Landschaftsbeschimpfung

Àxel Sanjosé

Landschaftsbeschimpfung

Du Wald da im Hintergrund, 
was zeigst du so plump deine Tannen,
ihr Berge eure müden Gipfel?
Habt ihr denn gar kein Schamgefühl?
Schlimmer fast als der Bach dort 
mit Blumen und Schatten und Nymphen, 
he, he, hinfort ihr Schlampen, 
und nehmt gleich den ganzen Wiesenkitsch mit.
Ihr nutzlosen Buchen und Weiden, was steht ihr so dumm? 
Ihr Hügel sanft und Felsen schroff, 
verpisst euch, unsägliche Idioten.
Und nein, das kleine Holzkreuz an der Stelle, 
wo der Motorradfahrer an die Linde fuhr, 
beeindruckt niemand hier und ist nicht schön.
Farben, ihr aufgebrauchtes Pack, 
ich entlasse euch alle, für immer, besonders das Blau.
Und dann: Weiher. Weiher! Geht's denn noch?
Nur nebenbei: Was soll die ganze Deko 
von Wolken und Nebel und Krähen?
Dazu ein miserabler Wind und Laub in Zentnern, 
das gab's wohl beim Aldi, den du wohlweislich versteckst hinterm Moor. 
Über die Kirchturmspitzen sag ich nichts.
Ich schäme, Landschaft, mich für dich, 
so sehr, dass ich das Mohnfeld dir verzeih, 
obwohl es richtig kitschig ist.
Und falls du meintest, du seist erschaffen, 
von einem Schöpfer gar oder einer Landschaftsarchitektin: 
Vergiss es. Reiner Zufall nur, 
selbst der Big Bang ist nicht richtig bewiesen.
Weiher! Zum Verzweifeln.

                                             Für Greta

Aus: Àxel Sanjosé, Das fünfte Nichts. (Lyrik-Taschenbuch 129). Aachen: Rimbaud, 2021, S. 30

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