Schlagwort: Lyrikzeitung

Axel Kutsch (1945-2025)

Daß dich der Herbst erwischt,
ist nur der Lauf der Zeit.
Laß doch die Blätter fallen.
Du änderst nichts daran.
Die Tage werden kälter.
Zieh dich wärmer an.

das verbrechen ist die ungeduld

stalin wusste dass
die bedingung des neuen menschen die vernichtung
des alten war.
lenin hatte recht, als er zu trotzki sagte: wir haben
den galgen verdient.

Deadbot Rilkeus

Diesmal will ich nicht bei den Großen sein.
Diesmal will ich für alle Panther*innen sprechen.
Diesmal lass ich die Stäbe anders brechen

Mann in Schwarz

Elegant war er,
zudem ein Poet,
nicht sehr stark,
doch mit zupackenden Händen,
und irgendeine Frau
von vierzig und mehr
nannte er Liebste
und sein ungezogenes Mädchen.

Mehr geworden die Passionswege

Sein freier Fall in Apathie. Glasiges Blicken
durch mich hindurch. Die Annahme der Ärztin, es könnte Magenkrebs sein.
Die Unmöglichkeit einer Diagnostik. Derart geschwächt, eine Magenspiegelung
könnte ihn umbringen. Das bisschen Freude darüber, dass er wieder isst.

Mein Einreden auf ihn, er solle nicht aufhören zu essen. Er braucht Spinat
wie Popeye der Spinatmatrose. Mein Unbehagen bei der Ankunft, ihn zu umarmen,
ihn auch nur zu umarmen. Meine Entfremdung von Vater u. vom sog. Vaterland

ein Geier hockt im Garten

kein Teppich segelt vorbei
nur der Geier hockt im Garten
mit blauem Hals und tränenroten Augen
wartet auf die Sonne
fliegt gegen Morgen müde davon.

Ich suche allerlanden eine Stadt

Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt,
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Er hat es nötig

Mit ihm ging ich, weil er schrieb:
»Sehen wir uns wieder, will
ich gern wieder in die Lehre gehn.«
Er hat es nötig.

Der gedichteproduzierenden Industrie

Thomas Glatz Riechen Sie es auch?Riechen Sie es auch?Jedes GedichtVerströmt einen Ihm eigenenCharakteristischenGeruchDieses hier Riecht nach Vanille und Essig.Nein, ich rieche nichts.Ich glaube da nicht so recht dran.Das ist doch nur eine weitere Lüge Der gedichteproduzierenden Industrie! Aus: Am Erker. Zeitschrift für Literatur Nr.… Continue Reading „Der gedichteproduzierenden Industrie“

Schwarze Sonne

Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!

Süß

Wenn du bei mir liegst, mußt du leise sagen:
»Rühr meine Schulter an, die Hüfte und das Knie.«
Ich würde sonst so Süßes niemals wagen.

Bei Neumond

Bei Neumond
kam ich auf’s Dach
mit dem Spiegel und Kräutern und einem Achat.
Eine kalte Sichel passierte den Himmel
sperrte den Flug der Taube.

Rilke 150

Der König ist sechzehn Jahre alt.
Sechzehn Jahre und schon der Staat.
Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat

Brief

was uns angeht, hier, da wir noch leben, bleibt alles wie’s ist
wir gehen dahin und atmen den allen gemeinsamen Hauch,
ausgedünnt dieses alltägliche Leid

Anne Dorn (1925-2017)

Alle Maschinen schrumpfen zum Standby.
Abbruch des projektierten Lebens. Wohltat
der alten Fragen, die von innen strahlen.