003. Ingolds Gegengabe

Wunderbar etwa ist jene Notiz über ein älteres Ehepaar, aus dessen Wohnung der Autor in regelmässigen Abständen Schreie vernimmt, die er sich nicht erklären kann. Bis sich eines Tages herausstellt, vor den Auslagen eines Bücherbasars der Heilsarmee, dass der alte Herr seiner Frau zweimal täglich aus Diderots «Das Paradox des Schauspielers» vorliest, immer wieder und stets mit Inbrunst. Der alte Herr mag das Buch einfach, und eben hat er in der Bücherkiste ein weiteres Exemplar gefunden, er hat schon viele . . .
Kleine Alltagsbeobachtungen wie diese finden sich einige. Dazwischen Gedichte, eigene und fremde, übersetzte: Gedichte von René Char, von Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa und vielen anderen. Daneben kurze Berichte von den täglichen Spaziergängen in der nahen Umgebung. Oder Traumerzählungen, bizarre Geschichten, die Vertrautes und Unvertrautes in einer überraschenden Ordnung als kompakte und opake Einheit inszenieren. In anderen Texten wiederum formuliert Ingold Erinnerungen an Menschen, die ihn etwas gelehrt haben und denen er etwas verdankt. Walter Widmer etwa, dem Lehrer und ungeheuer produktiven Übersetzer und Vermittler, gilt eine freundliche Hommage. Ein anderes Mal ist die Rede von einem russischen Linguisten, der zu den wissenschaftlichen Betreuern von Ingold zählte, als dieser in den sechziger Jahren in Moskau studierte. In der Erinnerung bleibt Boris Gornung ein distanzierter Mensch, und erst viel später wird der Autor erfahren, dass sein Lehrer ein enger Vertrauter Ossip Mandelstams war und selber auch schrieb; das vorsichtig-respektvolle Gedenkblatt schliesst mit der Übersetzung eines Gedichts von Gornung. / Martin Zingg, NZZ 13.8. http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/poetische_rueckschau_1.3331604.html

Felix Philipp Ingold: Gegengabe − aus kritischen, poetischen und privaten Feldern. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 712 S., Fr. 59.–

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