Kategorie: Deutsch

Martin Bernhardt (1961-2000)

Nur noch die Bäume
passen sich der Gedrücktheit
dieses Landes nicht an

Es ändert nichts

und ist doch bloß in meiner Rippenkammer

die Seele oder was darin gefangen,
die an dem Riegel rüttelt, und
nun läuft sie sich im Kreise wund,
obwohl sie weiß, sie wird nie raus gelangen.

Nach den Revolutionen

Mit auf dem Rücken verschränkten
Händen wandern sie, die Dichter
Über die Dünen und durchs Gebirg.
Und bedenken alles Überkommene
mit Spott

deppat gscheit

sam ma a bisserl gonz deppat im hian
sam ma a bisserl gonz gscheit im hian

Musik der Frühe

Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und erste Sonne will herein.

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund …

Mit ’nem bißchen guten Willen geht’s schon

Der Mann trägt das Kind aus
und später noch zwei
Mit ’nem bißchen guten Willen
 geht’s schon

warum sollte ich denn originell sein wollen?

warum sollte ich denn originell
sein wollen? alles gezeigt alles
gedacht alles gesagt nur mein
gesicht birgt eine gewisse un
verwechselbarkeit in draufsicht

Zwei Gedichte

Ich glaube nicht mehr ans Gedicht.
Ich glaube an Geld und Gericht,
Anwälte, Juristen, an die Macht,
abstrakte Institutionen, aber an dich,
Gedicht, glaube ich nicht.

Verlorene Generation

Und während wir mit kranken Sinnen
schmerzlich zurück ins Innre fliehn,
erheben sich rundum erstarrte Mienen,
die geisterhaft vorüberziehn.

Dieses eine lange Gedicht

Wenn von der Bahnlinie hinter dem Forst die Züge zu hören waren,
gab es am nächsten Morgen Regen.
Die Birken neben dem Bahndamm
hörten auf die Geburtsnamen schlesischer Mädchen.

Schrei

Eine wilde Lokomotive schrie in der Nacht.
In den Häusern, in den Betten sind die Menschen aufgewacht.

In den Herzen, die sich hoben, zitterte der weiße Schrei.
In der Ebene, der dunkeln, riß sich ein Gefangner frei.

Selfies mit Preisgeld

Verdienst du dein Geld denn mit Lesungen nicht?
Vertreibst du nicht professionell(e) Gedicht (e)?

Ich wünschte, ich könnte! In Urs Engelers Mütz‘
werd ich’s noch mal versuchen, ich hoffe, er druckt’s.

Vierletternquartette

Janz Zapf Hopf Pick
Bach Elze Gräf Danz
Manz JUNG Drux Gnüg
Hell Bail Bánk ZAHL „NEIN! Du sollst die Stifte nicht essen!“

Er war…

er war mit einer französin verheiratet gewesen
er war nett zu mir, gab mir sein essgeschirr mit resten drin
er war nicht aufzufinden
er war nicht mehr zu erkennen