Junge Lyriker in Pommern

Singt Pommern? Jedenfalls machten die beiden letzten Wochenenden kurzzeitig und im Stillen die Randprovinz Vorpommern zu einem der Zentren der jungen deutschsprachigen Lyrik. Am letzten Maisonntag gab es in Saßnitz auf Rügen eine „Lange Nacht der Lyrik“, die – organisiert von der auf Rügen geborenen Berliner Autorin Anna Hoffmann – zehn junge Berliner AutorInnen und als special guest eine Greifswalderin zusammenführte. (Mehr hier ). Mit Geburtsjahrgängen zwischen 1966 und 1978 also die Vorstellung einer, wie man so sagt, nachrückenden Autorengeneration, die von der Öffentlichkeit bislang wenig beachtet wird, wiewohl etliche (ich nenne nur Björn Kuhligk und Ron Winkler) sich in der Szene längst einen Namen gemacht haben. Die Gelegenheit, sich mit den Kommenden bekannt zu machen, nutzten leider weder die eingeladenen Medien noch die Rügener (ein kleines Häuflein ausgenommen).

Das gleiche Bild ein Wochenende drauf in der selbsternannten Geistesmetropole Greifswald. Im Literaturzentrum im Koeppenhaus lasen in einer Veranstaltungsreihe Blickwinkelimport die jungen Autoren Johanna Schwedes und Alexander Korund (beide waren oder sind Studenten am Literaturinstitut Leipzig) vor knapp 20 und anderntags einer der übriggebliebenen  Brechtschüler, Martin Pohl (Jahrgang 1930), sowie der in Belgien geborene, jetzt in Berlin lebende Lyriker HEL – vor nochmal etwa halbiertem Publikum. Wo war das seit einem halben Jahr in Greifswald legendäre junge Stammpublikum, das man sonst schon oft auf Steh- oder Fußbodenplätzen sah? Keine Neugier auf Kommendes? Sind sie jetzt traurig, weil sie den alten Dichter verpaßt haben, der erzählte, daß ihm Brecht zu seinem ersten Versuch mit einem Sonett sagte: Das habe zwar 14 Zeilen, sei aber kein Sonett? Und der dann Sonette und Gaselen las, die das kleine Publikum in ihren Bann zogen, gar nicht als Formspiele, sondern als authentische Stimme eines Zeitzeugen. Wo waren die Träger des Greifswalder Kulturlebens, das sich für so dynamisch und hoffnungsvoll hält, die Vertreter der ach so reichen, so blühenden Zeitschriften, Vereine und Institutionen? Wo die jungen Leute, die heimlich selber schreiben und hier hätten lernen können? (Ich frage nicht nach den Germanisten und ihren StudentInnen, denn die gehen bekanntlich nicht zu Lesungen, weil sie Sekundärliteratur lesen müssen). So blieb eine kleine Szene unter sich, Greifswald wie Saßnitz.

Der Sonntag sah dann eine Premiere. Im Geburtshaus Hans Falladas fand sich ein knappes Dutzend um ein auf provisorischen Tischen angerichtetes reiches Brunch versammelt, junge Greifswalder und Stralsunder Autoren mit ihren Gästen, die ein paar Stunden miteinander aßen und sprachen. Die erste Veranstaltung in den Räumen der Literaturgesellschaft pom-lit.de. Dem wünscht Fortsetzung

Michael Gratz

Martin Pohl: Nur ein Erinnern traumumflort. Ghaselen, Sonette und andere Gedichte. Neubrandenburg: federchen Verlag, 2002

HEL: Klompenmeistersang. Von der fuchsig dullen Griet, ihrem fahrenden Spinnhaus und ihren zwotausend Mannstücken. Berlin: SuKuLTuR, 2001

Hier gibts Fotos der Beiden

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