Einen Platz in der Geschichte der New Yorker Avantgarde zwischen 1913 und 1923 hat Elsa von Freytag–Loringhoven (1874 bis 1927), geb. Plötz, geschiedene Endell und geschiedene Greve, auf jeden Fall verdient. Irene Gammel, eine deutschstämmige Literaturwissenschaftlerin, die seit langem in Kanada lehrt, hat mit einer Begeisterung, die dem wunderbaren Wahnsinn der „Baroness“ kongenial ist, das ganze Leben, Lieben, Dichten & Trachten dieser Volkskünstlerin erforscht, so weit überhaupt möglich dokumentiert und, vielleicht allzu großzügig, nach dem Muster der verkannten weiblichen Künstlerin in einer Männerwelt gedeutet. Ausdrücklich hervorgehoben werden muss in diesen harten Zeiten der Knickrigkeit und der Risikovermeidung auch das Engagement der Verlegerin Brigitte Ebersbach, die das Buch nicht bloß übersetzen ließ, sondern ihm darüber hinaus auch eine so luxuriöse Ausstattung genehmigte, dass es zu einem Schmuckstück jeder Büchersammlung taugt. / Katharina Rutschky, FR 31.12.
Irene Gammel: „Die Dada Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag–Loringhoven.“ Aus dem Amerikanischen von Claudia Kotte. edition ebersbach, Berlin 2003, 256 Seiten, 34 Euro.
Die lateinische „Crux“ bedeutet laut Duden nicht nur Kummer und Schwierigkeit, sondern auch „unerklärte Textstelle“, „unlösbare Frage“. Für ein Buch von Elke Erb, deren Lyrik stets mit dem Vorwurf hermetischer Unverständlichkeit konfrontiert war, ist das ein nicht ohne Ironie gewählter Titel. Die unerklärte Textstelle, um die es in „Die Crux“ geht, ist nichts Geringeres als das eigene Ich, das sich redend, räsonierend und reflektierend konstituiert. Dieses Ich ist nichts als Sprache. Es entsteht im Text. Elke Erb, Mentorin der anderen, inoffiziellen DDR-Lyrik, die nicht ideologisch, sondern wort-materialistisch orientiert war, reagiert auf alles, was ihr widerfährt, unmittelbar sprachlich. Poesie ist für sie eine Form von Erkenntnis, ein Experiment mit ungewissem Ausgang, stets betrieben mit dem Risiko, daß sie ins Leere führt. / Jörg Magenau, FAZ 31.12.03
Elke Erb: „Die Crux“. Urs Engeler Edition, Basel und Weil am Rhein 2003. 132 S., geb., 17,- [Euro].
As the last graduate student of prestigious poet and scholar Bian Zhilin, Qiu was a promising colleague before he went to the United States for further scholarly study in 1988.
Fans of 1980s Chinese poetry are also familiar with Qiu’s name. A writer with a poetical temperament and possessing a profound understanding of both Chinese and English, Qiu has made many beautiful translations of the works of Western modernist poets, especially those of William Butler Yeats, T. S. Eliot and the American Imagists.
Of comfort to his older fans is the fact Qiu has never wavered in his devotion to poetry. „I have never stopped writing and translating poems all these years,“ said the 50-year-old Qiu, who now teaches Chinese literature at Washington University in St. Louis, Missouri. / China daily 31.12.03
Vor genau 3 Jahren beschloß ich, die von mir seit ein paar Wochen ins Netz gestellten wechselnden Lyriknachrichten nun in monatlichen Ausgaben zu speichern. Nun runden sich inzwischen 35 Monatsdossiers – auch wenn die meisten Links inzwischen ungültig sein mögen, ein großes Archiv der Poesie, vielstimmig und multilingual. (Nach der kürzlich erfolgten Neugestaltung der Website werden die archivierten Seiten nach und nach wieder zugänglich.)
Mit der letzten Lyrikpost am letzten Tag des Jahres (der ich wegen des Umfangs und des Jubiläums-Anlasses eine Doppelnummer gab) lege ich letzten aktuellen Nachrichten einiges Liegengebliebene bei. So ergibt sich von selbst ein Rückblickcharakter und nebenbei genug Programmatisches (mir liebe Autoren, Themen, Idiome, Sprünge etc.).
Ich wünsche allen Abonnenten [und, ´tschuldigung: für diesmal einigen Nichtabonnenten als Gruß] einen besinnlichen Jahreswechsel (gehabt zu haben) und mir – bleiben Sie meiner Arbeit auch im nächsten Jahr gewogen!
Greifswald, 31.12.2003
Michael Gratz
Es ist erstaunlich: Bislang ist ein Thema fast ganz ausgespart worden, obwohl es dem Kopftuch wahrlich am nächsten liegt: Das Haar. Das Kopftuch ist in aller Munde, vom Haar redet niemand. Dabei stellen wir fest, dass die europäische Kultur und das Haar fast Synonyme sind. Mit der Geburt der (geschrieben überlieferten) Poesie ist auch das Haar geboren: Bei Archilochos, bei Sappho. Im Hohelied Salomos wird das Haar besungen (»Dein Kopf auf dir/ wie der Karmel/ und das offene Haar deines Kopfes/ wie Purpur-/ ein König ist verstrickt ins Gelock«, VII 6 oder: »Dein Haar/ wie eine Herde Ziegen/ die herabwogen vom Gil’ad«, IV 1, Übersetzung Reichert). Man stelle sich die Freskenmalerei seit Pompei und die Malerei seit Dürer ohne Haar vor. Ist das Buch über das Haar im Film schon geschrieben? Das Haar spielt in der gesamten europäischen Kulturgeschichte eine wichtige Rolle als erotische Metapher mit ihrer Spannweite bis zum Tod (Celan).
Das ist aber nur die eine Hälfte. Die andere: Die erotische Imagination hat sich in dieser europäischen Tradition als öffentliche Kraft etabliert. Eros als Liturgie: Liturgie bedeutete ursprünglich: Der Beitrag der Mitglieder der Gemeinde zum Wohlergehen des Ganzen; man kann es so formulieren: Erotik als öffentlicher Dienst. Aphrodite hat viele Beinamen, aber eben auch diesen: Aphrodite Pandemos: Die dem ganzen (attischen) Volk Gemeinsame. Properz, Catull, Ovid – sie haben geistreich und witzig das Spiel mit erotischen Phantasien gespielt.
Also ist das Kopftuch ein Atavismus. Der Vorstellung, es bedürfe des Kopftuches als Zeichen der »sexuellen Nichtverfügbarkeit« (BVerfG), liegt aus europäischer Sicht ein Missverständnis zugrunde. Das Haar ist zwar nicht Zeichen der sexuellen Verfügbarkeit, wohl aber der erotischen. Der Schritt zur öffentlichen Darstellung und gleichzeitigen Sublimierung der erotischen persona, den das Altertum nicht erst mit Praxiteles’ Aphrodite von Knidos, der ersten völlig unbekleideten Aphrodite-Skulptur, gemacht hat, ist von den meisten Gesellschaften des Vorderen und Mittleren Orients unter dem Islam nicht mitgegangen worden. In Europa hat das Christentum zeitweise versucht, diese Lebenskraft umzumünzen in fromme Unterwürfigkeit. Die Renaissance hat dem ein Ende gesetzt.
Und zweitens: Die Selbstbestimmung bewährt sich nicht durch Kaschieren des Weiblichen, wofür das Kopftuch steht. Octavio Paz, damals schon 80 Jahre alt, hat in seinem Buch Die doppelte Flamme – Liebe und Erotik nachgezeichnet, dass die Emanzipation der Frau im hellenistischen Griechenland, im Rom der Antike, in der Zeit der höfischen Liebe stets ein subversiver Akt, eine Häresie war, die mit freierem Leben der Frau und mit unverhohlenem Selbstbekenntnis zur Weiblichkeit einherging. Übrigens spielte dabei die arabische Form der cortesia, die die Kreuzzügler in Spanien kennen gelernt haben, eine besonders fruchtbare Rolle (Paz, 97 f.).
Ganz ohne Häme: Lassen wir Frau Ludin (mit Kopftuch) unterrichten über die persische und arabische Liebeslyrik der islamischen Zeit. Die Schüler würden entdecken, dass die Augenbraue von großen Poeten des Vorderen und Mittleren Orients in immer neuen und immer kühneren Bildern besungen wurde, von Hafis, von Nezami – genau wie das Haar in Europa. Der winzige Haarstreifen über dem Auge, über dem Eingang zur Seele, genügte, eine Kultur verführerischer Phantasie gedeihen zu lassen und sie öffentlich zu machen. Diese orientalische Poesie lehrt uns: Das Kopftuch ist unzulänglich, es erfüllt seinen Zweck gar nicht. Konsequent ist allein die Burqa.
Alles das sind freilich weder Argumente gegen diese oder jene Frau, die es vorzieht, ihr Haar in der Öffentlichkeit zu bedecken, noch sind es Argumente, das Tragen des Kopftuches im Unterricht zu verbieten. Auch das Verbot des Kopftuchs ist ein Atavismus.
Victor Pfaff, aus: »Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur«, Ausgabe 6/03, Dezember 2003.
Folgen ein paar haarige Stellen aus Hafis – auch wenn sie nicht allemal züchtig verhüllt scheinen (Zusammenstellung M.G.):
Keiner kann sich aus den Banden
Deines Haars befreien,
Ohne Furcht vor der Vergeltung
schleppst du die Verliebten.
(Joseph von Hammer-Purgstall)
O trockn‘ Hafisens Antlitz ab
mit Spitzen deines Haars:
Wo nicht, so bricht der Tränenstrom
des Lebens Bau entzwei.
(Friedrich Rückert)
Bräuten in der Locken Ranken,
denen Schleier, leicht und licht,
Halb nur hüllen den Gedanken,
gleicht, o Hafis, dein Gedicht.
(G. Jacob)
Bei Cyrus Atabay liest sich die gleiche Stelle so:
So wie Hafis weiß es keiner,
heimlichste Gedanken bloß zu legen,
seit die Feder der Rede Scheitel kämmt!
(…)
Von Hafis jedes Härchen
in Händchen eines Liebchens:
Schwer ist es Posto halten
auf solcher Lagerwacht!
(Friedrich Rückert)
Die Veilchen setzt in Verwirrung
ein Lockenwallen von dir,
Und Knospen sprenget ein Lächeln
der Mundkorallen von dir.
(Friedrich Rückert)
Sieh ein Windhauch in die Locken
Hat die Welt für mich verfinstert!
Dieses also ist der Nutzen
den mir deine Locken bringen.
Ruhe hatte sich mein Herz
In dem Netze aufgefangen,
Sieh da rollten auf die Locken,
Und entflohen war die Beute.
Wüßte der Verstand, wie selig
Herzen in den Locken ruhen,
O es würden die Verständ’gen
Unsrer Bande wegen närrisch.
Einen Vers vom Schönheitskoran
Hat mir dein Gesicht enthüllet,
Deshalb atmen meine Verse
Hohe Schönheit, reine Anmut.
(Hammer-Purgstall)
Vor deinem Angesicht
der Mond nicht Schimmer hat;
die Rose keinen Glanz
vor deinen Wangen hat.
Des Herzens Posten sind
Der Augen hohe Brau’n;
Solch einen schönen Ort
kein Fürst und König hat.
…
Hafisen schmähle nicht,
Er liegt anbetend da,
Ein Freigeist in der Lieb‘
Auch keine Sünde hat.
(Hammer-Purgstall)
Ich sprach: »Was ist die Lippe?« Er sprach: »Ein Lebensborn.«
»Dein Mund, was ist er?« sprach ich. Er sprach: »Ein Zuckerkorn.«
Ich sprach: »Das, was du sagtest, sagt eben auch Hafis.«
Er sprach: »Die schönen Geister begegnen sich gewiß.«
(Ritter V. von Rosenzweig-Schwannau)
Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwidern hab ich nichts.
Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Rast ein Ätna dir hervor.
Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.
Schenke her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: Der verbrannte mir.
(N.N.)
Einen Platz in der Geschichte der New Yorker Avantgarde zwischen 1913 und 1923 hat Elsa von Freytag-Loringhoven (1874 bis 1927), geb. Plötz, geschiedene Endell und geschiedene Greve, auf jeden Fall verdient. Irene Gammel, eine deutschstämmige Literaturwissenschaftlerin, die seit langem in Kanada lehrt, hat mit einer Begeisterung, die dem wunderbaren Wahnsinn der „Baroness“ kongenial ist, das ganze Leben, Lieben, Dichten & Trachten dieser Volkskünstlerin erforscht, so weit überhaupt möglich dokumentiert und, vielleicht allzu großzügig, nach dem Muster der verkannten weiblichen Künstlerin in einer Männerwelt gedeutet. Ausdrücklich hervorgehoben werden muss in diesen harten Zeiten der Knickrigkeit und der Risikovermeidung auch das Engagement der Verlegerin Brigitte Ebersbach, die das Buch nicht bloß übersetzen ließ, sondern ihm darüber hinaus auch eine so luxuriöse Ausstattung genehmigte, dass es zu einem Schmuckstück jeder Büchersammlung taugt. / Katharina Rutschky, FR 31.12.03
Irene Gammel: „Die Dada Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven.“ Aus dem Amerikanischen von Claudia Kotte. edition ebersbach, Berlin 2003, 256 Seiten, 34 Euro.
Nicht das Grelle und Schreierische treibt Elena Guro um, sondern das verhalten Blühende und Glühende, sanft Erkannte. Gegenstände werden beseelt, mit Regungen und Organen ausgestattet. «Die Berührungen der Luftfinger. Die Stuhllehnen lächeln.» Der Tag buckelt und bekommt Schultern. Vermenschlichung heisst das wohl, gemeint ist die Durchdringung mit energischem Gefühl. Das Adjektiv «zart/zärtlich» kehrt in vielen Sätzen wieder, in denen ein bezaubernder leichter Irrsinn webt. «Rückkehr, Tee in zärtlichen Dämmerungen. Ihre Zukunft, ihre Träume – zärtlich, zärtlich rieseln sie durch die Dinge auf den Erlös.»
Selbst die Zukunft, der künftige grosse Fetisch der Futuristen, bekommt hier ein ungewohntes weibliches Attribut. Guro skizziert und inszeniert eine leuchtende zarte Zukunft. Sie war 1912 Mitunterzeichnerin futuristischer Manifeste. Auch sie wollte eine «Befreiung des Wortes» aus der Versklavung durch den Gebrauch. Und gleichzeitig propagierte sie eine Poesie des Unbeschuhten, Schlichten, eine Barfüsser-Poesie: «Alle Dichter, Schöpfer künftiger Zeichen, haben barfuss zu gehen, solange die Erde sommerlich ist. Unsere Füsse sind noch unschuldig und unberührt, und werden am ehesten entzückt sein.» … Vielleicht hätte der Männerverein der Futuristen besser hinhören sollen. / Ralph Dutli, NZZ 31.12.03
Elena Guro: Lieder der Stadt. Prosa und Zeichnungen. Aus dem Russischen und mit einem Vorwort von Peter Urban. Friedenauer Presse, Berlin 2003. 32 S., Fr. 17.10.
SWR-Bestenliste: Persönliche Empfehlung im Januar
von Caroline Neubaur (Berlin):
Blaueule Leid
Bukowina 1940 – 1944
Eine Anthologie. Herausgegeben von Bernhard Albers.
Rimbaud Verlag, € 22,00
/ 31.12.03
Im Januar erreichte mich folgende Mail:
Liebe Welt,
heute, am 26. Januar 2003, startet das Internetkulturmagazin satt.org – der bunte Zauberwürfel mit mehr als sechs Seiten – die Gedichtanthologie Lyrik.Log. Die vom Berliner Dichter Ron Winkler herausgegebene Lyriksammlung präsentiert jede Woche jeweils ein Gedicht eines zeitgenössischen Autors (samt kurzen biographischen Angaben). Beiträge zugesagt haben bislang unter anderem Frans Budé (NL), Gerhard Falkner, Hartwig Mauritz (NL), Bert Papenfuß und Maren Ruben. Bei den Gedichten handelt es sich größtenteils um deutschsprachige Erstveröffentlichungen. Selbstverständlich werden bei Übersetzungen auch die Gedichte in der Originalsprache mitveröffentlicht.
Herausgeber Ron Winkler verbindet mit dem Projekt folgende Ziele:
„Lyrik.Log wird zunächst für einen Zeitraum von einem halben Jahr versuchen, die Vielgestaltigkeit der Poesie zu beweisen. Wöchentlich mit einem weiteren Gedicht angereichert, ist die so wachsende Anthologie ein Pulsschlag des zeitgenössischen Gedichts und Fingerzeig auf dessen Inhalte, Energien und
Potenziale. Lyrik.Log ignoriert Generationszeiträume, Altersstufen und Szenegrenzen, um eine möglichst weit gespannte Galerie der Gedichte aufzuspannen und Nachricht zu
geben vom Entwicklungsstand der ältesten literarischen Gattung.“
Lyrik.Log wird jeden Sonntag aktualisiert. Ein übersichtliches Archivsystem bietet einen einfachen und schnellen Zugriff auf alle zurückliegenden Eintragungen. Die erste Folge von Lyrik.Log stammt von dem in Berlin lebenden Dichter Andreas Altmann. Bitte vermerken Sie als Bookmark
<http://www.satt.org/lyrik-log/>.
Das Internetmagazin satt.org (täglich über 1.000 Besucher) freut sich über Hinweise, Ankündigungen, Anregungen und Kritik. Wir sind an Austauschlinks und längerfristigen Partnerschaften interessiert, ebenso an neuen Mitarbeitern und
Beiträgen.
Ein Klick auf den obigen Link zeigt, daß die Seite immer noch funktioniert (und jede Woche Neues bringt). Gratulation!
Hier ein paar weitere – willkürliche – Links zu Lyrikveröffentlichungen im www:
Magnus Carlbring, Schweden (Titel-Magazin)
Arno Holz: Brücke zum Zoo (Rolf Schneiders Berliner Anthologie, Morgenpost 28.12.03)
Bastian Böttcher: Sommersonne (mit MP3) – Titel-Magazin
PoemHunter Poem of the day
Was sind wir Menschen doch… (Gernhardt) – SZ 31.12.03
bewundern koennen ist auch ein talent: Claudia Grinell
Lawrence Ferlinghetti , 4 poems Exquisaite Corpse 12
„alles kunst is verboten here“. Poem by Jose Torres Tama. Exquisite Corpse 12
Am 18. Februar 1895 hinterließ Queensberry in Wildes Club eine an diesen adressierte Visitenkarte mit dem handschriftlichen Vermerk: „Für Oscar Wilde, den posierenden Somdomiten“ (For Oscar Wilde posing Somdomite), und schon der Schreibfehler teilt etwas mit von der Ungeheuerlichkeit jener Liebe, die, einer Gedichtzeile Bosies zufolge, „ihren Namen nie zu nennen wagt“. Unter Bosies kindlich wütendem Einfluss beging Wilde den Fehler, die Karte nicht zu ignorieren und in den Kamin zu werfen, wie ihm besonnenere Ratgeber nahe legten, sondern er strengte ein Beleidigungsverfahren gegen Queensberry an.
Es wurde zum Auftakt jener zwei Kriminalprozesse, in denen Wildes Lebenswandel, aber auch seine Literatur durchleuchtet wurden und die ihm zweijährige Haft mit Zwangsarbeit, die Zerstörung seines Rufes, seiner Gesundheit und den frühen Tod im Jahre 1900 eintrugen. …
So erhielt Carson die Gelegenheit, Wildesche Gedichte und vor allem den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ ausführlich durchzukauen. Parfümierte Anreden („.. dass Deine roten Rosenblätterlippen für die Melodie von Liedern so gut beschaffen sind wie für die Raserei von Küssen…“) und zynische Sentenzen („So etwas wie ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt es nicht“) wanderten durch den Gerichtssaal, von Carson angemessen trocken intoniert. / Gustav Seibt, SZ 30.12.03
MERLIN HOLLAND: Oscar Wilde im Kreuzverhör. Die erste vollständige Niederschrift des Queensberry-Prozesses. Aus dem Englischen von Henning Thies. Karl Blessing Verlag, München 2003. 461 Seiten, 22 Euro.
Das enge Korsett nimmt Bruhins Versen nicht die Luft, im Gegenteil. Trotz (oder gerade wegen) ihrer strengen Buchstäblichkeit können seine Palindrome verblüffende Sinneffekte freisetzen; sie wollen uns nichts «sagen», was sich auch anders sagen liesse, und darin besteht ihr Charme. Sie laden ein zur Sinnfindung, sie stellen Wörter und Sätze in ein anderes, gänzlich ungewohntes Licht und stiften damit Aussagen, die letztlich immer wieder mit einem Seitenblick auf die Launen der Sprache verweisen.
Beim sprachlichen Kreisverkehr lässt Bruhin es nicht bewenden. Die Wendelesbarkeit versetzt er mit weiteren lyrischen Mitteln, er spielt mit Alliterationen, mit Anaphern, mit Reimen, er riskiert Metaphern. Er baut damit, technisch gesprochen, eine Fülle von weiteren Hürden ein – und verknüpft diese mit einem weit gespannten Fächer von Themen und Motiven. /Martin Zingg, NZZ 30.12.03
Anton Bruhin: Spiegelgedichte und weitere Palindrome 1991-2002. Urs Engeler Editor, Basel 2003. 179 S., Fr. 39.-.
Links:
Anton Bruhin, Maultrommel, Maultrommler, Trümpi (mit mp3-Hörbeispiel)
Anton Bruhin bei Urs Engeler
UBUWEB :: Anton Bruhin –
tember gordas – Anton Bruhin
Palindromreihe (Auszug)
Purist Sirup.
Pur ist Sirup.
Purismus um Sirup.
Pur ist so Mostsirup.
Purist: Tat statt Sirup.
Pur ist Saft, fast Sirup.
Purist, Rhesus ehrt Sirup.
Purist legere regelt Sirup.
Purist heisses sieht: Sirup.
Purist siede, jede ist Sirup.
Purist für Pleuel prüft Sirup.
Purist fies nie einseift Sirup.
Purist sei los. So, liest Sirup.
Purist sei leise; sie liest Sirup.
Pur ist Atheist; sieh Tat, Sirup.
Purist hielt Aas; Saat leiht Sirup.
Purist hielt Fass Saft, leiht Sirup.
Purist lief, funkt Knuff, eilt Sirup.
Purist helfe, sie leise fleht «Sirup».
Purist leiht Sirup; Purist hielt Sirup.
Purist filteret; toll lotteret Lift. Sirup.
Pur ist rein. Eglisau-Asil geniert Sirup.
Purist hielt Forelle; Teller oft leiht Sirup.
Purist reitet per Nil-Eselin; reptetiert Sirup.
Purist gärt. Praege: Art traege Arp trägt Sirup.
Anton Bruhin in ZdZ 21
Für Quereinsteiger: Zur Hauptseite von Urs Engeler Editor
Eine neue Meldung, aber dennoch rückblickhaft: zum ’nten Mal „Lyrik von jetzt“:
Dass sich oft der Eindruck narzisstischer Kleinfixierung auf naheliegende Erlebnisgegenstände bei hochreflektierter Affektsteuerung aufdrängt, verfestigt den durch Ausnahmen wie stets zu bestätigenden Anschein, es hier mit einer Generation der „Jungen Milden“ zu tun zu haben. Sie beherrschen passabel das Vershandwerk und die geläufigen Tricks der Branche, etwa aphorismusnahe Sequenzen zu generieren oder Gesten ironischer understatements vorzuführen. … Die neuen Lyrikerinnen und Lyriker haben in der Regel Geisteswissenschaftliches studiert, leben überwiegend in größeren Städten, sind dank Internet vernetzt und lesen vorzugsweise vor einer wachsenden Fangemeinde in Clubs und hier vor allem in Berlin. Man sieht es vielen Texten an, dass sie für die Augenblicksaufmerksamkeit einer Zuhörergemeinde geschrieben worden sind. … Die notwendig ableitbare Verunsicherung, sich mit „Welt“ außerhalb der Sehweite des sprechenden Ich ins Vernehmen zu setzen, ist überdeutlich. Wo es ausnahmsweise versucht wird, so bei Tom Schulz, Ron Winkler, Sabine Scho oder Thilo Schmid, stoßen sich die Gedichte an mainstream-kompatiblen Geschichtsbildern und machen neugierig. Besänftigt werde ich auch durch die Gedichte unübersehbarer Talente, die den Mut haben zu Bilderwucht und einem „Schadenzauber“ (Jörg Schieke), der das Magische taktil hält und den Leser anfasst: Thomas Kunst, Christian Lehnert, Kersten Flenter, Uwe Tellkamp, Monika Rinck sind hier hervorzuheben, gleichfalls die kunstvoll-giftigen Gedichte von Johannes Jansen, auch wenn sie schon fünfzehn Jahre auf dem Buckel haben und eigentlich nicht in eine „Jetzt“-Anthologie gehören. / Peter Geist, SZ 29.12.03
BJÖRN KUHLIGK, JAN WAGNER (HRSG): Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen mit einem Vorwort von Gerhard Falkner. DuMont Verlag, Köln 2003. 422 Seiten, 14,90 Euro.
Mathematik auch hier, bei Dylan Thomas – ein wenig anders:
Here we go again: the early lyrical brilliance in suburban Swansea – „the Rimbaud of Cwmdonkin Drive“, he called himself; the drink, from the start – by the time he was 20 he was on a pint of bitter for each of his years every day; the descent upon Soho and Fitzrovia, and the marriage to someone drunker even than he – Dylan and Caitlin, begetters and prophets of Sid and Nancy; their long binge, blurred and doomed, of cadging, gatecrashing, drinking, drugging and sex; the squalid seaside idyll in Wales; the orgiastic buffoonery in America; the swansong of Under Milk Wood; the death at the Chelsea Hotel, aged 39.
Lyric poets are like mathematicians, and tend to have done by their mid-twenties. / The Telegraph 28.12.03
Dylan Thomas: a New Life
Author: Andrew Lycett
434pp, Weidenfeld and Nicolson, £20
ISBN 0297607936
Anglo-Ägyptisches hier:
Azza Kararah remembers British poet and critic D J Enright, her former teacher at Alexandria University, whose first book, Season Ticket, was published in Alexandria in 1948.
/ 24.12.03
Of course, it is an exaggeration to make Creeley responsible for either the virtues or the faults of modern poetry, but he did teach, in the early ’50s, at Black Mountain College, a highly influential, experimental centre for artists in the hills of North Carolina, and he did edit the Black Mountain Review, which published a lot of avant-garde American poets, such as Allen Ginsberg, Denise Levertov and Charles Olson. He and Olson also did formulate theories of poetry that were pretty radical, including the notion that poets should shape their poems according to the rhythms of their breathing and speech. And he has written verse that is among the most demanding of our age. But in the latest of his many collections of poetry, If I Were Writing This, Creeley also demonstrates that, among other things, he has a clear voice that communicates unmistakeable feeling. / Toronto Star 24.12.03
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