35. Reiner Kunze 80

1

Quer durch Deutschland führen ihn seine Lesereisen, und so still es im Feuilleton um den Georg-Büchner-Preis-Träger des Jahres 1977 in den vergangenen Jahren auch geworden sein mag, so sehr zählt er nach wie vor zu den ganz wenigen Lyrikern deutscher Sprache, die Säle mit mehr als 500 Sitzplätzen problemlos füllen.

Seit 52 Jahren sind Elisabeth und Reiner Kunze ein Paar; die Geschichte ihres Kennenlernens ist so anrührend, dass man sie für erfunden halten (oder erfinden) müsste, wenn sie sich nicht tatsächlich zugetragen hätte: In den späten 1950er-Jahren hatte die tschechische Medizinstudentin Elisabeth Mifka im DDR-Rundfunk ein Liebesgedicht gehört und wegen des schlechten Empfangs den Namen des Autors nur undeutlich verstanden: „Die liebe / ist eine wilde rose in uns / Sie schlägt ihre wurzeln / in den augen, / wenn sie dem blick des geliebten begegnen / Sie schlägt ihre wurzeln / in den wangen, / wenn sie den hauch des geliebten spüren / Sie schlägt ihre wurzeln / in der haut des armes, / wenn ihn die hand des geliebten berührt / Sie schlägt ihre wurzeln, / wächst wuchert / und eines abends / oder eines morgens / fühlen wir nur: / sie verlangt / raum in uns“.

Elisabeth schreibt auf gut Glück eine Postkarte an Radio Dresden, die über viele Umwege den Weg nach Ostberlin zur Sendungsmacherin und schließlich in die Hände des jungen Dichters findet. Mehr als 400 Briefe später kommt es zu einem ersten handvermittelten Telefonat; es ist zwei Uhr morgens: „Willst du meine Frau werden?“ „Ja.“

2

Und wenngleich Reiner Kunze vorwiegend Lyrik geschrieben und übersetzt hat und seine Gedichte in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden sind, ist es doch der Kurzprosaband Die wunderbaren Jahre (1976), der ihm den größten Publikumserfolg beschert hat: Der Titel liegt mittlerweile in der 32. Auflage vor – rund 750.000-mal will der S.-Fischer-Verlag das Buch verkauft haben.

Nach dessen Erscheinen (in Westdeutschland) wird Kunze aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, was de facto einem Berufsverbot gleichkommt. Als Teile des Politbüros einen Prozess gegen ihn anstrengen, „nach dem keiner mehr so anfangen wird wie Heym oder Kunze“ (und Kunze über gezielte Indiskretionen erfährt, dass acht bis zwölf Jahre Haft erwogen werden), stellt er einen Antrag auf dauerhafte Ausbürgerung, der binnen kurzem genehmigt wird. „Honecker war gegen diesen Prozess. Biermann war ja schon ausgebürgert, das internationale Ansehen der DDR sollte nicht weiter beschädigt werden.“

3

Man muss weder die zwölf Bände und 3.491 Blätter umfassende Stasi-Akte über Reiner Kunze gelesen haben noch mit Kunzes Agieren auf dem politischen Tagesparkett der BRD – und später des wiedervereinigten Deutschland – einverstanden sein, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr Kunze diese Diffamierungsversuche getroffen haben müssen: „Über Wochen wurden mir in unregelmäßigen Abständen meine Bücher in zerrissenem Zustand und mit Inschriften wie ‚Strauß-Intimus‘ zugeschickt – ich hatte Franz Josef Strauß bis dahin nur ein einziges Mal gesehen, und das aus der Ferne.“ Helmut Kohl kannte er aus dessen Zeit als Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses, in dessen Zuständigkeitsbereich auch der Freikauf von DDR-Häftlingen gehörte: „Nachdem er Bundeskanzler geworden war, lud er mich als ehemaligen DDR-Bürger ein, ihn auf seinem ersten Staatsbesuch in Israel zu begleiten. Nach unserer Rückkehr schwappte mir aus der gesamten Bundesrepublik eine Flut von Protestbriefen ins Haus, in denen es u. a. hieß, ich hätte mich als Kohl-Begleiter endgültig vor den Karren der Rechten spannen lassen, oder in denen ich unter Androhung eines bundesweiten Buchkauf- und Lesungsboykotts aufgefordert wurde, die Kohl‘ sche Politik zu verurteilen. Eine bekannte Berliner Buchhandlung ließ einen ihrer Kunden wissen, von nun an werde kein Kunze-Buch mehr in ihren Regalen zu finden sein.“ Bis heute erhält er Drohbriefe; erst unlängst einen mit dem Sartre-Zitat „Ein Antikommunist ist und bleibt ein Hund.“

/ Josef Bichler, Album, DER STANDARD 10.8.

Anmerkung: Die numerierten Auszüge, quasi 3 Stationen, sind eine Zutat der Lyrikzeitung. Tatsächlich handelt es sich um einen längeren zusammenhängenden Text.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: