Unter Strom im Frühlicht

L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz

Angelika Janz

Das Grundrissbild aus der Orientierung gerissen, 
mit dem Wind in die Wüste. Ohne Halt das Gedächtnis, 
wenn die Transportkraft des Windes nachlässt. 
Ablagerung sein. Über Abgelagertem.

Unter Strom im Frühlicht

Die Berliner Oberbaumbrücke (1) in Kreuzberg war in den 70er und 80er Jahren mein Sehnsuchtsort, Sehnsuchtsweg. Von ihrer Westberliner Seite  aus verband ich den Traum, sie einmal selbstverständlich gänzlich überqueren zu können. Ich stand während meiner Arbeitsaufenthalte auf abendlichen Spaziergängen manchmal jeden Abend darunter. Sie war tödlich gesichert. (2) Das Haus, in dem ich lebte, blickte auf die Grenze hinaus. Die Grenzposten beobachteten uns, wenn wir abends auf dem langen Balkon an Tischen noch bis in die Dämmerung hinein zeichneten und sprachen. Ich träumte immer wieder davon, einmal über sie zu schreiten, auf die andere Seite und von dort aus hinein in den anderen Teil der Stadt, in den anderen Teil des Landes. Sogar in den Träumen besetzte mich die Furcht, beobachtet zu werden, was ich träumte. Es war wie eine Passion, – stand ich unten und schaute ich hinauf, drängte es mich, diese wenigen Meter über die Sperrungen hinweg zu überwinden. Plötzlich stand ich auf der geöffneten Oberbaumbrücke, wenige Tage nach der Maueröffnung, meinen Reisepass von nur leicht verstörten, gewohnt mürrischen Beamten in der Hand und: abgestempelt. Der Stempel nahm viel Raum ein. (Ich würde nicht häufiger hin- und herpassieren können, diese Befürchtung beherrschte mich während der ersten Wochen) Dann durchfuhr es mich: „Ob sie dich zurück wieder hinübergehen lassen?“ Ich flanierte hinüber, es war ein früher kühler Morgen und noch dämmrig. Ich hatte es nicht eilig. Dann durchströmte mich ein Gefühl wie ein kleiner Dauerschreck, Dauerblitz, der immer neu den ganzen Körper durchfuhr, er war positiv und freudig, fast nicht auszuhalten,  und mein Herz klopfte stark. So hatte ich Vorfreude als Kind erfahren. Ich blieb stehen und atmete tief durch, atmete die kalte Morgenluft, die etwas brandig ankam. Ich befand mich schließlich in einer Raum einnehmenden, aber nicht realen Stille. Eine Stille zwischen mir und diesem Ort. Dann kamen mir Menschen entgegen, langsam schien es, fast in Zeitlupe und wie in einem Film, ja, sie zögerten mit ihren Schritten auf mich zu, denn hinter mir standen nur wenige, zögerlich wie ich. Schattige, bewegte Schemen, Menschengruppen ziemlich eng nebeneinander gehend, mit großen leeren Taschen und kleinen Ziehwagen. Noch gesichtslose Schemen im beginnenden Morgenlicht Berlins.  Das Hintergrundrauschen des Verkehrs und einiger Baufahrzeuge schien lauter als gewohnt. Ich zwang mich zu gehen…

…GEHEN, GEHEN, ANGST VOR DEM NÄCHSTEN SCHRITT JÄMMERLICHE BANALITÄT, WAS, WENNS NICHT WEITERGEHT: EIN BEIN BLEIBT STEHEN, EINS GENEIGT ZUM WECHSEL,  SEKUNDENKURZ, EHE DAS GLEICHGEWICHT UNHALTBAR WIRD – IN DER LUFT SIND KEINE HALTEGRIFFE, DIE AUGEN KÖNNEN SICH NICHT IM UMRAUM FESTHALTEN, ES ZITTERT DER SOCKEL DER DEN REST TRÄGT, BRÜCHIGES STÜCK FLEISCH, ORTSZEIGER: WO BLEIBT DEIN WOHIN, DAS WOHER NÜTZT DIR NICHTS; AUS DEM GEHIRN SCHIESST DER BEFEHL AN DIE ARME: PADDELT IM SEICHTEN, UNGREIFBAREN DES LUFTRAUMS SCHNELLER UND SCHNELLER SCHWANKT DER LEIB, BLITZSCHNELLE BEWEGUNG SCHAFFT KONSTANTES – ABER DOCH NUR FÜRS AUGE, NICHT FÜR DIESE MASSE ICH HIER, DIE HALTEN WILL WAS UNHALTBAR IST AUF DAUER, BLOSS NICHT, SAGT ES, DAS GESICHT AUF DEN BODEN DEN KOPF NICHT, SO BEISS DOCH IN DIE LUFT, VIELLEICHT LÄSST JEMAND EIN SEIL HERUNTER, JETZT WEISST DU SCHON, DU WIRST STÜRZEN: WAHL BLEIBT ZWISCHEN FRONTALEM UND RÜCKWÄNDIGEM STURZ – WAS ICH NICHT ANSTEUERN KANN MIT DEN AUGEN, IST MIR UNHEIMLICH, ALSO VORWÄRTS, ZUMINDEST DEIN KOPF, DIE HÖCHSTE STELLE DEINES LEIBES WIRD WEITER SEIN, ALS ES DER LETZTE SCHRITT VERMOCHTE – JA, TRIUMPHIERT DAS ZERDACHTE GEHIRN, AUCH EINE SPUR WIRD ES GEBEN, EINDRINGLICHER, ALS ES SCHRITTE JE VERMÖGEN, WAS NICHT IN DIE LUFT BEISSEN KANN, WIRD IN STEIN BEISSEN, FALLEN WILL GELERNT SEIN, ALSO RUHE BEWAHREN, UM DICH ZU BEWAHREN VOR DER SCHMACH, JÄMMERLICH ZU VERENDEN, – INDEM DEIN KOPF UNZÄHLIGE VARIATIONEN DES SICHEREN FALLENS ERDENKT, WÄHREND ER AUSBLUTET – DAS SICHERE FALLEN WIRD EIN FLIESSEN IN DEN TOD, EIN VERGEHEN OHNE SCHRITTWEISHEIT …

…und passierte die Brücke und wanderte den ganzen Tag durch den unbekannten Teil der endlich mit ihrer zweiten Hälfte durchgängig verbundenen Stadt. Überall Gesichter wie das verwischte Foto einer Überraschung, wie fest-gestellt, die Stimmen lauter, aber nur vereinzelt auffällig. Dann stand ich nach Stunden wieder auf der Oberbaumbrücke, mit dem gestempelten Pass in der Hand. Und wieder kamen mir Menschen entgegen, Schemen, schattige Schemen ohne Gesichter, Menschengruppen, nun mit Abstand untereinander, mit großen gefüllten Taschen und mit kleinen Handkarren, die sie zogen und schoben, voller Geräte, mit Paketen, angebundenen Plastetüten, ein buntes lachendes Völkchen im Näherkommen, und immer noch diese verwischte, fest-gestellte Überraschung in den Gesichtern, nunmehr  konzentriert auf ihr Gepäck. Und ich lächelte, ich würde zurückkönnen, aber ich würde auch schon bald nicht mehr zurück wollen. Wir alle tauchten ein in den Abend; über unsere einstigen Abgründe hatten wir eine Brücke gebaut, über die wir gemeinsam flanierten.

Gesicht vor Gesicht, die Sinne linienverbunden.
Der Ort ist beliebig, die Zeit eine Staffel.
Die Bilder grauen in der Gegend ringsum, das
Ausgesprochene taugt fürs Erinnern kaum.
Und wo stillt sich, aus dem Zusammengesetzten,
das Übrige?

Früher habe ich mir eine, wenn auch noch so kurze Reise mit dem Zug, ohne in einem Buch zu lesen, kaum vorstellen können. Lesen und Reisen gehörten für mich zusammen. Heute schaue ich, vor allem auf Reisen in der Region, zwar noch immer mit dem Buch auf dem Schoß, den Finger zwischen den Seiten, hier und da einen Blick auf eine Passage oder in die vorpommersche Landschaft riskierend, in die Gesichter der Mitreisenden, als sei mir hierzu eine Verpflichtung zuteil geworden, lausche mit einer gewissen Unruhe dem Klang ihrer Worte, blicke auf ihre sich nach unbekannten Regeln öffnenden, schließenden, sich verziehenden Münder, und mein Leseblick wandert über die Flächen und Vertiefungen ihrer Physiognomien. Ich denke nach, erinnere mich, versuche zu behalten.

Hermetisch geschlossene Gefäße, denen bis zur gänzlichen Leere Atem entzogen wurde, reagieren durch einen plötzlichen, schlagartigen Druck, Überdruck von außen, mit ihrer Selbstzerstörung, einer Form heftigen sich Zerstreuens und Verteilens auf den Umraum, nach einer sogähnlichen Selbstanziehung aller ihr angehörenden Elemente, die sekundenkurz noch Anlass zur Hoffnung auf eine endlich konzentrierte, selbstbestimmte Gestalt gegeben hatte, bis sich ihre besonders feinen und unendlich geteilten Partikel auf allen zugänglichen Oberflächen ablagern, diese verundeutlichen, verwischen, vergiften, löschen…

Immer wieder suche ich nach einem geeigneten Medium, auszudrücken, was mit diesen mir in ihren Haltungen und Gesten vertrauten Menschen passiert ist, die mir durch die Briefe und Erzählungen meiner Großmutter und nicht zuletzt durch einige Besuche vor der Wende vertraut geworden waren,  bevor ich endgültig hierher übersiedelte, zurück zu den „Herkunftsregionen“ meiner Eltern und Großeltern. Dass ich das alles in seiner Differenz zu Erfahrungen in meinen längst sich entfernenden Zeiten und Gegenden wahrnehmen kann, „verdanke“ ich vor allem diesen Aufenthalten für einige teure Wochen (Umtauschzwang) lange vor der Wende. Dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch nehme ich noch immer Spuren allein nur in den Gesichtern der Älteren, manchmal auch ihrer Kinder und sogar Enkel wahr;. Auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden, möchte ich dennoch versuchen, es zu beschreiben, denn ich gehöre seit meiner Übersiedlung hierher. Mich hatten vierzig Jahre lang ungerührte, glatte, dramatisch verzerrte, zufriedene, selbstgefällige, ungerührte und gierige Gesichter begleitet. Diese Gesichte gehörten in einen Teil der Republik, der sich über Besitz, Arbeitsplatz, Konsum so definierte, als habe man Anspruch darauf. Das sah ich in den hiesigen Physiognomien nicht. Da ist etwas in ihnen, das, trotz oder gerade wegen der manchmal immer noch Verwischungen, vererbbar scheint, was sich noch in den Generationen danach eingeschrieben hat und widerspiegelt. Und schon während ich dies niederschreibe und immer wieder auch versucht habe, meine Beobachtung allein für mich zu behalten, sozusagen im Stillen für mich Formulierungen zu finden, die überhaupt eine Fixierung rechtfertigen könnten, beschleicht mich ein ungutes, ein unangenehmes, ein schamvolles und schuldbewußtes Gefühl, überhaupt nur Andeutungen zu wagen. Diffamierende Gedanken, Empfindungen, Beobachtungen sind das, werfe ich mir vor, beleidigende und hybride Anwürfe der eigenen Lebensgruppe gegenüber, in deren Mitte ich einvernehmlich schon seit drei Jahrzehnten lebe und arbeite, mit Ihnen Wunderbares und auch Enttäuschendes erlebt habe, stets so, als seien wir alle durch das unsichtbare Band der gemeinsamen Heimatregion verbunden. Ich durfte lernen, etwas tun, etwas auch verändern, dass es aus Eurer Geschichte in die meine und aus meiner Geschichte in die Eure und aus Eurer Geschichte hinausgewachsen ist und nur durch Eure Geschichte möglich werden konnte, eine Strecke gemeinsame Geschichte seit 30 Jahren. 

Implosion

Sie entbinden sich aller Zutat, die auf Verknotungen beruht, solange sie einander befestigen 
am immer Beweglichen.
Das Bewegliche hat geordneten Raum und eine Zeit, die sich der Dauer versichert, solange 
Haltlosigkeit sich Chaos nennt. 
Da gibt es offene Stellen ohne Einblick, von Hinweistafeln verdeckt. 
Es  gibt Überdeckungen, die vertraut bleiben sollten.

Was ich zu beschreiben versuche, Physiognomien, angerührt und durchdrungen vom Nachhall einer lange zurückliegenden, andauernden Erschütterung. Diese in die Gesichter gezeichnete Erschütterung  findet sich durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten hindurch, doch regellos. Ich fand sie nicht bei einem Tischler, nicht bei einem Tierarzt, nicht bei einer Friseurin, und wieder fand ich sie bei einer Schriftstellerin, bei einem Schlosser, bei Kindern langarbeitsloser Eltern, bei einer Servicekraft, die schwarzarbeitend von Zeit zu Zeit in Gaststätten und Küchen aushilft, bei zahllosen Beamten im mittleren Dienst und bei fast allen arbeitslosen wie arbeitenden Krippenerzieherinnen, Melkerinnen und einigen Kunstschaffenden, und fand sie nicht bei vielen jungen Leuten, die heute eine weiterführende Schule besuchen, aber bei Kumpeln ihres Alters einer Regionalschule und auch nicht bei einem alten Gärtner, der Jahr um Jahr sein großes Kartoffelfeld beackert und nie aus seinem Dorf hinauskam, nicht bei einem jungen Maurergesellen, der seinen Ersatzdienst in einer Klinik ableistete und wieder doch bei seiner Chefin mit vielversprechender Karriere, ganz orientiert gen Westen und in der Politik  aufstrebend, bei vielen Lehrerinnen und Lehrern der Grundschule, bei Pflegekräften nahe am Rentenalter, bei einem ehrgeizigen Fußballtrainer, bei einer strenggläubigen Krankenschwester, ja, bei einem, ihrem Pfarrer. Ohne es zu wollen, haben wir zueinander Abstände gesucht. An den Straßen standen die ausrangierten Anbaureihen. Ich sah die suchenden Blicke, unersättliche Blicke beim Blättern in Katalogen und Prospekten. Andere leben zwischen diesen Anbaureihen und den curryfarbenen, gut gepflegten Polstermöbeln noch heute.

Blick, unverschließbares Gefäß

Wir haben uns im Abstandnehmen verschätzt. Von Anfang an haben wir uns in der Wahl der Maßeinheit verschätzt. Wir haben uns in der Verwendbarkeit der Geräte getäuscht. Wir haben uns in der Handhabung der Geräte getäuscht. Wir hatten mit einem solchen Fehler nicht gerechnet. Wir haben nicht damit gerechnet, uns verrechnen zu können. Wir haben es einfach nicht glauben können, dass das, an das wir glaubt hatten, einfach nicht stimmte. Wir hatten von vornherein eine unangemessene Abstandnahme ausgeschlossen.

Noch Jahre nach der Wende  nahm ich zunehmend eindringlicher etwas endgültig Gebrochenes, in der Haltung Niedergedrücktes, ja, bei manchen im Ausdruck des Verstörtbleibens noch ein sich Gestörtfühlen wahr, eine noch nicht abgefundene Ergebenheit in den unumkehrbaren Verlust an Vertrautem. In seiner Ausstrahlung bitter, das Bleiben und Ausharren darin ein solidarisches Band zwischen den Menschen, Menschen der unerwartet entrissenen Zeiten. Fast eingeübt wie vor einem  unzuverlässigen Spiegel, an seiner Grenze schon grimassierend erstarrt, eingeschränkt im Minenspiel auf ein paar Signale nur, die Mundwinkel  in Abgefundenheit nach unten gezogen und doch vage offen gehalten für die Möglichkeit, ungezielt und anlasslos zu lächeln oder auch ins Leere die Lippen auseinander zu ziehen, das Kinn vorgeschoben, die Partien um die Augen wie vereist, wie nach durchwachten Nächten kurz vor einer schweren Erkältung, die Augen tiefer gebettet und vielfach umschattet:  Ich empfand einen Mangel in ihnen als Echo auf sich zunehmend vom Vertrauten Entfernendes, und dann dieser Sucher- und auch Hungerblick. Ich kannte diese Blickfolgen aus meinem mehrjährigen Barackenleben in nahegelegenen Großdorf, meiner Arbeitsstelle zwischen Rückbau- Recycling und Sozialprojekten. Oftmals ein fahrig suchender Blick ohne Orientierung, allzu früh im belanglosen Wortabtausch niedergeschlagen und dort sich an nichts erneut festmachend. Und doch transportieren diese Physiognomien, meist umrahmt von praktischen, ja pfiffigen und forschen Frisuren, etwas einstmals Festgelegtes, ja, Aspekte solidarisch überzeugter Ausrichtung und Prägung: Ein wie stets neu erinnertes und wieder zu verwischendes Wissen um gute Lebens-Möglichkeiten für sich und die vertrauten Freunde, Kollegen, Familienmitglieder. Dann wird der Blick heller für Sekundenbruchteile und mit ihm wie in einer Kurzschaltung: der Aufschein eines anderen Gesichtes, das nicht mehr wie in einer begonnenen Frage steckengeblieben zu sein scheint, sondern ansetzt, zu sprechen, deutlich, unverblümt, ichbeginnend, entspannt. Doch schon sinkt dieses Gesicht wieder ins Ungefähre. Die Männer reiben sich die oftmals Augen allzu heftig, und in ihnen trübt sich Müdigkeit und Erschöpfung wieder ein, und der Blick stürzt ins Entfernte. Manche Frauen spielen nervös an ihrem Strähnchenhaar, kleine Kontrollgeste im Ertasten des Outfits, stoßen, manchmal  lachend grundlos, eine resignierte, überraschende Redewendung aus; Lebensklugheit als Brücke zwischen zwei Welten. Manche der Jüngeren, Frau, Mann, mit noch denk- und dankbarer Erinnerung an die Zeit vor dem Zusammenbruch des Systems, in das sie noch hineingeboren worden waren, trollen sich wie junge Hunde herum oder davon ohne ein Abschiedswort. Der Redefluss setzt bei allen fast gleichzeitig wieder ein, fällt ein vertrauter Name, ein unaufhörliches Kreisen um aktuelle, zukünftige oder vergangene leibliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse jeder Schattierung, ein Festhalten an der kleinen Sorge um die Gestaltung des Täglichen, die ablenkt von der – irgendwo unterwegs zu scheinbar sicheren Wünschen verlorenen-, beherzten, einmal sicher geglaubten Würde ihrer unumkehrbaren, heute vernachlässigten, nostalgisierten und somit an manchen Stationen nicht mehr ernst genommenen Geschichte.

Die Sprache spricht sich

Nach Lage der Dinge gibt es Verschiebungen.
Entgegengesetztes trifft sich in Ergänzung.
Verwandtes trennt sich vom Plan,
ParallelLaufendes wächst zusammen.
Die Täuschung entlarvt, was Fehler benannt haben.
Ein Satz kräuselt sich bildhaft schön,
ja,ein Wort zur Lage ein paarmal gewendet,
ein Trümmer, ein Grund, ein Stück,
darauf baut sich die Regel, das Spiel.

Die Worte, die Ihr benutzt habt, sind mir bekannt. Noch immer scheinen sie  einer mir unbekannten Sinnregion anzuzugehören. So wie die Worte bei mir ankommen, scheint sich bei Euch zuvor etwas verschoben zu haben. Und es gibt lange Momente des Staunens über die Beharrlichkeit und den fast heiligen Ernst im Sprechen, im Aussprechen redundanter und in ihrem Erinnerungs- oder Ereigniswert zerdehnter Zusammenhänge, deren Adressat und konkretes Ziel mir oft verborgen bleibt. Verborgene, nie mehr erzählbare Geschichte in Geschichten. Ich habe erfahren, dass sich dieses Sprechen um des Sprechens willen, vielleicht auch aus rhetorischen Absichten heraus, sich zu verselbständigen droht: finde hier eine wieder neue Bedeutungsvariante! Die aber auch auf unausgesprochenen Vereinbarungen beruht, die,- man möchte es fast nicht annehmen, – etwas Heimeliges, ja Heimatanhängliches mittragen kann, Geheimcode der Verlorenheit in einer vagen Ablehnung der endlich durchschauten Zwangsbeglückung durch Ergattern bald schon wertlosen Besitzes. Heimat, die an uns längst wie ein ausrangierter Zug, der unaufhaltsam gegen den Prellbock prallen muss, allmählich vorbeigeglitten ist, mit einem Aufpralllärm bei Ankunft mit Zwangsaufenthalt, Lärmschmerz, der alles erschüttert, den eigenen Leib, die Wohnstatt. Die nur noch Erinnerungen an Arbeitsorte sind, grellbuntes Durcheinanderwirbeln  gegen die einst gesicherte Ordnung.  Ordnungsgesetz, das sich nie wieder zu Recht rücken lässt, seine einst in das sicher geglaubte Dasein gestempelte Struktur mit ihren Abläufen und Gepflogenheiten, mit den inneren Grenzen. Grenzen, die sich in einer fast gemütlich anmutenden Logik von Notwendigkeiten verloren hatten.

Wir sind Ausgewanderte aus uns selbst, im fremdgewordenen Eigenland einander begegnend, ohne doch gereist zu sein.

Verschworene Kleinkreise

Die Ränder als Gebrauchsgrenzen ins Vereinbarte gebettet bis: auf’s Wort. Das Gelernte bewährt sich als inwendig wirkungslos. Da wäre nichts mehr, was überspannt und auseinanderreißt. da wäre Sprache ein unsichtbarer Spiegel, in den man nicht hineinschaut. Man kennt die Gesetze der Oberfläche und deren Wahrnehmung, der Blick bequemt sich am Offensichtlichen.

Und da wäre: Etwas Zusätzliches, ein Ungehöriges, unbegleitbar vom Gegebenen, das weit reicht ohne zu genügen, das Verletzbarste, das Sicherste am Unbestimmten, der grundlose Sturz durchs Banale ohne Ankunft irgendwo als wieder im Banalen.

Manchmal wage ich mich kaum bemerkbar zu machen, aber niemand bemerkt, dass ich mich als unerlaubt Lauschende empfinde wie unterwegs im Zug.  

Einige  meiner KollegInnen schienen es darauf anzulegen, ihr Reden mit einer wachsenden, nahezu dramatischen Bewertung banaler Inhalte so zu steigern, dass am Ende an Greif- und Erinnerbarem nichts blieb. Sie standen zusammen, oft im Kreis, ich sah es vom Barackenbürofenster aus, beneidete sie,  w i e  sie dort eng zusammenstanden und einander etwas mitteilten, mit kleinen vertrauten Gesten und Berührungen. Und manchmal war ich auch dabei, erreicht von diesen Gesten und Berührungen, zunehmend häufiger. Endlos gestalteten sich diese verschworenen kleinen Kreistreffen, und noch nie lernte ich für die gleichen einfachen Sätze und Bemerkungen zu Befindlichkeiten und Alltagsereignissen so viele Synonymsätze,- gesteigert bis ins fast Unerträgliche. Vielleicht um einen zu Grund finden, auseinanderzugehen – anders, als ich es bisher gewohnt war, sich mit befriedigenden finalen Sinnfindungen oder sich mit viel versprechenden Vereinbarungen zu verabschieden. Es scheint auch heute noch eine Form höflichen Umgangs darzustellen, dieses auf eine gewisse Sprechdauer angelegte Ausdünnen von Sinn und Verbindlichkeit in einer Art Quantifizierung, ja Inflationierung von einander jagenden Banal-Sätzen, Sätzen oft ähnlichen Inhalts, die hintereinandergeschaltet werden nach einem mir unbekannten Gesetz. Etwa so, dass ihr Verlust an Sinn in einer gesteigerten Begeisterung in den Redefluss mündet und alles noch Rettbare sich dort einfach verliert. Ist es eine vergessen geglaubte Freude an dem verlässlichen Klang, Singsang, Tonfall früherer Zeiten, deren Höhepunkt die einvernehmliche, erleichternde Verabschiedung und endlich Trennung darstellt?

Dies da, in der Ferne unantastbar, lässt es sich greifen, dem Gesichtssinn der Hand nah.
Das, was mit Worten Distanz schafft, entzieht sich in die erstarrende Geste. Die Beharrlichkeit des Abstandes wandert und  bleibt als Gewusstes.

Ja, ich habe  versucht, an diesen mir von außen gesehen willkürlich erscheinenden Prozessen teilzunehmen, indem ich mir verordnet, ja befohlen habe, gehalt-volle Sinnsätze nicht anzusprechen, ganz Gegenwart zu sein, zu  s p r e c h e n , meine Antworten mit dem Gehörten abzustimmen, nur minimal gewandelt, um so möglichst lange „beim Thema“ zu bleiben und dieses „auf der Stelle sprechen“ in immer neuen Abwandlungen, Redundanzen, von Aphorismen und kleinen Ausrufen der Bestätigung sanft begleitet, wie ein magisches Rinnsal zu verfolgen. Es war eine neue Erfahrung, nicht unähnlich dem Erlernen eines Rituals. Seit ich dies in Situationen praktizierte, die es aushielten, weder in Selbstzweifel noch in Peinlichkeiten zu geraten, erlebte ich immer wieder neu das Wunder, dazuzugehören, als Fremde aus abwegiger Gegend im eigenen Land nicht mehr auffällig zu sein. Oft gab man sich nach einiger Zeit höchst überrascht, als man  zufällig von meiner Herkunft erfuhr.

Noch immer sind solche Szenen, nach 30 Jahren Sesshaftigkeit am selben Ort,  Übungen für mich, die ich nicht als unaufrichtig, nicht als überheblich, jedoch als notwendig empfinde, um  v e r s t e h e n  z u  l e r n e n. 

Es klingt vermutlich absurd, sich in Praktiken der Vermittlung des Nichtverstehens professionalisieren zu wollen, um verstehen zu lernen. Neulich erfuhr ich, dass man sogar eine Wissenschaft daraus gemacht hat, um Verdummungspraktiken und Hybridwissenschaften gemeinsam sich findend auf die Spitze zu treiben.

Oft lausche ich nur auf die Melodie der Stimmen, die Rhythmik der nicht zu Ende formulierten Sätze, auf die neue, unbeendete Sätze in eine oft ganz andere als die Richtung des Gesprächspartners folgen, und ich antworte mit meinen, auf grammatikalische Schlüssigkeit bedachten Sätze in der gleichen Melodie, wobei ich jedoch auf kleine Unentschiedenheiten, Unsicherheiten achte, die eine vorläufige Fortsetzung des Gesprächs mit zunehmendem Interesse an einem Fehlen von Tiefe oder Hintergrund garantieren können. Zerdehntes Sprechen, das ist Ausdruck einer  erlernbaren Fähigkeit zur Geduld.

 Wenn das Gespräch endlich jene Station erreicht hat, die eine offiziell nie genannte, aber stets gültige Solidarität zu allen Zeiten bezeugen konnte, nämlich die häuslichen Verhältnisse mitsamt ihren herrlichen Möglichkeiten des Einkaufens, Kochens, Organisierens von Feierlichkeiten, Fahr- und Sitzgelegenheiten, Trink- und Essgelegenheiten, Bekannt- und Verwandtheiten, gilt es, diesen Höhepunkt möglichst breit anzulegen und mit allen seinen köstlich denkbaren Zufälligkeiten, Ähnlichkeiten, Nützlichkeiten offenzuhalten. Die Menschen und ihre Gesichter blühen auf, die Bewegungen und Gesten riskieren Eindeutigkeit, die Verwischungen und Grämlichkeiten weichen einer zeitlosen Heiterkeit und ernstzunehmenden Kompetenz. Jetzt verbünden sich Neigung mit Erfahrung, mit Ich sagen mit Du sagen, ein realistisches, ja, freudiges Mangelbewusstsein mit ungeahnten Fähigkeiten zur Improvisation. Mir dämmert es, dass ich über diese Dinge zuvor in dieser anderen abwegigen Gegend des selben Landes nie ausführlich gesprochen habe, dass sie einen Wert darstellen, dass sie endlich die Farbe absondern für die Grauzeichnungen des Alltags , dass sie das Flüchtige, Fahrige, das gleich Gültige täglichen Zuständigseins mit Handlungsballast beschweren, dass es die Dinge sind, mit denen wir alle, oft nicht zugegebenermaßen, viel Zeit verbringen, Dinge, die wir mit Tätigkeiten verbinden, die auf ein Ende gerichtet sind, um Fassung zu finden angesichts täglicher, unberechenbarer, immer wieder neu und fremd definierter Drohungen und Verluste.

Erkennen von Deines- Meines-gleichen

Wie die Verletzungen zustande gekommen wären.
Wie man sich hätte trotz des Ernstes der Lage 
weiter fortbewegen können. Wie man hätte den Ernst der Lage übersehen können. Wie man sich trotzdem den Ernst der Lage zunutze gemacht hatte.
Wie weit man hätte auf den Ernst der Lage Einfluss nehmen können.
Inwiefern sich der Ernst der Lage auf die Folgerichtigkeit der fortzusetzenden Handlung hätte auswirken können.

Mir sagte noch vor 10 Jahren eine Pressedame, die ihrer Ausstrahlung und ihrer Haltung nach auch in einem der vielen kleinen Büros von „Existenzneugründungen“ in einem Hinterhofgebäude vor einem antiquarischen Computer hätte sitzen können („Die Wessis sind doch alle mit der neuesten Software ausgestattet!“), dass sie immer noch „die Anderen“, „die Zugezogenen“ schon über große Entfernungen hinweg erkenne, ebenso, wie sie „ihresgleichen“ in der Fremde sofort wiedererkenne und man sich fast gleichzeitig anspreche wie wir jetzt, und als ich sie fragte, woran sie diese in der Fremde oft beglückende Gewissheit festmache, verriet sie mir: „Es liegt am Gesicht und an der Haltung, das musst du doch wissen.“

Wie nun aber kommt es, dass auch „ihresgleichen“ eine zunehmende Affinität zu „den Anderen“, den „Zugezogenen“  ansteuert oder immer schon besessen hat, dass das Wesen dieser Anderen im heftigen Nachwendewind sich, von jenen Verwischungen frei, auch freier bewegt, ohne doch von westlicher Herkunft oder Ideologie gezeichnet zu sein.

Nach fast einem Jahr Arbeit, 60 Stunden die Woche, in einer der alten Baracken im nächsten Großdorf, wo mein Jugendclubbüro eingerichtet war,  hörte mein Kollege zufällig ein Telefonat mit einer Kollegin aus dem Westen mit, während er scheinbar unbeteiligt doch konzentriert auf das Auftürmen der grün umrandeten Tassen und Untertassen zu einer Pyramide sein feierabendtägliches Abschließen mit dem Tag signalisierte. Als ich aufgelegt hatte, sah er mich, die letzte Tasse noch in der Hand,  enttäuscht und dann heftig erbost an: „Das hätte ich nie, niemals von Ihnen gedacht, ich dachte Sie wären eine von uns! Warum bleiben sie hier und fahren nicht zurück zu Ihresgleichen?“

Bis heute bin ich nicht einig mit mir, ob ich mich hätte darüber freuen oder grämen sollen. Ich antwortete damals: „Nun, jetzt wissen Sie es endlich. Aber was ändert das?“ Er war schweigend hinausgegangen, um das Thema nur dann  anzusprechen, wenn ich ein paar Tage Urlaub hatte: „Jetzt fahren Sie wieder zu Ihresgleichen, viel Spaß!“  Aber wir fuhren weiter  gemeinsam über die Dörfer zu unseren wieder  installierten Jugendclubs, verteilten Fußbälle, Süßigkeiten und Gesellschaftsspiele, ABM-Almosen, machten Landkino und er ließ sich, wie ich es gewohnt war, während der langen Strecken zwischen den Dörfern verbittert und böse über „den Westen“ aus, den er bis heute, ein schwerkranker Mann, nicht betreten hat.  

Nähe und Distanz wandern

Außer Reichweite sein.

Da gibt es hinter jedem Gesicht ein bekanntes Gesicht, verborgen hinter einem unbekannten. Das unbekannte Gesicht ansprechen, als sei man sicher. Memorymusik darf nicht abschrecken, die kommt aus einem unbeteiligten Zimmer nebenan.

Je länger man sich den zunehmenden Verwicklungen verfügbar hält, desto möglicher wird das Beabsichtigte. Die Enge bleibt aufgesetzt und steht als Kursivwort zwischen den Gesichtern, keine Variation zulassend.

Die vielen Anderen, die ich kennengelernt habe, – auch sie haben den Mangel erlitten, ihn nicht gepflegt, nicht beklagt, nicht wirklich ausgelebt. Fast alle haben in DDR-Zeiten wie auch heute eine Distanz gewahrt, die nur möglich geworden ist durch die Gewissheit, von etwas zu wissen, etwas zu besitzen, das von diesem Mangel unangetastet bleiben konnte und kann, und das im Status einer berechtigten Hoffnung trotz aller notvollen und würdelosen Einschränkungen und Verächtlichkeiten wirklich existiert hatte. Davon lesen wir in keinem Geschichtsbuch etwas. Es wird in den Medien verniedlicht, belächelt, romantisiert, nostalgiert, entwertet und irgendwann für unwesentlich befunden und gelöscht. Nein, Ideale oder heimlich anverwandelte und eingeschriebene Ideologien waren sie nicht, diese Gewissheiten, die uns niemand nehmen kann, sondern liebevolle Akzentuierungen von Werten des täglichen Lebens, wie ein seltenes, nie infrage gestelltes Vertrauen in Familie und Freundeskreis , die Liebe zu Kreatürlichem, die an der Pflege eines Gartens oder von Haustieren wachsen konnte, die Liebe zu alten, soliden Dingen, zu einem gut gebauten Werkstück, zu einer redlich (ein Wort, das sich entfernt hat) ausgeführten Arbeit, auch Bücher, deren Inhalte keineswegs eine Mangelgesellschaft bestätigten, wenn es auch von ihrer Art viel zu wenige gibt.  Doch hatte ich einige Jahre vor der Wende in einer kleinen Dorfbücherei Michel Butors Zeitplan, Hemingways Pariser Skizzen und Kore in der Hölle von William Carlos Williams gefunden! – beglückt und staunend. Auch gab es eine Musik, deren Vernehmbarkeit nicht an Grenzen oder Ideologien gebunden war. Und die Menschen liebten sich, wenn diese Musik erklang, sie liebten sich ausdrücklich und leise. Ich hatte es bei einer Disko in einem Neubauviertel am Rande einer Kleinstadt in den 80ern erlebt. Die Paare, sehr sorgfältig gekleidet, steif und feierlich, tanzten ernst miteinander, ihre Beine bewegten sich pflichtgemäß zur „flotten“ Musik, die Paare wichen einander nach unsichtbaren Choreografien aus, der Ernst ihrer voneinander abgewandten Gesichter drückte eine tiefe, aber wie hypnotisierte Sehnsucht und zugleich Zugehörigkeit aus. Es waren gerade die wenig nützlichen, die eigentlich ungreifbaren Dinge, Dinge, die die Zeit nicht rechnete , die „die Anderen“ vor jenen Verwischungen und Verstörungen bewahrt hatten, Dinge, deren Werte nirgendwo festzuhalten, nirgendwo belobigt werden konnten, die gerade nicht durch Verdinglichung zum Verschwinden gebracht werden konnten, und seltener, so erfuhr ich, hatten gerade diese Anderen Kontakte zum sogenannten Westen. Ja, diese Anderen hatte ich bei meinen Aufenthalten zu Vorwendezeiten nicht kennenlernen dürfen, ich hatte es immer nur mit den später Enttäuschten zu tun gehabt, deren Mangel ein Sog war und deren Besitzuwachs an nützlichen Dingen zu noch größeren Mangelzuständen geführt hatte, zu denen auch der Neid, der Geiz und das zähe Beharren auf unverrückbare verordnete Gültigkeiten gehört.

Manchmal hat mich eine fast sehnsüchtig machende Ahnung gestreift. Dann immer, wenn ich meinen Zwangsumtausch in die Haushaltsgeschäfte und vor allem Buchläden in vielen Dörfern und Kleinstädten der Republik trug und ich mich von dort vorläufig nicht mehr fortbewegen wollte. Dort war die Atmosphäre auf eine manchmal unmerklich euphorisierende Weise gespannt und verursachte Herzklopfen, und ich war zerrissen zwischen meiner Fahndung nach Büchern, die es sonst nirgendwo gab und dem Bedürfnis, die Menschen anzusehen, anzusprechen, die jene Bücher in Händen hielten und sie wie ich zur Kasse trugen. Doch unsere Vor-Prägung witterte überall ein Gefährden, sich selber und jener Anderen. Hinzu kam meine Scham über mein Anderssein, dessen Auffälligkeit trotz meiner bescheidenen Kleidung bemerkt wurde, da verrieten sich überall, wohin ich auch ging, ob allein oder in Begleitung: „Das Gesicht und die Haltung.“

Vorwärts mit Rückspiegel

Nach dem Lesen der Geschichte die Geschichte selbst
aufspüren. Man zögert nicht, den nächstbesten Zug
zu nehmen, im Abteil die Fahrkarte nachzulösen, die
eine Wahl des Ausstiegs an 2 Bahnhöfen offen lässt.
Das bisher mitgeführte Buch wird am Aussteigebahnhof dem zuerst auftauchenden 
Kofferträger übergeben.
Dann setzt man sich ins Bahnhofsrestaurant möglichst 
ans Fenster, bestellt eine Kleinigkeit und fährt mit 
einer neuen Lektüre aus dem Buchladen des Bahnhofs
mit dem nächstbesten Zug zurück.

Und einmal, es war 1987, als ich einige Stunden Wartezeit zum Umsteigen auf dem Greifswalder Bahnhof zu verbringen hatte, in winterlicher Kälte und bei schon einbrechender, die wenigen Farben aufsaugenden Dämmerung, wanderte ich mit meinem schweren Gepäck vom trostlosen, kaum von Menschen frequentierten Bahnhofsgebäude gegenüber hin zu einem parkähnlich angelegten Wall, über den nur vereinzelt Menschen eilig liefen, mit geneigten Köpfen und hochgezogenen Schultern, sehr leise und abgewandt sprechend. Die Art ihrer Bewegungen, die Orientierung ihres Gehens ließen vermuten, dass unweit die Stadt zu finden war, eine lebendige Stadt mit allmählich eingeschalteten Lichtern in Häusern und Geschäften, vielleicht mit einer Kaffeestube und Menschen…Wie wünschte ich mir diese Stadt jetzt zu erleben, sollte ich etwa das Gepäck aufgeben und dorthin gehen, wo es heller zu sein schien? Aber würde man das Gepäck annehmen? Und wenn, würde man es mir wiedergeben? Und würde man mich überhaupt aus dem Bahnhof hinauslassen? Hatte ich nicht jetzt schon etwas Verbotenes getan, indem ich mich von meinem Bestimmungsort des Wartens entfernt hatte? Und was würde mir geschehen, wenn der Zug vielleicht früher abgefahren war, wenn ich zu spät kam? Die wenigen Menschen, die an mir vorbeiliefen, schienen mich kaum zu bemerken, mich, die nun auf einer der steinernen Bänke zusammengekauert Platz genommen hatte, zitternd vor Kälte, ein Buch in der Hand, dessen Umschlag ich verdeckt hielt, in das ich von Zeit zu Zeit nur unaufmerksam hineinschaute, im Blick den nun allmählich von der Dunkelheit eingehüllten Bahnhof drüben und die Taschen rechts und links von mir –  jenen Menschen nachschauend, die in dieser Stadt zuhause waren, die eine alte Universitätsstadt sein sollte, eine deutsche, versteht sich, und mir wurde noch elender zumute. Ich erinnere mich sehr gut, wie ich begann, über die Begriffe „hüben“ und „drüben“ nachzudenken und es in meinem Kopf rundging, was hüben und was drüben sei, von wo aus gesehen, usw., und ich kam einfach zu keinem Ergebnis, außer, dass ich diese beiden Begriffe in ihrer Verbindung als trotzdem amputiert und als verlogen – fatalistisch befand. Eine westdeutsche Abendsendung hatte diesen Namen getragen:  Seit meiner Kindheit hatte sich die pathetische Stimme des Rundfunksprechers „hüüben und drüüben“, auf die ein Gong folgte, wie ein tautologischer Aphorismus in mein Sprachdenken eingenistet. Einige Monate später hatte ich dazu eine kleine Funkerzählung geschrieben, die an einem Berliner Grenzsee spielte und die von einem berufswestberliner Radiomacher höhnisch abgewiesen worden war.

Noch heute kann ich körperlich diesem unendlich zähen Vergehen der Zeit auf der Greifswalder Bank auf dem Wall nachfühlen, noch nie und niemals wieder sind mir 5 Minuten, immer wieder neue 5 Minuten so lang erschienen, so nutzlos und so ungefüllt. Als ich endlich im Anschlusszug saß, durchgefroren, hungrig, leer, in einem der überheizten Abteile mit den durchgehenden Sitzbänken aus dunkelrotem Kunstleder einander gegenüber, fanden sich sehr schnell weitere Reisende ein, das Abteil füllte sich mit Menschen aus der arbeitenden Bevölkerung, sie rückten ohne Vorbehalte sehr nahe an mich heran, ich verstaute endgültig mein Buch im Gepäck und ich schaute zum ersten Mal bewusst in einige der gleichmütigen Gesichter, vom Alltagsgeschehen noch gezeichnet und in letzter Feierabendfreude einander freundlich bestätigend und ergänzend, die sich,  ungeachtet meiner Person, munter und ausgiebig über günstige Gelegenheiten, an Kohle und Brikett zu kommen, unterhielten, was ich bei Ankunft sofort meiner Gastgeberverwandtschaft mitteilen konnte.  Eine wertvolle Information, wie ich erfuhr, die sie dankbar, ja zunächst  erstaunt über mein internes Wissen, bald schon verwerten konnten.

Nur wenige Jahre später wusste ich, dass ich hätte meinem Bedürfnis folgen dürfen, und die Stadt aufsuchen sollen, und heute wissen jene anderen Menschen, die fast all jene Bücher kennen, die ich einmal als Schatz von hüben nach drüben transportiert und manchmal auch geschmuggelt hatte, von meiner Greifswalder Bahnhofs-Passion. Sie leben in Greifswald und sie sind meine Freunde und nur wenige 100 Meter weiter hatte ich Lesungen und Vorträge, habe Ausstellungen aufgebaut, eröffnet, ja, habe Hörspiel- und Kunstwerkstätten geleitet, drei große Kulturfestivals organisiert, Pressetexte veröffentlicht und an vielen Sitzungen teilgenommen, war später wochenlang schwerkrank in der Universitätsklinik gelegen, und immer waren sie da. Ob es jene Eiligen waren, die an mir vorbeigehastet waren, die leise und abgewandt von mir, miteinander gesprochen hatten, die ich hätte ansprechen sollen – es ist heute unwichtig…

Verschwiegene Geschenke

Der beharrliche Versuch, die Dinge in ihrer fremden Umgebung wiederzubeleben, misslang/die Erinnerungen zählten sich falsch zusammen.

Man bleibt unterwegs zwischen eindeutig Bestimmbarem und sucht nach Unmaßgeblichkeiten. Die Dinge überbieten sich an Nützlichkeit, sodass  man ihnen keinen festen Standort zuweisen kann, ohne an ihre Brauchbarkeit erinnert zu werden, die im Dämmer des Vergangenen als flüchtige Zutat zum Alltäglichen erschienen waren.

Vor einigen Wochen las ich in meinem fahlgrünen Schulheft aus jener Zeit. Angesichts der unvermittelbaren und fremd anmutenden Fülle meiner Eindrücke hatte ich bis heute literarisch nichts damit beginnen wollen. Da war die Rede von sozialistischer Wartegemeinschaft, von Lebensbedarfsmangel („Beziehungen schaden nur dem, der keine hat.“). Seitenlang hatte ich immer abends, wenn ich während meiner DDR-Aufenthalte allein war, Listen geführt über Dinge, die hier fehlten, die ich nach und nach besorgen, schicken wollte, wie Kuchengabeln, Schuhbänder, alles von Nivea, Puzzles für Kinder, verschiedene, näher bezeichnete Schrauben, Vitamintabletten, Paprikasaatgut, Schmackos für den Hund, Strümpfe mit Muster…und da war noch ein Witz, der etwa so lautete: „Wie viele Leute muss man kennen, um alles zu bekommen? Hinz und Kunz.“ Ich hatte den Witz damals einfach nicht verstehen wollen, weil mir nicht der Sinn danach stand, alles zu bekommen, doch konnte sich wohl ab einem gewissen Status des Mangels dieses Bedürfnis zu einem festen Wert entwickeln, dachte ich. Der Preis für vieles, das man sich wünschte, war hoch, oft zu hoch. Schon damals war mir aufgefallen, dass so manches, das ich besorgt oder vermittelt hatte, eigenartigerweise  ohne jedes Echo geblieben war. Ich brauche keine Worte,  um Dankbarkeit an eine grammatische Struktur zu binden, aber ich erwartete ein Zeichen, dass die Dinge angekommen waren. Die Geschenke blieben nach Erhalt unausgepackt irgendwo stehen oder liegen, hilfreiche Neuigkeiten in Briefen blieben unkommentiert. Und noch heute, nachdem ich 30 Jahre hier lebe, wo „die DE-Mark mit dem Westen angekommen und wieder gegangen ist“, lasse ich mich noch immer von diesem Phänomen irritieren. Jene besorgten und vermittelten „nützlichen Dinge“ benötigen eine Zeit der Reife nach ihrer Ankunft, es muss gesichert sein, dass diese Gaben ohne Gegengaben, in welcher Weise auch immer, dem Genuss übereignet werden dürfen. In keinem anderen Lebensraum ist mir dieses schmerzliche Misstrauen im Beschenktwerden begegnet. Die Fähigkeit zur Freude ist blockiert, und gerade dort, wo ich später mit größter Anstrengung für meine Leute in den Baracken etwas erreicht hatte, das mit der Erleichterung auch noch die Bewusstwerdung verschiedener Möglichkeiten der Freiheit im sich Wehren auch gegen Vor-Gesetzte aufzeigte, eine Freiheit, die ich freudig weitergegeben hatte, ohne ausdrücklich auf ihr einstiges, ja, noch immer akutes  Fehlen hinzuweisen, erntete ich Schweigen, Gleichmut und Tatenlosigkeit, und manchmal gar Abwehr und offenes Misstrauen.

Die Schatten der Gerätschaftenträger

Der Gedanke an Flucht.

Die Übergänge leugnen. Was zwischen HIER und DORT liegt, auf die Sekunde bringen. Einmal hingelangt, splittert schnell, was als Vermutung nahe lag:

Das Plötzliche schaltet sich ab, nun als Hohlraum bewohnbar, die Dauer teilt sich in Zuruf und Antwort, die Antwort scheidet Abwegiges aus, vor Endgültigkeiten sich abschirmend, setzt Störungen in Gang, die, was am Rand aufwächst  und reglos in Jahreszeiten, im Passieren niederdrückt ohne Rücksicht.

Nach solchen enttäuschenden Erlebnissen erinnere ich mich wieder an das platonische Höhlengleichnis, das mich in meinen ersten Studienjahren fasziniert hatte, in dem gefesselte Gefangene in einer dunklen Höhle nur eine Wirklichkeit kennen: das Bild eines über ihr Gelass hinwegführenden Übergangs, auf dem fremde, in einem diffusen Licht wahrnehmbare Gestalten regelmäßig verschiedene Gerätschaften vorbei- und davontragen, deren Sinn ihnen trotz aller Spekulationen verborgen bleibt. (Heute sehe ich auch mich unter der Oberbaumbrücke hinaufschauen, mit Bildern vor dem inneren Auge, die ich in meinen Träumen gewähren ließ, ohne sie zu befragen)

Die von ihrem hoffnungslosen Ort her wahrgenommene Wirklichkeit steigert in den Höhlengefangenen nur den einen Wunsch: an Stelle dieser Gestalten dort oben, im Besitz dieser Gerätschaften zu wandeln, auf ein unbekanntes  Ziel, auf ein unbekanntes Licht zu, aus dessen Quelle diese zeitlos sich wiederholende Wahrnehmung sichtbar zu werden scheint. Ich hatte dieses Bild für mich gedeutet als ein Bild der Grenze zwischen dem Wirklichen und Möglichen, ein Bild für die Transzendenz im Diesseitigen, für ein Signalbild aus einer Dimension, die uns zu Lebzeiten verborgen bleiben wird… Und nun geschieht das Unfassliche und zugleich unbedingt Notwendige für den Fortgang dieser Geschichte: einem der Höhlengefangenen gelingt es, sich von seinen Fesseln zu befreien. Er findet einen Weg hinauf zu dieser Balustrade, auf diesen Weg und Übergang, unbemerkt von seinen Leidensgefährten, deren Blick wie paralysiert ist in Konzentration auf das immer Gleiche dort oben: wie dort Gestalten, deren Wuchs und Beweglichkeit das Spiegelbild der Sehnsucht darstellt, einen scheinbar wertvollen Besitz vorbeitragen ins Offene, immer wieder neu, immer mehr Gerätschaft wird über ihnen transportiert und verschwindet, um neue Gestalten auftauchen zu sehen. Der selbstbefreite Höhlengefangene reiht sich ein in die Karawane der langsam schreitenden Träger, die ihm für Sekundenbruchteile jenen Raum zubilligen, der ihn nun zu ihrem Element macht, ein Zugehöriger. Er, der selber ohne greifbaren Besitz ist –  außer seiner Gebärde, die in Augenhöhe die mit der Berührung der Hände zusammengeführten Arme ein imaginäres Selbst-Besitzumfangen deuten wollen, aufrecht im Schrittrhythmus der Anderen. Der Anderen, der ihm Fremden, er, der sich bei ihnen eingefunden hatte, gegen ein heller werdendes Licht mitschreitend auf einen unvordenklichen Ausgang zu, und als er im Blickzentrum seiner Leidensgefährten so vorbeipassiert, gehört er schon dazu, ja, und man hat sein Fehlen unten nicht einmal bemerkt. Er wird mit ihnen, die ihm vorangehen und ihm ruhigen Schrittes folgen, in eine Helle des Tages und des Ausgangs treten, und erst jetzt wird er sich verraten, weil er geblendet von der überaus großen Helligkeit, nach einer nur noch plötzlich in sein Gedächtnis sich einschreibenden Erkenntnis dessen, was vor ihn liegt, zu Boden stürzt. Er ist geblendet, doch entfaltet und konturiert sich in der Dunkelheit seines zusammengeballten Körpers das Nachbild: jetzt wird er, sollte er auch für immer geblendet und blind bleiben, wissen, wohin sein Weg führen wird. Er wird mit diesem ihm eingebrannten Bild der Überhelle und der Überklarheit überleben wollen, und er speichert für ihn unauslöschlich all die Möglichkeiten dazu; er setzt die Solidarität seiner neuen Gefährten fraglos voraus.

Erst jetzt wird er von seinen Vor- und Nachgängern bemerkt, man nimmt sich seiner an, bettet ihn in den Schatten, man kühlt seinen glühenden Leib, man erklärt seinem blinden Gedächtnis die Einzelheiten. Er weint, und mit den ersten Tränen, die auf das neue Land fallen, das er mit seinem Körper bedeckt, gewinnt er allmählich sein Augenlicht zurück und sein Vermögen, zu erzählen, woher er kommt. Seine neuen Gefährten hören zu, und ihr Jasagen ist dorthin gerichtet, woher er gekommen ist. Sie wissen, so wie er spricht, wird er sich wieder davonmachen, ihre schweigende Erwiderung bestärkt ihn nicht, sie brauchen ihn nicht, sie treten zurück, wenn er, den allmählich gewöhnten Blick auf das Offene, wieder schließt, sich umwendet und gegen das endlose Gefolge der Gerätschaftenträger aus dem Dämmer hinaus ins Licht, sich wieder gegen das Vergangene wendet, erzählen, das gilt, erzählen, erzählen! Und alle, die dort, jetzt fern von mir, im Vergangenheitsraum zeitlos unbeweglich verharren, jetzt mitnehmen! Er hat keine Mühe, zurückzufinden, ja, unter seinen einstigen Gefährten wieder in der attrappierten Fesselung zu liegen, als sei nichts geschehen. So, wie er sich in die Fesseln zurückgefunden hat, so deutlich buchstabiert sich ihm die Katastrophe seines wieder Gefangenseins, und jetzt gilt es, zu vermitteln, dass er unterwegs gewesen ist. Er sei gereist, er habe bei seiner Reise nicht in die Gesichter der Mitreisenden gesehen, sondern erst, als er angekommen sei. Ich bin an das Licht gereist, ohne es zu wissen, erzählt er, und dieses Licht ist wunderbar! Er habe aus den Gesichtern, die ihn aus dem Geblendetsein ins Erwachtsein hinein angeschaut hätten, lesen können, dass ein Mensch, ein Gefangener, stark sein müsse, um zu fliehen. Und er wolle sie alle führen, seine Gefährten der Fesseln, er wolle sie aus der Plötzlichkeit seiner Erkenntnis über den von ihnen unbemerkten Überdruss hinausführen, weil sie lange genug dahinter gelebt hätten, er wolle sie nicht weg von dem Licht, sondern hinter das Licht führen, das sie immer ahnbar wahrgenommen hätten. Da schlugen sie auf ihn ein und fingen an, an ihm zu riechen und ihn am ganzen Körper zu untersuchen wie unter Zwang, da er einen fremden Geruch verströmte. Gegen das lange an die Ichnähe gepresste erwartungslose Eigene hatte sich dieser Geruch durchgesetzt, den er jetzt gelüftet und ozonhaltig und gemischt mit dem Duft der Natur dort draußen, verströmte. Die wirklichkeitsnahen Balustradengänger wanderten weiter über ihnen mit ihrer Gerätschaft, ohne das Geschehen unter ihnen zu würdigen, doch am Ausgang wartete ein mit offenen Armen schon erstarrter Empfang, während einer, der in die Tiefe dumpfgeschützter nicht enden wollender Gegenwärtigkeit zurückgeflohen war, um seine neu gefundene und durch fremde Nähen längst geschützte Freiheit zu vervielfältigen, gescheitert und totgeschlagen worden war.

Was sich Dir in Sichtnähe aufzählt, die zaghaften Anlässe fürs Orientieren, der Irritation schon verschrieben.

Das hebt sich eins aus dem Anderen hervor, mit  dem Augenschein rechnend. Da wählst Du mit Fingerzeig und machst Dich auf den Weg. Da verbirgst Du  Dich, je näher Du anlangst. Da erkennt Dich niemand wieder wenn Du angekommen bist. 

Platon hat nichts darüber gesagt, ob der Rückkehrer sich in diesem neuen Zustand seiner wieder verlorenen Freiheit von den anderen noch immer unterschied oder ob er nun wieder einer der ihren geworden war. Auch weiß ich nicht, ob sein abgelehntes Ansinnen Einfluss gehabt hat auf die Fortsetzung der beschriebenen Höhlenwirklichkeit.  Und nichts ist bekannt darüber, ob von den Gerätschaftsträgern und Bewohnern der helleren Erkenntnislandschaft jemand die Weg hinab zu den Protagonisten des dumpf beschriebenen Dauerunglücks gefunden hat, oder ob auch ihnen jene düstere Wirklichkeit der Anderen dort unten als Voraussetzung dienen muss, um ihre ununterbrochenen Wege ans Licht beschreiten zu können, mit immer neuer Gerätschaft. Oder waren es immer dieselben Gegenstände, die sie hinaus und über die Balustrade wieder hinein und dann wieder fort ans Licht trugen? Ich stelle mir die Gesichter der wieder zur Ruhe gekommenen Höhlengefangenen vor; es sind Gesichter von Implodierten. Die Implodierten sind die nach großen Erschütterungen an ihrer immer letzten Gegenwart Haftende, sie verweigern all jene Geschenke, die ihre Verstörtheit stört. Auch ich habe mich nach frühesten Erschütterungen, die ich erinnern kann, nicht anders gefühlt. Das platonische Höhlengleichnis, als ein großer philosophischer Wurf für die mögliche Deutung menschlicher Erkenntnisfindung und -verweigerung, ist ein vages Beispiel für das, was mich bewegt, seit ich gewusst habe, dass ich hier bleiben will, unterwegs zwischen den Ebenen des Gewahrwerdens dessen, was das Handeln und die Dinge belichtet, wobei ich nur eines weiß: ich bin nicht in der Lage, mit Requisiten zu arbeiten, weder mit Gerätschaft noch mit Fesseln…- vielleicht  werde ich mich dazu entschließen müssen, wieder ein Buch in die Hand zu nehmen und wirklich darin zu lesen, wenn ich unterwegs bin.

Es wird eine Geschichte daraus, wenn die Bilder sich jagen. Dann werden Maßnahmen getroffen, die damit nichts zu tun haben. Die Auswahl folgt der Hand auf dem Fuße: „Das Vereinbarte wiederherstellen!“

Es war ein früher kühler und klarer Morgen und noch dämmrig. Sie stand bereits auf der Brücke. Sofort durchströmte sie ein Gefühl, ein kleiner Dauerschrecken, Dauerblitz, der immer neu den Körper durchfuhr. Er stimmte sie positiv und freudig, fast nicht auszuhalten, und ihr Herz klopfte. Sie blieb stehen und atmete tief durch; sie befand sich in einer räumlichen, aber nicht realen Stille, die in ihr eine Erweiterung suchte und fand. Sie sah hinab, und ganz klein bewegten sich unten im vagen Licht des beginnenden Tages Fahrzeuge, Tiere und Menschen. Dann kamen ihr  Menschen entgegen, an denen sie sich vorbeidrückte. Sie blickte ihnen nach, aber sie liefen unbeirrt weiter, als hätten sie sie nicht bemerkt. Vor der Absperrung prüfte sie den Inhalt jener Botschaft, die ihrer Mission einen Sinn verleihen sollte,  noch einmal durch den geschlossenen Umschlag. Sie fixierte das Gesicht hinter der Verglasung, das von der Gestik routinierten Hinüberlangens vollkommen beherrscht schien: sie schob das Kuvert und den von ihr angefertigten Orientierungsplan durch den Schlitz zwischen Sichtscheibe und Geldablage. In der anderen Hand hielt sie das Buch, das sie in der S-Bahn lesen wollte. „Inwendig irgendwas Handgeschriebenes?“. Die saubere Hand vibriert über der Briefwaage. „Sie müssen mit Linealblicken Verbindungslinien zwischen eingebildeten Punkten ziehen“, sagte sie.  „Ab wann treten wieder Schwankungen auf“, fragte die Person hinter Glas betont gleichgültig und ohne aufzublicken: „Der Absender muss deutlicher.“

Das Ausgewichene, bei der Erinnerung.

Angelika Janz, 2021 

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