fließt die weiche Luft, 
wir beide nur ein Hauch der Luft,
des Vogels Schatten streift das Haar 
im Winde mischt sich unser Haar, 
so wandern wir in diesen Tag 
vorbei am Mond, und es ist Tag.

Aus: Tuvia Rübner: Stein will fließen. Ausgewählte Gedichte. (Lyrik-Taschenbuch 5, Hrsg. B. Albers) Aachen: Rimbaud, 1999, S. 8 (Abschnitt: Frühe Gedichte 1941-1951)

Vergleichende Literaturkritik

Die Anthologia Graeca, die Mutter aller Anthologien, versammelt über 4000 Epigramme von der klassischen griechischen bis zur byzantinischen Literatur. Beim Verlag Hiersemann erschien eine Neuübersetzung, herausgegeben von Dirk Uwe Hansen.

Band 9 versammelt 834 Epigramme einer speziellen Art, „Epideiktika, Gedichte, die einen Gegenstand oder eine Situation «vorzeigen», d.h. vor Augen führen sollen. Epideiktika lässt sich in einem anderen Sinne freilich auch als «Schaustücke» übersetzen, Gedichte also, bei denen eher die literarische Qualität und die Kunstfertigkeit des Autors im Vordergrund stehen als der Gegenstand oder die Situation, für den oder die das Epigramm als Beschreibung oder gar Aufschrift dienen kann.“ (aus der Einleitung zum 3. Band).

Es sind also überwiegend literarische oder „Buchepigramme“ und nicht Inschriften, wie wohl die ursprüngliche Form des Epigramms. Neben diversen Gegenstände gibt es auch eine große Zahl Epigramme über Dichtungen und Dichter, quasi gedichtete Literaturkritik oder Werbung (Waschzettel). Nummer 190 rühmt die Dichterin Erinna und vergleicht sie mit Sappho. (Beim Lesen kommt mir der Gedanke, ob nicht „die pommersche Erinna“ ein besser geeigneter Name für Sibylla Schwarz wäre als „pommersche Sappho“ – obwohl die eine überaus begabte „melische“ Dichterin war.)

190 (Anonym)

Dies ist die lesbische Wabe der Erinna: Klein ist sie, ja, 
aber zur Gänze von den Musen mit Honig benetzt.
Ihre dreihundert Verse sind dem Homer ebenbürtig, 
Verse einer neunzehnjährigen Jungfrau.
Und ob sie auch, aus Furcht vor der Mutter, an der Spindel oder am Webstuhl 
saß, so bleibt sie doch stets eine Dienerin der Musen.
Sappho ist Erinna in der melischen Dichtung um so viel, 
wie Erinna der Sappho in der hexametrischen überlegen.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen, aus: Anthologia Graeca Band III. Übersetzt und erläutert von Jens Gerlach, Dirk Uwe Hansen, Christoph Kugelmeier, Peter von Möllendorff und Kyriakos Savvidis. Herausgegeben von Dirk Uwe Hansen. Bücher 9 und 10. Stuttgart: Anton Hiersemann, 2019, S. 57

Aus: Anthologia Graeca. Buch IX – XI. Hrsg. Hermann Beckby. München: Heimeran, 1958, S. 118

Die mich verbog, die Zeit

William Butler Yeats 

(* 13. Juni 1865 in Sandymount, County Dublin; † 28. Januar 1939 in Menton, Frankreich)

THE LAMENTATION OF THE OLD PENSIONER

I had a chair at every hearth,
When no one turned to see,
With "Look at that old fellow there,
"And who may he be?"
And therefore do I wander now,
And the fret lies on me.

The road-side trees keep murmuring
Ah, wherefore murmur ye,
As in the old days long gone by,
Green oak and poplar tree?
The well-known faces are all gone
And the fret lies on me.

Author’s note: „‘The Lamentation of the Old Pensioner’ from words spoken by a man on the Two Rock Mountain to a friend of mine“

Die Klage des alten Pensionärs

Vorm Regen such ich Zuflucht zwar 
Mir unter Bäumen meist 
Doch stand mein Stuhl am Feuer stets. 
Egal, in welchem Kreis, 
Ob Liebe, Macht das Thema war, 
Bis mich verbog die Zeit.

Die Jungen schmieden wieder mal 
Komplotte, das ist alt, 
Paar Irre spielen verrückt, man schreit: 
»Macht die Tyrannen kalt!« 
Doch ich denk nach über die Zeit, 
Die mich verbog zu bald.

Nach einem hohlen Baum dreht sich 
Kein Weib um weit und breit; 
Die Schönen, die ich einst geliebt, 
An die denk ich noch heut; 
Ich spuck ihr dreist ins Angesicht, 
Die mich verbog, der Zeit.

Deutsch von Christa Schuenke, aus: William Butler Yeats: Die Gedichte. Hrsg. Norbert Hummelt. München: Luchterhand, 2005, S. 53

(Die deutsche Ausgabe ist einsprachig. Vom Original habe ich nur eine Fassung mit 2 Strophen gefunden.)

Die grünen Bäume starben in uns ab

Bernd Jentzsch 

(* 27. Januar 1940 in Plauen) 

Die grünen Bäume starben in uns ab

Die grünen Bäume mit den schwarzen Stämmen 
Wuchsen in uns ein und starben in uns ab.

Die Elemente der Erde, Phosphor und Schwefel, 
Fielen aus den Wolken am Tag und in der Nacht.

Sirenen sägten Bunker in den Schlaf, 
Ein Taschenlampenstrahl war der Abendstern.

Die Mäntel trugen wir übereinander.
Blicke glitten nach oben, wo auch Stare flögen.

Die roten Städte mit den schwarzen Haaren 
Glichen nicht den Städten aus dem Bilderbuch.

Die wir unsere Väter nannten, erklärten nichts. 
Ihre Stimmen schwiegen unter Befehlen und Schnee.

In den Wäldern toter Straßen und im Geäst 
Des Vogelflugs erwachten wir zu plötzlich.

Die uns hätten Gefährten werden können, 
Trugen keine Haut auf dem Gesicht.

Wir suchen nach der Haut unserer Gefährten 
In den Gesichtern derer, die noch leben.

Zorn wohnt in uns, und Hoffnung ist da, 
Wenn wir an grüne Bäume denken.

1962

Aus: Bernd Jentzsch, Die alte Lust, sich aufzubäumen. Lesebuch. Leipzig: Reclam, 1992, S. 38f

Frauendienst, genießbar

Über den Minnesänger Ulrich von Lichtenstein schrieb Herders Conversations Lexicon 1855:

„Lichtenstein , Ulrich von, ein steiermärk. Ritter, geb. um 1200, dichtete etwa um 1255 den »Frauendienst«, eine gereimte Erzählung 33jähr. Minnelebens jener ungereimten Art, die dem Verfasser des Don Quixote vorschwebte. Uebrigens machen die eingestreuten Büchlein (Liebesbriefe), Lieder und die für die Sittengeschichte jener Zeit merkwürdige Erzählung den Frauendienst genießbar (Prosaübersetzung von Tieck, 1812). Lachmann gab den Frauendienst sowie »der Frauen Buch« heraus 1841, letzteres, ein unbedeutendes Ding, auch Bergmann, 1842. L. st. um 1275.“

Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 762. 

Gestorben ist er heute vor 747 Jahren. Hier ein Gedicht aus der von Tristan Marquardt und Jan Wagner herausgegebenen Anthologie „Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen (Hanser 2017)

L i e d   X I V
(Bechstein II,115; Lachmann 399,9)

Eine tanzwîse, diu niun und zweinzigest

1
     Owê daz ich bî den wolgemuoten alsô lange muoz belîben ungemuot
unde ich doch der grôzen swære bin ze kranc.
sol ab ich si minnen diu mich hazzet? sol mir lieben diu mir alsô leide tuot?
jâ, sô wil daz herze und aller mîn gedanc.

sî      nimt mir fröide, diu mich sorgen solde machen frî.
nû lâts alsô rouben: sî mac fröiden mich vil wol behern:
ab einez kan si niht erwern,
mir ensî noch fröiden hoffenunge bî.

2
Sî vil ungenædic wîp, diu mich sô roubet sinne sælde und al der fröiden mîn,
waz mac ir gewalt mir liebes mêr benemen?
ich wil einer fröiden immer, al die wîle ich lebe, von ir unberoubet sîn,
diu mir âne ir danc muoz rehte wol gezemen.

sô      rîcher fröiden wünsche ich, daz mich tuot daz wünschen frô.
hei waz lieber dinge bringent mir von ir die wünsche mîn!
sol iemen frô von wunsche sîn,
sô stât ouch von wunsche mîn gemüete hô.

3
Owê sold ich ir vil lieben, ir vil guoten hôchgemuoten, alsô nâhen sîn,
daz ich ir von mînem wunsche müeste sagen,
wes ich mir von ir ze guote, wes ich ir von mir ze dienste in dem herzen mîn
hân gewünschet her in mînen senden tagen!

waz      obe si daz wünschen lieze lîhte sunder haz?
zürnde ab sî, diu guote, daz versuonde ein küssen an ir munt,
erwünschet dar wol tûsent stunt,
nâher unde nâher baz und aber baz.

4
Von ir liehten ougen spilnde blicke, von ir munde ein minneclîcher friundes gruoz,
süeze in triuwen wol geliutert alse ein golt,
obe ich des iht innerclîchen wünsche? jâ, sô mir der sorgen nimmer werde buoz:
ich hân nâch in beiden jâmers vil gedolt.

vil      dicke ich eines dâ bî wunsche, des ich niemen hil,
daz si liebe guote mitten in mîn herze möhte sehen,
dar inne mîn gemüete spehen,
wes ich mit gedanken gen ir hulden spil.

5
Guotiu wîp, ir helfet wünschen daz ich werde der vil lieben werden alsô wert
daz si mîn ze herzen friunde müeze jehen.
würde ich immer von ir mînes wunsches sô ze wunsche und alsô wünneclîch gewert,
seht, sô möhte man mich hôchgemuoten sehen.

wan      man sô fröiderîchen al diu werelt nie gewan,
alse ich denne wære, swanne ich ir vil minneclîchez jâ
vernæme von ir munde sa:
sô begunde ich fröide, der ich nie began.

6
Sî vil minneclîchiu guote, guot von rehter güete, guot für elliu guoten wîp,
wâ hât mir ir güete vor verborgen sich?
ich hân bî ir güete sende swære, ein sende herze, und âne trôst vil senden lîp:
dâ vor solde ir güete wol behüeten mich.

jâ      herre, fünde ich iender trôst für trûren anderswâ,
ê daz ich verdürbe mîner fröiden, mîner besten zît!
der trôst ot an ir einer lît.
jâ dâ sol er sîn und ist ân ende dâ.

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