129. Lyrotronik

Ich staune (in guter Gesellschaft), daß ein „Dialog aus Elektromusik und Literatur“ mit dem Ziel der Aufführung auf einer Club-Bühne in Berlin im späten Jahre 2010 als experimentelles Wagnis und nie dagewesen beworben wird. In Köln und Düsseldorf habe ich in den mittleren bis späten 90er Jahren u.a. mit fatagaga die Projekte lyrotroniks und DROM/red durchgeführt. Sollte ich besser sagen: gewagt? Die KOOK-Ankündigung (L&Poe Nr. 127) liest sich für mich nun, ein gutes Jahrzehnt später, als sei sie eine formal genaue Beschreibung unserer damaligen Projekte – wobei wir uns damals nicht sicher waren, ob/daß wir in dieser Hinsicht die ersten wären: in Deutschland vielleicht, das scheint durchaus möglich.

Anfang der 90er entwickelte ich das Lyrotronische Manifest, erstmalig publiziert Mitte der 90er in meiner Zeitschrift „elektropansen“. Es forderte das Zusammenspiel literarischer und elektronischer Sparten in einem Maße, das damals technisch noch garnicht umsetzbar war und bis heute erst teilweise ist: angedacht war in dieser Zeit u.a. Echtzeit-Modulation von live eingesprochenen Texten. Ein Realtime Research-Projekt brachte ein solches SuperCollider-gestütztes Echtzeit-Modulations-Experiment mit meinen Gedichten im Dialog mit sowohl analoger, als auch elektronischer Musik in den mittleren 2000ern in Köln auf die Bühne – allerdings stellte sich in Proben wie Live-Set heraus, daß die mithilfe von Joystick-Manipulationen am live eingesprochenen Text avisierte „Echtzeit-Modulation“ ca 1-2 Sekunden Verspätung zu sich selbst aufwies.

Derzeit arbeite ich in Bonn mit soundBlocks genannten Klangwürfeln, die das dortige Animax-Theater mit assoziierten Programmierern nach Open Source-Plänen des sogenannten Reactable entwickelt hat. Solche Reactables kamen bisher unseres Wissens ausschließlich in der elektronischen Musik zum Einsatz (bekanntestes Beispiel: Björk). Ich werde sie nun experimentell mit Gedichtformen füttern lassen, von Grundschulkindern. Wegen der noch recht geringen Verbreitung dieses revolutionären Instruments, das in den letzten Jahren entwickelt wurde und das u.a. mit SuperCollider programmiert werden kann, ließe sich davon ausgehen, daß hier tatsächlich, womöglich weltweit einzigartig, (erneut?) Pionierarbeit an der Kombination/Schnittstelle von lyrischer Sprache und elektronischer Musik geleistet wird. Allein, sicher bin ich mir auch darüber nicht. Jedenfalls stellen die Möglichkeiten der soundBlocks eine unerwartete Erweiterung meiner in den frühen 90ern formulierten lyrotronischen Grundideen vor.

stan lafleur, 26.08.2010

4 Comments on “129. Lyrotronik

  1. Super! In diesem Sinne habe ich in den 80er Jahren über „Anti-Musik“ geschrieben (Lex. f. Musikpäd.). Heute schreibe ich Gedichte nach den Methoden der elektronischen Musik. Herzliche Grüße, Peter Rech

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  2. geht es hier nur um „experimentelle“ projekte oder die kombi elektro+lyrik an sich? dann ergänze ich nämlich gerne mit einem hörtip: http://www.mp3.de/holzhund (identisch mit http://www.NEUROSCHAMANISMUS.de ), wo 9 gedichte von mir von einem elektro-musiker vor zahlreichen jahren vertont wurden, und von mir dann darüber gesprochen. auf CD/DVD erschien außerdem vor einigen jahren der sampler „URBAN ELECTRONIC POETRY“ (produzenten/herausgeber: Kersten Flenter, Max Würden, Thorsten Nesch) mit mehreren vertonten/verfilmten dichtern (darunter auch stan & ich), der auf der popkomm live präsentiert wurde. noch immer erhältlich bei http://www.ARTIFICIUM.com (die kunstbuchhandlung in den hackeschen höfen, berlin). ach, grad kommt mir noch eine schöne erinnerung: in der kölner techno-szene trat ich anfang der neunziger in einem club auf, wo der techno-dj mich live begleitete beim rezitieren meiner gedichte, und mich mit seinen loops und sonstigen verzerrern modulierte… der club war wundervoll magisch künstlerisch fluorizierend dekoriert, ein trip-artiger höhlenraum zum tanzen und loungigen zuhören…

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  3. Danke für Ihre Präzisierung!
    Kann einem schon der Schwindel kommen bei all den Labels die in diesem Schrieb mitsamt dem Segen des Regierenden Bürgermeisters experimentell zusammengetackert werden.

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