97. Wortlos

Über den Essayisten, Herausgeber und unermüdlichen Chronisten wird unter den Kurz­sichtigen des Betriebs der vielseitige Lyriker Theo Breuer, dessen erstes Gedichtbuch 1988 erschien, gelegentlich gern übersehen. »Wortlos und andere Ge­dichte« heißt, programmatisch, das 2009 erschienene Ly­rikbuch, in dem sich ne­ben neuen Gedichten auch bereits be­kannte Ge­dichte in neuen Fassungen fin­den. Das Buch ist im Anhang mit ausführli­chen Anmerkungen versehen, die ei­nen differenzierten und un­terhaltsamen Einblick in die Textwerkstatt des Autors gewähren.

Ähn­lich »Mittendrin« (1991), »Der blaue Schmetterling« (1993), »Das letzte Wort hat Brinkmann« (1996), »Land Stadt Flucht« (2002) oder »Nacht im Kreuz« (2006) läßt Theo Breuer lite­rarische Heimatkunde auf Exotismus treffen, zeitgenössische Wirklichkeit auf Vergangenheitsgespenster. Es offenbaren sich Reibungsflächen der Moderne, die Gedichte deuten auf ein linguistisches System: Logik, Behaup­tung, Spekulation und Instruktion sind wie beiläufig zu lesen. Was im diesem selbsternannten Hin­terland entsteht, ist ein wortwörtliches oder visuelles Spiel, das der Lyrik offenbar mühelos den Hintergrund verleiht.

»Wortlos« ist wahrhaft wortstark. Gleich das erste Gedicht – »auf der straße« – ist eine Wucht. Und »du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)« sollte auf Pla­katwänden kleben, zu den Favoriten von Sprayern gehören. Theo Breuer ent­deckt die Narreteien der Sprache immer mehr und immer wieder aufs Neue, laufend fällt der Leser in schöne Stolperfelder, drempels bis in die reine visuellpoetische Zeichen­haftigkeit hinein ziehen das Auge an: ‚Sprachstreu­gutbreuergut’. Was auch immer für Erwägungen und Telefonate hinter dem Gedicht »forever young« stecken mögen – ich empfinde es als ein leises und zartes Gedicht mit der herrlichen Wortschöp­fung: »mond­schraubengroßmutter«. Das Gedicht ist natürlich sati­risch, aber auch leise-melancholisch.

/ Matthias Hagedorn über Theo Breuer: Lauschender Leser und redender Schreiber

Mit einem Motto von Gerhard Falkner:

Der Kritiker hasst den Dichter. Weil er wohl seine schwierigen, nicht aber seine einfachen Sätze versteht.

  • Wortlos und andere Gedichte, mit Linoldrucken von Karl-Fried­rich Hacker, 40 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Das gewonnene Alphabet, 89 Gedichte von A bis Z ∙ Glossar ∙ Essay, 121 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2012.

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