Musik, vor allen andern Dingen!

Paul Verlaine

(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)

Dichtkunst

Musik, vor allen andern Dingen!
Und nur die Ungeraden zählen in der Kunst,
Die unbegreiflicher vergehn im Dunst
Und nicht mit Schwere, nicht mit Pose ringen.

Verachtungswürdig muß es dir erscheinen
Zu wägen auf der Zunge jedes Wort genau –
Was ist denn herrlicher als eines Liedes Grau,
Wo Ungewisses sich und Klares einen?

Es ist wie schöne Augen hinter einem Schleier,
Als ob ein heißer Tag in Mittagsglut erbebe,
Und unter einem herbstlich lauen Himmel schwebe
In blauem Durcheinand’ ein Sternenfeuer.

Nuancen, nur Nuancen! Singen wir von vorn,
Denn grelle Farben wären ganz verfehlt,
Und weiches Übergleiten nur vermählt
Die Träume miteinander, Flöte mit dem Horn.

Vermeide ängstlich mörderische Geistesblitze,
Und Pointen, Spitzen, jede noch so kleine,
Damit das milde Auge des Azurs nicht weine,
Und unterlasse scharfe Würze, leere Witze.

Zwing die Rhetorik schonungslos ins Knie!
Und alldieweil du grad im Zuge bist,
Schau, daß der Reim disziplinierter ist.
Was sonst noch werden könnte, weiß man nie.

O wieviel Torheit birgt der Reim, wie schlecht
Hat ein verrückter Mohr, ein taubes Kind
Geschmiedet diesen eitlen Tand geschwind,
Der unterm Feilen hohl erklingt und wenig echt?

Musik denn einzig, immer nur Musik!
Dein Vers sei wie ein Hauch, der leis entschwebt
Aus einer Seele, sich in freiem Fluge hebt
Zu jenen neuen Himmeln und zu neuem Glück.

Laß ihn auf ungewisser Abenteurerspur
Im frischen Morgenwind verwehn nach hier, nach dort,
Im Duft von Minz und Thymian treiben fort…
Das andere ist Literatenmache nur.

Deutsch von Eva Scheer, in: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart. Frz./dt. Leipzig: Reclam, 1867, S. 68-71 (zuvor im Stahlberg Verlag Karlsruhe)

Art poétique

De la musique avant toute chose,
Et pour cela préfère l’Impair
Plus vague et plus soluble dans l’air,
Sans rien en lui qui pèse ou qui pose.

Il faut aussi que tu n’ailles point
Choisir tes mots sans quelque méprise :
Rien de plus cher que la chanson grise
Ou l’Indécis au Précis se joint.

C’est de beaux yeux derrière des voiles,
C’est le grand jour tremblant de midi ;
C’est par un ciel d’automne attiédi,
Le bleu fouillis des claires étoiles !

Car nous voulons la Nuance encor,
Pas la couleur, rien que la Nuance !
Oh ! la nuance seule fiance
Le rêve au rêve et la flûte au cor !

Fuis du plus loin la Pointe assassine,
L’Esprit cruel et le Rire impur,
Qui font pleurer les yeux de l’Azur,
Et tout cet ail de basse cuisine !

Prend l’éloquence et tords-lui son cou !
Tu feras bien, en train d’énergie,
De rendre un peu la Rime assagie.
Si l’on y veille, elle ira jusqu’où ?

Ô qui dira les torts de la Rime !
Quel enfant sourd ou quel nègre fou
Nous a forgé ce bijou d’un sou
Qui sonne creux et faux sous la lime ?

De la musique encore et toujours !
Que ton vers soit la chose envolée
Qu’on sent qui fuit d’une âme en allée
Vers d’autres cieux à d’autres amours.

Que ton vers soit la bonne aventure
Éparse au vent crispé du matin
Qui va fleurant la menthe et le thym…
Et tout le reste est littérature.

Paul Verlaine, Jadis et Naguère (1885)

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