Tanz des Intellekts zwischen den hebräischen Konsonanten

Französische Rechtschreibung ist für Anfänger schwierig aber lernbar. Ein geordnetes System von Regeln. Englische? Schwer aber lernbar. Vielleicht sind es auch Regeln, aber es sind so viele, dass ich sie von Ausnahmen kaum unterscheiden kann.

Und Hebräisch? Ich lerne noch. Für den Lernenden entstehen in buchstäblich jedem Wort Optionen. Auf eine Weise spannend und poetisch. Geradeaus denken versagt ebenso wie einfach auswendig lernen. Ich muss mitarbeiten, Optionen durchspielen und kombinieren. Lyrikleser und Detektiv.

Einfaches Beispiel:
היא שרה. Transkribiert: Hi srh.*

Das erste Wort ist gesetzt: hi. Gesprochen wie Englisch he, bedeutet aber she, sie. (Während „er“ hu heißt, wie who. Amüsiert mich immer noch. He is she and who is he?)***

Dann wird’s knifflig. שׂ oder שׁ, sin oder schin****? Ich probiere es mit sin, Punkt auf dem linken Bogen. Dann muss ich den Vokal raten. Ich versuche es mit a: Hi Sa-, gefolgt von r, gefolgt von h: Hi Sarh. Jetzt muss ich nur ein zweites a einschieben und habe den Namen Sarah. Hi Sarah, sie (ist, das Hilfsverb entfällt), sie ist Sarah. Den Namen kenne ich natürlich und habe ihn oft gelesen.

Aber wenn man das zweite a betont? Dann heißt es: Sie ist Minister, hi saráh. Sarah ist Minister? Sarah hi saráh.
Und wenn es doch schin und nicht sin ist: Hi scharah, sie singt. Die singende Ministerin Sarah. Sarah ist Ministerin, und sie singt. Sarah hi saráh wehi schara.

(Und das ist ein kleiner Übungssatz. Ich muss so viel lernen, dass sich mir der Tanz des Intellekts***** zwischen den Buchstaben im Gedicht öffnet).

Gedicht: auf mehr als eine Weise spannend und poetisch.


*) Im Hebräischen werden nur Konsonanten geschrieben, auch alef, alpha, א ist keine Ausnahme, es ist kein A wie im Griechischen oder Deutschen, sondern der Knacklaut, Glottis, der im Deutschen wie im Hebräischen, aber anders als im Französischen vor jedem Vokal im Silbenanlaut mitgesprochen wird. Im Deutschen schreibt man ihn nicht, deshalb haben wir ihn vergessen und bemerken ihn selten, aber er ist immer da, außer wenn Franzosen Deutsch sprechen: ischabe keinauto. Die alten Deutschen kannten ihn, wie der Stabreim beweist. Stäbe sind verstragende Wörter, die mit dem gleichen Konsonanten beginnen, b, d, f usw. bis hin zum Glottis: alle Wörter mit Vokal vorn können Stäbe bilden. Beispiel im Hildebrandslied: H-Stab in Vers 3: hıltıbrant entı hadubrant untar herıun tuem, Glottisstab in Vers 2: dat ſih urhettun ænon muotın oder Vers 16: alte antı frote dea erhına ƿarun. Im Deutschen schreibt man ihn nicht, das ist wohl nur dem Zufall geschuldet, dass die Erfinder des germanischen / deutschen Alphabets dafür keinen Buchstaben erfanden, weil sie sich am Latein orientierten. Im Hebräischen, eine uralte Konsonantenschrift, schreibt man ihn (die Griechen haben später die nicht benötigten Konsonanten für ihre Vokale umfunktioniert oder neue Zeichen erfunden, so wurde aleph zu alpha, a.) ** – Die Hebräer schreiben nur Konsonanten. Naja fast. Zwei Ausnahmen gibt es. Die Buchstaben für j (jod) und w (waw) wurden später auch für die Vokale i und o/u benutzt, um Unklarheiten im Bibeltext zu minimieren. Nicht jedes i oder o (das auch u sein kann) muss geschrieben werden, aber viele. Nur deshalb kann man hih schnell als sie identifizieren.

**) Genau genommen haben die Hebräer für einige Konsonanten, auch für den Glottis, zwei Buchstaben. Aber wir wollen es nicht gleich übertreiben.

***) Womit das Spiel nicht zu Ende ist. Das Pronomen ich heißt Hebräisch ani, das ist im Russischen ein anderes Fürwort: sie, dritte Person Plural. Ani srh, ani Sarah ist Hebräisch: Ich bin Sarah. Ich bin Sarah, sie ist er und er ist wer?

****) Für des Englischen Kundige gibt es eine Eselsbrücke, um sich die Punktierung bei dem Doppelbuchstaben sin/schin zu merken: Sin is not right. Überprüfen sie’s: שׂ. = sin, שׁ = schin.

*****) Tanz des Intellekts (zwischen den Wörtern und Ideen), damit benennt Ezra Pound eine von drei poetischen Sprechweisen, Logopœia (die komplexeste neben Melopœia, Klanglichkeit, und Phänopœia, Bildlichkeit  (mehr). Wie bezeichnend, dass der Tanz des Intellekts im Hebräischen schon zwischen den Buchstaben einsetzt!

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