33. Liao Yiwu in Berlin

Am Flughafen Tegel habe er schon dort die Nase in den Wind gehalten: „Die Luft schmeckt so süß“ sagt er noch heute, wenn er sich an diesen Moment erinnert. Liao ist auf Einladung des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) in die Stadt gezogen und werde sie vielleicht nie wieder verlassen, sagt er. „Ich habe einen Albtraum hinter mir gelassen.“ Aber vollkommene Freiheit könne er auch hier nicht empfinden. „Freiheit, Zìyóu, muss von innen kommen“, sagt er. „Sie kann nicht durch äußere Umstände sofort hergestellt werden.“ Er könne sich schon deshalb nicht frei fühlen, weil seine Freunde Li Bifeng und Liu Xiaobo noch immer nicht frei seien. „Schon deshalb will ich weiterkämpfen.“

Sein Freund Li Bifeng wurde zwei Monate nach seiner Ausreise zu zwölf Jahren Haft verurteilt, wahrscheinlich weil eben dieser Liao hier am Tisch sitzt, weil er geflohen ist und das Zentralkomitee Li Bifeng für einen Komplizen hält. Er war sein Verbündeter, als er die Nummer Ling Jiu Jiu war. Liu Xiaobo ist noch bekannter als Li Bifeng. Der Chinese hat vor drei Jahren den Friedensnobelpreis verliehen bekommen, durfte aber seinen Preis nicht persönlich in Empfang nehmen. Li, Liu und Liao sind seit Langem befreundet. Die drei Männer verbindet, dass sie sich für die Erinnerung an die Ereignisse des 4. Juni 1989 einsetzen, als Panzer auf protestierende Studenten schossen und Hunderte von ihnen töteten. Tiananmen. Ein Wort, das auf der chinesischen Version von Google andere Webseiten vorschlägt, als im Rest der Welt.

Frau Guo bietet kleine, bunte, süße Gummiplätzchen und Kekse an. Liao Yiwu rührt nichts davon an. Er sitzt nur da, schaut ernst, seine Glatze unterstreicht diese äußerliche Härte. Auch sie ist eine Gefängniserinnerung, vorher trug er volles Haar. Dann sprechen wir über die Vorwürfe des deutschen Sinologen Wolfgang Kubin, der vor zwei Wochen behauptet hatte, Liao hätte seine Gefängnisschilderungen übertrieben. „Das ist schlicht falsch“, sagt er, und es sei genau das, was sich die chinesische KP wünsche. Diplomatisch sagt er aber: „Ich habe Verständnis für die menschliche Schwäche, die in Wolfgang Kubins Handeln zum Ausdruck gebracht wird, weil er häufig zwischen China und Deutschland pendeln muss.“ Für ihn aber sei das Leben in China ein „Langzeit-Erlebnis der Angst“ gewesen. / Sören Kittel, Berliner Morgenpost

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