63. Zu nichts nütze

Dass der Text auf dem Papier nur die Partitur der Dichtung sei – darüber besteht beim Berliner Poesiefestival Konsens. Betrachtet man Poesie als Klangkunst, ist das Wort nur noch ein Laut-Ereignis – eine «Befreiung der Sprache von der Bedeutungsklammer» (so hiess es in einer Einführung), die in eklatantem Widerspruch steht zu Ezra Pounds Definition von Dichtung als Sprache, die «bis zum Äussersten mit Bedeutung aufgeladen» sei.* Die Dramatisierung der Laute in Schwitters Ursonate, die Christian Bök im Rekordtempo deklamierte, war ein epochales Ereignis, das unwiederholbar bleibt. Dass der Verzicht auf die Bedeutung nicht ohne weiteres gelingt, zeigte sich in der Performance der «Voice-Artistin» Isabeella Beumer. Bei aller Virtuosität handelte es sich über weite Strecken um chargierende Sprach-Imitation: ein Klamauk, bei dem man ganz genau wusste, wovon hier so wortlos die Rede war.

Nur in einer der drei Klanginstallationen des Festivals blieb die Bedeutungsebene der Sprache intakt. «Do I know you?» «Share presence!» «Think twice!» Ob diese von Kindern gesprochenen Sätze in Gary Hills Installation «Child’s Play» den Hörer meinen? Die Jahreszahl 1961, so verkündet eine Kinderstimme, lasse sich auch auf den Kopf gestellt lesen. Und das werde erst im Jahr 6009 wieder der Fall sein! «Die Poesie ist nutzlos (deshalb mögen wir sie)», lautete eine der Antworten auf die Frage «Wozu Poesie?» Die Freiheit der Poesie besteht in der Schönheit von Gedanken, die zu nichts nütze sind. / Sieglinde Geisel, NZZ 13.6.

*) Wirklich?

3 Comments on “63. Zu nichts nütze

  1. Walter Jens würde vor diesem Hintergrund wohl weniger von Poesie sprechen, sondern in dem Ganzen vielmehr eine Badewanne voller schöner Geräusche sehen. Gleichwohl ist es interessant, gerade an dieser Schnittstelle zwischen Bedeutsamkeit und Bedeutsamkeit zu experimentieren.

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