Auf halbem Weg

Robert Desnos

(* 4. Juli 1900 in Paris; † 8. Juni 1945 in Theresienstadt)

AUF HALBEM WEG

Es gibt einen bestimmten Moment im Ablauf der Zeit,
Da der Mensch genau die Mitte seines Lebens erreicht.
Den Bruchteil einer Sekunde,
Ein flüchtiges Bißchen Zeit, schneller als ein Blick,
Schneller als der Höhepunkt der Liebesseligkeit,
Schneller als das Licht.
Und der Mensch ist empfänglich für diesen Moment.

Lange Strecken zwischen dem Blätterwerk
Erstrecken sich zu dem Turm, in dem eine Dame schläft.
Deren Schönheit den Küssen widersteht, den Jahreszeiten,
Wie ein Stern dem Wind, wie ein Felsen den Klingen.

Ein bebendes Schiff reißt das Maul auf und sinkt.
Auf dem Wipfel eines Baumes flattert eine Fahne.
Eine gutfrisierte Frau, deren Strümpfe jedoch auf den Schuhen hängen.
Taucht an einer Straßenecke auf.
Aufgebracht, zitternd.
Mit der Hand eine uralte Lampe schützend, die qualmt.

Auch singt ein betrunkener Dockarbeiter im Winkel einer Brücke,
Auch beißt eine Geliebte ihrem Geliebten in die Lippen,
Auch fällt ein Rosenblatt auf ein leeres Bett,
Auch schlagen drei Standuhren die gleiche Stunde
In Abständen von wenigen Minuten,
Auch dreht sich ein Mann, der auf der Straße vorbeigeht, um.
Weil sein Vorname gerufen wurde,
Doch er ist es nicht, den diese Frau ruft.
Auch eröffnet ein Minister in festlicher Kleidung,
Unangenehm behindert durch den Hemdzipfel, der zwischen
Hose und Unterhose klemmt.
Ein Waisenhaus,
Auch fällt von einem Lastwagen, der mit höchster
Geschwindigkeit durch die nachtleeren Straßen saust.
Eine wundervolle Tomate, die in den Rinnstein rollt
Und die später weggefegt wird.
Auch bricht in der sechsten Etage eines Hauses Feuer aus.
Das im Herzen der Stadt still und unbekümmert vor sich hinbrennt.
Auch hört ein Mann ein Lied,
Das lange vergessen ist, und vergißt es von neuem.
Daneben viele Dinge,
Viele andere Dinge, die der Mensch genau in der Mitte seines Lebens sieht.
Viele andere Dinge spielen sich langsam ab im kürzesten
der kurzen Zeiträume auf Erden.
Er preßt das Geheimnis dieser Stunde aus, dieses Bruchteils einer Sekunde,
Doch er sagt: „Weg mit den finsteren Gedanken“,
Und er jagt die finsteren Gedanken fort.
Und was könnte er sagen.
Und was könnte er machen.
Was besser wäre?

Übertragen von Anneliese Hager

Aus: Poesiealbum 30. Robert Desnos. Berlin: Neues Leben, 1970, S. 18f

One Comment on “Auf halbem Weg

  1. Robert Desnos: Mi-route

    Il y a un moment précis dans le temps
    Où l’homme atteint le milieu exact de sa vie,
    Un fragment de seconde,
    Une fugitive parcelle de temps plus rapide qu’un regard,
    Plus rapide que le sommet des pâmoisons amoureuses,
    Plus rapide que la lumière.
    Et l’homme est sensible à ce moment.

    De longues avenues entre des frondaisons
    S’allongent vers la tour où sommeille une dame
    Dont la beauté résiste aux baisers, aux saisons,
    Comme une étoile au vent, comme un rocher aux lames.

    Un bateau frémissant s’enfonce et gueule.
    Au sommet d’un arbre claque un drapeau.
    Une femme bien peignée, mais dont les bas tombent sur les souliers
    Apparaît au coin d’une rue,
    Exaltée, frémissante,
    Protégeant de sa main une lampe surannée qui fume.

    Et encore un débardeur ivre chante au coin d’un pont,
    Et encore une amante mord les lèvres de son amant,
    Et encore un pétale de rose tombe sur un lit vide,
    Et encore trois pendules sonnent la même heure
    À quelques minutes d’intervalle,
    Et encore un homme qui passe dans une rue se retourne
    Parce-que l’on a crié son prénom,
    Mais ce n’est pas lui que cette femme appelle,
    Et encore un ministre en grande tenue,
    Désagréablement gêné par le pan de sa chemise coincé entre son pantalon et son caleçon,
    Inaugure un orphelinat,
    Et encore d’un camion lancé à toute vitesse
    Dans les rues vides de la nuit
    Tombe une tomate merveilleuse qui roule dans le ruisseau
    Et qui sera balayée plus tard,
    Et encore un incendie s’allume au sixième étage d’une maison
    Qui flambe au cœur de la ville silencieuse et indifférente,
    Et encore un homme entend une chanson
    Oubliée depuis longtemps, et l’oubliera de nouveau,
    Et encore maintes choses,
    Maintes autres choses que l’homme voit à l’instant précis du milieu de sa vie,
    Maintes autres choses se déroulent longuement dans le plus court des courts instants de la terre.
    Il pressent le mystère de cette seconde, de ce fragment de seconde,

    Mais il dit « Chassons ces idées noires »,
    Et il chasse ces idées noires.
    Et que pourrait-il dire,
    Et que pourrait-il faire
    De mieux ?

    Quelle: http://www.unjourunpoeme.fr/poeme/mi-route

    Lu par Eve Griliquez: https://www.youtube.com/watch?v=vMjruuNEUcs

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