Der immer noch als einziger im Buchhandel erhältliche Gedichtband „JeDaZeitBereit“ von Tom de Toys stammt von 1993 und ist damals im Claus Richter Verlag seines Kunsttherapie-Professors Peter Rech erschienen. Für die von 21 auf 33 Gedichte erweiterte Neuauflage des vergriffenen Folgewerkes „ÜBERWELTIGUNG“ (Erstauflage im Bochumer Vapet-Verlag 1999) suchen wir nun dringend einen neuen Herausgeber. Es handelt sich um eine programmatische Auswahl „Direkter Dichtung“, die von den Scheuklappen des germanistischen Establishments ignoriert wird. Selbst Robert Schindel sprach sich in einem Aufsatz sogar offensiv gegen das (leider mißverstandene) allzu „direkte“ Moment aus – unsere verklemmt-verbissenen Formfanatiker verstecken sich gut hinter ihren METAPHERNMASKEN, und die 70er-Jungautoren schreiben fleißig ab: mangels eigener Lebensphilosophie werden pathetische Hohlformeln reaktiviert und neue austauschbare Variationen hinzugefügt. Das nennt man dann wohl im „Kanon“ der Literatur singen: der offizielle deutsche Dichterchor ist ein lausiger Schildbürgerstreich!!! Doch die Leichtgläubigkeit des Lesers wird überschätzt, unter der Hand wird schon immer der eigentliche „Unterstrom“ (vgl. Toussaint & Töske) gehandelt – es brodelt und gärt aus dem Off… / Tom de Toys (Neuropoelitiker) 20.12.03
Vorzüglich kommentiert ist auch die Auswahl Christoph Michels aus Herders Sammlung von Volksliedern. So schildert der Herausgeber Herders Mühen bei der Übersetzung des „Ännchen von Tharau“. Der Kommentar kontrastiert das Original in preußischem Plattdeutsch („Anke van Tharaw öß, de my geföllt / Se öß mihn Leven, mihn Goet ön mihn Gölt. // Anke van Tharaw heft wedder eer Hart / Op my geröchtet ön Löw‘ on ön Schmart.“) und zitiert Herder: Das Lied „hat sehr verloren, da ich’s aus seinem treuherzigen, starken, naiven Volksdialekt ins liebe Hochdeutsch habe verpflanzen müssen“. Neben alten und veränderten Texten – so etwa Goethes „Erlkönig“, einer gegenüber der dänischen Vorlage weitgehend neu gedichteten Ballade – stehen Texte, die gerade erst entstanden waren, wie das immer wieder vertonte „Abendlied“ von Matthias Claudius, mit dem Herder auch seine Vorliebe zu den Büchern des Alten Testaments teilte.
„Kein Buch des Alten Testaments ist gemisshandelter worden als das so genannte Hohelied Salomons. Man weiß, bei seinem klarem Wortverstande, nicht, was man daraus zu machen habe, hat Allegorie, Mystik, zuletzt Zoten und Liebesränke darüber geschüttet – und das alles aus lauter lieber Heiligkeit – es steht ja in der Bibel!“ So umriss Johann Gottfried Herder das Unverständnis, auf welches das Lied der Lieder weithin stieß, das er 1778 in neuer Übertragung herausbrachte. Seiner Edition fügte er eine von Regine Otto in „Lieder der Liebe“erfreulicherweise ebenfalls abgedruckte kleine Geschichte der Übersetzungen dieses biblischen Buches an, in der er auch eine Reihe von mittelhochdeutschen Übersetzungen aus „alten Minneliedern“ mitteilte, die mit dem Text, der damals nur aus der lateinischen Vulgata bekannt war, viel unbefangener umgegangen sind als die allegorischen Auslegungen der Theologen. / Hans-Albrecht Koch, Die Welt 20.12.03
Johann Gottfried Herder: Lasst in die Herzen sie dringen. Volkslieder. Insel, Frankfurt/M. 121 S., 12,80 EUR. Lieder der Liebe. Manesse, Zürich. 174 S., 12,90 EUR.
Vgl. auch Bernhard Rothen, NZZ 20.12.03, über die neudeutsche Bibel.
Kein Droste(Wiglaf) ohne Bier(mann), bitte sehr:
Wo [F.W.] Bernstein hindichtet, da wächst kein Kitsch mehr, kein Schwurbel, keine Angeberei, kein Bier- und kein Eppelmann. Wer es beklagt, dass diese Welt viel Dummheit mit sich schleppt / Der lese Bernstein – und wird kompetent entdeppt.
taz Nr. 7238 vom 19.12.2003, Seite 20, 105 Zeilen (Kommentar), WIGLAF DROSTE
In der NZZ vom 19.12.03 schreibt der in Deutschland lebende Exiliraker Khalid al-Maaly, wie er die Nachricht vom Tod des irakischen Diktators erlebte:
Bei einigen Menschen war die Freude nicht zu übersehen. Andere waren offensichtlich nicht erfreut. Die Iraker in den Emiraten verstecken sich nicht mehr. Sie haben auch keine Angst mehr voreinander. Sie sind wieder normale Menschen. Die Verhaftung von Saddam hat allerdings bei einigen Arabern die Frustration noch verstärkt. Für sie bleibt er der personifizierte Traum vom übernatürlichen arabischen Helden. Nun werfen sie den Irakern Verrat an dieser Ikone vor.
In einem seiner bisher letzten Bücher, Hinab Hinab von 1998, steht das Gedicht Die Dichtung brennt, das die Frage nach dem Sinn von Poesie angesichts des Krieges stellt. „Das Feuer setzt Satzzeichen. / Das flinke Feuer mit verkohlten Augen / blättert die Blätter mit Flammenfingern. // (… Es brennen die Rosen in umfriedeten Gärten. / Es brennen die Spelunken, die Stäbe der Minarette brechen. / Die Kirchen brennen / Im Feuer die verkohlte Frage: / Was ist ein Gedicht.“ Die Strophe ist zu Ende, keine Antwort, es folgt: „Es brennen alle auf einmal in Brand gesteckten Gesichter der Uhren. / Vergangene Zeit, kommende Zeit / schwirren aus den Flammen der Jetztzeit. / Auf die Frage: Was ist der Tod, / tropft Blut / aus der Todeswunde des gerade Geborenen.“ Blut ist hier keine Metapher. / Hans-Peter Kunisch, Die Zeit 52/2003
Dane Zajc: Hinter den Übergängen
Gedichte u. Stimmen, teils zweisprachig; aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner; Nachwort von Ales Steger; enthält CD, gesprochen und gesungen von Dane Zajc und Janez Skof; Klett-Cotta, Stuttgart 2003; 144 S., 22,50 EURO
Grasnick gönnt dem Leser den Canaletto-Blick über Pirnas Marktplatz, lässt ihn das Ablegen eines Elbdampfers im Frühnebel miterleben und ist sich gewiss: „Ich komme zum Fels,/weiß, er steht dort,/wo ich ihn verließ“. / BLZ 18.12.03
Ulrich Grasnick/S. Friedemann: Fels ohne Eile. Lesebühne der Kulturen Karlshorst 2003. Limitierte Auflage. 110 S., 20 Euro, mit Originalgrafik 40 Euro. Bestellen über 5548 7592 oder 4404 3421(Atelier Hartwig).
Der Lyriker Dan Pagis dürfte hierzulande nur wenigen bekannt sein. 1930 in Radautz (Bukowina) geboren, durchlitt Pagis als Kind die Shoah, wanderte als Siebzehnjähriger nach Palästina ein, lernte Hebräisch – wurde Lehrer und später Professor für mittelalterliche hebräische Dichtung in Jerusalem, Harvard und Berkeley.
Pagis‘ Gedichte sind gedankenreiche, in ihrer Tiefgründigkeit «tageshelle» Deklinationen des Schweigens: Sie rühren an Unberührtes, sie schauen aus dem Nicht-mehr ins Noch-nicht, aus dem Tod ins Leben, aus dem Raum in die Zeit. So überwach, so geklärt und so durchleuchtet von Abgrund ist diese Dichtung, dass ihr Leser, will er sie denkend mitvollziehen, zu ihrem Mitschöpfer werden muss.
Der misstrauischste Blitz im Auge der Katze sehnt sich in der stechendsten Sekunde, ich zu sein. (…)
Kurt Kreiler, NZZ 16.12.03 über
Dan Pagis: An beiden Ufern der Zeit. Ausgewählte Gedichte und Prosa. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Straelener Manuskripte, Straelen 2003. 128 S., Fr. 46.40.
Poetry rarely makes the front page of The Wall Street Journal, but throw in 100 million bucks and the newspaper starts to get interested. Last Monday it ran a story about Poetry magazine, a 90-year-old institution in the world of American letters, receiving just such a sum from one Ruth E. Lilly, the drug company heiress.
So beginnt Philipp Marchand einen Aufsatz im Toronto Star vom 16.12.03 Sein Artikel schließt messerscharf:
We need critics, first of all, who can tell good verse from bad, and who then can act as collaborators with poets, guiding the reading public through the wilderness of various forms and pointing to the genuine triumphs of language that some poets have wrought. Until we get such critics, the audience of poets will remain almost entirely other poets.
Toby Litt, a novelist from London, was adjusting the shape of his mouth to get the right pronunciation of hua fei hua? the Chinese phrase for „a flower is not a flower.“ He had just learned it from Chinese poet Ye Yanbin. / Bericht über eine Chinareise britischer Autoren in China Daily 13.12.03
Renowned Palestinian poet Fadwa Toukan, known as the „Poet of Palestine,“ died Friday at her home in Nablus. She was 86.
Toukan, whose poems have been translated into English and Farsi, was famous for her poetry depicting the suffering of the Palestinian people living under occupation.
She was also an avid promoter of woman’s rights and through her poetry, reflected the hardships faced by women in the male-dominated Arab world. / Jerusalem Post 13.12.03
Links: „I Found It.“ Modern Arabic Poetry / Gedicht: „A life“ / The vision of Henry /
[viele Links in diversen Sprachen bei Google! – aber auf Deutsch?]
Vertreten in den Anthologien: Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker (Hg. Annemarie Schimmel) Eugen Diederichs 1987 / Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute (Khalid al-Maaly) Das Arabische Buch 2000
Hier eins ihrer Gedichte über Palästina:
Enough for me to die on her earth
be buried in her
to melt and vanish into her soil
then sprout forth as a flower
played with by a child from my country.
Enough for me to remain
in my country’s embrace
to be in her close as a handful of dust
a sprig of grass
a flower.
In seinem 1962 veröffentlichten Lyrikband Schattenland Ströme ließ Johannes Bobrowski drei Gedichte aufeinander folgen, von denen jedes einer jüdischen Dichterin gewidmet ist. Eines von ihnen richtete sich an die 1940 nach Schweden emigrierte und von da an in Stockholm lebende Nelly Sachs, ein anderes an Else Lasker-Schüler. Das dritte Gedicht ist mit „Gertrud Kolmar“ überschrieben und endet mit den Zeilen: „Wenn ich deiner gedächte:/ Vor die Buche trat ich,/ ich hab befohlen der Elster:/ Schweig, es kommen, die hier/ waren – wenn ich gedächte:/ Wir werden nicht sterben, wir werden/ mit Türmen gegürtet sein?“ Bobrowski gedenkt der einzigen der drei Lyrikerinnen, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen war und ihr 1943 in Ausschwitz zum Opfer fiel, mit einer Sprache, die „rostig von Blut“ ist – und indem er in der letzten Zeile fast wortwörtlich aus ihrem Gedicht „Die Jüdin“ zitiert, aus dessen Auftaktversen: „Ich bin fremd.// Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,/ Will ich mit Türmen gegürtet sein,/ Die steile, steingraue Mützen tragen/ In Wolken hinein.“ / Jan Wagner, FR 13.12.03
Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Herausgegeben von Regina Nörtemann.Wallstein Verlag, Göttingen 2003. Drei Bände, 1248 Seiten, 98 Euro.
Im Netz: Kolmar-Seite Falkensee / orte. Kontextverlag / Wer war Gertrud Kolmar / Les mondes de Gertrud Kolmar (L´humanité) / Reinhard Döhl /
Doch auch viel direkter noch war Herder ein Kritiker des Kolonialismus: Dem 114. Humanitätsbrief, der einen Gedichtzyklus mit dem sarkastischen Titel «Neger-Idyllen» enthält, ist eine eindrucksvolle Einleitung vorangestellt: «Der Neger malt den Teufel weiss, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. ‹Warum giessest du mir Wasser auf den Kopf?›, sagte jener sterbende Sklave zum Missionar. – ‹Dass du in den Himmel kommest.› – ‹Ich mag in keinen Himmel, wo Weisse sind›, sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit!» / Luca Di Blasi, NZZ 13.12.03
NZZ bringt zum 200. Todestag Herders außerdem einen Artikel von Marion Heinz und Jochen Johannsen über Herders Humanitätsphilosophie.
Was die sprachschöpferische Energie dieser Verse an neuen, treffenden Wörtern hervortreibt, wird auch im Deutschen spürbar. Substantive können hier als Verben Gestalt gewinnen, Verben wiederum in ihrer Gegensätzlichkeit zusammengefügt werden: «lebst du? / bist du gestorben? / Sohn? / lebstirbst du noch einmal». So gelingt es Gelman immer wieder, noch den scheinbar eindeutigsten Satz über das «Land, in einer Militärmütze verschwunden», in eine poetische Offenheit zu übersetzen. «Die Dämmerung senkt sich über / das Wort, das im Sichtbaren schwebt / wie ein Mond.» Es ist dieser Zwischenzustand, in dem Juan Gelmans Verse ganz leicht werden wie ein «Vogel, der zur jetzigen / Stunde fliegt, um sie / in Vergangenheit zu verwandeln». / Nico Bleutge, NZZ 13.12.03
Juan Gelman: Spuren im Wasser / Huellas en el agua. Gedichte/Poemas. Ausgewählt, eingeführt und aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Juana und Tobias Burghardt. Teamart-Verlag, Zürich 2003. 159 S., Fr. 33.-.
Der Schriftsteller Günter Seuren, geboren 1932 in Wickrath/ Niederrhein, starb am Mittwoch in München. Seuren, der vor allem als Erzähler und Drehbuchautor bekannt wurde, debütierte 1961 mit dem Gedichtband „Winterklavier für Hunde“.
Nachrufe: SZ 13.12.03 / FR 13.12.03
In der Frankfurter Anthologie, FAZ 13.12.03, stellt Wolfgang Schneider Hölderlins Gedicht „Die Kürze“ vor.
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