86. Die „das Abendland untergehn lassen“ wollten

Am Anfang steht das A. Und am Ende das O. Zumindest im griechischen Alphabet. Und in dem Gedicht von Konrad Bayer, das lediglich aus „a“s und gelegentlich eingestreuten „o“s besteht. Lautmalerisch steht das Ensemble in Herbert Fritschs neuestem und möglicherweise letztem Streich an der Volksbühne auf der Showtreppe und artikuliert die Buchstaben. Das Publikum kann das Gedicht mitlesen, es wird auf auf die Rückwand des riesigen Bühnenraumes projiziert. Natürlich steht diese Nummer weder am Anfang noch am Ende dieser großartigen Sprachoper, die der Regisseur und Bühnenbildner Fritsch mit Musical-Elementen angereichert hat und deren Titel „der die mann“ ebenfalls einem Text von Bayer entnommen wurde.

Der Autor, leider ein mittlerweile weitgehend vergessener, gehörte dem sogenannten Wiener Kreis um H. C. Artmann und Gerhard Rühm an, einem Zirkel, der sich in den 50er- und frühen 60er-Jahren zu Recht in Dingen der Literatur für die Avantgarde hielt. Ihnen wurde „böswilligste Sprachzertrümmerung“ vorgeworfen, verschärft durch die „finstere Absicht, das Abendland endgültig untergehen zu lassen“, wie Ulrich Weinzierl vor 30 Jahren anlässlich des Erscheinens der „Sämtlichen Werke“ schrieb. Konrad Bayer konnte die kritischen Reaktionen auf sein Werkschaffen selbst nicht aushalten, bereits 1964 hatte er den Kopf in den Gasherd gesteckt, da war er nicht mal 32 Jahre alt. / Stefan Kirschner, Die Welt

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