Langsame Entdeckung

Bei einer Autorin, die zu Lebzeiten nur drei Gedichtbände veröffentlicht hat, in die wiederum nur Teile grösserer Zyklen eingegangen sind, spielen editorische Fragen eine zentrale Rolle. Deshalb kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass mit dieser Ausgabe eine neue Epoche der Kolmar-Forschung beginnt.

Warum das alles so lange gedauert hat? Vielleicht genügt hier der Hinweis auf eine Geschichte: In den fünfziger Jahren beantragte Hermann Kasack bei der Mainzer Akademie der Wissenschaften eine Kolmar-Ausgabe in der Reihe «Verschollene und Vergessene». Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: Gertrud Kolmar sei keine vergessene, sondern eine überhaupt erst zu entdeckende Autorin. Literarische Entdeckungen sind häufig ein plötzliches Ereignis. Manchmal aber vollziehen sie sich über Jahrzehnte hinweg. Im Fall von Gertrud Kolmar sind wir noch mitten auf dem Weg. / Manfred Koch, NZZ 23.12.03

Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Hg. v. Regina Nörtemann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003. 3 Bde., 1232 S., Abb., Fr. 153.-.

Mao Tse-Tung 110

Vom 110. Geburtstag des Steuermanns und Dichters Mao Tse-Tung berichtet China Daily:

A 20-part television series will also air depicting the life of the late leader through examination of his poems.

Von der Zeitschrift befragten jungen Leuten sagte der Name eher wenig (komische Frisur und sowas). / 23.12.03

Ezra Pound University

«Ich habe die Ezra Pound University besucht», so formuliert er es selbst: Pound hatte bekanntlich den Ehrgeiz, mit dreissig Jahren mehr über Dichtung zu wissen als jeder andere lebende Mensch. Fast wäre Eliot Weinberger Sinologe geworden, und heute noch übersetzt er Gedichte seines Freundes Bei Dao ins Englische. Mit dreissig allerdings habe er feststellen müssen, dass er ein schlechter Dichter sei. «Dann entdeckte ich, dass man die Techniken der Dichtung auch in der Prosa anwenden kann, und so wurde aus einem unglücklichen Dichter ein glücklicher Essayist.» / Sieglinde Geisel, NZZ 23.12.03 über Eliot Weinbergers Essays (Edition Suhrkamp).

Selbstzitat à propos: Der Fall Anders

Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das „Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen.“ (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). („Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!“)

Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise („Beamte traf ich, aber keine Menschen!“). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: „sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht „auf dem land“ [sic] aus: laut u. luise wegzulassen.“ Die überwiesene Summe: DM 3,24 (OE S 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): „Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.“

Ein Fall Anders? Oh nein. Eher ein Fall Deutschland; ein Fall Literaturbetrieb. / Michael Gratz, in: Wiecker Bote 27-29/ 1999.

Richard Anders erhielt 1998 als erster Preisträger den in Greifswald verliehenen Wolfgang-Koeppen-Preis.  Zuletzt erschienen:

Anders, Richard
Gedichte und Protokolle
(Galrev Druck- u. V.-G.) ISBN 3-933149-30-4
20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A] / 37,00 sFr
Richard Anders: Wolkenlesen.
Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen.
(Wiecker Bote) September 2003 – Taschenbücher – 167 S.
15,00 EUR
ISBN 3-935458-06-1

Briefe

Von einer Sizilienreise schrieb der 27-jährige Thomas Bernhard im Februar 1958 an die von ihm verehrte, 15 Jahre ältere Christine Lavant: „Meine liebe Christin‘, hast mich schon vergeßn? Ich Dich nicht. Ich hab Dich recht gern und denk‘ oft an Dich.“ Er schließt mit der Hoffnung, die Dichterin recht bald auf dem Tonhof wiederzusehen. / RENATE WIGGERSHAUS, FR 23.12.03

Christine Lavant: „Briefe an Maja und Gerhard Lampersberg.“ Hrsg. von Fabjan Hafner und Arno Rußegger. Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 2003, 168 Seiten, 17 Euro

In der gleichen Ausgabe auch eine Besprechung von

Else Lasker-Schüler: „Briefe 1893-1913.“ Bearbeitet von Ulrike Marquardt. Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Band 6. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 836 Seiten, 124 Euro.

Von scheppernden Versen

und dem politischen Mord an August Kotzebue schreibt die Berliner Morgenpost am 22.12.03

Die Heimat war weit

Interessantes zur Herkunft einiger DDR-Weihnachtslieder fördert Siegfried Stadler in der SZ vom 22.12.03 zutage. Hier einige Erstveröffentlichungsdaten:

Bald nun ist Weihnachtszeit – 1938 (HJ-Liederblatt)
Guten Abend, schön Abend – 1941
Es ist für uns eine Zeit angekommen – 1942 („Deutsche Kriegsweihnacht“, herausgegeben vom Hauptkulturamt der NSDAP)

Ein Beispiel:

Sehr populär wurde in der DDR das Weihnachtslied „Guten Abend, schön Abend“. Am Anfang, als es beispielsweise 1956 und 1958 in zwei Sammlungen des FDGB und der FDJ erschien, gab es weder Angaben zum dreistrophigen Text noch zur Melodie. 1961 ließ Ilse Naumilkat, die mit ihrem Mann beim Berliner Rundfunk wirkte, zwei Lied-Strophen urheberrechtlich schützen, die sie an eine bereits vorhandene erste Strophe angedichtet hatte. Doch woher die erste Strophe kam, blieb im Dunkeln. Zur Melodie hieß es seitdem jedenfalls, dass sie aus Kärnten stamme. Beim deutschen Volkslied-Archiv in Freiburg ist die alte Weise mehrfach notiert. Doch nicht in Kärnten, sondern in der Steiermark hat sie ihren Ursprung. Und zwar in einer handschriftlichen Sammlung eines Joseph Salzwimmer von 1798. Das Lied, das er niederschrieb, hebt mit den Worten an: „Ave Maria, Jungfräuliche Zier“ und verkündet wird „ein unerhört’s Ding von der himmlischen Hofstatt“, die der „Engel Gabriel bringt“. Der katholische Text lässt sich mühelos auf das vorweihnachtliche DDR-Lied singen. Wie aus ihm „Guten Abend, schön Abend“ wurde, ist nun leider auch ein „unerhört’s Ding“. Denn die rätselhafte erste Strophe war keineswegs vom Himmel gefallen. Sie findet sich in den „Liedern zur Weihnachtszeit“, die Ilse Lang 1941 im Kallmeyer Verlag herausgab, der auch die HJ-Liederblätter druckte. Seinerzeit bestand „Guten Abend, schön Abend“ nur aus der noch heute gesungenen ersten Strophe. Sie schließt mit den Worten: „Am Kranze die Lichter, sie leuchten so fein / Sie geben der Heimat einen helllichten Schein“. Zur musikalischen Heimat des Liedes hieß es: „Aus der Eiffel“. Wie man sieht, war die Heimat weit.

Sylt

Gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin soll der Lyrikdebütpreis ab 2004 auf Sylt vergeben werden. Parallel wird ein Lyrikfestival „Sylt-Lyrik“ mit jeweils 16 Autoren stattfinden. Auch das Stipendienprogramm der „Kulturquelle“ soll erweitert werden. Geplant ist die Einrichtung einer Reihe „Literarisches Doppelleben Sylt-Berlin“, die ab 2004 internationalen Schriftstellern einen sechswöchigen Aufenthalt teils in Berlin, teils auf Sylt ermöglichen soll. (nf.) / BLZ 21.12.03

Christa Reinig

In Rolf Schneiders Berliner Anthologie, Berliner Morgenpost 21.12.03 ein Gedicht der wichtigen Dichterin Christa Reinig (ihre Ausreise aus der DDR betreffend):

Vor der Abfahrt

Sie kamen und suchten
unter der Bank, im Gepäcknetz
suchten sie jemand.
Danke, sagten sie zu mir.
Auf dem Dach, zwischen den Rädern
suchten sie jemand.
Unter meiner Mütze
suchten sie nicht.
Starr war die Erde.
Da nahm ich den Schnee.
In meiner Manteltasche
nahm ich den Schnee mit.

© Eremitenpresse, Düsseldorf

Radmila Lazic

In seiner Reihe „Poet´s Choice“ (Washington Post 21.12.03) stellt Edward Hirsch die serbische Dichterin Radmila Lazic vor:

„I’ll laugh everywhere, weep wherever I can,“ the poet Radmila Lazic writes in A Wake for the Living, translated from the Serbian with great panache by Charles Simic. „Life is candied fruit and vinegar,“ she declares. „I add them to my verses in equal amounts.“ There is something bittersweet about Lazic’s utterly convincing work, which has the texture of lived experience.

A Wake for the Living brings together a representative selection from Lazic’s six collections of poetry. It is the first English translation of her work. Born in 1949, Lazic has a jaunty wit, a restless and irreverent intelligence and a startling way of stalking the truth. …
Lazic writes as a feminist with a dark sense of humor and a surreal imagination, a woman forthright about her desires („Let me get to the nitty-gritty,“ the speaker announces in „Dorothy Parker Blues.“ „I give you the visa/To my body — my homeland“) and unsentimental about marriage. She can no longer be hoodwinked by conjugal love. „Many times I fell in love forever,“ she ruefully recalls in one poem.

HER HUSBAND

Gegen die Lesart Täter-Opfer in der Beziehung Ted Hughes – Sylvia Plath wendet sich ein Buch von Diane Middlebrook. Besprechung von Daphne Merkins, NYT 21.12.03 / vgl. auch Michiko Kakutani 14.10.03

HER HUSBAND
Hughes and Plath — A Marriage.
By Diane Middlebrook.
Illustrated. 361 pp. New York: Viking. $25.95.

Featured Author: Ted Hughes

Collected Poems of Ted Hughes, edited by Paul Keegan, reviewed by Ruth Padel. (From the Financial Times.)

Reviewed by James Parker. (From The Boston Globe.)
Reviewed by John Mark Eberhart. (From The Kansas City Star.)

KLK – neue Greifswalder Literaturzeitschrift

Über die Premiere einer neuen Greifswalder Literaturzeitschrift mit dem unaussprechlichen Namen KLK/\USGABE*) schreibt die Ostsee-Zeitung vom 20.12.03:

Der 23jährige Student Innokentij Kreknin (Germanistik und Slawistik) ist gemeinsam mit den gleichaltrigen Siri Hölperl (Germanistik und Anglistik/Amerikanistik) und Heiko Lehmann (Germanistik und Philosophie) Redakteur von KLK/\USGABE, die von Junge[nd] Medien [Greifswald] e. V. mit Sitz in der Langen Straße herausgegeben wird. Wiecker Bote und Zonic sind schon am Markt.
Die erste Ausgabe von KLK/\USGABE ist sozusagen noch druckfrisch. Sie ist für 4 Euro im Buchhandel und übers Internet über http://www.kunstleutekunst.org zu haben. …
Die Mehrheit der Autoren kommt nicht aus Vorpommern. Viele, wie Tobias Falberg aus Nürnberg oder der Berliner Martin Jankowski, leben zumindest teilweise von ihrer Kunst. Mit dem 25-jährigen Simon Froehling ist ein Schweizer dabei.

(*“KLK“ darin steht für Kunst, Leute, Kunst – früher Braun das. Bisher erschienen als Beilage der Jugendzeitschrift Likedeeler). Zur Premiere im Falladahaus lasen u.a. Martin Jankowski und Richard Rocholl. Im Anschluß zog das Publikum ein paar hundert Meter weiter ins „IKUWO“ zum ersten Greifswalder poetry slam (Fortsetzung für Januar angekündigt)).

Tom Schulz

Über El Salvador im November 1989 schreibt Tom Schulz, junge Welt 20.12.03.

Tom Schulz wurde 1970 in der Oberlausitz geboren. Er wuchs auf in Ostberlin und lebt im Friedrichshain, z. Zt. als »vom Arbeitsamt geförderter Autor«. Er schreibt Gedichte, Prosa, Kritiken und Glossen in Zeitungen und Zeitschriften. Im Januar 2004 erscheint der Gedichtband: »Abends im Lidl« beim Kölner krash verlag

Selbstzitat à propos: Der Fall Anders

Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das „Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen.“ (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). („Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!“)

Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise („Beamte traf ich, aber keine Menschen!“). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: „sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht „auf dem land“ [sic] aus: laut u. luise wegzulassen.“ Die überwiesene Summe: DM 3,24 (OE S 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): „Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.“
Ein Fall Anders? Oh nein. Eher ein Fall Deutschland; ein Fall Literaturbetrieb. / Michael Gratz, in: Wiecker Bote 27-29/ 1999.

Richard Anders erhielt 1998 als erster Preisträger den in Greifswald verliehenen Wolfgang-Koeppen-Preis. Zuletzt erschienen:

Anders, Richard
Marihuana Hypnagogica
Gedichte und Protokolle
(Galrev Druck- u. V.-G.) ISBN 3-933149-30-4

20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A] / 37,00 sFr

Richard Anders: Wolkenlesen.
Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen.
(Wiecker Bote) September 2003 – Taschenbücher – 167 S.
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15,00 EUR
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/ 20.12.03

Kleines Dossier: Mariella Mehr

Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Mariella Mehr. Literaturbetrieb. Rassismus

„Geltungsbedürftig, moralisch schwachsinnig“

«Verstimmbare, haltlose, geltungsbedürftige und moralisch schwachsinnige Psychopathin mit neurotischen Zügen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist.» So lautete 1964 das ärztliche Urteil über Mariella Mehr. Zu Ursache und Therapie formulierten die Mediziner kurz und knapp: «In Erwägung ihrer hereditären Belastung – die Probandin gehört zur dritten Generation einer degenerierten Vagantenfamilie – kann eine dauernde Einweisung in eine Psychiatrische Klinik nicht ausgeschlossen werden.»

Ehrendoktorwürde verliehen

1998 ernannte die Universität Basel die inzwischen mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftstellerin und Theaterautorin Mariella Mehr («Brandzauber», «Daskind») für ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit sowie für ihre Recherchen über die Jenischen zum Ehrendoktor. Ehrendoktor der Basler Universität ist auch der Basler Verleger Thomas Karger. 1968 publizierte sein Verlag einen «Beitrag zur Frage der Psychopathie» mit dem Titel «Nomadentum und Sesshaftigkeit als psychologische und psychopathologische Verhaltensradikale: Psychisches Erbgut oder Umweltsprägung.» Das Werk ist im Sinne der Rassenhygiene und des Rassismus des Dritten Reiches geschrieben und enthält unter anderem Vorschläge zur Zwangssterilisation und zur lebenslänglichen Versorgung in psychiatrischen Kliniken. …

Der Basler Verleger Thomas Karger, der als Kind jüdischer Eltern einst selber aus Berlin fliehen musste, hat sich nie öffentlich von der Dissertation distanziert. Während an der Universität Basel die Ausstellung «Alltag der Jenischen, Sinti und Roma» geöffnet ist (bis zum 5. Dezember 2003), hat sich der heutige Geschäftsführer Steven Karger schriftlich bei Mariella Mehr entschuldigt: «Inzwischen ist es bekannt und öffentlich geworden, dass Benedikt Fontana Ihre Sippe in diesem Artikel diffamiert und mit seinen Thesen Hand zu deren kulturellen und sozialen Zerstörung geboten hat. Der S. Karger Verlag kann für den redaktionellen Inhalt der Zeitschrift («Psychiatrica Clinica», Anm. d. Red.) keine Verantwortung übernehmen, distanziert sich aber in aller Form vom Geist dieses Artikels. Wir teilen sowohl der betroffenen Sippe als auch dem Jenischen Volk in der Schweiz unser aufrichtiges Bedauern mit.»
Zum Inhalt der Dissertation meinte Steven Karger auf Anfrage der «Südostschweiz»: «Ich erlaube mir da kein Urteil, ich bin kein Fachmann. Es war übrigens keine Dissertation, sondern ein ganz normaler Artikel, der vor über dreissig Jahren veröffentlicht wurde. Das war einfach eine andere Zeit damals.» /Willy Näf, Aktion Kinder des Holocaust. Mehr

Mariella Mehr

Geboren 27.12. 47, in Zürich, Schweiz, als Jenische, eine Angehörige des Roma-Volks

Bürgerin von Almens GR und der Stadt Zürich

Nachrichten aus dem Exil / Nevipe andar o exilo
Übersetzung ins Romanes von Rajko Djurić
Autor: Mariella Mehr
112 Seiten
Preis: 197,- ATS
Klagenfurt/Celovec: Drava Verlag, 1998

Übersetzt wurden die Gedichte ins Romanes von dem in Deutschland lebenden Rom Rajko Durić. So wurde auch der Autorin Mehr ein Stück Eigenes zurückgegeben.

Thomas Huonker: Wahnsinn und Wahrheit. Zur literarischen Leistung Mariella Mehrs. In: Mariella Mehr. Kinder der Landstrasse. Zytglogge Verlag, Bern 1987, pp. 134-153

Aus „Nachrichten aus dem Exil“, Gedichte von Mariella Mehr

Kein Meer lag uns zu Füßen,
im Gegenteil, wir sind ihm
mit knapper Not entgangen, als
uns – kein Unglück, sagt man, kommt allein –
der stählerne Himmel ans Herz fesselte.
Umsonst haben wir an den Schädelstätten
um unsere Mütter geweint,
und tote Kinder mit Mandelblüten bedeckt.
sie zu wärmen im Schlaf, dem langen.
In schwarzen Nächten sät man uns aus
um dann, in den Morgenstunden,
die Erde von uns Nachgeborenen leerzufegen.
Noch im Schlaf such‘ ich Dir Wildkraut und Minze;
Fall ab, Auge, sage ich zu Dir,
und daß Du nie in ihre Gesichter sehen sollst,
wenn ihre Hände zu Stein werden.
Darum das Wildkraut, die Minze.
Sie liegen Dir still auf der Stirn,
wenn die Mäher kommen.
Für alle Roma, Sinti und Jenischen,
für alle Jüdinnen und Juden,
für die Ermordeten von gestern und die von morgen.

Übersetzung ins Romanes: Rajko Djuric

0 dorav naj sas paša mare punre,
amen leske naklam,
sar phenol pe,
– ni jek bibaht kokoro ni resel –
o sastruno devel pe amare ile pelo.

Gote kaj si e šere nange, ivjake

amen amare dajenge rujam

thaj e mule chaven e mandeleske patrenca uchardam,

te tataras len, an sajekutno suno.

An kale raca chuden amen

thaj napal an detharinake sahata

e phuv amendar, nevebijandendar cuci meken.

An suno rodav tuke vošenge cara thaj menta rupuni;

te trebela, jakha, me vakarav tuke,

nikana an lengo cham te na dikhes,

te lenge vasta bara kerdona.

Godoleske e vošenge cara, e menta.

Von pe co cikat pašljon,

kana e aindzara resena.

Sa e Romenge, Sintenge thaj Jenischenge, sa e Judenge,

save si mudarde arati thaj save tajsa avena mudarde.

weitere Gedichtbände:

„in diesen traum schlendert ein roter Findling“, Gedichte, Zytglogge, Gümligen, 1983

„Widerwelten“, Gedichte, 2-sprachig, Drava Verlag, Klagenfurt, 2001

„Im Sternbild des Wolfes“, Gedichte, Drava Verlag, Klagenfurt, 2003

Über Mariella Mehr:

Elementarereignisse und grosse Kunst – die Gedichte der „Widerwelten“ sind beides in einem.

Kurt Marti 2001

Wislawa Szymborska und Mariella Mehr sind die bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart!

Dr. Michaela Lehner vom ORF im Gespräch mit Dr. Helga Mracnikar

Mariella Mehr gehört zweifellos zu den sprachmächtigsten Autorinnen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Sie schreibt eine lyrisch verdichtete Prosa; in ihrer Lyrik dagegen neigt sie zu einer verschwenderischen, barocken Bilderpracht …

(Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung)

Die Schriftstellerin Mariella Mehr, 1947 in der vermeintlich neutralen Schweiz geboren, ist zu jung für die Schublade der Opfermehrheiten Jüdin, Roma, Sinti; … kann weder Partisanen- noch Nazitochter sein. Mariella Mehr entstammt weder dem Zugriffszeitraum noch dem Zugriffsgebiet des Faschismus. Und doch ist sie Teil jener Kommune, die sich heute, nach dem Abschluss des Jahrhunderts der Totalitarismen, vergeblich an den Wunsch klammert, endlich als Menschen wie du und ich betrachtet zu werden.

Martin Droschke, PNN 27.4.02

Links: Website der Autorin / Lexikon deutschsprachige Schweiz / Nobelpreis für Mariella Mehr. Schmähschrift / Gespräch mit Rajko Djuric (Die Literatur der Sinti und Roma)

/ 20.12.03