125. „Deutsch-Russische Israelin mit dem Blick eines Teufels“

Aus Anlaß des Todes von Peter Porter verlinkt der Guardian-Nachruf auf ein Gedicht des Autors und auf eine von ihm verfaßte Besprechung von 2006. Ich hätte sie früher finden sollen, aber ich fand sie jetzt:

Die beiden israelischen Autoren sind keine Stilisten – ihr Ton ist kantig und direkt – aber sie zeichnen sehr detailliert das Leben einer bemerkenswerten Frau, die viele von uns kannten und liebten, und doch ließen wir zu, daß sie aus der Literaturgeschichte gestrichen wurde. Es kommt mir feige vor, wie wir warteten, bis die Hauptakteure tot waren, um uns vor Ted Hughes und dem literarischen Establishment zu verneigen und Assias tatsächlichen Anteil am Erbe von Hughes / Plath wegzuschneiden, um sie auf die Rolle der marginalen Versucherin zu reduzieren. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur auf den Mangel an schriftlichen Überlieferungen verweisen, der bis jetzt bestand. So wurde bald nach ihrem Tod Front gegen sie gemacht. Im Namen einer größeren Legende mußte sie im Hintergrund gehalten werden.

Als Hughes im Jahr 1962 Assias Liebhaber wurde und Sylvia Plath verließ, begann Assias Stern zu sinken. Gewiß, sie war kein Genie wie Plath, aber sie war doch mehr als nur die schöne Frau, die sich den berühmten Dichter angelte. Sie hatte Witz, Charme und Großzügigkeit, und wenn sie eigensinnig und melodramatisch sein konnte, wo war sie auch natürlich und geradlinig und niemals die „femme fatale“.

Der Titel des Buches stammt von ihrer selbstverfaßten Grabschrift: „Hier liegt eine Liebhaberin der Unvernunft und eine Verbannte.“ Es gibt noch einen anderen Epitaph: „Assia war meine wirkliche Frau und der beste Freund, den ich hatte.“ (aus einem Brief von Hughes, geschrieben nach ihrem Selbstmord 1969. Und doch leugnete er jede Verbindung zu ihr und schlimmer, in seinen Schriften, wie in „Träumer“ („Dreamers“) in den „Birthday Letters“, erscheint sie nur am Rande oder gar dämonisiert:

Wir fanden nicht sie – sie fand uns.
[…]
Die dunkle Tiefenströmung ihres deutschen Akzents
In der funkelnden, goldenen Kensington-Aussprache
War das Schwarzwaldflüstern deiner Vorfahren –
Sanft verbrämt mit dem fettigen Ruß der Todeslager.*
[…]
Halbherzig hieltst du Kontakt zu ihr,
Ihrem jüdischen Wesen, ihrer vielblütigen Schönheit
[…]
Wer war diese Lilith der Abtreibungen,
Die das Haar deiner Kinder mit tigerlackierten
Fingernägeln streichelte?
[…]
Sie saß da, mit ihrer rußfeuchten Wimperntusche,
In flammendorangener Seide, mit goldenen Armbändern
Und einem Hauch obszöner erotischer Mystik
Eine deutsch-
Russische Israelin mit dem Blick eines Teufels
Zwischen Vorhängen aus schwarzem Mongolenhaar.

Das sind Zeilen aus einem gewalttätigen, feindseligen Text. Das Gedicht endet so: „In diesem Moment verliebte sich / Der Träumer in mir in sie, und ich wußte es.“

(…)

Yehuda Koren und Eilat Negev haben ihre hinterlassenen Texte und Tagebücher durchforstet, die zum Großteil bei ihrer Schwester in Kanada liegen, und haben Menschen befragt, die sie in Israel, Kanada und England kannten. (…)

Assia Gutmann wurde 1927 in Berlin geboren. Ihr Vater, Dr. Lonya Gutmann, war ein mit einer evangelischen Krankenschwester verheirateter russischer Jude. In den 30er Jahren ging er mit seiner Familie nach Palästina, weil ihm klar war, daß er trotz seiner „arischen“ Frau keine Zukunft in Deutschland hatte.

Weder er noch Assia fühlten sich als Juden, noch weniger in dem neuen jüdischen Staat. Sie liebten die europäische Hochkultur – die großen Romanautoren, Dichter und Komponisten, deren Namen durch ihre Korrespondent schwirren. Sie wuchs dreisprachig auf, Deutsch, Hebräisch und Englisch.

*) Diese Zeile ist bei Porter weggelassen, ich zitiere sie mit, um die Bosheit des Textes noch deutlicher zu zeigen. Der deutsche Text von Andrea Paluch und Robert Habeck aus: Ted Hughes: Birthday Letters. Gedichte. Frankfurter Verlagsanstalt 1998 (Taschenbuchausgabe Piper 2000)

A Lover of Unreason
by Yehuda Koren and Eilat Negev
320pp, Robson Books, £20

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