155. Bundespräsident lobt radikale Minderheit

Zur Eröffnung war gar der Bundespräsident persönlich zum Gratulieren vorbeigekommen und pries Gedichte als „kleine Widerstandsnester gegen die riesige Flut an Sprachmüll, der uns täglich aus allen Medien entgegenkommt“.

Es war eine verdiente Anerkennung für die Literaturwerkstatt, dass Horst Köhler die sechstägigen Feierlichkeiten in der Berliner Kulturbrauerei mit seinem Grußwort eröffnete. Bei insgesamt 12 Veranstaltungen in 16 Botschaften und Kulturinstituten wird das Internetprojekt noch bis kommenden Samstag gewürdigt. Eine durchaus illustre, internationale Kooperation unter Federführung der Literaturwerkstatt also. Wenn Köhler sich trotzdem freute, bei einer „kleinen ‚radikalen‘ Minderheit“ zu Gast zu sein, spielte er ja auch nur auf die Tatsache an, dass Gedichte nicht gerade als populäre literarische Form gelten – insbesondere, wenn sie zwischen zwei Buchdeckeln veröffentlicht werden. In der Verkaufsstatistik des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zumindest bewege sich Lyrik „im Nullkommabereich“, sagt Heiko Strunk, Projektleiter von lyrikline.org. …

Dennoch manifestiert sich auf lyrikline.org eine geradezu utopische Idee. Denn es geht bei dieser Digitalisierung von Lyrik ja nicht nur darum, die traditionelle Buchgebundenheit des Genres zu sprengen. Sondern auch die Grenzen der Nationalliteraturen: Ohne lyrikline.org würden viele internationale Poeten überhaupt nicht in deutscher Sprache veröffentlicht. Und wie schade das wäre, zeigte sich am Eröffnungsabend, als die deutsche Lyrikerin Monika Rinck und die südafrikanische Poesie-Performerin Lebogang Mashile nacheinander sprachen und lasen. Der Kontrast zwischen Rincks erkenntniskritischen Ausführungen zum Gedicht als „philosophische Tat“ und Mashiles freiem, funkelndem Deklamieren machte eindrucksvoll deutlich, was für gegensätzliche Paralleluniversen die deutsche und die südafrikanische Poesie sind. / Brigitte Preissler, Die Welt 28.12.

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