113. Na und?

Der Herausgeber der Versnetze-Anthologien, Axel Kutsch, selbst Lyriker, schreibt im Vorwort: Die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart bietet vor allem in Literaturzeitschriften und im Internet immer wieder einmal Anlaß zu Diskussionen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob sie nicht großenteils zu schwierig, verschlüsselt, elitär oder gar unverständlich sei, um eine breitere Leserschaft zu erreichen (…), und ich schlage Frey auf und antworte: Na und? Lesen geschieht in der abenteuerlichen Offenheit des Nichtverstehens. (…) Sobald der Entscheid für eine Bedeutung fällt, verschließt das Geschriebene seine Weite in der Enge des Verstandenseins und erstarrt, klingt das blaue Buch selbst wie ein Gedicht. (…)

An einem Text rätsele ich besonders, es ist ein Zyklus visueller Poesie von Klaus Peter Dencker, ARAKAWA – UNDER CONSTRUCTION, komplett gedruckt auf hellblau-türkisem Himmel. Vögel, Flugzeuge, Bälle, Papierflieger, Luftansichten, Peitschen, Stabhochspringer verraten, dass ich recht habe: es ist Himmel. Das Gedicht spielt mit den Silben des Namens Shusaku Arakawa, eines japanischen Konzeptkünstlers. Es hat 11 Seiten und teilt den Namen in dreimal drei in Quadrate geschriebene Buchstabengruppen auf, die, anders zusammengesetzt, neue Bedeutungen erlangen. Ich habe die Idee, meinen alten Aikido-Lehrer zu besuchen, um Konkreteres zu erfahren, aber er spricht immer noch ein so abenteuerliches Deutsch, dass ich die Antworten auf meine Fragen nicht verstehe. Wie gut, denn so bleibt das Gedicht geheimnisvoll-schön, ein 5-Sterne-Sudoku, bei dem man nicht schummeln kann … / Christine Kappe, KuNo

Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_fünf. Deutschsprachige Lyrik der Ge­genwart von 213 Autoren, Vor­wort des Herausgebers, 352 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Wei­lerswist 2012.

Bertram Reinecke schreibt in einem Kommentar auf der Seite u.a.:

Ein charmanter Text, mit mehreren hübschen Pointen. Erstens: Er will keine Ergebnisse geben, sondern beschreibt Leseprozesse, zweitens: Er liest Texte, von Autoren, die immer wieder penetrant Verständlichkeit einfordern, mit dem Anspruch auf poetisches Geheimnis. Das geht gut: Die Poetik eines Autors reicht über seine expliziten Kenntnisse hinaus.

Vielleicht erhebt ja jetzt jemand Einspruch gegen lobende Erwähnung?

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